Romana Exklusiv Band 340

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SCHICKSALSTAGE AUF MALLORCA von PENNY ROBERTS
Süße Unschuld oder Schwindlerin? Anwalt Fernando Estevez traut der schönen Frau nicht, die behauptet, Laura Santiago zu sein. Heimlich will er prüfen, ob sie wirklich die Vermisste ist – und lädt sie in seine Villa auf Mallorca ein. Für sieben Tage und Nächte …

ANDALUSISCHE LEIDENSCHAFT von SARAH LEIGH CHASE
Beschwingt fährt Lara im Auto durch andalusische Felder, enge Gassen – und auf das Heck eines Sportwagens. Als sie den Fahrer sieht, stockt ihr der Atem. Alejandro! Vor Jahren hat er ihr das Herz gebrochen, nun erkennt er sie nicht. Die Zeit ist reif für ihre Rache!

AUF EINER JACHT IM MITTELMEER von ELIZABETH POWER
Glänzend weiß liegt die Luxusjacht im Hafen von St. Tropez, und an Bord erfüllt sich für Shannon ein Traum: Der attraktive Kane Falconer macht ihr einen Heiratsantrag! Überglücklich erzählt sie ihrem Vater davon. Doch der weckt einen bösen Verdacht in ihr…


  • Erscheinungstag 17.09.2021
  • Bandnummer 340
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503235
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Penny Roberts, Sarah Leigh Chase, Elizabeth Power

ROMANA EXKLUSIV BAND 340

1. KAPITEL

Strahlender Sonnenschein empfing Laura, als sie aus der stickigen Flughafenhalle ins Freie trat. Sie atmete tief durch und umfasste das silberne Kreuz, das sie an einer feingliedrigen Kette um den Hals trug, solange sie zurückdenken konnte. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht: Palma de Mallorca. Sie verspürte Erleichterung, als sie sich klarmachte, dass der Stillstand der letzten Zeit nun vorüber war. Doch zugleich überkam sie auch ein Gefühl der Angst. Was würden ihr die nächsten Tage bringen? Wie würden die Menschen, die sie gar nicht kannte und die ihr dennoch so nah waren, sie empfangen?

Sie sah sich um. Überall standen Taxen, deren zumeist ältere spanische Fahrer lautstark um Fahrgäste warben; außerdem zahlreiche Reisebusse mit glücklichen Touristen, die sich darauf freuten, zu ihren Hotels gebracht zu werden. In zwei Wochen würden sie, nach einem wohlverdienten Urlaub, entspannt wieder hier ankommen, um nach Hause zu fliegen und sich schon auf die nächsten Ferien zu freuen. Wie anders erging es da doch Laura selbst – sie wusste weder, was auf sie zukam, noch, wie lange sie bleiben würde.

Und vor allem wusste sie nicht, wie es nach ihrer Reise nach Mallorca weitergehen sollte. Ihre Stelle als Erzieherin in einer Kindertagesstätte in Barcelona hatte sie vor Kurzem verloren, da die Einrichtung aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen musste.

Angesichts des schönen Wetters schien die hektische Betriebsamkeit des Flughafenalltags niemandem etwas auszumachen. Die strahlende Sonne zauberte jedem Neuankömmling ein Lächeln auf die Lippen, ganz gleich, wie gestresst er auch sein mochte nach seinem Flug. Auch bei Laura verfehlte der herrlich blaue Himmel seine Wirkung nicht. Zumindest nicht gänzlich, wenngleich ihre Sorgen weiterhin die Oberhand behielten.

Bereits vor gut einer Stunde war ihr Flieger, den sie am Vormittag von Barcelona aus genommen hatte, nach einer Flugzeit von gerade einmal fünfzig Minuten gelandet. Anschließend hatte sie ihren großen roten Trolley, der nun neben ihr stand, vom Gepäckband geholt und dann gewartet. Darauf, dass ein Mitglied der Familie Santiago sie in der Ankunftshalle abholte.

So war es abgesprochen gewesen. Doch zu Lauras Bestürzung hatte niemand nach ihr gefragt. Und jetzt blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als sich ein Taxi zu nehmen. Die Adresse der Firma der Santiagos kannte sie zum Glück.

Sie runzelte die Stirn. Früher, vor den Ereignissen, die ihr Leben von einem Augenblick zum anderen auf den Kopf gestellt hatten, war ihr der Name der reichen mallorquinischen Familie kein Begriff gewesen. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass die Santiagos, die zwar auf Mallorca ständig in der Presse Beachtung fanden, auf dem Festland bei Weitem nicht so bekannt waren. Daher hatte Laura zunächst nicht gewusst, von wem ihre Mutter sprach, als sie sie im Krankenhaus zur Rede gestellt hatte …

Laura schüttelte den Kopf. Die unliebsame Szene und die darauffolgenden Ereignisse spukten ihr jetzt schon seit Monaten ununterbrochen im Kopf herum. Wieder und wieder dachte sie über alles nach, zuletzt auf dem Flug hierher. Und was brachte es? Nichts, rein gar nichts. Im Gegenteil, je mehr sie grübelte, umso schlimmer erschien ihr die ganze Geschichte. Aus einer Frage wurden zwei, aus zwei drei. Deshalb tat sie wohl auch besser daran, ihre Aufmerksamkeit ab jetzt in eine andere Richtung zu lenken. Zum Beispiel auf die Frage, wieso die Santiagos ihre Ankündigung, sie vom Flughafen abzuholen, nicht einhielten. Hatten sie ihre Meinung womöglich geändert? Waren sie plötzlich doch nicht mehr daran interessiert, sie kennenzulernen? Nein, der bloße Gedanke erschien ihr absurd. Immerhin ging es nicht um eine x-beliebige Verabredung, sondern um das Wiedersehen mit einem Familienmitglied, das vor fünfundzwanzig Jahren aus ihrem Leben verschwunden war.

Ein Familienmitglied, nach dem sie offenbar lange gesucht hatten.

Ihre Tochter …

Laura wurde aus ihren Gedanken gerissen, als eine hochgewachsene Gestalt vor sie hintrat. Ihr stockte der Atem. Kein Wunder, sah sie sich doch dem mit Abstand attraktivsten Mann gegenüber, dem sie je begegnet war. Er stand einfach da, ohne etwas zu sagen oder zu tun, und trotzdem spielten ihre Gefühle bei seinem Anblick verrückt – so sehr, dass sie Mühe hatte, sich zu sammeln. Der Mund wurde ihr trocken, das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie spürte, wie sich ihr Atem beschleunigte, während sie den Fremden anstarrte, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen.

Seine Gesichtszüge wirkten wie aus Marmor gemeißelt. Seine Haut war tief gebräunt, das Haar schwarz und lockig. Doch am auffälligsten an ihm waren die ungewöhnlich hellen, türkisblauen Augen, mit denen er sie ziemlich herablassend, ja beinahe verärgert musterte.

Laura runzelte die Stirn. Herablassend? Verärgert? Sie musste sich täuschen. Was konnte dieser Mann schon für einen Grund haben, sauer auf sie zu sein?

Hola, sind Sie Señorita Ortega?“, fragte er auf Spanisch.

Im ersten Moment fühlte sie sich wie vor den Kopf geschlagen. Woher kannte der attraktive Unbekannte ihren Namen? Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Natürlich, er musste einer der Santiago-Brüder sein.

Einer meiner Brüder, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie wusste, dass Gabriela und Miguel Santiago – ihre Eltern – drei Söhne hatten. Alejandro, Javier und Luís. Einer von ihnen war offenbar gekommen, um sie vom Flughafen abzuholen.

Unwillkürlich schämte sie sich für die Gefühle, die sein Anblick in ihr ausgelöst hatte, und sie wandte den Blick ab. Dieser Mann war immerhin ihr Bruder!

Sie atmete tief durch. „Ja, die bin ich“, erwiderte sie leise. „Ich …“

„Mein Name ist Fernando Estevez“, fiel der Spanier ihr ins Wort. „In meiner Eigenschaft als Rechtsbeistand der Familie Santiago wurde ich beauftragt, Sie vom Flughafen abzuholen.“ Seine Augen verengten sich. „Dürfte ich wohl erfahren, was Sie hier draußen am Taxistand zu suchen haben?“

„Ich verstehe nicht …“ Für einen Moment verschlug seine Eröffnung Laura die Sprache. Der Mann sollte Jurist sein? Nicht zu fassen! Groß, mit dunklem Teint und im anthrazitfarbenen Maßanzug wirkte er wie ein Modedesigner, aber nicht wie ein Anwalt.

Anwalt! Allein bei dem Wort schüttelte es sie. Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen die Mitglieder dieses Berufsstandes, hielt sie alle für Blutsauger und konnte sie nicht ausstehen. Das hatte seine Gründe. Dass der unverschämt attraktive Señor Estevez einer von ihnen sein sollte, erschütterte sie. Noch mehr jedoch erschütterte sie ihre grenzenlose Erleichterung darüber, dass sie es nicht mit einem der Santiago-Brüder – also einem ihrer Brüder – zu tun hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Was war bloß mit ihr los? Sie reagierte doch sonst nicht so intensiv auf den Anblick eines gut aussehenden Mannes.

Was wahrscheinlich daran liegt, dass mir ein so gut aussehender Mann noch nie begegnet ist …

„Sie sollten in der Ankunftshalle warten, nicht hier draußen. Können Sie sich vorstellen, wo ich Sie überall gesucht habe?“

Beim tadelnden Klang seiner Stimme zuckte Laura unwillkürlich zusammen. Verlegen senkte sie den Blick und wollte schon eine Entschuldigung stammeln, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie sich damit keinen Gefallen tun würde. Also reckte sie das Kinn und sah den Anwalt herausfordernd an. „Ich habe in der Ankunftshalle gewartet, und zwar ziemlich lange. Wer nicht kam, waren Sie!“

In seinen hellen Augen blitzte es zornig auf. „Ich habe mich etwas verspätet, . Aber das ist noch lange kein Grund, einfach wegzugehen!“

„Ach, hätte ich warten sollen, bis ich Wurzeln schlage? Und was, wenn überhaupt niemand gekommen wäre?“

„Wie Sie sehen, bin ich da. Und um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, schlage ich vor, dass wir uns umgehend auf den Weg machen.“

Ohne ihr das Gepäck abzunehmen oder sich davon zu überzeugen, dass sie ihm folgte, ging er zügigen Schrittes zu einem Parkhaus neben dem Flughafengebäude voraus. Laura runzelte die Stirn, während sie ihm, den Trolley hinter sich her ziehend, folgte. Wie ungehobelt der Kerl war! Glaubte er, sich alles erlauben zu können, bloß weil er gut aussah? Oder bildete er sich so viel auf seinen Beruf ein? Könnte schon hinkommen, überlegte sie. Anwälte sind so. Überheblich, eitel und selbstgerecht. Fernando Estevez’ Auftreten stellte im Grunde keine Überraschung dar.

Sie erreichten den Kurzzeitparkplatz, auf dem ein sündhaft teures silberfarbenes Cabriolet stand. Nun nahm der Anwalt Laura den Trolley doch noch ab und verstaute ihn im winzigen Kofferraum des Sportwagens. Anschließend öffnete er ihr die Beifahrertür.

Laura nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis. Wenigstens schien er mit ein paar grundlegenden Regeln höflichen Verhaltens, wie es ein Mann einer Frau gegenüber an den Tag legen sollte, vertraut zu sein.

Sie stieg ein, lehnte sich in dem bequemen Ledersitz zurück und versuchte, sich ein wenig zu entspannen. Vergeblich, wie sie rasch feststellen musste. Die Aufregung, die schon die ganze Zeit ihren Puls beschleunigte, ließ sich nicht zurückdrängen. Aber war das ein Wunder? Immerhin befand sie sich auf dem Weg zu den Menschen, die bis zu ihrem sechsten Lebensjahr ihre Familie gewesen waren.

Wie immer, wenn sie an ihre Eltern dachte, versuchte sie sich an so viele Dinge wie möglich zu erinnern. Aber damals war sie ein Kind gewesen, und entsprechend verschwommen waren ihre Erinnerungen. Das verhielt sich bei den meisten Menschen so, doch bei ihr kam erschwerend hinzu, dass sie sich bis vor Kurzem überhaupt nicht an die ersten Jahre ihres Lebens hatte erinnern können …

Laura kniff die Augen zusammen, als grelles Sonnenlicht sie plötzlich blendete. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Fernando losgefahren war. Nun lenkte er seinen Wagen aus dem Parkhaus und gab Gas. Sie fuhren die von Palmen gesäumte Straße entlang, neben der sich in einiger Entfernung das tiefblau schimmernde Mittelmeer erstreckte. Fernando schaltete einen Gang höher, und unwillkürlich umklammerte Laura den Haltegriff der Beifahrertür – krampfhaft bemüht, die Panik zurückzudrängen, die jedes Mal in ihr aufstieg, wenn sie sich in einem schnell fahrenden Auto befand.

Jedes Mal, seit dem schrecklichen Ereignis vor vier Monaten …

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Fernandos Frage riss sie aus ihren Gedanken. Er sah sie von der Seite an und schmunzelte. „Sie sind ja ganz blass um die Nase. Haben Sie etwa Angst?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte sie pikiert, doch der zittrige Klang ihrer Stimme strafte ihre Worte Lügen. Natürlich habe ich Angst! hätte die Antwort eigentlich lauten müssen. Und wenn Sie erlebt hätten, was ich erlebt habe, würde es Ihnen ebenso ergehen! Aber Laura hütete sich, die Worte laut auszusprechen. Erstens, um sich vor dem arroganten Anwalt keine Blöße zu geben, und zweitens, weil er sich ohnehin keine Vorstellung von dem machen konnte, was ihr widerfahren war.

Er erwiderte nichts und richtete seinen Blick konzentriert auf die Straße. Laura versuchte, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Sie durfte nicht zulassen, dass die Panik ihr ganzes Handeln bestimmte, selbst wenn ihre angstvolle Reaktion vollkommen nachvollziehbar war.

Es lag erst vier Monate zurück, seit sie einen schweren Autounfall nahezu unverletzt überstanden hatte. Ihre Eltern, oder besser gesagt, die beiden Menschen, die sie bis dahin für ihre Eltern gehalten hatte, waren nicht so glimpflich davongekommen. Wahrscheinlich geschah es nicht oft, dass jemand, der wie sie einen Unfall überlebt hatte, schon nach so kurzer Zeit wieder in ein Auto steigen konnte. Manch einer schaffte es nie, seine Ängste zu überwinden, doch sie hatte es getan.

Ein Hupen erklang, und sie schreckte aus ihren Gedanken auf. Als sie den Kopf hob, erblickte sie einen Pkw, der ihnen auf der falschen Spur entgegenkam.

Sie atmete scharf ein, wollte eine Warnung rufen, wollte schreien, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Im selben Moment riss Fernando das Lenkrad zur Seite und bremste scharf.

Die Augen weit aufgerissen, klammerte Laura sich mit beiden Händen an den Haltegriff der Beifahrertür. Im Geiste spulte sich wieder und wieder die verhängnisvolle Szene von vor vier Monaten ab. Wie in einem Film sah sie das entsetzte Gesicht ihres Vaters, den Abgrund, auf den sie mit rasender Geschwindigkeit zuschossen …

Voller Entsetzen starrte sie Fernando an. „Wollen Sie uns umbringen?“

Fernandos erster Impuls war es, seiner Wut nachzugeben und diese unverschämte Frau einfach aus seinem Wagen zu werfen. Und zwar augenblicklich – hier, mitten auf der Straße! Was bildete sie sich eigentlich ein? Statt ihm dankbar zu sein, dass er in einer brenzligen Situation kühlen Kopf bewahrt und dafür gesorgt hatte, dass sie beide mit heiler Haut davongekommen waren, machte sie ihm Vorwürfe. Dabei war er ebenso erschrocken gewesen wie sie, als er den anderen Wagen plötzlich vor der Kurve gesehen hatte – viel zu weit auf der falschen Spur und um einiges zu schnell!

Er hatte sofort reagiert, war vom Gas gegangen und hatte das Kunststück vollbracht, im letzten Moment auszuweichen. Während der andere Fahrer einfach weitergerast war, hatte Fernando auf dem Seitenstreifen angehalten, um sich zu sammeln – und um sich zu vergewissern, dass mit seiner Begleiterin alles in Ordnung war.

Damit, dass sie ihm Vorwürfe machen würde, hatte er nicht gerechnet.

Andererseits – was erwartete er? Er kannte die Frau nicht. Und wenn seine Vermutungen zutrafen, war sie eine skrupellose Schwindlerin.

Als hätte ich nichts Wichtigeres zu tun, als für sie den Babysitter zu spielen!

Doch als er sie daraufhin musterte, erkannte er, dass er vorschnell geurteilt hatte. In Laura Ortegas Zügen stand Angst. Ja, sie hatte Angst. Große Angst sogar. Das panische Flackern in ihren Augen und das leichte Zittern ihrer Lippen waren dafür Beweis genug, auch wenn beides ihrer Schönheit keinerlei Abbruch tat. Sie war eine der attraktivsten Frauen, denen er je begegnet war. Das dunkle Haar, das ihr fein geschnittenes Gesicht umrahmte, die tiefgründigen braunen Augen …

Plötzlich dämmerte es ihm. Aber natürlich! Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Kein Wunder, dass sie Angst hatte – wenn man bedachte, dass sie den schweren Autounfall vor vier Monaten, bei dem ihr Vater ums Leben gekommen und ihre Mutter schwer verletzt worden war, nur knapp überlebt hatte …

Fernando atmete tief durch. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt und Laura beruhigend übers Haar gestrichen. „Hören Sie“, sagte er stattdessen, und der sanfte Klang seiner Stimme kam ihm seltsam fremd vor, „es tut mir leid.“

Sie blinzelte. „Was tut Ihnen leid?“ Ihr Ton klang angriffslustig. „Dass Sie uns um ein Haar umgebracht haben? Wären Sie langsamer gefahren, hätte es gar nicht dazu kommen können!“

Das sah er anders, aber angesichts ihrer augenblicklichen Verfassung verzichtete Fernando darauf, sich zu verteidigen. Dann kam ihm erneut in den Sinn, dass er es mit einer Hochstaplerin zu tun haben könnte, und er kniff die Augen zusammen. Sicher, Lauras Namen und einen Teil ihres Werdegangs kannte er. Auch daran, dass sie einen furchtbaren Unfall überlebt hatte, bestand kein Zweifel, denn diesen Zeitraum ihrer Lebensgeschichte hatte er persönlich überprüft.

Was er jedoch nicht einschätzen konnte, waren ihre Absichten. Und darum musste er aufpassen. Darum war Mitgefühl fehl am Platze.

So die Theorie. Die Praxis sah anders aus. Denn Laura Ortega brachte eine Saite in ihm zum Klingen. In ihrer Gegenwart geriet etwas, von dem er selbst bislang nichts geahnt hatte und das er sich nicht erklären konnte, in Schwingung.

„Wie ich schon sagte“, erwiderte er geduldig. „Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass Sie nach allem, was Sie erlebt haben, in diese Situation kommen mussten. Was meinen Sie, können wir weiterfahren? Ich verspreche Ihnen, noch mehr achtzugeben. Haben Sie keine Angst, ich bringe Sie sicher ans Ziel.“

Nach kurzem Zögern nickte sie. „Natürlich, ich …“ Sie runzelte die Stirn. „Moment mal, Sie wissen von meinem Unfall? Woher …?“

Im ersten Moment fühlte Fernando sich ertappt. Doch dann wurde ihm klar, wie unsinnig ihre Frage war. Konnte sie sich nicht denken, dass die Santiagos ihren Rechtsbeistand in alles eingeweiht hatten?

Dass du die Geschichte haarklein überprüft hast, muss sie ja nicht erfahren …

Er gab sich gelassen. „Meine Mandanten haben mich natürlich über alles ins Bild gesetzt.“ Das kurze Aufblitzen in ihren braunen Augen verriet ihm, dass sie verärgert war.

„Selbstverständlich“, sagte sie knapp. „Daran hatte ich nicht gedacht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid. Können wir dann weiterfahren?“

Sie nötigte ihm Bewunderung ab. Nach dem schweren Unfall, bei dem sie nur knapp mit dem Leben davongekommen war, und der brenzligen Situation von vorhin weiterfahren zu wollen – das zeugte von Mut. Unwillkürlich fragte Fernando sich, wie viele Menschen er kannte, die nach einem Trauma, wie Laura es erlebt hatte, überhaupt je wieder in ein Auto gestiegen wären. Zwar wusste er es nicht sicher, doch er glaubte, dass die Zahl nicht besonders hoch ausgefallen wäre.

„Sí“, erwiderte er, bemüht, sich nichts von seinen Gedankengängen anmerken zu lassen, und lenkte das Cabrio auf die Straße.

Laura sah aus dem Autofenster. Draußen zog die mallorquinische Landschaft vorbei, und sie hatte das Gefühl, in einen jener Fernsehfilme geraten zu sein, in denen eine kitschige Liebesgeschichte an einem romantischen Handlungsort abgehandelt wurde. Für gewöhnlich sah sie sich solche Streifen nicht an, aber ab und zu zappte sie doch mal in einen hinein – und blieb dann regelmäßig bei den wunderschönen Landschaftsbildern hängen.

Doch was sie im Augenblick erlebte, war kein Film. Sie befand sie sich tatsächlich auf der zauberhaften Insel Mallorca mit ihren vielen Palmen und Zypressen und den traumhaften Buchten, die tief in die Sandsteinklippen hineingeschnitten waren. Laura sog die Eindrücke in sich auf und war so gebannt, dass sie ihre Sorgen und Probleme völlig vergaß. Aber nur für einige Momente, denn bald schon musste sie wieder daran denken, was kurz zuvor passiert war, und sie schämte sich.

Ihr war klar, dass Fernando keinerlei Schuld an dem Beinahe-Zusammenstoß trug. Im Gegenteil, durch sein ruhiges und besonnenes Handeln hatte er Schlimmeres verhindert. Dieser andere Wagen war schließlich viel zu weit auf der falschen Fahrbahn gefahren!

Immerhin hatte sie sich, wenn auch nur knapp, bei ihm entschuldigt. Damit sollte die Sache erledigt sein. Jetzt war sie einfach nur froh, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis sie ihr Ziel erreichten und sie Fernandos irritierender Nähe entkam. Es bereitete ihr Unbehagen, dass er so viel über sie wusste. Wie hätte sie auch damit rechnen sollen, dass er über ihren Unfall informiert war? Und selbst wenn sie es im Nachhinein nachvollziehbar fand – aber aus irgendeinem Grund gefiel es ihr nicht, dass er von dem schrecklichsten Moment ihres Lebens erfahren hatte.

Und weshalb? Hast du Angst, ihm gegenüber Schwäche zu zeigen? Ist es das?

Unsinn, beantwortete sie ihre Fragen selbst. Ihr konnte es schließlich vollkommen egal sein, was er von ihr dachte. Dieser Mann war Anwalt, und sie konnte Anwälte nicht ausstehen. Zudem schien Fernando Estevez ein besonders unfreundliches und zugeknöpftes Exemplar seiner Gattung.

Ach ja? Und warum hast du dich, als er anhielt, so danach gesehnt, dass er die Hand ausstreckt und dich berührt?

Laura zuckte kaum merklich zusammen. Es stimmte, sie hatte gehofft, er würde ihr näherkommen. Ihr seine Hand auf den Arm legen oder ihr übers Haar streichen. Aber doch nur, weil sie so furchtbar geschockt und nicht Herrin ihrer Sinne gewesen war! Der Beinahe-Unfall hatte sie in Panik versetzt, und alles, was sie gebraucht hatte, war jemand, der sie beruhigte.

Sie nickte. Genau so war es gewesen. So und nicht anders. Und deshalb gab es auch nichts, worüber sie sich in Bezug auf Fernando Gedanken machen musste.

Zumal sie ihn ohnehin nicht mehr wiedersehen würde. Zumindest nicht allein, sondern höchstens in Gegenwart der Santiago-Familie.

Ihrer Familie.

„Wir sind da.“ Fernandos Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Laura blickte auf, und was sie sah, raubte ihr schier den Atem.

Vor ihr eröffnete sich der Blick auf eine Villa, die sich blendend weiß gegen den kobaltblauen mallorquinischen Sommerhimmel abhob. In den Scheiben der großzügigen Fensterfronten spiegelte sich das Sonnenlicht, und durch die ausladenden Kronen der hohen Korkeichen konnte man das leuchtende Türkis des Mittelmeers erkennen.

Fernando bog in die mit Kies bestreute Einfahrt ein, und unwillkürlich umfasste Laura ihren silbernen Anhänger. Gleich war es so weit. Nun würde sie endlich die Menschen kennenlernen, an die sie zwar kaum eine Erinnerung hatte, die aber dennoch in den letzten Tagen zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden waren.

„Hier wohnen sie also“, wisperte sie andächtig. „Die Santiagos …“

Fernando stoppte den Wagen vor der breiten Vortreppe und sah sie an. „Es tut mir leid, aber da scheint ein Irrtum vorzuliegen.“ Der Klang seiner Stimme irritierte Laura. Schwang darin nicht eine Mischung aus Arroganz und Schadenfreude mit?

Sie runzelte die Stirn. „Wie meinen Sie das?“

Er hob die Schultern. „Hier wohnen nicht die Santiagos, sondern ich.“

2. KAPITEL

Laura fühlte sich wie betäubt. „Sie wohnen hier? Aber wollten wir denn nicht zu meiner Familie fahren? Ich verstehe nicht …“

„Nun, wir sind ein wenig früh dran. Ihre Eltern und Ihre Brüder haben noch zu tun, daher werden wir erst in etwa zwei Stunden jemanden antreffen. Und sicher möchten Sie sich doch vor der Begegnung ein wenig frisch machen, nicht wahr?“

Verunsichert musterte Laura ihn. Sie fühlte sich verschwitzt, und die Bluse klebte ihr unangenehm auf der Haut. Insofern hatte Fernando recht. Andererseits konnte sie es kaum erwarten, ihrer Familie endlich gegenüberzutreten, und mit jeder Minute, die verstrich, wuchs ihre Nervosität. Und da sollte es noch zwei Stunden dauern? Die Aussicht behagte ihr ganz und gar nicht.

„Also, was ist?“, riss Fernandos Frage sie aus ihren Gedanken. „Können wir? Oder machen Sie sie sich etwa Sorgen, dass die Ausstattung meines Hauses Ihren Ansprüchen nicht genügt?“

Hastig schüttelte Laura den Kopf. „Nein, wie kommen Sie denn darauf“, entgegnete sie mit einem schüchternen Lächeln. „Meine Eltern … ich meine die Ortegas, die ich jahrelang für meine Eltern gehalten habe, waren zwar nicht arm, aber ein Haus wie Ihres habe ich noch nie betreten.“

Ihr Geständnis entlockte ihm ein Lächeln. „Dann sollten Sie sich darauf einstellen, dass sowohl der Wohnsitz Ihrer Tante Maria Velásquez als auch die Villa Ihrer Familie alles in den Schatten stellen, was Sie in Ihrem Leben gesehen haben.“

Laura schluckte. Kurz blitzten Bilder von scheinbar endlosen Korridoren und riesigen Zimmern vor ihrem geistigen Auge auf – doch das waren die Erinnerungen eines sechsjährigen Mädchens, dem sich die Welt schon allein wegen seiner Körpergröße aus einem ganz anderen Blickwinkel eröffnet hatte.

Sie beschwor sich, unvoreingenommen zu bleiben und die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen – was wesentlich leichter gesagt war als getan.

„Das ist alles schrecklich aufregend für mich“, sprudelte sie hervor. „Und irgendwie auch beängstigend.“

Fernando hob eine Braue. „Beängstigend? Warum das?“

„Nun ja, ich meine …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Was, wenn ich den Erwartungen meiner Familie nicht gerecht werde?“ Was, wenn sie mich sehen und zu dem Schluss kommen, dass ich nicht wirklich eine von ihnen bin? Dass ich nicht dazugehöre?

Seine Miene verfinsterte sich. „Seien Sie unbesorgt“, erwiderte er knapp. „Wenn Sie die sind, die Sie behaupten zu sein, wird man Sie mit offenen Armen empfangen. Andernfalls …“

Er brauchte den Gedanken nicht weiter auszuführen, Laura verstand ihn auch so. „Ich bin die, die ich behaupte zu sein!“, sagte sie mit Nachdruck. Sie ärgerte sich, dass er andeutete, sie könnte eine Betrügerin sein. Was bildete der Mann sich überhaupt ein?

„Eigentlich würde ich lieber gleich zu meinen Eltern fahren.“ Als sie die Worte aussprach, achtete sie darauf, möglichst energisch zu klingen – ein Versuch, der kläglich misslang. Wie so oft in ihrem Leben, trat sie auch diesmal zu schüchtern auf.

Für einen Moment schien Fernando überrumpelt, hatte sich aber sogleich wieder im Griff. „Ich bedaure, aber die Familie Santiago ist derzeit indisponiert“, erklärte er steif. „Doch ich kann Ihnen versichern, dass die Zeit auf meinem Anwesen für Sie wie im Fluge vergehen wird.“

Ohne ihre Entgegnung abzuwarten, stieg er aus, kam um das Auto herum und öffnete ihr die Tür. „Folgen Sie mir bitte – Juana, meine Haushälterin, hat bereits ein Zimmer für Sie vorbereitet, damit Sie sich umziehen und frisch machen können.“

Unwillig fügte Laura sich in ihr Schicksal. Was blieb ihr auch anderes übrig? Natürlich konnte sie wie ein bockiges Kind im Wagen sitzen bleiben. Aber wem würde das nützen?

Das Haus war von innen ebenso eindrucksvoll wie von außen. Als sie die Eingangshalle betraten, nahm Laura erleichtert zur Kenntnis, dass es merklich kühler wurde. Der Boden war mit zart geädertem weißen Marmor ausgelegt, und an der Decke schwebte ein riesiger Kronleuchter, in dessen Kristallen sich blitzend das Sonnenlicht brach.

Sie wurden von einer freundlich lächelnden Mallorquinerin – Laura schätzte sie auf Mitte bis Ende fünfzig – in Empfang genommen.

„Juana wird sich um Sie kümmern“, erklärte Fernando und nickte seiner Haushälterin zu, ehe er sich abwandte und ohne ein weiteres Wort davonging.

Erstaunt blickte Laura ihm nach. Dass er sie einfach zurückließ, verblüffte sie.

„Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Señorita.“ Juana schenkte Laura ein warmes Lächeln. „Señor Estevez wirkt oft etwas mürrisch, aber im Grunde ist er ein feiner Mann. Das werden Sie auch feststellen, wenn Sie ihn erst etwas besser kennen.“

Nun, dazu würde es wohl nicht kommen. Zum Glück, dachte Laura und schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie verspürte keinerlei Verlangen, Fernando näher kennenzulernen. Und sie hoffte, dass es auch nicht nötig sein würde. Schließlich ging es ihr lediglich darum, ihre Familie zu treffen.

Aber machte sie sich da nicht etwas vor? Wünschte sie sich nicht insgeheim sogar, Zeit mit Fernando zu verbringen? Jedenfalls hatte er etwas an sich, das sie fesselte. Aber was? Waren es seine ungewöhnlichen türkisblauen Augen? Oder das lockige schwarze Haar?

Nichts von all dem natürlich! wies sie sich selbst zurecht. Fernando Estevez faszinierte sie nicht, wie sollte er auch? Er war unhöflich, arrogant, und nicht zuletzt verdiente er sein Geld, indem er andere Menschen ausbeutete, sie mit Halbwahrheiten fütterte und ihnen das Geld aus der Tasche zog. Da gab es nichts, rein gar nichts, was sie an ihm anziehend finden konnte!

Und warum gefällt es dir dann nicht, dass er dich mit seiner Hausangestellten allein lässt?

Juana führte sie die Treppe hinauf und einen langen, ebenfalls mit Marmor ausgelegten Korridor entlang. Als Laura in den Raum trat, dessen Tür die Haushälterin für sie öffnete, musste sie die Augen zusammenkneifen angesichts des hellen Sonnenlichts, das durch die deckenhohen Fenster hereinflutete. Ein weicher, hochfloriger Teppich verschluckte das Geräusch ihrer Schritte. Sie hatte das Gefühl, regelrecht darin einzusinken.

„Du meine Güte!“ Vor Staunen stockte ihr der Atem. „Das ist ja eine regelrechte Wellness-Oase!“

Die Wände aus hellem Naturstein bildeten einen hübschen Kontrast zu dem Boden aus dunkel schimmerndem Nussbaumparkett. Eine lederbezogene Couchgarnitur dominierte den Raum, dazu gab es einen Massagesessel und ein Kingsize-Bett.

Laura warf einen Blick in das angrenzende Badezimmer und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dort warteten eine überdimensionierte Badewanne mit Whirlpool und jeder sonstige nur denkbare Luxus auf sie.

„Badetücher und alles Übrige finden Sie im Schrank“, erklärte Juana. „Und jetzt lasse ich Sie allein, damit Sie sich in Ruhe frisch machen können. Ein Angestellter bringt Ihnen Ihr Gepäck aufs Zimmer.“

Laura zögerte. „Ich weiß nicht, vielleicht sollte ich lieber warten, falls Señor Estevez doch früher aufbrechen möchte.“

Juana winkte ab. „Da würde ich mir an Ihrer Stelle keine Gedanken machen. Der Patrón ist zu einem Termin mit einem Mandanten gefahren. Bis zum frühen Abend haben Sie Zeit, sich in aller Ruhe zu verwöhnen.“ Sie zwinkerte Laura zu. „Und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß.“

„Warten Sie!“, hielt Laura die Haushälterin auf, als sie gerade den Raum verlassen wollte. Ihr war etwas eingefallen, das ihr auf der Seele brannte.

„Was kann ich für Sie tun, Señorita?“

Laura lächelte nervös. Sie wusste nicht recht, wie sie anfangen sollte. Musste es nicht befremdlich auf die freundliche Mallorquinerin wirken, wenn ein Gast, der gerade angekommen war, sie über ihren Arbeitgeber auszufragen begann? „Nun ja“, sagte sie zögerlich, „ich hätte da eine Frage …“

„Sí?“

„Sehen Sie, ich weiß nicht viel über Señor Estevez. Nur dass er als Anwalt für die Familie Santiago tätig ist. Aber … also, mich wundert, wie weit sein Engagement für seine Mandanten geht … so weit, dass er mich sogar in sein eigenes Haus einlädt.“

„Aber nein!“, entgegnete Juana und schüttelte den Kopf. „Der Patrón ist weit mehr als nur der Familienanwalt! Für Señora Velásquez ist er fast so etwas wie der Sohn, den sie nie gehabt hat.“

„Tatsächlich?“ Laura horchte auf. Maria Velásquez war, so viel wusste sie, die verwitwete – und sehr reiche – Schwester von Miguel Santiago und somit ihre Tante.

Juana nickte eifrig. „, sie hat ihn bei sich aufgenommen, als seine leiblichen Eltern ihn im Stich ließen, und ihm sogar sein Studium ermöglicht. Ohne sie wäre er nicht das, was er heute ist. Señora Velásquez ist eine sehr großzügige Frau.“

So war das also. Nachdenklich runzelte Laura die Stirn.

Sie wartete, bis Juana gegangen und das Gepäck gebracht worden war, dann ging sie ins Badezimmer und ließ Wasser in die riesige Wanne ein. Es konnte wirklich nicht schaden, wenn sie ein heißes Bad nahm, um sich von den Strapazen der Reise zu erholen. Schließlich wollte sie einen entspannten Eindruck machen, wenn sie ihren Eltern gegenübertrat.

Sie legte sich einen Bademantel und ein flauschiges Handtuch zurecht und zog sich aus. Einen Moment später glitt sie ins Wasser. Die Wärme tat unendlich gut, und schon nach wenigen Augenblicken spürte Laura, wie sich ihre Muskeln zu lockern begannen. Wohlig seufzend schloss sie die Augen. Was mochte wohl als Nächstes passieren?

Nun, sie würde es sicher schon bald herausfinden.

Schwarze Acht, linke obere Ecke.

Das Queue in der Hand, blickte Fernando nachdenklich auf den Billardtisch. Es war kein schwieriger Stoß, zumindest nicht für einen geübten Spieler wie ihn. Eigentlich bedurfte es keiner allzu großen Konzentration, die Kugel zu versenken. Ein Klacks, sozusagen. So etwas erledigte er, während er sich in Gedanken auf wichtige Gerichtstermine vorbereitete oder Strategien für eine Verteidigung entwickelte.

Normalerweise.

Heute jedoch war alles anders. Und zwar wegen ihr.

Laura Ortega.

Oder Laura Santiago, wie sie am liebsten bald heißen wollte …

Fernando kniff die Augen zusammen und beugte sich über den Billardtisch. Während er das hintere Ende des Queue mit der rechten Hand umfasste und die Spitze auf seinem linken Daumen balancierte, nahm er die weiße Kugel ins Visier.

Sorgsam dosiert versetzte er ihr einen Stoß, der sie über den Tisch rollen ließ. Sie traf die schwarze Acht in genau dem Winkel, den er zuvor berechnet hatte, jedoch mit weitaus mehr Drall als beabsichtigt.

Anstatt geradewegs in das linke obere Loch zu rollen, prallte sie gegen die Bande und kullerte dann quer über den Tisch.

„Concho!“ Wütend warf Fernando das Queue auf den Billardtisch und trat ans offene Fenster. Die Büroräume seiner Kanzlei lagen zum Meer hin, und während er seinen Blick über die im strahlenden Sonnenlicht glitzernde Bucht von Palma schweifen ließ, wanderten seine Gedanken erneut zu Laura. Er glaubte einfach nicht, dass sie die war, die sie zu sein behauptete. Doch Maria erwartete, dass er dem Auftrag, den sie ihm erteilt hatte, nachkam und die angebliche verlorene Tochter zu den Santiagos brachte.

Es gefiel Fernando ganz und gar nicht, dass jemand solche Macht über ihn besaß. Natürlich bedeutete Maria ihm viel, er verehrte sie regelrecht. Sie hatte ihm eine Chance gegeben, und das in einer Situation, als niemand sonst auch nur auf die Idee gekommen war, an ihn zu glauben. Ohne ihre Hilfe hätte sein Leben einen völlig anderen Verlauf genommen. Mit einem Vater im Gefängnis und einer Alkoholikerin als Mutter wäre er mit ziemlicher Sicherheit auf die schiefe Bahn geraten. Dass er heute ein angesehener Mann war, verdankte er allein ihr, Maria Velásquez. Die reiche Witwe, der wegen des frühen Todes ihres Mannes keine eigenen Kinder vergönnt gewesen waren, hatte ihn aufgenommen und wie einen eigenen Sohn behandelt. Ohne sie wäre er nicht in der Lage gewesen, sein Jurastudium zu finanzieren. Er wusste, dass er allen Grund hatte, ihr dankbar zu sein.

Aber bedeutete das auch, dass er es sich gefallen lassen musste, wenn sie ihm ständig in die Belange seiner Kanzlei hineinredete? Er war nicht dieser Ansicht, und das hatte er Maria auch klipp und klar gesagt. Mit dem Ergebnis, dass sie ihm ebenso offen mitgeteilt hatte, was sie von ihm erwartete: dass er exklusiv die Interessen von Marias Firma und die ihrer Familie vertrat.

Doch Fernando dachte gar nicht daran, sich in dieser Weise gängeln zu lassen. Er liebte Maria wie eine Mutter, aber sie musste lernen, dass er schon lange nicht mehr der dumme Junge war, der sich alles sagen ließ. Und davon abgesehen war ihm diese ganze Geschichte mit der verlorenen Tochter, die plötzlich wieder auftauchte, von Anfang an suspekt gewesen.

Mehrfach hatte er versucht, Maria und ebenso die Santiagos zur Vorsicht zu mahnen, ihnen nahegelegt, nicht allzu vertrauensselig zu sein, doch er war auf taube Ohren gestoßen. Und nun, nachdem er Laura kennengelernt hatte, war sein Unbehagen sogar noch gestiegen. Allerdings – hätte ihn jemand gefragt, weswegen, wäre er nicht in der Lage gewesen, einen genauen Grund zu benennen. Sein Gefühl sagte ihm ganz einfach, dass man der Frau nicht trauen konnte. Vorsicht schien ihm geboten, und deshalb war er mit Laura auch nicht auf direktem Weg zu den Santiagos gefahren, sondern hatte sie zunächst in sein Haus gebracht.

Anschließend war er zu seiner Kanzlei gefahren – jedoch nicht um zu arbeiten, sondern damit er in Ruhe nachdenken konnte. Etwas, das in Lauras Gegenwart unmöglich war.

Nicht einmal mehr auf seine Konzentrationsfähigkeit beim Billardspielen schien Verlass. Und schuld daran war nur sie. Ach was, korrigierte er sich im nächsten Moment ärgerlich. Rede dir doch nicht ein, dass deine Probleme allein mit deinem Unbehagen ihr gegenüber zusammenhängen.

Nein, es gab noch etwas anderes, das zwar auch mit Laura zu tun hatte, aber eher mit ihrer Attraktivität und nicht mit den Absichten, die sie verfolgte.

Noch nie zuvor war ihm eine Frau begegnet, zu der er sich auf Anhieb so hingezogen gefühlt hatte. Laura Ortega war hinreißend schön, und ihre Ausstrahlung zog ihn völlig in ihren Bann.

Er schüttelte den Kopf. Was für einen gedanklichen Unsinn verzapfte er denn da? Gut, er reagierte auf ihr hübsches Äußeres, doch mehr war da nicht. Wie auch? Immerhin kannte er die Frau erst seit heute.

Und warum hat es dir dann fast das Herz gebrochen, als sie nach dem Beinahe-Zusammenstoß mit dem anderen Wagen völlig verängstigt auf dem Beifahrersitz saß?

Fernando beschloss, dass es nichts brachte, sich weiter den Kopf zu zerbrechen, und wandte sich vom Fenster ab. Viel dringender musste er klären, wie er nun vorgehen sollte. Schließlich erwarteten die Santiagos Laura und ihn!

Wie aufs Stichwort erklang der Klingelton seines Handys. Seufzend fischte Fernando das Gerät aus der Tasche. Ein flüchtiger Blick aufs Display verriet ihm, wer der Anrufer war.

Maria …

Er atmete tief durch, ehe er das Gespräch annahm.

„Hast du sie vom Flughafen abgeholt?“, fragte Gabriela Santiagos Schwester ohne Umschweife.

Fernando zögerte kurz, ehe er antwortete. „Sí.“

„Und warum um alles in der Welt seid ihr dann noch nicht hier?“ Die Missbilligung war ihrer Stimme deutlich anzuhören. „Die ganze Familie ist versammelt, das weißt du doch. Wir warten auf euch.“

„Ich weiß.“ Fernando verlieh seiner Stimme einen betont neutralen Klang; so, wie wenn er mit Mandanten sprach, wenn er ihnen einerseits Verständnis signalisieren wollte, gleichzeitig aber um Distanz bemüht war. „Allerdings werdet ihr euch wohl oder übel noch eine Weile gedulden müssen, ehe ihr mit Señorita Ortega sprechen könnt.“ Geduld war für Maria ein Fremdwort, niemand wusste das besser als er. Entsprechend irritiert reagierte sie nun.

„Wie meinst du das?“, fragte sie gefährlich ruhig. Fernando konnte sich genau vorstellen, wie sie aussah, wenn sie diesen Ton anschlug. „Was soll das heißen, wir müssen uns gedulden?“

„Nun, Señorita Ortega ist ziemlich aufgelöst. Die Umstände, unter denen sie erfahren hat, dass ihr bisheriges Leben auf einer Lüge aufgebaut ist, waren schlimm. Sie kam nach Mallorca, weil sie glaubte, sie könne es schaffen, die Santiagos zu treffen, doch im Augenblick ist sie damit überfordert.“ Fernando holte tief Luft. „Daher erbittet sie sich eine Woche Zeit, um sich endgültig über ihre Gefühle klar zu werden. Solange wird sie bei mir wohnen.“

„Eine Woche?“ Maria seufzte ärgerlich. „Hätte sie sich das nicht früher überlegen können? Mein Bruder und meine Schwägerin waren darauf eingerichtet, sie heute wiederzusehen!“ Sie hielt kurz inne. „Ich wünsche auf der Stelle mit ihr zu sprechen!“

„Das geht leider nicht.“ Fernando verlieh seiner Stimme einen eindringlichen Klang. Es überraschte ihn selbst, wie ruhig er blieb angesichts der frei erfundenen Geschichte, die er seiner Gönnerin gerade auftischte. „Bitte, Maria – versetzt euch doch einmal in ihre Lage: Sie hat gerade erst den Menschen verloren, den sie seit ihrem sechsten Lebensjahr für ihren Vater hielt, und zudem musste sie erfahren, dass sie von ihren vermeintlichen Eltern all die Jahre belogen wurde. In dieser Situation auch noch ihre wahren Eltern wiederzusehen, an die sie bis vor Kurzem keinerlei Erinnerung mehr hatte, dürfte alles andere als leicht für sie sein. Und deshalb benötigt sie noch etwas Zeit. Die nimmt sie sich nun und möchte solange kein Mitglied der Familie Santiago sehen oder sprechen.“

„Aber ich könnte doch …“

„Nein, könntest du nicht, Maria“, fiel Fernando ihr ins Wort. „Ich bitte dich, dräng sie nicht. Wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlt, wird sie womöglich abreisen und nie wieder zurückkommen. Das willst du deiner Familie sicher nicht antun, oder?“

Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, und Fernando hielt gespannt inne. Er befürchtete schon, Maria wolle protestieren, und bereitete im Geiste eine entsprechende Erwiderung vor, doch da sagte sie zu seiner grenzenlosen Erleichterung: „Also schön, ich werde mit meinem Schwager und meiner Schwester sprechen und versuchen, ihnen die Wendung der Dinge so behutsam wie möglich beizubringen. Und du hältst mich bitte auf dem Laufenden. Ich möchte über alles, was passiert, informiert werden – hast du mich verstanden?“

„Naturalmente!“, beeilte Fernando sich zu versichern. Dann beendete er das Gespräch und ließ das Mobiltelefon nachdenklich in seiner Hosentasche verschwinden.

Es behagte ihm nicht, Maria und die Santiagos anzulügen. Diese Menschen standen ihm näher, als es bei seiner eigenen Familie je der Fall gewesen war. Sie hatten es nicht verdient, dass er sie hinterging, auf welche Weise auch immer. Andererseits tat er es nur, um sie alle zu schützen. Schon einmal hatte sich eine Frau in das Leben von Miguel und Gabriela Santiago geschlichen und behauptet, die verlorene Tochter zu sein. Sie war zwar als Hochstaplerin entlarvt worden, doch ihretwegen war die Familie um ein Haar auseinandergebrochen. Fernando sah es als seine Pflicht an, zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschah. Deshalb musste er die kommende Woche nutzen, um herauszufinden, was Laura Ortega wirklich im Schilde führte. Und eines stand dabei fest: Sollte sie andere Absichten haben, als sie vorgab, würde sie sich am Ende wünschen, ihn niemals kennengelernt zu haben.

Mit grimmiger Miene trat er wieder an den Billardtisch. Er nahm das Queue und brachte sich in Position. Die schwarze Acht lag erheblich ungünstiger als beim letzten Stoß. Doch Fernando war ein Mann, der aus seinen Fehlern lernte. Dieses Mal würde er sich nicht von den Gedanken an Laura ablenken lassen. Entschlossen kniff er die Augen zusammen, nahm das Zielloch ins Visier – und führte den Stoß aus.

Mit einem leisen Klacken fiel die schwarze Acht in die linke obere Tasche.

3. KAPITEL

„Ich soll was? Bei Ihnen wohnen? Eine Woche lang?“ Entgeistert schüttelte Laura den Kopf. „Haben Sie den Verstand verloren?“

Doch Fernando lächelte nur. „Aber, aber, wer wird denn gleich beleidigend werden?“

Seine spöttische Art brachte Laura noch mehr aus der Fassung. Nach dem ausgiebigen Bad hatte sie sich frische Sachen angezogen und einen Spaziergang in dem parkartigen Garten unternommen, der Fernandos Villa umgab. Sie war über eine sorgfältig gepflegte Rasenfläche gelaufen und hatte es sich auf einer Bank unter einer alten Eiche bequem gemacht und darauf gewartet, dass Fernando wieder auftauchte.

Als sie das Motorengeräusch seines Cabrios gehört hatte, war sie zum Haus zurückgegangen – und zur Begrüßung eröffnete Fernando ihr, dass sie ihre Eltern heute nicht wiedersehen würde, sondern erst in sieben Tagen.

Sie stand ihm gegenüber und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Hören Sie, ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie hier mit mir treiben, aber ich sage Ihnen, da mache ich nicht mit. Es gab eine Vereinbarung!“

„Ich weiß.“ Fernando nickte, und in seinen Augen blitzte Verständnis und Mitgefühl auf. „Ich weiß, dass es eine Vereinbarung gab, und ich weiß auch, wie schwer diese Änderung für Sie sein muss. Aber …“

„Schwer ist für mich vor allem zu verstehen, was das Ganze soll!“, fiel Laura ihm ungeduldig ins Wort. „Ich begreife es nicht!“

„Nun, im Grunde ist es ganz einfach.“ Fernandos Stimme nahm den typischen Tonfall an, den Anwälte an den Tag legten, wenn sie referierten – ein Tonfall, der Laura seit jeher zuwider war. „Die Familie Santiago steht noch unter Schock. Was sicher nachvollziehbar ist, angesichts der Ereignisse der letzten Zeit. Immerhin haben Gabriela und Miguel ihre Tochter – also Sie – seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Die Nachricht, dass Sie am Leben sind, kam vollkommen überraschend für die Familie – auch wenn alle sich natürlich gefreut haben. Aber eine Begegnung zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht angeraten. Das sehen die Santiagos selbst auch so, und nach eingehender Beratung ist man zu dem Schluss gelangt, dass Sie eine Woche in meinem Haus verbringen, nicht zuletzt, damit ich mir ein Bild von Ihnen machen kann. Sobald einer Zusammenkunft nichts mehr im Wege steht, werde ich Sie zu ihnen bringen.“

„Eine ganze Woche …“ Laura merkte, wie ihr der Mund trocken wurde. Gerade war sie noch davon ausgegangen, in den nächsten Stunden ihre Familie wiederzusehen, und nun plötzlich das. Fassungslos starrte sie Fernando an. „Ich soll also eine Woche bei einem Mann wohnen, den ich nicht einmal ansatzweise kenne?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!“

„Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben. Es ist nicht meine Entscheidung. Ich bin nur der Anwalt, und meine Aufgabe ist es, die Interessen der Familie Santiago zu vertreten. Um es also auf den Punkt zu bringen: Sie haben im Grunde keine Wahl. Entweder, Sie wohnen in der nächsten Zeit bei mir, oder …“

„Oder was?“ Laura kniff die Augen zusammen. Es gefiel ihr nicht, wie dieser ungehobelte Kerl mit ihr sprach. Was bildete er sich eigentlich ein? Glaubte er etwa, über sie bestimmen zu können?

„Oder Sie können den nächsten Flieger zurück nach Barcelona nehmen.“ Fragend sah er sie an. „Also, wie entscheiden Sie sich?“

Laura schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht einfach so entscheiden, ich …“ Sie holte tief Luft. „Ich muss vorher mit den San… mit meiner Familie sprechen!“

„Das ist leider nicht möglich.“ In Fernandos Stimme lag ein Bedauern, das Laura überraschte. „Hören Sie“, fuhr er fort, „ich kann mir vorstellen, was in Ihnen vorgeht. Sie haben etwas anderes erwartet, und jetzt sind Sie enttäuscht. Aber bitte versetzen Sie sich auch in die Lage der Santiagos. Sie müssen die Neuigkeiten auch erst einmal verarbeiten, und dabei sind sie auf Ihre Unterstützung angewiesen.“ Er legte seine Hand auf ihren Unterarm. Laura schluckte. „Bitte“, schloss er eindringlich, „überfordern Sie Ihre Familie nicht.“

„Und was ist mit mir?“ Die Worte waren heraus, ehe sie sie zurückhalten konnte, und Laura spürte, wie ihr die Tränen kamen. Sie drängte sie mit aller Macht zurück, denn sie wollte nicht weinen. Nicht hier, nicht jetzt – und ganz besonders nicht in Fernandos Gegenwart. „Wer denkt an mich? Ich bin extra hergekommen, um meine Familie wiederzusehen. Nach all den Jahren! Und auch, um sie um Hilfe zu bitten … Mir läuft die Zeit davon!“

Fernandos Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Sie werden sich die Zeit nehmen müssen. Denn es ist, wie ich sagte: Entweder, Sie gehen auf die Bedingungen der Familie Santiago ein, oder Sie fliegen besser sofort zurück nach Hause!“ Er nickte, wie um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Und jetzt kommen Sie, wir gehen ins Haus.“

„Ich denke nicht daran, hierzubleiben!“ Laura verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich kenne Sie doch überhaupt nicht!“

Er zuckte mit den Achseln. „Jedenfalls liegen die Karten auf dem Tisch. Sollten Sie doch noch Vernunft annehmen, kommen Sie einfach ins Haus und bleiben die nächste Woche. Ansonsten lässt Juana Ihnen gern Ihr Gepäck bringen und ruft Ihnen ein Taxi, das Sie zum Flughafen fährt.“ Er nickte ihr knapp zu, dann wandte er sich um und ging davon.

Laura wollte etwas erwidern, ihn aufhalten, doch ihre Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt. Hilflos sah sie ihm nach. Sobald er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, ließ sie ihren Tränen, die sie die ganze Zeit zurückgehalten hatte, freien Lauf. Was sollte sie jetzt tun? Wie hatte ihr Leben bloß derart aus den Fugen geraten können?

Dabei war sie die Letzte, die etwas dafür konnte – nein, wenn jemanden Schuld traf, dann ihre Eltern – oder vielmehr die Menschen, die sie bis vor dem verhängnisvollen Unfall für ihre Eltern gehalten hatte …

Es war ein herrlicher Sonntagmorgen gewesen, als der Unfall passierte. Ihre Eltern und sie hatten sich auf dem Weg nach Barcelona befunden, zur Hochzeit einer Cousine, als ihnen ein Wagen auf der falschen Fahrbahn entgegengekommen war. Laura erinnerte sich noch an den schrillen Angstschrei ihrer Mutter, dann hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben, und danach war es schwarz um sie herum geworden.

Zu sich gekommen war Laura im Krankenhaus. Zunächst hatte sie gar nicht gewusst, was passiert oder wie viel Zeit vergangen war. Stattdessen hatten sich plötzlich verstörende Erinnerungen in ihr gemeldet. An Ereignisse aus einer Zeit in ihrem Leben, die bis zu diesem Tag aus ihrem Gedächtnis verschwunden gewesen waren …

Schon als Kind hatte Laura gemerkt, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Während ihre Schulfreundinnen ganz genau wussten, was sie mit vier, fünf Jahren erlebt hatten, war dieser Abschnitt ihres Lebens wie ein schwarzes Loch für Laura. Erinnern konnte sie sich an Ereignisse etwa ab ihrem siebten Lebensjahr.

Über den Grund war sie aufgeklärt worden, als sie Diego und Alina Ortega eines Tages darauf angesprochen hatte: Bei einem schweren Sturz mit sechs hatte sie einen Gedächtnisverlust erlitten.

Jahrelang war Laura überzeugt gewesen, dass die Geschichte stimmte. Wie auch anders – schließlich hatte es keinerlei Veranlassung für sie gegeben, in irgendeiner Weise daran zu zweifeln.

Doch als sie nach dem schrecklichen Unfall aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte sich etwas verändert: Sie erinnerte sich an sich selbst als fünf- oder sechsjähriges Mädchen, wie sie zusammen mit Menschen, die sie nicht kannte, die ihr aber unglaublich vertraut vorkamen, herumtollte und lachte.

Laura war vollkommen verwirrt gewesen, hatte die beunruhigenden Eindrücke zunächst jedoch für Nachwirkungen des Unfalls gehalten. Und als ihr dann von den Ärzten gesagt worden war, dass sie selbst Glück gehabt habe, ihr Vater aber ums Leben gekommen und ihre Mutter schwer verletzt sei, hatte sie Klarheit gesucht.

Von ihrer vermeintlichen Mutter hatte sie schließlich die Wahrheit erfahren. Alina und ihr Mann hatten vor fünfundzwanzig Jahren während eines Jachturlaubs auf Mallorca ein bewusstloses Mädchen aus dem Wasser gezogen.

Sie, Laura …

Als sie damals aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte sie sich an nichts mehr erinnern können. Weder an den Unfall, den sie offenbar gehabt hatte, noch an ihr Leben davor. Ein befreundeter Arzt des Ehepaares Ortega hatte einen vollständigen Gedächtnisverlust diagnostiziert.

Lauras Auftauchen in ihrem Leben war für die Ortegas eine unerwartete Chance gewesen. Sie hatten ein paar Monate zuvor ihre eigene Tochter Loredana verloren. Laura gefunden zu haben erschien es ihnen wie ein Wink des Schicksals.

Natürlich hatten die beiden genau gewusst, dass sie eigentlich sofort die Polizei hätten informieren müssen. Dass es irgendwo Menschen gab, die ihre Tochter vermissten. Die nicht wussten, was aus ihr geworden war. Aber sie hatten es nicht getan. Ganz einfach deshalb, weil sie Laura nicht mehr hergeben wollten.

Von da an war Laura für sie das Kind gewesen, das ihnen genommen worden war. Sie hatten Mallorca verlassen und waren nach Barcelona gezogen, wo kein Mensch sie kannte. Über einen zwielichtigen Bekannten hatten sie gefälschte Papiere besorgt. So war Laura die Tochter der Ortegas geworden.

Dies alles hatte Alina Ortega ihr unter Tränen gestanden. Es war ein unglaublicher Schock für Laura gewesen. Nicht nur, dass der Mann, den sie praktisch ihr ganzes Leben für ihren Vater gehalten hatte, es niemals gewesen war, nein – sie konnte ihn nicht einmal mehr zur Rede stellen. Ihre Trauer vermischte sich mit Wut, Fassungslosigkeit und dem schlimmen Gefühl, so lange Zeit betrogen worden zu sein. Und ihre Mutter – besser gesagt, die Frau, die sie dafür gehalten hatte?

Alina Ortega lag noch immer im Krankenhaus. Der Grund dafür war jedoch nicht der Unfall, sondern eine Erkrankung, die bei den Untersuchungen mehr oder weniger zufällig entdeckt worden war: Chorea Huntington; eine Erbkrankheit, die in der Regel zwischen dem dreißigsten und fünfzigsten Lebensjahr ausbrach und dann innerhalb von etwa zehn Jahren unweigerlich zum Tod führte.

Unweigerlich, weil sämtliche Erfolg versprechenden Behandlungsmethoden sich bisher noch in einem rein experimentellen Stadium befanden. Hilfe versprach einzig und allein eine neue Gentherapie, deren Kosten jedoch von den Krankenkassen nicht übernommen wurden, weil die Wirkung nicht erwiesen war.

Der Zustand der Frau, die sie bis vor Kurzem für ihre Mutter gehalten hatte, war einer der Gründe, warum Laura es auf sich genommen hatte, nach Mallorca zu kommen. Denn obwohl sie Alina sicher nie würde verzeihen können, was sie getan hatte, wusste Laura doch, dass sie alles tun musste, um ihr zu helfen. Sie konnte die Frau, die so sehr Teil ihres Lebens war, nicht einfach sterben lassen. Das hätte sie ihrem ärgsten Feind nicht antun können, geschweige denn der Person, bei der sie aufgewachsen war.

Um die Gentherapie bezahlen zu können, brauchte sie finanzielle Unterstützung. Nur eine ausreichend hohe Summe würde helfen, Alina Ortega wieder gesund zu machen. Und die einzigen Menschen, die in der Lage waren, Laura unter die Arme zu greifen, waren ausgerechnet die Santiagos. Ihre leiblichen Eltern. Leute, die sie seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte und die ihr vollkommen fremd geworden waren.

Deshalb hatte sie dem Mann, der sich ihr als Carlos Almeida vorstellte, auch nicht gleich die Tür vor der Nase zugeschlagen, als er vor ein paar Wochen vor dem Haus ihrer vermeintlichen Eltern aufgetaucht war. Er hatte erklärt, dass ihre echte Familie sie schon seit vielen Jahren suchte. Erst durch ihren Krankenhausaufenthalt nach dem Autounfall war der Detektiv erneut auf ihre Spur gestoßen.

In diesem Moment hatte Laura begriffen, dass die Santiagos Alinas einzige Chance waren.

Doch warum sollte die Familie ausgerechnet der Frau helfen, der sie ein Leben voller Angst und Sorge um ihre Tochter verdankte? Die Santiagos mussten Alina Ortega doch hassen – so, wie auch sie selbst es eigentlich tun sollte. Und es stimmte, sobald Laura an Alina dachte, flammte Wut in ihr auf. Darüber, dass die Frau, die sie fast ihr ganzes Leben lang für ihre Mutter gehalten hatte, in Wahrheit nichts anderes als ihre Entführerin war. Zusammen mit ihrem Ehemann hatte Alina Ortega ein unschuldiges kleines Mädchen verschleppt und als ihre eigene Tochter ausgegeben! Wie herzlos mussten Menschen sein, um so etwas zu tun?

Gleichzeitig wusste Laura, dass sie Alina nicht einfach ihrem Schicksal überlassen konnte. Denn wie man es auch drehte und wendete: Zu dem, was sie heute war, hatten nun mal die Ortegas sie gemacht.

Die Frage war also, was sie jetzt tun sollte. Alles in ihr wehrte sich dagegen, auf die haarsträubende Bedingung einzugehen, die Fernando Estevez ihr soeben genannt hatte. Sie konnte doch nicht einfach eine ganze Woche lang bei einem ihr vollkommen fremden Mann wohnen, der obendrein Anwalt war und sich im Auftrag seiner Mandanten ein Bild von ihr machen sollte!

Doch dann dachte sie an die Santiagos, ihre richtigen Eltern, und geriet ins Zweifeln. War die Bedingung denn wirklich so haarsträubend? Genau genommen nicht, denn immerhin hatten Miguel und Gabriela Santiago ihre Tochter vor mehr als zwei Jahrzehnten das letzte Mal gesehen und sie sicherlich längst tot geglaubt. Und wie Laura im Zuge ihrer Recherchen erfahren hatte, war Miguel Santiago vor Jahren bereits einmal einer Betrügerin aufgesessen, die sich als die verlorene Tochter ausgegeben hatte. War es da nicht allzu verständlich, dass die Familie nun auf Nummer sicher gehen und nichts überstürzen wollte?

Laura nickte bedächtig. Das Verhalten der Santiagos war verständlich. Diese Menschen hatten ganz einfach Angst, abermals an eine Hochstaplerin zu geraten. Dennoch – der Gedanke, die nächsten Tage mit Fernando Estevez zusammenleben zu müssen, behagte ihr nicht. Ausgerechnet ein Anwalt! Sie wusste aus Erfahrung, dass diese Rechtsverdreher es nur auf eines abgesehen hatten: ihren Mandanten so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen.

Doch ihre Vorbehalte musste sie wohl überwinden. Alles andere wäre egoistisch den Santiagos und feige sich selbst gegenüber gewesen.

Ich werde diese eine Woche schon überstehen. Und was danach kommt, wird sich zeigen.

Sie tastete nach dem silbernen Kreuz an ihrer Halskette; dann straffte sie sich und ging ins Haus.

Als Laura die Augen aufschlug, sah sie alles verschwommen. Es herrschte vollkommene Stille, und sie erschrak, weil sie im ersten Moment glaubte, in ihrem Krankenzimmer zu sein. Plötzlich war alles wieder da: die weißen Wände der Klinik, die Ärzte, die ihr mitteilten, dass ihr Vater bei dem Unfall, den sie selbst ohne größere Verletzungen überstanden hatte, ums Leben gekommen war, und ihre Mutter …

Stopp! Aufhören! rief sie sich zur Ordnung und atmete tief durch. Er war nicht mein Vater, und Alina ist nicht meine Mutter!

Sie blinzelte ein paarmal kräftig, und ihr Blick wurde klar. Jetzt sah sie, dass helles Sonnenlicht durch das deckenhohe Fenster in den Raum fiel und ein goldenes Rechteck auf das edle Nussbaumparkett des Fußbodens malte. Die Wände waren aus hellem Naturstein gemauert, und die Einrichtung wirkte edel und stilvoll.

Kein Krankenhaus also. Aber wo bin ich dann? Doch die Frage war kaum in ihrem Kopf verhallt, als es ihr auch schon einfiel: Natürlich, sie befand sich im Haus von Fernando Estevez, dem Anwalt der Familie Santiago. Die erste Nacht hatte sie also hinter sich.

Sechs stehen mir noch bevor …

Nachdem sie gestern ins Haus gekommen war, hatte sie sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Juana war so freundlich gewesen, ihr ein Tablett mit einem Imbiss zu bringen. Nachdem sie gegessen hatte, war sie hundemüde ins Bett gefallen und kurz darauf eingeschlafen …

Sie setzte sich auf und sah ihr Handy, das sie gestern auf dem Nachttisch neben ihrem Bett abgelegt hatte. Ein Blick aufs Display verriet ihr, dass es schon kurz vor zehn war. Verwundert runzelte Laura die Stirn. Dass sie so lange und noch dazu so fest geschlafen hatte, überraschte sie. Normalerweise fand sie in einer neuen Umgebung keine Ruhe, wachte mehrmals in der Nacht auf und wälzte sich stundenlang von einer Seite auf die andere. Seltsam, dass sie ausgerechnet hier gut geschlafen hatte. Ob es daran lag, dass sie so erschöpft gewesen war?

Seufzend stand Laura auf, öffnete die Balkontür und trat hinaus in den hellen Sonnenschein. Es fühlte sich herrlich an, die wärmenden Strahlen auf ihrer Haut zu spüren. Vom Meer her wehte eine leichte Brise, die mit ihrem Haar spielte und den Saum ihres cremefarbenen Nachthemds bauschte.

Einen Moment lang genoss Laura die atemberaubende Aussicht, dann ging sie wieder hinein und machte sich für den Tag zurecht. Als sie eine halbe Stunde später die Eingangshalle betrat, verschlug es ihr zum wiederholten Male den Atem. Zwar hatte sie sich gestern schon umgeschaut, aber da war sie einfach zu aufgeregt gewesen, um Einzelheiten wahrzunehmen. Heute schien es ihr, als betrachte sie alles mit geschärftem Blick. Was für ein verschwenderischer Luxus in diesem Haus herrschte! Einfach unfassbar!

Unwillkürlich fragte sie sich, wie ein einfacher Anwalt sich solche Pracht leisten konnte. Laura musste daran denken, was seine Angestellte über ihn und Maria Velásquez gesagt hatte, und runzelte die Stirn. Was, wenn er der Spanierin auf der Tasche lag, sie ausnutzte? Bei dem Gedanken verspürte Laura einen Stich in der Magengegend. Es war seltsam: Sie hatte ihre Eltern zum letzten Mal als Sechsjährige gesehen, und an Maria konnte sie sich gar nicht mehr erinnern. Trotzdem kochte Wut in ihr hoch, wenn sie daran dachte, dass Fernando sich womöglich von Maria aushalten ließ. Die Frau war immerhin ihre Tante!

„Buenos días, Señorita“, wurde sie von Juana begrüßt, die in diesem Moment ebenfalls in die Halle trat. „Möchten Sie frühstücken? Señor Fernando ist schon aus dem Haus, aber er bestand darauf, dass Sie alles bekommen sollen, was Ihr Herz begehrt.“

Erst jetzt merkte Laura, wie hungrig sie war. Sie folgte Juana ins Esszimmer, wo ein Gedeck für sie auf dem Tisch lag. „Was nehmen Sie? Tee oder Kaffee?“, fragte die Haushälterin, deren fröhliche Laune ansteckend wirkte.

„Kaffee“, erwiderte Laura. „Schwarz, bitte.“

„Ach du liebe Güte!“ Die Haushälterin schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie sind doch hoffentlich nicht eines von diesen jungen Dingern, die bei jedem Blatt Salat gleich anfangen, die Kalorien zu zählen, oder?“

Laura lachte. „Nein, keine Sorge. Um ehrlich zu sein, esse ich sogar sehr gern und ausgiebig – nur meinen Kaffee bevorzuge ich schwarz.“

„Na, dann ist es ja gut.“ Juana reichte ihr einen Korb mit einer Auswahl von Gebäckstücken. „Langen Sie nur tüchtig zu, Señorita, es ist genug da.“

Laura bedankte sich freundlich, dann sah sie die Hausangestellte an. Ob es möglich war, ihr Gespräch von gestern fortzuführen? „Warum setzen Sie sich nicht einen Moment zu mir?“, bot sie an. „Wir könnten uns ein wenig unterhalten.“ Als Juana zögerte, lächelte sie. „Bitte, ich würde mich wirklich sehr freuen. Allein zu essen finde ich schrecklich deprimierend.“

Die Spanierin schien kurz über ihre Worte nachzudenken, dann nickte sie, rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun? Wie gefällt es Ihnen bisher bei uns?“, erkundigte sie sich.

„Das Anwesen ist paradiesisch“, erwiderte Laura und nippte an dem aromatischen Kaffee. „Ich komme mir vor wie in einem Traum. Kaum zu glauben, dass sich ein einfacher Anwalt auf Mallorca eine solche Villa leisten kann.“

Juana schaute sie verdutzt an, dann lachte sie. „Oh nein, Señor Estevez ist nicht einfach nur irgendein x-beliebiger Anwalt. Er …“

Sie unterbrach sich, als die Tür aufging und Fernando das Esszimmer betrat. Als er die Angestellte mit Laura am Tisch sitzen saß, runzelte er die Stirn.

„Was ist denn hier los?“, fragte er unfreundlich und bedachte die beiden Frauen mit einem scharfen Blick. „Ich würde es begrüßen, wenn Sie Ihre Arbeit erledigen, anstatt sich bei meinen Gästen über mich auszulassen, Juana.“

Die Haushälterin schien Fernando seine rüden Worte nicht übel zu nehmen. Sie lächelte nur nachsichtig, stand auf und nickte Laura noch einmal zu, ehe sie den Raum verließ.

„Das war unnötig.“ Laura konnte sich der Kritik nicht enthalten. „Juana hat sich auf meine Bitte hin zu mir gesetzt – und sie hat sich ganz gewiss nicht über Sie ausgelassen.“

„Die Entscheidung, was nötig ist und was nicht, überlassen Sie bitte mir“, gab Fernando eisig zurück. Seufzend fuhr er sich durchs Haar. „Aber eigentlich bin ich nicht gekommen, um mit Ihnen zu streiten.“

„Sondern?“

„Nun, ich dachte mir, dass wir vielleicht einen kleinen Ausflug machen könnten. Schließlich kennen Sie Mallorca gar nicht.“

Im ersten Moment freute Laura sich – aus welchem Grund auch immer. Sie fand es schön, dass Fernando Zeit mit ihr verbringen wollte, und die Aussicht auf einen Ausflug ließ ihr Herz höher schlagen. Doch dann runzelte sie irritiert die Stirn. „Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht schon einmal Urlaub auf der Insel gemacht habe? Ich …“ Sie verstummte und kniff die Augen zusammen. „Ach, daher weht der Wind! Das sollte eine Fangfrage sein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Lachhaft! Ich habe hier gelebt, ja – allerdings nur, bis ich sechs war. Und an die wenigen Jahre, bevor ich meiner Familie entrissen wurde, kann ich mich erst seit kurzer Zeit wieder erinnern. Daher werde ich Ihnen ganz bestimmt nicht widersprechen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass ich tatsächlich nie Ferien auf Mallorca gemacht habe, stimmt es, was Sie sagen: Ich kenne die Insel nicht. Dennoch müssen Sie sich meinetwegen keine Umstände machen. Es reicht schon, dass ich die kommenden Tage hier verbringen muss. Sie brauchen wirklich nicht den Alleinunterhalter für mich zu spielen.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Damit hat mein Vorschlag nicht das Geringste zu tun“, stellte er klar. „Hören Sie: Die Familie Santiago will, dass ich Ihnen die Zeit auf meinem Anwesen so angenehm wie möglich gestalte. Und dazu gehört auch, dass ich Ihnen die Umgebung zeige. Insofern bedarf die Angelegenheit keineswegs Ihres Einverständnisses.“ Er nickte ihr knapp zu. „Also, wir sehen uns dann in einer Stunde unten vor dem Haus.“

Mit diesen Worten verließ er den Raum. Laura starrte ihm hinterher. Sie wusste nicht, ob sie verblüfft oder wütend war oder beides.

Stimmt nicht, korrigierte sie sich im nächsten Moment. Ich weiß es sehr wohl. Ich bin wütend. Und zwar auf mich selbst.

Weil sie einen Moment lang gehofft hatte, er wollte ihretwegen Zeit mit ihr verbringen.

4. KAPITEL

„Was für ein traumhafter Ort!“

Das war alles, was Laura sagen konnte. Sie schüttelte überwältigt den Kopf, so sehr schlug der Anblick der Naturschönheiten sie in Bann. Etwas Herrlicheres hatte sie noch nie gesehen.

Über eine Straße mit abenteuerlich engen Haarnadelkurven, die durch die zerklüftete Berglandschaft der Serra del Norte führte, waren sie in das kleine Dorf Sa Calobra gelangt, das aus nicht viel mehr als der Ansammlung von ein paar Häusern bestand, und im ersten Moment hatte Laura sich gefragt, was Fernando ihr hier zeigen wollte. Als ahne er, was in ihr vorging, hatte er ein geheimnisvolles Lächeln aufgesetzt und damit ihre Neugier geweckt.

Mit der Aussicht, die sich ihr eröffnete, nachdem der letzte enge Tunnel hinter ihnen lag, hatte sie nicht gerechnet.

Vor ihr lag ein malerischer Sandstrand, der von hohen Klippen umschlossen war. Ein flacher Wasserlauf durchzog ihn und mündete ins Meer. Verzaubert lauschte Laura dem Rauschen der Brandung, den Schreien der Möwen und dem Wind, der in den Kronen der Aleppokiefern wisperte … Sie fühlte sich wie in einem Traum.

Und plötzlich gab es kein Halten mehr. Sie kickte die Sandaletten von den Füßen und lief barfuß durch den warmen Sand, unbekümmert wie ein Kind. Mit einem Lachen, das einem Jauchzen glich, wandte sie das Gesicht zum Himmel, breitete die Arme aus und drehte sich um die eigene Achse.

„Ist das schön hier!“ Sie wusste, sie hatte es schon einmal gesagt, aber sie hätte es tausend Mal wiederholen können.

Als sie die Wasserlinie erreichte, lief sie einfach weiter. Rechts und links von ihr spritzte Gischt hoch, und wieder lachte Laura hell auf.

Zu ihrer Überraschung sah sie Fernando nur ein paar Meter von ihr entfernt am Strand stehen, als sie sich umdrehte. „Worauf warten Sie denn noch? Kommen Sie!“, rief sie und winkte ihn zu sich heran. „Das Wasser ist herrlich!“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, danke. Aber es freut mich, dass Sie sich amüsieren.“ Er klopfte auf die geräumige Tasche, die er sich über die Schulter gehängt hatte. „Ich nutze die Zeit und bereite unser Picknick vor, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Picknick?“ Lauras Augen weiteten sich vor Begeisterung. „Ist das Ihr Ernst?“

Sie war von einer Freude erfüllt, wie sie sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Zumindest nicht mehr, seit sie nach dem Unfall im Krankenhaus aufgewacht war.

Unwillkürlich fiel ihr Alina ein, und prompt war es um ihre Ausgelassenheit geschehen. Stattdessen spielte sich der vertraute Widerstreit in ihr ab. Als bestünde ich aus zwei Personen, überlegte sie kopfschüttelnd. Eine, die nichts als Wut und Enttäuschung verspürt, wenn es um Alina geht, und eine andere, die voller Mitgefühl ist mit der Frau, die schwer krank im Krankenhaus liegt.

Lauras Miene verfinsterte sich, doch der Anblick des Picknicks, das Fernando am Strand für sie vorbereitet hatte, zauberte wieder ein Lächeln auf ihre Lippen.

Kurz entschlossen zückte sie ihr Handy, um den Augenblick für die Zukunft festzuhalten. Immerzu von allem, was sie sah, Fotos machen war so etwas wie eine Marotte von ihr. Ihr Vater hatte oft gemeint, dass sie sich irgendwann ihr ganzes Leben auf Bildern ansehen könne, bei den vielen Fotos, die sie machte.

Diego Ortega war nicht dein Vater, korrigierte sie sich sofort. Er hat dich ebenso angelogen wie Alina es getan hat, wann begreifst du das endlich?

Sie atmete tief durch und machte sich ans Werk, fotografierte den Strand, die Klippen und schließlich die karierte Decke, auf der allerhand Köstlichkeiten wie empanadas, gefüllte Teigtaschen, und sobrasada, die typisch mallorquinische Wurstspezialität, ausgebreitet waren.

Und dann fotografierte sie Fernando.

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