Abenteuer in Australien

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Nach dem Brand im Kinderheim findet Erin mit ihren Zöglingen William und Henry bei Matt McKay ein Zuhause - und die große Liebe. Denn Matt ist nicht nur den Jungs ein toller Begleiter, sondern auch ihr ein fürsorglicher, zärtlicher Freund. Und mit jedem Tag, den sie länger auf seiner herrlichen Farm lebt, fürchtet Erin den Abschied mehr - den Abschied, der kommen wird, wenn Matt seine Verlobte heiratet …
  • Erscheinungstag 18.07.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758271
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Matt McKay war einer der bekanntesten Hereford-Rinderzüchter Australiens, und er war spät dran – aber noch nicht so spät, als dass seine Freundin Charlotte darüber verärgert gewesen wäre.

Im Krankenhaus von Bay Beach hatte er einen Freund besucht, der sich gerade von einer Blinddarmoperation erholte. Nick Daniels wirkte im Kreis seiner Familie so zufrieden, dass es Matt richtig nachdenklich gestimmt hatte. Am Ende war er zu dem Schluss gekommen, dass man im Leben wohl einfach jemand brauchte, der sich um einen sorgte.

Bisher hatte Matt es vermieden, eine feste Bindung einzugehen. Aber es fiel schwer, angesichts Nicks familiärem Glück keinen Neid zu empfinden. So war Matt nach dem Krankenhausbesuch noch schnell beim Juwelier vorbeigefahren, um während des gemeinsamen Abendessens mit Charlotte endlich Nägel mit Köpfen machen zu können. Warum auch nicht? Charlotte war schön, gepflegt und eine ungemein angenehme Gesellschafterin. Außerdem verstand sie etwas von Landwirtschaft, galt als beste Gastgeberin des Bezirks und war ihm fast zwanzig Jahre treu gewesen.

Gerade lief im Radio eine Schnulze, die von Liebe, weißem Haar und ewiger Treue handelte, und Matt warf unwillkürlich einen Blick auf die kleine Samtschatulle in der Ablage. Wollte er wirklich als alter Mann mit Charlotte irgendwo auf einer Bank sitzen? Doch dann verdrängte er auch noch die letzten Zweifel. Natürlich wollte er das!

Das war eigentlich immer klar gewesen, weshalb er sich wohl auch so viel Zeit gelassen hatte, Charlotte einen Antrag zu machen. Als junger Mann war er hin und wieder mit anderen Frauen ausgegangen, aber Charlotte hatte immer geduldig gewartet, bis er von seinen „Eskapaden“ – wie sie es nannte – zurückgekehrt war. Noch vor zehn Jahren hatte ihn ihre Hartnäckigkeit wahnsinnig gemacht, aber jetzt … Vielleicht waren sie ja wirklich füreinander bestimmt.

Wieder sah Matt Nick im Kreis seiner Familie. Nick und dessen Frau Shanni strahlten vor Glück angesichts ihrer beiden großartigen Kinder und einem dritten, das unterwegs war. Ob ihm und Charlotte das auch vergönnt wäre? Wollte sie überhaupt Kinder? Er hätte jedenfalls nichts gegen ein oder zwei einzuwenden. Aber Charlotte war nicht gerade eine von den mütterlichen Frauen. Doch wenn sich die Kleinen zu benehmen wussten, sich vor dem Hereinkommen die Sohlen an der Schuhmatte abstreiften und still über ihren Hausaufgaben saßen, wäre das für Charlotte sicher kein Problem.

Aber vielleicht für ihn. Seiner Meinung nach durften Kinder ruhig ein bisschen aus der Rolle fallen. Lächelnd dachte er daran, dass er als Junge auch kein Engel gewesen war, sondern ganz im Gegenteil seine Mutter zum Wahnsinn getrieben hatte. Weshalb er auch die meiste Zeit draußen bei seinem Vater verbracht hatte.

Doch wenn es ihm gelingen würde, Charlotte davon zu überzeugen, dass die Kleinen im Haus nach ihrer Pfeife tanzen durften und draußen auf der Farm nach seiner, wäre seine Zukünftige vielleicht nicht abgeneigt, Kinder zu bekommen. Schließlich hatten es seine Eltern auch so gehalten – und es hatte funktioniert.

Deshalb beschloss Matt jetzt noch einmal, Charlotte heute tatsächlich zu bitten, seine Frau zu werden. Und der laue Sommerabend eignete sich dafür doch auch hervorragend oder etwa nicht?

Im Haus „Nummer drei“ des Kinderheims von Bay Beach war auch alles bestens.

Erin Douglas, verantwortliche Pflegemutter, hatte all ihre Schützlinge glücklich ins Bett gebracht, was um diese Uhrzeit nur selten vorkam. Marigold, das süße Baby, war sofort eingeschlafen. Die fünfjährige Tess und ihr drei Jahre älterer Bruder Michael, die nur übergangsweise im Heim wohnten, bis ihre Mutter wieder gesund war, schlummerten ebenfalls tief und fest. Sogar die siebenjährigen Zwillinge Henry und William waren, ohne zu murren, in ihr Zimmer gegangen. Als Erin vor zehn Minuten noch einmal nach ihnen gesehen hatte, hatten sie die Augen fest geschlossen gehabt.

Das war wirklich erstaunlich, und Erin beschloss, das Ereignis mit einem Glas Wein zu feiern. Es gab nicht viele Abende im Leben einer Pflegemutter, an denen ihre Schützlinge so früh im Bett lagen. Und wenn die Zwillinge bei ihr waren, passierte es normalerweise nie. Doch nachdem Erin die Weinflasche geöffnet hatte und sich gerade ein Glas einschenken wollte, hielt sie inne. Irgendwie roch sie Lunte. Dass die Zwillinge sich so friedlich zurückgezogen hatten, war eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Besser, sie ging noch einmal zum Schlafzimmer der beiden, um nach dem Rechten zu sehen.

Nachdem sie die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte, konnte sich Erin davon überzeugen, dass Henry und William tatsächlich tief und fest schliefen. Das bestätigte sich auch, als sie sich auf Zehenspitzen zu den Zwillingen ans Bett schlich. Während Erin ihnen so in die friedlichen Gesichter blickte, überlegte sie, wie sie den Jungen nur hatte misstrauen können? Wie konnte man ihnen überhaupt misstrauen? Mit den leuchtend roten Locken und den Sommersprossen auf den niedlichen Stupsnasen sahen Henry und William aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Doch dass dieser Eindruck täuschte, hatte Erin schon oft erlebt. Nicht umsonst waren die beiden im Heim gelandet und immer noch nicht vermittelt worden.

Als Henry und William gerade einmal vier Jahre alt gewesen waren, hatte sich ihre Mutter nur noch mit Prügel zu helfen gewusst und die beiden schließlich zur Adoption freigegeben – zumal sie keinen Ehemann und noch vier weitere uneheliche Kinder besaß.

Aber bisher war auch keine der Pflegefamilien mit den Zwillingen zurechtgekommen. Und jedes Mal, wenn die Heimleitung dachte, endlich ein neues Zuhause für William und Henry gefunden zu haben, waren sie wieder zurückgebracht worden. Wenn es irgendwie ging, teilte man sie Erin zu, aber selbst Erin war mit ihrem Latein manchmal am Ende.

Während ihr jetzt wieder einige der Streiche einfielen, die die beiden in den vergangenen drei Jahren ausgeheckt hatten, musste sie unwillkürlich seufzen. Die Zwillinge hatten es faustdick hinter den Ohren, aber sie waren ihr trotzdem längst ans Herz gewachsen, weil sie nicht nur unheimlich raffiniert, sondern auch sehr liebenswert waren. Henry und William sollten nicht in einem Heim aufwachsen müssen und brauchten unbedingt einen Vater und eine Mutter, die sie lieb hatten. Wenn es sich die beiden nur nicht zum Ziel gesetzt hätten, die Welt aus den Angeln zu heben!

Wie auch immer, im Augenblick schliefen sie jedenfalls, und Erin ging zurück in die Küche, um nach einem langen Tag endlich die Beine hochzulegen. Was für ein herrliches Gefühl!

Als sie ihr Weinglas hob, sagte sie: „Auf dieses kleine Wunder und einen Superabend!“

Doch Henry und William schliefen nicht, obwohl sie zu träumen glaubten, weil ihr Plan bisher so toll funktioniert hatte. Einfach super!

Um gewarnt zu sein, wenn Erin kam, hatten sie einen Faden von der Küchentürklinke zu ihrem Zimmer gespannt, über das Türblatt gezogen und auf der anderen Seite Tigerchen daran befestigt. Sobald Erin die Küche verlassen hatte, war der Faden wie geplant gerissen und das Stofftier zu Boden gefallen. Rasch hatten die Jungen daraufhin ihre Bastelei unters Bett geschoben, hatten sich hingelegt und das Licht ausgemacht. Erin hatte nichts bemerkt, denn dazu hätte sie sich schon im Faden verheddern müssen. Was ganz schönes Pech gewesen wäre.

Aber für ihre Pflegemutter hatte alles wunderbar und unnatürlich friedlich ausgesehen, auch als sie auf Zehenspitzen zu ihnen ans Bett kam und flüsterte: „Gute Nacht, ihr Rabauken!“

Die beiden hatte es größte Überwindung gekostet, nicht zu kichern, und jetzt nahmen sie das Ende des Fadens wieder auf, banden Tigerchen erneut daran fest und setzten ihre Bastelei fort. Dabei handelte es sich um ein Knäuel aus Streichhölzern und Knallfröschen, das mit Klebeband umwickelt wurde und explodieren sollte, wenn man es auf den Boden warf. Wie man so etwas baute, hatten sie sich in der Schule von älteren Schülern angeeignet. Die Zwillinge wussten, wie leicht das Ding losgehen konnte, und hatten sich deswegen schon etwas überlegt. Henry beabsichtigte, die Knallfroschbombe in seinem Pantoffel hinauszutragen – falls sie ihm doch aus der Hand gleiten sollte. Danach wollten die Jungen sie über den Zaun in den Nachbargarten werfen.

Es war inzwischen zwanzig Uhr, kurz nach den Fernsehnachrichten, und jeden Abend um diese Zeit ließen Helmut und Valda Cole ihren Pudel in den Garten. Pansy wagte sich nie mehr als zwei Schritte ins Freie und konnte deshalb nicht getroffen werden. Aber wahrscheinlich würde sie nach dem Knall total verrückt spielen, und Mr. und Mrs. Cole dann auch. Allein das wäre es wert!

Henry und William konnten die Coles nicht leiden, weil Helmut und Valda nichts von ihnen – und Pflegekinder im Allgemeinen – hielten. Die beiden sammelten sogar Unterschriften, damit die Kinderheime der Region zusammengelegt wurden und „alle Störenfriede an einem Platz wären!“ – wie sie sich ausdrückten. Darüber hinaus waren sie unverschämt zu Erin. Das musste man sich mal vorstellen! Außerdem kläffte ihre Pansy so viel, dass sie ständig die kleine Marigold aufweckte. Und als Henry einmal einen Finger durch den Zaun gesteckt hatte – nur, um Hallo zu sagen –, hatte der Hund nach ihm geschnappt. Danach musste Henry eine Viertelstunde lang von Erin geknuddelt werden, damit er zu zittern aufhörte.

Die Zwillingsbrüder taten zwar nicht immer, was ihre Pflegemutter von ihnen verlangte, aber trotzdem ließen sie sich von ihr am liebsten trösten. Selbst wenn man wieder einmal etwas Schlimmes angestellt hatte, seufzte Erin nur, raufte einem die Haare und sagte: „Was soll ich nur mit euch Rabauken anfangen?“

Deshalb hatten sich die beiden auch gedacht, man müsste etwas unternehmen, bevor die Coles Erin noch mehr aufregten oder Pansy noch einmal jemanden biss. Und die einzige Möglichkeit, die kinderfeindlichen Nachbarn zum Umziehen zu bewegen, war, bei ihnen die Angst zu schüren, ihrer geliebten Pansy könnte etwas passieren. So waren Henry und William schließlich auf die Idee mit der Bombe verfallen.

Bisher hatte auch alles wunderbar geklappt, doch jetzt …

Henry schob die Bombe in den Pantoffel, den William hochhielt. Aber sie war zu groß, und Henry wurde nervös. Plötzlich kippte der Pantoffel zur Seite. Die mit Streichhölzern und Knallkörpern gespickte Bombe fiel auf den Boden und rollte unter die Gardine am Kopfende des Betts. Wie gebannt starrten die Zwillinge einen Moment darauf, bevor sie unter dem anderen Bett in Deckung gingen. Nur Augenblicke später kam es zur Explosion. Die Scheibe barst, und die Splitter fielen auf die Veranda. Gleichzeitig gingen alle Lichter aus, weil durch die Erschütterung die Sicherungen herausgesprungen waren.

Rauchgeruch drang über die Veranda zu Erin in die Küche, noch bevor der Feueralarm durch die Hausflure schrillte und in die Nacht hinaus, um jedermann zu verkünden, dass das Haus „Nummer drei“ des Kinderheims von Bay Beach in Flammen stand.

Matt hörte den Alarm, bevor er in die Straße einbog, die am Kinderheim vorbeiführte. Dabei dachte er: Das muss keine große Sache sein! Seine Feuermelder zu Hause gingen auch jedes Mal los, wenn ihm ein Toast verbrannte, was zugegebenermaßen ziemlich häufig vorkam.

Matt hatte das Fenster des Pick-ups heruntergekurbelt und befand sich jetzt auf Höhe des Kinderheims. Die Sirene schrillte so laut, dass er unwillkürlich einen Blick zur Seite warf. Und was er da sah, veranlasste ihn umgehend zu einer Vollbremsung. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, den Motor abzustellen, sondern zog einfach die Handbremse an, bevor er aus dem Wagen sprang und losrannte.

„Nimm das Baby!“

Als Matt bei der Veranda ankam, stieß Erin gerade die Tür mit dem Fliegengitter auf und hielt einen Säugling im Arm, der höchstens vier, fünf Monate alt sein konnte.

Natürlich kannte Matt Erin Douglas. Jeder in Bay Beach kannte jeden, und Matt und Erin waren sogar in der gleichen Schule gewesen. Nicht, dass sie gut miteinander ausgekommen wären. Erin war drei Jahre jünger als er und wahrscheinlich immer noch genauso rechthaberisch und direkt wie damals in der achten Klasse. Während der vergangenen Jahre hatte Matt einige wenige Male bei öffentlichen Anlässen mit ihr getanzt, musste aber immer wieder zu dem Schluss kommen, dass sie ganz und gar nicht sein Typ war. Was ihn nicht davon abhielt, sie mit Wohlwollen zu betrachten, wenn sie sich trafen.

Erin hatte ja auch eine hübsche Figur, einen klaren, zarten Teint und große blaue Augen. Sie war ganz bestimmt attraktiv, besonders wenn man auf blonde, üppige Frauen stand. Aber sie war auch ein bisschen … Nun, Matt wusste nicht recht, wie er es ausdrücken sollte. „Frech“ traf es vielleicht am besten, denn sie lachte der Welt ins Gesicht – und ganz besonders ihm.

Matt stammte aus einer wohlhabenden, alteingesessenen Farmerfamilie und gehörte zum so genannten Landadel. Normalerweise ließ ihn das bei Frauen in einem guten Licht erscheinen, aber Erin machte sich wohl genau deshalb über ihn lustig. Außerdem sah sie immer irgendwie abgekämpft aus. Es war ihr egal, wenn ihre schulterlangen blonden Locken durcheinander gerieten, sie trug kaum Make-up und wenn, schien es ganz hastig aufgelegt worden zu sein. Natürlich wusste Matt, dass Pflegemütter nur über wenig eigene Zeit verfügten, und Erin hätte gut noch mehr aus ihrem Typ machen können.

Sie trug farbenprächtige Kleider, die in der Taille eng anlagen und dann in einen weiten Faltenrock aufsprangen, der ihr bis über die Knie reichte. Charlotte hatte einmal gesagt, Erins Sachen würden selbst gemacht aussehen, und dabei die Nase gerümpft. Aber eigentlich fand Matt Erin in ihren Kleidern ganz hübsch.

Das letzte Mal war er ihr anlässlich eines Schulfestes begegnet. Eines ihrer Kinder hatte ihr einen Schmetterling aufs Gesicht gemalt, und ihre blauen Augen sahen aus wie riesige blaue Kugeln in zwei überdurchschnittlich großen, farbenprächtigen Flügeln.

„Dass eine erwachsene Frau so etwas mit sich machen lässt!“ hatte Charlotte ihm zugeraunt, als sie einen Augenblick bei Erin stehen geblieben waren, um das Kunstwerk zu bewundern. Das hatte auch Matt gedacht und war wieder zu dem Schluss gekommen, dass Erin bestimmt nicht sein Typ war. Er mochte gepflegte, elegante Frauen so wie seine verstorbene Mutter und Charlotte.

Und jetzt? Nun, im Augenblick dachte Erin bestimmt nicht an ihr Äußeres und sah noch abgekämpfter aus als sonst. „Nimm das Baby!“, sagte sie noch einmal und drückte ihm das Kind in die Arme. Und was soll ich jetzt damit? dachte Matt, während Erin ins Haus zurückrannte. Schließlich konnte er den Säugling wohl kaum irgendwo hinlegen. Aber hier gab es Wichtigeres zu tun, als ein Baby im Arm zu wiegen.

Da bemerkte Matt, dass er vom Zaun des Nachbargrundstücks aus beobachtet wurde. Na, kein Wunder! Die Sirene hatte man bestimmt Häuserblöcke weit gehört, und Valda Cole war die neugierigste Frau, die Matt kannte. Normalerweise mied er sie wie der Teufel das Weihwasser, aber jetzt war er richtig froh, sie zu sehen.

„Nimm das Baby, und ruf die Feuerwehr!“ Er reichte ihr das Kind über den Zaun, bevor Valda etwas dagegen einwenden konnte. „Und danach informierst du die Polizei und lässt einen Krankenwagen kommen. Und mach schnell!“

Dann stürzte Matt Erin hinterher ins brennende Haus.

Tess und Michael hatte Erin schon gefunden. An einer Hand hielt sie das Mädchen, das seinen Bruder hinter sich herzog. Der Rauch war inzwischen so dicht, dass einem die Augen tränten und man sich den Weg auch hätte ertasten müssen, wenn die Beleuchtung noch funktioniert hätte. Immer wieder rief Erin nach den Zwillingen, bekam aber keine Antwort. Als sie spürte, dass die kleine Tess am ganzen Körper zitterte, beschloss sie, erst einmal die beiden Geschwister in Sicherheit zu bringen.

„Erin?“

Das war Matt, und gleich darauf stießen sie in dem rauchigen, dunklen Flur zusammen, worüber Erin geradezu erleichtert war. Sie brauchte unbedingt Hilfe – egal, von wem –, und da kam Matt gerade recht. Natürlich war er reich, sah viel zu gut aus und bewegte sich in gesellschaftlichen Kreisen, zu denen sie keinen Zugang hatte. Aber dass er ein fähiger Mann war, hatte immer außer Frage gestanden.

„Nimm die beiden hier mit raus!“ Vom Rauch schmerzte Erin die Kehle, und sie musste husten, bevor sie weitersprechen konnte. „Ich hole die Zwillinge.“ Erin wollte Matt die Kinder schon zuschieben, aber da hatte er Erin bereits am Arm genommen und zog alle drei hinaus auf die Veranda.

Draußen atmete Erin zunächst mehrmals tief durch, doch als sie sah, dass aus dem Zimmer der Zwillinge Flammen schlugen, drohte sie, in Panik zu geraten. „Du meine Güte!“

„Wie viele Kinder sind noch da drin?“

Erin konnte erst gar nicht antworten, so erschrocken war sie, aber Matt blieb hartnäckig. „Ich will wissen, wie viele noch da drin sind? Los, sag schon!“

Was für ein Glück, dass Matt da war! Irgendwie gelang es Erin, sich zusammenzureißen. „Nur die Zwillinge, zwei siebenjährige Jungen.“ Wieder musste sie husten. „Sie schlafen im gleichen Raum, direkt neben der Küche, hoffe ich!“ Erin war geistesgegenwärtig genug, Tess und Michael von der Veranda zu schieben. „Bitte kümmer dich um die beiden hier, Matt, ich hole die Zwill…“

Sie wollte schon auf das Fenster der beiden zulaufen, durch dessen zerbrochene Scheiben Rauch quoll, während sich an den Gardinen allmählich die Flammen hinaufzüngelten. Aber da fiel Matt ihr ins Wort: „Du bleibst, wo du bist! Von außen kommt man da sowieso nicht mehr hinein!“

In diesem Augenblick rannte Helmut Cole mit einem Wasserschlauch über den Rasen, während seine Frau das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete und dabei das Baby von sich hielt, als wäre es ein dreckiger Müllsack.

„Hast du den Notruf gewählt!“, schrie Matt ihr zu.

Valda nickte, und Matt wandte sich an ihren Mann. „Helmut, halt den Strahl aufs Fenster, bis du wieder von mir hörst.“ Dann lief er auf die Verandatür zu.

„Bitte sei vorsichtig!“, rief Erin ihm noch nach, die inzwischen einem Nervenzusammenbruch nah war. „Der Rauch …“

„Wir können nur hoffen, dass nicht das ganze Zimmer in Flammen steht!“, sagte Matt noch, bevor er endgültig im brennenden Haus verschwand.

Er musste sich beeilen, um zur Tür neben der Küche zu gelangen, was immer sich dahinter befand. Wenn ihm eine Flammenwand entgegenschlug, wären die Kinder verloren und er auch. Im Haus war es stockdunkel, aber selbst bei Tageslicht hätte er nichts gesehen, weil der Rauch so dick war. Um sich ein wenig dagegen zu schützen, zog er sich den Pullover über die Nase. Dann tat er das einzig Mögliche, um den schädlichen Gasen zu entgehen, und ertastete sich kriechend den Weg durch den Korridor zum Zimmer der Zwillinge.

Glücklicherweise fühlte sich die Klinke kalt an. Matt atmete noch einmal, so gut es eben ging, durch und stieß die Tür auf. Sofort traf ihn ein Wasserstrahl im Gesicht, worüber er das erste Mal im Leben richtig froh war. Helmut stand draußen und hielt den Schlauch auf die Fensteröffnung. Auch wenn der Strahl zu schwach war, um das Feuer zu löschen, konnte das Wasser ihm, Matt, und den Kindern das Leben retten. Matt ließ sich absichtlich ganz nass spritzen und versuchte dann, trotz des Rauchs etwas zu erkennen. Die Gardinen standen inzwischen völlig in Flammen, genauso wie das Bett an der gegenüberliegenden Wand.

„Kinder, wo seid ihr?“, rief er ganz heiser vom Rauch.

„Hie… Hier!“ Die Stimme kam von der dem Fenster abgewandten Seite des Raums – von irgendwo unten.

Ein Stück brennender Gardine landete auf Matts Stirn, und er strich es sich vom Kopf, ohne den Schmerz wirklich zu spüren. Dann kroch er zum anderen Bett und streckte die Arme darunter. „Festhalten!“, brachte er geradeso heraus, und als sich vier kleine Hände an seine Arme klammerten, hätte er vor Erleichterung weinen mögen. Aber dafür blieb keine Zeit! Matt zog die Kinder unterm Bett hervor und überlegte, was nun zu tun sei. Irgendwie musste er mit ihnen noch einmal durch den Flur, und der Rauch wurde immer dichter.

„Tigerchen!“, rief da eines der Kinder und verschwand wieder unterm Bett.

„Was?“

„Tigerchen!“

Gleich darauf spürte Matt etwas Nasses, Unbewegliches. Etwa eine tote Katze? Nein, ein Stofftier! Er nahm es und schob es sich unter den Pullover. Dann zog er die Decke vom Bett, um sie in den Wasserstrahl zu halten, bevor er sie über sich und die Kinder warf. „Wir verlassen jetzt zusammen das Zimmer“, sagte er heiser und drängte die Jungen zur Tür. „Ihr kriecht voran, und wenn ich nicht weiterkann, robbt ihr trotzdem weiter. Das ist ein Befehl! Verstanden?“

Die beiden nickten.

„Los jetzt!“

Und dann schob er sie aus dem brennenden Zimmer, den Korridor entlang und auf die Küche zu, deren Tür auf die Veranda ging.

„Henry … William …?“ Wie Matt hatte sich auch Erin den Pullover über die Nase gezogen und kniete auf der Schwelle zum Flur. Weiter wagte sie sich wegen des Rauchs nicht. Als die Zwillinge bei ihr ankamen, zog Erin sie in die Arme und trug sie hinaus. Matt folgte ihnen. Er schaffte es gerade noch bis auf die Veranda und brach dann bewusstlos zusammen.

Als Matt wieder zu sich kam, blickte er in das schönste blaue Augenpaar, das er jemals gesehen hatte.

„Glauben Sie, er wird’s überleben?“

Irgendetwas saß ihm auf Mund und Nase, und Matt versuchte, es wegzuschieben.

„Lass die Maske, wo sie ist, Matt!“

Die Stimme kannte er doch!

„Du hast ein bisschen viel Rauch eingeatmet, Matt, was die Sanitäter durch eine erhöhte Sauerstoffzufuhr auszugleichen versuchen.“ Rob McDonald, der Ortspolizist und Bruder von Shanni, der Frau von Matts Freund Nick, wandte sich jetzt wieder an Erin. „Ja, ich glaube, er wird’s überleben, wenn er sogar in der Lage ist, sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht zu reißen.“

Während Matt so darüber nachdachte, schien ihm das einleuchtend. Dabei war der Blick dieser herrlich blauen Augen immer noch auf ihn gerichtet. Das Gesicht, zu dem sie gehörten – Erins –, war rußverschmiert, und sie sah noch abgekämpfter aus als gewöhnlich. Aber plötzlich kam es Matt vor, als wäre sie die schönste Frau der Welt. Genauso wie damals als Schmetterling auf dem Schulfest, dachte er benommen. Einfach großartig! Wie gut, dass er noch lebte!

Wenn Erin nicht auf ihn und die Kinder gewartet hätte, wäre es ihm bestimmt niemals gelungen, die Jungen in Sicherheit zu bringen. Das wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Er hatte sich ja geradeso selbst auf die Veranda schleppen können und wäre garantiert nicht mehr in der Lage gewesen, die Zwillinge auch noch durch die Küche vor sich herzutreiben. Die Zwillinge?

„Wie geht es den beiden?“ Unter der Maske konnte man ihn kaum verstehen, aber Erin wusste, wonach er gefragt hatte.

„Sie sind vor Schreck immer noch ganz benommen, aber es geht ihnen gut. Ich muss jetzt wieder zu ihnen, vorausgesetzt, mit dir ist so weit alles in Ordnung“

„Matt ist hart im Nehmen“, mischte sich Rob ein. „Die Sanitäter kommen auch gerade mit der Trage.“

Das brachte Matt endgültig zu sich. „Ich brauche keine Trage!“ Er setzte sich auf, riss sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht und musste unwillkürlich husten. Als er sich umsah, stellte er fest, dass Helmut mit dem Wasserschlauch tatsächlich nicht viel hatte ausrichten können. Inzwischen brannte das ganze Haus lichterloh, und die Feuerwehrmänner taten ihr Bestes, um die Flammen einzudämmen. Bei dem Gedanken, dass er und die Kinder vor kurzem noch da drinnen gewesen waren, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.

Rob ahnte wohl, was Matt durch den Kopf ging, und legte ihm seine große Hand auf die Schulter. „Du hast die Kinder da rausgeholt. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, Mann. Doch du bist verdammt noch mal ein wahrer Held!“

„Ich weiß es auch nicht. Aber … Aber geht es den Kindern auch gut?“

„Ja, mach dir keine Sorgen!“

Jetzt kamen die Sanitäter, dicht gefolgt von einer jungen Ärztin, die Matt mit den Worten empfing: „Ich gehe nicht ins Krankenhaus, Emily.“

Doch Dr. Mainwaring ließ sich nicht beirren. „Hinlegen, Matt McKay!“

„Aber …“

„Ich muss dich erst einmal untersuchen, und wenn du mir nicht gehorchst, verabreiche ich dir ein Beruhigungsmittel.“

Matt gehorchte, und nach einer Weile stellte die Ärztin fest: „Du wirst’s überleben. Doch du solltest das Glück nicht noch einmal herausfordern. Die Sanitäter geben dir jetzt eine Aufbauspritze und versorgen die Wunde an der Stirn. Du brauchst nicht unbedingt ins Krankenhaus, aber heute Nacht darfst du nicht allein sein. Lass dich doch von Charlotte abholen!“

„Nein!“ Aus irgendeinem Grund war es das Letzte, was Matt wollte. „Mir geht’s gut.“

„Ich habe keine Zeit, mit dir zu diskutieren, Matt. Entweder, du bleibst heute Nacht bei Charlotte, damit du unter Aufsicht bist, oder du kommst ins Krankenhaus. Denk darüber nach, während ich mich um die anderen kümmere.“

Hm? Charlotte wäre zweifellos verstimmt, wenn er so rußverschmiert bei ihr ankam und dann auch noch zu spät zum Essen. Und je länger Matt darüber nachdachte, desto mehr sehnte er sich nach seinem eigenen Bett.

„Was machen wir denn jetzt mit den Kindern, Erin?“, fragte Rob, der immer noch neben Matt stand, und Erin presste die Lippen zusammen und dachte nach. Aber nach all der Aufregung fiel es ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, und schließlich sagte sie einfach: „Ich weiß es nicht.“

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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