Baccara Exklusiv Band 276

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DIE SINNLICHE RACHE DES SCHEICHS von OLIVIA GATES

Sein Anblick raubt Prinzessin Jenan den Atem. Scheich Numair strahlt eine gefährliche Sinnlichkeit aus. Er bietet ihr an, sie vor einer arrangierten Ehe zu retten. Sein Preis ist hoch: Er will einen Erben! Ihr Kopf sagt Nein, aber ihr Körper und ihr Herz verzehren sich nach ihm …

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  • Erscheinungstag 19.09.2026
  • Bandnummer 276
  • ISBN / Artikelnummer 0858260276
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Olivia Gates, Reese Ryan, Barbara Dunlop

BACCARA EXKLUSIV BAND 276

Olivia Gates

1. KAPITEL

Jenan Aal Ghamdi beobachtete den Mann, mit dem sie verlobt werden sollte, dabei, wie er zwischen den Gruppen von Gratulanten hin und her schwirrte und sich beglückwünschen ließ. Mit Mühe unterdrückte sie den Brechreiz, der in ihr aufstieg. Schon wieder.

Jedes Mal, wenn Jenan ihn ansah oder nur an ihn dachte, hatte es dieselbe Wirkung auf sie. Sie hatte es nur ihrer eisernen Selbstkontrolle zu verdanken, dass ihr nicht jedes Mal schlecht wurde, wenn sie ihn erblickte.

Jenan hatte sich in die hinterste Ecke des riesigen Ballsaals verkrochen, nachdem sie sich eine quälende Stunde lang durch die Horden von Gästen gekämpft hatte, die sie mit neugierigen … und mitleidigen … Kommentaren und Blicken bedachten. Irgendwie war es ihr schließlich gelungen, unbemerkt zu entkommen.

Wahrscheinlich nur, weil sie sich geweigert hatte, das schreckliche Kleid und die glitzernden Klunker anzulegen, die ihr „Verlobter“ ihr geschickt hatte, um seinen Reichtum zur Schau zu tragen und mit seiner neuesten „Erwerbung“ zu protzen. In dem opulenten Ballkleid, behängt mit Tonnen von Juwelen hätte sie geglänzt wie eine Diskokugel und sich nicht so einfach entfernen können. Aber so, in ihrem schlichten schwarzen Kleid, konnte sie sich unauffällig in einer dunklen Ecke des Ballsaals verbergen. Wenigstens diesen winzigen Sieg hatte Jenan davongetragen, wenn sie auch sonst schon keine Hoffnung hatte, der Farce dieser Verlobung entrinnen zu können.

Erst als Jenan sich den Blicken entzogen hatte, gelang es ihr, wieder normal zu atmen. Und erneut stieg das seltsame Gefühl in ihr auf, dass sie gar nicht sie selbst war. Als ob all dies in Wirklichkeit einer anderen Person zustieß. Als ob sie sich in einem bizarren Traum befand, aus dem sie gleich aufwachen würde.

Doch die Illusion hielt nur einen kurzen Moment an, bis die grausame Wirklichkeit sie wieder einholte.

Sie wurde wirklich mit Hassan Aal Ghaanem verlobt!

Mit dem Mann, der zufälligerweise König von Saraya war. Dem Mann, der das benachbarte Wüstenkönigreich Zafrana, ihr Heimatland, besetzt hielt.

Obwohl man eigentlich nicht wirklich von einer Verlobung sprechen konnte. Vielmehr war Jenan an ihn verschachert worden. Verkauft. Sie hatte das Gefühl, als wäre die heutige Nacht das Ende des Lebens, das sie bisher gekannt hatte. Nein, das Ende ihres Lebens. Denn alles, was von nun an folgen würde, konnte nicht mehr als Leben bezeichnet werden.

Jenan konnte das Schicksal zwar nicht mehr abwenden, aber wenigstens hatte sie durchgesetzt, dass der Empfang nicht in Saraya oder in Zafrana stattfand. Auch wenn es nur ein weiterer bedeutungsloser Sieg war, dass Aal Ghaanem eingewilligt hatte, die Feier hier in New York, in ihrem „Revier“, abzuhalten.

New York war seit zwölf Jahren der Ort, den Jenan ihr Zuhause nannte. Sobald sie ihre lebenslängliche Strafe als Hassans Ehefrau antrat, war es damit vorbei. Doch sie würde sich so lange wie möglich weigern, in die Gegend zurückzukehren, aus der sie ursprünglich kam. Als sie geflohen war, hatte sie den Vorsatz gefasst, nie wieder zurückzukehren. Abgesehen von wenigen kurzen Besuchen, hatte sie sich daran gehalten.

Doch jetzt bereute sie es, darauf bestanden zu haben, die Feier hier in New York abzuhalten. Hassan hatte dafür gesorgt, dass der Empfang so pompös und geschmacklos wie möglich ausfiel. Sie hasste es, im Mittelpunkt dieser abscheulichen Veranstaltung zu stehen.

Wenn die Feier in einem ihrer Heimatländer stattgefunden hätte, hätte wenigstens die Presse nicht darüber berichtet, weil die Oberschicht dort mit strengen Regeln dafür sorgte, dass ihre Privatsphäre geschützt wurde. Doch in New York erregte ein solcher Empfang mit so bedeutenden Gästen natürlich Aufmerksamkeit, und Jenan konnte sicher sein, dass die Medien weltweit darüber berichten würden. Unwillentlich hatte sie sich damit selbst keinen Gefallen getan. Nächstes Mal würde sie klüger sein.

Allerdings ging es Hassan nicht darum, ihr eine Lehre zu erteilen, ihm nicht zu widersprechen. Er interessierte sich nur für sich. Und als Herrscher eines Landes, das durch neu entdeckte Ölvorkommen in jüngster Zeit zu Reichtum gelangt war, schöpfte Hassan Aal Ghaanem aus dem Vollen.

Also waren sie heute hier im Terrace Room des Plaza Hotels, wo schon manche legendäre Berühmtheit gefeiert hatte. Schließlich hielt Hassan sich für mindestens genauso bedeutsam wie diese Leute.

Zu jeder anderen Zeit hätte Jenan den grandiosen, fast eintausendundfünfhundert Quadratmeter großen Ballsaal, der noch genauso prunkvoll war, wie er um die Jahrhundertwende gestaltet worden war, auch gebührend bewundert. Sie war früher schon hier gewesen und hatte sich beim Anblick der Deckengemälde, der geschwungenen Bögen, die an eine Kathedrale erinnerten, und der imposanten Säulen, welche die Galerie, die den gesamten Raum umlief, stützten, in die Renaissance zurückversetzt gefühlt. Die schweren Kristallleuchter, die getäfelten Wände und der dicke Teppich erinnerten in dem ansonsten klassisch gestalteten Saal ans goldene Zeitalter. Doch heute schien die Szenerie ihrem schlimmsten Albtraum entstammt zu sein.

Jenan wandte die Augen von den rund fünfhundert Gästen, die den Ballsaal füllten, und betrachtete ihre Hände. Sie trug keinen Schmuck, hatte sich geweigert, die unbezahlbaren Stücke aus der königlichen Schatzkammer als shabkah anzunehmen. Wörtlich übersetzt, bedeutete das „Bindung“. Verdammt sollte sie sein, wenn sie die Fesseln, die Hassan ihr anlegen wollte, für alle sichtbar zur Schau trug …

„Bist du dir sicher, dass du das willst, Jen?“

Die leisen Worte ihrer kleinen Halbschwester Zeena, die kaum hörbar waren, weil die Musik so laut spielte, versetzten Jenan einen Stich ins Herz. Wenn irgendjemand genauso verzweifelt war wie sie, dann war das Zeena.

Jenan wandte sich um zu ihrer Schwester und versuchte zu lächeln, als ob ihr das alles nichts ausmachte. „Ja, ganz sicher, Zee. Ich weiß, dass es keinen anderen Weg gibt, als diesen alten Bock zu heiraten, um Vater und Zafrana zu helfen.“

Die Schwierigkeiten hatten vor langer Zeit begonnen, und Jenan selbst hatte indirekt ihren Teil dazu beigetragen.

Alles fing damit an, dass ihr Vater Khalil Aal Ghamdi als nächster männlicher Verwandter von König Zayd von Zafrana nach dessen Tod auf den Thron berufen wurde. Ihr Vater war ein Träumer und Künstler und als König gänzlich ungeeignet. Schlechte und teilweise böswillige Ratgeber taten ihr Übriges.

Als Jenan nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Cornell Universität nach Zafrana zurückkehrte, musste sie selbst feststellen, wie die unklugen politischen Entscheidungen ihres Vaters dazu geführt hatten, dass sich die Lage im Königreich stetig verschlechterte. Sie hatte versucht, ihm zu helfen, doch seine Gegner waren zahlreich und durchtrieben. Jeder ihrer Versuche, das Reich zu retten, scheiterte, und am Ende sah sie sich vor zwei Alternativen gestellt: Entweder ihr Leben dem Kampf gegen die politischen Gegner ihres Vaters zu opfern, oder ihrer Heimat, in der sie sich sowieso nicht mehr zu Hause fühlte, für immer den Rücken zu kehren. Also hatte Jenan aufgegeben und war gegangen.

Das hatte dazu geführt, dass das Land Zafrana sich heillos verschuldete … bei seinem Nachbarland Saraya. Und jetzt wollte Hassan das benachbarte Königreich durch die Heirat mit ihr unter sein Joch bringen. Jenans Vater hatte ihr gesagt, dass es der einzige Weg sei, Zafrana zu retten. Da Jenan wusste, wie hoch die Schulden waren, glaubte sie ihm.

„Aber du kannst ihn nicht heiraten. Er ist … er ist so alt!“

Jen schnaubte angewidert. „Ich weiß. Kaum zu übersehen, wenn dein Zukünftiger so alt ist wie dein eigener Vater. Und noch dazu abscheulich und langweilig. Wenn ich nur daran denke, dass ich mich geweigert habe, Najeeb zu heiraten, als er mir vorgeschlagen wurde!“

Zeenas honigbraune Augen sahen sie voller Hoffnung an. „Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Ich weiß, dass du Najeeb wie einen Bruder liebst, aber wenn du schon jemand heiraten musst … er ist ein toller Typ. Und sieht außerdem noch gut aus. Möglicherweise verliebst du dich irgendwann sogar in ihn.“

Jen sah ihre siebzehnjährige, atemberaubend schöne Schwester an und erinnerte sich wieder daran, aus welchem Grund sie dies alles auf sich nahm. Sie seufzte. „Denkst du etwa, das hätte ich nicht versucht? Najeeb wollte mich aber genauso wenig heiraten wie ich ihn. Er hat sich geweigert, mich zu heiraten, nur um die politischen Ambitionen seines Vaters zu unterstützen. Dann ist er irgendwohin verschwunden, um wieder bei irgendeinem wohltätigen Projekt mitzuarbeiten. Deshalb hat Hassan kurzerhand entschieden, dass er mich selbst heiratet.“

„Hat dieser Mann nicht einen Funken Anstand? Er ist zwei Jahre älter als Vater.“

„Im Gegenteil. Er glaubt sogar, dass es eine noble Geste ist, mich zu heiraten, nachdem sein ältester Sohn und zukünftiger Nachfolger auf den Thron meine Hand ausgeschlagen hat. Er fühlt sich absolut im Recht, das kann ich dir versichern.“

Zeena sah wieder so aus, als ob sie gleich in Tränen ausbrechen würde. Seitdem man ihr die Neuigkeiten eröffnet hatte, weinte sie ständig. Aber langsam schien sie zu begreifen, dass sich das Unausweichliche nicht länger abwenden ließ.

„Aber wer weiß, wenn du ihn wirklich heiratest …“, Zeena hielt inne und schauderte, „… vielleicht ist es ja nicht für lange.“

„Wenn du darauf hoffst, dass er bald tot umfällt …“ Jen schüttelte den Kopf. Wie jung und naiv ihre Schwester doch war. „Zee, Süße, ich weiß, dass dir jeder über vierzig uralt erscheint. Himmel, ich bin erst dreißig und fühle mich jedes Mal alt, wenn du mich schockiert anguckst, weil ich etwas tue, was deiner Meinung nach jungen Leuten vorbehalten ist. Hassan ist fünfundsechzig und bei bester Gesundheit. Er hat bestimmt noch dreißig Jahre vor sich.“

Jetzt konnte Zeena die Tränen nicht länger zurückhalten. „Dann sag mir wenigstens, dass es nur zum Schein ist.“

Wieder seufzte Jen. Diesmal hatte sie keine Ahnung, was sie ihrer Schwester antworten sollte. Ihr Vater hatte ihr zwar reumütig versichert, dass die Ehe nie vollzogen werden würde, aber Jenan wusste genau, dass in der Region, aus der sie stammte, die Blutlinie wichtiger als Geld war, wenn es um politische Macht ging. Diese Ehe musste einen Erben produzieren, der gleichzeitig auch legitimer Erbe ihres Vaters war, damit Hassan noch während König Khalils Lebenszeit über Zafrana herrschen konnte. Nein, Hassan hatte alles gründlich durchdacht, und die Hochzeit mit Jenan war nur der erste Teil seines Plans.

Zeena musste an ihrem resignierten Gesichtsausdruck die Wahrheit abgelesen haben, denn nun liefen ihr die Tränen in Sturzbächen über die Wangen. „Aber wenn es nur um die Schulden geht, die Vater und Zafrana bei ihm haben … vielleicht finden wir jemanden, der sie begleicht? Irgendeinen anderen König aus der Region?“

Jen schüttelte den Kopf. Sie wusste zwar, dass die Könige der benachbarten Reiche liebend gern geholfen hätten, weil Hassan ihnen ein Dorn im Auge war. Aber Hassan wollte sich die Schulden nicht auszahlen lassen, und keiner von ihnen wollte einen Krieg in der Region heraufbeschwören.

„Du musst ihn also wirklich heiraten?“, fragte Zeena verzweifelt. „Es gibt keinen anderen Ausweg?“

„Nein.“

Zeena warf sich schluchzend in Jens Arme.

Auch Jens Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte nicht mehr geweint, seit ihre Mutter gestorben war, als sie sieben gewesen war. Aber sie ertrug es nicht, ihre geliebte kleine Schwester so unglücklich zu sehen.

Abgesehen davon, dass ihre Halbschwestern Zeena und Fayza Jen über alles liebten, war sie auch stets ihr Vorbild gewesen. Jen hatte geschafft, was sie sich immer erträumt hatten. Und jetzt weinte Zeena nicht nur Jens wegen. Sie weinte auch, weil Jens erzwungene Ehe ihre eigenen Hoffnungen auf eine unabhängige Zukunft zerstörte.

Was Zeena nicht wusste, war, dass Jenan aus genau diesem Grund eingewilligt hatte, Hassan zu heiraten. Um ihren Schwestern eine Zukunft zu ermöglichen.

Jenan hatte Zeena zwar gesagt, dass es keine andere Möglichkeit gab, aber natürlich hätte sie sich einfach weigern und ihren Vater und sein Königreich ihrem Schicksal überlassen können. Zwei Gründe hielten sie jedoch davon ab.

Zum einen konnte sie es nicht zulassen, dass ihr Vater, den sie trotz seiner Schwächen liebte, gedemütigt und verletzt wurde. Jenan war bewusst, dass Khalil nie hätte König werden dürfen, aber um den Frieden in der Region zu sichern, hatte er damals zugestimmt und seine eigenen Wünsche dem Wohl Zafranas geopfert.

Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, der Heirat zuzustimmen, waren jedoch ihre kleinen Schwestern gewesen. Sie waren nicht verantwortlich für die missliche Lage, in die ihr Vater sich und Zafrana gebracht hatte. Jenan konnte sie unmöglich einfach ihrem Schicksal überlassen. Sie wusste genau, dass Hassan eine von ihnen zur Frau genommen hätte, wenn sie sich geweigert hätte. Und ihr Vater wäre gezwungen gewesen zu gehorchen.

Doch ihre Schwestern waren so jung und unerfahren. Im Gegensatz zu Jen besaßen sie keine zwei Staatsangehörigkeiten und kein eigenes Vermögen. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, was die Ehe mit Hassan aus ihnen gemacht hätte.

Es lag also an ihr, die beiden zu beschützen. Durch die Heirat mit dem alten machthungrigen Mann konnte Jen ihre Schwestern retten. Und ihre gesamte Familie und das Königreich gleich mit.

Jen hielt ihre schluchzende Schwester fest in den Armen und küsste ihr sanft auf den Scheitel. „Mach dir keine Sorgen um mich, Zee. Du kennst mich doch. Du weißt, dass ich eine Kämpferin und Gewinnerin bin. Ich finde einen Weg, um …“

Plötzlich verstummte Jenan. Jeder klare Gedanke war wie weggewischt. Auch die Umgebung schien auf einmal zu verschwimmen, und sie sah nur noch ihn. Diesen Mann. Er war der bestaussehende Mann, den sie jemals gesehen hatte …

„Um was?“

Zees Frage riss Jen aus dem tranceartigen Zustand. Sie blinzelte. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Warum sie und Zeena eng umschlungen nebeneinanderstanden und ihre Schwester sie so verzweifelt ansah.

Dann nahm sie den Lärm und die Lichter wieder wahr und erinnerte sich. Doch all ihre Sinne waren weiterhin auf den Mann ausgerichtet, der am Eingang des Ballsaals stand und die Szene mit finsterer Miene betrachtete, wie ein General, der aufs Schlachtfeld blickte. Seine unglaubliche Präsenz wirkte wie ein Magnet auf sie. Als ob seine bloße Anwesenheit alles andere auslöschen würde.

Als er sich schließlich in Bewegung setzte, traten die anderen Anwesenden zur Seite, um ihm Platz zu machen. Jen schien es, als ob ein Scheinwerfer auf ihn gerichtet war, der jedem seiner Schritte folgte und ihn in helles Licht tauchte.

„Wer ist das?“

Sie blinzelte erneut, als sie sich dazu zwang, ihre Schwester anzusehen. Zeena, die Jens Blicken mit den Augen gefolgt war, starrte den mysteriösen Mann mit offenem Mund an. Auf sie hatte er offenbar die gleiche Wirkung. Natürlich. Alle schienen wie hypnotisiert von ihm zu sein.

Wie seltsam, dass Jen nicht wusste, wer er war, denn sie hatte das Gefühl, ihn … wiederzuerkennen.

Sie schüttelte die unerklärlichen Gedanken und Gefühle ab und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Zeena löste sich aus der Umarmung und sah sie prüfend an. Die Verzweiflung auf ihrem Gesicht war Neugier gewichen. „Soll ich es rausfinden?“

Jen zog eine Augenbraue hoch. „Und wie willst du das anstellen?“

„Ich gehe zu ihm hin und stelle mich als die Schwester der Braut vor. Dann frage ich ihn einfach.“

Bei dem Wort „Braut“ zuckte Jen zusammen, doch dann winkte sie ab. „Danke, Süße, aber ich bezweifle, dass du dich auch nur rühren, geschweige denn ein Wort rausbringen kannst, wenn du ihm gegenüberstehst.“

Zeena blickte wieder zu dem Mann, der immer näher in ihre Richtung kam. Sie seufzte. „Ja, wahrscheinlich verwandle ich mich sofort in eine Salzsäule, wenn er mich nur ansieht.“

Also konnte sogar die unerfahrene Zeena spüren, wie außergewöhnlich dieser Mann war. Jen selbst hatte im Verlauf ihres Studiums, ihrer Arbeit und den vielen Reisen, die sie geschäftlich und privat unternommen hatte, einige der mächtigsten Männer der Welt getroffen. Doch dieser hier war zweifellos etwas Besonderes. Einzigartig. Nie zuvor hatte ein Mann eine solche Wirkung auf sie ausgeübt. Und das sogar auf die Entfernung, ohne dass er sie überhaupt bemerkt zu haben schien.

Auf einmal gab es nichts Wichtigeres mehr für Jen, als zu erfahren, wer er war. Wenn sie schon ihr Leben für die Interessen anderer opferte, hatte sie dann nicht wenigstens das Recht, noch einmal zu tun, was sie wollte? Das bedeutete ja nicht gleich, eine Affäre mit ihm anzufangen. Sie wollte ja nur herausfinden, wer er war.

Na klar, Jen, tadelte sie sich im Stillen. Als ob diese Naturgewalt jemals einen Blick auf dich werfen würde.

Aber trotzdem. Sie würde es tun. Musste es tun. Das war sie sich schuldig. Und aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, dass allein das Wissen um seine Identität unvorhersehbare und weitreichende Konsequenzen haben würde.

Jen richtete sich auf, als ob sie sich für einen Kampf bereit machen würde. „Ich werde das tun. Ich finde heraus, wer er ist.“

Bevor sie losgehen konnte, hielt Zeena sie am Arm zurück. „Aber pass auf. Dieser Typ strahlt etwas Wildes aus.“

Jen sah wieder zu ihm hin und nickte. „Das nennt man Macht. In der reinsten Form.“

„Wahrscheinlich. Doch er wirkt irgendwie auch …“, auf einmal wirkte Zeena, als ob sie sich unbehaglich fühlte, „… gefährlich.“

Jen verzog die Lippen zu einem Grinsen, als sie laut wiederholte, was sie vorher gedacht hatte. „Liebes, ich will nur herausfinden, wer er ist. Ich will keine Affäre mit ihm.“

Zeena kicherte verlegen, als Jen ihr noch einmal über die Wange strich, bevor sie davonging.

Als Jen in die Menge eintauchte, um den Mann zu suchen, der ihr mit größter Wahrscheinlichkeit sagen konnte, wer der geheimnisvolle Fremde war, stockte ihr plötzlich der Atem. Zeena hatte so recht gehabt.

Jen hatte keinen Zweifel daran, dass dieser Halbgott verdammt gefährlich war. Tödlich. Doch das steigerte ihr Verlangen, alles über ihn herauszufinden, nur noch.

Jen steuerte auf Jameel Aal Hashem, ihren fünf Jahre jüngeren Cousin mütterlicherseits, zu, der eine unerschöpfliche Quelle für gesellschaftlichen Klatsch und Tratsch war. Sie wettete darauf, dass der Auftritt des geheimnisvollen Mannes ihrem neugierigen Cousin nicht entgangen war.

Und natürlich hatte Jen recht gehabt. Noch bevor sie Jameel fragen konnte, deutete er aufgeregt auf den Fremden. Nachdem er Jen atemlos zugeflüstert hatte, dass er nicht glauben konnte, dass er gekommen war, sagte Jameel ihr, wer er war. Numair Al Aswad.

Wie passend der Name war. Der Mann war tatsächlich so majestätisch, geschmeidig und mächtig wie sein Namensvetter. Er war sogar unter der englischen Version seines Namens bekannt: Der schwarze Panther von Black Castle Enterprises.

Nachdem Jen seinen Namen jetzt kannte, wusste sie weit mehr über ihn, als Jameel je wissen konnte. In den Kreisen der Wirtschafts- und Finanzwelt, in denen sie sich bewegte, waren sein Name und der seines Unternehmens jedem ein Begriff. Sein Unternehmen betätigte sich in sämtlichen Bereichen, die in der Wirtschafts- und Finanzwelt von Bedeutung waren.

Als Seniorpartner gehörte Numair zu den führenden Köpfen dieser Welt und war mitverantwortlich für den unvergleichlichen Erfolg von Black Castle Enterprises. Er war einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt. Und, wie Jen gerade herausgefunden hatte, auch noch der heißeste Mann, der je seine Füße auf den Boden dieser Erde gesetzt hatte. So musste ein lebendig gewordener Halbgott aus der griechischen Mythologie aussehen.

Über sein Privatleben war allerdings kaum etwas bekannt. Jen wusste nur, dass er ursprünglich aus Damhoor, einem Königreich in ihrer Heimatregion, kam. Bereits als Kind war er in die Vereinigten Staaten ausgewandert, und seine Eltern waren schon lange tot. Soweit Jen wusste, war er nie verheiratet gewesen.

Jameel und Jen starrten ihn bewundernd an, als Numair auf einmal den Kopf zu ihnen wandte und sie direkt anschaute.

Jen anschaute.

Sie fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Vor lauter Panik konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie hielt den Atem an.

Hatte er etwa gefühlt, dass sie ihn angestarrt hatte?

Bevor sie wieder Luft holen konnte, schoben sich andere Gäste vor sie, sodass er ihren Blicken entzogen war.

Jen zitterte. Sie war gleichzeitig erleichtert und enttäuscht. Schnell murmelte sie eine Entschuldigung und ließ Jameel stehen. Rasch eilte sie davon. Sie wollte nicht riskieren, noch einmal in Numairs Blickfeld zu geraten.

Sie war überzeugt davon, dass Hassan sich nicht die Mühe gemacht hatte, nach ihr zu suchen, und schlich so unbemerkt wie möglich wieder in die dunkle Ecke des Ballsaals, in der sie zuvor Zuflucht gesucht hatte. Sie wollte Numair aus sicherer Entfernung weiter beobachten. Wenigstens hätte sie dann die Erinnerung an seine großartige Erscheinung, wenn sie später an diesen verdammten Abend zurückdachte.

Als Jen ihr Versteck erreicht hatte, durchfuhr ein Schauer ihren Körper. So stark, dass sie stolperte und ihre Handtasche fallen ließ. Jen fluchte, als sie hinunterfiel und sich ihr gesamter Inhalt über dem Boden ergoss. Sie bückte sich, um die Sachen wieder einzusammeln … und auf einmal war es, als ob jemand die Lichter im Ballsaal ausgeschaltet hätte. Im nächsten Moment wusste sie, warum. Eine imposante Statur ragte über ihr auf und ließ den Rest der Welt hinter sich verschwinden. Jen musste nicht aufblicken, um zu wissen, wer es war. Sie hatte das Gefühl, dass ihr gesamter Körper unter Strom stand.

Numair.

Ihr Herz begann wie wild zu schlagen, als er vor ihr in die Knie ging. Bevor sie den Kopf heben und ihn anblicken konnte, nahm er ihr die Handtasche aus den zitternden Händen und ließ weitere tausend Volt durch ihren Körper schießen, als er sie dabei berührte. Seine Hände waren kühl und kräftig. Mit ruhigen, eleganten Bewegungen sammelte er dann den herausgefallenen Inhalt wieder ein und legte alles zurück in die Tasche.

Als er sie ihr zurückgab, nahm sie ihren ganzen Willen zusammen und hob den Kopf … um nicht den letzten Rest ihrer mühsam aufrechterhaltenen Kontrolle zu verlieren. Nur seine Hand, mit der er sie festhielt, rettete sie davor, umzufallen und auf dem Boden zu landen.

Jen meinte, das Herz müsse ihr stehen bleiben. Seinem tierischen Namensvetter von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, hätte sie nicht mehr in Alarmbereitschaft versetzen können. Auch hinter Numairs Eleganz und seiner wilden Schönheit lag eine todbringende Kraft.

Dann korrigierte sie sich. Sie hatte falschgelegen. Numair war kein Halbgott. Er war ein richtiger Gott, der ein ganzes Pantheon von Göttern regierte. Ein Gott der Wüste, geschaffen aus ihrer Hitze und Grausamkeit, aus ihren Mysterien und ihrer unvergleichlichen Schönheit. Er hatte vielleicht nicht lange in ihrer Heimat gelebt, aber das Erbe der Region war unzweifelhaft in jede Linie seines Körpers gemeißelt.

Und gemeißelt war das richtige Wort. Er war das Ebenbild von Perfektion. Sein schwarzer Seidenanzug und das makellose Hemd bedeckten seinen muskulösen Körper. Seine Schultern waren breit und kräftig, die Taille und Hüften schlank. Selbst durch den Stoff des Anzugs konnte Jen erkennen, wie durchtrainiert und stark er war. Er war die perfekte Verkörperung von Männlichkeit und Kraft.

Dann fiel ihr Blick auf sein Gesicht. Ihr stockte der Atem. Die rabenschwarzen Haare wären ihm fast bis auf die Schultern gefallen, hätte er sie nicht zurückgebunden. Seine Augen strahlten irisierend grün und schienen sie mit einem einzigen Wimpernschlag hypnotisieren zu können. Die sinnlich geschwungenen Lippen und die ebenmäßige goldbraune Haut, die sich über die hohen Wangenknochen spannte, weckten in Jen den Wunsch, ihn sofort zu berühren.

Plötzlich zog er sie mit sich nach oben, und als er sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte, fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben winzig. In ihren acht Zentimeter hohen High Heels war sie fast einen Meter dreiundachtzig groß, aber er schien sie immer noch um zwei Köpfe zu überragen.

Als er plötzlich eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing, zwischen die Finger nahm und damit spielte, fing ihr Herz wie wild zu klopfen an.

„Du hasst es, hier sein zu müssen.“

Bam … Ohne Umschweife. Obwohl sie es eigentlich hätte wissen müssen. Dieser Mann gehorchte seinen eigenen Regeln. Seine Stimme war mindestens so sexy wie er selbst. Der dunkle, samtige Klang bescherte ihr eine Gänsehaut.

Wie unter Zwang antwortete sie. „Ja.“

Er nickte zustimmend, als ob er sich ihrer Antwort bereits sicher gewesen sei, aber ihre Offenheit schätzte. „Das hier …“, er warf einen abschätzigen Blick auf die Menge, „… ist unter deiner Würde.“

Jen musste sich beherrschen, um ihn nicht mit offenem Mund anzustarren. „Manchmal ist man gezwungen, Dinge gegen seinen Willen zu tun.“

Seine Augen nahmen einen erbarmungslosen Ausdruck an, und seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Strich. „Nichts kann wichtiger sein als das, was du willst. Und was deinen Wert angeht … Für dich ist nur das Beste gut genug. Du verdienst nichts Geringeres und solltest auch nur das verlangen.“

Jenan errötete bei seinen Worten. Selbst wenn es eine leere Übertreibung war, hörte sie sich aus seinem Mund fantastisch an.

„Ähm, danke, aber … Sie wissen doch gar nichts über mich. Und Sie haben keine Ahnung, wer ich bin.“

Er winkte ab. „Als ich dich erblickt habe, wusste ich schon alles über dich, was ich wissen muss. Und was deine Identität angeht … die hat nichts damit zu tun, wer du wirklich bist oder was dir eigentlich zusteht.“

„Oh doch. Glauben Sie mir.“

„Weil du Jenan Aal Ghamdi bist und dies hier deine Verlobungsfeier sein soll?“

Er wusste also, wer sie war. Und es schien ihm vollkommen gleichgültig zu sein.

„Das alles ist unwichtig. Und das sollte es dir auch sein. Du willst nicht hier sein. Aber du willst mit mir zusammen sein.“

„W… will ich das?“

„Ja. Genauso sehr, wie ich mit dir zusammen sein will.“ Seine Worte troffen vor selbstsicherer Arroganz. Von einem anderen Mann hätte Jen sie als Beleidigung aufgefasst. Andere Männer hatte sie für weitaus weniger zusammengefaltet. Aber von ihm schienen sie vollkommen angemessen. Er hatte das Recht, so von sich überzeugt zu sein.

Seine Augen blitzten im Halbdunkel auf, als er verlangend auf ihre leicht geöffneten Lippen blickte. „Komm mit mir. Ich bin der Einzige, der dir geben kann, was du brauchst.“

Jetzt starrte Jen ihn tatsächlich mit offenem Mund an. War die Vorstellung, Hassan zu heiraten, so abscheulich, dass sie jetzt anfing zu halluzinieren? Dass dieser Gott von einem Mann einfach ihrer Fantasie entsprungen war und sie offenbar die gleiche magnetische Wirkung auf ihn ausübte wie er auf sie?

Aber kein Produkt ihrer Fantasie konnte so atemberaubend sein wie er. Nein, er war echt. Er war ihr tatsächlich gefolgt und bot ihr wirklich an, sie … sie …

Jen wusste nicht genau, was er ihr anbot. Doch alles schien besser zu sein, als sie es sich je in ihren schönsten Fantasien hätte erträumen können. Und gleichzeitig unmöglicher.

Vielleicht war es ihm gleichgültig, in welcher Klemme sie steckte, aber für sie …

Plötzlich schien alles in ihr zum Stillstand zu kommen. Innerhalb von Sekunden stieg plötzlich eine unmögliche Hoffnung in ihr auf. Ein Plan. Es war wahrscheinlich vollkommen verrückt, aber sie konnte an nichts anderes mehr denken.

Dieser Mann war mächtiger als alle Könige in ihrer Region, die sie um Hilfe gebeten hatte. Sein Einfluss wurde nicht von Stammesinteressen oder politischem Kalkül eingeschränkt und war groß genug, um Zafrana aus seiner misslichen Lage zu befreien, ohne dass sie sich bei dem barbarischen Ritual einer Zwangsehe opfern lassen musste. Aber natürlich würde ein Mann seines Kalibers ihr nicht aus purer Großherzigkeit helfen.

Wenn er überhaupt ein Herz hat, dachte Jen zweifelnd.

Wenigstens schien es so, dass er ebenso an ihr interessiert war wie sie an ihm, und vielleicht konnten sie zu einer Einigung gelangen.

Obwohl Jen sich nicht vorstellen konnte, dass sein Interesse an ihr ausreichte, um ihr einen so großen Gefallen zu tun. Doch als Geschäftsfrau war sie es gewohnt, Risiken einzugehen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass er ablehnen und sie stehen lassen würde. Da jedoch so viel auf dem Spiel stand, riskierte sie weit mehr als eine Abfuhr, wenn sie ihren Vorschlag nicht machte.

Noch bevor Jen weiter darüber nachdenken konnte, sprach sie ihren Gedanken laut aus. „Es gibt tatsächlich etwas, das Sie für mich tun können.“

„Alles, was du willst.“

Seine prompte Antwort gab ihr den nötigen Mut, ihren Wunsch auszusprechen.

„Helfen Sie mir dabei, dass ich Hassan nicht heiraten muss.“

2. KAPITEL

„Schon geschehen.“

Numair beobachtete die Wirkung, die seine Worte auf Jenan Aal Ghamdi hatten. Ihre wunderschönen Augen weiteten sich ungläubig, und ein zartes Rosa breitete sich auf ihren eleganten Wangenknochen aus.

Erneut musste er dem überwältigenden Verlangen widerstehen, sie zu berühren. Dieses exquisite Wesen einfach in seine Arme zu ziehen und ihre vollen, sinnlichen Lippen zu küssen.

Seine unvermittelte und heftige Reaktion auf sie verstörte ihn. Nie zuvor hatte eine Frau eine solche Wirkung auf ihn ausgeübt. Es war ihm unerklärlich. Gleichzeitig hätte er sich nichts Besseres wünschen können. Schließlich war er ihretwegen hergekommen.

Numair wusste alles über sie, was es seit dem Tag ihrer Geburt bis zu diesem Moment, in dem sie sich gegenüberstanden, zu wissen gab. Er hatte ein Dossier über sie zusammengestellt, das dicker war als jedes andere, das er je über jemand anderen angelegt hatte. Natürlich waren ihm ihre gleichmäßigen Züge und ihre Schönheit auf den Fotos aufgefallen, aber wie üblich hatte er keine Reaktion darauf gezeigt.

Doch dann hatte er Jenan in echt gesehen, und jeder Gedanke daran, dass er die bittere Pille wohl oder übel schlucken musste, war wie weggewischt. Seine Reaktion auf sie war ganz direkt und vollkommen unerwartet. Sobald sein Blick auf sie fiel, fühlte er sich, als sei er vom Blitz getroffen worden.

Nein, eigentlich sogar bevor er sie überhaupt gesehen hatte. Davor hatte Numair ihre Anwesenheit gespürt.

Am Anfang hatte er das Gefühl, das ihn so plötzlich überkam, als er den Ballsaal betrat, nicht identifizieren können. Er sagte sich, dass es ein Gefühl der Entschlossenheit sein musste, das jedes Widerstreben, welches er noch gegen sein Vorhaben empfand, auslöschte. Allerdings war das seltsame Gefühl mit jedem Schritt stärker geworden, bis er plötzlich begriff, dass es durch etwas Äußerliches ausgelöst wurde. Dass es die Reaktion auf eine andere Person war. Auf eine Frau. Denn obwohl er noch nie etwas Derartiges empfunden hatte, war das Gefühl eindeutig … sinnlicher Natur.

Sobald er sich dessen bewusst geworden war, wollte er vermeiden, die Quelle ausfindig zu machen. Es würde seine Mission in Gefahr bringen, wenn er dem Gefühl nachgab und die Frau traf, die es in ihm auslöste. Denn er war gekommen, um eine ganz bestimmte Frau zu treffen.

Aber auf einmal wurde das Gefühl so stark, dass sein Blick wie in Trance zu einem Punkt im Raum gezogen wurde. Und er ihr direkt in die Augen sah. Sein Herz, das ihn bisher selbst in den gefährlichsten Situationen nicht im Stich gelassen hatte, schien einen Schlag auszusetzen, bevor es anfing, wie wild zu hämmern. Seitdem hatte es nicht mehr damit aufgehört.

Als ihre Blicke sich trafen, brach ein wahrer Gefühlssturm in ihm los. Ungläubigkeit, Verwunderung und Gefühle höchsten Glücks. Ziel seiner Mission war genau diese Frau, der es gelang, diese ungeahnten und gleichzeitig so wundervollen Gefühle in ihm hervorzurufen. Nicht im Traum hätte er gedacht, dass sein Vorhaben eine solche Wendung nehmen könnte. Dass die Umsetzung seines Plans angenehm oder sogar lustvoll sein könnte.

Dann folgte Numair Jen. Jetzt allerdings nicht mehr von kaltem Kalkül geleitet, sondern wie unter Zwang. Alles, was er seitdem gesagt und getan hatte, war spontan gewesen. Und ernst gemeint. Getrieben wurde er nur von einem Wunsch.

Er wollte diese Frau.

Doch plötzlich hatte sie ihm einen Schock versetzt, als sie ihn selbst um genau das gebeten hatte, weshalb er ursprünglich gekommen war. Die Heirat mit Hassan Aal Ghaanem zu verhindern.

Und er hatte ohne zu zögern geantwortet.

Noch in dem Moment, als er die Worte gesagt hatte, bereute er es und hätte sie am liebsten zurückgenommen. Es lief überhaupt nicht wie geplant. Numair hatte vorgehabt, langsam vorzugehen. Sie zu verführen, die Verlobung mit Hassan platzen zu lassen und Jen für sich zu beanspruchen. Das, was er ihr gerade versprochen hatte, brachte sein Vorhaben in Gefahr.

Doch er konnte das Gesagte nicht zurücknehmen. Nicht, nachdem sie ihn so bangend und gleichzeitig hoffnungsvoll angesehen hatte.

Jetzt wirkte sie einfach nur fassungslos. Anscheinend hatte sie alles andere als sein sofortiges Versprechen erwartet.

Numair sah, wie sie schluckte. Die Vorstellung, ihren Hals mit kleinen Küssen zu bedecken, war so erregend, dass er hart wurde.

„Schon geschehen?“, fragte Jen mit sanfter, heiserer Stimme ungläubig, und heiße Wellen der Erregung durchfuhren seinen gesamten Körper.

Das war die Gelegenheit, genauer zu erklären, was er gemeint hatte. Aber Numair wollte das, was sich zwischen ihnen entwickelte, nicht unterbrechen.

Nein, er würde einfach weiter mitspielen und sich später darum kümmern, dass alles so lief wie geplant. „Ich habe gesagt, dass ich alles für dich tun würde. Und genau das habe ich vor.“

Es war seltsam, doch es stimmte. Abgesehen davon, dass es in seinem eigenen Interesse lag, die Heirat zu verhindern, wollte Numair nichts mehr, als den verzweifelten Ausdruck von ihrem Gesicht zu wischen. Bevor er ihr sein Versprechen gegeben hatte, hatte Jen wie ein gefangener Vogel gewirkt, der keinen Ausweg weiß.

Ursprünglich hatte er geglaubt, dass Jenan der Heirat mit Hassan zugestimmt hatte, weil sie es auf sein immenses Ölvermögen abgesehen hatte. Obwohl ihre Biografie das Bild einer erfolgreichen, unabhängigen Frau zeichnete, hatte Numair genug Frauen kennengelernt, denen es letztlich nur darum ging, den besten Fang zu machen. Als Numair gelesen hatte, dass Jenan die Ehe mit Najeeb ausgeschlagen hatte, dafür aber seinen Vater zu heiraten, war er davon überzeugt gewesen, dass sie sich nur für den älteren Mann entschieden hatte, weil sie annahm, ihn leichter manipulieren zu können.

Jetzt hatte er allerdings gleich erkannt, wie zuwider ihr der Gedanke war, Hassan zu heiraten. Er wusste nicht weshalb, aber er zweifelte nicht daran, dass Jenan sich aus irgendeinem Grund dazu gezwungen sah. Außerdem sah er, dass sie innerlich vor Wut kochte, weil sie offenbar keine andere Wahl hatte. Doch genau das wollte Numair jetzt ändern.

Aber er konnte auch sehen, wie die ersten Zweifel an seinem Versprechen einsetzten und der hoffnungsvolle Ausdruck in ihren Augen langsam verschwand. „Etwas vorzuhaben ist das eine. Es in die Realität umzusetzen, steht auf einem anderen Blatt.“

„Für mich gilt das nicht. Ich erreiche alles, was ich mir vornehme.“

Die unerschütterliche Überzeugung in seinem Tonfall ließ ihre Augen wieder voller Hoffnung aufleuchten. „Bestimmt nicht alles.“

Numair zuckte mit den Schultern. „Oh doch. Das war bisher so, und das wird auch in Zukunft so sein.“

Ihre verführerischen Lippen standen für einen Moment lang offen, bevor Jen auf einmal kicherte. Sie plötzlich so fröhlich zu sehen, und der helle Klang ihres Lachens weckten ein noch heftigeres Verlangen in ihm. Selbst in ihrem unvorteilhaft geschnittenen Kleid war sie immer noch unglaublich attraktiv. Sie war die schönste und begehrenswerteste Frau, die er je getroffen hatte.

Jen schüttelte lächelnd den Kopf. Die seidigen Locken ihres Haars umspielten ihr Gesicht. „Wissen Sie, was? Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Ich wette, dass Ihnen das Universum keinen Wunsch abschlagen kann.“ Auf einmal wurde sie ernst. Numair wünschte, die Zeit nach vorn drehen zu können, bis sie ihn endlich aus leidenschaftlich funkelnden Augen ansah, wenn er sie zur höchsten Ekstase trieb. „Aber sollten Sie nicht erst die ganze Geschichte kennen, bevor Sie sich auf ein solches Versprechen einlassen?“

Wieder zuckte Numair mit den Schultern. „Es genügt mir zu wissen, dass du mich um Hilfe bittest, um einem Schicksal zu entkommen, das einem Todesurteil gleichkommt. Ich werde alles tun, um das zu verhindern.“

Dann gab er endlich dem unwiderstehlichen Drang nach und umspannte ihr schönes Gesicht mit beiden Händen. Als er Jens samtweiche Haut berührte, stöhnte er unwillkürlich auf. Genau wie erwartet, brachte die Berührung seinen gesamten Körper in Aufruhr.

Jen schnappte nach Luft, und Numair musste sich zurückhalten, ihre sinnlichen Lippen nicht sofort zu küssen. Sein Atem ging schneller. „Du kannst mir alles erzählen, was du willst … in meiner Suite“, flüsterte er heiser.

Mit einer Hand strich er ihr über den Nacken, die Schulter entlang und ließ sie schließlich auf ihrem Arm ruhen. Dann versuchte er, sie Richtung Ausgang zu führen.

Als Jen wie angewurzelt stehen blieb, runzelte Numair die Stirn. „Weißt du, wer ich bin?“

Sie musste es wissen. Sonst hätte sie ihn nicht um das gebeten, worum sie ihn gebeten hatte. Wer sonst hätte die Macht, einen König herauszufordern?

Doch auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob sie es wirklich wusste. Immerhin war nichts logischen Gesetzen gefolgt, seit sie sich begegnet waren.

Jen nickte wortlos und blickte ihn immer noch vollkommen fassungslos an.

„Glaubst du, du kannst mir nicht vertrauen?“

Sie schüttelte verneinend den Kopf und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, warf sie ihm einen Blick zu, in dem so viel unverhüllte Leidenschaft lag, dass Numair Mühe hatte, noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Hektische Flecken breiteten sich auf Jens Gesicht aus, und sie atmete abgehackt. Numair fühlte, wie sie schwankte.

„Geht es dir gut?“, fragte er besorgt.

Sie nickte und stöhnte genervt auf. „Verdammt, ich nicke und schüttele den Kopf, als ob ich das Sprechen verlernt hätte.“

Numair sah sie prüfend an, bevor er Jen widerstrebend losließ. „Vielleicht willst du nicht mehr mit mir sprechen?“

Sie lachte ungläubig auf. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Das musst gerade du mir sagen. Ich sehe nur, dass ich dich … aufrege.“

„Ja, das stimmt. Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich Ihnen nicht vertraue. Ich vertraue Ihnen.“

Numair biss die Zähne zusammen. „Du musst das nicht sagen, nur um mir zu gefallen oder höflich zu sein. Du hast keinen Grund, mir zu vertrauen. Trotzdem … ich verspreche dir alles, was du verlangst, damit du dich bei mir sicherer fühlst.“

Jen kicherte. „Sie kennen mich wirklich noch nicht. Wenn ich nicht gerade beruflich als Beraterin für multinationale Konzerne tätig bin, halte ich mit meiner ehrlichen Meinung nicht hinterm Berg zurück.“

Sie sagte die Wahrheit. Das wusste Numair instinktiv.

Er erwiderte ihr ansteckendes Lächeln. „Kann ich mir vorstellen. Ich habe auch nichts übrig für hohle Phrasen und falsche Höflichkeit.“

„Das ist mir schon aufgefallen. Sie sind schockierend ehrlich. Willkommen im Club!“ Sie lächelte ihn an, und wieder fragte Numair sich, woher er die Selbstkontrolle hatte, sie nicht einfach an die Säule, an der sie lehnte, zu pressen und sie zu küssen. „Ich weiß, dass Sie mir nie etwas tun würden. Fragen Sie mich bitte nicht, woher ich das weiß. So ist es einfach.“

„Warum warst du dann so schockiert, als ich dich gebeten habe, mit mir in meine Suite zu kommen, wenn du keine Angst davor hast, dass ich dich ausnutze?“

Wieder kicherte Jen. Der Klang ihres Lachens war einfach unwiderstehlich. „Ich wette, Sie können sich kaum retten vor den Frauen, die Sie darum anbetteln, sie auszunutzen.“

„Du bist nicht wie andere Frauen. Du bist du.“

„Selbst wenn Sie glauben, dass ich anders bin …“

„Nicht anders. Einzigartig.“

Erneut errötete Jen. Diesmal konnte Numair klar erkennen, dass sie sich geschmeichelt fühlte. In ihren Ohren mochte es wie eine Übertreibung klingen, aber er meinte es genau so, wie er es gesagt hatte. „Selbst wenn das Ihre Meinung ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie je so wie andere Männer die Schwäche einer Frau ausnutzen würden. Sie suchen sich ebenbürtige Gegner.“

Bei ihren Worten stieg ein unbeschreiblich schönes Gefühl in ihm auf. Dennoch … „Aber irgendetwas verunsichert dich doch. Das fühle ich.“

Ihre Augen nahmen einen sanften Ausdruck an, der ihn noch stärker berührte als alles andere, was er bisher von ihr gesehen hatte. Jen legte den Kopf schief und lächelte ihn an. „Hallo? Ist Ihnen überhaupt klar, wie umwerfend Sie sind? Und als ob das nicht genug wäre, haben wir auch noch jede gesellschaftliche Konvention gebrochen und sofort angefangen zu planen, wie wir meine Hochzeit verhindern können. Bitte, entschuldigen Sie, dass ich vollkommen durcheinander bin.“

„Dazu gibt es keinen Grund. Konventionen sind mir gleichgültig. Für uns gelten sie nicht. Und das weißt du.“ Er hielt kurz inne, bevor er grinsend fortfuhr. „Vielleicht solltest du jetzt auch einfach aufhören, mich zu siezen.“

Jen musste auch grinsen und nickte. „Ich kann nicht mehr klar denken. Ich weiß nicht einmal, ob das hier gerade wirklich passiert, oder es dich wirklich gibt. Ich weiß nur, dass ich noch nie so etwas erlebt habe.“

„Auch das haben wir gemeinsam. Du hast mich schon aus der Bahn geworfen, bevor ich dich überhaupt gesehen habe.“

Jen zog ihre entzückende Nase kraus, als sie ihm neckend antwortete. „Behaupte bloß nicht, dass du nicht versuchst, meinem Ego zu schmeicheln.“

„Ich meine es ernst. Dein Ego hat jeden Grund dazu, sich geschmeichelt zu fühlen.“ Ihr Lachen klang glockenhell und so unwiderstehlich, dass Numair die Hände zu Fäusten ballen musste, um sie nicht sofort an sich zu ziehen. Gleichzeitig musste er ihrer Reaktion auf den Grund gehen. „Also warst du nur überrascht, als ich dich gebeten habe, mit mir auf die Suite zu kommen?“

Jens Grinsen wurde breiter. „Überrascht ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Nein, im Ernst, ich musste nur kurz begreifen, was passiert. Und tief durchatmen. Sie rauben mir den Atem, Sir.“

Und wieder geschah etwas Unerwartetes. Numair wurde von Gefühlen überrollt, die er zum ersten Mal in seinem Leben empfand. Wenn er ihnen Namen hätte geben müssen, wären es wohl Entzücken, Freude und Zärtlichkeit gewesen. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Mein Gott, dachte Jen. Wie kann man nur so unglaublich sexy sein? Sie sah ihn verlangend an. „Das sollte dir gesetzlich verboten werden. Du bist schon so umwerfend genug. Wenn du lächelst, kannst du ernsthaft Schaden anrichten.“

Numair lächelte nur noch breiter und fühlte, wie seine Brust vor Stolz anschwoll. „Keine Sorge. Mein Lächeln ist nur für dich reserviert.“

„Also besteht deine Zielgruppe nur aus meiner Person?“

Es versetzte ihm einen Stich, das Wort Ziel aus ihrem Mund zu hören. Denn genau das war Jen für ihn gewesen, bevor er sie getroffen hatte. Jetzt fühlte es sich auf einmal falsch an.

Nichts ahnend von seinen Gedanken, sah Jen zu ihm hoch. In ihren Augen lag bedingungsloses Vertrauen und … Bewunderung? „Als ich heute Abend hierhergekommen bin, dachte ich, dass alles Schöne und Gute für immer aus meinem Leben verschwunden wäre. Bis ich dich getroffen habe und du mir versprochen hast, mir zu helfen. Selbst wenn du das nicht kannst, habe ich meine Hoffnung wiedergefunden. Aber dass ausgerechnet ich die Glückliche sein soll, die als Einzige mit deinem Lächeln beglückt wird? Das ist zu schön, um wahr zu sein.“

Numair war jetzt so erregt, dass er es keinen Moment länger aushielt. Er musste endlich mit ihr allein sein. Er zog Jen an seine Seite. „Wir können gern über alles reden. Aber nicht hier. Kommst du jetzt mit?“

Jen nickte und wirkte auf einmal schüchtern. Ihm wurde ganz eng um die Brust. „Versprich mir, dass du mir hin und wieder Zeit zum Luftholen gibst.“

„Selbst wenn ich es kaum abwarten kann, hast du alle Zeit der Welt. Ich will, dass du dich bei mir wohlfühlst und ganz entspannt bist.“

Sie sah ihn verschmitzt an. „Ich glaube nicht, dass es möglich ist, sich in deiner Nähe je entspannt zu fühlen.“

Das zweite Lächeln gelang ihm schon leichter. „Anspannung ist auch in Ordnung. Solange es sich um Anspannung im positiven Sinne handelt.“

Jen seufzte dramatisch. „Ich weiß nicht, ob das mit dir möglich ist. Du bringst mich vollkommen um den Verstand.“

Dass sie so offen eingestand, was für eine Wirkung er auf sie hatte, erregte Numair maßlos. Er hielt sie an seiner Seite und führte sie aus dem Ballsaal.

Eng an ihn gelehnt, als ob sie Angst hatte, das Gleichgewicht zu verlieren, passte Jen sich seinen schnellen Schritten an. Als Numair sie in Richtung der Fahrstühle führte, spürte er auf einmal, wie sich ihr Körper anspannte.

Erneut wurde ihm eng um die Brust. „Was ist? Machst du dir wieder Sorgen?“

Sie lächelte strahlend und schüttelte den Kopf. „Du würdest mir nie etwas tun, Scheich Numair. Wenn mir irgendetwas Sorgen bereitet, dann nur, dass du so unwiderstehlich sexy bist.“

Er zog sie fest an sich heran. „Das ist nur gerecht. Immerhin hast du genau die gleiche Wirkung auf mich.“

Sie sahen sich in die Augen und lächelten sich erwartungsfroh an. Auf einmal hatte Numair das Gefühl, alles, was er sich je gewünscht hatte, in den Armen zu halten. Dann führte er Jen zum Fahrstuhl.

Als Numair ihr die Tür zu seiner Suite aufhielt, fühlten sich Jens Beine gleichzeitig stocksteif und wie aus Gummi an.

Ich bin tatsächlich hier. In seiner Suite, dachte sie fassungslos.

Sie versuchte etwas von dem, was sie umgab, wahrzunehmen, was aber gar nicht so einfach war. Sie spürte Numair hinter sich stehen, nahm seinen maskulinen Duft wahr und die Hitze, die sein Körper ausströmte und sich auch in ihr ausbreitete.

Obwohl Jen schon früher im Plaza logiert hatte, war sie nie in vergleichbaren Räumlichkeiten gewesen. Die Royal Plaza Suite war einzigartig. Sie war so luxuriös und prächtig, dass sie selbst einem Vergleich mit dem Königspalast von Zafrana standhielt. Die Suite, die gut abgeschirmt von den anderen Bereichen des Luxushotels lag, erstreckte sich über eintausendfünfhundert Quadratmeter und bot einen fantastischen Blick auf Manhattans Fifth Avenue und die Pulitzer Fountain. Das geschmackvolle Dekor und die exquisiten Stoffe und Möbel waren im Stil Louis XV. gehalten. Nie hatte Jenan sich in luxuriöseren Räumlichkeiten aufgehalten.

Sie ließ ihren Blick wieder zu Numair wandern. Wie sein Zuhause wohl aussehen mag, fragte sie sich.

Nicht, dass sie das jemals herausfinden würde. Was auch immer zwischen ihnen geschah, was auch immer er ihr anbot und im Gegenzug dafür von ihr verlangte … sie gab sich keinen Illusionen hin. Es würde nicht von Dauer sein.

Aber damit konnte sie leben. Alles, was Numair ihr geben konnte, war mehr, als sie noch vor einer Stunde jemals zu hoffen gewagt hatte.

Ya Allah, war wirklich erst eine Stunde vergangen? Jen hatte das Gefühl, ihn schon seit Ewigkeiten zu kennen und sich in diesem Zustand absoluter Erregtheit zu befinden. Es fühlte sich an, als hätte sie ihre Bitte vor Wochen geäußert.

Eigentlich hatte Jen erwartet, dass Numair sie ihr abschlagen und sie stehen lassen würde. Seine unvermittelte und verbindliche Antwort war das Letzte, womit sie gerechnet hatte. Und sie hatte ihr einen Schock versetzt.

Doch warum sollte mich das wundern, fragte sie sich. Schließlich war sie von einem Schockzustand in den nächsten geraten, seit sie Numair getroffen hatte. Und jetzt war sie hier. In seiner Suite. Tat etwas, das sie noch mit keinem Mann zuvor getan hatte. Nicht einmal mit dem Mann, mit dem sie einmal verheiratet gewesen war. Immer hatte Jen darauf geachtet, die Männer auf ihrem Terrain zu empfangen. Sie war es, die das Tempo und die Regeln bestimmte.

Bei Numair war sie nicht einmal auf die Idee gekommen, bestimmen zu wollen. Obwohl er klar gesagt hatte, dass er jedem ihrer Wünsche entsprechen würde. Und das lag nicht daran, dass sie auf seine Hilfe angewiesen war, oder er versprochen hatte, ihr zu helfen. Er war einfach so … umwerfend. Zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie es, die Kontrolle über sich selbst oder die Situation jemand anderem zu überlassen.

Numair legte ihr die Hand auf die Taille, als er sie in die inneren Bereiche der Suite führte, und sie meinte, unter seiner Berührung verbrennen zu müssen. Sie betraten einen riesigen Raum, in dem sich ein massiver Esstisch, an dem mindestens zehn Menschen Platz hatten, und eine luxuriöse Sitzlandschaft befanden.

Jen entfloh seiner elektrisierenden Berührung und nahm hinter dem Flügel, der am anderen Ende des Raumes lag, Platz. Auf einmal hatte sie das Gefühl, wieder zur Besinnung zu kommen.

Numair hatte zwar zugegeben, dass sie die gleiche, starke Anziehung auf ihn ausübte wie er auf sie, aber gestand er ihr deshalb auch gleich das Recht zu, ihrem Verlangen nachzugeben? Jen befürchtete zwar nicht, dass er etwas tun würde, was sie nicht wollte, aber vielleicht betrachtete er die ganze Sache in einem anderen Licht? Sie kannte die Männer aus ihrer Region. War Numair tatsächlich so fortschrittlich, dass er sie auch noch respektieren würde, wenn sie mit ihm schlief? Oder würde er sie anschließend anders behandeln?

Wenn er wirklich so ist, ist er wirklich schuld, und ich bin besser ohne ihn dran, dachte Jen. Genauso, wie sie ohne ihren Exmann besser dran war.

„Bist du für den Empfang nach New York gekommen?“, fragte sie ihn unverfänglich.

Numairs smaragdgrüne Augen blitzten auf. „Ich war nicht eingeladen.“

„Dann bist du also einfach so vorbeigekommen, als du gehört hast, dass in deinem Hotel eine Verlobungsfeier stattfindet?“

„So in etwa.“

Jen wusste, dass sie sich mit dieser Antwort zufriedengeben musste, als er seine Worte nicht weiter ausführte. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre. Wichtig war nur, ob er ihr wirklich helfen konnte.

Bevor sie das Gespräch wieder auf dieses Thema lenken konnte, kam Numair um den Flügel herum und trat an ihre Seite. „Die Temperatur scheint um einige Grad gefallen zu sein, seit wir in die Suite gekommen sind. Bist du dir jetzt doch unsicher?“

Er umfasste ihre Hand, die zur Faust geballt auf dem glänzend schwarz lackierten Flügel lag. Seine Hand war groß genug, um ihre ganz zu umfassen. Jen spürte seine Stärke. Doch er öffnete ihre Finger mit einer solchen Sanftheit und sah sie dabei so zärtlich an, dass sie sich auf einmal für ihre Zweifel schämte.

Jen kniff die Augen zusammen und stöhnte. „Ich bin wahrscheinlich nur ein bisschen paranoid geworden.“

Numair runzelte die Stirn. „Vertraust du mir jetzt doch nicht mehr?“

Sie schüttelte heftig den Kopf. Das war das Letzte, was er denken sollte. „Nein, darum geht es nicht. Ich habe mir nur auf einmal Sorgen gemacht, dass du deine Haltung mir gegenüber ändern könntest.“

„So wie Männer es oft tun, wenn sie erreicht haben, was sie wollen und sich ihre Doppelmoral zeigt?“

An seinen zu einem dünnen Strich verzogenen Lippen konnte Jen erkennen, wie sehr Numair diese Art Männer verabscheute, und dass sie besser daran taten, ihm nicht über den Weg zu laufen. Er war definitiv der Beschützertyp, der sich nicht davor scheute, jemanden hart zu bestrafen, wenn er meinte, dass er es verdient hatte.

Sie hätte am liebsten das Thema gewechselt, aber sie wusste, dass Numair nicht lockerlassen würde.

Sie seufzte. „Meiner Erfahrung nach trifft das auf viele Männer mehr oder weniger zu. Und leider auf die meisten aus meiner Heimatregion.“

„Sind alle Männer dort Chauvinisten?“

„Es gehört zur Kultur, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Frauen sind sogar noch schlimmer. Jeder, der sich nicht gemäß den kulturellen Normen verhält oder die Regeln infrage stellt, wird stigmatisiert. Das gilt besonders für Frauen. Egal, wie fortschrittlich die Gesellschaft auch scheinen mag.“

„Warum hattest du Angst, dass ich wie diese Männer sein könnte? Ich wurde zwar in der Gegend geboren, aber ich bin nicht dort aufgewachsen.“

„Kulturelle Regeln werden schon als Kleinkind verinnerlicht. Im Allgemeinen werden die Männer dort so erzogen, dass sie sich Frauen gegenüber, die als ‚leicht zu haben‘ gelten, sehr grausam verhalten.“

„Und auf einmal hast du befürchtet, ich würde dich dafür verurteilen, dass du mit mir hierhergekommen bist?“

„Es war ein flüchtiger Gedanke, okay? Eine Reaktion, die nichts mit dir zu tun hat.“

„Weil du diese Erfahrung selbst schon gemacht hast.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Numair nahm Jens Arm und führte sie zum nächstgelegenen Sofa. Er setzte sich hin und zog sie neben sich. „Erzähl mir, was passiert ist.“

Jen hatte recht gehabt. Er würde nicht lockerlassen. Sie seufzte wieder. „In meiner Heimat bin ich das Paradebeispiel des leichten Mädchens. Zuerst habe ich meine Familie mit achtzehn verlassen, um in einem anderen Land zu leben. Ich finanziere mir mein Leben selbst und habe ...

Autor

Reese Ryan

Reese Ryan schreibt Liebesgeschichten, die nicht nur sexy und gefühlvoll sind, sondern in denen sie auch von kleineren Familiendramen erzählt. Reese ist im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten geboren und aufgewachsen, ihre Familie hat aber auch Wurzeln in Tennessee.

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Barbara Dunlop

Barbara Dunlop hat sich mit ihren humorvollen Romances einen großen Namen gemacht. Schon als kleines Mädchen dachte sie sich liebend gern Geschichten aus, doch wegen mangelnder Nachfrage blieb es stets bei einer Auflage von einem Exemplar. Das änderte sich, als sie ihr erstes Manuskript verkaufte: Mittlerweile haben die Romane von...

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