Julia Arztroman Band 46

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HERZKLOPFEN AM BLUE LAKE HOSPITAL von EMILY FORBES

Annie wird heiß und kalt, als Caspar St. Claire den Kreißsaal betritt. Bis zuletzt hatte sie sich gegen die Dreharbeiten des TV-Stars am Blue Lake Hospital gewehrt. Wegen des Medienrummels! Oder wegen des Sturms der Gefühle, den der attraktive Caspar in ihr auslöst?

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  • Erscheinungstag 06.06.2026
  • Bandnummer 46
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540865
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Emily Forbes, Marie Ferrarella, Annie Claydon

JULIA ARZTROMAN BAND 46

Emily Forbes

1. KAPITEL

„Ist es bereits beschlossen, oder werden wir noch nach unserer Meinung gefragt?“ Annie Simpson blickte in die Runde.

Ihre Kolleginnen und Kollegen saßen widerspruchslos um den Tisch im Sitzungsraum. Ungläubig sah Annie den Klinikleiter an. Ist das wirklich sein Ernst? dachte sie. Das Blue Lake Hospital soll Schauplatz einer Doku-Soap werden? Mit unseren Patienten, unseren Ärzten, Schwestern und Pflegern?

„Der Dreh wird stattfinden, und ich frage Sie, ob Sie bereit sind, aktiv daran mitzuwirken.“ Für einen so großen Mann hatte Patrick Hammond eine ausgesprochen sanfte Stimme. Und wenn Annies Frage ihn ärgerte, so zeigte er es nicht.

Annie wusste, dass Patrick das Krankenhaus nicht wie ein Diktator führte – die meisten Entscheidungen wurden nach Rücksprache mit den Chefärzten und der Pflegedienstleitung getroffen. Die meisten medizinischen Entscheidungen, korrigierte sie sich. Die alltäglichen Dinge würde er nicht mit ihnen diskutieren. Und Annie fragte sich, zu welchem Bereich nun dieses Fernsehprojekt gehörte.

„Haben wir denn überhaupt eine Wahl?“, hakte sie nach.

Patrick fuhr sich durchs kurz geschnittene Haar. „Aber natürlich. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, was dieses Projekt für unser Krankenhaus bedeutet: Geld und eine kostenlose Publicity. In einer Zeit, in der so viele ländliche Krankenhäuser um ihr Überleben kämpfen, kann eine solche Medienaufmerksamkeit nur gut für uns sein.“

„Sind Sie sicher?“, beharrte Annie. „Und wenn etwas schiefgeht und das Krankenhaus verklagt wird? Dann hätten wir das Gegenteil erreicht. Zudem ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass das Gesundheitsministerium unser Krankenhaus schließt. Wir mögen zwar eine ländliche Klinik sein, aber doch kein Sechs-Betten-Krankenhaus. Wir sind eine Spezialklinik in der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates. Es würde einen allgemeinen Aufschrei in der Öffentlichkeit geben, sollte eine Schließung auch nur angedacht werden.“

„Es stimmt, dass wir ein großes Krankenhaus sind, aber wir sind dennoch steuerfinanziert, und das bedeutet, dass wir wie alle anderen auch gewissen Grundsätzen unterliegen“, entgegnete Patrick ruhig. „Haben Sie eine Ahnung, wie viele Zuschauer sich die letzte Staffel von RPE angesehen haben?“

Annie hielt es für eine rhetorische Frage, aber Patrick erwartete offensichtlich eine Antwort. Also schüttelte sie den Kopf. Sie hatte keine Ahnung.

„Zwei Millionen. Jeden Abend.“

Für das australische Fernsehen eine gewaltige Zuschauerzahl. Annie wusste, dass RPE, die Serie, die am Royal Prince Edward Hospital in Melbourne spielte, sehr populär war. Aber so populär?

„Und Caspar St. Claire ist einer der Stars“, fuhr Patrick fort. „Er stammt aus der Gegend und hat es ganz nach oben geschafft. Deswegen wird es viele Menschen interessieren, nicht nur die von hier. Und der Sender zahlt uns ein nettes Sümmchen dafür, dass sie hier filmen dürfen.“

„Dann geht’s also nur ums Geld?“

Patrick schüttelte den Kopf. „Seien Sie nicht zu schnell mit der Kritik. Das Krankenhaus benötigt vieles, das mit diesem Geld angeschafft werden kann. Es kommt auch der Geburtsabteilung Ihrer Station zugute. Und wussten Sie, dass Caspar Kinderarzt ist?“, sprach er weiter. „Ich dachte, als Kinderärztin würden Sie sich freuen, jemand zu haben, der während Phils Auszeit seine Stelle übernimmt.“

Annie wollte Patrick nicht das letzte Wort lassen. Sie hatte ihre Erfahrungen mit den Medien gemacht, und es waren keine schönen gewesen. Deshalb hatte sie ja den Job an diesem ruhigen ländlichen Krankenhaus angenommen – der ersehnte Neuanfang. Ungewollt wieder im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu stehen, wäre das Letzte! „Hätten Sie eine Vertretung gefunden, die nur zum Arbeiten herkommt, würde ich mich freuen. Aber Ihre Vertretung bringt anscheinend einen eigenen Zirkus mit, und da möchte ich nicht mitmachen.“

„Ich habe noch nie mit einem Zirkus gearbeitet. Mit Kindern schon, aber nicht mit Tieren und auch nicht in einer Manege.“

Beim Klang der tiefen männlichen Stimme lief es Annie prickelnd über den Rücken. Tori Williams neben ihr hielt sogar hörbar den Atem an und seufzte dann leise. Annie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Caspar St. Claire hinter ihr stand.

Die Spannung im Raum war mit Händen greifbar. Alle schienen sich zu fragen, wie sie reagieren würde. Es wäre unhöflich gewesen, sich nicht umzudrehen und so zu tun, als wäre sie taub. Also wandte Annie den Kopf und sah, dass der Teufel höchstpersönlich sie musterte. Ein ziemlich sexy Teufel, wie sie zugeben musste. Trotzdem wollte sie ihn hier nicht haben!

„Ich darf Ihnen aber versichern, dass meine Patienten immer an erster Stelle stehen und unser Team geschult darin ist, so unauffällig wie möglich zu arbeiten.“

Sie wollte loslachen. Glaubte er wirklich, dass sie ihm das abnahm? Aber der Blick aus den grünen Augen war so herausfordernd, dass ihr das Lachen im Hals stecken blieb. Schlimmer noch, sie brachte keinen Ton hervor. Annie hätte nichts dagegen gehabt, sich in Luft aufzulösen.

In jeder Krankenhausserie gab es einen umwerfend gut aussehenden Arzt, und obwohl RPE eine Realityshow war, so schafften sie es doch immer wieder, ein paar attraktive Stars zu finden, und Dr. St. Claire war der attraktivste. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er in Wirklichkeit noch besser aussah als im Fernsehen. Sein dunkles Haar war vielleicht ein wenig zu lang, aber dadurch lockte es sich, und das verlieh ihm ein jugendliches Aussehen. So, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen.

Unwillkürlich sah sie ihn vor sich, wie er in einem zerwühlten Bett lag, sich mit den schlanken Fingern durchs Haar fuhr. Annie wurde rot, als er sie weiterhin unverwandt ansah, so als wüsste er genau, woran sie gerade dachte.

„Haben Sie weitere Einwände, Dr. Simpson?“

Woher wusste er, wer sie war? Aber es gab wichtigere Fragen.

„Ich habe noch eine ganze Reihe von Einwänden, Dr. St. Claire, und ohne weitere Informationen treffe ich keine Entscheidung. Wann beginnen die Dreharbeiten?“

„Morgen.“

Das war viel zu kurzfristig. Und überhaupt …

Am besten sagte sie gleich Nein. Auf keinen Fall würde sie einem Medienzirkus auf ihrer Entbindungsstation zustimmen.

Sie öffnete den Mund, aber bevor sie sprechen konnte, unterbrach Caspar sie.

„Sagen Sie nicht gleich Nein.“

Annie starrte ihn an. War sie so leicht zu durchschauen?

„Ich möchte Ihnen Gail Cameron vorstellen. Sie ist die verantwortliche Produzentin und wird Ihnen die Details erklären, Fragen beantworten und sich um rechtliche Aspekte kümmern. Sie müssen sich nicht heute entscheiden“, fuhr er fort und hielt dabei ihren Blick fest. „Aber die Dreharbeiten beginnen morgen, und es wäre großartig, wenn einige von Ihnen dabei wären.“

Nun wandte er sich den anderen am Tisch zu. „Wir sind nicht gekommen, um Ihre Arbeit sensationslüstern zu überzeichnen, sondern um Geschichten zu erzählen, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie Patrick Ihnen schon gesagt hat, wird das Blue Lake Hospital davon finanziell profitieren, was wiederum Ihren Abteilungen zugutekommt.“

Patrick erhob sich und rückte Stühle zurecht, damit Caspar und Gail ebenfalls am Tisch Platz nehmen konnten. Annie gestand Caspar einen Pluspunkt zu, als er wartete, bis Gail sich hingesetzt hatte. Gute Manieren hatte er.

Unauffällig betrachtete Annie ihn, während er noch stand.

Er trug einen hellgrauen Anzug, dazu ein weißes Hemd und eine gestreifte Krawatte. Seine breiten Schultern füllten das Jackett beeindruckend aus. Das Hemd war frisch gebügelt, der Anzug allerdings ein wenig zerknittert. Vielleicht waren ihm solche Äußerlichkeiten nicht sonderlich wichtig. Das gefiel ihr an dem Mann, was aber nichts daran änderte, dass sie ihn nicht hierhaben wollte.

Gail sprach nun über die für den Sender interessanten medizinischen Fälle, aber Annie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Caspar saß ihr schräg gegenüber und drehte einen silbernen Kugelschreiber langsam in den Fingern. Er hatte große, schöne Hände, und sie ertappte sich dabei, wie sie darauf starrte.

Schnell senkte sie den Blick. Doch als er den Kopf leicht drehte, sodass sein Profil ihr zugewandt war, musste sie ihn doch wieder ansehen. An den Schläfen waren seine schwarzen Haare leicht ergraut, und seine olivfarbene Haut wirkte durch den modischen Dreitagebart noch dunkler. Seine Nase war schmal, vielleicht ein bisschen zu lang, was ihn davor bewahrte, wie ein Schönling auszusehen.

Aus klugen grünen Augen musterte er nacheinander die Menschen am Tisch, und Annie fragte sich, was er wohl dabei dachte.

Gerade war Colin, der orthopädische Chirurg, an der Reihe, und schon bald würde sie dran sein. Ihr Herz schlug schneller bei diesem Gedanken. Aus irgendeinem Grund machte Caspar St. Claire sie nervös. Auf einmal hatte sie feuchte Hände, und sie wischte sie unauffällig an ihrer Hose ab.

Caspar blickte jetzt Tori an, ohne dass die Anästhesistin etwas davon merkte, weil sie eifrig alles mitschrieb, was Gail vortrug. Das war nur gut. Im letzten halben Jahr hatten sie und Annie sich angefreundet, und sie würde sie später um ihre Notizen bitten, weil sie von Gails Worten zu wenig mitbekam.

Jetzt sah er sie an, hielt ihren Blick fest. Annie spürte, wie ihr das Blut warm in die Wangen stieg, konnte aber nicht wegsehen.

Bis Tori sie mit dem Ellbogen anstieß.

„He“, beschwerte sich Annie leise und blickte sie fragend an.

„Passt du auch auf? Das solltest du dir anhören.“

„Ich sehe mir später deine Notizen an“, erwiderte Annie, wandte sich Gail zu und tat so, als würde sie konzentriert zuhören, sah aber aus dem Augenwinkel, dass Caspar St. Claire sie immer noch musterte. Sie konnte nicht anders, sie musste kurz zu ihm hinsehen.

Er wirkte nachdenklich. Woran mochte er denken? Dachte er über sie nach? Immer noch lag ein herausfordernder Ausdruck auf seinem Gesicht. Wenn er erwartete, dass sie gleich am ersten Tag nachgab, würde er sich schwer wundern. Das hatte sie nämlich nicht vor, weder heute noch morgen.

Ihre Blicke verfingen sich, und plötzlich war ihr Kopf wie leer, vergessen waren all ihre Befürchtungen und Einwände. Und dann lächelte er unerwartet.

Wärme breitete sich vom Bauch her über ihren ganzen Körper aus, eine lustvolle Wärme, gegen die sie sich nicht wehren konnte. Schon sein ernster, gedankenvoller Ausdruck machte ihn wahnsinnig interessant, aber dieses lässige ironische Lächeln weckte Gefühle in ihr, die sie lange nicht mehr verspürt hatte.

Sex hatte nie ganz oben auf ihrer Wunschliste gestanden. Sie konnte ihn genießen, verstand aber eigentlich nicht wirklich, wieso andere so verrückt danach waren. Enthaltsamkeit machte ihr nichts aus. Aber Caspar St. Claire ließ sie tatsächlich an Sex denken. Heißen, ungehemmten Sex. Zerwühlte Bettlaken. Ein schwerer, harter männlicher Körper. Viele Orgasmen hintereinander, sodass sie sich danach kaum rühren konnte. Die Art Sex, von der sie in Büchern gelesen und die sie in Filmen gesehen, aber niemals selbst erlebt hatte.

Die Raumtemperatur schien schlagartig anzusteigen, und zu ihrem Entsetzen wurden ihre Brustwarzen hart. Hastig blickte sie fort, aus Angst, er könnte ihre schamlosen Gedanken lesen.

Ihre Ehe, längst gescheitert, war aus vielen Gründen geschlossen worden, Verlangen gehörte allerdings nicht dazu. Sie war eine junge, unerfahrene Braut und das Verhältnis zu ihrem Mann eher freundschaftlich als lustvoll gewesen. Damals hatte sie gedacht, eine vernünftige Entscheidung getroffen zu haben. Annies Eltern waren Sklaven ihrer ungehemmten Leidenschaft und Sexsucht gewesen, und sie hatte sich geschworen, es anders zu machen. Sie wollte diesen Fehler nicht wiederholen.

Dafür beging sie einen anderen.

Doch nie zuvor hatte sie sich so leidenschaftlich zu einem Mann hingezogen gefühlt wie jetzt in diesem Moment. Sie wollte das nicht, das brachte sie nur in Schwierigkeiten.

Sie würde Caspar St. Claire und alles, was mit ihm zu tun hatte, in eine mentale Kiste mit der Aufschrift Nicht öffnen! stopfen. Was gingen er und seine Pläne sie an? Gar nichts.

2. KAPITEL

Caspar sah sich am Tisch um, versuchte in den Gesichtern zu lesen, ihre Gedanken zu erraten. Er hatte sich vorher über alle Beteiligten informiert, denn er war gern vorbereitet, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.

Die meisten folgten aufmerksam Gails Ausführungen. Sie verstand es, alles aufregend und interessant darzustellen, als etwas, wobei jeder gern mitmachen wollte.

Gail wäre eine hervorragende Verkäuferin, dachte Caspar, während er sich die Gruppe anschaute. Sie verdeckte den Klinikleiter halb, aber das spielte keine Rolle. Patrick unterstützte ihn, das wusste er. Neben Patrick saß Ravi Patel, Allgemeinchirurg. Er lauschte fasziniert Gails Vortrag und nickte an den richtigen Stellen. Caspar hätte seinen teuren Sportwagen darauf verwettet, dass Ravi die Einwilligungserklärung unterschrieb, bevor der Tag zu Ende ging.

Die Assistenzärzte der Notaufnahme warfen immer wieder Blicke zu Colin Young hinüber, einem der beiden orthopädischen Chirurgen der Klinik. Sie würden sich nach ihm richten, und da Colin anwesend war, stand er dem Projekt wohl positiv gegenüber. Zu Caspars Rechter saß die Pflegedienstleiterin. Er wusste bereits, dass Maxine und damit auch die Schwestern und Pfleger mitmachten. Somit blieben nur noch zwei übrig, die überzeugt werden mussten – die Anästhesistin Dr. Tori Williams und Dr. Annie Simpson, Gynäkologin und Geburtshelferin.

Beide saßen ihm an dem großen ovalen Tisch gegenüber. Dr. Williams schrieb vorgebeugt mit, aber er sah ihr Gesicht nicht und konnte daher nicht beurteilen, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. So wandte er sich der Ärztin neben ihr zu.

Dr. Annie Simpson. Patrick Hammond hatte ihm eine kurze Übersicht der Biografien aller Chefärzte der einzelnen Abteilungen geschickt, und er erinnerte sich an das Wenige, was er über Dr. Simpson gelesen hatte.

Geburtshelferin, neunundzwanzig Jahre alt, Single, ausgebildet in Adelaide und seit sechs Monaten am Blue Lake Hospital.

Offensichtlich intelligent und attraktiv – er würde herausfinden müssen, ob Single unverheiratet bedeutete oder dass sie keine feste Beziehung hatte.

Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er gespannt gewesen war, sie kennenzulernen, nachdem er ihr Foto gesehen hatte. Aber das Foto vermittelte einen falschen Eindruck, wie er jetzt feststellte.

Es zeigte eine attraktive Frau, wurde aber weder ihren schimmernden braunen Haaren noch der makellosen Haut gerecht. Auch nicht den hohen Wangenknochen, die ihrem elfenhaft geschnittenen Gesicht etwas anziehend Apartes verliehen.

Als er eben hinter ihr gestanden hatte, war ihm ein zarter Jasminduft in die Nase gestiegen. Und das Feuer in ihren dunkelbraunen Augen war eine weitere Überraschung für ihn. Annie Simpson bemühte sich erst gar nicht, ihre Ablehnung zu verbergen.

Er hatte vieles erwartet, jedoch nicht eine so leidenschaftliche Abwehr. Sie schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil, er liebte Herausforderungen.

Interessant war auch, dass niemand ihr beisprang, als sie ihre Einwände gegen die Dreharbeiten vorbrachte. Hieß das, dass sie als Einzige dagegen war – oder einfach nur genügend Mumm besaß, ihre Kritik auch zu äußern?

Aus dem Augenwinkel beobachtete er sie. Sie saß aufrecht da, mit durchgedrücktem Rücken, eine zierliche Frau, beherrscht, kontrolliert. Was ihr an Größe fehlen mochte, machte sie durch Courage wett, aber er fragte sich, ob sie ebenso offen gesprochen hätte, hätte sie gewusst, dass er und Gail ihre Worte unfreiwillig mithörten.

Jetzt sah er sie direkt an. Das seidige Haar umrahmte sanft ihr Gesicht. Heller Teint, sinnliche rosa Lippen und dunkle, schokoladenbraune Augen, die seinen Blick unbeirrt erwiderten. Jetzt röteten sich ihre Wangen leicht.

In ihren Augen las er die stumme, aber nachdrückliche Aufforderung, ihr den Nutzen seines Projekts zu beweisen.

Ja, sie hätte ihm ihre Meinung auch offen ins Gesicht gesagt, da war er sich nun sicher. Aber er brauchte sie auf seiner Seite und würde nicht aufgeben, bis er es geschafft hatte.

Caspar hatte seine Gründe, warum er nach Mount Gambier gekommen war. Er hatte das Blue Lake Hospital als Drehort vorgeschlagen, weil es ihm in jeder Beziehung bestens passte. Und er war nicht bereit, einfach dazusitzen und mit anzusehen, wie das Projekt den Bach hinunterging. Es musste realisiert werden, und dazu brauchte er die Unterstützung aller Mitarbeiter des Krankenhauses. Ohne Ausnahme.

Er würde tun, was notwendig war, um Dr. Simpson davon zu überzeugen. Dazu musste er nur herausfinden, was sie wollte. Und wie er es ihr verschaffen konnte.

Caspar lächelte sie an, genau wie früher seine Schwestern, wenn er etwas erreichen wollte. Das hatte immer gewirkt. Doch Annie Simpson erwiderte sein Lächeln nicht. Sie reagierte gar nicht darauf, außer, dass sie den Kopf zur Seite wandte.

Nicht gerade das, was er sich erhofft hatte, aber es war ja noch Zeit. Es musste einfach klappen.

Kaum hatte Gail ihren Vortrag beendet, war Annie schon aus dem Sitzungsraum verschwunden. Sie verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich weiterhin von Caspar kritisch mustern zu lassen. Geschweige denn, irgendwelche Einverständniserklärungen zu unterschreiben. Und sie wollte auch nicht über ihre Gründe diskutieren, warum sie das Filmprojekt ablehnte. Die gingen ihn nichts an. Es genügte, dass er wusste, dass sie kein Interesse daran hatte.

Sie schleppte Tori mit in die Cafeteria, weil sie nach dem Sitzungsstress dringend einen Kaffee brauchte. Immer noch konnte sie das Bild von Caspar in den zerwühlten Laken nicht aus ihrem Kopf vertreiben. Annie war von sich selbst entsetzt. Sie brauchte unbedingt Abstand zu ihm, damit sie diese beunruhigenden Gedanken verscheuchen konnte.

Und um sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Leider aber entkam sie dem heißesten Thema des Tages selbst in der Cafeteria nicht. Alle redeten darüber.

Auch Tori. „Was hast du eigentlich gegen ihn?“, fragte sie.

„Es hat nichts mit ihm persönlich zu tun“, versuchte Annie zu erklären. „Mir geht es gegen den Strich, dass ich auf Schritt und Tritt gefilmt werden soll. Ich bin hier, um meinen Job zu machen. Ich schulde es den Patienten, mein Bestes zu geben. Ich habe keine Lust auf Leute, die mir ständig im Weg stehen. Und das schließt ihn mit ein.“

Abgesehen davon war die Vorstellung, eng mit Caspar St. Claire zusammenzuarbeiten, alles andere als verlockend. Auch wenn sie sich dagegen wehrte, in seiner Gegenwart fühlte sie sich seltsam schutzlos und verletzlich. Ein Zustand, den sie fürchtete. Sie wollte nicht, dass ihre Arbeit darunter litt.

„Also, es sieht so aus, als würde er bleiben“, meinte Tori. „Zumindest die nächsten acht Wochen. Er wird für all die Babys verantwortlich sein, die du auf die Welt holst. Du kannst ihm nicht ausweichen. Und ehrlich gesagt, verstehe ich auch nicht, warum du das willst.“

Annie seufzte. „Da hast du wohl recht. Aber ich möchte nicht gefilmt werden. Bestimmt werden die Kameraleute es bald leid sein, immer nur meinen Hinterkopf aufs Bild zu bekommen, und mich dann hoffentlich in Ruhe arbeiten lassen.“

Tori lachte. „Wirklich erstaunlich. Du bist wahrscheinlich die einzige Frau im ganzen Krankenhaus, die sich beschwert, weil sie mit Dr. Sonnyboy zusammenarbeiten soll. Genieß es doch. Sämtliche Frauen der Stadt werden dich beneiden.“

Annie konnte sich nicht vorstellen, auch nur eine einzige Minute mit dem Mann zu genießen, und hätte nur zu gern mit Tori getauscht. Mit jeder anderen. „Ich bin sicher, du bekommst deine Gelegenheit, solange er hier ist. Du kannst doch dafür sorgen, dass du auf dem Dienstplan stehst, wenn gedreht wird. Du bietest dein Gesicht bei den Aufnahmen an, dann werden sie mich nicht mehr brauchen.“

„Ich stehe im OP, mit einer Maske vor dem Gesicht“, murrte Tori und nahm ihren Kaffee. „He, warum trägst du nicht bei der Visite eine Maske, das würde doch dein Problem lösen, oder?“

Annie funkelte Tori nur an und goss sich stumm Milch in den Kaffee. Aber Tori war noch nicht fertig.

„Caspar St. Claire.“ Sie seufzte. „Sogar sein Name klingt nach einem Schauspieler.“

Annie schnaubte. „Wahrscheinlich ein Pseudonym, damit er sich besser anhört. Ehrlich, wer hat denn einen solchen Namen?“

„Gefällt Ihnen mein Name nicht, Dr. Simpson?“

Na toll! Annie schloss die Augen und stöhnte unterdrückt. Wieder hatte er sich herangeschlichen und alles mit angehört. In Zukunft musste sie vorsichtiger sein. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Tori sich mit Mühe ein Lächeln verkniff. Annie drehte sich um und schaute Dr. Sonnyboy direkt ins Gesicht.

Er dagegen unterdrückte sein Lächeln nicht. Im Gegenteil, er schien sich großartig zu amüsieren. Am liebsten hätte sie mit Ja geantwortet, nur um ihm eins auszuwischen. Aber das wäre gelogen. Ihr gefiel der Name, ein Name, den man nicht so leicht wieder vergaß – wie den Mann, der ihn trug. Ob echt oder nicht, er passte genau zu ihm.

„Sie haben einen beeindruckenden Namen“, gab sie widerstrebend zu. „Allerdings ist er so ungewöhnlich, dass ich mich frage, ob Sie ihn sich ausgedacht haben.“ Sie musste den Kopf heben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Caspar St. Claire war fast einen Kopf größer als sie.

„Ich gebe zu, er ist ungewöhnlich, kann Ihnen jedoch versichern, dass meine Eltern ihn mir mitgegeben haben. Und nur unter diesem Namen darf ich praktizieren.“

Annie zuckte mit den Schultern. Ein Punkt für ihn.

„So wie es aussieht, muss ich Sie von vielem überzeugen, was mich betrifft, Dr. Simpson.“ Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sein warmer Atem ihr Gesicht streifte. „Gibt es sonst noch etwas, das Sie beunruhigt? Ich möchte Sie wirklich bei diesem Projekt mit an Bord haben. Sie als Geburtshelferin und ich als Kinderarzt werden viel miteinander zu tun haben, und ich denke, wenn wir einen Weg finden, gut zusammenzuarbeiten, ist das für jeden von Vorteil. Sollten wir eventuelle Differenzen nicht klären, solange wir noch die Zeit dazu haben?“

„Sie mögen die Zeit haben, Dr. St. Claire, doch ich muss mich jetzt um meine Patientinnen kümmern.“

Das hatte schnippisch geklungen, aber der Mann kam ihr einfach zu nahe. Die tiefgründigen Augen, sein Atem auf ihrer Haut, die Wärme seines breitschultrigen Körpers … all das verwirrte ihre Sinne. Sie konnte kaum klar denken. Brauchte Distanz. Sofort.

Annie nahm ihren Kaffee, umklammerte dabei den Pappbecher so fest, dass sie ihn beinahe zerdrückt hätte, und bedeutete ihrer Freundin mit einem wenig freundlichen Blick, mitzukommen. Dann marschierte sie los.

„Das war echt unhöflich“, kritisierte Tori sie, während sie mit Annie mühsam Schritt hielt. „Du musst dich gut mit ihm stellen. Kann nämlich sein, dass er sonst dafür sorgt, dass du auf den Aufnahmen wenig vorteilhaft aussiehst.“

„Das würde er nicht wagen!“ Annie blieb stehen.

„Nein, wahrscheinlich nicht“, stimmte Tori ihr zu. „Hättest du Gail zugehört, wüsstest du, dass keiner von ihnen die Absicht hat, irgendjemand von uns in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie wollen den Zuschauern einen Einblick in den normalen Alltag eines Krankenhauses bieten. Aber Gails Loyalität wird immer zuerst Caspar gelten. Deswegen rate ich dir, einfach nur nett und freundlich zu sein.“

Annie verfluchte das Schicksal. Wieso hatte die Produktionsfirma ausgerechnet diese Klinik ausgesucht? Sie wollte doch einfach nur ihre Arbeit tun und nicht ständig dabei gefilmt werden. Ambitionen, als Vorzeigeärztin zu glänzen, hatte sie auch nicht.

Andererseits, was schadete es schon, ein bisschen nett zu sein? Besser wäre es allerdings, wenn sie ihm so weit wie möglich aus dem Weg ging.

Was ihr auch für den Rest des Nachmittags gelang. Beinahe jedenfalls.

Denn als sie nach Dienstschluss durch die Eingangshalle ging, fiel ihr Blick auf eine der Lokalzeitungen, die dort auslagen. Ein großes Foto zeigte einen lächelnden Caspar St. Claire. Neugierig griff sie nach dem Blatt, das schon ein paar Tage alt war.

Bei näherem Hinsehen erkannte sie nun auch Caspars Begleiterin, eine hochgewachsene attraktive Blondine, die eine beliebte Unterhaltungsshow im Fernsehen moderierte. Wie magisch angezogen, fing sie an, den Artikel zu lesen. Er begann mit einer Schilderung von Caspars Leben und leitete dann über zum landesweiten Erfolg der Krankenhausserie.

„Na, steht da etwas Interessantes?“

Beim Klang von Caspars warmer tiefer Stimme schreckte sie zusammen. Ihr Blick glitt über seine schmalen Hüften, den flachen Bauch und höher bis zu den breiten Schultern, bevor sie bemerkte, was sie da tat, und ihm schnell ins Gesicht sah. Er lächelte leicht ironisch, als wartete er nur darauf, dass sie abstritt, den Artikel über ihn zu lesen.

Den Gefallen wollte sie ihm nicht tun! „Sie haben mich gestört, ehe ich zu den pikanten Einzelheiten kommen konnte.“

Er lachte. „Warum fragen Sie mich nicht persönlich, wenn Sie etwas über mich wissen wollen? Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie stellen eine Frage, und danach bin ich dran.“

Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sein Lächeln Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen ließ. „Mount Gambier und Melbourne – das ist schon ein Riesenunterschied. Wie hat man Sie überredet herzukommen?“

Annie selbst war freiwillig hergezogen, weil sie hoffte, die ländliche Lage und der Job würden ihr helfen, ein neues Leben zu beginnen. Aber es wunderte sie, dass hier in dieser kleinen Stadt eine Fernsehserie produziert werden sollte – und dass ein Mann wie Caspar St. Claire dabei mitspielte. Zwar war er in der Gegend aufgewachsen, lebte aber schon lange nicht mehr in Mount Gambier. Was mochte ihn bewogen haben zurückzukehren? Mit seiner ganzen Lebensart, seinem Fachwissen und dem Promi-Status passte er viel besser in Großstädte wie Melbourne oder Sydney.

„Ich wollte herkommen.“

„Warum?“

„Das sind schon zwei Fragen“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Jetzt bin ich an der Reihe. Was haben Sie nach Dienstschluss vor?“

Seine Frage überrumpelte sie. Sie wollte schon sagen „Nichts“, als ihr bewusst wurde, dass er sie dann vielleicht einladen würde, und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden. Annie dachte sich schnell eine Ausrede aus.

„Ich gehe ins Fitnessstudio“, erklärte sie, was auch in gewisser Weise der Wahrheit entsprach. Er brauchte ja nicht zu wissen, dass sie den Sport heute eigentlich ausfallen lassen wollte. Sie warf einen bedeutungsvollen Blick auf ihre Armbanduhr.

„Gut, dann sehen wir uns morgen“, erwiderte er.

Als er Richtung Ausgang schlenderte, blieb sie absichtlich zurück. Sie wollte nicht mit ihm zusammen gehen. Von der Halle aus sah sie, wie er in seinen Wagen stieg. Er fuhr einen silbernen Audi TT, genau der richtige Wagen für einen erfolgreichen Arzt aus der Großstadt. Was mag ihm das Fernsehen bezahlen? fragte sie sich unwillkürlich, vertrieb den Gedanken aber rasch. Es ging sie absolut nichts an.

Annie beschloss, doch ins Fitnessstudio zu gehen. Einerseits wollte sie Tori nicht enttäuschen, und andererseits hoffte sie, nicht ständig an die morgigen Dreharbeiten denken zu müssen.

„Hast du dich nun entschlossen zu unterschreiben?“, fragte Tori, als sie sich vor dem Trainingsraum trafen.

„Nein. Du?“

Tori nickte. „Also, ich finde das Projekt sehr spannend. Und es reizt mich schon, mit Caspar zusammenzuarbeiten. Phil ist wirklich ein exzellenter Kinderarzt, aber er könnte mein Vater sein. Caspar übernimmt ja während seiner Auszeit seinen Posten. Ich könnte mir kaum Besseres vorstellen, als mit Caspar St. Claire im OP zu stehen.“

So gesehen hatte Tori recht, aber Annie mochte ihr nicht aus vollem Herzen zustimmen. „Mir wäre er lieber ohne die ganzen Kameras“, erwiderte sie.

„Tja, die gehören nun mal dazu“, meinte Tori. „Und sieh es einfach mal so: Du möchtest doch eine Vertragsverlängerung, oder? Ich denke, bei dem Projekt mitzumachen, verbessert deine Chancen.“

Der Trainer bat um Aufmerksamkeit, und so beendeten sie ihre Unterhaltung, denn Annie war noch nicht fit genug, um gleichzeitig zu trainieren und zu reden. Aber trainieren und nachdenken, das konnte sie schon.

Ihr Vertrag mit dem Krankenhaus war auf ein Jahr befristet. Es war ungemein wichtig für sie, dass er verlängert wurde. Sie brauchte den Job, und sie brauchte das Gehalt. Auch wenn sich in ihr alles dagegen sträubte, so wusste sie doch, dass Tori recht hatte. Sie würde die Einwilligung unterschreiben und auch mit Caspar St. Claire zusammenarbeiten müssen.

Am nächsten Morgen parkte ein Lastwagen mit dem Logo des Fernsehsenders vor dem Krankenhaus, sodass Annie gleich bei Dienstbeginn wieder an die unsägliche Geschichte erinnert wurde.

Die Dreharbeiten würden heute beginnen, alles schien bereit. Allein der Gedanke, dass ihr schon bald ein Kameramann überallhin folgen würde, schlug ihr auf den Magen.

Seufzend machte sie sich auf den Weg zur Entbindungsstation. Ihr war klar, dass sie heute irgendwann Caspar begegnen würde. Aber noch immer hatte sie sich nicht durchringen können zu unterschreiben.

Mit gesenktem Kopf eilte sie an der Säuglingsstation vorbei, falls Caspar sich dort befand. Sie wollte das Unausweichliche so lange wie möglich hinauszögern. Am Stationstresen blieb sie kurz stehen, um sich über Neuigkeiten zu informieren, bevor sie ihre Visite begann, dann hastete sie weiter.

Für die Visite nahm sie sich Zeit, denn sie hatte erst am Nachmittag Sprechstunde. Vielleicht war Caspar dann bereits gegangen.

Als sie schließlich fertig war, ging sie noch einmal zur Stationszentrale, um Krankenberichte zu unterschreiben.

Noch während sie dabei war, wurde ihr klar, dass Caspar nicht weit sein konnte, denn aus allen Richtungen tauchten auf einmal junge Krankenschwestern im Flur auf, die wohl gehört hatten, dass er kommen würde.

Sie blickte von ihren Unterlagen auf und war nicht überrascht, ihn zu sehen, gefolgt von einem Schwarm Schwestern, die sich fast gegenseitig umrannten in ihrem Eifer, ihm ihre Hilfe anzubieten. Ungewollt musste sie lächeln, und zum ersten Mal, seit Caspar im Blue Lake Hospital angekommen war, verbesserte sich ihre Stimmung. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie sich freute, den Mann zu sehen! Flüchtig überlegte sie, so zu tun, als hätte sie ihn nicht bemerkt, und sich einfach aus dem Staub zu machen. Aber es war zu spät. Er kam direkt auf sie zu. Mit einem charmanten Lächeln auf dem attraktiven Gesicht.

Dachte er, ihr Lächeln hätte ihm gegolten? Wahrscheinlich.

Zugegeben, er sah wirklich nett aus, wenn er lächelte. Beinahe hätte sie zurückgelächelt, doch dann fiel ihr ein, dass sie keine der jungen, leicht zu beeindruckenden Schwestern war und dass Dr. Sonnyboy dabei war, ihr gewohntes friedliches Leben zu stören.

„Guten Morgen“, sagte sie sachlich. „Haben Sie sich schon ein wenig umgesehen?“

„Ja, alle hier sind wirklich sehr hilfsbereit“, erwiderte er, blickte sie aber einen Moment länger an als nötig, so als wollte er sagen: Alle, außer Ihnen.

Da hatte er eben Pech gehabt. Auch wenn er es gewohnt war, dass alle nach seiner Pfeife tanzten.

„Wo ist das Kamerateam?“, fragte sie, ohne auf seinen stummen Vorwurf einzugehen.

„Die sind damit beschäftigt, die technischen Gegebenheiten zu checken, bevor es losgeht – Lichtverhältnisse, Beleuchtung, Akustik und dergleichen.“

„Wie groß ist das Team denn?“

„Es sind nur wenige Leute. Liam, der Kameramann, Keegan ist für Ton und Beleuchtung zuständig, und Gail, die Produzentin, kennen Sie ja bereits.“

„Keine Maske?“

„Keine Maske.“

Das war bei ihm auch nicht nötig, musste sie sich eingestehen. Der Mann sah einfach verboten gut aus. Ein Grund mehr, vorsichtig zu sein. Schöne Männer waren ihr schon immer suspekt gewesen.

„Unser Budget ist sehr beschränkt, deswegen kann der Sender dem Krankenhaus gegenüber finanziell sehr großzügig sein. Wir haben nicht viele Ausgaben.“

„Und was ist mit Ihrem Honorar?“ Sie hatte spontan an seinen teuren Sportwagen gedacht, und die Worte waren heraus, ehe sie sie zurückhalten konnte. „Entschuldigen Sie, vergessen Sie meine Frage bitte, es geht mich nichts an.“ Peinlich berührt überlegte Annie, wie sie das Thema wechseln konnte, und blickte sich suchend um.

Die Schwestern um sie herum taten sehr beschäftigt, wollten jedoch bestimmt nur einen Blick auf Caspar werfen. Da er gestern bei der Besprechung über alle Teilnehmer gut informiert schien, fragte sie sich, ob er auch das Pflegepersonal kannte.

„Soll ich sie Ihnen vorstellen, oder sind Sie bereits im Bilde?“, fragte sie zurückhaltend.

„Noch hatte ich keine Zeit, mir alle Namen zu merken, nur die wichtigsten“, erwiderte er. Dabei blickte er sie intensiv an, und Annie hatte das Gefühl, hilflos unter einem Mikroskop zu liegen.

„Und was sollte dann dieser kleine Trick gestern?“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, die Nummer von gestern Abend, dass Sie schon alles über die Anwesenden wüssten.“

„Das war keine Nummer. Ich bin gern vorbereitet, vor allem, wenn meine Gesprächspartner sich untereinander bereits kennen.“

„Dr. Simpson?“ Ellen, eine der älteren Hebammen, hielt einen Hörer in der Hand, das Mikrofon mit der Hand abgedeckt. „Eine Ihrer Patientinnen ist am Apparat, Kylie Jones. Die Fruchtblase ist geplatzt. Möchten Sie ihre Patientenakte?“

Annie schüttelte den Kopf. „Nein, danke, nicht nötig. Ist ihr Ehemann zu Hause?“

„Moment bitte.“ Ellen sprach kurz, schüttelte dann den Kopf. „Er kommt erst nächste Woche nach Hause.“

Annie wusste, dass Paul Jones in einer Mine tätig war, regelmäßig zwei Wochen arbeitete und anschließend zwei Wochen freihatte. „Sagen Sie ihr, dass wir einen Krankenwagen schicken. Wenn es geht, soll sie ihren Mann noch benachrichtigen, damit er so schnell wie möglich herkommt.“

Annie wandte sich an Caspar. „Kylie ist in der dreiunddreißigsten Woche mit Zwillingen schwanger. Ich brauche Ihre Unterstützung.“ Ob es ihr passte oder nicht.

„Natürlich.“ Seine Augen blitzten. Ein warmes Gefühl überlief Annie, und in ihrem Bauch flatterten schon wieder Schmetterlinge. „Ich dachte, Sie würden mich nie fragen“, meinte er und zog sein Handy aus der Tasche.

„Wen wollen Sie anrufen?“

„Das Kamerateam.“

„Was? Nein!“, protestierte sie sofort.

„Wieso Nein? Deswegen sind wir doch hier.“

Annie war anderer Meinung. „Warum wollen Sie ausgerechnet Kylie filmen? Sie kennen sie nicht, wissen nicht das Geringste über sie.“ Und ich will keine Kamera auf meiner Entbindungsstation.

Caspar gab sich nicht so leicht geschlagen.

„Darum werden wir uns hinterher kümmern“, erklärte er unbeeindruckt. „Wir können ihre Geschichte und die Entwicklung der Babys dokumentieren.“

Sie ahnte, dass er nicht nachgeben würde. „Diese beiden Kinder kommen zu früh zur Welt“, gab sie eindringlich zu bedenken. „Zuerst geht es doch um ihr Überleben.“

„Ich bin Kinderarzt, Sie müssen mir vertrauen. Ich bin sehr gut in meinem Job und habe ebenso wie Sie den hippokratischen Eid geschworen.“ Caspar ließ nicht mit sich reden. „Es ist die perfekte Story – eine Zwillingsfrühgeburt, zu der der Vater nicht rechtzeitig kommen kann. Es liegt in meinem eigenen Interesse, dafür zu sorgen, dass es ein Happy End gibt, und dann können wir auch noch eine gefühlvolle Wiedersehensszene filmen.“

„Vergessen Sie nicht, dass ich auf der Entbindungsstation bin und meine Einwilligung noch nicht gegeben habe.“

Caspar zuckte mit den Schultern. „Wir halten Sie aus dem Bild raus. Uns geht es um Kylie und die Babys. Wenn Sie wollen, können wir mit Stimmen aus dem Off oder Musik Ihre Worte überspielen. Kein Problem für die moderne Technik.“

„Wollen Sie mir erzählen, dass Sie mich ohne meine Einwilligung filmen werden?“

„Sind Sie immer so streitlustig?“, fragte er mit einem breiten Grinsen, und wieder funkelten seine Augen.

Amüsierte er sich etwa über sie? Glaubte er, sie meinte es nicht ernst?

Wieder regte sich dieses merkwürdige, irritierende Flattern in ihrem Bauch, und sie versuchte, es zu ignorieren. Annie wollte den Mann nicht anziehend finden. Das würde alles nur noch komplizierter machen.

„Nur, wenn ich glaube, dass jemand mit seiner Meinung falschliegt!“, fuhr sie ihn an.

„Immer mit der Ruhe, Dr. Simpson. Wir können Sie herausschneiden, aber Sie können uns das Filmen nicht verbieten. Die Verwaltung hat es genehmigt, und dann brauche ich nur noch Kylies Einwilligung. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen gern die fertige Episode, bevor sie gesendet wird.“

Der Kerl ist unmöglich! dachte sie gereizt. „Woher soll ich wissen, dass ich mich auf Ihr Wort verlassen kann?“ Schlechte Erfahrungen hatte sie in dieser Hinsicht schließlich genug gemacht.

„Es ist fruchtlos, jetzt darüber zu diskutieren. In erster Linie hängt sowieso alles von Kylie ab“, meinte Caspar gelassen.

Er griff zum Handy und wählte. Annie stand da und kochte innerlich. Wenn er glaubte, er würde sich jedes Mal durchsetzen, irrte er sich. Aber im Moment hatte er die besseren Karten, das wusste sie. Kylies Babys brauchten seine Hilfe, daran konnte sie nichts ändern.

Blieb nur zu hoffen, dass Kylie bei der Geburt nicht gefilmt werden wollte. Wenn doch, muss ich wohl oder übel nachgeben. Annie hasste es, hilflos zu sein. Sie hatte sich geschworen, allein über ihr Leben zu bestimmen, sich von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Aber seit Caspar in dieses Krankenhaus spaziert war, hatte sie das Gefühl, nichts mehr im Griff zu haben.

„Was halten Sie davon, wenn wir unsere Differenzen vergessen, und Sie erzählen mir von Kylie?“, sagte Caspar, nachdem er das Gespräch beendet hatte. „Egal, ob wir die Geburt nun filmen oder nicht, um die Kinder kümmere ich mich auf jeden Fall – gibt es also etwas, das ich wissen sollte? Irgendwelche Probleme während der Schwangerschaft?“

Bevor Annie antworten konnte, unterbrach Ellen das Gespräch. „Der Krankenwagen ist gleich da.“

„Ich möchte mit den Sanitätern sprechen“, erklärte Annie Caspar, weil sie notgedrungen mit ihm zusammenarbeiten musste. „Wenn Sie mitkommen, kann ich Sie unterwegs informieren. Kylie hatte bislang eine völlig normale Schwangerschaft. Sie ist jung, dreiundzwanzig, zum ersten Mal schwanger, zweieiige Zwillinge. Ich erwarte keine Probleme, abgesehen von den üblichen bei einer Frühgeburt.“

Sie erreichten den Krankenwagen, als die Sanitäter gerade die Wagentüren öffneten. Caspar hatte wieder zum Handy gegriffen und instruierte sein Produktionsteam, in die Notaufnahme zu kommen. Hoffentlich ist er in der Lage, sich auf zwei Sachen gleichzeitig zu konzentrieren, dachte Annie. Die Babys brauchten seine volle Aufmerksamkeit.

„Kennen Sie die Patientin?“, erkundigte sich der Sanitäter, als Annie sich vorstellte, und als sie nickte, fuhr er fort: „Zumindest die Fruchtblase des einen Zwillings ist geplatzt. Die Mutter hat einen erhöhten Blutdruck, 165 zu 95. Die fetalen Herzschläge bei beiden ungefähr 140.“

„Wie sieht es mit Wehentätigkeit aus?“

„Schwache Kontraktionen. Einige Minuten auseinander.“

Annie sprach eine der Schwestern an, die ihnen nach draußen gefolgt waren. „Können Sie Dr. Williams bitten herzukommen?“ Kylies hoher Blutdruck gefiel ihr nicht, und vielleicht wäre eine Epiduralanästhesie angebracht, aber das sollte Tori entscheiden.

Die Sanitäter zogen die Trage mit der Patientin aus dem Wagen, und Annie beugte sich über sie. „Willkommen, Kylie. Ich hatte Sie nicht so früh bei uns erwartet. Wir bringen Sie jetzt in die Notaufnahme und sehen uns mal an, was Ihre Babys machen.“ Annie musste wissen, wie weit die Geburt fortgeschritten war. Kylie sollte möglichst nicht pressen, bevor sie die Entbindungsstation erreicht hatten.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Caspar neben ihr stand. Natürlich musste sie ihn vorstellen, das war klar. Aber er ergriff selbst die Initiative.

„Hallo, Kylie, ich bin …“

„Caspar St. Claire!“ Kylie schnappte nach Luft. „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Was machen Sie denn hier?“

Annie fragte sich, wie die werdende Mutter in ehrfürchtiger Bewunderung für den Mann alles andere um sich herum vergessen konnte. Sie an Kylies Stelle hätte an ihre Babys gedacht.

„Wir drehen die nächste Folge von RPE hier im Blue Lake Hospital. Möchten Sie dabei mitmachen?“, fragte er sie, während Kylie ins Gebäude gerollt wurde.

„Sie holen meine Kinder auf die Welt? Und das sieht man im Fernsehen?“

Annies Laune verschlechterte sich zunehmend, aber Caspar schüttelte den Kopf.

„Nein, Dr. Simpson wird Ihre Kinder holen, und ich kümmere mich nach der Geburt um sie. All das filmen wir, und natürlich bekommen Sie eine Kopie der Aufnahmen, die Sie Ihrem Mann zeigen können, wenn er wieder zu Hause ist.“

Da wusste Annie, Caspar hatte gewonnen. Kylie litt natürlich darunter, dass ihr Mann bei der Geburt nicht dabei sein konnte, und wenn Caspar ihr Problem löste, indem er die Entbindung aufzeichnete, würde Kylie ihn garantiert nicht aus dem Kreißsaal werfen.

„Ich fühle mich besser, wenn Sie dabei sind, Dr. St. Claire.“ Kylie strahlte Annie an. „Können Sie es glauben, Dr. Simpson? Meine Familie kommt ins Fernsehen.“

Annie wollte keine schlechte Verliererin sein, und außerdem hatte sie keine Zeit zum Diskutieren. Ihre Patientin ging vor, sie allein war jetzt wichtig – vor allem ihr hoher Blutdruck –, und nicht die Frage, ob sie für eine Viertelstunde eine Fernsehberühmtheit sein wollte oder nicht.

Widerstrebend zwang sie sich zu einem Lächeln. „Okay, dann bringen wir Sie jetzt rein.“

3. KAPITEL

Gerade als Kylie ins Krankenhausbett gehoben wurde, tauchte das Kamerateam auf. Caspar sprach kurz mit seinen Mitarbeitern. Annie war erleichtert, dass es tatsächlich nur zwei Männer waren, aber sie hatte keine Zeit, sich weiter mit ihnen zu befassen, sondern begann die Vorhänge ums Bett zuzuziehen, damit Kylie sich ungestört das Krankenhaushemd anziehen konnte.

„Lassen Sie uns eine Minute Zeit, ja?“, bat sie Caspar. Kylie war kaum umgezogen, da stand er schon wieder neben ihrem Bett und legte ihr den Gürtel um, der mit dem Herztonschreiber verbunden war.

Annie warf einen Blick auf den Monitor, der Kylies Blutdruck anzeigte. 150 zu 90. Immer noch recht hoch, aber nicht mehr gefährlich. War Kylie nur aufgeregt gewesen?

Wahrscheinlich. Die drohende Frühgeburt, der Mann weit weg von zu Hause, so etwas würde fast jeder werdenden Mutter Angst machen. Kyle wirkte entspannter als bei ihrer Ankunft, lag ruhig da und verfolgte aufmerksam jede Bewegung von Caspar.

Vielleicht hat ihr erhöhter Blutdruck weniger mit ihren Ängsten als mit dem gut aussehenden Kinderarzt zu tun, dachte Annie amüsiert. Anscheinend reagierten alle Frauen auf Caspar St. Claire gleich. Sie selbst eingeschlossen, was sie sich nur ungern eingestand. Er hingegen schien es gar nicht zu bemerken … zumindest sah man es ihm nicht an.

Der Monitor zeigte nun die Herztöne zweier Kinder an. Caspar drehte sich zu Annie um und hob lächelnd den Daumen. Er wirkte völlig entspannt, und das würde Kylie helfen.

Sie musste sich ein Beispiel an ihm nehmen. „Also, Kylie“, sagte sie und begab sich ans Fußende. „Ich möchte Sie kurz untersuchen, damit wir wissen, woran wir sind.“

Annie überlegte, ob sie dem Kamerateam sagen sollte, was sie filmen durften und was nicht, aber im Moment nahmen sie Kylies Gesicht auf – und natürlich das von Caspar. Klar, die Zuschauer wollten den attraktiven Arzt sehen.

Bei der Untersuchung stellte sie überrascht fest, dass der Muttermund stark geweitet war. „Haben Sie schon länger Wehen?“

„Nein, die kamen erst, nachdem ich im Krankenhaus angerufen hatte.“

„Und sonstige Schmerzen?“

„Mir tut das Kreuz etwas weh, aber die letzten Tage habe ich das ganze Haus geputzt und mich dabei wohl ein wenig übernommen.“

„Es sieht so aus, als wäre zumindest der eine Zwilling entschlossen, heute auf die Welt zu kommen. Er liegt gut, und ich schätze, Sie befinden sich bereits in der ersten Phase der Geburt.“ Annie wandte sich an Tori, die gerade hereinkam. „Ich würde gern deine Meinung hören, ob wir eine Epiduralspritze geben sollen, um Kylies Blutdruck zu senken.“

Tori blickte auf den Monitor, der jetzt 140 zu 85 anzeigte. „Der Blutdruck ist okay.“

Annie nickte zustimmend. „Er war um einiges höher, als sie eingeliefert wurde. Kylie ist in der dreiunddreißigsten Woche, erwartet Zwillinge und kommt mit den Umständen gut zurecht.“

„Da es eine Doppelgeburt ist, bleibe ich noch eine Weile in der Nähe, nur für alle Fälle“, sagte Tori. „Ich nehme an, du hast einen OP-Saal bereit?“

Annie nickte wieder. Allerdings hoffte sie, dass sie ihn nicht brauchte. Und auch, dass die Zwillinge nicht in der Notaufnahme zur Welt kamen. Sie wandte sich an Caspar. „Wo soll ich die Kinder holen, was meinen Sie? Hier oder im Kreißsaal?“

„Ich denke, die Entbindungsstation ist für eine entspannte Geburt besser geeignet“, meinte er. „Außerdem ist es näher zur Kinder- und Säuglingsstation.“

„Und viel schöner“, meinte Annie zu Kylie. „Freundlich und hell, dazu entspannende Musik. Wenn Sie einverstanden sind, gebe ich Ihnen jetzt eine Spritze, die die Lungenreife der Kinder fördert, und dann legen wir los.“ Sie zog Cortison auf, injizierte das Medikament und wandte sich dann ans Geburtsteam. „Okay, Leute, auf geht’s.“

In weniger als zehn Minuten hatten sie Kylie auf die Entbindungsstation gebracht. Der Abstand zwischen den Wehen verringerte sich rapide, und als die Gruppe den Kreißsaal erreichte, hatten schon die Presswehen eingesetzt.

Annie stellte sich so, dass Liam mit seiner Kamera hinter ihr stand – aus zwei Gründen. So konnte sie ihn für sich ausblenden, und zweitens hatte er immer nur ihren Hinterkopf im Bild. Aber während sie Kylie durch die Geburt führte, erkannte sie, dass Liam überhaupt nicht an ihr selbst interessiert war. Wie in der Notaufnahme, konzentrierte er sich nur auf Kylie und Caspar.

Das erste Baby war ein Mädchen. Klein und faltig, typisch für ein Frühchen, als hinge die Haut viel zu locker an dem kleinen Körper. Doch es hatte alle Finger und Zehen und auch sonst keine Fehlbildungen. Caspar stand hinter Annie, als sie das Kind holte. Natürlich konnte sie ihn nicht sehen, aber sie spürte die Wärme seines großen, starken Körpers. Als sie sich umdrehte, streckte er die Arme aus, um das Neugeborene zu übernehmen.

Dabei streiften seine Hände ihre Haut, und Annie wurde seltsam heiß. Schon wenn er sie anlächelte, hatte sie das Gefühl, dahinzuschmelzen, aber diese Berührung … als würde sie innerlich brennen. Gut, dass sie saß, denn ihre Beine fühlten sich an wie Pudding, eine süße Schwäche, die sich überall in ihrem Körper ausbreitete.

Und dann, so plötzlich, wie die Hitze gekommen war, verschwand sie, ersetzt von kühler Leere, als er das Baby an sich nahm.

In seinen großen Händen wirkte der Säugling noch winziger. Annie holte unauffällig tief Luft und rieb ihre Finger, wünschte sich die Wärme zurück. Wie konnte das sein, dass sie körperlich so heftig reagierte? Schließlich war sie neunundzwanzig, geschieden und wirklich nicht unerfahren. Ging es anderen Frauen ähnlich? Und wie sollte man sich bei solchen Wechselbädern der Gefühle auf seine Arbeit konzentrieren?

Ich darf mich von Caspar St. Claire nicht so ablenken lassen!

Ärgerlich auf sich selbst, dass sie sich nicht im Griff hatte, wandte sie sich wieder ihrer Patientin zu. Sie wartete, bis das Baby den ersten Schrei ausstieß, klemmte die Nabelschnur ab und durchtrennte sie, bevor sie sich um den zweiten Zwilling kümmerte.

Caspar beendete den Apgar-Test und reichte das kleine Mädchen seiner glücklichen Mutter. Dann sah er Annie fragend an.

„Die Fruchtblase ist noch intakt“, informierte sie ihn. Das zweite Baby hatte es nicht so eilig, auf die Welt zu kommen. „Aber das Kind liegt in Steißlage.“

„Können Sie es drehen?“

„Ich denke schon.“ Sie hoffte es, denn sie wollte Kylie einen Kaiserschnitt ersparen. Kylie würde mit zwei Kindern schon genug zu tun haben, da sollte sie sich nicht auch noch von den Folgen einer Operation erholen müssen.

Doch zu ihrer Erleichterung gelang es Annie, das Baby ohne große Schwierigkeiten zu drehen. Kurz überprüfte sie die Werte an den Monitoren und freute sich, dass Kylies Blutdruck sich im normalen Bereich bewegte, genau wie die Vitalwerte des Ungeborenen.

Das Kind stand nicht unter Stress, was bedeutete, sie konnten in Ruhe darauf warten, dass es auf die Welt kommen wollte. Sie lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen.

„Gute Arbeit.“

Caspars Lob löste ein warmes Gefühl in ihr aus. Sie blickte auf. Er lächelte sie an. Sie erwiderte sein Lächeln, und wieder spürte sie diese Hitze im Bauch, wenn auch nicht vergleichbar mit der, als er sie berührt hatte.

Und plötzlich war sie froh, dass er bei ihr war. Sie arbeiteten gut zusammen.

„Sobald ihre Wehen wieder einsetzen, nehme ich eine Amniotomie vor, und dann wird hoffentlich wieder alles so glattgehen wie beim ersten Zwilling.“

Caspar hatte inzwischen das kleine Mädchen dem zweiten Apgar-Test unterzogen und legte es in den Brutkasten, um es warm zu halten. Kylies Wehen kamen stärker und regelmäßiger.

Annie öffnete die Fruchtblase, und gleich darauf waren die Schultern des Babys zu sehen. Diesmal war es ein Junge, mit 2600 Gramm etwas schwerer als seine ältere Schwester.

Caspar wartete darauf, dass sie ihm das Kind übergab, und obwohl Annie diesmal auf den Körperkontakt vorbereitet war, hatte er fast die gleiche atemberaubende Wirkung wie vorhin. Während Caspar den Kleinen versorgte, kümmerte sich Annie um die Nachgeburt.

Bald darauf wurden die Kinder auf die Säuglingsstation gebracht. Der Junge benötigte zusätzlich Sauerstoff, ansonsten aber war er gesund. Annie hatte Liam und seine Kamera völlig ausgeblendet, und erst als dieser Caspar folgte, wurde ihr seine Anwesenheit wieder bewusst. Sie hatte während der Geburt tatsächlich vergessen, dass sie gefilmt worden waren.

Schwester Ellen begleitete Kylie ins Badezimmer, und Annies Arbeit war beendet. Caspar und die Zwillinge waren fort, und in wenigen Minuten würde Ellen Kylie ebenfalls auf die Säuglingsstation bringen. Normalerweise wäre Annie bei ihrer Patientin geblieben, aber sie wollte Caspar nicht folgen. Außerdem musste sie gleich zur ambulanten Sprechstunde. Trotzdem ließ sie sich noch ein wenig Zeit, um sich wieder zu fangen.

Die unerwartete Anziehung zu Caspar hatte alte Wunden aufgerissen. Der Mann sah verboten gut aus, es war also nur eine rein körperliche Anziehung, die diese heftigen Gefühle in ihr auslöste. Annie wusste aus leidvoller Erfahrung, welche Probleme daraus entstehen konnten.

In ihrer eigenen Familie hatte sie erlebt, was passierte, wenn Sex die einzige Basis in einer Beziehung war. Ihre Mutter war ein abschreckendes Beispiel dafür gewesen. So wollte Annie nicht werden, niemals!

Jahrelang hatte ihre Mutter immer wieder beschrieben, wie sie sich auf den ersten Blick bis über beide Ohren in Annies Vater verliebt hatte. Die beiden hatten nicht die Finger voneinander lassen können, aber emotional war die Beziehung ein Desaster gewesen. Eigentlich hatte sie außer Sex nichts miteinander verbunden. Ungezählte Male trennten und vertrugen sie sich wieder, und kam es zur Versöhnung, hatten sie nur Augen füreinander. Alles andere war unwichtig. Vor allem ihre Tochter.

Annie hatte sich geschworen, nie so zu werden, und sie war sicher gewesen, dass sie einmal eine echte Liebesbeziehung haben würde, die über reinen Sex hinausging. Mit einundzwanzig glaubte sie, den richtigen Partner gefunden zu haben, und doch war sie mit neunundzwanzig eine geschiedene Frau, kinderlos und ohne ein wirkliches Zuhause.

Seit der Scheidung war es immer ein bittersüßes Erlebnis gewesen, den Kindern anderer Frauen auf die Welt zu helfen. Sie liebte ihre Arbeit, aber jedes Neugeborene erinnerte sie schmerzlich an ihre Sehnsucht, selbst Mutter zu sein. Und da ihr dreißigster Geburtstag unaufhaltsam näher rückte, wagte sie kaum noch zu hoffen, dass sie jemals Kinder haben würde. Die Scheidung hatte sie Haus und Job gekostet und wahrscheinlich auch die Chance, jemals eine eigene Familie zu haben.

Aber auf der Säuglingsstation herumzusitzen und sich zu bemitleiden, führte auch nicht weiter.

Annie riss sich zusammen. Arbeit hatte sie genug.

Erst als Caspar – auf dem Weg zum Abendessen bei seiner Schwester – im Wagen saß, kam er dazu, über den Tag nachzudenken. Wie immer, war er spät dran. Die Filmaufnahmen von Kylie und ihren Zwillingen hatten länger gedauert als gedacht. Aber insgesamt gesehen war es ein erfolgreicher Tag gewesen. Nach Kylie hatten sie einen weiteren interessanten Fall gefilmt, der die Zusammenarbeit mit Colin Young, dem orthopädischen Chirurgen, erforderte. Caspar war allerdings nicht beteiligt gewesen. Das Team war jedoch mit den Aufnahmen zufrieden gewesen, ein guter Anfang also.

Caspar zählte es als großen Erfolg, dass Annie Simpson mit dem Filmen der Geburt einverstanden gewesen war. Ihre fachlichen Fähigkeiten und ihre ruhige Art hatten ihn beeindruckt. Sie war offen und ehrlich, redete nicht um den heißen Bre...

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

Mehr erfahren
Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

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Emily Forbes
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Annie Claydon

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