Was der Kuss des Milliardärs verrät

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Wird in Boston ein Märchen wahr? Die junge Haushälterin Patience erlebt das ganz große Liebesglück in den Armen des Milliardärs Stuart Duchenko. Doch selbst in den zärtlichsten Momenten ahnt sie: Wenn er ihr dunkles Geheimnis erfährt, wird er sie verlassen …


  • Erscheinungstag 30.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542845
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Leseprobe

Barbara Wallace

Was der Kuss des Milliardärs verrät

1. KAPITEL

Wie lange dauerte die Untersuchung der alten Dame denn noch? Aufgeregt lief Patience in der Notaufnahme auf und ab. Die Wartezeit kam ihr wie eine kleine Ewigkeit vor.

„Entschuldigung.“ Sie klopfte an die Glasscheibe, die die Aufnahme vom Wartebereich trennte. „Meine … Großmutter … ist schon eine ganze Weile da drin.“ Die alte Dame war zwar ihre Arbeitgeberin, aber sie hoffte, durch diese Lüge eine schnellere Antwort zu bekommen. „Wer kann mir denn sagen, was gerade mit ihr passiert?“

Die Schwester schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. „Es tut mir leid, aber wir haben heute wirklich viel zu tun. Ich bin mir aber sicher, dass bald ein Arzt mit Ihnen sprechen wird.“

Sie hatte leicht reden. Schließlich hatte sie ihre Chefin nicht zusammengekrümmt am Fuß der Treppe gefunden.

Anas schwacher und kläglicher Schmerzensschrei ging ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Wenn sie doch nur in der Nähe gewesen wäre … Wenn sie doch nur Nigel nicht erzählt hätte, dass er mit dem Abendessen noch warten müsste, dann wäre Ana jetzt nicht hier und würde wie jeden Nachmittag ihren Tee im Salon trinken.

Patience konnte sich ein trauriges, leises Lachen nicht verkneifen. Vor einem Jahr hatte sie noch nicht einmal gewusst, was ein Salon ist. Ein weiterer Beweis, wie sehr sich ihr Leben durch Ana verändert hatte. Ohne es zu ahnen, hatte sie Patience aus dem zwielichtigen Milieu gerettet.

Am ersten Tag als Haushälterin im Haus von Anastasia Duchenko hatte ihr richtiges Leben erst begonnen. An ihre alte Tätigkeit hatte sie seitdem keinen Gedanken mehr verschwendet.

Jäh wurde sie aus ihren Überlegungen gerissen, als die Tür zur Notaufnahme schwungvoll aufgestoßen wurde. Schlagartig verstummten die Gespräche im Raum und alle Blicke richteten sich auf den neuen Besucher. Selbst die Schwester in der Aufnahme reckte den Kopf. Hatte eine lokale Berühmtheit den Raum betreten? Diese Erwartung lag in der Luft.

Seine Haltung strahlte Selbstbewusstsein und Überlegenheit aus. Es gab keinen Zweifel, dieser Mann war es gewohnt, das Sagen zu haben. Ihn würde man nicht eine Stunde warten lassen.

Zielstrebig ging er zum Aufnahmeschalter. Als sie den Namen Duchenko hörte, wurde sie hellhörig.

Sie strich sich die dunklen Haare aus dem Gesicht, richtete ihr T-Shirt und machte einen Schritt auf ihn zu. „Entschuldigung, haben Sie gerade nach Ana Duchenko gefragt?“

Er drehte sich zu ihr um. „Wer möchte das wissen?“

Für einen Augenblick verschlug es Patience die Sprache. Gebannt starrte sie in seine lebhaft funkelnden stahlblauen Augen, die tief in ihre Seele zu blicken schienen. „Patience“, antwortete sie und fing sich wieder. „Ich bin Patience Rush.“

Er musterte sie noch intensiver. „Tante Anastasias Haushälterin?“

Seine Tante? Die Erkenntnis durchfuhr sie wie ein Blitz. Sie sprach mit Stuart Duchenko, Anas Großneffen, der zweimal die Woche anrief. Soweit sie wusste, war er der einzige Verwandte, mit dem Ana noch redete. Mit der restlichen Familie hatte sie sich überworfen. Nur auf Stuart, der sich um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmerte, ließ sie nichts kommen.

„Ich dachte, Sie wären in Los Angeles“, bemerkte sie, nachdem er sich vorgestellt hatte. Ana hatte ihr erzählt, dass er seit fast einem Jahr dort festhing, um die Erbstreitigkeiten einer Milliardärs-Familie zu regeln.

„Ich habe meinen Fall gestern abgeschlossen. Was ist passiert?“

„Nigel.“ Nigel war Anas verwöhnter Kater. „Er war in der Eingangshalle und hörte nicht auf zu miauen“, erklärte sie ihm. „Das macht er immer, wenn er noch nichts zu fressen bekommen hat. Soweit ich vermuten kann, ist er Ana um die Beine gestrichen, als sie die Treppe herunterkam, und dabei hat sie ihr Gleichgewicht verloren.“

Fragend zog er eine Augenbraue hoch. „Soweit Sie vermuten können?“

Dieser Mann war ganz offensichtlich Anwalt. Patience fühlte sich wie im Kreuzverhör. „Ich war im Esszimmer und habe das Tafelsilber poliert. Ich hörte Ana noch schreien, aber bis ich bei ihr war, war sie bereits zu Boden gestürzt.“ Bei der Erinnerung daran zitterte sie. Anas Anblick, wie sie stöhnend am Fuß der Treppe lag, würde sie so schnell nicht vergessen.

Wortlos durchbohrte Anas Neffe sie mit seinem Blick, bevor er sich an die Schwester in der Aufnahme wandte. „Ich möchte meine Tante gerne sehen“, bat er höflich, wenn auch im unmissverständlichen Befehlston.

Die Krankenschwester nickte. „Ich schaue mal, was ich für Sie tun kann.“

„Ich versuche schon seit Stunden zu erfahren, wie es Ana geht, aber niemand sagt mir etwas.“

„Das werden sie auch nicht“, entgegnete er. „Aus Datenschutzgründen. Sie gehören schließlich nicht zur Familie.“

Das war deutlich. Auch wenn sie Ana ins Krankenhaus gebracht und die Aufnahmepapiere ausgefüllt hatte. Jeder, der klar denken konnte, sah, dass sie sich Sorgen um die alte Dame machte. Was spielte es da für eine Rolle, ob sie zur Familie gehörte oder nicht?

Anas Neffen hatte sie sich völlig anders vorgestellt. Nach jedem Telefonat mit ihm geriet Ana ins Schwärmen über „ihren lieben Stuart“. Der Mann neben ihr hatte nichts Liebevolles an sich. Dazu ging er viel zu rücksichtslos vor. Sie konnte seinen Killerinstinkt förmlich spüren.

Seine Bitte zeigte Wirkung. Sekunden später wurde die Tür zum Behandlungszimmer geöffnet und ein Arzt im hellgrünen OP-Kittel trat heraus.

„Mr. Duchenko?“ Er eilte auf Stuart zu, musterte jedoch im Vorbeigehen Patience noch von oben bis unten. Sie kannte diesen Blick. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und tat so, als ob sie es nicht bemerkt hätte.

„Es tut mir leid, dass Sie warten mussten“, fuhr der Arzt fort. „Wir warten auf die Ergebnisse des CTs.“

„Wie geht es ihr?“

„Sie hat eine Bimalleolarfraktur am linken Knöchel.“

„Eine Bi… was?“, fragte Patience. Ihr Magen zog sich leicht zusammen. Hoffentlich klang der medizinische Begriff schlimmer, als es war.

Der Arzt lächelte. „Bimalleolar. Eine Sprunggelenkfraktur. Der Knochen und die Bänder sind verletzt.“

„Und was heißt das?“ Stuart sprach die Frage aus, die ihr durch den Kopf ging.

„Das heißt, sie muss operiert werden, um den Knöchel zu stabilisieren.“

Eine Operation? Patience fühlte sich schrecklich. Sie hätte besser aufpassen müssen. „Ist das gefährlich?“

„In ihrem Alter ist jede Narkose riskant.“

„Ihr Gesundheitszustand ist ansonsten aber fantastisch“, erklärte ihm Patience. „Die meisten halten sie für bedeutend jünger.“

„Das ist gut. Je fitter sie ist, desto schneller erholt sie sich. Insgesamt hat sie wirklich Glück gehabt, dass sie sich nur den Knöchel gebrochen hat. Stürze in ihrem Alter sind besonders gefährlich.“

„Ich weiß“, betonte Stuart und schaute auffällig in ihre Richtung. „Dürfen wir sie sehen?“

„Sie ist im Untersuchungszimmer sechs“, erwiderte der Arzt. „In Kürze kommt sie in den OP, aber bis dahin können Sie ihr gerne Gesellschaft leisten.“

Die Untersuchungsräume waren durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Stuart zog den Vorhang zurück. Ana lag matt auf ihrem Bett, während die Krankenschwester gerade den Durchlauf ihrer Infusion prüfte. Das kontinuierliche Piepen der Geräte erfüllte den Raum. Bei Anas Anblick und den Schläuchen am Arm wurde Patience ganz elend zumute. Normalerweise war die alte Dame so lebhaft, dass man ihr richtiges Alter leicht vergaß.

„Wir haben ihr ein schmerzstillendes Mittel verabreicht, sodass sie nicht ganz bei sich sein könnte“, erklärte ihnen die Schwester. „Machen Sie sich keine Sorgen, falls sie etwas konfus klingt.“

Stuart betrat zuerst den Raum. Patience folgte ihm und sah, wie er am Kopfende von Anas Bett stand und ihr liebevoll die Haare aus dem Gesicht strich.

Tetya? Ich bin es, Stuart.“

Der liebevolle Ton seiner Stimme überraschte sie. Offen gestanden hatte sie ihn nicht für den sanften Typ gehalten.

Anas Augenlider zuckten. Sie blinzelte und lächelte ihn selig an. „Was machst du denn hier?“

„Der Sturzerkennungsalarm, den du am Handgelenk eigentlich nie tragen willst, informiert mich automatisch, wenn der Notruf kontaktiert wird. Ich war gerade auf dem Weg vom Flughafen, als ich die Nachricht erhielt.“

Ihr Lächeln wurde noch breiter. „Zurück? Heißt das, du bist wieder zu Hause?“

„Ja.“

„Du hast mir gefehlt, lapushka.“

„Du mir auch. Wie geht es dir?“

„Gut, weil du jetzt da bist.“ Mit ihrer knochigen Hand tätschelte sie seine. „Ist mit Nigel alles in Ordnung?“

„Es geht ihm gut.“

„Er war sehr unartig. Sag ihm, dass ich enttäuscht von ihm bin.“

„Ich richte es ihm aus.“ Seine Stimme klang nachsichtig.

„Mach ihm kein allzu schlechtes Gewissen. Er hat es nicht absichtlich getan.“

Ihr fielen immer wieder die Augen zu. „Er ist so dickköpfig wie du.“

„Du schläfst jetzt besser etwas, tetya. Ich bin jetzt wieder da und kümmere mich um alles.“

„Du bist so ein guter Junge. Gott sei Dank hast du keine Ähnlichkeit mit deinem Großvater.“ Sie schloss die Augen, um sie noch einmal mit aller Kraft aufzureißen. „Patience?“

Bis zu diesem Moment hatte Patience am Fußende des Betts gestanden. Sie wollte Ana auf keinen Fall bedrängen. Als sie ihren Namen hörte, ging sie näher ans Bett. „Ja, Ana?“

„Da bist du ja“, sagte Ana. „Danke.“

„Sie müssen mir nicht danken“, erwiderte sie.

„Oh, doch“, beharrte die alte Dame. „Du hast dich so gut um mich gekümmert.“

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie Stuart, der unauffällig in ihre Richtung schaute. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf Ana und tat so, als ob sie ihn nicht sähe. „Das hätte jeder getan. Jetzt sollten Sie sich aber wirklich ausruhen.“

„Kümmerst du dich um Nigel?“

„Ja, natürlich.“

„Auch um Stuart?“

Patience wunderte sich. Dieser Mann brauchte mit Sicherheit keine Hilfe. Bestimmt nicht von jemandem wie ihr.

Sie blieben, bis eine andere Krankenschwester vorbeikam und Anas Zustand kontrollierte. Das kleine Zimmer bot kaum Platz für zwei Besucher geschweige denn für drei, daher verließ Patience den Raum. Zu ihrer Überraschung folgte ihr Stuart.

„Wissen Sie, was das Verrückte ist?“, bemerkte sie. „Dieser dumme Kater ist der Grund, warum sie sich den Knöchel bricht, und er bekommt weiterhin Gourmet-Katzenfutter zum Abendessen.“ Das sich um einige Stunden verzögern würde, wie ihr gerade auffiel. Hoffentlich hatte er nicht aus Rache Katzenstreu auf dem Küchenboden verteilt.

Stuart betrachtete sie erneut mit mürrischer Miene. „Sind Sie sicher, dass Nigel Ana zu Fall gebracht hat?“, fragte er.

Was für eine dumme Frage. „Natürlich“, entgegnete sie. „Das heißt, ich weiß es nicht mit Sicherheit. Aber es war Zeit fürs Abendessen, und der Kater hat die nervige Angewohnheit, den erstbesten Menschen zu belästigen, wenn er hungrig ist. Warum fragen Sie mich das?“ Ana hatte es ihm bereits erzählt.

„Ich wollte nur sichergehen, dass ich alle Fakten habe.“

Fakten? Herrgott noch mal, hier ging es doch um keinen Kriminalfall. „Vertrauen Sie mir, Sie haben alle Fakten. Nigel ist eine entsetzliche Plage.“ Und total verzogen. „Außerdem, wer sonst hätte sie zum Stolpern gebracht? Ich war die einzig andere Person im Haus und ich …“

Das wagte er nicht

Sie starrte ihn an. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich etwas mit Anas Unfall zu tun habe?“

„Warum sollte ich das annehmen? Ana selbst gibt Nigel die Schuld.“

„Weil Nigel sie zum Stolpern gebracht hat.“ Er misstraute ihr wirklich. Es war unglaublich.

Nein, realistisch betrachtet, war es typisch. Reiche Typen der höheren Gesellschaft verdächtigten natürlich zuerst die Haushaltshilfe. „Wollen Sie damit sagen, dass Ihre Tante lügt?“

„Wohl kaum.“

„Warum sollte ich dann die Unwahrheit sagen?“

„Habe ich das etwa behauptet? Ich sagte Ihnen bereits, ich sammele lediglich die Fakten. Sie sind diejenige, die einen anderen Sinn in meinen Fragen liest.“

Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, aber er gebot ihr mit erhobenem Zeigefinger zu schweigen. „Obwohl“, fuhr er fort,„Sie es mir nicht übel nehmen dürfen, wenn ich misstrauisch bin.“

Ach nein? Dieser Typ unterstellte ihr, dass sie eine hilflose alte Dame die Treppe hinuntergestoßen hatte. „Warum?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Das hätte sie zu gerne gewusst.

„Erst einmal hat meine Tante Ana Sie eingestellt, während ich noch in Los Angeles war.“

Das war es also. Der Mann verteidigte sein Revier. „Mit anderen Worten, Sie sind verärgert darüber, dass Ana dies nicht mit Ihnen abgestimmt hat.“

„Richtig.“ Patience hatte nicht damit gerechnet, dass er es auch noch zugab. „Normalerweise prüfe ich die Angestellten meiner Familie und Sie haben diesen Prozess irgendwie umgangen. Daher weiß ich nichts über Sie. Schließlich könnten Sie etwas verheimlichen.“

Patience zitterte innerlich. Wenn er wüsste …

Gleichgültig, welche fragwürdigen Entscheidungen sie in ihrem Leben auch getroffen hatte, gab es Grenzen, die sie nie überschreiten würde. Dazu stand mit Sicherheit ganz oben auf der Liste, keine wehrlosen alten Damen zu verletzen. „Sie haben recht“, erklärte sie ihm. „Sie kennen mich nicht.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zu Ana.

Sieh an, sieh an, die personifizierte moralische Entrüstung … Stuart ignorierte die Gewissensbisse, als Patience außer Reichweite war. Warum sollte er sich schuldig fühlen, wenn er sich doch nur um seine Familie kümmerte? Schließlich hatte er vor acht Monaten noch nie von Patience Rush gehört. Plötzlich gab es für seine Tante nur noch ein Thema. Patience hier und Patience da. Kein Grund zur Sorge, Stuart, Patience kümmert sich rührend um mich. Patience zieht bei mir ein. Und was das Fass zum Überlaufen brachte … Patience stellt die Schecks aus.

Dass Ana außer Gefecht gesetzt war, hätte Patience eine ungeahnte Machtfülle geboten, wenn er nicht genau jetzt nach Hause gekommen wäre. Er machte sich Vorwürfe, dass er das letzte Jahr nicht zu Hause gewesen war. Jetzt hatte seine Tante ihr Herz an eine Fremde gehängt, über die er nichts wusste. Ana mochte für ihr Alter einen wachen Verstand haben, aber letzten Endes war sie eine alte Dame, die allein lebte und eine Schwäche für rührselige Geschichten hatte. Durch ihr großes Herz war sie leicht auszunutzen.

Es wäre bestimmt nicht das erste Mal, dass ein hübsches junges Ding sich einen Teil des Duchenko-Vermögens unter den Nagel reißen wollte.

Leider hatte Miss Rush Pech gehabt. Er war nicht mehr der einsame Zwanzigjährige, der sich nach Liebe sehnte, noch war er naiv genug zu glauben, dass Menschen so arglos waren, wie sie auf den ersten Blick schienen. Ana war die einzige Verwandte, die er noch hatte. Er würde nicht zulassen, dass ihr wehgetan wurde, so wie es ihm passiert war.

Plötzlich hörte er ein Quietschen hinter sich. Es waren die Gummireifen des Bettes, mit dem Ana zum Aufzug geschoben wurde. Sie winkte ihm schläfrig zu. Stuart ergriff ihre Hand und drückte ihr einen Kuss auf den runzeligen Handrücken. „Bis bald, tetya“, flüsterte er.

„Der Warteraum der chirurgischen Abteilung befindet sich im dritten Stock“, informierte ihn die Krankenschwester. „Wenn Sie dort warten möchten, teilen wir Ihnen den Verlauf des Eingriffs direkt mit.“

„Danke“, ertönte Patience’ leise Stimme, bevor er überhaupt antworten konnte. Seine Lippen wurden zu einem schmalen Strich. „Haben Sie etwa auch vor zu warten?“

„Natürlich. Ich muss wissen, dass es ihr gut geht. Sonst kann ich nicht schlafen“, wandte sie sich an Ana.

Ana lächelte. „Aber Nigel …“

„Nigel kommt klar“, mischte sich Stuart ein. Er war zwar nicht begeistert darüber, dass Miss Rush blieb, aber er wollte am Krankenbett seiner Tante keine Diskussion über den Kater anfangen. „Mach dir keine Sorgen.“

„Außerdem tut es ihm mal ganz gut, ein bisschen zu warten“, fügte Patience hinzu. „Schließlich ist er schuld an dem Unfall. Sobald Sie operiert sind, fahre ich sofort nach Hause und füttere ihn.“

Die Beruhigungsmittel taten ihre Wirkung. Ana lächelte nur noch schwach. „Auf dich ist Verlass“, murmelte sie und schloss die Augen.

Oh, ja, ein wirkliches Herzchen, dachte er bei sich. Die Art, wie sie das elegante Bostoner Brownstone-Haus als ihr Zuhause bezeichnete, wurmte ihn mächtig. Es war genau zehn Jahre her, dass eine betörende Blondine sich in ihr Leben gedrängt hatte. Heute war es eine Brünette, die am Ball blieb.

Es war auffällig, wie sie ihre äußere Wirkung herunterspielte. Vielleicht Taktik? Doch umsonst. Ihre Attraktivität war nicht zu übersehen. Das hatte er insgeheim sofort bewundernd festgestellt.

Doch sie verbarg mehr als nur ihre Figur. Das war ihm nicht entgangen. Als er ihr unterstellte, Geheimnisse zu haben, war sie seinem Blick ausgewichen. Bei Patience Rush steckte mehr dahinter. Und er war entschlossen, es herauszufinden.

Während Anas OP warteten sie jeder in einer anderen Ecke des Aufenthaltsraums. Stuart hatte Stühle zusammengeschoben und sich einen provisorischen Arbeitsbereich geschaffen; Patience blätterte alte Frauenzeitschriften durch. Nachdem sie alles über die letzte Herbstmode gelesen hatte, lehnte sie sich im Stuhl zurück und warf Anas Neffen giftige Blicke zu.

Was maßte er sich an? Ihr vorzuwerfen, etwas mit Anas Sturz zu tun zu haben! Als ob sie dazu fähig wäre. Anastasia hatte ihr mit diesem Jobangebot das Leben gerettet. Jeden Morgen wachte sie dankbar auf, diese Chance bekommen zu haben. Endlich hatte sie eine Arbeit, auf die sie stolz sein konnte. Sie war wieder ein Mensch, der mit hoch erhobenem Kopf durch die Straßen gehen konnte.

Auch wenn sie sich den Job durch eine Lüge erschlichen hatte. Dieses Verhalten gehörte zu einer langen Liste von Dingen, die sie bereute, aber sie machte es jeden Tag wieder gut, in dem sie hart arbeitete und sich um die alte Dame kümmerte. Ana würde keine bessere Haushälterin und Gesellschafterin im Bostoner Stadtteil Beacon Hill finden.

Wenn sie das allerdings Stuart Duchenko erzählte, würde er sie sofort in die Wüste schicken. Und wer weiß, was er sonst noch alles anstellen würde, wenn er herausfand, womit sie sich ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Allein der Gedanke daran ließ sie erzittern.

Papierrascheln schreckte sie auf. Sie schaute zu Stuart hinüber, der sich den Nasenrücken rieb. Er wirkte völlig erschöpft. Trotz seines unfreundlichen Verhaltens musste sie einräumen, dass er sich aufrichtig Sorgen um seine Großtante machte. Offensichtlich beruhte die tiefe Zuneigung, von der Ana immer sprach, auf Gegenseitigkeit.

„Mr. Duchenko?“ Eine Schwester mit dicker Hornbrille in einem hellrosa OP-Kittel bog um die Ecke. Rasch sprangen beide auf die Füße. „Dr. Richardson hat gerade angerufen. Er kommt gleich zu Ihnen, aber ich soll Ihnen bereits ausrichten, dass Ihre Tante die OP ohne Komplikationen überstanden hat.“

„Gott sei Dank“, rief Patience aus.

„Können wir sie sehen?“, fragte Stuart.

„Ich fürchte, nein“, entgegnete die Schwester kopfschüttelnd. „Es wäre besser, Sie würden morgen wiederkommen.“

Patience sah an Stuarts Blick, dass er mit sich kämpfte. Sie hatte keine Zweifel, dass er sich durchsetzen würde, aber entweder bessere Einsicht oder seine Müdigkeit ließen ihn einlenken. „Wann wird Dr. Richardson hier sein?“

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