Julia Arztroman Band 50

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DER CHIRURG, DER MICH VERFÜHRTE von KATE HARDY

Seine Kollegin Erin wäre die Richtige – wenn Dr. Nate Townsend überhaupt eine Frau suchen würde! Aber er ist mit seiner Arbeit im London Victoria Hospital verheiratet. Nur zu einer Affäre wäre er bereit, mehr kann Erin nicht von ihm erwarten …


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  • Erscheinungstag 26.09.2026
  • Bandnummer 50
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542388
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kate Hardy, Carol Marinelli, Amy Andrews

JULIA ARZTROMAN BAND 50

Kate Hardy

1. KAPITEL

Warum lehnt jemand, der neu in der Abteilung ist, sämtliche Einladungen zum gemeinsamen Ausgehen mit den Kollegen ab, fragte sich Erin. Eigentlich sollte man doch alle kennenlernen wollen, um sich möglichst schnell ins Team einzufinden, anstatt auf Abstand zu bleiben!

Nate Townsend war ihr ein Rätsel.

Als Kollege war er sehr angenehm. Sie hatte schon mehrere Stationsvisiten mit ihm gemacht. Nate hörte allen Patienten aufmerksam zu, versuchte sie zu beruhigen und erklärte ihnen alles ganz geduldig. Das OP-Team war begeistert von dem neuen Chirurgen, weil er sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger nach jeder Operation beim gesamten OP-Personal bedankte. Doch auf Kontakt schien er nicht aus zu sein. Wann immer ihn jemand aus dem Team einlud, bei gemeinsamen Abenden dabei zu sein, lächelte er nur entschuldigend und sagte: „Tut mir leid, ich kann nicht.“ Egal, ob es um ein Feierabendbier, ein gemeinsames Abendessen, Bowling oder den neuesten Film ging.

Nicht einmal ein Kaffee oder Mittagessen mit seinen Kollegen aus der Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie kam für ihn infrage. Stattdessen aß er ein Sandwich am Schreibtisch und schrieb seine Notizen ins Reine, damit er nach seiner Schicht sofort nach Hause gehen konnte.

Erin wusste, dass manche Menschen einfach lieber für sich blieben. Aber sie arbeitete schon seit ihrem ersten Jahr als Ärztin im Praktikum am Londoner Victoria Hospital, und sie freute sich über ihre Kollegen, die mit ihrer Freundlichkeit auch den schlimmsten Tag erträglicher machten. Warum ließ Nate nur alle abblitzen? War die Lage bei ihm zu Hause so kompliziert, dass er einfach keine Energie hatte, sich mit seinen Kollegen anzufreunden?

Das geht dich nichts an, ermahnte sie sich innerlich – und merkte plötzlich, dass Nick mit ihr sprach, der Leiter der Abteilung.

Erin war gerade bei der monatlichen Mitarbeiterbesprechung und sollte eigentlich zuhören, statt sich den Kopf über den neuen Kollegen zu zerbrechen.

Und eigentlich interessierte Nate sie ja auch gar nicht, selbst wenn er Single sein sollte. Denn Erin war absolut auf ihren Beruf fokussiert. Vor einigen Jahren war ihr Leben wegen einer Beziehung gründlich aus den Fugen geraten, und sie würde nicht zulassen, dass dies noch einmal geschah. Für sie kamen nur noch Freundschaften infrage.

„Entschuldigen Sie bitte, Nick, könnten Sie das wiederholen?“, fragte sie und lächelte ein wenig schuldbewusst.

„Natürlich. Ich habe Sie gebeten, uns im Hinblick auf den Sinnesgarten auf den neuesten Stand zu bringen.“

Der Garten war Erins Lieblingsprojekt. Mit ihm wollte sie das Leben ihrer Patienten bereichern. Gut gelaunt öffnete sie ihre Mappe.

„Wir sind fast so weit, dass wir loslegen können“, berichtete sie. „Das Krankenhaus hat uns die Genehmigung erteilt, auf dem gewünschten Teil des Geländes den Garten anzulegen. Der Freundeskreis des Krankenhauses erarbeitet gerade einen Dienstplan für die freiwilligen Helfer, und unser Gartenplaner Ed hat das Konzept fertiggestellt, das der Ausschuss jetzt noch genehmigen muss. Da aber der Entwurf gut ankam, ist das nur eine Formsache. Wir werden also wahrscheinlich nächste Woche loslegen können.“

„Moment mal“, sagte Nate. „Was hat es mit diesem Garten auf sich?“

„Wir werden auf dem Gelände des Krankenhauses einen Sinnesgarten anlegen und ihn den Patienten zugänglich machen“, erklärte Erin.

Nate runzelte die Stirn. „So etwas kostet ja ziemlich viel. Sollte man das Geld nicht besser in neue Ausstattung investieren, die den Patienten zugutekommt?“

Nate nahm zum ersten Mal an der monatlichen Besprechung teil und konnte nicht wissen, dass sie schon seit fast einem Jahr in ihrer Freizeit an diesem Projekt arbeitete.

Er meint es bestimmt nicht böse, dachte Erin und beschloss, nicht so streng mit ihm zu sein. „Ich weiß, dass Sinnesgärten den Ruf haben, Unsummen zu verschlingen. Aber dieser hier wird bei Weitem nicht so teuer, wie Sie vielleicht befürchten“, erwiderte sie. „Das Grundstück wurde uns ja zur Verfügung gestellt, und der Gartenplaner berechnet uns auch nichts.“

„Nichts?“ Nate wirkte skeptisch.

„Für ihn ist das Projekt gute Werbung, deshalb müssen wir ihm für das Konzept nichts bezahlen.“

Wie Erin hatte auch Ed ein persönliches Interesse an dem Projekt. Er wollte sich dem Krankenhaus gegenüber erkenntlich zeigen, in dessen Wirbelsäulenzentrum sein jüngerer Bruder nach einem Motorradunfall behandelt worden war.

„Und um ehrlich zu sein, hoffe ich, dass seine Großzügigkeit Ed jede Menge neue Kunden beschert“, fügte Erin hinzu.

„Hm.“ Nates blaue Augen waren so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten. Und jetzt strahlten sie erhebliche Skepsis aus.

„Auch die Arbeitskräfte kosten uns nichts“, fuhr Erin fort. „Ayesha – die Vorsitzende vom Freundeskreis des Krankenhauses – stellt ein Team aus Freiwilligen zusammen: von Studenten, die in ihrem Lebenslauf praktische Arbeitserfahrung angeben wollen, bis hin zu Menschen, die einfach gerne gärtnern“, erklärte sie. „Es wird ein Gemeinschaftsgarten, von dem alle etwas haben werden. Und es wird nicht nur für das Anlegen des Gartens einen Dienstplan geben, sondern auch für seine spätere Pflege.“

„Und was ist mit den Kosten für die Pflanzen und anderes Material, das notwendig ist?“, wollte Nate wissen.

„Einiges wurde von Firmen vor Ort gespendet. Und die Krankenhausmitarbeiter, unsere Patienten und ihre Familien sammeln seit einem Jahr Spenden. Wir haben jetzt schon genug zusammen, um die ganze erste Projektphase zu bestreiten.“

„Und Sie meinen wirklich, dass ein Sinnesgarten die beste Investition für das Geld ist?“, fragte er.

Für wen hält der Kerl sich eigentlich, dachte Erin empört. Nate war seit einem knappen Monat hier, hielt sich seit seiner Ankunft konsequent vom Rest des Teams fern, und jetzt kritisierte er an einem Projekt herum, das seit Langem geplant wurde – anstatt etwas Positives beizutragen?

Statt, was natürlich klüger gewesen wäre, die Angelegenheit ihrem Chef zu überlassen, schenkte sie Nate Townsend ein äußerst kühles Lächeln. Er wollte Antworten? Sehr schön, die sollte er bekommen.

„Ja, das meine ich allerdings, und zwar nicht nur ich“, entgegnete sie. „Wie Sie ja wissen, müssen die meisten unserer Patienten mit einer tief greifenden Veränderung in ihrem Leben fertig werden. Sich auf die neuen Umstände einzustellen fordert ihnen einiges an Kraft ab. Viele liegen monatelang im Krankenhaus und starren immer dieselben Wände an. Mit dem Garten wird ihnen ein ruhiger, erholsamer Ort zur Verfügung stehen, an dem sie Zeit mit Angehörigen und Freunden verbringen, sich mit anderen Patienten unterhalten oder einfach in Ruhe lesen können. So können sie sich besser an ihr neues Leben gewöhnen und müssen nicht das Gefühl haben, immer in denselben kahlen vier Wänden eingesperrt zu sein. Außerdem ist ein Sinnesgarten eine grüne Oase, in der man Düfte und Farben erleben kann, wo der Tastsinn und sogar der Geschmackssinn angesprochen werden. Das fördert die Sinne unserer Patienten und ihre Genesung.“

„Und wie wollen Sie mitten in London, wo ständig viel Verkehr ist, so einen ruhigen, erholsamen Ort schaffen?“, fragte Nate.

„Ja, das ist ein guter Einwand“, stimmte sie zu. „Aber es werden Hecken als Lärmschutz angepflanzt. Ich kann Ihnen gerne die Pläne kopieren.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Konstruktive Anmerkungen von Menschen, die entsprechende Erfahrungen haben, sind mir übrigens immer willkommen.“

Einen Moment lang wurden Nates Augen groß. Offensichtlich verstand er, dass er ihrer Meinung nach nicht konstruktiv war und auch nicht über einschlägige Erfahrungen verfügte. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, weitere Fragen zu stellen.

„Und was ist mit den Patienten, die ihre Temperatur nicht regulieren können und denen in einem Garten zu warm oder zu kalt sein kann?“

„In der zweiten Phase des Projekts wird ein überdachter Bereich für diese Patienten entstehen“, erklärte Erin. „Aber wir fangen jetzt mit der ersten Phase an, damit unsere Patienten und ihre Familien den Garten so bald wie möglich nutzen können und nicht warten müssen, bis wir das Geld für die zweite Phase zusammenhaben. Und bevor Sie ansprechen, dass unsere Patienten meistens im Rollstuhl sitzen – wir stellen sicher, dass die Wege eben sind und auch von Rollstuhlfahrern benutzt werden können. Ed, der Gartenplaner, hat sich sogar mehrere Stunden lang im Rollstuhl über das Grundstück fahren lassen, um selbst zu erleben, was für Probleme sich ergeben könnten.“

„Aha“, sagte Nate, wirkte aber noch immer nicht überzeugt.

Erin seufzte. „Ich habe wirklich sehr viel recherchiert, bevor ich das Projekt vorgeschlagen habe. Und ich habe mir Sinnesgärten in England und Skandinavien angesehen.“ Als seine Augen funkelten, fügte sie schnell hinzu: „Auf eigene Kosten und während meines Jahresurlaubs.“

„Sie sind ja wirklich sehr sozial eingestellt.“

Wie bitte? So langsam wurde Nate ihr richtig unsympathisch. Allerdings war an seiner ironischen Bemerkung durchaus etwas Wahres dran. Denn sie hatte sich vor allem mit Leib und Seele diesem Projekt gewidmet, weil sie erlebt hatte, wie sehr ein Sinnesgarten ihrem Bruder geholfen hatte. Und wenn sie nun dazu beitrug, dass ihren Patienten genauso geholfen werden konnte, dann hätte sie vielleicht nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen wegen dem, was Mikey zugestoßen war. Vielleicht.

Ihr Bruder hatte ihr zwar schon vor langer Zeit verziehen, aber Erin konnte sich selbst einfach nicht verzeihen.

„Der Garten ist wichtig“, sagte sie leise. „Auch aus medizinischer Sicht, denn in der Natur zu sein hilft dabei, mit Schmerzen umzugehen. Es ist gut gegen Stress und fördert die Entspannung.“

Nate zuckte die Schultern. „Das klingt etwas esoterisch, finde ich.“

„Die Geschichte der Gartentherapie reicht bis in die Antike zurück“, erläuterte Erin. „Und man kann ihre Wirkung sogar belegen, indem man Herzschlag und Blutdruck von Patienten misst. Außerdem wirkt sich ein Tapetenwechsel auch auf die Psyche aus. Für Menschen wie Sie und mich mag das nur eine Kleinigkeit sein, aber wenn ein Patient sich seit vielen Wochen drinnen aufhält, ist es für ihn eine große Verbesserung, nach draußen zu können.“

Zu ihrer Erleichterung meldete sich Nick nun endlich zu Wort: „Da das Projekt ja schon genehmigt wurde, sollten wir uns wohl darauf einigen, dass wir in Bezug auf die Verwendung von Geldern und so weiter nicht ganz übereinstimmen.“

„Sicher“, stimmte Nate bereitwillig zu. „Als Neuzugang sollte ich natürlich auch nicht gleich Ärger machen. Aber laut meiner Schwester, die stellvertretende Schulleiterin ist, freut sie sich immer über neue Mitglieder im Team, weil man dadurch einen kritischen Freund gewinnt – jemanden, der alles unvoreingenommen von außen betrachtet und Fragen stellt. Genau das wollte ich wahrscheinlich auch machen.“

„Sie können gerne Kopien der Pläne und des Konzepts bekommen“, bot Erin nochmals an. „Falls Sie meine Kalkulation überprüfen möchten.“

„Darauf werde ich zurückkommen“, antwortete er.

Erin kochte innerlich vor Wut. Ein kritischer Freund? Von wegen! Was war denn bitte an Nate Townsend freundlich? Zugegeben, er sah ziemlich gut aus mit seinem dunklen Haar und den blauen Augen. Und gleich am ersten Tag hatten mehrere ihrer Kolleginnen ihn zum sexiesten Mann erklärt, dem sie je begegnet waren. Aber ihr war der Charakter wichtiger als das Aussehen. Und die Seite, von der sie Nate heute kennengelernt hatte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Zu allem Übel musste sie nach der Besprechung mit ihm zusammen die Visite machen.

„Möchten Sie die Visite heute Vormittag auf eine bestimmte Art und Weise durchführen?“, fragte sie ein wenig schnippisch.

„Nein, ich halte mich gerne an die normalen Abläufe“, erwiderte er ungerührt.

„Tatsächlich? Den Eindruck hatte ich eben bei der Besprechung aber nicht“, hörte Erin sich sagen.

„Wenn ich Sie vor den Kopf gestoßen habe, tut es mir leid“, antwortete Nate. „Warum ist Ihnen der Garten eigentlich so wichtig?“

Glaubte er im Ernst, das würde sie ihm verraten, damit er ebenso streng über sie urteilte wie sie über sich selbst? Auf gar keinen Fall.

Also antwortete sie stattdessen: „Ich beschäftige mich seit einem Jahr mit diesem Projekt und habe mehrfach erlebt, was Sinnesgärten bei Patienten bewirken können. In der ersten Projektphase wird der Garten entstehen, in der zweiten der überdachte Bereich, und in der dritten können wir dann vielleicht noch Hochbeete anlagen und ein Gewächshaus bauen, damit die Patienten selbst etwas anpflanzen können. Wenn sie dadurch erleben, dass sie noch immer selbst etwas tun und beitragen können, statt ständig gepflegt werden zu müssen und das Gefühl zu haben, anderen zur Last zu fallen, dann wird ihnen das helfen, sich an ihr neues Leben und an die Aussicht zu gewöhnen, dass sie sich vielleicht einen anderen Beruf suchen müssen.“

„Nick hatte wohl recht“, sagte Nate mit ausdrucksloser Miene. „Wir sollten uns darauf einigen, dass wir uns nicht einig sind.“

„Wie Sie möchten. Allerdings würde mich schon interessieren, warum Sie das Projekt so ablehnen.“

„Weil ich bereits mehrfach erlebt habe, wie Gelder gesammelt wurden, mit denen angeblich Patienten geholfen werden sollte, die dann stattdessen für persönliche Lieblingsprojekte vergeudet wurden.“

Tief durchatmen, ermahnte sich Erin innerlich. Auch wenn es stimmte, dass der Sinnesgarten ihr persönliches Lieblingsprojekt war – mit dem Rest lag Nate total daneben.

„Ich kann Ihnen versichern, dass keine Gelder verschwendet werden. Und wie gesagt, es geht ja nicht nur um die Patienten, denn es wird ein echter Gemeinschaftsgarten, an dem sich viele Freiwillige beteiligen werden: ältere Menschen, die vielleicht gerade in eine Wohnung umgezogen sind und denen ihr Garten fehlt, oder auch junge Mütter, die sich ein paar Stunden in der Woche mit etwas beschäftigen möchten, das nicht mit ihrem Baby zu tun hat. Auch die örtliche Oberstufe beteiligt sich an dem Projekt. Die Schüler können auf die Mitarbeit verweisen, wenn sie sich um einen Studienplatz bewerben. Das Projekt bringt also ganz unterschiedliche Menschen zusammen, und alle Beteiligten profitieren davon“, schloss sie. „Wenn so ein Garten für Sie Geldverschwendung ist, dann tut mir das leid. Wir sehen das anders.“

Das Projekt scheint Erin wirklich am Herzen zu liegen, dachte Nate. Ihr Gesicht hatte vor Begeisterung gestrahlt, als sie vom Garten und davon erzählt hatte, was dieser ihrer Meinung nach für die Patienten bewirken konnte.

Sofort rief sich Nate stumm zur Ordnung. Ja, mit ihrem lockigen, hellbraunen Haar, das sie im Nacken zusammengefasst hatte, den klaren grauen Augen und den winzigen Sommersprossen auf der Nase war Erin Leyton wirklich hübsch. Aber selbst wenn er eine Beziehung auch nur in Erwägung ziehen könnte, was eindeutig nicht der Fall war, wäre es angesichts ihrer gegensätzlichen Ansichten viel zu kompliziert.

Vielleicht verhielt er sich ihr gegenüber aber auch nur so negativ, weil er gerade in einer schwierigen Situation steckte, und das war nicht fair. Schließlich war Erin nicht schuld daran, dass seine Exfrau, ausgerechnet eine Woche bevor er die neue Stelle angetreten hatte, so eine Bombe hatte platzen lassen. Seitdem rannte er herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und versuchte, alles in den Griff zu bekommen. Und Erin war erst recht nicht daran schuld, dass er sich selbst vorwarf, so versagt zu haben.

„Es tut mir leid“, sagte er deshalb. „Sie haben recht: Ich benehme mich wie der neue Mitschüler, der überall dagegen ist, nur um sich wichtig zu machen.“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt“, protestierte Erin.

„Nein, aber gedacht.“

Sie lächelte reumütig. „Können Sie mir das zum Vorwurf machen?“

„Nein. Und eigentlich geht es auch gar nicht um den Garten. Ich möchte mich entschuldigen. Ich sollte wirklich meine privaten Probleme nicht mit zur Arbeit nehmen.“

Die Feindseligkeit in ihren grauen Augen schmolz dahin. „Ich nehme Ihre Entschuldigung an.“ Leise fügte sie hinzu: „Manchmal hilft es ja, mit jemandem zu reden. Mit einem Außenstehenden, der völlig unbeteiligt ist und einen weder verurteilt noch tratscht.“

Sie bot ihm an, dass er sich bei ihr ausweinen konnte, obwohl er bei der Teambesprechung gerade an ihrem persönlichen Lieblingsprojekt herumkritisiert hatte?

Das war ziemlich großmütig von ihr – aber so überraschend nun auch wieder nicht. Nate war schon aufgefallen, dass Erins Name auf all den internen Mitteilungen zu finden war, bei denen es um gemeinsame Kollegenabende ging oder darum, Geld für Geburtstagsgeschenke oder für die Babyparty einer Kollegin zu sammeln. Erin Leyton war ganz offensichtlich ein Mensch, die sich gern um jeden kümmerte und alles in Ordnung brachte.

In seinem Leben bestand derzeit allerdings nicht die Aussicht, dass die Dinge bald in Ordnung kommen würden – falls das überhaupt jemals wieder der Fall sein würde. „Danke für das Angebot, aber ich kenne Sie ja kaum“, sagte er.

Erin zuckte nur die Schultern, doch einen Moment lang wirkte sie verletzt. „In Ordnung. Vergessen Sie einfach, dass ich es vorgeschlagen habe.“

Nun kam sich Nate gemein vor, aber im Moment konnte er einfach niemandem eine Freundschaft anbieten. Nicht, bis er die Sache mit Caitlin geregelt und eine bessere Beziehung zu ihr aufgebaut hatte. Und er hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde. Manchmal hatte er das Gefühl, es würde nie passieren.

„Fangen wir mit der Visite an“, schlug er vor. „Zuerst kommt Kevin Bishop. Er ist fünfundvierzig Jahre alt, aber er hat die Wirbelsäule eines Sechzigjährigen: eine schwere Spinalkanalstenose.“

„Handelt es sich um normale Abnutzungserscheinungen, oder hat es mit seinem Beruf zu tun?“, fragte Erin nach.

„Vermutlich beides. Er ist Bauarbeiter. Zwei seiner Bandscheiben weisen starken Verschleiß auf, und er hat eine Verengung des Wirbelkanals im Bereich der Lendenwirbelsäule“, erklärte Nate.

„Dadurch entsteht natürlich Druck auf die Rückenmarksnerven. Der arme Kerl hat also wahrscheinlich starke Schmerzen“, stellte Erin mitfühlend fest.

„Er nimmt entzündungshemmende Medikamente, aber die wirken nicht mehr gegen die Schmerzen.“

„Es steht also ein größerer chirurgischer Eingriff bevor, gefolgt von Rehabilitation über mehrere Wochen?“, fragte Erin. „Dann wäre Mr. Bishop vielleicht ein Kandidat für den Garten.“

„Nein, nein und nein“, antwortete Nate. „Er wird nicht lange hier sein. Statt eine Laminektomie durchzuführen, werde ich heute Nachmittag einen interspinösen Spreizer einsetzen.“

„Von dieser Methode habe ich gelesen“, erwiderte Erin. „Besteht dabei nicht ein größeres Risiko, dass der Patient später noch einmal operiert werden muss, als wenn man in dem Bereich, in dem der Druck auf seine Wirbelsäule entsteht, einen Teil des Knochens entfernt?“

„Das stimmt. Dafür ist aber das Risiko von Komplikationen viel geringer, als wenn man den Knochenteil abträgt, der reibt und den Schmerz verursacht. Außerdem ist bei diesem Eingriff nur ein sehr kleiner Schnitt notwendig, sodass der Patient schon nach wenigen Tagen wieder entlassen werden kann. Normalerweise wende ich diese Methode bei älteren Patienten beziehungsweise solchen mit erhöhtem Operationsrisiko an“, erläuterte Nate. „Kevin Bishop ist zwar noch jung, aber aufgrund seines Übergewichts und des hohen Blutdrucks halte ich auch bei ihm das Risiko für erhöht.“

„Das kann ich nachvollziehen. Und wie funktioniert der Spreizer genau?“

Es war offensichtlich, dass Erin aus beruflichem Interesse nachfragte und nicht seine Kompetenz infrage stellen wollte. Sie war keine Chirurgin, sondern Neurologin.

„Wir werden ihn bei Kevin Bishop in die untere Wirbelsäule einsetzen. Dort wirkt er wie eine stützende Sprungfeder und mindert den Druck auf den Nerv. So lässt sich der Schmerz deutlich wirksamer lindern als durch epidurale Steroid-Injektionen. Außerdem werden die Rückenmarksnerven nicht bloßgelegt, sodass das Risiko der Narbenbildung erheblich geringer ist.“

Er schwieg kurz und überlegte. Vielleicht ließe sich so die Anspannung zwischen ihnen lösen, die bei der Besprechung entstanden war?

„Wenn Mr. Bishop einverstanden ist, können Sie bei der OP zusehen.“

„Meinen Sie das ernst?“, fragte Erin verblüfft.

„Ja.“ Ob sie sein Friedensangebot annehmen würde?

„Das fände ich wirklich toll, vielen Dank!“, sagte sie lächelnd.

Und wieder spürte Nate jene starke Anziehung, die sie aus irgendeinem Grund auf ihn ausübte und die absolut unangemessen war. Er wusste ja nicht einmal, ob sie vielleicht einen Partner hatte. Fragen würde er sie das auf keinen Fall, schließlich sollte sie nicht denken, dass er an ihr interessiert war. Er hatte gerade keine Energie dafür, sich für jemanden zu interessieren, sondern musste sich auf seine Tochter konzentrieren und lernen, ihr ein guter Vater zu sein.

„Gern geschehen“, sagte er etwas befangen. Dann ging er mit Erin zu seinem Patienten und stellte die beiden einander vor.

„Ich habe mir die CT-Scans von Ihrer Wirbelsäule genau angesehen, Mr. Bishop, und auch die Ergebnisse der Bluttests sind in Ordnung. Wir können Sie also heute operieren“, erklärte er. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Dr. Leyton ebenfalls bei der OP anwesend ist?“

„Nein, das ist in Ordnung.“ Mr. Bishop wirkte erleichtert. „Wie gut, dass ich heute operiert werde. Ich habe wirklich die Nase voll davon, mir nicht mal selbst die Schuhe zubinden zu können. Und ständig kribbeln mir die Beine, wenn ich stehe.“

„Oje, so schlimm?“, fragte Erin mitfühlend.

Der Mann nickte. „Ich habe schreckliche Schmerzen. Auch wenn ich mir Ruhe gönne, ändert das nichts, und die Tabletten scheinen auch nicht mehr zu helfen. Als mein Arzt mir sagte, dass ich operiert werden müsste, graute mir davor, wochenlang im Krankenhaus zu liegen. Aber Dr. Townsend hat mir ja eröffnet, dass es nur ein paar Tage dauern würde.“ Er lächelte müde. „Ich möchte einfach wieder arbeiten und mit meinen Kindern Fußball spielen.“

„Nach der Operation wird es Ihnen viel besser gehen“, versprach Nate. „Wir haben ja schon darüber geredet, aber ich würde trotzdem gerne noch einmal alles mit Ihnen durchsprechen, damit Sie wissen, was geplant ist, und zustimmen können.“

Mr. Bishop nickte.

„Die Nerven in Ihrer Wirbelsäule verlaufen durch den sogenannten Rückenmarkskanal. Da Ihre Wirbelsäule im Laufe der Zeit stark beansprucht wurde, hat sich der Rückenmarkskanal verengt, sodass beim Stehen und Gehen Druck auf die Nerven ausgeübt wird. Das verursacht starke Schmerzen“, erklärte Nate. „Ich werde einen interspinösen Spreizer zwischen zwei Ihrer Wirbel setzen, sodass der Druck gemindert und der Schmerz gelindert wird. Haben Sie seit gestern Abend etwas gegessen?“

„Nein, aber ich würde unheimlich gerne einen Tee trinken“, gab Mr. Bishop zu.

Nate lächelte. „Keine Sorge, den bekommen Sie heute Nachmittag. Ich werde die präoperativen Untersuchungen veranlassen und Sie dann um zwei Uhr operieren. Die OP findet unter örtlicher Betäubung statt, aber Sie bekommen auch ein Beruhigungsmittel, sodass Sie sich später an nichts mehr erinnern können. Während der OP liegen Sie auf dem Bauch, auf einer gewölbten Spezialmatratze. Dadurch verringert sich der Druck auf Brustkorb und Becken, und ich komme besser an Ihre Wirbelsäule heran.“

„Wie lange dauert die OP denn?“, wollte Mr. Bishop wissen.

„Ungefähr eine Stunde, je nachdem, was genau ich vorfinde. Aber nach dem CT zu urteilen, wird es ganz unkompliziert.“

„Super“, sagte der Patient erfreut. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich schon in ein paar Tagen nach Hause kann. Dabei dachte ich doch, ich würde hier wochenlang festsitzen!“

„Sie können aber in den ersten Wochen nach der OP nicht gleich wieder Auto fahren und arbeiten“, warnte Nate ihn. „Und Sie werden Physiotherapie und spezielle Übungen machen müssen. Damit sollten Sie etwa vier Wochen nach der Operation beginnen, und bis dahin sollten Sie auf einem harten Stuhl mit hoher Lehne sitzen und weiche Sitze mit niedriger Lehne meiden.“

„Und mich bücken und schwer heben darf ich auch nicht, stimmt’s?“

„Auf keinen Fall. Halten Sie sich auch unbedingt an die Anweisungen Ihrer Physiotherapeutin“, sagte Nate eindringlich. „Dieser Eingriff ist eine noch recht neue Methode, Mr. Bishop. Möglicherweise wandert der Spreizer oder muss irgendwann ersetzt werden. Das muss Ihnen klar sein.“

„Damit komme ich klar, solange nur die Schmerzen aufhören.“

Nachdem er seinem Patienten die wahrscheinlichsten Komplikationen und die möglichen Folgen der OP erläutert hatte, unterschrieb dieser die Einwilligungserklärung.

„Dann bis später“, verabschiedete sich Nate.

Als Erin ihm später bei der OP zusah, war sie wie gebannt. Nates Anweisungen an die OP-Mitarbeiter waren höflich, klar und präzise. Er erläuterte ihr jeden einzelnen Schritt des Eingriffs und beschrieb ganz genau, was dieser beim Patienten bewirkte.

Hier im OP ist er ein ganz anderer Mensch, dachte sie. Nicht der kühle, überkritische Fremde wie bei der Mitarbeiterbesprechung. Dieser Mann hatte geschickte Hände und kannte sich wirklich aus – und er behandelte alle anderen respektvoll. Nach der OP bedankte er sich beim gesamten Team.

Diesen Nate Townsend würde ich gerne näher kennenlernen, dachte Erin. Nun verstand sie auch, warum so viele ihrer Kolleginnen ihn zum attraktivsten Chirurgen des ganzen Krankenhauses erklärt hatten.

Von seinem Gesicht sah sie nur seine Augen: ein wunderschönes, sinnliches Dunkelblau. Die Kombination aus Intelligenz und geschickten Händen ließ sie sehnsüchtig erschauern.

Das war natürlich völlig unangemessen. Sie war schließlich hier, um die OP zu beobachten und nicht, um sich einem absurden erotischen Tagtraum hinzugeben.

„Danke, dass ich Ihnen beim Operieren zusehen durfte“, sagte sie später. „Das war sehr nützlich für mich. Nun kenne ich mich besser aus, wenn ich mit Patienten rede, die eine Spinalkanalstenose haben.“

„Gern geschehen. Und falls Sie später noch irgendetwas über diese Methode wissen möchten, dann fragen Sie mich bitte einfach.“

Er lächelte sie tatsächlich an, und Erin stockte der Atem. Wenn er so lächelte, nicht aus Höflichkeit, sondern aus einem echten Gefühl heraus, dann sah er einfach atemberaubend aus.

Und sehr wahrscheinlich hatte er eine Partnerin. Wahrscheinlich war sein Privatleben sehr kompliziert, und er blieb deshalb so auf Distanz zu allen. Und eigentlich ging sie das alles nicht das Geringste an.

„Dann bis morgen“, sagte sie ein wenig nervös.

„Bis morgen.“

Als Nate sich vergewissert hatte, dass Kevin Bishop und die anderen an diesem Tag operierten Patienten wieder auf der Station und keine Komplikationen aufgetreten waren, machte er seine Aufzeichnungen. Dann bereitete er sich innerlich auf die Fahrt zu seiner Mutter vor.

Sofort bekam er Schuldgefühle. Was war er bloß für ein Vater, wenn ihm davor graute, seine eigene Tochter abzuholen? Doch jetzt trug er die ständige Verantwortung für sie, anstatt sie wie früher als Teilzeit-Papa nur in den Ferien und gelegentlich am Wochenende zu sehen. Bevor Caitlin bei ihm eingezogen war, hatten sie nie so viel Zeit am Stück miteinander verbracht, dass ihnen die Gesprächsthemen hätten ausgehen können. Jetzt war es andersherum: Er konnte so viel Zeit mit ihr verbringen, wie er wollte – und hatte keine Ahnung, worüber er mit ihr reden sollte.

Wie schon erwartet, war Caitlin ohnehin nicht zum Plaudern aufgelegt.

„Wie war dein Tag?“, fragte Nate, als er losfuhr.

Zur Antwort zuckte sie nur die Schultern.

Na toll. Was sollte er denn jetzt fragen? Offenbar wollte sie nicht über die Schule oder ihre Freunde sprechen. Er wusste auch gar nicht, ob sie sich überhaupt schon mit jemandem angefreundet hatte, denn dieser Frage war sie ausgewichen.

„Wie wäre es mit Pizza zum Abendessen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Deine Mutter hat schon für mich gekocht.“

Aus Protest dagegen, dass man sie von Devon nach London verfrachtet hatte, war Caitlin auch zu ihrer Großmutter väterlicherseits auf Distanz gegangen. Sie redete nach Möglichkeit überhaupt nicht mit Sara. Und Nate sprach sie auch nicht mehr mit „Dad“ an. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte, wollte sich aber auch nicht ständig mit seiner Tochter streiten.

Bis er sich ein anderes Gesprächsthema überlegt hatte, waren sie schon zu Hause. Natürlich betrachtete Caitlin es nicht als ihr richtiges Zuhause. Aber in dieser Hinsicht hatten sie beide keine Wahl.

„Hast du viele Hausaufgaben?“, fragte Nate beim Aufschließen.

„Die habe ich schon gemacht. Musst du ständig Stress deswegen machen?“, fragte Caitlin. Innerhalb von fünf Sekunden war sie die Treppe hochgerannt, und zwei Sekunden später knallte sie ihre Tür hinter sich zu.

Heute würde er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Nate hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Stephanie hatte klargestellt, dass er jetzt an der Reihe war, sich um die gemeinsame Tochter zu kümmern, und er war darauf ebenso wenig vorbereitet gewesen wie Caitlin selbst. Natürlich war es schwer für sie, auf eine neue Schule zu wechseln und plötzlich weit weg von all ihren Freunden zu leben, die sie schon seit frühester Kindheit kannte. Doch nun war sie schon seit einem Monat in London, und die Situation hatte sich nicht gebessert.

Nate hätte lieber vierundzwanzig Stunden am Stück komplizierteste Wirbelsäulen-OPs durchgeführt, als den Launen eines trotzigen Teenagers ausgeliefert zu sein. Im OP kannte er sich wenigstens aus, als Vater dagegen fühlte er sich wie ein Versager. Er hatte keine Ahnung, wie er die Beziehung zu seiner Tochter verbessern sollte. Als er Caitlin gefragt hatte, hatte sie die Augen verdreht und ihn als völlig planlos bezeichnet. Dann war sie aus dem Zimmer gestürmt und hatte die Tür hinter sich zugeknallt.

Warum war es so viel schwerer, einen Teenager zu erziehen, als den Beruf auszuüben, für den er sich über zehn Jahre lang hatte ausbilden lassen? Und würde er es jemals hinbekommen?

Nate nahm sein Handy und ging in den Garten hinter dem Haus, wo Caitlin ihn hoffentlich nicht hören würde. Auf keinen Fall sollte sie denken, dass er sich über sie beschwerte.

Er rief seine Exfrau an, die ihn mit einem sehr kühlen „Was ist denn jetzt los?“ begrüßte.

Nate seufzte innerlich. Caitlin hatte ihre feindselige Haltung ihm gegenüber eindeutig von ihrer Mutter übernommen.

„Wie geht es dir, Steph?“

„Gut.“ Sie klang misstrauisch. „Warum rufst du an?“

„Weil ich Hilfe brauche“, gab er zu. „Ich bin einfach als Vater total unbegabt.“

„Du kannst Caitlin nicht zu mir zurückschicken!“, sagte Stephanie. „Nicht nach der Art und Weise, wie sie sich Craig gegenüber aufgeführt hat.“

„Ich weiß.“ Seiner Freundin gegenüber – mittlerweile war sie seine Ex – hatte Caitlin sich ebenso feindselig verhalten. Allerdings musste Nate zugeben, dass die Beziehung zu Georgina ohnehin fast vorbei gewesen war. Wäre es beim letzten Streit nicht um Caitlin gegangen, dann hätte es einen anderen Anlass gegeben. Nate war sicher, dass sie sich in jedem Fall getrennt hätten. Vielleicht hatte Stephanies zweite Ehe ja eine etwas solidere Basis.

„Ich weiß einfach nicht, worüber ich mit ihr reden soll, wie ich zu ihr durchdringen kann“, sagte er. „Sie verdreht immer nur die Augen und knallt ihre Zimmertür zu.“

„Sie ist eben ein Teenager.“

„Ich weiß, aber die sind doch nicht alle so! Zumindest nicht ständig. Und sie hat sich auch nicht so verhalten, wenn sie mich besucht hat oder wenn ich zu euch nach Devon gefahren bin.“

„Soll das heißen, ich bin schuld?“

„Nein. Ich will mich nicht mit dir streiten, Steph.“

„Aber du wirfst mir vor, dass mir meine Beziehung wichtiger ist.“

„Nein“, sagte Nate müde. „Wie käme ich dazu, dich zu verurteilen, nachdem für mich immer meine Arbeit an erster Stelle kam – und erst dann ihr beide?“

„Gut, dass du das jetzt erkennst“, sagte Stephanie.

Nate zwang sich, nicht darauf anzuspringen. Diesen alten Streit konnte niemand gewinnen.

„Du musst es einfach weiter versuchen. Denn hierher kann Caitlin nicht zurückkommen“, warnte seine Exfrau ihn. „Sie ist auch deine Tochter, und jetzt bist du mal an der Reihe, dich um sie zu kümmern.“

„Ja.“ Es war natürlich gewagt gewesen, sie um Hilfe zu bitten. Stephanie hasste ihn seit zehn Jahren, weil er sie enttäuscht hatte. Da würde sie ihm jetzt natürlich nicht entgegenkommen. Außerdem wusste Nate, dass er selbst schuld war. Er hatte sich nicht genug gekümmert, als Stephanie mit dem anstrengenden Kleinkind zurechtkommen musste. Er hatte sie nicht ausreichend unterstützt. Kein Wunder, dass sie ihn verlassen hatte und mit der Kleinen weit weggezogen war.

Vielleicht hätte er ihr hinterherziehen sollen – oder zumindest in ihre nähere Umgebung, sodass er mehr Kontakt zu seiner Tochter hätte haben können. Allerdings vermutete Nate, dass Stephanie dann erneut weggezogen wäre.

Also hatten sie einen Kompromiss geschlossen. Nate hatte Tochter und Exfrau, so gut er konnte, finanziell unterstützt, indem er unglaublich schwer gearbeitet hatte und schnell aufgestiegen war. Zweimal in der Woche hatte er Caitlin angerufen und im Notfall auch von der Arbeit aus versucht, mit ihr zu reden, bevor sie ins Bett ging. Und sobald es Videoanrufe gab, hatte er ihr ein Tablet geschenkt – trotz Stephs spitzer Bemerkungen über den „Spaß-Papa“, der seiner Tochter teure technische Geräte kaufte. Nate war es aber einfach um den Kontakt zu Caitlin gegangen, die er wegen der Entfernung nur vereinzelt am Wochenende und in den Schulferien sah.

„Trotzdem danke“, sagte er und hoffte, dass Stephanie die höfliche Floskel nicht als Sarkasmus auffasste.

Sich als alleinerziehender Vater um einen Teenager zu kümmern war die frustrierendste Aufgabe, die er je übernommen hatte. Aber irgendwie musste er es hinbekommen – ihnen allen zuliebe.

2. KAPITEL

Erin fiel auf, dass Nate dunkle Ringe unter den Augen hatte. Und obwohl er mit seinen Patienten absolut professionell umging, las sie in seinem Blick, dass er unglücklich war.

„Ich sollte meine privaten Probleme nicht mit zur Arbeit nehmen.“

Seine Worte vom Vortag gingen ihr erneut durch den Kopf. In diesem Moment machte Nate den Eindruck, als sei das ein aussichtsloses Vorhaben, denn ganz offensichtlich hatte ihn das, was ihn so beschäftigte, nicht schlafen lassen.

Zwar hatte er ihr einen Korb gegeben, als sie ihm angeboten hatte, mit ihr zu reden. Aber Erin wusste, wie man sich in schweren Zeiten fühlte. Sie hatte damals das große Glück gehabt, dass die Mutter ihrer besten Freundin für sie da gewesen war. Vielleicht brauchte auch Nate jemanden wie Rachel. Und vielleicht konnte sie ihm helfen und so ihre Schuldgefühle zumindest etwas lindern.

„Können wir kurz miteinander reden?“, fragte sie nach der Visite.

Er zuckte die Schultern. „Na klar. Was kann ich für Sie tun?“

„Vielleicht unterhalten wir uns beim Mittagessen? Ich lade Sie ein.“

Nate wurde misstrauisch. „Hat das etwas mit dem Sinnesgarten zu tun?“

„Nein, absolut nicht“, versprach Erin. „Kaffee und ein Sandwich in der Kantine – ganz ohne Vorträge über mein Lieblingsprojekt. Ich möchte nur kurz etwas mit Ihnen besprechen.“

„In Ordnung. Dann schlage ich vor, Sie holen mich um halb eins in meinem Büro ab. Es sei denn, einer der Patienten braucht noch etwas mehr Zeit.“

Dass für Nate seine Patienten an erster Stelle kamen, obwohl er offensichtlich Probleme hatte, gefiel Erin. „Gut, dann bis nachher.“

Den Rest des Vormittags verbrachte sie mit ihrer Sprechstunde, und zum Glück lief alles nach Plan. Auch Nates präoperative Besprechungen hatten offenbar nicht länger gedauert, sodass sie pünktlich in die Kantine gehen konnten.

Dort kaufte sie für ihn und sich Kaffee und Sandwichs, außerdem zwei Blaubeermuffins. Dann setzten sie sich an einen Tisch in einer ruhigen Ecke.

„Kuchen?“, fragte er erstaunt.

„Aber sicher. Mit Kuchen fällt alles leichter.“

„Also, was kann ich für Sie tun?“, fragte Nate vorsichtig.

„Gestern haben Sie gesagt, Sie würden mich kaum kennen“, sagte Erin vorsichtig. „Aber jeder macht mal schwere Zeiten durch, in denen er den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Und manchmal hilft es dann, mit jemandem zu reden, der mit der Angelegenheit rein gar nichts zu tun hat und vielleicht einen anderen Blickwinkel bieten kann. Mit anderen Worten, ich würde gerne mein Angebot von gestern wiederholen.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“, begann Nate, doch sie fiel ihm ins Wort.

„Essen Sie doch erst mal Ihr Sandwich, und denken Sie darüber nach.“

„Warum sind Sie so nett zu mir?“, fragte er. „Sie kennen mich ja ebenso wenig.“

„Ich habe keinerlei Hintergedanken“, versicherte Erin. „Man könnte sagen, ich möchte mich erkenntlich zeigen. Es gab eine Zeit, in der ich sehr dringend jemanden zum Reden brauchte, und zu meinem großen Glück war jemand für mich da. Und jetzt möchte ich auch für jemanden da sein.“

„Verstehe.“ Nachdenklich sah Nate sie an, zögerte jedoch.

„Nur damit das klar ist“, sagte sie. „Ich tratsche nicht. Aber ich glaube wirklich, dass Sie mit jemandem reden sollten. Sie sehen nämlich ziemlich furchtbar aus.“

Er lächelte. „Und Sie sind sehr direkt.“

Erin zuckte die Schultern. „Ich finde es so am einfachsten. Also, essen Sie Ihren Kuchen, und überlegen Sie es sich.“

Ich habe das gar nicht verdient, dachte Nate. Aber es war so verlockend, Erins Angebot anzunehmen. Selbst wenn sie nichts bewirken könnte, würde sie ihm vielleicht immerhin helfen, sich besser in Caitlin hineinzuversetzen. Seit seine Tochter bei ihm eingezogen war, fühlte er sich so einsam wie nie zuvor.

Dass Erin nicht tratschte, glaubte er sofort, weil sie nie über Kollegen sprach, wenn diese nicht anwesend waren. Außerdem organisierte sie ständig gemeinsame Unternehmungen und sammelte Geld für Geschenke an Kollegen. Obwohl Nate sie kaum kannte, war er überzeugt, dass er ihr vertrauen konnte.

Und wahrscheinlich hatte sie recht: Es wäre gut, mit jemandem zu reden, der weder ihn noch Caitlin kannte. Vielleicht würde ihm das helfen, Caitlin der Vater zu sein, den sie brauchte.

„Es ist eine ziemlich lange, eher unschöne Geschichte. Ich …“ Er atmete tief ein. „Ich kann mich gerade selbst nicht besonders gut leiden.“

„Nichts ist immer nur schön. Und dass Sie etwas bereuen, heißt doch, dass Sie etwas ändern möchten“, erwiderte Erin. „Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, wie Sie meinen. Also, legen Sie los!“

„Danke.“ Aber wo sollte er anfangen? „Es geht um meine Tochter“, begann er schließlich.

„Ach, Sie sind gerade Vater geworden? Dann ist es kein Wunder, dass Sie so dunkle Ringe unter den Augen haben! Neugeborene lassen einen ja kaum schlafen.“

Nate lächelte ein wenig schief. „Das mit dem Schlafmangel stimmt – aber die Sache ist etwas komplizierter.“

Erin wartete. Sie ließ ihm einfach Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Dadurch fiel es ganz leicht, mit ihr zu reden.

„In gewisser Hinsicht bin ich tatsächlich gerade Vater geworden, allerdings ist Caitlin schon dreizehn.“

Nate hat eine dreizehnjährige Tochter!

Dann war er also verheiratet? Umso besser, dachte Erin, denn damit war er absolut tabu für sie. Es war natürlich feige, gezielt die Nähe von Leuten zu suchen, die nicht für eine Beziehung zur Verfügung standen. Aber Erin hatte nur mit viel Kraft das Chaos in ihrem Leben bewältigt und wollte auf keinen Fall, dass alles erneut aus den Fugen geriet.

Allerdings hatte Nate gesagt, er sei gerade Vater geworden. War das Mädchen sein Pflegekind?

Um ihn nicht mit zu vielen Fragen abzuschrecken, sagte sie nur: „Dreizehn ist ein ziemlich schwieriges Alter.“

„Und sie kommt mit dem neuen Mann ihrer Mutter nicht zurecht.“

Hilfe. Nate war also doch nicht verheiratet – zumindest nicht mit der Mutter seiner Tochter.

„Mit meiner Exfreundin hat sie sich auch nicht verstanden“, fügte er jetzt hinzu.

Das hieß, er war Single – und somit gefährlich. Erin erschrak, ließ sich aber nichts anmerken.

„Und ich weiß einfach nicht, wie ich eine Beziehung zu ihr aufbauen soll.“ Er seufzte. „Man könnte meinen, ich wäre fünfundachtzig und nicht fünfunddreißig!“

Nate war also bei Caitlins Geburt noch ziemlich jung gewesen. Damals hatte er seine medizinische Ausbildung sicher noch nicht abgeschlossen und war noch weit davon entfernt gewesen, Chirurg zu werden.

Offenbar sah er ihr an, was sie dachte.

Nate seufzte erneut. „Wie Sie sicher schon ausgerechnet haben, waren wir noch sehr jung, als Caitlin zur Welt kam. Zu jung. Steph war erst einundzwanzig und ich zweiundzwanzig. So früh war unsere Tochter nicht geplant, aber die Alternative kam für uns auch nicht infrage. Also haben wir geheiratet. Damals dachten wir, es würde funktionieren, weil wir uns liebten. Wir dachten, wir würden uns zusammen irgendwie durchschlagen.“

Ja, das kannte Erin. Aber jemanden zu lieben genügte nicht – besonders dann, wenn die beiden Partner unterschiedlich empfanden. Und wenn man zu jung war, um zu begreifen, wie viel Kraft es kostete, die Hoffnung loszulassen, dass man den anderen ändern konnte. Zu begreifen, dass es am klügsten war, einen Schlussstrich zu ziehen, bevor alles noch schlimmer wurde. Das hatte sie auf sehr schmerzliche Art und Weise lernen müssen. Aber hier ging es nicht um sie, sondern um Nate.

„Es ist ja schon schwer genug, als junger Arzt sein Leben zu bewältigen“, sagte sie. „Mit einem Baby ist es sicher noch schwieriger.“

„Allerdings“, stimmte er zu. „Ich habe damals … Na ja, Sie wissen ja, wie irrsinnig viel man als Assistenzarzt arbeiten muss. Wenn ich dann nach Hause kam, war ich einfach zu müde, um Steph zu unterstützen. Sie hatte ihre Pläne auf Eis legen müssen. Statt ein Lehramts-Aufbaustudium zu absolvieren, saß sie den ganzen Tag mit dem Baby zu Hause herum. Ich verstehe absolut, dass sie sauer auf mich war. Ich hätte sie damals viel mehr unterstützen müssen.“

„Sie waren berufstätig und haben nebenbei noch studiert. Man kann nur sein Bestes tun“, gab Erin zu bedenken.

„Ich habe mich bemüht, aber es hat nicht gereicht. Als Caitlin drei war, verließ Steph mich schließlich und zog mit ihr weg.“ Er presste kurz die Lippen aufeinander. „Ich hätte mitgehen müssen, statt in London zu bleiben.“

„Für Wirbelsäulenchirurgen gibt es aber nicht in jedem Krankenhaus Stellen“, erinnerte Erin ihn. „Außerdem waren Sie damals doch noch dabei, sich auf das Examen in Chirurgie vorzubereiten. Selbst wenn Sie an ein Krankenhaus gewechselt wären, das näher an Stephs und Caitlins Wohnort liegt, hätten Sie sich dort vielleicht nicht weiter ausbilden lassen können. Es ist ja ein ganz anderer Fall, als wenn man zum Beispiel in der Notaufnahme oder auf der Entbindungsstation arbeitet und flexibler ist.“

„Ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Vielleicht habe ich mich zu früh spezialisiert. Und ich hätte einfach nicht so egoistisch sein dürfen und einsehen müssen, dass ich mir meine Träume eben nicht erfüllen kann. Vielleicht hätte ich einen Kompromiss eingehen und stattdessen in der Notfallmedizin arbeiten sollen“, sagte Nate. „Steph und Caitlin zogen nach Devon, fünf Stunden Autofahrt von mir entfernt. Ich bekam meine Tochter also nur gelegentlich am Wochenende zu sehen, und manchmal hat sie mich in den Ferien besucht. Aber das ist natürlich ganz anders, als ständig mit jemandem zusammen zu sein. Mir kommt es fast vor, als wären wir Fremde. Und Caitlin findet es schrecklich, mit mir zusammenzuleben.“

„Und warum wohnt sie jetzt bei Ihnen? Ist ihre Mutter krank?“

„Nein. Caitlin hat sich mit dem neuen Mann ihrer Mutter nicht gut verstanden. Steph fand, Caitlin sei ein Albtraum von einem Teenager und es sei an der Zeit, dass ich mich an der Erziehungsarbeit beteilige. Also hat sie Caitlin zu mir geschickt.“

Erin wurde ganz kalt.

Ein schwieriger Teenager, der nicht mit dem neuen Partner der Mutter zurechtkam, von dieser rausgeworfen wurde und dann beim Vater leben sollte – genau das hatte sie selbst vor dreizehn Jahren erlebt. Und sie wusste noch sehr gut, wie unglücklich und verzweifelt sie damals gewesen war.

„Wann war das?“

„Vor etwas über einem Monat.“

Also nur wenige Tage bevor er seine neue Stelle angetreten hatte, ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Kein Wunder, dass Nate keine Zeit für Unternehmungen mit seinen Kollegen hatte: Er verbrachte seine Freizeit damit, eine Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

„Caitlin ist also an einen Ort gezogen, den sie nicht kennt, und wohnt jetzt weit entfernt von ihren Freunden und allen anderen Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist“, stellte Erin fest. „Und dann muss sie sich auch noch in einer neuen Schule eingewöhnen.“

„Das wäre wohl für jeden eine große Umstellung“, stimmte Nate zu. „Aber mit dreizehn ist es besonders schwierig. Ich weiß einfach nicht, wie ich mit der ganzen Sache umgehen soll, Erin. Ich fühle mich völlig überfordert und habe schon Steph um Rat gebeten, aber …“ Er unterbrach sich.

Offenbar war seine Ex keine große Hilfe gewesen oder hatte ihm schlicht keinen Rat geben wollen. Auch das kannte Erin aus eigener Erfahrung: Ihre Mutter hatte sie hinausgeworfen und sich dann einfach nicht mehr um sie gekümmert. Und auch jetzt, viele Jahre später, war die Beziehung zu ihr schwierig.

Es gefiel ihr sehr, dass Nate um Fairness bemüht war und Verantwortung für sein Verhalten in der Vergangenheit übernahm, statt seiner Ex die ganze Schuld zuzuschieben.

„Sie brauchen jemanden, der versteht, was in einer Dreizehnjährigen vorgeht“, sagte Erin vorsichtig.

Er blinzelte überrascht. „Haben Sie etwa auch eine Tochter in dem Alter? Dafür sehen Sie nicht alt genug aus.“

„Nein.“ Innerlich zuckte Erin zusammen. Denn wäre alles etwas anders gekommen, dann hätte sie jetzt vielleicht wirklich eine dreizehnjährige Tochter. Noch immer erfüllten sie beim Gedanken an die Fehlgeburt Trauer, Erleichterung und Schuld.

Trauer um ein kleines Leben, das nicht hatte beginnen dürfen, um das Baby, das sie nie kennengelernt hatte. Erleichterung, weil sie vom heutigen Standpunkt aus wusste, dass sie mit sechzehn nicht reif genug gewesen wäre, um ein Kind aufzuziehen. Und Schuld, weil einige ihrer heutigen Freunde tolle Eltern wären, aber kein Kind bekommen konnten, während sie selbst gleich beim ersten Sex schwanger geworden war.

Die Fehlgeburt hatte sie so wachgerüttelt, dass sie in ihrem Leben endlich das Ruder herumgerissen hatte: Sie hatte im zweiten Anlauf sämtliche Abschlussprüfungen bestanden, war Ärztin geworden und hatte versucht, etwas zu bewirken, um ihre Fehler wiedergutzumachen. Ihren schwersten Fehler würde sie jedoch nie wiedergutmachen können.

Sie verdrängte diese Gedanken und sagte: „Nein, aber ich war mal ein dreizehnjähriges Mädchen. Ich war ein bisschen älter als Caitlin, als sich meine Eltern trennten und meine Mutter einen neuen Partner fand, den ich hasste – und als mein Leben etwas chaotisch wurde.“

Das war stark untertrieben.

„Ich bin dann auch zu meinem Vater gezogen.“ Ihre Mutter hatte ihr nicht geglaubt, was sie ihr von dem unheimlichen Leonard erzählt hatte, und so war Erins Leben noch mehr aus den Fugen geraten. Schließlich hatte sie jenen schrecklichen Fehler begangen und das Leben ihres Bruders zerstört.

Vielleicht konnte sie jetzt etwas wiedergutmachen, indem sie Nates Tochter half und Caitlin davor bewahrte, einen ähnlichen Fehler zu begehen.

„Dann haben Sie so etwas erlebt wie Caitlin?“, fragte Nate überrascht.

„So wie Sie es beschreiben, sieht es ganz danach aus.“

Er atmete tief durch. „Ich weiß, das ist wirklich viel verlangt, aber da Sie ja offenbar viel besser verstehen, was Caitlin durchmacht – könnten Sie mir vielleicht helfen, damit ich nicht alles noch schlimmer mache?“

„Ich werde es zumindest gerne versuchen“, antwortete Erin. „Vielleicht könnten wir am Wochenende etwas zusammen unternehmen, damit Caitlin mich kennenlernt. Ich versuche dann, ein bisschen mit ihr zu reden.“

„Vielen Dank.“ Er sah sie an. „Und was kann ich für Sie tun?“

Sie machte eine wegwerfende Geste. „Sie brauchen nichts zu tun.“

„Das wäre aber nur fair.“

Erin konnte nicht widerstehen. „Würden Sie im Sinnesgarten mithelfen und Unkraut jäten oder Ähnliches?“

„Natürlich, wenn Sie das möchten.“ Er schwieg kurz und fragte dann: „Warum ist Ihnen der Garten so wichtig?“

Nate klang ehrlich interessiert. Und außerdem hatte er ihr gerade etwas anvertraut. Vielleicht würde er sich wohler fühlen, wenn sie ihm ebenfalls etwas anvertraute. Natürlich nicht die ganze Geschichte, aber das Wesentliche, damit er nicht weiter nachfragte.

„Weil ich jemanden kenne, der einen schweren Autounfall hatte und seitdem im Rollstuhl sitzt. Ihm hat ein Sinnesgarten sehr geholfen“, sagte sie. „Er hat ihn gerettet.“

„Ach so“, erwiderte Nate. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wenn Sie Caitlin helfen wollen, muss ich Sie das fragen: Gibt es einen Ehemann oder Freund, der etwas dagegen haben könnte?“

„Nein.“

„Okay. Ich habe nur …“ Er atmete hörbar aus. „Ich habe schon in meinen eigenen Beziehungen so viel Mist gebaut, da will ich nicht auch noch in den Beziehungen anderer Menschen etwas anrichten.“

Erin lächelte. „Kein Problem. Es gibt nichts, was Sie anrichten könnten.“

„Gut.“ Er grinste schief. „Ich wollte mich nicht an Sie ranmachen, Erin. Meine letzte Freundin und ich haben uns vor einem Monat getrennt, ein paar Tage nach Caitlins Ankunft, und in meinem Leben ist gerade kein Platz für eine Beziehung. Ich verbringe meine gesamte Zeit damit, zu lernen, wie man ein guter Vater wird. Und leider mache ich das nicht besonders gut.“

„Ich weiß, dass Sie sich nicht an mich ranmachen wollen“, beruhigte sie ihn. Und selbst wenn, würde es nicht funktionieren. Liebe war nun einmal nicht von Dauer, das hatte Erin schon oft genug erlebt: Die Ehe und nachfolgende Beziehungen ihrer Eltern waren zerbrochen, ihr Bruder war von seiner Freundin verlassen worden, gerade, als er sie gebraucht hatte, und bei ihr selbst hatte seit ihrer Teenagerzeit keine Beziehung länger als ein paar Monate gehalten. Erin hatte mit der Liebe abgeschlossen.

„Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und bin auch nicht auf eine Beziehung aus. Aber Freunde kann ich immer gebrauchen, und wie es aussieht, geht es Ihnen und Caitlin genauso.“

„Das stimmt.“ Nate sah sie an. „Allerdings muss ich Sie warnen: Derzeit besteht die Kommunikation aufseiten meiner Tochter vor allem aus genervtem Augenverdrehen und Türenknallen.“

„Sie beide müssen sich wahrscheinlich einfach noch besser kennenlernen und aneinander gewöhnen“, vermutete Erin. „Wie Sie ja sagten, ist dauerhaftes Zusammenwohnen etwas ganz anderes als Besuche in den Ferien und an Wochenenden. Caitlin muss erst einmal ihre Grenzen neu austesten. Schließlich hat sich ihr ganzes Leben verändert. Und wahrscheinlich glaubt sie, es sei ihre Schuld, dass sie zu Ihnen geschickt wurde. Besonders dann, wenn sie eine enge Beziehung zu ihrer Mutter hatte und die beiden sich jetzt nicht mehr gut verstehen. Was stimmt denn nicht mit dem neuen Partner?“

„Irgendwie ist er ein Idiot“, meinte Nate. „Ich bin nicht eifersüchtig, Steph und ich lieben uns schon seit Jahren nicht mehr. Ich hoffe, dass wir Caitlin zuliebe zumindest zivilisiert miteinander umgehen können. Aber ihr neuer Partner scheint sich nicht sehr um Caitlin zu bemühen.“

„Ich finde, wenn man eine Beziehung mit jemandem eingeht, der ein Kind hat, dann bekommt man immer die beiden als Gesamtpaket und muss versuchen, mit dem Kind klarzukommen“, erwiderte Erin. „Wenn Stephs neuer Partner das nicht tut, macht das die Sache für Sie schwierig. Ergreifen Sie Partei für Steph, wird Caitlin Ihnen das übel nehmen. Stellen Sie sich auf Caitlins Seite, wird Steph Ihnen das übel nehmen. Am besten sagen Sie also beiden, dass Sie sich neutral verhalten möchten, dass der Streit wegen Stephs neuem Partner nur Steph und Caitlin etwas angeht und dass Sie mit ihnen nicht darüber reden werden.“

Nate lehnte sich zurück und sah sie anerkennend an. „Sie sind wirklich klug. Sind Sie vielleicht doppelt so alt, wie Sie aussehen?“

„Nein, und ich habe auch kein alterndes Porträt von mir auf dem Dachboden wie Dorian Gray.“ Erin lächelte frech. „Ich bin neunundzwanzig.“ Aber hätte sie ein solches Porträt, dann wäre es bestimmt schrecklich hässlich, das Abbild des reinen Egoismus. Und seit dreizehn Jahren versuchte sie vergeblich, es wiedergutzumachen.

„Neunundzwanzig. Dann können Sie sich ja noch daran erinnern, wie das Leben als dreizehnjähriger Teenager ist.“

„Als dreizehnjähriges Mädchen“, erinnerte sie ihn. „Mit einem Y-Chromosom ist man nämlich ziemlich im Nachteil.“

„Ich weiß.“ Nate verdrehte die Augen.

Erin musste lachen. „Die Augen verdrehen können Sie wirklich super. Das haben Sie bestimmt von Ihrer Tochter gelernt.“

„Danke für das Kompliment“, sagte Nate lächelnd.

So unbeschwert hatte sich Nate schon lange nicht mehr gefühlt. Nicht mehr seit Stephs Anruf, bei dem sie ihm mitgeteilt hatte, Caitlin würde am Wochenende bei ihm einziehen und er müsse sich umgehend um eine Schule für sie kümmern.

„Vielen Dank“, sagte er zu Erin. „Und es tut mir leid, dass ...

Autor

Carol Marinelli

Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands. Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur...

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Amy Andrews

Amy war ein Kind, das immer eine Geschichte im Kopf hat. Ihr Lieblingsfach war English und sie liebte es Geschichten zu schreiben. Sollte sie einen Aufsatz mit nur 100 Worten schreiben – schrieb Amy 1.000 Worte. Anstatt nur eine Seite bei dem Thema „ Beschreibt auf einer Seite eure Sommerferien“...

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