Verhängnisvoll vertrautes Verlangen

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Eine feindliche Übernahme! Warum ausgerechnet Ashleys kleines Start-up das Interesse des mächtigen Unternehmers Nico Galletti weckt, ist ihr ein Rätsel – ebenso wie seine skrupellose Entscheidung, sie und ihr gesamtes Team zu entlassen! Doch als Nico persönlich in ihrem Büro in Manhattan auftaucht, geschieht etwas Unerwartetes: Ashley spürt eine unerklärliche Vertrautheit. Nicos Ausstrahlung weckt ein gefährliches Verlangen in ihr – ausgerechnet nach dem Mann, der sie aus geheimnisvollen Gründen zu hassen scheint …


  • Erscheinungstag 23.06.2026
  • Bandnummer 2759
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541930
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kate Hewitt

Verhängnisvoll vertrautes Verlangen

1. KAPITEL

„Es tut mir so leid, Ashley.“

Ashleys Magen krampfte sich vor Nervosität zusammen. Sie atmete ein paarmal tief durch und versuchte, ihre Panik zurückzudrängen.

„Du kannst ja nichts dafür, Ruth“, brachte sie mit einem unsicheren Lächeln heraus.

Ruth Boxall war von Anfang an bei ihr gewesen, seit Ashley sich entschlossen hatte, aus den Trümmern der Firma ihres Vaters etwas Neues und Ehrenwertes aufzubauen. Ruth hatte an sie geglaubt, sogar als Ashley nicht mehr an sich selbst glauben konnte. Gemeinsam hatten sie eine Firma hochgezogen, die sich von einem winzigen Erfolg zu einem etwas weniger winzigen Erfolg entwickelt hatte ...

Bis jetzt.

„Ich verstehe einfach nicht, warum“, sagte sie zum gefühlt zehnten Mal, während sie den Laptop öffnete, sich durch die E-Mails klickte und die Zeilen las, die sie schon viel zu oft gelesen hatte. Die Worte hatten sich ihr eingebrannt, Narben, die niemals heilen würden. Denn sie war im Begriff, alles zu verlieren, wofür sie gearbeitet hatte. Und wusste nicht einmal, warum.

Anteile kaufen für fast das Doppelte ihres Werts ...

Galletti Finance bietet ...

Zu verlockendes Angebot, um abzulehnen ...

Es tut mir leid ...

Wie konnte das passieren?

Ashley schmeckte saure Galle auf der Zunge und hoffte, den schwarzen Kaffee und den Müsliriegel bei sich zu behalten, die sie morgens um fünf hinuntergezwungen hatte.

Seit sechsunddreißig Stunden hatte sie kaum geschlafen oder gegessen. Seit Galletti Finance aus heiterem Himmel begonnen hatte, die Aktien ihrer Firma Infinite Innovations aufzukaufen. Vorher hatte sie noch nie von dem Unternehmen gehört.

Sie war gerade neu mit Infinite Innovations an die Börse gegangen. Aber was als Höhepunkt ihrer Arbeit gedacht gewesen war, hatte sich in einen Albtraum verwandelt: Das Unternehmen, in das ihr Herzblut und ihr Schweiß geflossen waren, wurde rücksichtslos von einem Großinvestor verschlungen.

Hatte sie wirklich alle Skandale und Rückschläge mit erhobenem Kopf durchgestanden, war sie immer wieder aufgestanden, wenn sie am Boden lag, nur um jetzt einem Fremden ausgeliefert zu sein? Offenbar hatte er es ohne jeden erkennbaren Grund auf sie abgesehen. Und sie konnte nichts dagegen tun.

„Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie du denkst“, sagte ihre engste Vertraute mit der ruhigen Gelassenheit, die Ashley schon so oft gestützt hatte. Kompetent, pragmatisch, eine ehemalige Hausfrau, die ihre Finanzchefin geworden war. Ruth Boxall war die verlässliche rechte Hand gewesen, die Ashley damals so dringend gebraucht hatte.

Mit siebenundzwanzig hatte sie versucht, ihre eigene Firma aufzubauen, mit kaum Erfahrung und zu viel Ballast, der mit dem Namen Woodward verbunden war. Ohne Ruth hätte Ashley nie den Mut gehabt, diesen Namen neu zu definieren, ihm eine Bedeutung zu geben, an die sie leidenschaftlich glaubte.

Nicht, dass es jetzt noch irgendeinen Unterschied machte. Denn genau in dem Moment, in dem sie eigentlich ihren Sieg feiern sollte, stand sie vor der bittersten Niederlage: Galletti Finance war im Begriff, die Mehrheit an Infinite Innovations zu übernehmen.

Die letzten drei Tage waren ein ständiges Auf und Ab gewesen: die Nachricht vom Übernahmeversuch, hektische Gespräche mit Anwälten und Beratern, verzweifelte Versuche, den Vormarsch aufzuhalten. Jetzt stand Galletti Finance kurz davor, die Firma als eigene zu beanspruchen.

Genauer gesagt: der Firmenchef Nico Galletti. Er hatte Ashley für neun Uhr morgens zu einem Treffen bestellt. Jetzt war es halb neun, und Ashley war alles andere als in Bestform. Seit fast vierundzwanzig Stunden hatte sie nicht mehr geduscht und schon gar nicht geschlafen. Sie war erschöpft, aufgewühlt, ohne Hoffnung. Nicht die beste Verfassung, wenn man wahrscheinlich gleich gefeuert wurde.

„Wie soll es denn bitte nicht so schlimm sein?“ Sie klappte den Laptop zu, stand auf und ging unruhig in ihrem kleinen Büro auf und ab, ein armseliger Abklatsch von dem riesigen Eckbüro ihres Vaters bei Woodward Investments. Damals gehörten der Firma sechzehn Stockwerke in bester Citylage mit eigenem Fitnesscenter und zahllosen luxuriösen Annehmlichkeiten. Aber wie fast alles, was ihrem Vater privat oder geschäftlich gehört hatte, war auch das verkauft worden. Am Ende war von seinem Unternehmen kaum mehr geblieben als der Name – und seine Tochter, die die Scherben aufsammeln musste.

„Na ja, bei einer feindlichen Übernahme wird die alte Belegschaft nicht zwangsläufig vor die Tür gesetzt“, erklärte Ruth mit einem kleinen, aufmunternden Lächeln. „Manchmal wollen sie, dass es genauso reibungslos weiterläuft wie bisher. Es muss sich nicht unbedingt etwas ändern.“

„Glaubst du das wirklich?“, fragte Ashley zurück.

Sie wollte sich an diese winzige Hoffnung klammern, aber sie schaffte es nicht. Vielleicht, weil in ihrem Leben schon so oft das Schlimmste eingetreten war und sie gelernt hatte, dass es besser war, darauf vorbereitet zu sein. Oder vielleicht, weil Galletti Finance ihre kleine Firma so erbarmungslos genau in dem Moment ins Visier genommen hatte, als es möglich gewesen war. Irgendetwas daran wirkte wie böse Absicht.

Aber warum? Das war die Frage, die unablässig in ihrem Kopf hämmerte: Warum Infinite?

Ja, die Firma war gerade an die Börse gegangen, aber sie war immer noch vergleichsweise bescheiden, arbeitete still und leise an sinnvollen Dingen und machte nur einen winzigen Gewinn, ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen. Es hatte kürzlich einen positiven Artikel in einem bekannten Wirtschaftsmagazin über sie gegeben, aber nicht einmal als Titelstory. War das wirklich genug, um die Haie anzulocken?

Zumindest einen Hai: Nico Galletti.

Als Ruth vor drei Tagen zum ersten Mal die Unruhe unter den Aktionären angesprochen hatte, hatte Ashley ihn gegoogelt. Überraschenderweise gab es nur sehr wenige Fotos von ihm, obwohl er reich und erfolgreich war. Die meisten waren unscharfe Paparazzi-Schnappschüsse.

Nico Galletti war berüchtigt für seine Diskretion. Vor gerade einmal sechs Jahren war er wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte an der Börse rasante Gewinne gemacht. Inzwischen verfügte er über Beteiligungen an großen Finanz- und Immobilienunternehmen. Er war bekannt dafür, Risiken einzugehen, stets vollkommen ruhig zu bleiben ... und gnadenlos zu sein.

Infinite Innovations war nicht das erste Unternehmen, das er übernommen hatte. Und auch wenn er die Belegschaften anderer Firmen weitgehend behalten hatte, gab es bis heute Morgen kein einziges Wort von Galetti Finance, keine Zusicherung, dass die Jobs sicher waren.

Das Schweigen wirkte bedrohlich wie eine dunkle Gewitterwolke, die immer näher zog. Aber Ashley würde ihrem Untergang mit erhobenem Kinn ins Auge sehen. Sie würde sich nicht ducken, nicht kriechen, sich nicht unterwerfen. Nie wieder. Niemandem. Nicht einmal Nico Galletti!

Ruth runzelte die Stirn. „Es ist mir ein Rätsel, warum er ausgerechnet so ein vergleichsweise kleines Unternehmen angreift. Glaubst du, er interessiert sich vielleicht für unsere Erfindungen?“

„Ein heimlicher Wissenschafts-Nerd?“, vermutete Ashley hoffnungsvoll. „Vielleicht will er es als sein eigenes kleines Lieblingsprojekt. Meinst du, dann behält er wenigstens die Angestellten?“

„J...a...“ Ruths zögerliche Antwort ließ Ashley zusammenzucken.

„Aber nicht die Firmenchefin?“, fragte sie weiter.

„Der Chef ist bei solchen Übernahmen normalerweise ein notwendiges Opfer. Tut mir leid, Ashley.“

„Schon gut.“ Ashley richtete sich auf. „Wenn wenigstens alle anderen bleiben dürfen.“

Ruth schenkte ihr ein trauriges Lächeln. „Vielleicht wird es ja nicht so schlimm, wie wir denken.“

„Und vielleicht reitet Nico Galletti auch auf einem Einhorn herein“, witzelte Ashley mutlos.

Sie hatte auf die harte Tour gelernt, nicht auf Happy Ends zu hoffen. Alles, was sie tun konnte, war, die Schläge einzustecken und zu versuchen, auf den Beinen zu bleiben. Und wenn sie es schaffte, Nico Galletti davon zu überzeugen, alle anderen außer ihr selbst zu behalten ... nun, dann würde sie das schon als Sieg verbuchen.

Ruth warf einen Blick auf ihre Uhr. „Noch zehn Minuten.“

„Ruth, egal was passiert ... danke für alles.“

Ihre Vertraute schüttelte den Kopf, ihre Augen wurden feucht. „Bring mich jetzt bloß nicht zum Weinen“, warnte sie.

Ashley lachte, doch das Lachen endete in einem zittrigen Ton. „Dann fange ich auch an“, warnte sie zurück.

Die beiden Frauen umarmten sich kurz, bevor Ruth in ihr eigenes Büro ging.

Nico Galletti musterte das unscheinbare Backsteingebäude aus seiner verdunkelten Limousine heraus. Verächtlich verzog er die Lippen. Entweder war Ashley Woodward sehr tief gefallen oder er war am falschen Ort.

Als er das letzte Mal in einem Woodward-Gebäude gewesen war, hatte er hohe Decken, glänzenden Marmor und endlose Chromflächen gesehen, mitten im Herzen von Midtown. Dieses Gebäude hier sah eher danach aus, als müsste es dringend renoviert oder am besten direkt abgerissen werden.

„Mr. Galletti?“, fragte sein Fahrer, als Nico sich nicht rührte. „Sind wir hier richtig?“

„Ich denke schon.“ Nico blickte noch einmal auf das Gebäude. „Ich brauche nicht lange“, informierte er den Fahrer. „Fünfzehn Minuten. Höchstens.“

Er wollte die Nachricht überbringen und dann zufrieden wieder verschwinden. Er war kein grausamer Mann. Er brauchte Ashleys Zusammenbruch nicht mitzuerleben. Ihr die Nachricht ins Gesicht zu sagen, war Genugtuung genug. Schade nur, dass Woodward nicht dabei sein würde, um zu hören, wie die Firma seiner Tochter zerlegt wurde wie ein alter Schrotthaufen. Nico würde sich damit zufriedengeben, es ihr persönlich zu sagen.

Für einen Moment hatte er das Bild von Ashley Woodward vor Augen, wie er sie zuletzt gesehen hatte, achtzehn Jahre alt und unerträglich unnahbar, die jadegrünen Augen schmal vor Spott, das blonde Haar zu einem eleganten Knoten aufgesteckt. Platinblonde Strähnen umrahmten ein makellos schönes, herzförmiges Gesicht, so kalt und unbeteiligt, als wäre es aus Marmor gemeißelt.

Oh ja, er erinnerte sich an Woodwards Tochter. Erinnerte sich daran, wie sie sich von ihm abgewandt hatte, als ihr Vater seine, Nicos, Verhaftung inszeniert hatte, als hätte es sie gelangweilt, dass der junge Mann verhaftet wurde, mit dem sie noch vor wenigen Augenblicken gescherzt und geflirtet, den sie geneckt und geküsst hatte.

Noch immer zerfraß die Ungerechtigkeit wie Säure seinen Magen und stieg ihm die Kehle hinauf. Sechzehn Jahre lang hatte er mit aller Kraft daran gearbeitet, diesen Fehler zurechtzurücken. Dies hier war der Höhepunkt. Was von der Firma noch übrig war, die sein Leben und seine Familie zerstört hatte, würde jetzt zerstört werden. Nico wusste, dass er Ashleys fassungslose Überraschung und das Entsetzen in ihren Augen mindestens genauso genießen würde wie das ihres gewissenlosen Vaters. Vielleicht sogar noch mehr.

Chase Woodward hatte seine gerechte Strafe längst bekommen. Wegen Steuerbetrugs und Unterschlagung saß er für zwanzig Jahre im Gefängnis. Ashley mochte damals unversehrt aus dem Skandal hervorgegangen sein, aber das hier würde sie nicht unbeschadet überstehen. Ihr würde nichts bleiben außer den Erinnerungen an ihren lieben Daddy. Dafür würde Nico sorgen.

Mit diesem Gedanken stieg er aus der Limousine und ging auf das Gebäude zu. Infinite Innovations saß im zwölften Stock. Woodward Investments hatte ein eigenes dreißigstöckiges Gebäude in einer der begehrtesten Lagen Manhattans gehabt. Nico erinnerte sich noch genau an die winzige Kabine, die er mit gerade einmal zwanzig zugeteilt bekommen hatte.

Er war fest entschlossen gewesen, sich nach oben zu kämpfen. Chase Woodward hatte ihm so viel versprochen.

„Arbeite hart, und du wirst befördert“, hatte er ihm gesagt, mit diesem Lächeln, das so vertrauenswürdig gewirkt hatte. „Ich belohne harte Arbeit und Ehrlichkeit, und mir gefällt, was ich bei dir sehe, Nico.“ Ein kräftiger Schlag auf die Schulter, eine Geste von Mann zu Mann, die der zwanzigjährige Nico besonders geschätzt hatte. „Du wirst weit kommen, mein Junge. Vertrau mir.“

Vertrau mir.

Die Worte hallten in Nicos Kopf wider, als er in den Aufzug trat. Chase Woodward hatte sein Leben absichtlich zerstört, indem er ihn mit falschen Versprechen eingelullt hatte. Er hatte sich als väterlicher Freund ausgegeben, immer freundlich und ermutigend. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Nico geglaubt, er könnte tatsächlich etwas erreichen.

Noch heute quälte ihn, wie naiv er damals gewesen war. Dass er einem Mann vertraut hatte, der ihn nur als Strohmann benutzen wollte. Aber er hatte sich geschworen, nie wieder so naiv zu sein. Nie wieder so vertrauensselig. Schon gar nicht gegenüber einem Woodward, egal welcher von ihnen.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Nico trat hinaus in ein schlichtes Foyer, das nichts von dem Glanz oder Prunk besaß, den er von Woodward Investments kannte. Jeder Quadratzentimeter war eine Zurschaustellung von Reichtum gewesen. Hier war zwar alles solide, aber nicht unbedingt gut: ein paar zweckmäßige Stühle aus schwarzem Leder, ein einzelnes Bild an der Wand. Aber ihm war egal, wie edel sich Infinite Innovations darstellte. Schon bald würde es nichts mehr als eine geschlossene Datei auf irgendeinem Computer sein.

Nico traute den angeblich ehrenwerten Zielen von Infinite Innovations nicht. Wie der Vater, so die Tochter.

Als er ins Foyer trat, sprang die junge Frau am Empfang hastig auf. „Sie müssen Mr. Galletti sein ...?“

„Stimmt.“ Seine Stimme klang knapp und hart. Er würde jeden Einzelnen auf dieser Etage feuern. Es gab keinen Grund, ihnen auch nur den kleinsten Funken Hoffnung zu machen. „Bitte richten Sie Miss Woodward aus, dass ich hier bin ... Nein, zeigen Sie mir direkt ihr Büro.“

Der Stahl in seiner Stimme reichte aus, um die Empfangsdame stammeln zu lassen, Ashleys Büro wäre das letzte auf der rechten Seite. Er nickte knapp und marschierte den Flur entlang. Er freute sich darauf, Miss Woodward mit seinem unangekündigten Erscheinen zu überraschen. Er hatte sie bereits in die Defensive gedrängt, doch was er wirklich wollte, war, sie am Boden zu sehen. Ohne Ausweg, auf Knien um Gnade flehend, die er ihr eiskalt verweigern würde ... so eiskalt wie sie damals ihn zurückgewiesen hatte.

Ein sehr angenehmer Gedanke.

Er klopfte einmal an die Tür, öffnete sie sofort und blieb im Türrahmen stehen. In seinem Kopf hatte er ein klares Bild von diesem Moment gehabt – die hochmütige Prinzessin Ashley Woodward hinter einem riesigen Schreibtisch, elegant und unnahbar, ihre eisige Arroganz schmelzend zu Schock und Angst, sobald sie begriff, was mit ihrer Firma passierte. Mit ihrem Leben.

Doch nichts hier entsprach dieser Vorstellung. Wer war diese zerzauste Frau mit dem wirr herabhängenden Haar, der halb geöffneten Bluse und dem Deodorantstick in der Hand?

Einen Moment lang konnte er es nicht fassen. Die schlichte Bluse und der Rock wirkten billig, der Hauch von Spitzen-BH, den er unter der geöffneten Bluse sehen konnte, spannte sich über hohen, festen Brüsten und elfenbeinfarbener Haut. Und dann das enge, unscheinbare Büro. Es gab nicht einmal ein Fenster. War er in den falschen Raum geraten? Er blickte sich um, als suche er nach Hinweisen, während die Frau einen empörten Laut von sich gab.

„Warten Sie normalerweise nicht, bis man Sie hereinbittet?“, fuhr sie ihn an, warf das Deo auf den Schreibtisch und zog hastig die Bluse zusammen. „Lassen Sie mich raten: Sie sind Nico Galletti.“

Diese Stimme. Sie klang so anders, ohne die gedehnten Silben und den kühlen, glasklaren Akzent der Ashley Woodward, die er von früher kannte. Und doch war da immer noch dieser aristokratische Klang. Darum hatte er sein eigenes Brooklyn-Englisch mühsam abgelegt. Das hier war Ashley Woodward, sehr verändert, aber im Kern immer noch dieselbe.

„Da dies sowieso nur noch etwa drei Minuten Ihr Büro sein wird, habe ich mir die Förmlichkeiten gespart“, erwiderte er kalt und nickte zu ihrer Bluse. „Aber ich rate Ihnen, die zuzuknöpfen.“

„Und ich rate Ihnen, sich umzudrehen“, fauchte Ashley. „Wenn Sie ein Gentleman sind.“

Nico lachte ehrlich amüsiert. „Oh, ich bin kein Gentleman.“

„Warum überrascht mich das nicht?“, murmelte Ashley, während sie trotzig das Kinn hob und ihn fest ansah. Dann begann sie, die Bluse zuzuknöpfen, bis der reizvolle Hauch aus Spitze und heller Haut verschwunden war.

Ärgerlicherweise empfand Nico das als Verlust. Für einige Sekunden ließ er sich vom Anblick ihrer langen, schlanken Finger fesseln, die die Knopflöcher der billigen Bluse schlossen, während ein rosiger Schimmer ihre porzellanweißen Wangen färbte. Die Weise, wie Ashley Woodward ihn währenddessen mit ihren tiefgrünen Augen unablässig ansah, machte die Szene seltsam erotisch – wenn man bedachte, dass sie nicht aufreizend wirken wollte.

Aber vielleicht war ihr so ein jämmerlicher Versuch sogar zuzutrauen. Vor sechzehn Jahren hatte sie auf Befehl ihres Vaters mit ihm geflirtet. War sie wirklich so dumm zu glauben, derselbe billige Trick könnte ein zweites Mal funktionieren?

Nie wieder! Auch wenn Nico zugeben musste, dass Ashley Woodward in diesem Moment eher wütend als verführerisch wirkte. Das Rot in ihren blassen Wangen vertiefte sich, ihre Augen funkelten wie geschliffene Jadesteine, und das Haar fiel in zerzausten goldenen Wellen über ihre Schultern. Sein Körper reagierte sofort als Antwort, und er beschloss, dass er genug von dieser unbeabsichtigten – oder auch nicht – Striptease-Show hatte. Ashley Woodward hatte ihn einmal in ihren Bann gezogen. Er würde es kein zweites Mal zulassen.

„Ich denke, Sie wissen ganz genau, dass ich kein Gentleman bin“, bemerkte er kalt.

Ashley runzelte die Stirn, ihre goldenen Brauen zogen sich zusammen. Sie schüttelte den Kopf, sodass sich noch mehr Locken lösten und um ihr Gesicht fielen. So schön sie auch war, sie sah chaotisch aus – der Rock zerknittert, die Frisur aufgelöst, und eine Laufmasche zog sich von ihrem Oberschenkel bis zum Knöchel. Ihm fiel auf, dass sie nicht einmal Schuhe trug. War das auch Taktik? Hatte sie gehofft, er würde Mitleid empfinden?

Niemals.

„Woher sollte ich das wissen?“ Sie klang gleichzeitig neugierig und genervt. Als sie sich bückte, um nach ihren Schuhen zu suchen, spannte sich ihr Rock straff über ihrem Gesäß. „Ich weiß gar nichts über Sie“, fuhr sie fort, während sie erst den einen schlichten Pumps überstreifte, dann den anderen. „Außer der Tatsache, dass Sie ohne erkennbaren Grund meine Firma übernommen haben. Es wirkt, als ... als hätten Sie etwas gegen mich persönlich. Obwohl ich Sie noch nie gesehen habe.“

Sie richtete sich auf, steckte die Bluse ordentlich in den Rock und sah ihm dann wieder direkt in die Augen. Ihre jadegrünen Augen blitzten, aber ihr Blick war beunruhigend klar und offen.

Einen Moment lang war Nico aus dem Konzept gebracht und konnte sie nur anstarren. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte sich Ashley Woodward wütend vorgestellt, verächtlich, abweisend ... vielleicht auch verzweifelt, tränenüberströmt. Jede dieser Reaktionen hätte er genossen. Stattdessen verhielt sich Ashley Woodward, als könnte sie sich nicht an ihn erinnern.

War das möglich? Konnte diese Szene im Ballsaal der Woodwards, als man ihn in Handschellen abgeführt hatte, für sie so unbedeutend gewesen sein, dass sie es einfach vergessen hatte? Dass sie mit einem unschuldigen Mann geflirtet und ihn sogar geküsst hatte, um ihn noch tiefer in die Falle zu locken: Hatte sie es wirklich geschafft, das zu vergessen? Und was war mit dem Prozess, bei dem sie zwei Wochen lang jeden Tag in der zweiten Reihe gesessen, ihn aber kein einziges Mal angesehen hatte?

Nico hatte nichts davon vergessen. Nach einer harten Kindheit war der Eintritt in den Woodward-Ballsaal für ihn wie ein Märchen gewesen. Es war das erste Mal, dass er einen Smoking getragen hatte – von Chase Woodward geliehen. Das erste Mal, dass er Champagner probierte. Das erste Mal, dass er das Gefühl hatte, es könnte Hoffnung und Möglichkeiten für ihn geben.

Und Ashley Woodward mit ihrem glockenhellen Lachen und dem schüchternen Lächeln war für einen kurzen Moment Teil davon gewesen.

Im Prozess hatte der Staatsanwalt behauptet, Nico hätte sich nicht nur an Chase Woodwards Geld vergriffen, sondern auch an dessen Tochter, was ganz offensichtlich Teil von Woodwards Plan gewesen war. Und Ashley hatte mitgespielt. Nico würde niemals ihren eiskalten Blick vergessen, als ihm direkt vor ihr Handschellen angelegt worden waren. Kurz vorher hatten sie sich noch geküsst. Aber als er sie um Hilfe bat, hatte sie sich ohne ein Wort abgewandt.

Sie musste sich erinnern. Das hier war irgendein ausgeklügelter Trick. Aber Nico kaufte es ihr nicht ab.

„Für jemanden, der angeblich Leiter seiner eigenen Firma ist, ist Ihr Gedächtnis erschreckend schlecht“, sagte er kalt.

Alles, was er dafür bekam, war ein leerer Blick. „Mein Gedächtnis? Mr. Galletti, ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

Zum ersten Mal zog er in Betracht, dass sie die Wahrheit sagen könnte. War es möglich, dass sie ihn wirklich vergessen hatte? Na ja, es waren sechzehn Jahre vergangen, und seitdem hatte sie noch einen anderen, viel längeren und dramatischeren Prozess erlebt: den ihres eigenen Vaters.

Trotzdem hatte er gedacht, sie würde sich an ihn erinnern. Die Möglichkeit, dass sie es nicht tat, war zutiefst beschämend, und Scham war ein Gefühl, das er sich längst verboten hatte.

Also schön, die Eisprinzessin konnte sich vielleicht nicht an ihn erinnern. Wenn das tatsächlich stimmte, würde er es zu seinem Vorteil nutzen. Er würde Ashley Woodwards völligen Absturz umso mehr genießen, wenn sie nicht einmal wusste, warum es geschah. Genau wie er damals würde sie keine Ahnung haben, warum ihre Welt zusammenbrach, und er würde derjenige sein, der dafür sorgte. Aber er würde ihr nie sagen, warum. Das wäre eine noch süßere Rache.

2. KAPITEL

Ashley hielt Nico Gallettis Blick mit Mühe stand, obwohl alles in ihr schrie, sie sollte wegsehen. Sofort!

Sie hatte hart daran gearbeitet, sich nicht mehr zu verstecken, sich nicht mehr zu ducken oder für irgendetwas zu entschuldigen. Doch dieser Moment, dieser Mann, stellte all ihre Stärke auf eine harte Probe. Warum sah er sie an, als hasste er sie?

Dass er sie völlig unvorbereitet erwischt hatte – mit geöffneter Bluse, um Himmels willen – machte die Sache nicht besser. Allein die Erinnerung ließ ihre Wangen brennen. Jeder normale Mensch hätte genug Anstand gehabt, sich zu entschuldigen und zurückzuziehen.

Nicht Nico Galletti! Er hatte einfach dagestanden und sie angestarrt, während sie innerlich kochte und bebte. Sie hatte es geschafft, den Blick nicht von ihm abzuwenden, während sie ihre Bluse zuknöpfte, und die Hitze ignoriert, die sich über ihre Haut ausbreitete. Es war ein kindisches Machtspiel gewesen, von beiden Seiten, aber sie war entschlossen, keinen Millimeter nachzugeben. Außerdem hatte ihr diese Szene einen unerfreulichen Einblick in die gnadenlose Rücksichtslosigkeit ihres Gegners verschafft.

Jetzt wartete Ashley darauf, dass er das Wort ergriff. Stattdessen legte er nur den Kopf leicht schief und ließ seinen stählernen Blick auf eine Weise über Ashleys ganzen Körper gleiten, die ihre Haut wieder glühen ließ. Ihre Bluse mochte zugeknöpft sein, doch sie fühlte sich, als würde er sie ausziehen. Allerdings wirkte sein Blick nicht im Geringsten, als hätte er erotisches Interesse, als wäre es ein prüfendes Abwägen. Das Feuer, das sich in ihrem Körper ausbreitete, war offensichtlich demütigend einseitig. Aber sie war fest entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen.

Also gut, er sah unglaublich gut aus. Das ließ sich nicht leugnen. Er war fast einsneunzig groß, mit einem schlanken, kraftvollen Körper in einem grauen Maßanzug. Dunkles Haar, an den Schläfen von Silber durchzogen, was seine Anziehungskraft noch verstärkte. Unwillkürlich musste sie an einen Panther denken. Sein Gesicht ... scharf geschnittene Wangenknochen, eine Nase wie eine Klinge, die unerbittliche Härte nur gemildert durch dichte, dunkle Wimpern und einen Mund, der sehr zu ihrem Ärger ihren Blick fesselte. Sie versuchte den Gedanken zu verdrängen, wie sich diese Lippen anfühlen würden, warm, weich und fest ... und überraschend süß.

Um Himmels willen! Was stimmte nicht mit ihr? In so einer Situation an den Mund dieses Mannes zu denken, war absurd. Er war ihr Feind. Aber warum sah er sie an, als würde sie ihm gehören? Warum fühlte sich das alles so persönlich an? Galletti machte keine Anstalten, ihr seine Motive zu erklären, und Ashley hatte nicht die geringste Absicht, um Informationen zu betteln.

Um ihre Verwirrung zu verbergen, entschied sie sich zum Angriff. Nach Jahrzehnten, in denen sie stets hatte einstecken müssen, fühlte es sich gut an, einmal den ersten Schlag zu führen. Also ließ sie ihrerseits den Blick langsam über ihn gleiten, genauso ungeniert, wie er es eben bei ihr getan hatte. Mit spöttisch verzogenem Mund ließ sie ihre Augen an seinem Körper auf- und abwandern.

Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass sie die ausgeprägten Konturen seiner Brust- und Bauchmuskeln wahrnahm, die sich unter dem teuren weißen Baumwollhemd abzeichneten. Die breiten Schultern. Die endlosen Beine. Dieses Gesicht ...

In seinen Augen flackerte Überraschung auf, Irritation, aber auch ein Hauch von Belustigung über ihren forschenden Blick. Ashley wusste nicht, ob sie sich dadurch bestätigt fühlen sollte oder eher eingeschüchtert. Sie verschränkte die Arme, hob das Kinn und musterte ihn von oben herab, was sich schwierig gestaltete, weil er mindestens zwanzig Zentimeter größer war.

„Wann immer Sie sich bereit fühlen“, sagte sie gedehnt, „dürfen Sie gerne reden.“

Galletti wirkte unbeeindruckt von ihrer Musterung.

„Sie scheinen überhaupt kein Interesse daran zu haben, sich bei mir beliebt zu machen.“

Wollte er vielleicht, dass sie um Gnade flehte? Aber das würde sie nicht tun. Sie hatte sich geschworen, niemals wieder zu betteln.

Nicht einmal, um ihre eigene Firma zu retten?

Der Gedanke ließ Ashley innehalten. Sie hatte geglaubt, dass sie für Infinite Innovations so gut wie alles tun würde. Und sie hatte auch so gut wie alles dafür getan: von der Hand in den Mund gelebt, um jeden einzelnen Dollar wieder in jene Erfindungen zu stecken, die ihr so viel bedeuteten, Tag und Nacht gearbeitet, ohne soziales Leben, kaum Freunde. War es da wirklich zu viel verlangt, ein bisschen höflich zu sein, ein bisschen nachzugeben, egal wie sehr sie den Mann verabscheute?

Sie holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. „Entschuldigen Sie“, sagte sie ruhig. „Ich war unhöflich, das ist unentschuldbar.“

Nico Gallettis Augenbrauen zuckten ein winziges Stück nach oben. Er wirkte amüsiert, was Ashley in Rage brachte.

„Das ist das Beste, was Sie zustande bringen?“, fragte er spöttisch und verschränkte die Arme, sodass der Anzug sich über seinem eindrucksvollen Bizeps spannte. Seine Stimme war so glatt wie sein Anzug ... oder wie eine Schlange.

„Was genau wollen Sie von mir?“, fragte sie ruhig.

Autor

Kate Hewitt

Aufgewachsen in Pennsylvania, ging Kate nach ihrem Abschluss nach New York, um ihre bereits im College angefangene Karriere als Schauspielerin weiter zu verfolgen. Doch ihre Pläne änderten sich, als sie ihrer großen Liebe über den Weg lief. Bereits zehn Tage nach ihrer Hochzeit zog das verheiratete Paar nach England, wo...

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