Skandalöses Geständnis im Palast der Träume

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„Für mich bist du kein König, Felipe. Du bist nur der Mann, den ich begehre.“ Elsie hält den Atem an. Wie wird der atemberaubend gut aussehende Royal, dem sie schicksalhaft in ihrem kleinen Café begegnet ist, auf ihr skandalöses Geständnis reagieren? Morgen wird er offiziell den Thron von Silvabon besteigen, doch jetzt, während der Mond über dem Palast aufgeht, verrät sein hungriger Blick: Diese Nacht gehört nur ihnen beiden! Und anders als bei Cinderella wird der Zauber nicht um Mitternacht enden – sondern erst beginnen …


  • Erscheinungstag 21.02.2023
  • Bandnummer 2584
  • ISBN / Artikelnummer 0800232584
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Freitag, 16.05 Uhr

„Geh! Sofort!“

Ein Alarm schrillte, als wollte er das eindringliche Flüstern zusätzlich betonen. Elsie Wynter kniff die Augen zusammen und kroch tiefer in ihren Sitz. Sie wollte nicht gehen müssen. Nicht schon wieder.

„Miss?“ Jemand sprach direkt über ihr. Aber es war eine andere Stimme, die Stimme einer Frau. Nicht seine.

„Miss? Bitte öffnen Sie die Fensterjalousie und legen Ihren Sicherheitsgurt an.“

Elsie blinzelte, öffnete die Augen und begriff, dass sich ihr Albtraum mit der Wirklichkeit vermischt hatte. Sie saß im Flugzeug, auf dem Weg zu einem neuen Ort. Und offenbar setzte das Flugzeug bereits zur Landung an; viel früher als erwartet.

„Bitte, Miss.“ Die Stewardess warf ihr einen auffordernden Blick zu. „Ihr Sicherheitsgurt.“

„Natürlich.“ Elsie folgte der Anweisung. Anweisungen folgte sie immer, und ganz besonders, wenn sie mit solchem Nachdruck gegeben wurden.

„Sind wir denn schon in Spanien?“

„Unser Flug wurde umgelenkt“, erklärte die Stewardess. „Eine Frau an Bord benötigt medizinische Hilfe.“

„Oh.“

„Ihr Baby kommt etwas zu früh.“

„Die arme Frau. Bestimmt hat sie entsetzliche Angst“, murmelte Elsie und schob endlich die Jalousie hoch.

Unter ihnen lag das weite türkisfarbene Meer. Das Flugzeug steuerte auf eine große Insel zu. In der Ferne waren einige kleinere Inseln zu sehen, aber bald nahm die Hauptinsel das gesamte Blickfeld ein. Elsie erkannte wunderschöne Steinhäuser, die direkt ins Kliff gebaut waren. Richtung Norden lief die Insel schmaler zu. Am Ende der Klippen ragte ein Palast empor, mächtig wie eine Festung, unangreifbar für das raue Küstenwetter, unberührt von der Zeit und der sich wandelnden Welt.

Elsies Herz pochte wild. Sie kannte den Palast.

Aber das durfte nicht wahr sein! So grausam konnte das Schicksal doch nicht sein.

„Wo landen wir?“

„Silvabon.“ Die Stewardess sah an ihr vorbei aus dem Fenster. „Wunderschön, nicht wahr?“

Herzzerreißend schön, ja. Nur war Elsie nicht zum ersten Mal hier. Auf dieser Insel, bei einer einzigen Begegnung, hatte ein Mensch ihr ganzes Leben verändert.

„Unter dem Palast liegt angeblich ein Verlies“, erklärte ihr die Stewardess. „Und überall soll es kostbare Schätze geben.“

Ja, Silvabon war ein Paradies. Ein Juwel im Mittelmeer, mit Zugang zu den wichtigsten Schifffahrt- und Flugrouten. Die Insel besaß neben eigenen Rohstoffen und Quellen auch diplomatische Verbindungen in viele andere Länder.

Elsie hatte gewusst, dass ihr Flug von Athen nach Madrid nah an der Insel vorbeiführen würde. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Flugzeug eine ungeplante Zwischenlandung auf Silvabon einlegen würde.

Eine Erinnerung flackerte in ihr auf – ein Lachen, ein inniger Blick, eine geflüsterte Bemerkung. Heißer Schmerz schoss durch ihre Brust. Bewusst langsam atmete sie ein, um ruhig zu bleiben. Demütigung und Ausgrenzung waren nichts Neues für sie, aber sie hatte zu hart an sich gearbeitet, um ihren inneren Frieden schon wieder zerstören zu lassen.

Nun aber drängten weitere Erinnerungen an die Oberfläche. Mehr als zwei Monate hatte sie auf Silvabon in wunderbarem Sonnenschein und Luxus verbracht, bis sie von einem Tag auf den anderen auf die Straße gesetzt worden war.

Geh! Sofort!

Noch immer konnte sie die Stimme des Königs hören. Wie naiv sie gewesen war! Verwirrt hatte sie sich gefragt, warum seine Stimme plötzlich so grausam klang, so dringlich. Und noch naiver war, dass sie für einen Moment wirklich geglaubt hatte, er könnte …

Nein! Die Demütigung war unmissverständlich gewesen.

An jenem Tag hatte sie sich geschworen, nie wieder zurückzukommen.

Ich komme ja auch gar nicht zurück, sagte sie sich. Das Flugzeug würde nur kurz landen, damit die Patientin ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Die restlichen Fluggäste mussten bestimmt nicht einmal aussteigen. Sie würden direkt weiterfliegen. Es gab keinen Grund zur Nervosität.

Aber als sich das Flugzeug über der Landebahn senkte, begann ihr Herz wild zu pochen. Perfekt aufgereiht auf dem Asphalt stand eine kleine Armee von Privatflugzeugen, wie die Spielzeuge eines Milliardärs. Flaggen hingen am Flughafengebäude und an den umliegenden Häusern. Elsie starrte auf den mitternachtsblauen, schwarzen und goldenen Stoff – die Farben von Silvabon zierten jede Hauswand. Die Fahnen bewegten sich nur ein wenig in der angenehmen Brise. Das Wetter war perfekt. Alles war perfekt. Und sie wusste auch, warum. Die Trauerzeit für seinen Großvater war vorbei, und in weniger als vierundzwanzig Stunden fand die Krönung des Königs Felipe Roca de Silva y Zafiros statt.

Ein Krankenwagen raste auf das Flugzeug zu, zwei Feuerwehrautos folgten ihm. Innerhalb weniger Minuten befand sich die schwangere Frau auf dem Weg zur Klinik.

„Vielen Dank für Ihre Geduld. Ich bitte vielmals um Entschuldigung für die Unterbrechung unseres Flugs“, ertönte die Stimme des Piloten aus den Lautsprechern. „Leider kommt es noch zu einer weiteren Verspätung.“

Elsie hielt den Atem an.

„Die Landegenehmigung wurde nur wegen des medizinischen Notfalls erteilt. Aber an diesem Wochenende findet die Krönung von König Felipe statt, deshalb ist der gesamte Luftraum über der Insel bis morgen geschlossen. Das heißt, wir müssen bis zur Beendigung der Zeremonie vor Ort bleiben.“

Die Passagiere stöhnten auf.

„Können wir nicht einfach direkt wieder losfliegen?“, rief jemand aus den hinteren Reihen.

„Sie werden hier am Flughafen in einem Hotel untergebracht“, fuhr der Pilot fort. „Wir bitten nochmals ausdrücklich um Entschuldigung. Falls Sie Umbuchungen für die Weiterreise vornehmen müssen, steht Ihnen unser Bodenpersonal selbstverständlich zur Seite.“

Elsie hatte keinen Anschlussflug gebucht. Dieser Flug ging direkt nach Madrid, denn sie plante, die letzten Sommerwochen in Spanien zu verbringen. Griechenland war zwar ganz nett gewesen, aber die Inseln erinnerten sie zu sehr an Silvabon. Elsie sehnte sich nach einer anonymen Großstadt, ohne Blick auf das türkisfarbene Meer. In Madrid wollte sie sich einen Job in einem Café suchen und weiter sparen, damit sie sich irgendwann an einem ganz neuen Ort niederlassen konnte. Ihr Heimatland England kam dafür nicht infrage – dort warteten zu viele schreckliche Erinnerungen auf sie.

Aber jetzt war sie zurück an dem Ort, von dem sie für eine Weile gedacht hatte, er wäre perfekt. Bis der König alles ruiniert hatte.

Alles in ihr schrie danach, sich zu verstecken. Aber warum sollte er sie hier finden? Nachdem er sie auf die Straße gesetzt hatte, hatte er wahrscheinlich keinen zweiten Gedanken an sie verschwendet. Bei ihrer Abreise hatte sie sich nicht einmal von der einzigen echten Freundin verabschieden können, die sie hier gefunden hatte. Denn Amalia war die Stiefschwester des Königs.

Elsie unterdrückte ihre aufsteigende Nervosität. Eine Nacht im Flughafenhotel war kein Grund zur Sorge. Niemand aus dem Palast würde von ihrer Anwesenheit erfahren.

„Eure Majestät, wir haben ein Problem.“

Das waren nicht die Worte, die König Felipe von seinem betagten Sicherheitschef Major Garcia hören wollte. Die Vorbereitungen für diese elende Krönung hatten ohnehin schon viel zu viel Zeit gekostet.

In weniger als vierundzwanzig Stunden würde er seinem Land das königliche Spektakel bieten. Eine aufwendige Feier für die Öffentlichkeit, die erste traditionelle Zeremonie seit über zehn Jahren. Und wieder lastete die ganze Verantwortung auf seinen Schultern. Aber dieses Mal würde es das letzte Mal sein.

„Wenn es um den Flug mit dem medizinischen Notfall geht, hat Ortiz mich bereits um Erlaubnis gebeten“, sagte er. „Ich dachte, das Flugzeug wäre schon gelandet.“

„Das ist es auch, Majestät.“

Felipe löste den Blick von den Dokumenten auf seinem Schreibtisch und sah auf. „Was dann? Gibt es Komplikationen?“

„Dem Baby und der Mutter geht es den Umständen entsprechend gut.“

„Gut.“ Felipe wandte sich wieder seinen Dokumenten zu.

„Sämtliche Fluggäste müssen bis nach der Krönungszeremonie auf Silvabon bleiben. Wir konnten den Luftraum nur kurzzeitig für die Landung öffnen.“

Felipe konnte sich gerade noch davon abhalten, die Augen zu verdrehen. Sein Sicherheitsteam achtete generell übergenau auf jedes Detail, aber im Moment kam er ihm noch vorsichtiger vor als sonst vor.

Wahrscheinlich lag es daran, dass Felipe noch keinen Thronfolger benannt hatte. Sollte ihm etwas zustoßen, befürchteten seine Berater einen Kampf um den Thron, denn es gab keine nahen Verwandten, die die Thronfolge hätten antreten können.

Aber Felipe hatte gar nicht vor, vorzeitig das Zeitliche zu segnen.

Natürlich wären leibliche Kinder die einfachste Wahl gewesen, aber das kam auf keinen Fall infrage. Stattdessen hatte er einen anderen Plan. Er musste nur noch die Krönung morgen abwarten, bevor er seine Entscheidung verkünden würde, denn die Zeremonie war wichtiger als alles andere.

Auch wenn es den anderen Fluggästen also Unannehmlichkeiten bereitete, er würde seinem Sicherheitsteam nicht noch mehr Schwierigkeiten zumuten. Zu diesem Zeitpunkt die Sicherheitsanweisungen zu ändern, war so gut wie unmöglich. Zahlreiche VIPs aus anderen Ländern waren bereits eingetroffen.

„Glücklicherweise war das Flugzeug nicht voll besetzt, und wir konnten alle Passagiere in einem Hotel unterbringen“, fuhr der Major fort. „Für die Verpflegung ist natürlich gesorgt.“

Felipe nickte.

Major Garcia räusperte sich. „Um sicherzugehen, dass die Notlandung kein Vorwand für ein Attentat war, haben wir die Passagierliste überprüft.“

Felipe unterdrückte ein freudloses Lächeln. Im Moment nahm Garcia seine Arbeit wirklich besonders genau.

„Ich gehe davon aus, dass kein Passagier vorhat, die Zeremonie zu stören?“

Einen Moment lang herrschte Stille.

Felipe hob den Kopf und musterte Major Garcia. Der ältere Mann wirkte ungewöhnlich steif, selbst für seine Verhältnisse.

„Wurde etwas Verdächtiges gefunden?“

„Elsie Bailey ist an Bord. Auch bekannt als Elsie Wynter.“ Garcia räusperte sich. „Sie ist die Frau, die Amalia …“

„Ich weiß, wer sie ist“, unterbrach ihn Felipe. Das Blut pochte wild durch seine Adern. Elsie Wynter? Strohblondes Haar, ein heiseres Lachen. Und ein Blinzeln von unfassbar blauen Augen.

„Die Landung auf Silvabon war nicht geplant?“ Als er hörte, wie rau seine Stimme klang, biss er die Zähne zusammen.

Garcia schüttelte den Kopf. „Es war ein Direktflug von Athen nach Madrid.“

Elsie Wynters ungeplante, unabsichtliche Anwesenheit in Silvabon sollte ihn eigentlich nicht interessieren. Es war reiner Zufall. Er würde es also ignorieren.

„Reist sie alleine?“ Warum hatte er das gefragt? Welchen Unterschied machte es?

„Ja, Majestät.“

„Sie soll in den Palast gebracht werden.“

„Majestät?“

Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Ich will sie hier im Palast haben. Sofort.“ Die Worte waren heraus, bevor er sie aufhalten konnte. Und es fühlte sich gut an.

Ich will sie …

Wütend schob er den Gedanken beiseite. Nein, das war nicht der Grund. So einfach würde er Elsie Wynter nicht davonkommen lassen. Sie hatte ihn verletzt, aber vor allem seine Schwester, und dafür war sie ihm eine Erklärung schuldig. Er wollte die Worte aus ihrem Mund hören. Warum sie verschwunden war. Warum sie seine Stiefschwester im Stich gelassen hatte. Warum sie gelogen hatte.

Felipe hasste Lügner genauso sehr wie Menschen, die ihrer Verantwortung den Rücken kehrten. Meist machten Menschen, die das eine taten, auch das andere. Wie seine Eltern. Aber er würde nicht zulassen, dass Amalia dasselbe durchmachte. Sie hatte schon genug verloren.

„Eure Majestät …“

„Höchste Sicherheitsstufe. Kein Aufsehen, keine Zeugen.“ Felipe dachte nicht daran nachzugeben. „Setzen Sie Ortiz darauf an. Verstanden?“

Er würde noch einmal in die blauen Augen von Elsie Wynter schauen. Aber diesmal würde er sich nicht von ihrer Schönheit blenden lassen. Denn es war seine Aufgabe, seine junge Stiefschwester zu beschützen.

Wegen dieser Frau hatte er versagt, und dafür würde sie bezahlen.

2. KAPITEL

Drei Monate vorher

„Sie könnte ein Sicherheitsrisiko sein.“

Felipe erstarrte. Er hatte vergessen, dass sein Leibwächter Ortiz neben ihm stand und auf seine Anweisungen wartete. Eigentlich war er in dieses kleine Café gekommen, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Aber innerhalb weniger Sekunden hatte ihn die sanfte Musik der jungen Sängerin in den Bann gezogen. Er ertappte sich dabei, wie er dieser melodischen Stimme lauschte. Dieser leicht raue Klang …

Er biss die Zähne zusammen und unterdrückte die unvermittelte Reaktion seines Körpers. Es war Verlangen.

Diese Frau war ganz und gar nicht das, was er erwartet hatte. Sie war …

„Meinen Sie wirklich?“, murmelte er.

Er versuchte, seine Muskeln zu entspannen. Er war nicht auf ihre Schönheit vorbereitet gewesen. Das blau-weiß geblümte Sommerkleid betonte ihre blauen Augen, seidig blondes Haar umrahmte ihr herzförmiges Gesicht.

Sie sah bezaubernd aus, nicht gefährlich.

Seit dem Verschwinden seines Vaters vor vielen Jahren war sein Sicherheitsteam übervorsichtig. Inzwischen ignorierte Felipe die Bedenken meist. Wenn es nach seinem Securitychef ging, stellte jeder Mensch ein Sicherheitsrisiko dar.

Aber so konnte Felipe nicht leben. Genau deshalb hatte er Ortiz ausgewählt, um Amalias neue Bekanntschaft zu überprüfen. Ortiz war nicht ganz so übervorsichtig wie der Rest seines Teams. Und doch wirkte er jetzt ausgesprochen misstrauisch.

Um ehrlich zu sein, fiel es Felipe schwer, sich vorzustellen, dass diese Frau eine Gefahr für Amalia darstellen könnte. Mal abgesehen davon, dass ihm sich bei ihrem Anblick jeder Muskel im Körper anspannte.

Er wandte den Blick ab und schaute auf das Mädchen neben ihr, Amalia. Es war ihm nicht leichtgefallen, sich über Nacht um eine dreizehnjährige Jugendliche zu kümmern, der er vorher noch nie begegnet war. Aber Felipe hatte keine Wahl gehabt, er war der einzige Verwandte, der ihr nach dem Unfall geblieben war. Darum hatte er seine Stiefschwester Amalia vor sechs Monaten zu sich nach Silvabon geholt.

Auch jetzt wirkte sie so ruhig wie üblich, fast schon teilnahmslos. Sie benahm sich kein bisschen wie eine fröhliche normale Jugendliche, denn sie erholte sich immer noch von ihren Verletzungen und trauerte um ihre Eltern. Für ein Kind in ihrem Alter hatte sie schon viel zu sehr gelitten.

Diese Frau mit den hellblauen Augen war der erste Mensch, an dem Amalia hier in Silvabon Interesse zeigte. Darum musste er behutsam mit der Situation umgehen. Amalia gehörte nicht zur königlichen Familie, sie musste keine besonderen Pflichten erfüllen und sollte nicht unter dem Palastleben leiden. Aber solange sie jung und verletzlich war, solange sie unter seinem Schutz stand, musste er die Menschen in ihrem Umfeld überprüfen.

Also, wer war diese Frau?

„Sie arbeitet hier im Café. Meistens alleine. Sie backt und kümmert sich um alles, schreibt die Menükarte und bedient die Gäste. Das Café ist klein, aber beliebt. Der Ladeninhaber kommt meist erst später“, erklärte Ortiz und fügte hinzu: „Ihre Zitronentörtchen sind wirklich gut.“

Ach ja? Aus irgendeinem Grund gefiel Felipe der Gedanke nicht, dass Ortiz ihr Essen probiert hatte. Er warf einen Blick auf den Aufsteller. Das Tagesmenü stand in kunstvoller Schrift auf der schwarzen Tafel. Offensichtlich besaß diese zierliche Blondine, die sich gerade zu seiner Stiefschwester hinabbeugte, viele Talente.

Seit fast zwei Wochen verbrachte Amalia jeden Tag mindestens eine Stunde in diesem Café. Zuerst hatte Felipe gedacht, sie träfe sich vielleicht mit einem Jungen. Aber nein, es war diese Frau, die eine blütenweiße Schürze über ihrem Sommerkleid trug. Ihre klobigen Lederstiefel standen im Kontrast zu dem weichen Stoff des Kleides. Mehrere silberne Ringe zierten ihre Ohrläppchen. Als die Ohrringe in der Morgensonne funkelten, ertappte Felipe sich dabei, wie er sie anstarrte und ihren anmutig geschwungenen Hals bewunderte.

Das war vollkommen unangebracht. Im Stillen zählte er bis vier, langsam und kontrolliert, wie bei einem Tauchgang im Meer.

Die beiden saßen hinten im Café und schlugen einige Takte auf einer seltsam aussehenden kleinen Gitarre an. Das war ganz bestimmt kein Sicherheitsrisiko. Aber zu sehen, wie Amalia sich nah zu der blonden Frau beugte, machte ihn nervös. Auch wenn er nicht verstand, warum, denn alles, was die Fremde tat, war, Amalia zu zeigen, wie sie ihre Finger auf die Saiten legen musste.

„Sie hält sich seit fast drei Monaten in Silvabon auf. Amalia kommt seit zehn Tagen hierher. Ich habe schon einiges über sie in Erfahrung gebracht, aber noch keinen kompletten Sicherheitscheck durchgeführt“, teilte Ortiz ihm leise mit. „Soll ich das tun?“

Felipe sah, wie die Frau Amalia ermutigend anlächelte, während seine Stiefschwester zaghaft an den Saiten zupfte.

„Nein. Noch nicht. Ich finde es selbst heraus.“

Mit langen Schritten ging er zu ihr. Amalia hielt ihn bestimmt für einen strengen und übervorsichtigen Stiefbruder, aber damit musste sie leben. Ihre Sicherheit war seine oberste Priorität.

„Hallo, Amalia. Willst du mich nicht deiner Freundin vorstellen?“ Er ignorierte Amalias unwilligen Gesichtsausdruck und sah die fremde blonde Frau an. Ihre hellblauen Augen weiteten sich erschrocken, dann legte sich eine zarte Röte auf ihre Wangen.

Felipe war es gewohnt, solche Reaktionen bei den Leuten hervorzurufen: erröten, stottern, lächeln und seinem Blick ausweichen. Aber das hier war anders. Sie war anders. Obwohl sich ihre Wangen rosa färbten, erwiderte sie seinen Blick – kühl und distanziert.

Vielleicht hatte Ortiz recht.

„Als wenn du nicht längst wüsstest, wer sie ist“, sagte Amalia. „Ich habe gesehen, wie du mit Captain Ortiz gesprochen hast. Ich bin nicht dumm.“

Nein. Nur trotzig und unnahbar. Felipe spürte, wie er die Schultern anspannte. Aber er konnte Amalia verstehen. In ihrem Alter im Palast von Silvabon festzusitzen – er wusste nur zu genau, wie sich das anfühlte. Leider hatte er keine Idee, wie er es Amalia leichter machen konnte.

„Weiß sie, wer du bist?“, fragte er.

Amalias Miene verhärtete sich. „Falls du damit unterstellen willst, sie verbringt nur Zeit mit mir, weil ich mit dir verwandt bin – nein, das weiß sie nicht.“

„Natürlich weiß sie das!“, entgegnete er. „Jeder in der Stadt weiß, wer du bist.“

„Erst, seit ihr Boss ihr davon erzählt hat. Aber wir waren schon vorher Freundinnen.“

Ein belustigter Funke glitzerte in den Augen der Frau auf, als sie Amalia einen Blick zuwarf. „Hey, ich sitze direkt neben euch.“ Dann richtete sie ihre blauen Augen wieder auf ihn. „Ich bin Elsie Wynter. Und Sie sind König Felipe, Amalias Stiefbruder.“

Sie stand in seiner Gegenwart nicht auf, wie es sich gehörte. Es gab keinen Knicks, kein Eure Majestät, kein Schön, Sie kennenzulernen. Außerdem lag in ihren Augen keine Angst.

Stattdessen klang ihre Begrüßung leicht spöttisch. Einen Moment lang sah er sie an. Sie erwiderte seinen Blick. Er fragte sich, was sie wohl denken mochte. Ob ihr gefiel, was sie sah? Plötzlich spürte er einen Sog, eine tiefe Anziehungskraft.

Aber er ließ sich nichts anmerken. In seinem Leben hatte er genug schöne Frauen getroffen. Auf keinen Fall würde er hier und heute seine Gelassenheit verlieren. Ungerührt sah er sie an und wartete.

Auch wenn sie den Blick nicht senkte, verschwand das kampfbereite Funkeln aus ihren Augen. Offensichtlich rechnete sie damit, dass er sie aus Amalias Leben verbannte. Glaubte sie, dass sein Sicherheitsteam etwas über sie herausgefunden hatte? Falls ja, stellte sie vielleicht wirklich ein Risiko dar. Seine Neugier war jedenfalls geweckt.

„Amalia verbringt viel Zeit mit Ihnen.“

Selbst in seinen eigenen Ohren klang er wie ein überfürsorglicher großer Bruder.

„Ich sitze direkt neben euch, Felipe.“ Amalia rollte mit den Augen, als sie Elsie Wynters freche Antwort nachahmte.

„Und zwar schon viel zu lange“, sagte er kühl. „Du kommst zu spät zur Physiotherapie. Es ist unhöflich, deinen Therapeuten warten zu lassen.“

Amalia seufzte. „Also bist du hier, um mich zurück ins Gefängnis zu bringen?“

„Gefängnis?“, fiel Elsie ihr lachend ins Wort. „Bitte zerstöre nicht meine Fantasien über das märchenhafte Palastleben.“

Als Amalias Mundwinkel sich zu einem kleinen Lächeln verzogen, erstarrte Felipe vor Erstaunen. Seit ihrer Ankunft in Silvabon hatte er Amalia noch kein einziges Mal lächeln sehen. Und sie empfand den Palast also als Gefängnis? Das war nicht gut. Gar nicht gut.

Erneut sah Elsie ihn mit kühler Herausforderung an. „Es tut mir leid, wir haben die Zeit völlig aus den Augen verloren.“

„Amalia nicht. Sie hat die Textnachrichten auf ihrem Handy einfach ignoriert.“ Er warf einen Blick auf das teure Handy, das vor seiner Stiefschwester auf dem Tisch lag.

„Sie hat es auf meine Bitte hin auf stumm gestellt.“

Felipe schaute erstaunt auf. Warum wollte die Fremde nicht, dass Amalia ihr Handy benutzte?

„Damit wir uns besser auf die Musik konzentrieren können“, erklärte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

„Also ist Amalias Verspätung Ihre Schuld?“

„Genau.“ Sie zuckte mit den Schultern. Bei der Bewegung verrutschte der Träger ihres Kleids, und plötzlich verspürte er den Drang, seine Hand auszustrecken und zu prüfen, ob sich ihre Haut wirklich so warm und weich anfühlte, wie sie aussah.

„Nein …“, begann Amalia.

„Schon gut“, unterbrach er seine Stiefschwester. „Ich verstehe das.“

Amalia reichte Elsie die Gitarre und stand auf, wobei sie dramatisch seufzte. „Jetzt wird er dich davor warnen, mehr Zeit mit mir zu verbringen“, sagte sie zu Elsie. „Aber bitte hör nicht auf ihn. Wir sind nicht einmal richtig verwandt.“

Als Amalia ärgerlich an ihm vorbeistampfte, war ihr Humpeln deutlich zu sehen. Seit Neustem trug sie ihr langes Haar offen, aber es verbarg die tiefe Röte auf ihren Wangen nicht.

Felipe biss die Zähne zusammen. Mit dieser Art von Beziehungen hatte er keine Erfahrung. Er hatte nie Geschwister gehabt. Außerdem war er eher ihr Erziehungsberechtigter als ihr Bruder. In Amalias Leben gab es keine Gleichaltrigen. Auch diese Frau hier war eher in seinem Alter als in Amalias.

Er wollte seine Stiefschwester beschützen. Vor … ach, einfach vor allem. Er wollte nur das Beste für sie. Aber leider hatte er keine Idee, was das war.

Elsie lächelte schief. „Sie weiß ganz gut, wie man sich durchsetzt, nicht wahr?“

Felipes Blick verfing sich in ihren blauen Augen. Er bemerkte, dass ihre Pupillen sich weiteten – aber nicht vor Angst. Offensichtlich schüchterte er sie kein bisschen ein. Also musste diese instinktive Reaktion einen anderen Grund haben.

„Sie ist verletzlicher, als sie glaubt“, erwiderte er.

Elsie nickte ernst. „Wenn Sie denken, das weiß ich nicht, müssen Sie mich für dumm halten.“

„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, murmelte er.

Ein Funke leuchtete in ihren Augen auf. „Nicht? Ich dachte, Sie sind der Typ, der auf den ersten Blick verurteilt.“

„Nein.“ Er setzte sich auf den Stuhl, den Amalia gerade verlassen hatte. „Das scheint eher Ihre Stärke zu sein.“

Als ihm ihr Duft nach Zitrone in die Nase stieg, klopfte sein Herz schneller und er biss die Zähne zusammen. Auch wenn ihre Augen hellblau wie ein Gletscher waren, wirkten sie nicht kalt.

„Wer sind Sie, Elsie Wynter? Warum sind Sie in Silvabon?“

„Als hätten Sie mich nicht schon längst überprüft.“ Sie nickte in Richtung seines Bodyguards.

In den dunklen Anzügen, unter denen sich Waffen abzeichneten, waren seine Bodyguards ungefähr so auffällig wie die Palastwachen in ihren Uniformen.

„Das tue ich jetzt gerade“, antwortete er.

Er konnte nicht widerstehen und musterte sie intensiv, viel zu lange. Die zarte Röte auf ihren Wangen und die Art, wie sich ihre Lippen leicht geöffnet hatten, verrieten ihm, dass auch sie diese Spannung zwischen ihnen spürte. Aber sie hielt seinem Blick stand.

„Und? Was haben Sie herausgefunden?“

Dass sie noch schöner war, als er gedacht hatte. Dass etwas in ihrer Ausstrahlung ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Und doch spürte er gleichzeitig den Drang, ihr zu vertrauen, wollte ihre Geheimnisse erfahren, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft. Was sie zum Lachen brachte oder zum Weinen.

Wie sie schmeckte.

Das Verlangen pochte tief in ihm. Aber nichts davon konnte er laut aussprechen.

„Ich bin nur vorübergehend hier“, erklärte sie, bevor er antworten konnte. „Amalia hat gehört, wie ich in der Mittagspause Musik gespielt habe. Sie hat mich gefragt, ob ich ihr meine Mandoline zeige, und ich habe Ja gesagt. Bevor ich wusste, wer sie ist.“

Also war es eine Mandoline? Er nickte. Interessant auch, dass sie ihm sofort mitteilte, dass sie nicht lange bleiben würde.

„Aber jetzt wissen Sie, wer Amalia ist?“

Sie nickte. „Mein Boss hatte sie erkannt.“

„Und ich weiß inzwischen, dass sie täglich herkommt. Darum bin ich hier.“

Ärger blitzte in ihren Augen auf. „Sind ihre Treffen mit mir ein Problem?“

„Um das zu entscheiden, bin ich hergekommen.“ Er atmete tief ein. Normalerweise teilte er keine persönlichen Informationen mit Fremden, aber das hier war etwas anderes.

„Amalias Eltern sind vor sieben Monaten bei einem Zugunglück ums Leben gekommen. Sie selbst wurde dabei ebenfalls schwer verletzt, und die Ärzte wissen noch nicht, ob sie sich je wieder vollständig erholen wird.“

„Ja. Das hat sie mir erzählt.“

Autor

Natalie Anderson
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