Unter dem Himmel der Provence

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Ein Neuanfang in der Provence! Raymonde Pascale hat große Pläne – bis er Caitlin kennenlernt, die neue Besitzerin des traumhaften Grundstücks, dass er ins Auge gefasst hat. Plötzlich will er nichts mehr, als die zarte Schönheit für sich zu gewinnen und lädt sie nach Paris ein …


  • Erscheinungstag 30.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542821
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Leseprobe

Kathryn Ross

Unter dem Himmel der Provence

1. KAPITEL

Als Caitlin Palmer ihrer Familie und den Freunden erzählt hatte, dass sie England verlassen und künftig in der französischen Provence leben würde, hatte es aufregend und faszinierend geklungen. Doch nun war sie an ihrem Reiseziel angekommen, sah durch die Windschutzscheibe ihres Wagens nach draußen, wo es in Strömen regnete, und ihre Begeisterung verschwand beim Anblick des traurig und vernachlässigt und etwas verfallen wirkenden Hauses.

Und das ist deine Traumvilla, die dir vor allem Zuflucht bieten soll, was in deinem bisherigen Leben schief gelaufen ist, dachte sie bedrückt. Sie hatte sich ein idyllisches Landhaus vorgestellt, das gelbbraun angestrichen war, um mit der mediterranen Umgebung zu verschmelzen, und grüne Fensterläden hatte, die die perfekt geschnittenen Räume vor den intensiven Sonnenstrahlen schützten. Nur war die Wirklichkeit leider ganz anders.

Hatte sie sich vielleicht verfahren und befand sich am falschen Ort? Sie studierte noch einmal die Straßenkarte und überflog kurz die Unterlagen, die sie in der Anwaltskanzlei erhalten hatte. Die Anweisungen waren sehr klar, sie musste hier richtig sein. Außerdem schien es, als würde es im Umkreis von mehreren Kilometern kein weiteres Haus geben.

Wieder betrachtete Caitlin die vermeintliche Traumvilla. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Sie sollte besser aussteigen und sich im Innern umsehen, bevor es dunkel war. Oder sollte sie umkehren und sich im nächstgelegenen Dorf ein Hotelzimmer für die Nacht suchen? Der Gedanke an eine heiße Dusche, ein köstliches französisches Essen und ein frisch bezogenes Bett war sehr verlockend. Sie war um halb fünf Uhr früh von London aufgebrochen, und nun war es fast sieben und sie ziemlich erschöpft. Allerdings würde sie trotz aller Müdigkeit nur schwer zur Ruhe kommen, bevor sie nicht sicher wusste, ob dies hier tatsächlich die Villa Mirabelle war, die sie geerbt hatte.

Entschlossen schlüpfte sie in den Regenmantel und zog die Kapuze über das lange haselnussbraune Haar. Sie nahm den Haustürschlüssel, den der Anwalt ihr gegeben hatte, und eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach, atmete tief ein und stieg aus. Der Lehmboden war schon so aufgeweicht, dass sie bei jedem Schritt etwas einsank, und im Nu waren ihre Jeans unten nass und schmutzig.

Fast wäre sie die zwei Stufen zur Haustür hinaufgefallen, die sie in dem strömenden Regen nicht bemerkt hatte, und klopfte dann vorsichtshalber erst einmal an, falls sie hier vielleicht doch nicht richtig war. Drinnen blieb alles ruhig, und so schob sie mit leicht zitternder Hand den Schlüssel in das große Schloss. Erleichtert lachte sie auf, als er sich nicht drehen ließ. Aber bevor sie ihn herauszog, versuchte sie es in umgekehrter Richtung und hörte es klicken. Sie hatte sich zu früh gefreut.

Jetzt sei nicht enttäuscht, ermahnte sie sich, es war sehr nett von Murdo, dir die Villa Mirabelle zu vermachen. Sie würde ihm ewig dankbar sein, vor allem da dieses unerwartete Erbe ihr zu einem Zeitpunkt zuteil geworden war, da sie es dringend gebraucht hatte. Sie war mit Murdo McCray nicht verwandt gewesen, sondern hatte ihn lediglich gepflegt. Es hatte keinen Grund gegeben, warum er ihr auch nur einen einzigen Cent hätte hinterlassen sollen, geschweige denn ein Anwesen in Frankreich.

Caitlin stieß die Tür auf und leuchtete mit der Taschenlampe in die Dunkelheit. Offenbar waren die Polstermöbel mit weißen Tüchern abgedeckt, um sie vor Staub zu schützen. Sie drückte auf den Lichtschalter neben der Tür und war nicht erstaunt, dass sich nichts tat. Wahrscheinlich waren die Sicherungen herausgedreht worden, wenn nicht der Strom überhaupt ganz abgeschaltet war. Und während sie einen Schritt vor den anderen setzte, knarrten die Dielen, als wollten sie dagegen protestieren, dass es jemand nach langer Zeit wagte, sie zu betreten.

Nachdem sie die Kapuze abgezogen und den Mantel geöffnet hatte, blickte sie sich neugierig um. Auf einem Sideboard entdeckte sie mehrere gerahmte Fotos von Leuten, die sie nicht kannte. Nein, sie wusste nicht viel von ihrem verstorbenen Arbeitgeber. Er hatte kaum etwas von sich erzählt, und dass er ein Haus in der Provence besaß, hatte sie auch nur erfahren, weil sein ehemaliger nächster Nachbar, ein großer, imposanter Franzose namens Ray Pascal, ihn gelegentlich besucht hatte.

Caitlin stutzte. Ja, dort stand auch ein Bild von ihm. Sie nahm es und blies den Staub weg. Zweifellos war es ein Hochzeitsfoto, denn es zeigte ihn zusammen mit einer glückstrahlenden dunkelhaarigen Schönheit, die ein Brautkleid trug. Die Aufnahme musste etwa fünfzehn Jahre alt sein, da Ray darauf wie Anfang zwanzig aussah. Er ist schon damals sehr attraktiv gewesen, dachte sie, während sie ihn auf dem Foto genau betrachtete. Kurz blickte sie dann erneut zu der Frau hin, die durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen war und deren Verlust er laut Murdo nie ganz verwunden hatte.

Ray und sie waren sich nur einige Male begegnet, aber bei jedem Zusammentreffen hatte sie eine Spannung zwischen ihnen gespürt, die sie schrecklich nervös gemacht hatte. Sicherlich war sie es auch nicht gewohnt gewesen, dass ein Mann sie so missbilligend ansah. Doch musste sie fairerweise zugeben, dass sie beide wohl keinen guten Start gehabt hatten. Sie hatte ihm in T-Shirt und Shorts die Tür geöffnet, und er hatte die Brauen hochgezogen, als sie sich ihm beiläufig als Murdos Pflegerin vorgestellt hatte.

„Sind Sie für die Arbeit nicht etwas spärlich bekleidet?“, hatte er trocken gefragt.

Wahrscheinlich hätte sie ihm erklären sollen, dass es ihr freier Tag und sie nur deshalb anwesend sei, weil Murdo sie angerufen und dringend nach ihrer Hilfe verlangt habe. Besorgt war sie zu ihm geeilt und hatte ihn so gesund aussehend wie schon lange nicht mehr im Wohnzimmer sitzend vorgefunden. Dort hatte er sie dann seelenruhig informiert, dass er einen Gast erwarte, den sie kennen lernen solle.

Natürlich war sie nicht in bester Stimmung gewesen, als sie Ray die Tür aufgemacht hatte. Und sein leicht tadelnder Ton hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. „Was ich zur Arbeit trage, geht allein meinen Arbeitgeber und mich etwas an“, hatte sie ihm kühl geantwortet und war hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei nach draußen geschritten. „Er ist im Wohnzimmer. Und sagen Sie ihm, dass er mich nie wieder so anrufen soll.“

Ja, Murdo konnte einen manchmal ganz schön nerven, dachte Caitlin, während sie das Foto zurückstellte. Aus irgendeinem Grund hatte er sich während Rays Besuch im letzten Sommer in die Idee verrannt, dass sie und der Franzose ein ideales Paar abgeben würden. Welch ein verrückter Gedanke! Nicht nur, weil sie beide sich überhaupt nicht mochten, sondern weil sie, Caitlin, schon seit drei Jahren mit David zusammenlebte.

Nachdem Murdo dann zwei Wochen lang immer wieder Andeutungen gemacht hatte, hatte er sie schließlich direkt gefragt, ob sie sich zu Ray hingezogen fühle. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie heftig sie errötet war, als sie es energisch verneinte. Und auch jetzt war ihr nicht klar, warum sie die Frage dermaßen aufgeregt hatte. Murdo hatte ihre Reaktion jedoch sehr amüsant gefunden und so herzlich gelacht, wie sie es in den zwei Jahren mit ihm nur selten erlebt hatte, dass sie einfach hatte lächeln müssen.

„Ich liebe David“, hatte sie ihm erklärt, als er nicht aufhörte zu lachen.

„Wenn Sie es sagen.“

„Ja, das tue ich, und wir sind verlobt und wollen heiraten.“ Sie zeigte ihm die Hand mit dem Diamantring.

„Sie tragen ihn seit Ihrem ersten Tag bei mir und haben erst kürzlich den Hochzeitstermin festgelegt.“

Caitlin runzelte die Stirn. „Murdo, Ray sieht wie David gut aus, aber er ist arrogant und absolut nicht mein Typ.“

Der alte Herr blitzte sie vergnügt an, und sie überlegte, ob ihn vielleicht ihr Protest erheiterte. Doch dann bemerkte sie, dass sie nicht allein waren, sondern Ray hinter ihr auf der Türschwelle des Schlafzimmers stand. Sie wäre am liebsten im Boden versunken.

Als er nach seinem Besuch bei Murdo zur Haustür schlenderte, fing sie ihn ab und versuchte, sich bei ihm zu entschuldigen. Ihre gute Erziehung gebot ihr, den Vorfall nicht einfach auf sich beruhen zu lassen. „Es tut mir ehrlich leid … Ich meine das von vorhin … Murdo hat mich aufgezogen … doch ich hätte nicht darauf eingehen sollen.“

Aufmerksam blickte Ray sie an. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte er selbstsicher und lächelte leicht spöttisch. „Tatsächlich sind Sie nämlich auch nicht mein Typ.“ Er wandte sich um und verschwand nach draußen, und Caitlin wünschte, sie hätte die Sache nicht angesprochen.

„Murdo, warum haben Sie mich nicht gewarnt, dass er hinter mir stand?“, fragte sie ihren Arbeitgeber kurz darauf wütend.

Dieser machte keineswegs eine reumütige Miene. „Ich kann mich in diesem Leben kaum noch an etwas erfreuen. Zu beobachten, wie zwischen Ihnen beiden die Funken sprühen, zählt zu den wenigen Ausnahmen.“ Er hörte zu lächeln auf und wurde plötzlich mürrisch. „Ich habe meine Medizin noch nicht genommen … Sie wissen, wie ich es hasse, wenn die vorgeschriebene Zeit auch nur fünf Minuten überschritten wird.“

Nein, er ist kein einfacher Patient gewesen, schoss es Caitlin durch den Kopf, aber sie würde ihn trotzdem vermissen. Er war immer noch irgendwie liebenswürdig gewesen, sogar wenn er extrem schlechte Laune gehabt hatte.

„Ihr Haus, Murdo, ist in einem etwas desolaten Zustand“, sagte sie laut, während sie sich umsah. „Doch bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie an mich gedacht haben.“

„Selbstgespräche zu führen ist das erste Anzeichen von Verrücktheit.“

Caitlin zuckte heftig zusammen und fuhr herum. Sie konnte den Mann auf der Türschwelle im Halbdunkel nicht genau erkennen und glaubte eine Sekunde, Murdo wäre aus dem Grab auferstanden, um ihr zu antworten.

„Ich habe mich schon gefragt, wann Sie hier auftauchen würden.“ Der Eindringling klang spöttisch-amüsiert und nicht im Mindesten geisterhaft, und plötzlich wusste sie, wer er war.

„Ray! Sie haben mich zu Tode erschreckt.“ Sie leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht, und er schirmte die Augen mit der Hand ab. Sein Haar war nass, und anders als bei seinen Besuchen in England, wo er immer elegante Anzüge getragen hatte, war er jetzt mit Öljacke und Jeans bekleidet. „Was, in aller Welt, tun Sie hier?“ Sie richtete den Lichtstrahl nach unten.

„Ich war unterwegs nach Hause und habe Ihren Wagen bemerkt.“

„Nach Hause?“, wiederholte sie verwirrt.

„Zu meinem Haus“, erklärte er scharf. „Ich wohne etwa sechs Kilometer weiter die Straße entlang.“

„Oh, ich hatte keine Ahnung … Natürlich wusste ich, dass Sie in Frankreich leben … Aber Murdo erzählte mir, dass Sie ein Apartment in Paris hätten, sodass ich angenommen hatte, Sie wären aus dieser Gegend weggezogen.“

„Ich habe ein Apartment in Paris, wo ich mich aufhalte, wenn ich dort arbeite. Doch zu Hause bin ich hier im Süden.“

Warum klang er leicht gereizt, und wieso war sie immer gleich so angespannt, wenn sie mit ihm redete? Warum verlor sie in seiner Gegenwart stets ihre Ruhe? Wollte er ihr sagen, dass sie sich auf seinem Terrain befand und nicht willkommen war?

Es blitzte, und wenig später hörte sie es in der Ferne donnern. Plötzlich war es nicht mehr so wichtig, dass Ray sich unfreundlich verhielt. Sie war in der fremden Umgebung nicht allein. „Ich bin froh, einen Nachbarn zu haben, den ich kenne“, erwiderte sie heiter. „Wenn mir der Zucker ausgeht, weiß ich, wohin ich mich wenden kann. Welch unerwartet glücklicher Umstand.“

„Sie haben nicht vor, hier zu bleiben, oder?“, fragte er ungläubig und beinahe entsetzt.

Caitlin zögerte. Ihr war selbst nicht klar, was sie tun würde. Die Pläne, die sie in England geschmiedet hatte, erschienen ihr nun ziemlich absurd. Sie hatte vorgehabt, die Villa Mirabelle in eine Frühstückspension zu verwandeln. Natürlich hatte sie auch schon mit ihren Freunden und Bekannten darüber gesprochen, die von der Idee begeistert gewesen waren und zu ihren ersten Gästen gehören wollten.

Was würden sie wohl für ein Gesicht machen, wenn sie das Anwesen sehen könnten, überlegte sie, und ihr schauderte. Und bestimmt würde auch David über kurz oder lang von der Geschichte erfahren – und lachen. Diese Vorstellung war ihr fast unerträglich.

Als sie ihre Beziehung beendet hatte, hatte er ihr in arrogantem Ton vorgeworfen, viel zu impulsiv zu sein. Er hatte nicht geglaubt, dass sie die Hochzeit absagen würde, sondern gemeint, sie würde ihre Mutter in London besuchen, wieder zur Vernunft gelangen und zu ihm zurückkehren. Und dann hatte sie dieses Haus geerbt. Es war ihr wie eine Art Rettungsanker vorgekommen …

Für Sekunden erhellte ein Blitz den Raum, und Ray bemerkte, dass Caitlin schrecklich blass war.

„Was ich tun werde, entscheide ich, nachdem ich das Haus bei Tageslicht genau betrachtet habe“, antwortete sie und hob das Kinn. Nein, so leicht würde sie ihren Traum nicht aufgeben.

„Aber Sie können hier nicht übernachten“, erklärte er freundlich.

Sein Ton überraschte sie. „Ich schätze, ich werde ins Dorf fahren und mir ein Hotelzimmer nehmen.“

„Nein, das werden Sie nicht tun.“ Er blickte nach draußen. „Die Straßen weiter unten werden inzwischen überschwemmt sein. Außerdem dürften Sie mit Ihrem Wagen schwerlich irgendwohin kommen.“

„Was soll das heißen?“ Sie stellte sich neben ihn und sah hinauf zu dem bedrohlich dunklen Abendhimmel, an dem erneut ein Blitz aufleuchtete.

„Bei einem solchen Gewitter ist hier schnell einiges überflutet.“

Ja, das stimmte. Die kurvenreiche Bergstraße, die sie noch vor kurzem entlanggefahren war, glich jetzt eher einem Bachbett.

„Und Sie haben Ihren Kombi abseits der Straße geparkt. Die Reifen dürften mittlerweile ziemlich tief in den Lehmboden eingesunken sein.“

Auch damit hatte er recht, wie sie feststellen musste, als sie seinem Blick folgte. „Nun, dann bleibe ich eben hier.“ Sie versuchte, unerschrocken zu klingen, doch die Vorstellung, bei diesem Unwetter allein im Haus zu sein, jagte ihr große Angst ein.

„Seien Sie nicht albern.“

Wie redete er mit ihr! „Haben Sie einen besseren Vorschlag?“

Ray zuckte die Schultern, nachdem er während eines heftigen Donners sekundenlang geschwiegen hatte. „Sie werden wohl mit zu mir kommen müssen, oder?“

Wenn das keine freundliche Einladung war. Caitlin hätte sie am liebsten abgelehnt, war aber zu müde, um ihm etwas vorzuspielen. „Danke, ich weiß es zu schätzen.“

„So haben wir auch gleich die Gelegenheit, miteinander zu sprechen.“

Sie runzelte die Stirn. „Worüber?“

„Natürlich darüber, dass Murdo Ihnen das Haus vererbt hat. Und jetzt lassen Sie uns aufbrechen, bevor die Straße völlig unpassierbar ist und wir beide hier übernachten müssen.“

Dieser Gedanke trieb sie dazu, ihm nach draußen zu folgen. Sorgfältig schloss sie die Tür ab und eilte hinter ihm her die zwei Stufen hinunter. Warum wollte er über Murdos Testament mit ihr reden? Sie fand keine Erklärung dafür, stellte die Frage allerdings erst einmal zurück, denn es gab momentan drängendere Probleme.

Kalt schlug ihr der Regen ins Gesicht, und sie bemerkte, dass sie vergessen hatte, den Mantel wieder zuzumachen und die Kapuze hochzuziehen. Schon spürte sie die Nässe durch die Kleidung, und aus ihrem Haar tropfte Wasser und lief ihr den Rücken hinunter. „Ich hole mir noch schnell etwas aus dem Auto“, rief sie Ray zu, der sie nicht zu hören schien.

Als sie im dunklen Wagen zwischen all den Sachen nach dem Übernachtungskoffer suchte, wurde sie plötzlich von Erinnerungen an ihr behagliches, sicheres altes Leben überfallen. Sie dachte an die gemütliche Wohnung, die sie und David in Manchester gehabt hatten, an ihr bezauberndes Brautkleid und daran, dass sie in zwei Wochen Mrs. Caitlin Cramer geheißen hätte.

David zu heiraten wäre ein großer Fehler gewesen, denn er ist nicht der Mann, für den du ihn gehalten hast, ermahnte sie sich energisch, während sie die Reisetasche hervorzog und das Auto wieder verschloss.

Als sie sich umdrehte, stellte sie überrascht fest, dass Ray hinter ihr stand. „Seien Sie vorsichtig“, warnte er sie und nahm ihr das Gepäckstück ab. „Der Lehmboden hat jetzt seine Tücken.“

„Danke.“ Sie war froh, dass sie die Tasche nicht selbst tragen musste, doch würde sie seine ausgestreckte Hand bestimmt nicht ergreifen. „Ich komme allein zurecht.“

Kaum hatte sie ausgeredet, verlor sie das Gleichgewicht und geriet ins Stolpern. Hätte Ray ihr nicht blitzschnell den Arm um die Taille gelegt, wäre sie hingefallen. Er presste sie fest an sich, und einen Moment lang vergaß sie den Regen, der auf sie herniederprasselte, und spürte nur Rays Arm, der sie sicher hielt, und seine Nähe, die sie seltsam elektrisierte.

Peinlich berührt, befreite sie sich von ihm. „Bitte entschuldigen Sie.“ Sie blickte ihn an und rang nach Atem.

Ray lächelte. „Wie ich schon sagte, ist der Boden jetzt tückisch.“

Caitlin bemerkte den amüsierten Ausdruck in seinen Augen und sah beiseite. Sie hasste es, wenn Leute ihr erklärten, sie hätten es ihr gesagt. Und warum hatte sie seine Nähe als angenehm empfunden? Er war der enervierendste Mann, dem sie je begegnet war.

Vorsichtig ging sie ihm voraus, setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen, während sich in ihren Schuhen immer mehr Wasser sammelte. Auf keinen Fall wollte sie noch einmal seine Hilfe benötigen und hatte dann endlich seinen Wagen erreicht.

„Bin ich wirklich im sonnigen Südfrankreich?“, fragte sie, als Ray losfuhr.

„Wenn es regnet, dann richtig. Deshalb grünt und blüht es hier auch so herrlich.“

„Tut es das?“ Starr blickte sie durch die Windschutzscheibe nach draußen, wo das Unwetter tobte und die angeblich prächtige Landschaft sein sollte. „Ich kann Ihnen nur glauben.“

Geschickt nahm er eine scharfe Kurve und stoppte kurz danach vor einem Tor. „Dies ist die Grenze zwischen Ihrem und meinem Land.“

„Also müssen Sie mein Grundstück passieren, um zu Ihrem zu gelangen?“ Sie runzelte die Stirn. „Ist das nicht ein wenig ungewöhnlich?“

„Dies ist nur eine von mehreren Zufahrten zu meinem Anwesen. Aber ich habe ein Wegerecht. Dennoch ist die Situation nicht zufriedenstellend … und das war auch einer der Gründe, warum ich Murdo letztes Jahr seinen hiesigen Besitz abkaufen wollte. Ich habe ihm bei meinem Besuch in England ein sehr großzügiges Angebot gemacht, doch darüber wissen Sie vermutlich schon Bescheid.“

„Nein, ich habe keine Ahnung.“

„Es war ein erstklassiges Angebot, weshalb ich auch erstaunt war, dass er es ablehnte und das Haus dann Ihnen vererbte.“

Plötzlich verstand sie, warum er leicht bissig klang. Er hatte sich für Murdos Land interessiert. Nervös setzte sie sich etwas anders hin. „Sein Testament hat mich gleichermaßen überrascht.“

„Tatsächlich.“

„Ja, tatsächlich.“ Kritisch blickte sie ihn an. „Mir ist nicht klar, was Sie andeuten wollen, Ray, doch Ihr Ton gefällt mir nicht.“

Er erwiderte nichts darauf, sondern stieg aus dem Wagen aus, um das Tor zu öffnen. Caitlin beobachtete ihn dabei, während sie sich fragte, ob er vielleicht annahm, sie hätte Murdo irgendwie dazu gebracht, ihr das Anwesen zu hinterlassen. Es wäre eine völlig absurde Idee und eine unglaubliche Beleidigung.

Sie hatte keine Ahnung, warum er es ihr vermacht hatte, und war total verblüfft gewesen, als sie das Schreiben des Anwalts erhalten hatte. Allerdings war die Erbschaft zu einem Zeitpunkt gekommen, als sie in ihrem Leben an einem Scheideweg angelangt war. Sie hatte in Murdos großzügiger Geste einen Fingerzeig des Himmels gesehen und nicht viel darüber nachgedacht, warum er diese testamentarische Verfügung getroffen hatte.

Ray glitt wieder hinters Steuer und passierte das Tor. Im Wagen herrschte angespanntes Schweigen, während er die kurvenreiche Straße entlangfuhr, bis Caitlin die drückende Stille plötzlich nicht mehr ertrug.

„Ich verüble Ihnen nicht, dass Sie etwas verärgert sind, weil Murdo mir diesen Besitz vermacht hat, anstatt ihn Ihnen zu verkaufen. Ich weiß, dass Sie beide eine langjährige Freundschaft verbunden hat und ich dagegen für ihn fast eine Fremde war. Aber seine Entscheidung hatte nichts mit mir zu tun, und ich habe ihn sicherlich nicht bezirzt, damit er mir etwas hinterließ.“

„Was ich nie behauptet habe“, erklärte er ruhig. „Obwohl ‚bezirzt‘ eine interessante Wortwahl ist. Und Sie waren … sagen wir … ziemlich unpassend für die Arbeit gekleidet, als ich Sie zum ersten Mal traf.“

Caitlin errötete. „Sie haben die Situation falsch eingeschätzt. Ich hatte an jenem Tag frei.“

„Und Sie gingen an Ihren freien Tagen immer so leicht bekleidet zu Murdos Haus, oder?“, fragte er gelassen.

Sie spürte, wie sie wütend wurde. „Nein. Ich war nur deshalb in dem leichten Outfit dort, weil er mich angerufen und dringend zu sich bestellt hatte und ich geglaubt hatte, er wäre in Not. Tatsächlich hatte er mich jedoch nur Ihretwegen herbeizitiert.“

„Meinetwegen?“

„Ja … Er hatte die seltsame Idee, dass …“ Sie konnte vor Verlegenheit nicht weiterreden.

„Was für eine seltsame Idee?“

„Sie müssen sie gekannt haben … Er dachte … dass Sie und ich ein gutes Paar abgeben würden.“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Er schwieg einen Moment und lachte dann.

Sein Heiterkeitsausbruch zerrte an ihren Nerven. „Okay, Ray, wir wissen beide, wie absurd es ist. Ich mag Sie nicht sonderlich, und Sie mögen mich nicht.“

„Nein, das stimmt nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Sie immer sehr attraktiv gefunden … für eine Frau, die auf Geld aus ist.“

„Danke, das genügt. Drehen Sie sofort um.“

„Warum?“

„Warum? Weil ich mich lieber in einem verfallenen Haus aufhalte als nur einen Moment länger als nötig in Ihrer Gesellschaft. Sie sind unverschämt und … gefühllos. Ich verabscheue Sie.“

„Ich werde nicht umdrehen“, antwortete er kühl. „Wenn Sie zu Murdos Anwesen zurückkehren wollen, müssen Sie laufen.“

Starr blickte Caitlin nach draußen, wo es noch immer gewitterte und in Strömen goss. Nein, sie konnte den Weg nicht zu Fuß zurückgehen. „Dann werde ich mir ein Taxi rufen.“

„Wie Sie wollen. Nur wird kein Taxifahrer bei diesem Wetter hierher kommen. Ich schätze, Sie müssen sich für heute mit mir abfinden.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.“

„So scheint es“, erwiderte Ray leicht amüsiert.

Er lenkte den Wagen um die nächste Biegung und fuhr auf ein beeindruckendes Château zu, dessen erleuchtete Fenster die Dunkelheit erhellten. Caitlin staunte nicht schlecht und fragte sich unwillkürlich, warum er an dem verfallenen Haus interessiert war, wenn er in einer Art Märchenschloss wohnte.

Vor dem Eingang hielt er an. „Ich kümmere mich um Ihr Gepäck. Gehen Sie schon voraus. Die Tür ist nicht verschlossen.“

Begleitet von einem lauten Donner, eilte sie ins Haus und war froh, dem schrecklichen Wetter und Rays unmittelbarer Nähe entflohen zu sein. Wie konnte er es wagen, ihr zu unterstellen, sie wäre hinter Geld her!

Neugierig ließ sie den Blick durch die riesige Diele gleiten, deren Boden gefliest war. Hinter einem Torbogen sah sie einen offenen Kamin, in dem ein Feuer brannte. Die Wärme zog sie magisch an, und sie betrat einen Raum, der so mancher Filmkulisse zur Ehre gereicht hätte. Zart orangefarbene Sofas standen links und rechts vom Kamin, und eine Holztreppe führte hinauf zu einer Galerie, die um das ganze Zimmer verlief. Caitlin stellte sich mit dem Rücken zum Feuer und bewunderte die alten Möbel, die Kristallleuchter, die ein gemütliches Licht verbreiteten, die Vasen mit den frischen Blumen und den Sekretär, der unmittelbar bei einem Fenster stand.

Es war ein großes Haus für nur eine Person. Flüchtig fragte sie sich, ob es in Rays Leben wieder eine feste Partnerin gab. Murdo hatte es offenbar nicht vermutet, aber er hatte auch nicht alles wissen können. Ray war um die zwanzig, als er Witwer wurde, und jetzt ist er ungefähr achtunddreißig, überlegte sie. Für einen Mann eine lange Zeit, um allein zu sein.

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