Schwert, Krone und ein Wikinger

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Northumbrien, 874: Das Schwert in der Hand, das Gesicht hinter dem Visier verborgen, kämpft die angelsächsische Prinzessin Cwen mutig gegen die normannische Übermacht. Doch vergebens. Die Wikinger siegen, und Cwen wird zu einer wehrlosen Figur im Spiel um Macht und Krone: Der Wikingerfürst Njal Salversson besteht auf einer Heirat mit ihr! Dass dieser breitschultrige Nordmann mit dem Tattoo und dem sanften Lächeln ihre Sinnlichkeit weckt, erstaunt Cwen – und flößt ihr Angst ein! Denn niemals darf sie in seinen Armen Erfüllung genießen. Sonst gerät ihr größtes Geheimnis in Gefahr …


  • Erscheinungstag 07.07.2026
  • Bandnummer 457
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539975
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Northumbria, England, im Jahre 874

Die großen, schwarzen Holztore der belagerten Festung öffneten sich langsam – wie zögerliche, zitternde Flügel.

Endlich.

Njal Salversson beschloss, dass dies die letzte Zuflucht des Königs von Northumbria sein sollte. Aber würde sein sächsischer Feind überhaupt zu fliehen versuchen, oder würde er kämpfen?

Wenn die Wurzeln verhungern, stirbt die Ernte – das hatte Njals verstorbener Vater ihn gelehrt, als sie auf dieser Insel angekommen waren und sich mit einem einfachen Bauernleben zufriedengegeben hatten. Jetzt spürte er jedes einzelne der langen Jahre, die seither vergangen waren, in seinen müden, schmerzenden Muskeln. Aber er hatte seinen Vater und dessen Worte nie vergessen.

Njal und seine Männer belagerten Jorvik bereits seit Wochen und hatten die Stadt von allen Vorräten und Kontakten zu ihren Verbündeten abgeschnitten. Er wusste, dass es ihnen an Nahrung und Wasser fehlen musste, und so war dem König nichts anderes übrig geblieben, als endlich die Tore zu öffnen und ihm entgegenzureiten.

Njals Männer und er lagen auf den Wiesen vor der Stadt auf der Lauer und beobachteten, wie Legionen sächsischer Krieger aus den Wehrmauern ausrückten. Ihre glänzenden Rüstungen schimmerten in der Nachmittagssonne, als sie sich in Reihen aufstellten und die Bogenschützen ihre Positionen auf den Wällen einnahmen. Sie bereiteten sich auf den Kampf vor.

Ælfweard hatte also die Absicht zu kämpfen.

Der Boden bebte unter dem donnernden Klang von Njals eigener Armee. Seine Krieger hämmerten mit ihren Schwertern und Äxten auf ihre Schilde, um ihren Mut und ihre Kraft zu mobilisieren. Der Lärm steigerte sich zu einem großen Crescendo. Njal selbst verspürte keine Furcht. Seit dem Massaker an seinem Volk, das hierhergekommen war, um sich niederzulassen, hatte er immer wieder sein Schwert gezogen. Er hatte seine Männer zwei Jahre lang kämpfend durch dieses Land ziehen sehen, mit Zähigkeit und grimmiger Entschlossenheit. Heute würden sie endlich Rache an dem Sachsenkönig für die Abschlachtung ihrer Verwandten nehmen.

Njal hob sein Schwert. „Rache!“, brüllte er.

„Rache!“, wiederholten seine Männer.

Er drückte die Fersen in die Seiten seines treuen Pferdes und führte seine Männer zum Angriff.

Wie eine dunkle, tückische Welle donnerte eine Horde heidnischer Bestien auf das sächsische Heer zu. Riesige, grausam aussehende Reiter stürzten sich auf sie und ließen den Boden und Cwens Knie erbeben. Zorn und Kriegsbemalung zeichneten sich auf den Gesichtern der Nordmänner ab, die mit erhobenen Speeren düster heranstürmten.

Diese Heiden konnten nur eines wollen – das Ende der Herrschaft des Königs. In den letzten Jahren hatten sie die Angelsachsen bekriegt, und es schien, als würden diese Bestien nicht eher aufhören, bis sie die sächsische Stadt völlig verwüstet und das Volk von Jorvik ausgelöscht hatten.

„Haltet die Stellung!“, hörte Cwen den König befehlen, während sich die Pferde und ihre Reiter erschrocken zu ihren Seiten drängten. Cwen klappte ihr Visier noch weiter herunter, um ihr Gesicht zu verbergen und mit den Kriegern um sie herum zu verschmelzen. Der König würde es nicht gutheißen, dass sie hier war. Aber sie weigerte sich, zu Hause zu sitzen und auf ihr Schicksal zu warten – nicht, wenn sie ebenso gut mit dem Schwert umgehen konnte wie diese Männer. Sie musste ihren Teil beitragen. Cwen wollte ein Teil der Zukunft ihres Volkes sein oder dessen Untergang miterleben. Wenn es dazu kam, war sie bereit, mit den Ihren zu sterben.

Sie packte ihr Schwert fester. Ihr Herz raste, als der Wind auffrischte und heulend über die Wiese fegte – genau in dem Augenblick, als das große heidnische Heer wild in die Reihen der Krieger vor ihr einbrach. Um sie herum ertönte das Geräusch aufeinanderprallenden Metalls, von klirrenden, krachenden, stoßenden Schwertern und Äxten, die auf Schilde prallten. Alles Denken schwand, und ihr Kampfinstinkt gewann die Oberhand. Sie musste alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihr Volk zu schützen. Das Königtum. Ihren Erben und ihren Sohn. Sie schlug zu, nahm es mit einem Gegner auf, dann mit dem nächsten.

Einen solchen Kampf hatte sie noch nie gesehen. Diese Heiden waren keine Männer – sie waren Tiere. Sie kannten keine Gnade und gewannen bereits an Boden, obwohl sie mindestens sechs zu eins in der Unterzahl waren. Im weiteren Verlauf des Kampfes warf ihr Pferd sie ab, die Wucht des Aufpralls machte sie kurz benommen, aber sie richtete sich schnell wieder auf, kam auf die Beine und stürzte sich erneut ins Getümmel.

Während sie mehrere gefährliche Gegner abwehrte, wurde sie auf einen Krieger aufmerksam, der sich dem König näherte und ihn zum Kampf herausforderte. Er sah wild und furchterregend aus. Als ihre Schwerter aufeinandertrafen, wusste sie sofort, dass der alternde Monarch der Stärke des Heiden nicht gewachsen war. Sie streckte ihren letzten Gegner nieder und sah entsetzt, wie der hochgewachsene Rohling einen tödlichen Schlag ausführte und der König zu Boden sank.

Mit einem Schrei der Verzweiflung überwand sie den Abstand zwischen ihnen. Das Ungeheuer hob seine Waffe, bereit, erneut zuzuschlagen. „Nein! Vater!“

Njal versuchte, sich von den Sachsen zu befreien, die ihn angriffen. An ihnen vorbei sah er, wie sein Bruder Ove noch einmal das Schwert hob, als wolle er sich vergewissern, dass der König seinen letzten Atemzug getan hatte. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung schaltete Njal seine Gegner aus, ehe er weiterstürmte und seinen Bruder gerade noch rechtzeitig erreichte. Er packte Oves Arm und riss ihn nach hinten, um ihn an seinem letzten Schlag zu hindern.

Nei, stǫðva! Nein“, rief Njal. Er hatte den Männern eingeschärft, den König nur zu verwunden und seine Befehlshaber angewiesen, Ælfweard sowie seine treuesten Krieger als Geiseln zu nehmen. Der Tod war für einen Mann wie ihn zu gut. Njal wollte, dass Ælfweard litt, dass er erfuhr, wie es sich anfühlte, wenn man ihm alles nahm, was ihm wichtig war, so wie er es mit Njal und seinem Bruder getan hatte.

Ove widersetzte sich seinem Griff. „Ich will Blut!“, wütete er. Aber Njal war älter. Er war immer der Stärkere von beiden gewesen, und es gab kein Vorbeikommen an ihm.

Schließlich gab Ove mit einem unzufriedenen Knurren nach und senkte sein Schwert, versetzte Njal jedoch noch einen letzten frustrierten Stoß und verfluchte ihn.

„Ich verstehe dich nicht. Willst du nicht, dass es zu Ende ist?“

Njal drehte sich zu den sächsischen Kriegern um, die sich um ihren verwundeten Monarchen am Boden drängten und ungläubig zusahen, wie Ælfweard das Bewusstsein verlor. Der Wikinger legte seinem Bruder beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Das ist es bereits.“

Ein Sachse war nach vorne gestürmt, hatte die Befehlsgewalt an sich gerissen und sich durch die Traube der Männer gedrängt. Er war neben dem König auf die Knie gefallen und hielt Ælfweard bei den Schultern aufrecht, wollte ihn nicht sterben sehen.

Als er den Helm abnahm, fiel langes, dunkles, geflochtenes Haar über seine schlanken Schultern – und Njal zuckte zusammen. Erschrocken stellte er fest, dass es sich um eine Frau handelte. Einen Augenblick lang war er fassungslos. Was tat sie hier, inmitten des brutalen Kampfgeschehens? Das Schlachtfeld war kein Ort für eine Frau, und schon gar nicht für eine von solcher Anmut. Sie war wie ein seltener Edelstein, der im Grau ringsum glänzte.

Sein hungriger Blick streifte jedes perfekte Merkmal dieser Frau, als hätte er bis eben noch nach dem Anblick von Weiblichkeit gegiert. Sie hatte tiefschwarzes Haar, das an das Gefieder von Odins Raben gemahnte, ihre glatte Haut schimmerte bleich wie der Mond, und ihre geschürzten Lippen waren so prall, dass ihn das Bedürfnis bekam, mit dem Daumen darüber zu streichen, um sie sinnlich zu liebkosen. Jäh erkannte er, dass er sich in den letzten Jahren zu sehr an den Anblick von Blut, von Tod gewöhnt hatte – doch sie war ein Bild, das das Grauen linderte. Nie zuvor hatte eine Frau einen solchen Eindruck auf ihn gemacht – und das mitten im Krieg.

„Vater!“, rief sie entsetzt, als sie die Verletzungen des Königs sah. Njal wusste sofort, dass sie Ælfweards Erbin, Prinzessin Cwen, war. Vielleicht barg Northumbria noch größere Reichtümer, als er sich je erträumt hatte.

Er hatte Geschichten über ihre Schönheit gehört, doch die Realität übertraf alle Beschreibungen bei Weitem. Die Stärke seiner Reaktion auf sie beunruhigte ihn jedoch. Njal hatte beschlossen, sich nie wieder von einer Frau den Kopf verdrehen zu lassen, schon gar nicht von einer mit sächsischem Blut in den Adern. Er hatte seine Lektion auf die harte Tour gelernt. Verdammt, seitdem litt er unter den Konsequenzen.

Die Prinzessin beugte sich vor, drückte ihr Ohr an die Brust des Königs und lauschte. Als sie sich wieder aufsetzte, waren ihre rauchgrauen Augen groß.

Njal trat auf sie zu. Seine Gestalt warf in der späten Nachmittagssonne einen Schatten auf sie. Als könne sie den Wechsel des Lichts spüren hob sie den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Sein Atem stockte vor Hochachtung. Sie war in der Tat atemberaubend.

„Er atmet noch. Bitte, verschone ihn“, hauchte sie.

Eine Faust aus Wut ballte sich in seinem Magen. „Warum sollte ich das tun?“, sagte er und umklammerte den Griff des Schwertes seines Vaters fester, um Kraft aus der Berührung zu ziehen. Immerhin hatte ihr König diese Auseinandersetzung vom Zaun gebrochen. Er zwang sich, an all das zu denken, was in der Vergangenheit durch die Hand dieser Leute geschehen war.

„Hast du kein Herz?“, rief sie.

„Wo war dein König, als seine Krieger unsere Familien massakrierten? Sie waren einfache Händler und Siedler.“ Njals Zorn wuchs mit jedem Wort. „Dein Vater erlaubte ihnen zu bleiben, versprach, ihnen im Gegenzug für Frieden Land zur Bewirtschaftung zu geben – und dann hat er sie feige im Schlaf abschlachten lassen.“

Eine Falte verunzierte ihre perfekte Stirn. Sie schüttelte leicht den Kopf. Wusste sie nicht, was ihr Vater getan hatte? Doch, sicher.

„Hat er geglaubt, seine Taten würden keine Konsequenzen haben? Sollten wir einfach akzeptieren, dass er unsere Familien hat ermorden lassen?“ Njal konnte die Bitterkeit in seinen Worten nicht verbergen. „Nein, wenigstens wart ihr gewarnt, ihr habt uns kommen sehen – es war ein ehrlicher Kampf, Mann gegen Mann, nicht bewaffnete Krieger gegen hilflose Frauen und Kinder.“

Sie schien zwiegespalten zu sein. Ihr Gesicht verriet einen Sturm der Gefühle. „Ich kann nicht behaupten zu wissen, was mein Vater gedacht oder warum er sich so verhalten hat, aber es scheint, als hättest du deine Rache bekommen. Bitte lass es damit genug sein“, sagte sie verzweifelt.

Njal wollte ihre Flehen jedoch nicht hören. Ihr Vater hatte sein Leben ruiniert – warum sollte er ihr im Gegenzug nicht dasselbe antun? Doch er wusste, dass er seine Wut im Zaum halten, über den Moment hinausblicken musste.

Sein Blick fiel auf den König zu seinen Füßen. Dessen Wunde war tief, aber er lebte möglicherweise tatsächlich noch. Njal wusste nicht, was nun tun sollte. Er hatte den Tag herbeigesehnt, an dem er diesem Mann denselben Schmerz zufügen würde, den er andere hatte erleiden lassen. Doch ungeachtet dessen, was die Prinzessin denken mochte, hatte Njal nie die Absicht gehabt, dem König das Leben zu nehmen – und er war wütend auf seinen Bruder. Das war nicht Teil des Plans gewesen. Njal hatte gewusst, dass „Auge um Auge“ sie nicht weiterbringen würde. Es würde seine Familie nicht zurückbringen. Sie mussten Frieden und einen neuen Vertrag schließen, damit sein Volk hier in Zukunft sicher leben konnte.

Als er den Blick wieder auf die Prinzessin richtete, dachte er, dass vielleicht noch nicht alles verloren war. Vielleicht konnte er seine Herrschaft mit einem Akt der Gnade beginnen. Das mochte sich später zu seinen Gunsten auswirken.

„Sag deinen Männern, sie sollen ihre Waffen niederlegen“, befahl Njal. „Liefert euch und die Festung mir aus.“

Trotzig reckte sie ihr Kinn. „Gib mir zuerst dein Wort, dass du meinen Vater nicht weiter verletzen wirst. Dass du denen helfen wirst, die es brauchen.“ Sie hielt seinem Blick kühn und uneingeschüchtert stand, und er wusste, dass sie stark war – er durfte sie nicht unterschätzen.

Er nickte.

Ove drängte nach vorne und stieß einen lauten Schrei der Enttäuschung aus. „Nein! Wir müssen es zu Ende bringen – er muss sterben!“, rief er. „Wenn du nicht die Kraft hast, das Nötige zu tun, dann werde ich es tun.“ Er stürzte sich auf den König und schwang erneut sein Schwert, was Njal noch mehr erzürnte. Er drehte sich um und versperrte Ove den Weg.

„Ergreift ihn“, befahl er seinen Männern, und sie gehorchten sofort. Sie drängten Ove zurück, und sein Bruder versuchte, sich schimpfend und tobend gegen sie zu wehren.

Njal verstand seine Wut nur zu gut. Schließlich war sein Bruder erst vierzehn gewesen, als er den Tod ihrer Eltern durch die Sachsen auf Befehl dieses verachtenswerten Königs miterlebt hatte. Trotzdem konnte er nicht zulassen, dass Ove sich seinem Befehl widersetzte. Er war sein Bruder und sein bester Kämpfer, aber er war aufsässig. Ove benahm sich auf eine Art und Weise, die Njal nicht billigte, genoss es ein wenig zu sehr, das Blut der Sachsen zu vergießen und ihre Frauen zum Spaß zu demütigen. Leute wie Ove waren verantwortlich für den schlechten Ruf der Nordmänner.

Die Krieger hielten ihn fest, und Njal seufzte – er hatte nach einer schweren Enttäuschung ohnehin Probleme damit, sich auf andere zu verlassen und wollte sich nicht auch noch über die Starrköpfigkeit seines Bruders Sorgen machen müssen. Sobald er ihre Position hier in Jorvik gesichert hatte, würde er Ove zurechtweisen müssen. Er musste ihn unter Kontrolle bringen, und zwar schnell. Sein Bruder musste begreifen, dass sein rücksichtsloses Handeln Auswirkungen auf sie alle hatte.

Er wandte sich wieder der Prinzessin zu und nickte. „Kapituliert, und wir werden ihn nicht anfassen. Mein Wort darauf.“ Cwen legte ihr Schwert langsam und ehrfürchtig auf die zertrampelten, blutbefleckten Wildblumen neben dem Körper ihres Vaters. Es herrschte einen langen Moment betretenes Schweigen, als alle – Sachsen und Dänen – die ungeheuerlichen Konsequenzen dieser Geste in sich aufnahmen. Der Konflikt war vorbei.

Njal konnte es kaum fassen. Sie hatten vollbracht, was sie sich zwei Jahre zuvor vorgenommen hatten. Er hatte seinen Schwur erfüllt, seine Eltern und den Rest seines Volkes, das in jener gottverlassenen Nacht gestorben war, zu rächen. Die Dänen herrschten über Northumbria. Nun würde er die Festung und seinen Platz in der Geschichte einnehmen. Sein Volk würde in Sicherheit sein.

Doch trotz der enormen Bedeutung dieses Moments konnte er den Blick nicht von der Prinzessin lassen.

Es war selten, dass eine Frau sein Interesse weckte – in den letzten Jahren hatten Rache und Eroberung sein Denken beherrscht. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, verdrängte eine Eroberung einer anderen Art die Gedanken daran. Er wollte sie. Unbedingt. Wie unpassend, dass er das ausgerechnet jetzt empfand, gegenüber einer Sächsin, der Tochter seines Feindes. Es war verwerflich, es war falsch, und er verachtete sich – und sie – dafür.

„Legt eure Waffen nieder!“, befahl die Prinzessin den Kriegern des Königs mutig. Sie erhob die Stimme, damit die Männer um sie herum sie hören konnten. Die Sachsen befolgten ihren Befehl und legten in einer unglaublichen Welle, die sich auf dem Schlachtfeld ausbreitete, vorsichtig ihre Schwerter ab. „Es wird keine Kämpfe mehr zwischen unseren Völkern geben. Das Blutvergießen endet heute.“

Sie sprach in aller Ruhe zu den Männern des Königs. Einer reichte ihr einen Stoffstreifen, den sie ihrem Vater um Schulter und Oberkörper band, um den Blutfluss zu stoppen. Ein anderer Krieger brachte ein Pferd, und man half ihr, den schlaffen Körper des Königs in den Sattel zu heben. „Wir müssen ihn zurück zur Festung bringen, zu einem Heiler. Rasch.“

Dann hob sie den Blick, um Njal noch einmal voller Verachtung anzusehen. „Es scheint, als hättest du dir das Recht erkämpft, hier zu leben – deinen Platz auf dem Thron, wenn auch nicht in unseren Herzen.“

Cwen wandte sich zum Gehen, doch Njal handelte schnell. Er tauchte hinter ihr auf, packte ihren Oberarm und nahm sie als seine Gefangene. Sie drehte sich keuchend zu ihm um. „Du hast versprochen – du hast dein Wort gegeben, dass du ihn nicht anrührst.“

„Das habe ich“, sagte er und beugte sich über ihre Schulter. Er gab dem Pferd einen Klaps auf die Kruppe, um den Reiter und den König auf den Weg zu schicken. Dann beugte er sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Aber ich habe nie gesagt, dass ich dich nicht berühren werde.“

Cwens Herz pochte in ihrer Brust, als der furchterregende Anführer der Nordmänner sie zu seinem eigenen Tier führte, und sie war erstaunt, dass ihre zitternden Beine sie noch aufrecht hielten. Besorgte Ausrufe kamen von den Lippen der Männer ihres Vaters, die machtlos zusahen und zweifellos beunruhigt waren über den Gedanken, dass sie allein in der Gesellschaft dieses Heiden war und sie ihr nicht zu Hilfe kommen konnten. Sie drängten hinter ihrem Entführer her, doch dessen Männer hielten sie zurück, und Cwen erkannte mit einem Anflug von Angst, dass sie auf sich allein gestellt war.

„Was willst du von mir?“, fragte sie.

Der Anführer der feindlichen Armee, schrecklich groß und breit, war nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Sein Eroberungsfeldzug hatte auf seinem Weg hierher viele Dörfer im Osten Englands dem Erdboden gleich gemacht, er hatte eine Schlacht nach der anderen geschlagen und die Ressourcen ihres Vaters aufgebraucht. So oft hatte sie sich grausame Bilder von ihm ausgemalt. Aber er war so viel … mehr. Er war stark, muskulös und kraftvoller als jeder andere Mann, den sie je gesehen hatte. Gefährlich. Dabei hatte sie erwartet, er wäre viel älter, nicht noch annähernd in ihrem eigenen Alter.

Er hatte recht langes schwarzes Haar und einen dichten dunklen Bart, beides durchzogen von silbernen Strähnen, außergewöhnlich für einen so virilen Mann in den besten Jahren, aber das tat seinem Aussehen keinen Abbruch. Nein, wenn überhaupt, machte es ihn noch ansehnlicher. Sein langes Deckhaar war mit einem Band zusammengefasst, die Haare an den Seiten waren bis fast auf die Kopfhaut rasiert, was ihn noch kantiger wirken ließ.

„Wo bringst du mich hin?“

Er ignorierte ihre Frage, zerrte sie stumm über den schlammigen Boden. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, denn sie bereute ihre Entscheidung bereits. Sie hatte den Thron ihres Vaters und ihre zukünftige Krone verwirkt, indem sie sich ergeben hatte – etwas, wovon man ihr unter allen Umständen abgeraten hatte. Von klein auf hatte man ihr eingebläut, sie müsse die Herrschaft und die Macht ihrer Familie über alles andere stellen, müsse Opfer für ihre Familie bringen, weil sie waren, wer sie nun einmal waren. Aber sie hatte nicht zusehen können, wie dieser Mann ihren Vater ermordete. Auch wenn sie sich nie verstanden hatten, war er doch von ihrem Blut. Hatte sie einen furchtbaren Fehler gemacht?

Tatsächlich hatte dieser Krieger recht – ihr Vater war ein grausamer und kaltherziger König gewesen, der das Land mit ebenso eiserner Faust regierte wie sie und ihre Mutter. Er hatte sie gezwungen, sich seinem Willen zu beugen, und sie hatte dabei immer wieder auf ihr eigenes Glück verzichten müssen.

Der König hatte in paranoider Angst gelebt, besessen davon, dass die heidnischen Siedler sich gegen ihn verschworen hatten und einen Angriff planten – und er hatte geglaubt, er müsse zuerst zuschlagen, um ihnen zuvorzukommen. Aber sie hatte nicht gewusst, dass er sie alle im Schlaf hatte töten lassen. Auch die Frauen und die Kinder. Es war abscheulich, machte sie krank. Kein Wunder, dass noch mehr Nordmänner über das Meer gekommen waren, aus allen Richtungen, entbrannt in wilder Wut, um Krieg zu führen.

Ihr Vater hatte diesen Krieg über sie gebracht.

Aber das half Cwen jetzt auch nicht.

Sie wehrte sich gegen den Griff des Nordmanns und warf ihm einen kurzen Blick zu, während er sie mit sich zog. Sein Gesicht war wie Stein, unleserlich. Er war kalt, hart – und sie spürte seinen Zorn wie einen gespannten Pfeil, der bereit war, sein Ziel zu finden. Er hatte die Zähne zusammengebissen, seine Nasenlöcher blähten sich – und sie war sich seiner langen Finger bewusst, die sich fest um ihren Arm schlangen, sie festhielten und ihre Haut durch die Rüstung hindurch durchbohrten.

Dieser Mann verachtete sie, das war ihr klar. Er hasste ihresgleichen.

Sie überlegte, ob sie versuchen sollte, sich loszureißen und zu fliehen, aber sie glaubte nicht, dass sie weit kommen würde. Er konnte sie leicht überholen und überwältigen. Trotzdem stemmte sie sich mit den Füßen in den Schlamm und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, versuchte, ihren Arm loszureißen.

„Eure Hoheit!“, warnte Njal und wandte sich ihr zu.

Sie reckte ihr Kinn und sah ihn an. „Ist das noch mein Titel?“

Er warf ihr einen langen, unerbittlichen Blick zu. „Für den Augenblick.“ Er hatte durchdringende eisblaue Augen. Sie zeigten eine Unerschrockenheit, wie sie sie noch nie bei einem Mann gesehen hatte.

„Wie soll ich dich nennen?“, fragte sie, um Zeit zu schinden. Vielleicht konnte sie ihn von seinem Vorhaben abbringen.

„Nenn mich Njal.“

Njal Salversson. Sie hatte es geahnt. Es war ein Name, den sie in der großen Halle ihres Vaters schon oft gehört hatte – üblicherweise begleitet von ängstlichen Blicken der Ealdormen. Nun begriff sie, warum.

Er ging mit langen, kräftigen Schritten weiter und zog sie mit sich. Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Er trug einen abgewetzten Ledermantel mit Kettenringen und Hosen, die schon bessere Tage gesehen hatten – ein Zeugnis all der Schlachten, die er geschlagen hatte, das sie daran erinnerte, dass er in seinem Kreuzzug des Hasses unbarmherzig und unaufhaltsam gewesen war, bis er die Tore Jorviks erreicht hatte. Dort hatten er und seine Männer an den Ufern der Ouse kampiert und die Versorgung der Stadt abgeschnitten. Viele innerhalb der Mauern waren verhungert, was ihren Vater zum Handeln gezwungen hatte. Er hatte sich nicht länger innerhalb der Festungsmauern verstecken können – er musste kämpfen.

Sie hatte Geschichten darüber gehört, wie einige dieser Dänen sächsische Frauen gequält hatten – war er einer von ihnen? Wenn ja, wer wusste, was er mit ihr – einer Prinzessin – tun würde? Würde er ihr wehtun? Sie töten? Sie als eine Art Trophäe benutzen? Würde man sie von einem Mann zum anderen weiterreichen wie einen Siegespreis? Wenn, dann wäre es ihre eigene Schuld.

Als ihr Vater verwundet vor ihr gelegen hatte, hatte sie überlegt, ob sie sich das Leben nehmen sollte, um nicht den Heiden in die Hände zu fallen, um ihre Würde und ihren Familiennamen zu wahren. Aber dann hatte sie in die blauen Augen des Nordmannes geblickt, und ein Aufflackern von etwas, das sie nicht erklären konnte, hatte sie auf den Gedanken gebracht, es könnte sich lohnen, um Gnade zu bitten. Mit grimmer, aber kühler Beherrschung hatte er die andere Bestie davon abgehalten, ihrem Vater den Todesstoß zu versetzen.

„Wo bringst du mich hin?“, fragte sie erneut und versuchte immer noch, ihm zu widerstehen.

„Nach Hause. Das jetzt mein Zuhause ist“, spottete er. „In Abwesenheit deines Vaters werden wir beide die Bedingungen für unseren Sieg besprechen.“

„Besprechen … du meinst reden?“, vergewisserte sie sich schockiert und erleichtert.

Er blieb abrupt stehen und drehte sich erneut zu ihr um. „So verlockend es auch sein mag, hier hereinzustürmen und alles an mich zu reißen“, antwortete er und musterte sie von oben bis unten, „diese Sorte Mann bin ich nicht. Ich bestehe darauf, dass wir unter vier Augen die Bedingungen der Machtübergabe aushandeln. Wenn du dich weiter wehrst, bin ich gezwungen, dich zu tragen.“

Der Gedanke, er könnte sie über seine Schulter werfen, beunruhigte sie. Sie wollte mit den Füßen auf festem Boden bleiben, also gab sie schließlich nach und ließ sich von ihm zu seinem Pferd führen. Mit wachsender Besorgnis stellte sie fest, dass Njals Krieger den Mann, der ihren Vater niedergestreckt hatte, freigelassen hatten und er sie nun verfolgte und eskortierte. Der Mann hatte fast die gleiche Größe und Statur wie sein Anführer. Er besaß das gleiche dunkle Haar, aber nicht die charakteristischen grauen Strähnen, und sein Gesicht war nicht so weise. Sie stutzte, als er näherkam.

Njal, der möglicherweise gespürt hatte, dass sie zögerte und vor Angst stockte, sah erst sie an, dann den Mann. „Du wirst zurückbleiben, Bruder“, befahl er. „Räumt das Schlachtfeld und bindet die sächsischen Krieger.“

Bruder?

„Ich dachte, wir würden alles miteinander teilen, als Gleiche – sogar die Beute“, spottete der Rohling, und Cwen erschauderte, als er sie mit seinen glänzenden Augen musterte. „Warum darfst du den ganzen Spaß haben?“

Njal zog Cwen näher zu sich heran. „Erlöst die Sterbenden von ihrem Elend, holt Hilfe für die Verwundeten und bringt die Lebenden zurück in die Festung“, sagte er zu dem Mann. Sein Gesicht war streng, seine Stimme hart wie Stein. „Das ist ein Befehl.“

Der Rohling ballte die Fäuste und fluchte heftig, was Cwen zurückschrecken ließ.

Ohne jede Vorwarnung stieg Njal auf sein Pferd und zog sie gleichzeitig in seine Arme. Cwen erstarrte. Sie war gefangen in seiner Umarmung und überwältigt von der plötzlichen, beunruhigenden Wirkung der Begegnung ihrer Körper. Er drückte sie absichtlich gegen seine feste Brust. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, und die Intimität, zwischen seinen muskulösen Schenkeln zu sitzen, ließ sie erschauern. Ihr Gesicht brannte, und sie wehrte sich gegen seine Umarmung.

„Hör schon auf. Versuch nicht, dich gegen mich zu wehren“, befahl er und schlang die Arme um sie. „Du hast kapituliert – dich mir ergeben, erinnerst du dich? Du gehörst mir, ob du es willst oder nicht.“

2. KAPITEL

Njal saß auf seinem erschöpften Pferd und hielt die Prinzessin sowie die Zügel fest umklammert. Er hatte eine Gruppe seiner Männer vorausgeschickt, um die Festung zu sichern. Doch als sie im schnell schwindenden Tageslicht über die Ebene in Richtung Stadt galoppierten, wusste er, er musste aufmerksam bleiben, bis die Bedingungen des Vertrags vereinbart waren.

Nach der heutigen großen Endschlacht würde sein Name sein Vermächtnis sein. Die Flamme des Ruhmes würde ihm gehören, und er würde für immer als der nordische Herrscher in die Geschichte eingehen, der dieses grüne, fruchtbare Königreich erobert hatte. Aber das hatte er nie gewollt. Njal hatte sein Volk vor weiterer Verfolgung retten wollen. Er war mit seinem alten Leben zufrieden gewesen und hätte alles dafür gegeben, es zurückzubekommen.

„Ist dieser Mann ein Verwandter von dir?“, fragte die Prinzessin schaudernd.

Dadurch lenkte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf das Gefühl ihres Körpers an seinem eigenen. Selbst in ihrem Kettenhemd fühlte sie sich warm an. Sie passte perfekt zwischen seine Beine, und der Galopp presste sie gegen seinen Unterleib. Er stöhnte innerlich auf und war versucht, dem verlockenden Pochen der Begierde nachzugeben. Dann versuchte sie, sich loszureißen, ehe der nächste Ansturm auf seine Sinne kam. Das weckte in ihm den Wunsch nach Dingen, die er nicht wollte. Vor allem nicht von ihr. Aber es war Jahre her, dass er eine Frau in sein Bett geholt hatte. Viel zu lange.

„Ja“, sagte er angespannt.

„Ihr scheint einander nicht sehr ähnlich zu sein.“

„Woher willst du das wissen?“ Es folgte eine lange Pause, ehe er hinzufügte: „Ihn treiben Wut und Trauer. Er ist verbittert darüber, was geschehen ist. Viele von uns haben an jenem Tag geliebte Menschen verloren – Ove und ich zum Beispiel unsere Eltern. Durch die Hand deines Vaters.“

Er hörte, wie sie scharf Luft holte. Sie schlang die Arme um sich, als wolle sie sich vor seiner Verachtung schützen. Aber warum sollte sie die Wucht seines Zorns nicht spüren? Sie hatte es verdient.

Seit dem Massaker standen er und Ove allein gegen den Rest der Welt. Wäre sein Bruder nicht gewesen, hätte er nicht weiterleben wollen. Dennoch hatte die Prinzessin recht. Zwar hatten Ove und er denselben Schmerz erlitten, doch ihre Erfahrungen waren unterschiedlich und hatten sie voneinander getrennt. Während Ove ein Opfer gewesen war, fühlte sich Njal verantwortlich.

„Er ist erst sechzehn Winter alt. Acht Jahre jünger als ich. Ich glaube nicht, dass es ihm gefiel, dass sein Bruder über Nacht sein Vormund wurde und ihm sagte, was er zu tun hatte. Es war für uns beide ein Schock.“

Sie sah ihn an, und er fragte sich, warum er das gesagt hatte. Er nahm einen Hauch ihres blumigen Duftes wahr, als ihr Haar im Wind wehte. Aber nicht einmal ihr überraschter Blick und ihre Schönheit konnten ihn die schrecklichen Szenen vergessen lassen, die er an jenem Morgen erlebt hatte.

Als Njal nach Hause zurückgekehrt war und ihre Siedlung in Flammen stehen sah – überall Leichen, und in der nebligen Morgenluft lag der metallische Geruch von Blut –, fühlte er sich wie in einem Albtraum. In der ohrenbetäubenden Stille hatte er begriffen, dass alle, die er liebte, tot waren. Er war durch das Gemetzel gerannt, um seine Eltern zu finden, und hatte zuerst die Leiche seines Vaters entdeckt, den jemand vor ihrem Haus mit einer Axt erschlagen hatte, und drinnen dann in der Asche die seiner Mutter. Als er verzweifelt auf die Knie gesunken war, hatte er vor Augen gehabt, was geschehen war – wie sein Vater gekämpft hatte, um seine geliebte Frau, sein Kind und sein Heim zu verteidigen. Der Schmerz hatte tief gesessen.

In Panik und Verzweiflung hatte er festgestellt, dass Ove nirgends zu finden war. Ove war ein unschuldiges Kind. Keiner von ihnen hatte das verdient.

Njal hatte überall gesucht – am Strand, im Wald und in jedem brennenden Gebäude, bis er schließlich hoffnungslos neben ihrem Gehöft zusammengebrochen war. Dann hatte er ein Kratzen gehört, kaum vernehmlich, das von unten zu kommen schien. Unsicher, ob er es sich nur einbildete, hatte er mit klopfendem Herzen den zerbrochenen Tisch und die Bänke beiseite geworfen, die Dielen herausgerissen und das verängstigte, schmutzbedeckte Gesicht seines Bruders gesehen, der zu ihm aufsah. Er war überglücklich gewesen. Es hatte eine Weile gedauert, bis der schockierte Ove wieder richtig zu sich kam.

Langsam war die Wahrheit ans Licht gekommen.

Es waren die Männer des Königs gewesen. Ihre Mutter hatte sie kommen sehen und Alarm geschlagen, und sie hatte es nur noch geschafft, Ove unter den Dielen zu verstecken. Er hatte Glück gehabt, denn die Soldaten hatten keine Gnade gezeigt. Sie hatten die Siedlung dem Erdboden gleichgemacht und alle Bewohner erschlagen.

Njals Knöchel, mit denen er die Zügel umklammerte, waren weiß.

„Wusstest du, was dein Vater getan hat?“, fragte er.

„In groben Zügen“, antwortete sie. „Mein Vater sagte, die Siedler seien eine Bedrohung gewesen.“

„Für wen?“, wollte er wissen. Erneut stieg Wut in ihm auf.

„Für ihn.“

Njal schnalzte angewidert mit der Zunge.

Zunächst waren er und Ove untröstlich gewesen, als sie ihre Eltern beerdigt hatten. Als Ove ihm gesagt hatte, wer die Armee des Königs angeführt hatte, war Njal übel geworden. Weil er es vielleicht hätte verhindern können. Weil er die Anzeichen hätte sehen müssen. Dann war die Wut gekommen.

Ove hatte viel zu früh erwachsen werden müssen, und Njal hatte sich deswegen schuldig gefühlt. Er hatte versucht, es auf jede erdenkliche Weise wiedergutzumachen. Doch beide hatten Mühe, die Ereignisse jener Nacht zu überwinden. Sie hatten sie beide verhärtet.

Im Laufe der Monate hatte Ove auf ihrer Rachemission immer gewalttätiger und impulsiver agiert, während Njal die gegenteilige Reaktion zeigte – er hatte das Bedürfnis, jederzeit die Kontrolle zu behalten.

Doch er hatte Ove noch nie mit einem so explosiven Temperament erlebt. Er hatte das Gefühl, dass Feindseligkeit wie eine dunkle Wolke über ihnen hing.

Als Njal durch die Tore Jorviks trat, sah er sich nach Gefahren um und vergewisserte sich, dass seine Männer die Kontrolle übernommen hatten. Er spürte, wie Cwen sich anspannte. Ihr Rücken versteifte sich, als sie sah, wie die Nordmänner die Festungsmauern sicherten und die angelsächsischen Wachen zusammentrieben. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was ihr Vater getan hatte.

Es war eine imposante Festung mit mächtigen Mauern, die die gesamte Stadt zu umschließen schienen. Sie war prächtiger, als er es sich vorgestellt hatte, mit einer großen Halle und vielen Nebengebäuden.

Njal hielt sein Pferd im Hof an, ließ die Prinzessin für einen Moment los und war froh, so klarer denken zu können. Aber dies würde nicht das letzte Mal sein, dass er ihren Leib an sich drückte. Er stieg ab und reichte einem seiner Männer die Zügel.

Widerwillig nahm er Cwen am Arm und führte sie die Stufen zum Hauptgebäude hinauf, flankiert von seiner rechten Hand, Bjorn.

„Hast du ein Zimmer für uns gefunden?“, fragte er.

„Ja.“

„Zeig es mir.“

Cwen hob den Kopf und sah ihn unsicher an. Ihre klugen, wachsamen Augen waren fast hellgrau und von langen, dichten Wimpern umrahmt. Die hohen Wangenknochen und ihre schmale Nase verliehen ihrem runden Gesicht eine schärfere Kontur, ebenso wie die vollen, zusammengepressten Lippen, und er fragte sich, wie sie wohl aussah, wenn sie lächelte.

Er bezweifelte, dass er das so bald sehen würde. Es war klar, dass sie nicht mit ihm allein sein wollte, und im Moment hatte er keine Lust, sie zu beruhigen, sondern benahm sich absichtlich so, dass sie sich unwohl fühlte. Sie hatte gesagt, sie habe nicht genau über die Taten ihres Vaters Bescheid gewusst, aber ihm war klar, dass er ihr nicht trauen konnte. Er durfte sich nicht von ihrem Liebreiz erweichen lassen. Er stieß die Türen zum Thronsaal auf, und die gefangenen Ealdormen und Damen schrien auf, als sie die Prinzessin in der Gewalt eines Heiden sahen. Sie waren gefesselt und kauerten ängstlich nebeneinander, fragten sich zweifellos, was der Anführer der Nordmänner ihnen antun würde.

„Ist es notwendig, sie so zu binden?“, keuchte Cwen und sah zu ihm auf.

„Wenn mein Volk in seinen eigenen Häusern nicht sicher war, warum sollte es das dann anderswo sein?“

„Das sind doch keine Kämpfer. Sie stellen keine Bedrohung dar.“

Viele Männer hätten an ihrer Stelle gezittert, sich ihm zu Füßen geworfen und um Gnade gewinselt. Sie aber stand ihm gegenüber, und er bewunderte ihre Stärke. Dennoch würde er entscheiden, wer eine Bedrohung darstellte und wer nicht.

„Ich kann kein Risiko eingehen.“

Er sah sich den Raum an, durch den sie gingen – die hohe Gewölbedecke, die Wände, die mit prächtigen Wandteppichen und Jagdtrophäen bedeckt waren. Er war prunkvoller, als er erwartet hatte. Als seine Eltern ihn als Kind auf diese Insel gebracht hatten, hätte er nie zu träumen gewagt, dass er je einen Fuß in die königliche Festung setzen, geschweige denn die Kontrolle darüber übernehmen würde. 

„Was gibt es Neues vom König?“, fragte er Bjorn und spürte, wie Cwen erbleichte. Lebte er noch, oder hatte er der Prinzessin ihren Vater genommen, so wie dieser ihm?

„Er hat viel Blut verloren. Heiler versorgen ihn in einer Kammer im hinteren Teil der Festung. Die Königin ist bei ihm. Unsere Männer bewachen die Tür.“

Njal nickte und wandte sich wieder Cwen zu. „Ich verstehe deine Sorge und deine Wut.“

„Spar dir dein Mitleid!“, fauchte sie.

Zum ersten Mal hörte er ein leichtes Zittern in ihrer Stimme – ein Zeichen ihrer Verletzlichkeit. Was hatte sie so erschüttert – die Nachricht von ihrem Vater oder der Anblick ihrer gefesselten Untertanen? Oder vielleicht die Erkenntnis, dass nach diesem Tag nichts mehr so sein würde wie zuvor?

„Du vergisst – er lebt nur, weil ich es dulde. Fordere mich nicht heraus, meine Meinung zu ändern.“ Er neigte den Kopf. „Du musst zugeben, dass ein Mann wie er es nicht verdient zu führen.“

„Du aber schon?“

Er hatte nie vorgehabt zu herrschen, aber als die Männer des Königs seine Siedlung angegriffen hatten, hatte das Njals Leben über Nacht verändert. Sein Vater war der Anführer ihres Volkes gewesen, und plötzlich hatten Ove und die übrigen Männer und Frauen zu ihm aufgeblickt. Die Überlebenden waren obdachlos und verängstigt gewesen. Als sich das Gerücht verbreitet hatte, dass die Mannen des Königs entlang der Küste eine dänische Siedlung nach der anderen niederbrannten, hatte Njal gewusst, dass sie niemals sicher sein würden, wenn sie nichts unternähmen. Dass sie sich wehren mussten. Ihm war klar gewesen, was sein Vater von ihm erwartet hätte.

Sein Vater war ein großer Mann gewesen. Er hatte sein Volk in Langschiffen hierhergebracht und ihnen seinen Traum verkauft – ein besseres Leben auf fruchtbarem Land. Njal hatte gewusst, dass er ihm zu Ehren kämpfen musste.

Nun hatte er gewonnen. Aber als er die beiden Throne auf der erhöhten Plattform sah, die den großen Saal dominierten, begriff er, dass sein Sieg auch mehr Verantwortung mit sich brachte. Er machte keine Anstalten, sich auf einen der Throne zu setzen.

„Die Herrschaft deines Vaters war geprägt von Gewalt. Ich kann nicht schlimmer sein.“

Als Njals Gefolgsmann sie den Gang entlangführte, sah Cwen, dass in einem der Prunksäle vor ihnen ein Feuer im Kamin knisterte. Bjorn blieb stehen.

„Wird das reichen?“

„Ja. Lass uns allein“, sagte Njal.

Unbehagen durchzuckte Cwen, und sie erschrak, als die Tür hinter ihnen zuschlug.

Schließlich ließ Njal sie los, und sie ging zum Kamin, um sich zu wärmen. Das gab ihr einen Vorwand, sich von dem Krieger zu entfernen. Dieser Mann, der ihre Träume verdunkelt hatte, beherrschte den kleinen Raum. Je mehr Abstand zwischen ihnen war, desto leichter fiel ihr das Atmen.

Sie sah sich nach einer Waffe um, für den Fall, dass sie eine brauchte, und entdeckte den Schürhaken neben dem Feuer. Er würde reichen müssen.

Der Däne machte sie ernsthaft nervös – und die Tatsache, dass sie immer noch seinen Griff an ihrem Arm spürte, die beunruhigende Hitze seines muskulösen Körpers, der seit der Fahrt hierher an ihren Rücken gedrückt war, half auch nicht gerade.

„Wo sind wir hier?“, fragte er, während er umherging, einige Schriftrollen ihres Vaters aufhob und die Ziergegenstände auf einem hölzernen Tisch in der Mitte des Raumes betrachtete.

„In einem der Zimmer meines Vaters.“

Er hielt inne und schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit. Ihr Herz raste. „Ich verstehe, dass die Fehler deines Vaters nicht deine sind“, sagte er. „Ich werde das berücksichtigen, wenn ich entscheide, wie es weitergeht.“

Sie schluckte.

„Du warst Thronfolgerin?“, wollte Njal wissen.

„Ja.“

„Er hätte dich regieren lassen?“

„Weil ich eine Frau bin?“ Sie spürte Wut in sich aufsteigen. „Ja“, spie sie. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihr Vater sich gewünscht hätte, sie wäre ein Sohn. Aber er würde immer noch lieber sein eigen Blut auf dem Thron sehen als fremdes. „Ich bin dazu mehr als fähig.“

„Gewiss. Das habe ich auf dem Schlachtfeld gesehen. Allerdings überrascht es mich, dass er dich kämpfen ließ und dich damit in Gefahr gebracht hat.“

„Hat er nicht. Er hat mir befohlen, im Haus zu bleiben. Aber ich wollte mich nützlich machen.“

Er hob eine dunkle Augenbraue.

„Bist du oft ungehorsam?“

„Nur, wenn ich mit denen nicht einverstanden bin, die Macht über mich ausüben wollen. Mein Vater hat mein Leben lang versucht, mich zu kontrollieren.“ Cwen biss sich überrascht auf die Lippe und fragte sich, warum sie ihm etwas so Intimes anvertraut hatte. Sie musste besser aufpassen und vorsichtiger sein, besonders, wenn es um ihre Gefühle ging.

Er setzte sich auf die Tischkante und verschränkte die Arme vor der imposanten Brust. Sein Blick war bedrohlich. Es war, als wolle er in sie hineinsehen. Sie wusste, er war ein guter Stratege, denn seine Taktiken hatten seine Armee bis hierhergebracht, also beschloss sie, einen klaren Kopf zu behalten.

„Es war nie mein Ziel, in Jorvik die Macht zu ergreifen, sondern für Wahlvolk einen Ort zu finden, an dem es ohne Furcht leben kann. Leider muss ich einsehen, dass dies nur möglich ist, wenn ich regiere“, antwortete er. „Aber ich verstehe die Vorteile von Allianzen und Frieden.“

„Deine versöhnlichen Worte stehen im Widerspruch zu deinem Ruf. Unser Volk vergleicht dich mit deinem Gott Týr.“

Er erhob sich und kam auf sie zu. „Was weißt du über die Asen?“

„Wenig“, gestand sie, ging ihrerseits um den Tisch herum und stellte Stühle zwischen sich und ihn. „Ich habe einiges über sie gelesen.“

„Dann weißt du, dass Týr zwar über das Schlachtenglück gebietet, aber auch nach Frieden strebt. Willst du Königin werden?“

„Ja. Ich habe mich mein Leben lang darauf vorbereitet. Aber darüber zu sprechen ist Verrat, solange mein Vater noch lebt.“

„Er hat Glück, dass Ove ihn nicht getötet hat. Wenn er überlebt, werde ich Wort halten und gnädig sein, aber ich kann nicht zulassen, dass er weiter regiert. Du dagegen …“

Da flog die Tür auf, was ihre Aufmerksamkeit ablenkte, und ein kleines Gesicht spähte herein. Leof! Cwen fürchtete sofort um die Sicherheit ihres Kindes. Sie hatte ihm gesagt, er solle sich verstecken. Aber der Junge kam hereingerannt, ehe sie ihn aufhalten konnte.

„Mutter!“, rief er und schwang sein Holzschwert.

„Leof, du darfst nicht hier sein!“, schalt sie ihn, eilte zu ihm und versuchte, die Panik zu unterdrücken, die durch ihre Adern schoss.

Aber Njal trat zwischen sie und hob den Jungen hoch.

Leofs Zofe Eadhild stürzte hinter ihm durch die Tür. Ihr Gesicht war aschfahl. „Es tut mir leid, Hoheit. Ich konnte ihn nicht zurückhalten. Als er Eure Stimme hörte …“

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