Texas Cattleman's Club Edition Band 21

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Im Texas Cattleman’s Club treffen die Gentlemen der Stadt Royal zusammen – hier werden Deals angebahnt und Kontakte gepflegt. Und einige der wohlhabenden und erfolgreichen Mitglieder begegnen hier zum ersten Mal ihrer großen Liebe …

IN SINNLICHER MISSION von METSY HINGLE

Mitten im Sturm findet Josie ihn an der einsamen Landstraße - mit zwei Babys! Wer ist der Mann ohne Gedächtnis? Josie will seine Vergangenheit enträtseln - und ahnt nicht, dass der attraktive Fremde nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Herz in Aufruhr versetzen wird …

SO STILLST DU MEIN VERLANGEN von CINDY GERARD

Prinzessin Anna ist unerreichbar für den bürgerlichen Unternehmer Gregory Hunt. Das hat sie ihm nach ihrer heimlichen Kurzaffäre klargemacht. Trotzdem zögert er nicht, als sie jetzt seine Hilfe braucht. Nur wie soll er das Verlangen stillen, das Anna immer noch in ihm weckt?

HEISS VERFÜHRT ... ZUM HEIRATEN von JENNIFER GREENE

„Okay, heiraten wir!“ Widerstrebend nimmt Winona den Antrag ihres guten Freundes Dr. Justin Webb an, der seit Jahren um sie wirbt. Natürlich nur, um ihr Findelbaby adoptieren zu können. Nie hätte sie damit gerechnet, dass Justins Überraschungskuss ihr Verlangen weckt …


  • Erscheinungstag 25.04.2026
  • Bandnummer 21
  • ISBN / Artikelnummer 8204260021
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Metsy Hingle

PROLOG

Blake Hunt gefror das Blut in den Adern, als er auf dem Rücksitz seines Wagens ein Baby wimmern hörte. Eines hatte er in den letzten achtundvierzig Stunden gelernt – Junggesellen und Babys passten nicht zusammen. Vor die Wahl gestellt, hätte er es lieber mit einem Erschießungskommando zu tun gehabt, als mit den vier Monate alten Zwillingen, die in ihren Babyschalen auf der Rückbank festgeschnallt waren.

„Warum konnte ich nicht einen einfachen Auftrag bekommen – eine Bande Terroristen entwaffnen, zum Beispiel?“ Er drückte das Gaspedal durch, und die Limousine raste über die dunkle texanische Straße, die in dem mächtigen Unwetter kaum zu sehen war.

Hundemüde von der Mission, die er für das Alpha-Team und seinen Bruder Greg ausgeführt hatte, spielte Blake die Flucht aus dem Palast in Gedanken noch einmal durch. Selbst mit seiner Ausbildung als Geheimagent war es keine leichte Aufgabe gewesen, die Zwillinge aus dem kleinen Königreich Asterland zu retten, in dem sie als Geiseln gehalten worden waren. Aber er hatte es geschafft. Er hatte die mutterlosen Babys gerettet und Prinz Ivans Pläne vereitelt, mit ihrer Hilfe die Herrschaft über das Königreich Obersbourg zu gewinnen. In weniger als zwei Stunden würde seine Mission beendet sein, vorausgesetzt, das Wetter ließ es zu. Dann würden sie in Royal, Texas, sein, und er könnte die beiden ihrer Tante übergeben.

Ein erneutes Wimmern riss ihn aus seinen Gedanken. Trotz der Novemberkälte standen Schweißperlen auf seiner Stirn. Er richtete den Blick gen Himmel. Bitte, lass sie nicht wieder wach werden! Das Wimmern steigerte sich zu einem Jammern. „So viel zu Gebeten“, murmelte er.

„Haltet noch einen Moment durch, ihr kleinen Monster.“ Er richtete seine Aufmerksamkeit abwechselnd von den blauäugigen Babys hinter sich zu der vom Unwetter verwüsteten Straße vor sich. Eine Windböe fegte den Wagen fast von der Straße, als er um die nächste Kurve bog. Blake umklammerte fluchend das Lenkrad, um ihn in der Spur zu halten. In diesem Moment stimmte das zweite Baby in das Protestgeschrei ein. Blake wusste nicht, was schlimmer war – das nervige Geschrei der Zwillinge oder die Fahrt durch das schwerste Unwetter, das West-Texas seit der Sintflut erlebt hatte.

Seufzend warf er noch einen Blick auf das Duo mit den kräftigen Lungen. Ihm wurde unerwartet warm ums Herz, als er auf das winzige Paar blickte, das er für die Flucht aus dem Palast in hässliche Tarnjacken gewickelt hatte. Miranda – er war sicher, dass sie später mal die Herzen aller Jungs brechen würde – streckte ihm die Ärmchen entgegen.

„Pst. Es ist alles gut, Süße. Onkel Blake ist da.“ Er löste seinen Sicherheitsgurt und streckte einen Arm nach hinten aus, um die winzigen Händchen zu streicheln. Das Mädchen schrie trotzdem weiter. Fast hektisch überlegte er, was er tun sollte. „Schnuller.“ Er griff in die Tasche auf dem Beifahrersitz und fand einen Gumminuckel. „Hier“, sagte er und schob ihr den Schnuller in den Mund.

Er überlegte gerade, ob er anhalten und den zweiten Schnuller für Edward holen sollte, als der Kleine aufhörte zu schreien und wieder einschlief. Erleichtert widmete Blake seine Aufmerksamkeit der Straße. Das Unwetter tobte noch heftiger als vorhin, als sie am Flughafen losgefahren waren. Die normalerweise trockenen Gullis füllten sich schnell. Blake konnte sich nicht erinnern, in seinen dreißig Lebensjahren je zuvor ein solches Unwetter in West-Texas erlebt zu haben. Aber er konnte nicht anhalten und darauf warten, dass es sich verzog. Er musste heute Abend nach Hause – nach Royal. Sein Bruder Greg und das Alpha-Team, alles Mitglieder des exklusiven Texas Cattleman’s Clubs, zählten auf ihn. Genau wie Prinzessin Anna.

Die Zwillinge waren wieder eingeschlafen. Wut stieg in ihm hoch, als er an Prinz Ivan und dessen Versuche dachte, die Kinder für seine Zwecke einzusetzen. Er würde kein guter Verlierer sein. „Macht euch keine Sorgen. Onkel Blake wird ihn nicht in eure Nähe lassen. Das verspreche ich.“

Der Regen hämmerte auf den Wagen und klatschte gegen die Windschutzscheibe. Obwohl die Scheibenwischer auf Hochtouren arbeiteten, konnte Blake die Straße kaum erkennen. In Gedanken immer noch bei dem Prinzen, sah er nicht den Flügel einer Windmühle auf der Straße liegen, bis er fast darüber fuhr. Er konnte das Lenkrad gerade noch rumreißen. Der Wagen kam ins Schlingern, Blake trat auf die Bremse. Eine heftige Böe erfasste den Wagen von hinten und schleuderte ihn seitlich über die Straße. Blake kämpfte, damit sich der Wagen nicht überschlug, doch er konnte nicht verhindern, dass er die niedrige Brücke über dem Bach rammte. Der Wagen drehte sich und rutschte die Böschung hinunter. Die Babys schrien. Blake fiel nach vorn und stieß mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe, bevor der Wagen zum Stillstand kam.

Benommen, die Stirn blutüberströmt, nahm er als Erstes das Angstgeschrei der Kinder wahr. Die Zwillinge! Er musste sich um die Zwillinge kümmern. Er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Sie ließ sich öffnen, und er fiel bis zu den Knien in Matsch und Wasser. Er versuchte zu stehen, doch der Wind schleuderte ihn gegen den Wagen. Dabei stieß er mit dem Kopf gegen die Tür, und der Schmerz explodierte in seinem Schädel. Ihm verschwamm alles vor Augen. Er sank zu Boden, ohne zu merken, dass sein Portemonnaie aus der Tasche fiel, und der Wind die schwarze Brieftasche in den Fluss wehte.

Und als der Regen erbarmungslos auf ihn trommelte, verlor Blake endgültig das Bewusstsein.

1. KAPITEL

Mist. Mist. Mist.

Josie Walters schlug mit den Fäusten gegen das Lenkrad ihres alten Ford Explorers und starrte auf die Scheibenwischer, die einen aussichtslosen Kampf gegen den peitschenden Regen führten. Im Schritttempo kämpfte sie sich durch die Dunkelheit. „Ich hätte viel früher in Royal losfahren sollen“, murmelte sie.

Sie hätte schon seit Stunden zu Hause auf ihrer Farm sein können, wenn sie nicht auf diese verdammte Stimme in ihrem Kopf gehört hätte.

„Wie bin ich nur darauf gekommen, dass eine Anzeige für einen Landarbeiter die Antwort auf meine Gebete sein könnte? Schöne Antwort!“ Josie umklammerte das Lenkrad und ärgerte sich über ihren verdammten Optimismus.

„Du bist eine absolute Idiotin, Josie Walters.“ Denn nur ein Idiot wartete auf den letzten Bewerber, in dem Glauben, dass er anders wäre als die anderen fünf Männer, mit denen sie gesprochen und die sie dann ausgemustert hatte. Nummer sechs, ein Herumtreiber namens Pete Mitchell, war nicht nur genauso unfähig und teuer gewesen wie die anderen, der Mann hatte doch tatsächlich geglaubt, sie würde ihn auch noch in ihr Bett lassen.

„So ein Mistkerl. Sexuell ausgehungerte Witwe, na klar!“ Sie kochte vor Wut, als sie sich an die Bemerkung erinnerte und betete, dass weder Forrest Cunningham, Mitglied des noblen Cattleman’s Clubs, noch die anderen Gäste diesen dreisten Kerl gehört hatten. Wie könnte sie sich sonst jemals wieder in Royal blicken lassen?

Wann lernst du endlich dazu, Josie? Das Leben ist kein Märchen. Weit gefehlt. Haben dich das die Jahre, in der du von einer Familie zur nächsten gereicht wurdest, nicht gelehrt? Wenn du daran noch gezweifelt haben solltest, hätte dich dein treuloser Ehemann doch eines Besseren belehren sollen. Schließlich warst nicht du bei ihm, als er seinen Wagen um diesen Strommast gewickelt hat. Du hast seine Erwartungen nicht erfüllt, schon vergessen? Deshalb hat er diese hübsche neue Kellnerin aus Midland mitgenommen. Begreif’s endlich, Josie. Happy End und Traumprinzen gibt es nur in Büchern.

Josie verdrängte die schmerzliche Erinnerung und konzentrierte sich auf den groben Fehler, den sie heute gemacht hatte, während sie weiter langsam die Straße entlangfuhr. Sie hatte nicht nur die Kosten für die Anzeige gehabt, sondern auch noch einen ganzen Tag verloren. Und das konnte sie sich bei all der Arbeit, die vor dem Termin mit der Bank noch auf sie wartete, nicht leisten. Aber wie sollte sie die Farm in einen guten Zustand bringen, wenn sie keine bezahlbare Hilfe fand? Und was sollte sie tun, wenn die Bank ihr Kreditgesuch ablehnte und sie die Farm verlor?

Bei dem Gedanken stieg Josie die Galle hoch. Sie würde die Farm nicht verlieren. Unabhängig davon, dass ihre Ehe eine Katastrophe gewesen war, hatte Ben ihr wenigstens die Farm überlassen. Wenn sie auch heruntergewirtschaftet war, war das Haus doch ihr Zuhause. Mit neunundzwanzig Jahren hatte sie das erste Mal ein Zuhause, das sie ihr Eigen nennen konnte. Und das würde sie nicht kampflos aufgeben. Irgendwie würde sie einen Weg finden, es zu behalten. Ob mit oder ohne Kredit.

Plötzlich flog ein Tempolimit-Schild auf die Straße. Josie scherte aus und hielt mit klopfendem Herzen am Straßenrand an. Wind und Regen fegten über die Landschaft und ihren Wagen. Sie erschauerte und klappte den Kragen ihrer Jeansjacke hoch. Vielleicht war es klüger, ihre Sorgen um die Farm zurückzustellen und sich darauf zu konzentrieren, heil nach Hause zu kommen.

Vorsichtig fuhr sie weiter und starrte angestrengt durch die Windschutzscheibe. Weiter vorn sah sie einen weiteren Windmühlenflügel mitten auf der Straße liegen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Als sie sich dem Flügel näherte, sah sie aus dem Augenwinkel heraus links einen Lichtschimmer. Ihr Herzschlag beschleunigte sich beim Anblick eines Wagens, der mit der Schnauze zum anschwellenden Fluss zeigte. Dann entdeckte sie einen Körper neben dem Wagen. „Oh, mein Gott!“. Sie fuhr ihren Explorer an den Straßenrand, zog die Handbremse an und öffnete schnell ihren Sicherheitsgurt.

Josie sprang aus dem Wagen und rannte los. Sie war noch keine drei Schritte gelaufen, da war sie schon völlig durchnässt und zitterte vor Kälte. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und ging neben dem Körper des Mannes auf die Knie. Ihr Herz schlug wie ein Presslufthammer, als sie den Finger an seine Halsschlagader legte. Erleichtert stellte sie fest, dass sein Puls gleichmäßig und stark war.

„Können Sie mich hören?“, schrie sie gegen den Wind an. Als er stöhnte, drehte sie seinen Kopf ins Scheinwerferlicht. Josie stockte der Atem. Oh, Mann. Was für ein Gesicht! Das Gesicht eines Traumprinzen, selbst mit der hässlichen Wunde auf der Stirn. Hohe Wangenknochen, energisches Kinn, sexy Mund. Er bewegte sich, stöhnte wieder, dann flatterten seine Augenlider. Braune Augen mit goldenen Flecken blickten zu ihr auf.

„Was ... was ist passiert?“ Seine Stimme war so rau wie Schmirgelpapier und in dem Sturm kaum zu hören.

„Sie hatten einen Unfall.“ Sie schrie fast, damit er sie hörte. Auch wenn der Regen nachzulassen schien, der Sturm war stärker geworden. „Der hässlichen Wunde auf Ihrer Stirn nach zu urteilen, sind Sie gegen die Windschutzscheibe geprallt.“ Sie blickte zu seinem Wagen, dann wieder zu ihm. „Es wundert mich, dass sich der Airbag nicht entfaltet hat.“ Sie überlegte, ob er den Airbag abgeklemmt hatte.

Er sah sie an, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach. Dann hob er die Hand und legte sie auf ihre Wange.

Die unerwartete Berührung schickte einen Schauer durch Josies Körper. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie war nicht daran gewöhnt, berührt zu werden – vor allem nicht von einem Mann, und es war lange her, dass sie so heftig auf einen reagiert hatte. Bens Untreue und seine Aufzählung ihrer Unzulänglichkeiten hatten vor langer Zeit jede Sehnsucht nach der Berührung eines Mannes in ihr ersterben lassen. Vor einer Stunde hätte sie noch geschworen, dass sie diesen Teil ihrer Weiblichkeit lange vor dem Tod ihres Mannes verloren hatte. Offensichtlich hatte sie sich getäuscht, denn ihre Haut prickelte dort, wo er sie berührt hatte. Ihre Reaktion war ihr peinlich, daher begann sie, ihn auf weitere Verletzungen zu untersuchen.

„W...wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich bin Josie. Josie Walters.“

„Ich wusste gar nicht, dass Engel einen Nachnamen haben.“

Ihre Hände blieben still auf seinen Rippen liegen. „Ich bin kein Engel.“

„Sind Sie sicher?“

„Absolut.“

„Ich habe mir Engel immer mit Augen wie Ihren vorgestellt – grün wie das Gras im Sommer.“

Die Unterhaltung ist absurd, sagte Josie sich. Sie kniete im Sturm am Straßenrand neben einem Verletzten, und der Mann sprach von ihrer Augenfarbe. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflatterten. Als sie merkte, wie er sie beobachtete, schluckte sie. Bestimmt bilde ich mir das nur ein, sagte sie sich. Männer sahen sie nicht so an. Die meisten Männer sahen noch nicht einmal zweimal hin – zumindest keine wie dieser. Es gab zu viele schöne Frauen in Texas, um sich für eine zu interessieren, die zu dünn war, widerspenstiges Haar und ein Allerweltsgesicht hatte. Offensichtlich hatte der Schlag an den Kopf seine Sehkraft getrübt. „Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss, Cowboy, aber ich bin kein Engel.“

„Das bedeutet dann wohl auch, dass ich nicht tot bin.“

Josie verkniff sich ein Lächeln. „Nein. Sie sind nicht tot. Soweit ich das beurteilen kann, haben Sie sich auch nichts gebrochen.“ Sie setzte sich zurück auf die Fersen. „Sie haben ein paar Schnittwunden, und am Hinterkopf eine Beule, die so groß wie eine Zitrone ist. Die Wunde auf ihrer Stirn sollte genäht werden. Glauben Sie, Sie können sich aufsetzen?“

„Ja.“

Sie legte einen Arm um ihn und half ihm. Dabei streifte ihre Brust seinen Arm. Ihr wurde heiß bei dem harmlosen Körperkontakt. Überrascht und verwirrt über ihre Reaktion, wäre Josie am liebsten zurückgewichen. Doch sie gab dem Drang erst nach, als er saß. „Auch wenn Ihr Wagen vielleicht noch fährt, ich glaube nicht, dass Sie selbst fahren können. Mein Wagen steht dort am Straßenrand.“ Sie deutete auf ihren Explorer. „Schaffen Sie es mit meiner Hilfe dorthin? Wir müssen Sie ins Krankenhaus bringen.“

Der verwirrte Blick in seinen Augen klärte sich und wurde wieder scharf. Plötzlich passte er nicht mehr in die Schublade, in die sie die steckte, die Gentlemen’s Quarterly, das Lifestyle-Magazin für Männer, lasen, sondern wurde zu einem dieser gefährlichen, unbezähmbaren Männer, die sich gar nicht einordnen ließen.

„Kein Krankenhaus.“

„Aber Ihr Kopf ...“

Als hätte er die Verletzung vergessen, presste er die Finger an die Stirn. Sofort waren sie blutig, doch der Regen spülte das Blut weg. „Es ist alles in Ordnung. Kein Krankenhaus.“

„Aber Sie sind verletzt.“

Seine dunklen Augen umwölkten sich, ein schiefes Grinsen umspielte seinen Mund. Der Mann vom GQ-Titel war zurück. „Es ist nur ein Kratzer. Ich wette, ein Kuss würde helfen.“

Josie blinzelte. „Sie sind wohl verrückt“, sagte sie und wollte aufstehen.

Er streckte die Hand aus und packte sie am Handgelenk. Bevor sie ihn stoppen konnte, zog er sie zu sich, worauf sie beide in den Matsch kippten. Im nächsten Moment fand sein Mund – dieser nasse, sexy Mund – schon ihren, und er küsste sie so sanft und zärtlich, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie vergaß den Regen. Sie vergaß die Kälte. Sie vergaß, dass sie am Rand einer verlassenen Straße auf einem Fremden lag – einem verletzten Fremden – der die Augen eines gefährlichen Piraten hatte und wie ein Märchenprinz küsste.

Plötzlich, wie durch einen Zauber, verlor der Sturm an Stärke. Und da hörte sie es. Ein Baby schrie aus Leibeskräften. Das Geräusch schnitt wie ein Skalpell durch ihre vom Kuss getrübten Sinne. Sie riss sich von dem Mann los und taumelte zurück. Dann schüttelte sie den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. Meine Güte, jetzt meinte sie schon, mehrere Babys zu hören.

„Ich hatte recht. Ich brauche kein Krankenhaus. Ich habe nur einen Kuss gebraucht. Jetzt fühle ich mich viel besser.“

„Dann sind Sie wohl nicht so schwer verletzt, wie ich dachte“, erwiderte sie verärgert.

Sie drehte ihm den Rücken zu und wollte zurück zu ihrem Wagen. Dann hörte sie es wieder – ein Baby weinte. Sie blieb stehen, sah zurück. „Das klingt vielleicht verrückt, aber ...“

Er war noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte – nur, dass er jetzt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Sie eilte zu ihm, merkte, dass er bewusstlos war. Und wieder hörte sie das Baby weinen – dieses Mal lauter. Josie hangelte sich an dem bewusstlosen Fremden vorbei und riss die Hecktür der eleganten Limousine auf. „Oh, mein Gott“, flüsterte sie beim Anblick der zwei rotgesichtigen, schreienden Babys, die in ihren Babyschalen lagen. Eins der Babys streckte ihr die Arme entgegen.

Eine eiserne Faust legte sich um Josies Herz. Ihr Verstand setzte aus, ihr Herz übernahm. „Pst. Es ist alles gut, ihr Süßen“, murmelte sie. Sie beugte sich in den Wagen und holte das erste Baby aus seinem Sitz. Sie drückte das Kleinkind an sich und strich mit der Hand über das blonde Haar und den kleinen Rücken. Sofort beruhigte sich das Baby.

Der zweite Säugling schrie weiter herzerweichend. „Es ist gut. Es ist alles gut. Ich lasse dich nicht dort, Sweetie. “ Sie streichelte dem kleinen Schreihals über die Wange, und drückte einen Kuss auf das Händchen. Dann legte sie das Bündel, das sie im Arm hielt, über die linke Schulter und angelte mit der freien Hand die Babyschale aus dem Wagen. „Ich bin gleich zurück.“ So ungern sie das zweite Baby auch nur für eine Sekunde allein ließ, wagte sie es doch nicht, beide auf einmal zu nehmen und einen Sturz zu riskieren.

Dreimal lief sie noch hin und her, dann lagen beide Kinder sicher in ihren Babyschalen auf dem Rücksitz des Explorers und nuckelten zufrieden an ihren Schnullern. Im Kofferraum verstaute sie die Tüte mit genügend Windeln und Babynahrung für mehrere Wochen, die sie in dem Unfallwagen gefunden hatte. Jetzt musste sie nur noch den immer noch bewusstlosen Daddy dieser Kinder zu ihrem Wagen schaffen.

Ihre Überlegung, ihn allein zu lassen und von zu Hause aus Hilfe zu organisieren, hatte sich in dem Moment in Luft aufgelöst, als sie die Babys entdeckte. Sie öffnete die Flasche mit Riechsalz aus ihrem Erste-Hilfe-Kasten und hielt sie ihm unter die Nase.

Er stöhnte auf, schlug die Flasche weg, schnappte nach ihrem Handgelenk und hielt es mit eisernem Griff fest. Seine Kraft überraschte sie. Gerade war er noch bewusstlos gewesen. Doch es war das gefährliche Glitzern in seinen Augen, das ihr Herz schneller schlagen ließ. „Hey, es ist okay. Ich bin es. Josie Walters. Erinnern Sie sich?“

„Josie?“, wiederholte er argwöhnisch.

„Ja. Sie hatten einen Unfall. Schon wieder vergessen? Ich habe gehalten, um zu helfen. Sie müssen aus dem Regen raus. Mein Wagen steht dort an der Straße. Können Sie aufstehen?“

Er sagte nichts, ließ es jedoch zu, dass sie ihm auf die Füße half. „So. Jetzt stützen Sie sich auf mich“, sagte sie. Eine gefühlte Ewigkeit später saß er endlich auf dem Beifahrersitz ihres Wagens. Als sie ihn gerade angeschnallt hatte, wurde er wieder ohnmächtig.

Für die Wegstrecke, für die Josie normalerweise fünfzehn Minuten brauchte, benötigte sie jetzt etwas mehr als eine halbe Stunde. Als sie endlich vor ihrem Farmhaus vorfuhr, wäre sie vor Erleichterung fast in Tränen ausgebrochen.

Sie schaltete den Motor aus und lockerte die Finger, überzeugt davon, dass jetzt Dellen im Lenkrad waren, so fest hatte sie es auf der grauenhaften Fahrt umklammert. „Wir sind zu Hause“, sagte sie zu dem verschlafenen Duo auf dem Rücksitz. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und öffnete die Tür.

Blake spürte den kalten Luftzug und versuchte, sich aus der Dunkelheit ins Licht zu kämpfen. Fieberhaft bemühte er sich, sich zu der sanften Stimme einer Frau zu drehen. Doch so sehr er sich auch abmühte, andere Stimmen störten, zogen ihn zurück in die Dunkelheit ... zurück in große, dunkle Halle mit Marmorböden und fremden Düften ...

Beeilung.

Das Wort feuerte Blake an, als er seinen Arm von der Kehle des Wachmannes nahm. Der Körper des Mannes glitt bewusstlos zu Boden. Beeilung. Muss mich beeilen, dachte Blake. Er stieg über den Wachposten hinweg und eilte den langen, schattigen Korridor entlang. Seine Füße bewegten sich leise über den polierten Boden.

Nichts darf schiefgehen, sagte er sich. Zu viele Menschen verließen sich auf ihn. Er hatte den Grundriss des Palastes gründlich studiert, hatte jedes Detail im Kopf, wusste, in welcher Reihenfolge die Porträts eines jeden Monarchen seit dem sechzehnten Jahrhundert die Wände säumten. Drei Meter links von ihm hing das Wappen von Asterland an der Tür, die in das königliche Kinderzimmer führte. Er bewegte sich leise, schnell, wie er es bei seiner Ausbildung gelernt hatte, und schaltete die zwei Wachen aus, die vor der Tür standen. Er holte das Set mit Spezialdietrichen aus der Tasche und steckte einen davon ins Schloss. Einen Moment später klickte es, und Blake trat ins Zimmer.

Ein kurzer Blick in den Bereich der Nanny bestätigte, dass der alte Drachen tief und fest schlief. Ein leises Schnarchen drang aus ihren halb geöffneten knittrigen Lippen. Blake lächelte bei dem Gedanken an seinen Freund, der dieser Lady den Hof gemacht hatte. Er durfte nicht vergessen, Pierre hundert Franken als Extrabonus zu schicken. Diese Frau zu umwerben, um ihr ein Schlafmittel in den Wein zu geben, war vermutlich nicht einfach gewesen für seinen Freund, der schlanke Schönheiten mit großen Brüsten bevorzugte.

Er verließ die Suite der Nanny und trat in den Raum mit ihren zwei Schutzbefohlenen. Das Mondlicht fiel durch die Fenster auf die Kinderbettchen. Seine Nerven waren aufs Höchste angespannt, doch der Adrenalinrausch, den er bei jedem Auftrag erlebte, ließ ihn zu den Balkontüren eilen. Er öffnete sie und eilte an die Bettchen. Er zögerte, als er die winzigen schlafenden Bündel sah. Mit einer entsicherten Handgranate konnte er umgehen. Aber ein Baby? Was, wenn er es fallenließ? Was, wenn ...

„Beeilung, mon ami.

Die Stimme des anderen Mannes trieb ihn zum Handeln an. Das Baby öffnete nicht einmal die Augen, als er es hochhob und in die Tasche packte, die er vor dem Bauch trug. Als er das zweite Baby holen wollte, starrte ihn dieses aus großen blauen Augen an. „Hi, Süße. Onkel Blake bringt euch zu eurer Tante Anna? Wie gefällt dir das?“ Das Baby protestierte nicht, sondern streckte nur das Ärmchen aus und berührte mit seinen winzigen Fingern sein geschwärztes Gesicht. Blake bekam eine trockene Kehle. Er ergriff das Händchen, damit es nicht schmutzig wurde.

„Blake“, warnte der andere Mann. „Unten tut sich irgendetwas. Wachen stürmen in den Palast.“

Vor der Tür waren Schritte zu hören. Kurzentschlossen schnallte Blake die Babytaschen ab und befestigte sie am Körper des anderen Mannes. „Bring sie zum Boot.“

„Bist du verrückt? Ich kann mit Babys nicht umgehen.“

„Ich auch nicht.“

„Was mache ich, wenn sie schreien?“ Die dunklen Augen des Mannes waren groß vor Angst, sein Akzent ausgeprägter.

„Sing ihnen etwas vor. Du sagst doch immer, dass die Ladys deine Stimme mögen.“

Der Mann grummelte etwas in seiner Muttersprache. Blake versuchte nicht einmal, die Worte zu übersetzen. Dankbar, dass keines der Babys gegen diese nächtliche Aktion protestierte, drückte er einen Kuss auf jedes Köpfchen. „Bis bald.“

„Aber, Blake ...“

„Geh“, befahl Blake.

Beeilung. Beeilung.

Die Worte drangen wieder wie aus dem Nebel zu ihm – strömender Regen, quietschende Reifen. Sein Kopf schmerzte. Er berührte ihn und stöhnte. Etwas Warmes klebte an den Fingerspitzen. Blut, stellte er fest. Egal. Ich muss weiter.

Er konnte nichts sehen. Die Straße war zu dunkel, der Regen zu stark. Und er war müde. So müde. Aber er konnte nicht anhalten, wagte es nicht, sie könnten ihn finden, ihn töten, die Babys stehlen. Das durfte er nicht zulassen. Doch sein Kopf schmerzte, und er konnte sich nicht erinnern, in welche Richtung er musste.

Denk daran, wir verlassen uns auf dich, Blake. Sei vorsichtig, und beeil dich, um Gottes willen.

Blake hörte die Stimme des Mannes und versuchte, sich aufzusetzen. „Muss mich beeilen. Kann sie nicht im Stich lassen. Habe mein Wort gegeben“, murmelte er.

„Pst. Es ist alles gut.“ Sanfte Hände drückten ihn zurück aufs Bett. „Sie können jetzt nirgendwohin. Sie müssen sich ausruhen.“

Blake wollte die Augen öffnen, wollte das Gesicht sehen, das zu der neuen Stimme gehörte, die aus dem Nebel kam. Doch so sehr er sich auch abmühte, seine Lider wollten nicht gehorchen. Er versuchte wieder, sich aufzusetzen, wurde jedoch erneut daran gehindert.

„Es stürmt draußen, und das Telefon funktioniert nicht“, sagte sie. „Selbst wenn die Straßen befahrbar wären, sind sie nicht in der Lage, zu fahren. Also bleiben Sie endlich liegen und ruhen sich etwas aus.“ Finger, so sanft und warm wie die Stimme, strichen über seine Brauen und linderten den Schmerz in seinem Kopf.

„Sie müssen sich auch keine Sorgen um die Babys machen. Sie sind sicher, und schlafen tief und fest nebenan.“

Babys? Er hatte keine Babys.

Er wollte ihr das sagen, versuchte zu verstehen, was sie sagte, doch die Schmerzen dominierten sein Denken. Also ließ er sich von ihren zarten Fingern und ihrer süßen Stimme beruhigen.

„Ja. So ist es gut. Ruhen Sie sich aus“, murmelte sie. „Ich fürchte, ich muss Sie in einer Stunde wieder wecken. In den Büchern steht, dass man das bei Kopfverletzungen tun sollte. Den Verletzten jede Stunde wecken, damit er nicht ins Koma fällt.“

Kopfverletzungen, Koma und Babys. Die Worte schwirrten durch seinen Kopf. Wer war die Frau? Freund oder Feind? Konnte er ihr vertrauen? Als sie etwas Kaltes gegen seinen Kopf pressen wollte, griff er nach ihrer Hand.

„Ganz ruhig“, murmelte sie, machte aber keine Anstalten, sich aus seinem Griff zu befreien. „Sie haben den Verband gelöst. Ich will nur etwas Salbe auf die Wunde geben, bevor ich Sie wieder verbinde.“

Das Bedürfnis zu sehen, welches Gesicht sich hinter der Stimme verbarg, war so stark, dass er krampfhaft versuchte, die Augen zu öffnen. Als er es schließlich schaffte, erhaschte er einen Blick auf vertraute grüne Augen. „Engel“, flüsterte er und driftete wieder in die Bewusstlosigkeit ab. Doch die grünen Augen konnte er noch sehen – die Augen seines Engels.

2. KAPITEL

Du bist ein gutes Mädchen, Jocelyn. Nicht bei jedem kann man sich darauf verlassen, dass er in einer Krise ruhig und besonnen bleibt.

Josie erinnerte sich an den forschen Ton in Schwester Charles Maries Stimme, als wäre es erst gestern und nicht vor zwanzig Jahren gewesen, dass sie einen Brand in der Küche des Waisenhauses gelöscht und damit ein anderes Mädchen vor schweren Verletzungen bewahrt hatte.

Heute habe ich wieder eine Krise gemeistert, dachte sie, als sie ihr dickes schwarzes Haar zu einem Zopf bändigte. Sie war ruhig und besonnen geblieben, als sie die Zwillinge in das freie Zimmer legte. Sie war auch ruhig und besonnen geblieben, als sie den Daddy der beiden Süßen in das einzige andere Zimmer mit Bett geschleppt hatte – ihr eigenes. Und irgendwie hatte sie es auch geschafft, ziemlich ruhig und besonnen zu bleiben, als der Mann im Bett um sich schlug und sich den Verband abriss.

Aber damit war es vorbei, als er die Augen öffnete und sie erneut „Engel“ nannte, bevor er wieder das Bewusstsein verlor. Bisher hatte niemand sie beim Kosenamen genannt – selbst Ben nicht.

Aber er hatte sie seinen „Engel“ genannt. Nicht einmal, sondern zweimal. Es war lächerlich, dass sich ihr Pulsschlag deshalb beschleunigte. Der Mann hatte eine Kopfverletzung, und in seinem Delirium hielt er sie vermutlich für jemand anderen. Dennoch, er hatte sie angesehen, wie ein Mann eine Frau ansah – mit Bewunderung, mit Interesse – und in diesen wenigen Sekunden war ihr Bewusstsein füreinander geschärft worden. Als sie den Verband endlich erneuert hatte, war sie so nervös, dass sie nicht einmal versuchte, ihm die nassen Sachen auszuziehen.

Nachdem Josie selbst heiß geduscht und sich umgezogen hatte, beschlich sie ein schlechtes Gewissen. Ich hätte ihn nicht in den nassen Sachen lassen dürfen, dachte sie. „Ich habe ihm nicht einmal die Stiefel ausgezogen!“

Sie bewaffnete sie sich mit Aspirin, einem Krug Wasser, einem Glas und Kleidungsstücken ihres verstorbenen Mannes, die sie für wohltätige Zwecke in einem Karton verstaut hatte, und machte sich auf den Weg zu ihrem Patienten. Er lag reglos im Bett. Das Licht der Nachttischlampe umrahmte sein Gesicht und ließ sein Haar wie Gold glänzen. Der weiße Verband um seine Stirn stand im krassen Gegensatz zu seiner gebräunten Haut. Wieder kam ihr das Bild des Traumprinzen in den Sinn.

Josie verwarf den abstrusen Gedanken und trat an sein Bett. „Aufwachen“, sagte sie. „Erinnern Sie sich, dass ich gesagt habe, dass ich Sie jede Stunde wecken muss? Nun, es ist so weit. Ich habe Aspirin mitgebracht und trockene Kleidung.“

Nichts. Nicht einmal ein leises Stöhnen oder ein Flattern mit den Augenlidern.

Josie räusperte sich und versuchte es erneut, dieses Mal etwas nachdrücklicher. „Wachen Sie auf! Ich habe Aspirin gegen die Kopfschmerzen und trockene Kleidung mitgebracht.“

Wieder nichts. Er rührte sich nicht. Sagte nichts.

Sie rüttelte an seiner Schulter. Er bewegte sich, und sie zog die Hand zurück. „Sie müssen ein Aspirin nehmen und die nasse Kleidung ausziehen“, sagte sie streng.

Er murmelte etwas, vermutlich ein Nein.

Seine Antwort machte sie noch entschlossener. Es provozierte auch den – wie Ben es genannt hatte – Gutmenschen in ihr ... dieses „Etwas“, das sie einen Obdachlosen retten oder mitten in einem Unwetter anhalten ließ, um einem Fremden zu helfen.

Da sie das Leben des Mannes gerettet hatte, war sie jetzt auch für ihn verantwortlich. Zumindest im Moment. Das bedeutete, sie musste dafür sorgen, dass er sich keine Lungenentzündung einhandelte. Der Mann würde trockene Kleidung anziehen – irgendwie. Während ihrer sechsjährigen Lehrtätigkeit hatte sie gelernt, Autorität auszuüben. Und so war es die Lehrerin in ihr, die die trockene Kleidung zur Seite legte und sich auf sein Bett setzte. Sie brachte ihn in Sitzposition und tippte mit einem Aspirin gegen seine Lippen. „Aufmachen“, befahl sie.

„Was, zum ...“

Schnell schob sie die Tablette zwischen seine Lippen und gab ihm einen Schluck Wasser. Starke Finger legten sich um ihr Handgelenk. Gleichzeitig schloss er den Mund, und das Wasser tropfte auf sein Hemd.

„Meine Güte, das ist nur Aspirin und etwas Wasser. Kein Gift.“ Als er nicht antwortete und auch sein eiserner Griff um ihr Handgelenk sich nicht lockerte, sagte sie: „Bitte! Nehmen Sie das Aspirin. Sie müssen doch große Schmerzen haben. Bei der Wunde. Das Aspirin wird den Schmerz etwas lindern.“

Nach einem Moment entspannte er. Der harte Zug um den Mund verlor sich. Er nahm einen großen Schluck Wasser, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihr zu wenden. Die Intensität seines Blickes erinnerte Josie an den wilden Kuss, den er ihr im Sturm gegeben hatte, und ein Prickeln durchströmte sie. Als er fertig war und ihre Hand losließ, war sie alles andere als ruhig und besonnen. Im Gegenteil, ihre Hormone spielten verrückt.

„Ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie die nassen Sachen ausziehen können. Rufen Sie, wenn Sie etwas brauchen“, sagte sie und wollte gehen. Dann merkte sie, dass er die Augen wieder geschlossen hatte. „Haben Sie mich gehört? Ich gehe jetzt, damit Sie sich umziehen können.“

Als er immer noch nicht antwortete, stieß sie mit dem Finger gegen seine Schulter. Keine Antwort. „Na, toll“, murmelte sie. Der Mann war offensichtlich schon wieder bewusstlos – entweder aus lauter Erschöpfung, wegen der Verletzung oder wegen beidem. Besorgt kaute sie auf der Unterlippe und überlegte, was sie tun sollte. Ich habe keine andere Wahl, dachte sie, ich muss ihn umziehen.

Sie betrachtete ihren Patienten und runzelte die Stirn. Die Babys umzuziehen, war eine Sache gewesen. Ihren Daddy umzuziehen, eine ganze andere. Josie wischte sich die Hände an ihren Jeans ab und trat ans Fußende. Ich fange mit seinen Stiefeln an, entschied sie. Vielleicht habe ich Glück, und er kommt zu sich, bevor ich ihm überhaupt den ersten Stiefel ausgezogen habe, und macht dann allein weiter.

Sie hatte kein Glück. Er kam nicht zu sich, obwohl sie kräftig ziehen musste. Endlich hatte sie es geschafft. „Okay, der nächste.“ Sie zog einmal, dann noch einmal. Beim dritten Mal stolperte sie zurück und fiel zu Boden, den durchnässten Stiefel in den Händen, eine gefährlich aussehende Waffe auf dem Schoß. Fassungslos ließ Josie den Stiefel fallen und nahm die glänzende schwarze Waffe in die Hand.

Oh, mein Gott! Welcher Mann trägt eine Waffe im Stiefel? Ein geflohener Strafgefangener? Ein Bankräuber? Ein Agent der Regierung?

Hör auf, sagte sie sich. Sie starrte auf die Waffe, drehte und wendete sie und betrachtete sie genau. Sie fühlte sich hart an, kalt, leblos und jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Herrgott noch mal, schalt sie sich. Wir sind in Texas. Die Hälfte aller Männer besaß eine Waffe. Sie ging an ihre Kommode und verstaute die Waffe in einer Schublade, dann kehrte sie zurück ans Bett.

Außerdem war der Besitz einer Waffe im Moment ihr geringstes Problem. Den Mann auszuziehen, war ein viel größeres. Mit pochendem Herzen griff sie nach dem ersten Hemdknopf.

Als sie ihn endlich von dem nassen Hemd befreit hatte, war sie nicht mehr sicher, dass es wirklich eine gute Idee gewesen war, ihn auszuziehen. Der Fremde hatte zwar dieselbe Größe wie ihr früherer Mann, doch da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf.

Während Ben eine helle Haut gehabt hatte, schien dieser Mann von der Sonne geküsst zu sein. Und diese Schultern! Dazu der muskulöse Oberkörper! Um den Hals trug er eine Kette mit einer silbernen Medaille. Sie wollte sie genauer ansehen, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf einen anderen Unterschied zu ihrem Exmann – der Brustbehaarung. Bens Brust war glatt wie ein Babypopo gewesen. Ihr Patient hatte eine dichte Behaarung, die sich über seinen harten Bauch erstreckte und unter dem Bund seiner Jeans verschwand.

Josie wurde heiß, als sie seine männliche Schönheit bewunderte. Überrascht und beschämt über ihre Reaktion, rief sie sich in Erinnerung, dass sie einen Job zu erledigen hatte. Und zu diesem Job gehörte nicht, den Körper des Mannes zu bestaunen und unangebrachten Gedanken nachzuhängen.

Unangebracht oder nicht, als sie den Reißverschluss öffnete und ihm die Jeans auszog, zitterten ihre Finger. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte ihre schnelle Atmung nichts mit der Anstrengung zu tun, sondern allein mit dem Mann, der nackt auf ihrem Bett lag – bis auf seine Unterhose. Fasziniert starrte sie auf das dunkelblonde Haar, das in seinem Slip verschwand. Und ihr wurde noch heißer.

Jetzt reiß dich zusammen, Josie, sagte sie sich. Sonst würde sie den Mann noch in eine peinliche Situation bringen und sich selbst dazu. Das ließ ihr Stolz nicht zu. Der Allmächtige mochte sie in Bezug auf ihr Äußeres und ihre Familie vernachlässigt haben, aber er hatte ihr reichlich Stolz mitgegeben. Dieser Stolz ließ sie die Tagesdecke über den Mann ziehen und den Raum verlassen.

Es war wie immer. Blake wachte auf und war sofort hellwach. Im Bruchteil einer Sekunde wusste er, wo die Ausgänge waren. Da er sicher war, allein zu sein und sich in keiner unmittelbaren Gefahr zu befinden, gab er dem Bedürfnis nach, seinen schmerzenden Kopf zu halten. Er wusste nicht, was passiert war, doch er fühlte sich, als hätte er mit einem Gorilla gekämpft. Und dem Verband um seinen Kopf nach zu urteilen, hatte er verloren.

Er verdrängte für einen Moment den Schmerz, sah sich um und versuchte zu erkunden, wo er sich befand. Er sah die hell gestrichene Decke und die zarte Blumenbordüre an den vier Wänden. Wenige Schritte vom Bett entfernt stand ein Sessel, an der Wand ein kleiner Tisch, darauf ein Strauß Rosen, bunte Glasfläschchen und eine Keramikdose. Sein Blick fiel auf den altmodischen Schrank in einer Ecke des Raumes und verweilte dann bei der Sitzbank unter dem Fenster. Insgesamt strahlte das Zimmer eine heimelige Atmosphäre aus.

Nichts ließ seine innere Alarmglocke schrillen. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wo er war und wie er hierhin gekommen war, war er sich einer Sache ganz sicher – dieser Raum und das Bett gehörten einer Frau. Der Gedanke gefiel ihm, und so schloss er die Augen, atmete tief ein und lächelte. Zumindest das erkannte er – den Duft von Rosen und Regen. Und von einer Frau.

Aber wer war sie?

Er forschte in seiner Erinnerung nach einem Bild, das zu dem Duft passte. Zuerst fand er keins. Dann kam ganz dunkel eine Erinnerung in ihm hoch – das Bild eines schwarzhaarigen Engels mit klaren, grünen Augen, der sich über ihn beugte und mit süßer Stimme auf ihn einsprach. Das Lächeln, das seinen Mund umspielte, wurde breiter. Er öffnete die Augen, starrte auf den leeren Platz neben sich und suchte nach einem Namen, der zu dem Gesicht der Frau passte, in dessen Bett er geschlafen hatte.

„Guten Morgen.“

Er drehte den Kopf zur Tür und starrte die Frau an, der die Stimme gehörte. „Morgen“, erwiderte er und musterte sie von Kopf bis Fuß. Das Tablett, das sie in den Händen hielt, verhinderte den freien Blick auf ihren Oberkörper, doch er bemerkte wohlgefällig, wie sich ihre Jeans um die langen Beine schmiegten. Und er sah auch ihren verführerischen Hüftschwung, als sie ans Bett trat. Sein Körper reagierte sofort, wurde hart bei dem Gedanken, dass sie ihre Jeans und das Shirt ausziehen und sich zu ihm ins Bett legen würde. Er wollte sie schon einladen, genau das zu tun, konnte sich aber nicht an ihren Namen erinnern.

„Wie geht’s?“

„Gut“, erwiderte er und zuckte dann zusammen, als ihm beim Aufsetzen ein stechender Schmerz durch seinen Kopf fuhr. „Falsch. Nicht so gut. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich mit einem Gorilla gekämpft und verloren.“

„Das überrascht mich nicht.“

Er setzte sich auf und stellte erstaunt fest, dass er seine Unterhose noch trug. Ich muss richtig einen draufgemacht haben, dachte er. Nicht nur, dass er sich nicht an ihren Namen erinnerte, normalerweise schlief er auch nackt. Er wollte sie gerade fragen, was passiert war, als er Kaffeeduft wahrnahm. „Rieche ich da etwa Kaffee?“

„Ja“, versicherte sie ihm mit einem freundlichen Lächeln und stellte das Tablett auf den Tisch neben dem Bett. „Nach der letzten Nacht dachte ich, Sie können einen gebrauchen.“

Nach der letzten Nacht? Und sie siezte ihn? Er versuchte verzweifelt, sich zu erinnern. Doch so sehr er sich auch abmühte, weder entsann er sich einer leidenschaftlichen Nacht, noch fiel ihm ein, was der Auslöser für die Kopfschmerzen war.

„Ich wusste nicht, ob Sie Hunger haben, aber ich habe vorsichtshalber ein paar Brötchen mitgebracht.“

Er merkte, dass er tatsächlich hungrig war. „Ehrlich gesagt, habe ich einen Riesenhunger. Brötchen klingen super.“

„Wirklich? Das freut mich.“

Ah, dachte er, sie will mir gefallen. Er betrachtete ihre Hände, als sie eine Serviette auseinanderfaltete. Die Nägel waren kurz, nicht lackiert, die Bewegungen anmutig. Zärtliche Hände, sanfte Hände mit langen Fingern, dachte er. Ein Bild schoss ihm durch den Kopf. Das Bild von diesen Fingern, die zärtlich über sein Gesicht strichen, während sie mit dieser melodischen Stimme auf ihn einsprach.

Er hob den Blick, bemerkte ihren schlanken Hals, den vollen, sinnlichen Mund. Er versuchte, sich den Geschmack ihrer Lippen in Erinnerung zu rufen. Vergeblich. Verwirrt, dass er sich nicht daran entsinnen konnte, sie geküsst zu haben, holte er tief Luft und nahm ihren Duft wahr – Rosen und Regen. Er bekam Lust auf Sex, als er sie weiter beobachtete, und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wie es gewesen war, mit ihr zu schlafen. Wieder hatte er kein Glück.

Als spürte sie seinen prüfenden Blick, sah sie auf und ihre Blicke trafen sich. Plötzlich knisterte die Luft zwischen ihnen.

Schnell sah sie weg. „Ich habe gestern Abend gelesen, dass Appetit nach einem solchen Erlebnis ein gutes Zeichen ist.“

„Wie bitte?“ Sie las wirklich Bücher darüber, was nach dem Sex zu erwarten war?

„Ich muss zugeben, dass Sie mir gestern Sorgen bereitet haben.“

„Habe ich das?“

„Oh ja.“

„Warum?“, fragte er in der Hoffnung auf einen Hinweis.

„Vor allem, weil Sie so unruhig waren. Sie müssen furchtbare Träume gehabt haben – was ich natürlich verstehen kann.“

„Ich nicht. Ich träume normalerweise nicht.“

„Ja, aber unter den gegebenen Umständen ist das wahrscheinlich normal.“

Unter den gegebenen Umständen? Was, zum Teufel, war letzte Nacht passiert?

„Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“

Die Frage gab ihm zu denken. Wenn sie nicht wusste, wie er seinen Kaffee trank, dann konnten sie noch nicht lange etwas miteinander haben. „Schwarz. Ein Stückchen Zucker. Aber der Kaffee kann warten. Zuerst brauche ich etwas anderes.“

„Oh, tut mir leid. Das Aspirin. Ich bin gleich ...“

„Engel“, sagte er und griff nach ihrer Hand. „Ich nehme gern ein Aspirin – gleich. Jetzt will ich dich.“

Er zog sie zu sich, und sie stieß einen leisen Schrei aus, als sie aufs Bett fiel. Überrascht sah sie ihn an, als er die Arme um sie schloss. „Was soll das?“

Sie schien so ehrlich geschockt, dass er fast sicher war, einen Fehler gemacht zu haben. Doch dann sah er dieses Verlangen in ihren Augen aufblitzen, diese scheue Sehnsucht, die ihm schon aufgefallen war, als sie ihn angesehen hatte. Er lag also nicht falsch. „Ich erinnere mich“, flüsterte er und senkte den Mund auf ihren.

Sie schmeckte süß. Unglaublich süß und ... unschuldig. Vertraut. Und doch wieder fremd. Er knabberte an ihrer Unterlippe, und als sie den Mund öffnete, tauchte er die Zunge hinein. Ein Schauer jagte durch ihren Körper, hallte in ihm wider. Als sie die Hände gegen seine Schultern drückte, hob er kurz den Kopf in der Annahme, doch einen Fehler gemacht zu haben.

Aber ein Blick in diese sanften, verträumten Augen genügte ihm, und er wusste, dass sein einziger Fehler darin bestand, dass er sich nicht mehr an die vorherigen Küsse erinnern konnte.

Einen Herzschlag lang entspannte sie sich und schmiegte sich an ihn. Sie krallte sich an seinen nackten Schultern fest und erwiderte seinen Kuss mit einer Begierde, die ihn überraschte und erregte und etwas in ihm berührte, das nie berührt worden war. Verdammt, wie hatte er sie vergessen können? Wie konnte es sein, dass er sich nicht an das Feuer erinnerte, das schon ein Kuss zwischen ihnen entfachte? Eines aber weiß ich genau, dachte er und vertiefte den Kuss noch. Dieses Mal würde er den Sex mit ihr nicht vergessen.

Die Vorfreude darauf, was kommen würde, war so groß, dass ein Moment verging, bevor er merkte, dass sie sich nicht mehr an ihn klammerte, sondern gegen seinen Oberkörper drückte. „Was ist ...“

Sie zog das Knie hoch wie eine Waffe, und er schnappte nach Luft. „Runter von mir ... Sie Mistkerl!“

Er wich zurück, bestürzt über den wütenden Befehlston und die Panik in ihren Augen. „Was ist los?“

„Was los ist?“, wiederholte sie. Das Blut schoss ihr in die bleichen Wangen, als sie fluchtartig aus dem Bett kletterte. „Sie haben den Nerv, mich das zu fragen, nachdem ... nachdem Sie mich so überfallen haben?“

„Überfallen?“

Sie sah weg. „Zeigen Sie wenigstens so viel Anstand, sich zu bedecken.“

Er blickte an sich hinab und merkte, dass seine Unterhose seinen erregten Zustand nicht verstecken konnte. Er zog das Laken über seinen Unterkörper. „Okay. Dürfte ich jetzt bitte erfahren, was hier los ist?“

„Vielleicht war ‚überfallen‘ etwas stark ausgedrückt. Aber Sie haben mich überrumpelt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie mich küssen würden.“

Verwirrt fragte er: „Warum nicht?“

Sie hob das Kinn. „Weil wir uns nicht kennen.“

„Was soll das heißen? Ich habe die Nacht in diesem Bett verbracht, oder?“

Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Ja, das stimmt. Aber ich war nicht mit in dem Bett.“

„Nicht?“

„Natürlich nicht. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir uns nicht kennen. Ich habe Sie gestern Abend zum ersten Mal gesehen.“ Sie machte ein finsteres Gesicht. „Ich weiß, man soll Fremden nicht vertrauen, aber ich habe immer meinem Instinkt vertraut, und Sie waren nicht in der Verfassung, mir gefährlich zu werden. Egal, Sie haben Hilfe gebraucht, und ich konnte Sie nicht allein dort draußen im Unwetter lassen.“

Als er zu begreifen versuchte, was sie gerade sagte, schmerzte sein Kopf noch mehr. Zumindest verstand er jetzt, warum sie ihn siezte. Er massierte seine Schläfen und bemühte sich, sich zu erinnern. „Einen Moment, Engel. Wo konnten Sie mich nicht lassen?“

„Sie wissen, wo – am Straßenrand, wo Sie nach dem Autounfall lagen.“

„Ich hatte einen Unfall?“

Sie sah ihn an, als wäre er verrückt geworden. „Ja. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, aber Sie haben Ihren Wagen zu Schrott gefahren.“

Panik ergriff ihn, als er versuchte, sich an den Unfall zu erinnern. Ohne Erfolg. Er versuchte es mit etwas Einfachem – welcher Tag heute war, wo er war. Als sein Kopf wieder leer blieb, mahnte er sich zur Ruhe. Er berührte den Verband an seiner Stirn. „Ich habe meinen Kopf bei dem Unfall angeschlagen.“

„Ja. Das denke ich zumindest. Da war viel Blut, und Sie haben eine wirklich hässliche Schnittwunde. Eigentlich hätten Sie ins Krankenhaus gemusst. Aber das Unwetter war so schlimm, und ich hatte Angst, ich würde es nicht zurück in die Stadt schaffen, deshalb habe ich Sie hierher gebracht.“

Das erklärte seine Kopfschmerzen und seine verschwommene Erinnerung. „Und wo genau ist hier?“

„Meine Farm.“

„Danke, dass Sie angehalten und mir geholfen haben.“

Sie nickte. „Sie sollten trotzdem zum Arzt. Die Wunde muss genäht werden. Aber es regnet immer noch in Strömen. Die Straße ist überschwemmt, und die Telefonleitung ist seit gestern Nacht tot. Aus diesem Grund konnte ich den Sheriff nicht über den Unfall informieren.“

„Kein Problem, und meinem Kopf geht es auch schon wieder besser.“ Instinktiv schreckte er vor dem Gedanken zurück, dass sie den Sheriff informieren oder im Krankenhaus anrufen würde.

„Das Schlimmste ist, dass Sie nicht einmal Ihre Frau benachrichtigen können.“

„Meine was?“

„Ihre Frau.“

„Engel, ich habe keine Frau“, sagte er, merkte dann aber, dass er sich nicht erinnern konnte, ob er eine hatte oder nicht. Zumindest glaubte er, keine zu haben. Er warf einen Blick auf ihre Hände und war erleichtert, keinen Ring zu sehen.

„Verstehe.“

„Ich bin froh, dass zumindest einer von uns das tut“, murmelte er.

„Wie bitte?“

Er seufzte. „Ich ... ich habe Probleme, mich an gewisse Dinge zu erinnern.“

„Was zum Beispiel?“

„Gestern Abend. Haben Sie und ich ... haben wir ...?“

„Nein“, sagte sie und wurde rot. „Ich habe auf der Couch geschlafen.“

„Tut mir leid.“ Das war nicht gelogen. So, wie es zwischen ihnen geknistert hatte, vermutete er, dass sie viel Spaß im Bett hätten. Vielleicht wurde aus ihnen ja noch ein Paar. Sobald er sich erinnerte. „Ich weiß zu schätzen, was Sie getan haben. Aber es gibt noch etwas, was ich Sie für mich tun könnten.“

„Ja?“

„Verraten Sie mir Ihren Namen.“

„Josie“, sagte sie. „Josie Walters.“

„Josie“, wiederholte er. Der Name gefiel ihm. „Und es ist richtig, dass es keinen Mr. Walters gibt?“

„Ich bin Witwe. Mein Mann ist vor einem Jahr gestorben.“

„Das tut mir leid. Und entschuldigen Sie das Missverständnis.“

„Kein Problem“, sagte sie und lächelte schüchtern. „Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie heißen.“

Er reichte ihr die Hand. „Ich bin ... ich bin ...“ Panik ergriff ihn. Schweißperlen traten auf seine Stirn, als er in der Erinnerung kramte. Wie war sein Name? Wer war er? Woher kam er? Sein Kopf blieb leer. Seine Erinnerung war wie eine leere Seite, die mit Josies Gesicht und dem Klang ihrer Stimme begann und endete.

„Was ist?“

„Ich habe keine Ahnung, wer ich bin.“

3. KAPITEL

„Was soll das heißen, Sie wissen nicht, wer Sie sind?“

„Genau das, was ich gesagt habe.“ Er setzte sich an die Bettkante. „Ich kann mich nicht erinnern, wer ich bin.“

Die Verzweiflung in seiner Stimme berührte etwas tief in Josies Innerem. So auch der Anblick seines fast nackten Körpers. Obwohl sie verheiratet gewesen war, hatte sie wenig Erfahrung mit Männern. Und mit solch einem Prachtexemplar schon gar nicht. Sie wandte den Blick von seiner gebräunten Haut und den Muskeln ab. „Aber Sie müssen sich doch an irgendetwas erinnern.“

„Ich erinnere mich an nichts – außer an Sie.“

„An mich? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Warum sollten Sie sich an mich erinnern? Wir kennen uns doch gar nicht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Spielt keine Rolle. Es ändert nichts daran, dass ich mich nicht an meinen Namen erinnere. Und auch nicht an einen Unfall.“ Er rieb seine Schläfen, als hätte er Schmerzen, doch als er seinen Blick hob, sah sie in den schokoladenbraunen Augen Irritation ... und Verlangen.

Ihr Magen zog sich zusammen wie eine Faust.

„Das Einzige, woran ich mich erinnere, sind Sie. Ihr Gesicht. Ihre Stimme. Sogar, wie Sie duften. Als Sie vor ein paar Minuten durch die Tür gekommen sind, hätte ich schwören können, dass Sie und ich ...“

„Ähm, ja. Ich habe verstanden“, unterbrach Josie ihn. Sie wusste genau, was er gedacht hatte, als er sie aufs Bett gezogen und geküsst hatte. Selbst jetzt bekam sie noch weiche Knie bei dem Gedanken an den heißen Kuss. Und so, wie sie ihn erwidert hatte, war es da ein Wunder, dass der Mann geglaubt hatte, sie hätten Sex gehabt?

Ihr Verhalten war unerhört gewesen. Offensichtlich hatte sie ihren Verstand kurzfristig ausgeschaltet. Wie sonst war zu erklären, dass sie es tatsächlich genossen hatte, in seinen Armen zu liegen, seinen harten Körper an ihrem zu spüren und ihn zu küssen? Und dann dieser Mund! Sie hatte nicht gewusst, dass ein Mund so hungrig, so begierig nach ihr sein konnte.

Ihre Lippen kribbelten bei der Erinnerung, und sie presste ihre Fingerspitzen dagegen. Noch nie war sie so geküsst worden. Nicht einmal zu Beginn ihrer Ehe hatte sie diese explosive Leidenschaft erlebt, die jedes Denken ausschaltete.

„Verdammt! Warum kann ich mich an nichts erinnern?“

Josie riss die Augen auf. „Sie müssen sich beruhigen. Es hilft nicht, wenn Sie sich aufregen. Dieser Schlag an Ihren Kopf muss eine Art temporäre Amnesie ausgelöst haben.“

„Amnesie“, wiederholte er finster, dann hob er den Blick zu ihr. „Wie lange hält so etwas normalerweise an?“

„Hmm, ich bin nicht sicher.“

„Was meinen Sie denn? Einen Tag? Zwei Tage? Eine Woche?“

„Es ist keine Grippe“, sagte sie, leicht verärgert über seine Ungeduld. „Ich habe gelesen, dass das von Fall zu Fall unterschiedlich ist. Manche Menschen können sich nach ein paar Tagen wieder erinnern. Bei manchen dauert es Wochen oder Monate, sogar Jahre. Oder noch länger.“

„Wie viel länger?“

„In manchen Fällen kehrt die Erinnerung nie zurück.“

„Meine wird zurückkehren“, versicherte er ihr mit einer Härte in der Stimme, die der Entschlossenheit in seinem Blick gleichkam.

„Da bin ich sicher.“ Zumindest hoffte sie es für ihn. „Aber jetzt brauchen Sie erst einmal Ruhe.“

„Ich will mich nicht ausruhen. Ich will herausfinden, wer ich bin.“ Er rieb sich die Schläfen. „Was ist mit meinem Ausweis? Ich muss einen Ausweis bei mir gehabt haben. Führerschein? Kreditkarten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich habe nur eine Geldscheinklammer mit einem B darauf und einem Batzen Geld gefunden. Wenn Sie eine Brieftasche bei sich hatten, liegt sie vermutlich noch im Wagen. Ich habe nicht genau nachgesehen. Oder sie könnte auch auf die Straße gefallen sein, als Sie aus dem Wagen geklettert sind.“ Wenn das der Fall war, werden wir sie nie finden, fügte sie stumm hinzu. „Sobald der Sturm nachlässt, fahre ich zur Unfallstelle und sehe mich um.“

„Nein. Das mache ich. Es ist mein Problem. Sie haben schon genug für mich getan.“

Josie zuckte mit den Schultern. „Solange der Sturm nicht nachlässt, fährt keiner von uns.“ Sie überlegte, ob sie ihm sagen sollte, was sie noch gefunden hatte.

„Was ist? Was verschweigen Sie mir?“

Es nervte sie, dass er ihre Gedanken so leicht lesen konnte. „Sie hatten auch eine Waffe dabei. Sie steckte im Stiefel.“

Er zog die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts, sondern sah sie nur an.

„Ich habe sie in die Schublade gelegt.“ Sie zeigte auf die Kommode. „Und das Geld auch.“

Wortlos stand er auf. Als er schwankte, streckte sie automatisch die Arme aus, um ihn zu stützen. Bei der Berührung schoss erneut ein Prickeln durch ihren Körper. Blake sank wieder aufs Bett, und Josie zog die Hand zurück. „Mein Kopf scheint nicht so hart zu sein, wie ich dachte. Er fühlte sich an, als hätte jemand mit dem Hammer darauf geschlagen.“

„Sie ruhen sich besser noch etwas aus. Ich lasse Sie jetzt in Ruhe.“

„Nein“, erwiderte er schnell. „Ich hatte genug Ruhe. Ich möchte mich anziehen und mir die Geldscheinklammer und die Waffe ansehen. Vielleicht kehrt meine Erinnerung dann zurück.“ Er stand wieder auf.

Josie starrte ihn an. Er hatte einen fantastischen Körper. Groß, stark, kräftig. Sie ließ ihren Blick wandern. Von der Narbe an seiner Schulter, über den flachen Bauch bis zu seinem Geschlecht, das gegen die schwarze Unterhose drückte. Ihr wurde heiß, als sie daran dachte, wie er sich gegen ihre Schenkel gepresst hatte. Als sie erkannte, in welch gefährliche Richtung sich ihre Gedanken bewegten, hob sie das Gesicht. Doch der Blick in seine Augen war nicht weniger gefährlich. Sie waren dunkel, geheimnisvoll, und es brannte ein Feuer in ihnen, das ihr den Atem nahm.

„Wenn Sie mich weiter so anstarren, kann ich für nichts mehr garantieren. Es ist besser, ich ziehe mich an.“

Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Gibt es ein Problem?“

„Nein, mir ist nur gerade bewusst geworden, dass Sie diejenige gewesen sein müssen, die mich gestern Abend ausgezogen hat.“

„Wenn ich es nicht getan hätte, hätten Sie sich vielleicht eine Lungenentzündung geholt. Sie waren klatschnass.“

„Hey, ich habe mich nicht beschwert. Zumindest nicht darüber, dass Sie mich ausgezogen haben. Es ist nur eine Schande, dass ich mich nicht erinnere.“

„Da gibt es nichts zu erinnern, außer dass Sie nass und kalt waren“, informierte sie ihn knapp. „Jetzt wollen Sie sich wahrscheinlich anziehen.“

„Gern. Aber dazu müssen Sie mir verraten, wo ich meine Sachen finde.“

„Sie sind im Bad. Ich habe sie dort zum Trocknen aufgehängt. Ich hole sie.“

„Nicht nötig.“ Er hielt sie am Arm fest, als sie sich umdrehen wollte. Wieder schoss ein Prickeln durch ihren Körper, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Ich hole sie.“ Seine Stimme klang rau. „Ich muss sowieso auf die Toilette.“

Josie nickte nur. Erst als er die Badezimmertür hinter sich schloss, war sie wieder in der Lage zu atmen. Reiß dich zusammen. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für deine erste richtige Lustattacke! Du musst nachdenken, Mädchen. Nachdenken!

Sie setzte sich auf die Bank am Fenster und starrte hinaus in den Sturm. Eine perfekte Spiegelung meiner Gefühle, dachte sie. Nichts ergab Sinn – weder ihre Reaktion auf den Mann, noch das Dilemma, in dem sie sich befand.

Sie befand sich in einer wirklich misslichen Lage. Sie war mit einem sexy Fremden, der behauptete, das Gedächtnis verloren zu haben, allein auf einer entlegenen Farm fast zwei Stunden von der nächsten Stadt entfernt. Ein Mann, der sie völlig aus dem Konzept brachte und ihre Hormone verrückt spielen ließ. Hinzu kam das Problem mit den Babys.

Die Babys! Um Gottes willen! Josie schlug sich gegen die Stirn. Sie hatte ihm gar nicht von den Kindern erzählt. Wenn er die Babys sah, würde er sich bestimmt daran erinnern, wer er war.

Und daran, dass er eine Frau hatte?

Die Frage schlich sich in ihre Gedanken. Trotz seiner Behauptung, dass er unverheiratet war und der Tatsache, dass er keinen Ehering trug, wusste sie verdammt gut, dass er nicht ganz allein zu den beiden Süßen gekommen war. Da sie selbst von ihrem Ehemann betrogen worden war, wollte sie nicht diejenige sein, die einer anderen Frau Leid zufügte. Denn wer auch immer diese Frau sein mochte – Ehefrau oder Freundin – sie hatte mit ihm zwei wunderbare Kinder.

Eine zarte Sehnsucht erwachte in ihr, als sie an die Zwillinge dachte. Wie wäre es, ihre Mutter zu sein? Zwei kleine Münder zum Stillen an ihre Brüste zu halten, sie in den Armen zu wiegen und zu lieben? Josie war so sicher gewesen, selbst einmal ein Haus voller Kinder zu haben.

Doch sie hatte kein Kind bekommen. Sie legte die Hand auf ihren flachen Bauch. Ben hatte behauptet, noch nicht so weit zu sein, Vater zu werden. Er wollte warten. Doch selbst wenn er nicht gestorben wäre, war sie nicht sicher, ob sie jemals Kinder mit ihm bekommen hätte – bei den Problemen in ihrer Ehe. Ach, wie sehr sehnte sie sich nach einem eigenen Kind, einem Menschen, dem sie ihre ganze Liebe schenken konnte!

Die Badezimmertür wurde geöffnet. Josie verdrängte ihre traurigen Gedanken, als er wieder ins Schlafzimmer trat – jetzt in Jeans und mit einem Handtuch um den Nacken. Mein Gott, sah der Mann gut aus!

„Ich habe eine neue Zahnbürste in dem Medizinschrank gefunden und sie benutzt. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

„Natürlich nicht.“ Sie rutschte von der Bank und ging auf ihn zu, um ihm von den Kindern zu erzählen. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Wie konnte ich vergessen, Ihnen zu erzählen ...“

In dem Moment fing eines der Babys an zu schreien.

„Was ...?“ Er sah zur Tür und dann wieder zu ihr. „Was war das?“

„Ein Baby. Das wollte ich Ihnen ja gerade sagen. Sie ...“

„Sie haben ein Kind?“

„Ich? Das ist nicht ...“

Das zweite Baby stimmte in das Geschrei ein.

Er stöhnte und hielt eine Hand an den Kopf. „Wie viele Kinder haben Sie?“

„Gar keine.“ Sie zuckte zusammen, als das Geschrei eine Tonhöhe erreichte, die Glas hätte zum Bersten bringen können und eilte zur Tür. „Aber Sie haben zwei Babys ... Zwillinge.“

Ihre Antwort schlug wie eine Bombe ein und lähmte ihn für einen langen Moment. Sprachlos sah er ihr nach, als sie aus dem Zimmer eilte, wobei ihr Po verführerisch hin und herschwang. Regungslos stand er da, mit offenem Mund, der Raum drehte sich um ihn. Da er sicher war, dass er gleich ohnmächtig werden würde, stützte er sich an der Wand ab und schnappte nach Luft. Der Schwindel verschwand, doch das Gefühl der Hilflosigkeit blieb, und er wünschte, er könnte den Tag einfach noch einmal beginnen. Und zwar damit, dass er sich daran erinnerte, wer er war. Und dass es die Bombe, die Josie gerade gezündet hatte, gar nicht gab

Aber Wunschdenken löste seine Probleme nicht. Auf wackeligen Beinen ging er zur Tür. Er würde alles dafür geben, wenn er sich hinsetzen könnte – vorzugsweise mit einem guten irischen Whiskey. Und das würde er auch tun. Sobald er bei einer gewissen schwarzhaarigen Frau ein Missverständnis ausgeräumt hatte. Okay. Er hatte vielleicht sein Gedächtnis verloren, und er erinnerte sich nicht an seinen Namen. Aber eines wusste er genau – er war kein Daddy.

Daddy!

Er? Vater? Nie im Leben! Allein die Vorstellung, für ein Baby, geschweige denn zwei, verantwortlich zu sein, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Miss Josie Walters, die Frau mit den Augen eines Engels und den sinnlichen Lippen, musste sich irren. Und um ihr das zu sagen, machte er sich auf die Suche nach ihr.

Er entdeckte sie in der Küche, einem Raum, der Wärme und Herzlichkeit ausstrahlte. Genau wie die Frau, die mittendrin stand und einem Baby das Fläschchen gab.

Er hätte den Anblick nicht erregend finden sollen.

Doch er tat es.

Er hätte sich nicht so deutlich an den Geschmack ihres Mundes erinnern sollen.

Autor

Metsy Hingle

Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Autorin Metsy Hingle behauptet, dass für sie überhaupt nichts anderes als das Schreiben von Liebesromanen in Fragen kommen konnte, denn schließlich stammt sie aus New Orleans, eine der romantischsten Städte der Welt. „Ich bin eine überzeugte Romantikerin, die fest daran glaubt, dass die Liebe zwischen...

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Als Cindy Gerard anfing, ihr erstes Manuskript zu schreiben, wollte sie vor allem eins: es auch beenden. Der Gedanke, es zu verkaufen, kam ihr viel später. Und erst, als sie einen Verlag gefunden hatte, der es veröffentlichen wollte, wurde ihr klar, dass es nicht bei diesem einen Werk bleiben würde....

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Seit 1980 hat die US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Greene über 85 Liebesromane veröffentlicht, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Unter dem Pseudonym Jennifer Greene schreibt die Autorin Jill Alison Hart seit 1986 ihre Romane. Ihre ersten Romane wurden 1980 unter dem Namen Jessica Massey herausgegeben, das Pseudonym Jeanne Grant benutzte...

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