Baccara Collection Band 472

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Dieser skrupellose, viel zu sexy Cowboy! Als Kendra zurückkehrt nach Silent Spring, trifft sie ihren Ex Levi wieder. Obwohl er einst ihren Vater in den Ruin trieb, kann sie ihre leidenschaftliche Liebesnacht mit Levi nicht vergessen. Noch immer begehrt sie ihn heiß …


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  • Erscheinungstag 15.06.2024
  • Bandnummer 472
  • ISBN / Artikelnummer 9783751523103
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Yvonne Lindsay, Joanne Rock, Janice Maynard

BACCARA COLLECTION BAND 472

1. KAPITEL

Es war nur ein Gefallen, mehr nicht. Drummond Keyes zwang sich, seinen zusammengepressten Kiefer etwas zu entspannen. Er hatte erst gedacht, Tanner hätte gescherzt, als dieser ihn gebeten hatte, seiner Schwester Hyacinth Sanderton einen Job zu geben. Doch die jetzt vor ihm stehende Blondine im Designeranzug und mit Schuhen von Christian Louboutin war der Beweis, dass Tanner es ernst gemeint hatte.

Drum sah sie an und kämpfte gegen den gefährlichen Funken der Begierde an, der in seinem Körper aufflammen wollte.

Um Himmels willen – sie war Tanners kleine Schwester! Er durfte nicht so auf sie reagieren! Er und Tanner hatten schließlich einen Pakt geschlossen, und auch wenn sie damals erst fünfzehn gewesen waren, verlangte die Ehre doch von ihm, dass er nie, niemals etwas mit der Schwester seines besten Freundes anfing.

Für Drum war die Freundschaft mit Tanner eines der wichtigsten Dinge auf dieser Welt. Es war diese besondere Verbundenheit gewesen, die ihn damals Cins Bitte, ihr erster Liebhaber zu sein, ablehnen ließ – so schwer es ihm auch gefallen war. Doch Drum wollte vor zwölf Jahren nichts tun, was die Freundschaft gefährden könnte, und er wollte es auch heute nicht. Nicht, dass sie ihm irgendwelche Hoffnungen gemacht hätte. Tanners kleine Schwester hatte sich von einem frühreifen, hübschen Teenager zu einer betörend schönen Frau entwickelt.

„Und du willst wirklich einen Job hier bei Keyes Tires?“, fragte er und versuchte, sich seinen Unglauben nicht zu sehr anhören zu lassen.

„Ja, das will ich. Danke, dass du mich persönlich empfängst, Drum. Ich weiß, du bist sehr beschäftigt.“

Selbst der Klang ihrer Stimme schickte ein Kribbeln durch seine Nervenbahnen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir für jemanden mit deinen …“, er zögerte, „… Talenten der richtige Ort sind.“

Etwas flammte in ihren perfekt geschminkten blauen Augen auf – vielleicht Ärger. Doch es war so schnell verschwunden, wie es gekommen war.

Er fuhr fort, bevor sie etwas einwenden konnte. „Hör zu, ich weiß, dass du ein Marketinggenie bist. Bist du sicher, dass du das hier willst?“

„Drum“, sagte sie leise und monoton, so als hätte sie Mühe, ihr Temperament zu zügeln, „ich brauche diesen Job. Bitte.“

In diesem Moment wurde ihm klar, dass es nicht Ärger war, den sie zurückhielt – es waren Tränen. Es war wie ein eisiger Schock für ihn, als er realisierte, dass sie ihn tatsächlich um einen Job anflehte. Irgendeinen Job. Trotz der perfekten Haare und Nägel, trotz des Outfits, das mehr kostete, als die meisten Menschen hier in Blossom Springs in einem Monat verdienten, war sie komplett am Boden. Und es war an ihm, ihr eine helfende Hand zu reichen, damit sie sich wieder aufrappeln konnte.

„Okay“, sagte er nach einem langen Ausatmen. „Lass uns runter in die Reifenhalle gehen. Ich stelle dich den Jungs vor.“

„Die Reifenhalle?“, sagte sie, und ihre blauen Augen funkelten auf einmal vor Neugier.

„Ja, wir brauchen eine neue Rezeptionistin. Die letzte ist vor einem Monat in Mutterschaftsurlaub gegangen. Seitdem herrscht dort Chaos, und wir verlieren viel zu viel wertvolle Zeit.“

Er hatte noch nie Probleme mit Personal gehabt, aber seit der Pandemie schien es, als ob die meisten Leute lieber von zu Hause aus arbeiteten. Die Vorstellung, in einer Umgebung zu arbeiten, in der es im Sommer heiß und im Winter schneidend kalt sein konnte – ganz zu schweigen von der lauten Umgebung – schreckte viele Bewerber ab. So sehr er sich auch bemühte, Drum konnte sich nicht vorstellen, dass Princess Perfect, wie er sie immer scherzhaft genannt hatte, dort wirklich arbeiten wollen würde.

Schweigend gingen sie die Treppe von der Hauptverwaltung des Gebäudes hinunter ins Erdgeschoss. Drum öffnete die Schwingtür zur Werkstatt und blickte voller Stolz in die riesige Halle.

Er hatte vor zwölf Jahren den Ein-Mann-Betrieb seines Vaters übernommen und ihn über die Jahre in eine landesweit operierende Reifenfirma mit Filialen und Franchisebetrieben in über hundertfünfzig Städten verwandelt. Früher war seine Familie kaum über die Runden gekommen – jetzt war sie vermögend.

Die Sandertons dagegen gehörten zu den Gründern von Blossom Springs und waren hier früher aufgrund ihres Reichtums und Erfolgs fast wie eine Art königliche Familie verehrt worden. Bis Cins Vater, kurz nachdem seine Tochter aufs College gegangen war, einige sehr schlechte Investitionsentscheidungen getroffen hatte. Entscheidungen, die das Vermögen der Familie in Windeseile dahinschmelzen ließen und Cins Vater dazu brachten, Einsparungen bei der Pflege der Orangenhaine und Obstwiesen, die das Obstsaftimperium der Familie versorgten, vorzunehmen. Mit der Folge, dass die wertvollen Bäume von der Braunfäule dahingerafft wurden, was letztendlich zum Bankrott des Familienunternehmens führte. Ein schwerer Schlaganfall hatte Ralph Sanderton bald darauf das Leben gekostet, und seine Frau Penelope war nur wenige Jahre später im Schlaf gestorben.

Tanner war direkt nach der Highschool zur Armee gegangen und hatte sich dort hochgearbeitet. Und Cin? Sie war am College geblieben und hatte sich mit Nebenjobs finanziert, bis sie den Job ihrer Träume gefunden und dann auch noch das Herz ihres Chefs erobert hatte. Tanner hatte erzählt, dass die nur kurze Zeit zurückliegende Scheidung sie schwer getroffen hatte, aber davon sah man ihr nichts an, fand Drum. Abgesehen von den unterdrückten heftigen Emotionen, die er vorhin bemerkt hatte.

„Sind alle Filialen von Keyes Tires so eingerichtet?“, fragte sie, als sie auf den kleinen offenen Bürobereich neben der Werkstatt zugingen.

„Ziemlich genau. Wir haben jahrelang herumprobiert, um die beste Anordnung für das laufende Geschäft zu finden.“

Sie nickte und sah sich um. „Und das hier ist der Wartebereich?“

Er schaute auf die zweckmäßigen Plastikstühle, die um einen mit veralteten Autozeitschriften übersäten Couchtisch angeordnet waren.

„Ja. Wir haben festgestellt, dass die meisten Leute es vorziehen, nicht hier herumzuhängen, während ihre Reifen ausgetauscht oder repariert werden.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, sagte sie lächelnd.

Drum stellte sie dem Mann vor, der in dem offenen Büro saß und gerade ein Telefonat beendet hatte.

„Gil, das ist Cin. Sie fängt heute an. Zeig ihr bitte, wie man mit den Telefonen und dem Computer umgeht, ja?“

„Sehr gern“, antwortete Gil grinsend. „Ich mache mir lieber die Hände an dem alten Pick-up da drüben schmutzig, als so zu tun, als ob ich wüsste, was ich hier tue.“

„Gil ist zu bescheiden“, erklärte Drum. „Er war es, der die Idee für unsere neue Buchungssoftware hatte.“

„Na ja, es ist nicht so, dass ich den Code geschrieben hätte oder so“, sagte Gil verlegen.

Drum stoppte ihn. „Dank Gils praktischen Erfahrung in der Werkstatt konnte er gemeinsam mit den Programmierern ein System entwickeln, das nur uns gehört. Ich bin sicher, du wirst es schnell beherrschen, Cin.“

„Das hoffe ich sehr“, antwortete sie. „Ich wäre nur ungern für die Störung eines so reibungslos funktionierenden Betriebs verantwortlich.“

Gil grinste, und Drum sah, dass sein Mitarbeiter schon jetzt von Cin eingenommen war. Sie musste sich nicht einmal anstrengen, es war, als ob die Leute in ihrer Nähe ihr einfach gefallen wollten. Ob er selbst auch in diese Kategorie fiel? Es war einfacher gewesen, als sie noch Tanners nervige kleine Schwester war, die ihnen ständig wie ein Schatten überall hin folgte. Aber die erwachsene Frau, die sie jetzt war, war sehr viel schwerer zu ignorieren.

„Okay, ich überlasse dich Gils Obhut. Schau einfach, wie du dich in der Rolle fühlst. Und wenn du das Gefühl hast, es könnte was für dich sein, klären wir die administrative Seite mit der Personalabteilung.“

„Vielen Dank nochmal“, erwiderte sie. Dann schenkte sie ihre volle Aufmerksamkeit Gil.

Drum beobachtete sie einen Moment lang, wie sie sich an den Computer setzte und sich die Software zeigen ließ.

Was hatte sie bloß nach Hause getrieben, in eine Stadt, in der sie nicht mehr das goldene Mädchen war? Sie hätte in Los Angeles bleiben können. Hätte für eine andere Marketingfirma arbeiten oder den Beruf wechseln können. Genug Ehrgeiz hatte sie immer gehabt. Doch stattdessen war sie hierher zurückgekehrt, an den Ort, von dem sie nach dem Tod ihrer Eltern kategorisch gesagt hatte, dass sie nie wieder dorthin zurückkehren würde. Er fragte sich, ob sie für immer zurückgekehrt war, oder ob dies nur ein kurzer Umweg auf ihrem Weg zum Erfolg war.

Cin spürte Drums Blicke auf sich, als sie sich auf Gils Vorschlag hin an den Computer setzte. Nach all den langen Jahren hatte er noch immer die Macht, sie in seinen Bann zu ziehen. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie ihrer Mutter als Sechsjährige erklärt hatte, dass sie diesen Jungen eines Tages heiraten würde. Die Sehnsucht, die sie all die Jahre nach ihm verspürt hatte, hatte selbst die Heirat mit einem anderen Mann nicht auslöschen können.

Ein scharfer Stich durchzuckte sie. Komm damit klar, Schätzchen. Vergiss nicht, das war der Kerl, den du gebeten – nein, angebettelt – hast, dich zu deinem Abschlussball zu begleiten. Der Typ, der alles, was du ihm angeboten hast, unerbittlich zurückgewiesen hat. Selbst heute noch trieb die Erinnerung daran Cin die Schamesröte ins Gesicht. Er hatte sie nicht gewollt, und das hatte er ihr mehr als deutlich zu verstehen gegeben.

Mit der Hartnäckigkeit, mit der sie es zur Geschäftsführerin einer der besten Marketingagenturen in L.A. gebracht hatte, begann sie in den folgenden Stunden, alles zu lernen, was nötig war, um eine der besten Rezeptionistinnen zu werden, die das Reifenbusiness je gesehen hatte.

Gil unterstützte sie geduldig dabei, Anrufe entgegenzunehmen und Arbeitsaufträge zu vergeben. Als sich herumsprach, dass sie wieder in der Stadt war und bei Keyes Tires arbeitete, gab es plötzlich eine Menge Leute, die dringend ihre Autoreifen auswuchten oder justieren lassen mussten.

Es schien, als ob die Gerüchteküche in Blossom Springs noch effizienter arbeitete, als sie es in ihrer Jugend getan hatte.

„Ich muss schon sagen … Es ist gut fürs Geschäft, dass du hier bist“, sagte Gil nach einer dieser Anfragen mit einem schiefen Grinsen.

Cin schnaubte. „Ich habe nicht den Eindruck, dass das Geschäft vorher schlecht lief“, sagte sie und deutete auf das farbig hinterlegte Buchungssystem auf dem Bildschirm.

„Schon, aber normalerweise gibt es ab und zu Pausen. Deine neugierigen alten Nachbarn füllen diese zeitlichen Lücken ganz gut aus.“

Sie rutsche unbehaglich auf dem Bürostuhl herum. „Ich bin keine Freakshow“, murmelte sie.

„Nein, ganz bestimmt nicht“, sagte Gil lächelnd. „Aber damals in der Schule sind die Leute auch schon immer um dich herumgeschwirrt. Sieht aus, als hätte sich das nicht geändert.“

„Na ja, hoffentlich lässt der Reiz des Neuen bald nach.“ Sie tippte auf ein paar Tasten, um ihre letzte Buchung abzuschließen. „Und das System schickt den Leuten am Tag vor dem Termin automatisch eine SMS als Erinnerung?“, fragte sie, um das Thema wieder auf die eigentliche Arbeit zu lenken.

„Genau. Unsere Stornierungen sind um achtzig Prozent zurückgegangen, seit wir damit begonnen haben.“

„Planst du, unsere neueste Mitarbeiterin direkt in einen Burnout zu katapultieren, Gil?“

Cin blickte beim Klang von Drums Stimme überrascht auf. Sie schaute auf ihr Handgelenk, um zu sehen, wie spät es war. Doch sie sah nur ihre nackte Haut, die sie daran erinnerte, dass ihre diamantenbesetzte Piaget-Uhr einer der vielen Gegenstände gewesen war, die der Gerichtsvollzieher als Ausgleich für die Schulden ihres Mannes mitgenommen hatte. Die große Uhr an der Werkstattwand zeigte ihr, dass es bereits Mittag war. Sie hatte drei Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet.

Drum direkt vor sich stehen zu sehen, war wie ein körperlicher Schock für sie. Heute Morgen hatte sie genug Zeit gehabt, sich auf die Begegnung vorzubereiten, aber dass er jetzt einfach so auftauchte, brachte alles durcheinander.

„Sie ist ein kluges Kerlchen, Boss“, sagte Gil. „Sie hat den Dreh in kürzester Zeit rausgehabt.“

„Gut zu hören.“ Drum richtete seine Aufmerksamkeit auf Cin. „Kann ich dich für eine Pause entführen?“

„Ich fühle mich, als wäre ich gerade erst angekommen.“

„Ich weiß, aber lass uns einen Kaffee trinken und etwas essen, und dann stelle ich dich Jennifer in der Personalabteilung vor. Sie wird deinen Vertrag aufsetzen. Vorausgesetzt, du willst den Job.“

Cin bedankte sich bei Gil für seine Hilfe und folgte Drum nach draußen.

„Machst du das mit all deinen neuen Mitarbeitern?“, fragte sie, als sie nebeneinander die Straße entlanggingen.

„Was? Kaffeetrinken und etwas essen?“

„Genau. Und sie persönlich in der Personalabteilung abliefern.“

„Nein. Aber du bist ein Sonderfall.“ Offenbar bereute er seine Worte, kaum dass er sie ausgesprochen hatte. „Hör zu, es tut mir leid. Aber Tanner hat mich gebeten, auf dich aufzupassen. Und das werde ich tun.“

„Danke“, sagte Cin und bemühte sich, freundlich zu bleiben „Aber das ist absolut nicht nötig. Ich bin schon lange erwachsen. Wenn ich schon für dich arbeite, dann solltest du mich besser wie jeden anderen Mitarbeiter behandeln.“

„Gut, wie du willst. Dann sagen wir einfach, wir sind zwei alte Freunde, die sich auf einen Kaffee treffen.“

Doch sie waren keine Freunde. Waren es nie gewesen. Sie war das Mädchen gewesen, das sich vor unerwiderter Liebe verzehrt hatte – und er der Typ, bei dem sie nie mehr als leichte Irritation ausgelöst hatte.

„Freunde? Riecht auch ein bisschen nach Bevorzugung, oder?“, fragte sie bissig.

Sie wusste, dass sie ihn nicht reizen sollte, aber es half ihr, die brennende Anziehung zu kontrollieren, die unter der Oberfläche ihrer Haut schwelte, wenn er ihr so nahe war.

„Hör zu. Willst du jetzt Kaffee oder nicht?“, erwiderte er scharf.

„Wow, wie könnte ich bei so einer charmanten Einladung ablehnen?“, fragte sie mit gespielter Süße.

Drum fuhr sich mit der Hand durchs Haar und brummte ein Schimpfwort vor sich hin. „Cin, es tut mir leid. Ja, ich behandle dich anders, aber ich verspreche dir, dass du nach unserem Essen nicht mehr als eine meiner Angestellten sein wirst, okay?“

„Danke“, antwortete sie mit einer Ruhe, die sie absolut nicht spürte. Ihr Magen grummelte. „Ich sterbe vor Hunger. Wo wollen wir denn essen?“

Drum begann zu lachen. „Na also. Mittags ist Sally’s noch immer der beste Laden in der Stadt.“

Während sie die Straße hinunter zu der rosafarbenen Schaufensterfront von Sally’s Restaurant gingen, versuchte Cin, zu ignorieren, wie nah ihr Drum war. So nah, dass ihre Hände sich fast berührten. So nah, dass sie hin und wieder einen leichten Hauch seines holzigen, leicht würzigen Aftershaves wahrnahm.

Um sich abzulenken, sah sie sich an, was sich in der Stadt verändert hatte und was im Grunde gleich geblieben war. Jeder, an dem sie vorbeikamen, grüßte Drum, und auch in ihre Richtung gab es mehr als einmal ein erkennendes Nicken.

Dies war ihr altes Zuhause und ihre Chance, alles, was sie verloren hatte, wieder aufzubauen. Eine Menge war in den letzten Monaten kaputtgegangen: ihre Ehe, ihre Karriere und – das Wichtigste – ihr Selbstwertgefühl. Es war ihr so sinnvoll erschienen, noch einmal ganz von vorne anzufangen, doch jetzt, wo sie hier war, begann sie sich zu fragen, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Doch es war zu spät, sich anders zu entscheiden. Man konnte seine Vergangenheit nicht ändern, aber man konnte sich eine neue Zukunft schaffen, und genau das hatte sie vor. Auf die eine oder andere Art.

2. KAPITEL

„Du weißt schon, dass wir hier einen Dresscode haben, oder?“ Die Personalleiterin Jennifer Green musterte Cin mit säuerlicher Miene. „Und was du da trägst, geht leider gar nicht.“

Cin kannte Jenny noch aus der Schulzeit. Damals war sie ein gehässiges Lästermaul gewesen, aber sie hatte sich nicht in denselben Kreisen bewegt wie Cin. Jennys rötlich-orange Haarfarbe war mit dem Alter etwas unauffälliger geworden, und ihre Sommersprossen hatte sie unter kunstvoll aufgetragenem Make-up versteckt. Außerdem wurde ihr stechender Blick etwas durch das geschmackvolle Gestell ihrer Brille gemildert. Diese sah auf jeden Fall besser aus als die dicken schwarzen Brillengestelle, die sie als Kind hatte tragen müssen. Doch egal, wie gut sie sich zurechtgemacht hatte – ihre Haltung war offensichtlich dieselbe geblieben.

Jenny hatte Cin schon damals aus der Ferne verabscheut. Und auch wenn Cin zu beliebt gewesen war, um sich darüber Gedanken zu machen, war es nicht gerade angenehm gewesen, die Zielscheibe Nummer eins für Jennys Unfreundlichkeit zu sein. Die fünfzehnjährige Cin hätte vielleicht der Versuchung nachgegeben, zurückzuschlagen, doch heute war sie stolz darauf, das nicht nötig zu haben.

„Kein Problem, Jenny“, antwortete Cin lächelnd. „Du wirst mir sicher sagen können, wie ich mich richtig kleide.“

„Ich nenne mich jetzt Jennifer. Bitte merk dir das. Und was deine Bekleidung angeht … Ich werde eine der Assistentinnen bitten, dir den Uniformschrank zu zeigen. In der Reifenhalle musst du ein Firmenpolohemd oder ein normales Hemd tragen. Im Winter kannst du bei Bedarf ein Sweatshirt und eine Jacke darüber anziehen. Das Keyes-Tires-Basecap ist optional. Hosen werden ebenfalls zur Verfügung gestellt, und die Vorschriften besagen, dass man stets geschlossene Sicherheitsschuhe tragen muss. Wir haben verschiedene Größen auf Lager, aber wenn dir nichts passt, kann ich morgen die richtige Größe bestellen.“

„Großartig“, antwortete Cin und schaffte es, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten.

„Oh, und du brauchst dich nicht so sehr zu schminken. Du bist nicht hier, um irgendjemanden zu beeindrucken. Ich würde dir auch raten, deine Nägel zu schneiden. Es kann sein, dass du ab und zu bei den Reifen helfen musst. Ich würde nur sehr ungern eine Verletzungsmeldung aufsetzen müssen, weil du dir einen Nagel abgerissen hast.“

Cin musste es Jennifer lassen: Mit ein paar spitzen Sätzen hatte sie es geschafft, jeder Erinnerung gerecht zu werden, die Cin noch aus Schulzeiten von ihr hatte.

„Ich werde mich darum kümmern. Aber hattest du nicht ein paar Formulare für mich? Ich möchte nicht noch mehr deiner kostbaren Zeit verschwenden.“

Jennifer starrte sie einen Moment lang an, als versuche sie, herausfinden, ob Cin sich über sie lustig machte. Schließlich griff sie mit einem kleinen Seufzer nach einem Ordner am Ende ihres Schreibtischs.

„Hier ist alles drin. Bring mir die ausgefüllten Formulare spätestens um fünf zurück.“ Sie hielt einen Moment inne. „Das hier ist ein ganz schöner Rückschlag für dich, oder? Jeder, der dich kannte, hat immer mit deinem Erfolg geprahlt. Hattest du nicht eine ziemlich wichtige Managerposition in L.A.?“

„Ja, das hatte ich. Aber jetzt bin ich hier. Danke für deine Hilfe. Wenn du mir jetzt noch die Person nennen könntest, die mir mit meiner Uniform helfen kann, wäre ich dir unendlich dankbar.“

Ihr Lächeln fühlte sich an wie festgeklebt, aber Cin war entschlossen, nicht in ihr altes Selbst zurückzufallen. Das Mädchen, das vor zwölf Jahren die Stadt verlassen hatte, hätte sich Jennifers nicht gerade subtile Herabsetzungen sicher nicht gefallen lassen. Aber Cin hatte nicht umsonst gelernt, wie man es schaffte, sich von den Leuten nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Der Trick bestand darin, sein Gegenüber nie merken zu lassen, wenn dessen Sticheleien ins Schwarze getroffen hatten.

Jennifer führte sie den Korridor entlang zu einem Großraumbüro.

„Hier bewahren wir alles auf“, sagte sie und winkte mit einer Hand in Richtung einer Reihe von Schränken. „Carey hier wird dir helfen. Bitte zieh dich in der Damentoilette um, bevor du zurück in die Reifenhalle gehst.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stolzierte Jennifer davon.

„Du meine Güte“, sagte Cin laut, „ich muss irgendetwas gesagt haben, das sie beleidigt hat.“

Carey stieß ein ersticktes Lachen aus. „Deine bloße Existenz beleidigt sie.“ Die junge Frau schlug erschrocken die Hand vor den Mund. „Oh je, das hätte ich nicht sagen sollen. Aber es ist wahr. Du bist alles, was sie nicht ist. Meine Schwester kennt sie noch aus der Schule. Sie sagt, Jennifer war schon immer eine bl…“ Sie brach ab.

„Eine blöde Ziege?“, ergänzte Cin unbekümmert.

Carey lachte wieder. „Das und noch ein paar andere Dinge. Na komm, wir statten dich schnell mit deinen Kleidern aus, bevor sie wiederkommt.“

Die Uniformen in Orange und Königsblau, die sie in der Halle bei den Jungs gesehen hatte, sahen hier in dem farblich dezent eingerichteten Büro noch greller aus. Bei diesen kräftigen Farben würde sie auf keinen Fall auf ihr Make-up verzichten, beschloss Cin. Mit ihrem blonden Haar und ihrer hellen Haut würde sie sonst geradezu verschwinden. Außerdem war ihr Make-up ein Teil ihrer Rüstung gegen die Welt, und diese brauchte sie im Moment mehr als je zuvor. Sie nahm ein paar Kleidungsstücke auf den Arm und ging zur Toilette, um sie anzuprobieren. Die Uniform bildete einen interessanten Kontrast zu ihren Stöckelschuhen, entschied sie, als sie sich vor dem Spiegel drehte. Als sie zurückkam, war Carey dabei, in ein paar Schuhkartons herumzuwühlen.

„Ich glaube, die könnten die richtige Größe haben“, sagte sie zweifelnd.

Cin prüfte die Nummer auf der Schachtel und nickte. „Wird schon gehen. Ich werde sie mit dicken Socken tragen. Es wird sowieso bald Winter.“

„Wie du meinst. Um ehrlich zu sein, bin ich überrascht, dass sie dich in die Reifenhalle gesteckt haben. Es gibt genug andere Aufgaben, die du hier in der Verwaltung übernehmen könntest.“

Cin hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Vielleicht hatten sie ihr nur die Position in der Reifenhalle angeboten, weil Drum nicht wollte, dass sie blieb.

„Erinnerst du dich eigentlich an meine Schwester?“, fragte Carey jetzt. „Früher hieß sie Belinda Styles.“

„Natürlich erinnere ich mich an Belinda. Wie geht es ihr?“

„Gut. Sie hat drei Kinder.“

Cin kramte in ihrem Gedächtnis. „Ist sie noch mit Emerson Darby zusammen?“

„Ja, sie haben direkt nach der Highschool geheiratet, und sie leben immer noch hier in der Stadt.“

„Grüß sie ganz lieb von mir, ja?“

„Klar, mach ich.“

Belinda war einer der wenigen Menschen auf der Highschool gewesen, die Cin wirklich mochte. Sie war nicht der Typ gewesen, der sich bemühte, etwas zu sein, was sie nicht war, und das hatte Cin immer bewundert.

„Vielen Dank, Carey! Wir sehen uns sicher noch öfter.“

Cin klemmte sich den Karton mit den Arbeitsschuhen unter den Arm und machte sich auf den Weg zur Treppe, die hinunter zur Werkstatt führte.

Zwei Stufen auf einmal nehmend rannte Drum die Treppe hoch. Obwohl er regelmäßig zum Fitnesstraining ging, vermied er es, den Aufzug zu benutzen. Das Herzleiden seines Vaters war von dessen ungesundem Lebensstil verursacht worden, und Drum hatte nicht vor, den gleichen Fehler zu begehen. Da er den Kopf gesenkt hielt, bemerkte er die ihm entgegenkommende Cin erst, als sie beide mit ziemlicher Wucht zusammenstießen.

Instinktiv schlossen sich seine Arme um sie. Sie war schlank wie eine Weide, dabei weich an all den richtigen Stellen, und er kämpfte sofort gegen das in ihm aufsteigende Gefühl körperlichen Verlangens.

Schnell stellte er sie wieder auf ihre Füße. Sie trug die Uniform der Reifenwerkstatt, und ihre schlanke Figur war in dem unförmigen Männerhemd und der schlecht sitzenden Hose fast unsichtbar. Er erinnerte sich, dass sie keine Frauengrößen und – schnitte in das Kleidersortiment aufgenommen hatten. Nun, das würde er korrigieren müssen. Damit du dich besser an dem Anblick ihres Körpers erfreuen kannst? ertönte eine sarkastische Stimme in seinem Hinterkopf.

Vielleicht war da etwas dran – es war ihm bisher noch nie in den Sinn gekommen, die Uniformen seiner Mitarbeiterinnen zu hinterfragen. Warum war es bei Cin anders? Um ehrlich zu sein, fühlte sich bei ihr alles anders an. Wäre sie nicht Tanners Schwester gewesen, hätte er sie schon längst um ein Date gebeten.

Es war ganz bestimmt nicht die beste Idee gewesen, ihr einen Job zu geben, aber jetzt musste er wohl oder übel seinen Schutzpanzer gegen sie stärken und die Sache durchziehen. Das war er Tanner schuldig. Und er war es Cin schuldig, ihr unkomplizierte Hilfe zukommen zu lassen. Seinem Verlangen nach ihr nachzugeben, wäre alles andere als unkompliziert geworden, das war sicher.

Cin bückte sich, um den Schuhkarton aufzuheben, den sie fallen gelassen hatte, als er in sie reingerannt war, doch er kam ihr zuvor. Ein leichter Duft ging von ihr aus, und die Intensität ihrer Nähe war kaum auszuhalten.

Sie sah erhitzt aus. Kein Wunder, er hätte sie fast umgerannt. Aber die Farbe ihrer Wangen und das Leuchten ihrer Augen sah nicht nach Verärgerung aus. Spürte sie womöglich auch diese Energie, die wie ein unsichtbarer Strom zwischen ihnen summte?

„Alles okay?“, fragte er. „Es tut mir wirklich leid. Ich habe nicht geschaut, wo ich hinrenne.“

„Kein Problem“, sagte Cin ein wenig atemlos.

„Ich hab dir nicht wehgetan, oder?“

„Nein“, sagte sie, und ihre Stimme hatte wieder ihre gewohnte ruhige und gleichmäßige Tonlage. Ein merkwürdiger Widerspruch zu der plötzlichen Röte, die ihre Wangen überzog. „Du hattest schon immer eine große Wirkung auf die Menschen, nicht wahr?“

Mit einem Lächeln ging sie die Treppe hinunter und ließ ihn über ihre letzten Worte rätselnd zurück. Er schüttelte den Kopf. Frauen. Er würde sie nie ganz verstehen.

Einen Moment lang schaute er ihr hinterher. Selbst in ihrer Uniform und mit ihren verrückten Stöckelschuhen strahlte sie eine unglaubliche Eleganz aus. Am liebsten hätte er sie den ganzen Tag angeschaut.

Doch sie war seine Angestellte, erinnerte er sich streng. Nichts weiter. Und da sie Tanners Schwester war, konnte sie auch nie mehr sein.

Für den Rest des Nachmittags fiel es ihm unglaublich schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu Cin. Wie sie ausgesehen hatte, als sie hier in seinem Büro stand und er in ihren Augen sah, wie sehr sie den Job brauchte. Er hatte im Vorfeld mit Jennifer über die offenen Stellen gesprochen und ihr erzählt, dass Cin in die Stadt zurückkehren würde. Seine Personalleiterin hatte ihm ausdrücklich versichert, dass die einzige offene Stelle in der Reifenhalle sei. Nie im Leben hatte er erwartet, dass Cin diesen Job annehmen würde.

Er fragte sich, wo sie jetzt wohnte. Würde sie in dem alten Sanderton-Haus wohnen? Es war ein riesiges Haus ganz am Rande der Stadt, eingebettet in ein paar Hektar Land, das in den letzten Jahren ziemlich verwildert war. Er musste Cin nach der Arbeit unbedingt fragen, wie sie nach Hause kam – wo auch immer das sein mochte. Vielleicht brauchte sie jemanden, der sie fuhr.

Schließlich hatte er Tanner versprochen, auf sie aufzupassen. Das war der Grund, warum er sich Gedanken um sie machte – der einzige Grund.

3. KAPITEL

Cin war so sehr damit beschäftigt gewesen, sich Notizen über alles zu machen und das Telefon zu bedienen, dass sie zusammenzuckte, als die großen Rolltore zum Eingang der Reifenhalle laut ratternd heruntergelassen wurden. Fest entschlossen, in der nächsten Woche besser vorbereitet zu sein, wenn sie jemand nach dem Preis für einen kompletten Reifensatz fragte, packte sie den Flyer mit den Leistungen der Firma ein.

In ihrer Nachmittagspause war sie über die Straße zu einem billigen Laden gegangen und hatte zwei Paar Socken gekauft, damit sie ihre Sicherheitsschuhe tragen konnte. Jetzt passten die klobigen Schuhe einigermaßen. Zum Glück, denn sie konnte ihren langen Heimweg mit Sicherheit nicht in Stöckelschuhen antreten. Theoretisch könnte sie sich auch ein Taxi rufen, aber sie wusste, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie ihr erstes Gehalt bekam, und dass der Rest ihres eigenen Geldes erst freigegeben werden würde, wenn auch der letzte Gläubiger ihres Ex-Mannes bezahlt worden war.

Tief in ihrem Inneren loderte ein Anflug von Wut auf, aber sie zwang sich, ihn zu ignorieren. Sie würde wieder auf die Beine kommen, finanziell und in jeder anderen Hinsicht. Und wenn sie das geschafft hatte, würde sie sich nie wieder von jemand anderem abhängig machen. Es war naiv und dumm gewesen, Mark die Kontrolle über ihre persönlichen Finanzen zu überlassen, nur weil er älter und scheinbar erfahrener gewesen war als sie.

Als er ihr damals nach Abschluss ihres Praktikums eine Vollzeitstelle bei Donnelly Marketing angeboten hatte, war sie überglücklich gewesen. Sie hatte die Arbeit dort geliebt, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich auch zu dem charismatischen Mann, der das Unternehmen leitete, hingezogen fühlte. Diese Anziehung hatte schließlich zu ihrer Heirat geführt, und sie hatte sich und Mark immer als eins der mächtigsten Paare in der Branche gesehen. Doch mit dem Ausbruch der Pandemie und dem Verlust mehrerer Großkunden hatten sich Risse gebildet – sowohl in der Agentur als auch in ihrem Privatleben.

Sie machte sich noch immer Vorwürfe, weil sie die Augen verschlossen hatte vor Marks immer obsessiver betriebenen Online-Glücksspielen. Als der Buchhalter ihres Unternehmens sie schließlich wegen einigen größeren Abhebungen von den Geschäftskonten ansprach, hatte sie das Problem nicht mehr ignorieren können. Marks Spielsucht hatte schließlich dazu geführt, dass sie die Löhne und die Miete nicht mehr zahlen konnten.

Sie hatte Mark zur Rede gestellt, und er hatte sie tatsächlich davon überzeugen können, dass alles ihre Schuld war. Er warf ihr vor, dass sie sich in ihrer gesamten Ehe unnahbar verhalten habe und sich nie wirklich auf ihn eingelassen habe. Sie war schockiert, als sie diese Anschuldigungen hörte, doch im Nachhinein konnte sie sehen, dass Wahrheit in seinen Worten steckte. Es hatte in ihrem Leben nur einen Mann gegeben, den sie wirklich geliebt hatte – und der war immer unerreichbar für sie gewesen.

Sie hatte die gesamte Highschool-Zeit hindurch versucht, Drums Aufmerksamkeit zu erlangen, und schon seine Zurückweisung, als sie ihn gebeten hatte, sie zum Abschlussball zu begleiten, hatte sie tief getroffen. Doch das Entsetzen in seinem Gesicht, als sie sich an ihn schmiegte und ihm sagte, dass sie mit ihm ihr erstes Mal Sex erleben wollte, hatte richtig schlimme Narben hinterlassen.

Sie hatte Mark geheiratet, obwohl sie wusste, dass sie ihn nicht so liebte, wie sie es hätte tun sollen. Ein Fehler – aber vor allem war es herzlos von ihr gewesen, und sie hatte ihr ganzes Leben lang versucht, niemals herzlos zu Menschen zu sein. Ob die Dinge anders gelaufen wären, wenn sie ihn wirklich geliebt hätte, würde sie nie erfahren. Alles, was sie wusste, war, dass sie ihn dazu gebracht hatte, sein Glück woanders zu suchen, und das hatte einen hohen finanziellen und emotionalen Preis gefordert. Nachdem sie über ihre gemeinsame finanzielle Situation ins Bild gesetzt worden war, hatte Cin dafür gesorgt, dass jede Gehaltsabrechnung der Mitarbeiter aus ihrem Privatvermögen beglichen wurde. Aktuell war alles Geld, das sie und Mark besaßen, von seinen Gläubigern eingefroren worden.

Und das war der Grund, warum sie nach einem anstrengenden Tag in einem Job, von dem sie nie gedacht hätte, dass sie ihn jemals machen würde, in schlecht sitzenden Schuhen, in denen sie jetzt schon Blasen bekam, zu Fuß zu ihrem alten Familienhaus am Stadtrand lief. Plötzlich überrollte sie eine Welle von Ohnmachtsgefühlen. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie war dreißig Jahre alt – und sie hatte nichts. Doch ein paar Meter weiter blieb sie abrupt stehen.

„Cin, das ist lächerlich“, sagte sie laut. „Hör sofort auf, dich zu bemitleiden. Du hast einen Job, du hast zu essen, du hast ein Dach über dem Kopf. Und du hast eine Zukunft. Mach etwas daraus, auf das du stolz sein kannst.“

Zufrieden, dass sie es geschafft hatte, sich selbst zu motivieren, setzte sie ihren Weg entschlossen fort. Sie war noch nicht viel weiter gekommen, als ein Auto neben ihr hielt.

„Hey, Cin. Steig ein, ich nehme dich ein Stück mit.“

Sie blieb stehen und sah Drum, der dabei war, die Beifahrertür seines Elektro-SUVs zu öffnen. Er hatte Jackett und Krawatte abgelegt und ein paar Knöpfe seines Hemdes geöffnet. Ihr Blick wurde automatisch von dem V angezogen, das seinen Hals und einen kleinen Teil seiner gebräunten Brust zeigte. Ihr ganzer Körper reagierte mit einer mächtigen Welle der Sehnsucht, die ihr deutlich vor Augen führte, dass sich in all den Jahren nichts an ihren Gefühlen für Drummond Keyes geändert hatte. Abgesehen davon, dass sie heute eine erwachsene Frau war und kein schwärmender Teenager mehr. Was sie in diesem Moment spürte, war eine viel stärkere Version der komplexen körperlichen Anziehung von früher.

Cin seufzte innerlich. Sie würde sich nicht noch einmal seinetwegen zum Narren machen. Abgesehen davon war er ihr Boss. Ihren letzten Chef hatte sie geheiratet, und das war schließlich nicht besonders gut gelaufen.

„Wohnst du hier draußen?“, fragte sie.

„Nein. Aber Gil hat erwähnt, dass er dich in diese Richtung hat gehen sehen. Da habe ich mir gedacht, dass du auf dem Heimweg sein musst.“

„Ist schon okay, Drum. Ich brauche ein bisschen Bewegung. Ich habe die meiste Zeit des Tages auf meinem Hintern gesessen.“

„Du hast kein Auto?“, fragte er.

„Nee.“

Ihr geliebtes Hybridauto war zusammen mit allem anderen, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hatte, einkassiert worden.

„Komm schon, steig ein. Du musst müde sein nach dem langen Tag.“

„Im Ernst? Wir haben doch darüber gesprochen, Drum. Wie viele deiner Mitarbeiter fährst du normalerweise nach Hause?“

„Das hier fällt unter die Einhaltung meiner Verpflichtung gegenüber deinem Bruder.“

Was soll’s, dachte sie. Ihre Ferse würde bald komplett aufgescheuert sein, wenn sie so weitermachte, und selbst in ihrem Stolz wusste sie, wann es Zeit war, Hilfe anzunehmen.

Drum machte ein zufriedenes Geräusch, als sie auf den Beifahrersitz rutschte und die Tür schloss. „Weißt du, Cin, ich tue, was ich kann, um dir die Rückkehr nach Blossom Springs zu erleichtern. Mir ist klar, dass es nicht gerade einfach für dich ist, nach allem, was du durchgemacht hast.“

Cin fragte sich beklommen, wie viel er von ihrer erbärmlichen Geschichte kannte. Sie setzte ein übertrieben begeistertes Lächeln auf. „Ach, was bist du nur für ein netter Kerl! Danke, Drum. Aber egal, was Tanner dir erzählt hat, ich bin jetzt ein großes Mädchen. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

Er machte ein unbestimmtes Geräusch, das offenließ, ob er ihr zustimmte oder anderer Meinung war.

Wenige Minuten später bremste er den Wagen ab, um in ihre Einfahrt einzubiegen. Sie legte eine Hand auf seinen Unterarm.

„Du kannst mich hier aussteigen lassen. Du musst nicht bis zum Haus fahren.“

Wenn er bis zum Haus käme, müsste sie ihn aus Anstand hereinbitten müssen, und sie war sich nicht sicher, ob sie das schon verkraften konnte. Er war das letzte Mal nach der Beerdigung ihrer Mutter hier gewesen, und ihr war schmerzlich bewusst, dass sich das Haus inzwischen sehr zu seinem Nachteil verändert hatte. Zusammen mit einer dicken Staubschicht lag ein trauriger Hauch von Vernachlässigung und Leere über dem Ort.

Sie wusste, dass Tanner von Zeit zu Zeit nach dem Rechten sah. Doch er wohnte bei Drum, wenn er in die Stadt kam, und zweifellos waren alle Lebensmittel in den Schränken, sofern sie nicht schon weggeworfen waren, längst abgelaufen. Und die H-Milch und Cornflakes, die sie vorhin gekauft hatte, waren kaum etwas, das man einem Besucher anbieten konnte.

Zumindest waren Wasser, Strom und Gas wieder angestellt worden.

„Ich bringe dich zur Tür.“ Drums Stimme war leise und unnachgiebig, und Cin wusste, dass es besser war, ihm nicht zu widersprechen.

Aber hereinbitten würde sie ihn auf keinen Fall!

4. KAPITEL

Fünf Minuten später inspizierte Drum die Küchenschränke und den Kühlschrank.

„Na ja, er läuft noch, aber er muss auf jeden Fall gereinigt werden. Hast du das Putzzeug noch unter der Spüle?“

Er schickte sich an, zur Spüle zu gehen und nachzusehen, aber Cin stellte sich ihm in den Weg.

„Das hier ist mein Zuhause, Drum. Ich kümmere mich darum.“

Sie sah verärgert aus, also versuchte er es mit einer anderen Taktik.

„Das ist ein sehr großes Haus für eine Person. Ich schicke morgen ein Reinigungsteam vorbei. Betrachte es einfach als Willkommensgeschenk.“

„Nein, danke“, sagte sie mit einem Lächeln, das eher wie ein Zähneknirschen wirkte.

„Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen. Niemand erwartet von dir, dass du alles allein schaffst. Und ich weiß, dass Tanner normalerweise hier gewesen wäre, um dir zu helfen …“

„Ja, das ist richtig. Aber nun ist er eben auf einem Sondereinsatz. Er wird das nächste Mal, wenn er Urlaub hat, herkommen.“ Sie grinste. „Und er wird sich sicher freuen, dass ich sein Zimmer bis zum Schluss aufgespart habe.“

Erleichtert sah Drum, dass der gewohnte Schalk in ihre Augen zurückgekehrt war. Als sie das Haus betreten hatten, war nichts davon in ihrem Blick zu sehen gewesen. Das ganze Haus strahlte einen mitleiderregenden Hauch von Verwahrlosung aus, den man nur mit harter Arbeit wieder loswerden würde. Er war heilfroh, dass er darauf bestanden hatte, sie hineinzubegleiten.

Drum hatte keine Zweifel, dass Cin zu harter Arbeit fähig war, egal, wie perfekt zurechtgemacht sie heute Morgen in sein Büro gekommen war. Aber Sanderton House wieder zu einem Zuhause zu machen, bedeutete einen schönen Brocken Arbeit und eine Reihe von Investitionen. Die sie sich, wie er nach Tanners Telefonanruf wusste, definitiv nicht leisten konnte.

„Tanner wohnt normalerweise bei mir, wenn er in der Stadt ist. Er hat seinen eigenen Schlüssel und kommt und geht, wie er will. Das könntest du auch, bis du wieder auf den Beinen bist“, bot er an.

Sie hob nur eine Augenbraue.

„Jaja, Cin, ich weiß schon. Wie viele meiner Mitarbeiter lasse ich in meinem Haus … bla, bla, bla …“ Er schüttelte den Kopf. „Na schön. Du willst also nicht, dass ich die Reinigung bezahle, und du willst nicht bei mir unterkommen, bis dieses Haus wieder bewohnbar ist.“

„Das Haus ist bewohnbar, man muss sich nur ein bisschen drum kümmern“, beharrte sie. „Es gibt hier kein Problem, das man nicht mit heißem Wasser und Putzmittel beheben könnte.“

Jetzt war es an ihm, eine kritische Augenbraue zu heben.

„Okay, okay“, gab sie zu. „Es wird eine Weile dauern, aber wenn ich hier in der Küche anfange und mir dann ein Badezimmer und mein Schlafzimmer vornehme, kann ich mich schon wohlfühlen. Glaub mir.“ Sie machte eine ausladende Geste mit den Armen. „Das hier ist mein Zuhause. Mom und Dad haben hart dafür gekämpft, es zu behalten, als alles andere den Bach runterging. Ich würde ihnen einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich nicht wenigstens versuchen würde, es wieder in seinem alten Glanz erstrahlen zu lassen.“

Drum sah sie prüfend an. Sie musste noch immer unter den großen Veränderungen leiden, die sie in den letzten achtzehn Monaten erlebt hatte. Mit Sicherheit hätten sich die Gläubiger ihres Mannes auch auf dieses Haus gestürzt, wenn es nicht durch einen Familientrust geschützt gewesen wäre. Wenigstens hatten ihre Eltern in weiser Voraussicht dafür gesorgt, dass sie und Tanner immer einen Ort hatten, an den sie zurückkehren konnten.

Trotz ihres harten Schicksals hörte sich bei ihr alles so einfach an. Die meisten Menschen wären durch die Zerstörung ihrer Karriere und ihrer Ehe geschwächt worden, aber nicht Cin. Es war, als hätte sie ein Rückgrat aus purem Stahl. Als hätten ihre Schwierigkeiten sie nur noch stärker gemacht. Er konnte nicht anders, als sie zu bewundern.

Natürlich machte der gleiche Stahl sie zu einem unerträglich sturen Wesen, das keine Hilfe annehmen wollte. Aber er würde schon einen Weg finden.

„Gut“, stimmte er zu. „Aber versprich mir, dass du dich meldest, wenn du Hilfe brauchst. Ich bin bereit, willig und sehr geschickt.“

Bei seinen letzten Worten lachte sie. Es war das erste Mal, dass er die Hyacinth Sanderton von früher sah. Die ungebremste, selbstbewusste, unbekümmerte Cin, die er die meiste Zeit ihres Lebens gekannt hatte. Plötzlich spürte er, dass er dieses Mädchen fast schon schmerzhaft vermisste.

„Sei vorsichtig, was du anbietest, Drum. Vielleicht nehme ich dich beim Wort“, sagte sie kichernd. „Und es gibt bestimmt ein paar Spinnen, die hier in den Ecken lauern.“

Er unterdrückte ein Schaudern. Er kam mit so ziemlich allem klar, nur nicht mit Spinnen, und das wusste sie. „Nichts, womit eine Dose Insektenspray nicht fertig wird“, sagte er tapfer.

Sie lachte wieder, und der Klang reiner Freude durchdrang ihn und berührte Teile von ihm, die nicht auf diese Weise auf sie reagieren durften.

„Keine Sorge, Drum, dein kleines Geheimnis ist sicher bei mir. Danke, dass du mich nach Hause gefahren hast. Ich bringe dich noch zur Tür.“

Und so schickte sie ihn ohne Weiteres wieder auf die Straße. Ehe er sich versah, saß er in seinem Wagen und fuhr die Auffahrt hinunter. Eins musste er ihr lassen – sie hatte ihn mit so viel Charme und Höflichkeit hinausgeworfen, wie er es damals von ihrer Mutter bei mehr als einer Gelegenheit erlebt hatte. Gleichzeitig hatte sie es erfolgreich geschafft, jede Hilfe von ihm abzulehnen.

Aber da würde er schon noch einen Weg finden.

Aus einer plötzlichen Laune heraus rief er Tanner an, halb in der Erwartung, eine Nachricht hinterlassen zu müssen. Doch zu seiner Überraschung ging sein bester Freund sofort ans Telefon.

„Drum, wie geht’s? Hat dich meine Schwester schon in den Wahnsinn getrieben?“ Er konnte das Lächeln in Tanners Stimme hören.

„Allerdings. Du wirst mir noch sehr lange etwas schuldig sein“, sagte er gespielt düster. Doch dann musste er lachen. „Nein, im Ernst, ich bin überrascht, dass sie den Job nicht gleich wieder hingeschmissen hat. Sie arbeitet in der Reifenhalle und nimmt Buchungen entgegen, und es sieht aus, als würde sie sich dort gut machen.“

„In der Reifenhalle?“ Die Ungläubigkeit in Tanners Stimme brachte ihn wieder zum Lachen.

„Ja, und zwar in Sicherheitsschuhen und Firmenuniform.“

„Bestrafst du sie für irgendetwas aus der Vergangenheit, von dem ich nichts weiß?“, witzelte Tanner.

Eine Sekunde lang fragte sich Drum, ob Tanner von der Nacht wusste, in der Cin sich ihm an den Hals geworfen und ihn gebeten hatte, sie zu entjungfern. Doch er verdrängte diese unwillkommene Erinnerung schnell wieder aus seinen Gedanken. Wenn Tanner davon gewusst hätte, hätte er bestimmt etwas gesagt.

„Hör zu, ich weiß, dass es nicht das ist, was du erwartet hast, aber die Personalleitung hat mir versichert, dass das die einzige Position ist, die momentan zu besetzen ist. Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass sie zusagen würde, und ich bin mir nicht sicher, ob sie bleiben wird.“

„Sie wird bleiben. Wenn meine Schwester etwas ist, dann hartnäckig.“

„Allerdings. Ich erinnere mich gut.“

„Ja, sie war wirklich eine Nervensäge, als sie klein war. Apropos … Ist sie immer noch in dich …?“

„Ganz und gar nicht. Eigentlich will sie gar keine Zeit mit mir verbringen. Sie beruft sich darauf, dass ich ihr Chef bin.“

„Ja, man könnte sagen, dass sie in dieser Hinsicht eine starke Allergie entwickelt hat“, bemerkte Tanner trocken.

„Verständlich. Aber vielleicht könntest du mal mit ihr reden und ihr erklären, dass es in Ordnung ist, ab und zu Hilfe anzunehmen?“

„Ich kann es versuchen. Aber du weißt, wie stur sie sein kann.“

Der Rest des Gesprächs drehte sich um allgemeinere Dinge, und als sie das Telefonat beendeten, war Drum zuversichtlich, dass Tanner zufrieden war und dass er selbst es schaffen würde, Cin umzustimmen.

Cin umzustimmen? Er schüttelte den Kopf. Er würde nur in der Lage sein, ihr zu helfen, wenn er es schaffte, seine Hilfe als etwas anderes zu tarnen. Plötzlich kam ihm eine Idee, wie er ihr helfen konnte, ohne sich ihren Zorn zuzuziehen. Als der Plan in seinem Kopf Gestalt annahm, breitete sich ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

Sie würde keine Ahnung haben, wie ihr geschehen war.

5. KAPITEL

Cins Arbeitswoche ging auf das Ende zu, und sie war froh darüber. In ihrem Vertrag stand, dass ihre Arbeitszeiten montags bis freitags von acht bis fünf Uhr waren. Am Wochenende musste sie nur arbeiten, wenn jemand wegen Krankheit oder Urlaub vertreten werden musste. Das war vollkommen okay für sie, denn Keyes Tires zahlte einen fairen Satz für Überstunden, und das zusätzliche Geld würde sie gut gebrauchen können.

Doch in diesem Moment war sie einfach nur todmüde und freute sich auf ein langes Bad. Genau wie sie es gegenüber Drum angekündigt hatte, nahm sie in dem alten Haus einen Raum nach dem anderen in Angriff. In dieser Woche hatte sie die Küche, ihr Schlafzimmer und ihr Badezimmer geschafft, und da sie täglich bis spät in den Abend hinein arbeitete, um das Haus von Staub und Spinnweben zu befreien, war sie heute mehr als erschöpft.

Ein guter Napa Valley Chardonnay aus dem Keller ihrer Eltern und ein herrliches Bad waren genau das, was sie jetzt brauchte. Oh, und vielleicht etwas zu essen.

„Kommst du mit zu unserem After-Work-Freitag?“, fragte Gil, der zusammen mit den anderen Jungs dabei war, die Werkstatt aufzuräumen.

„Oh, nein, ich …“, begann Cin, aber Gil ließ sie nicht ausreden.

„Du darfst gar nicht nein sagen. Das ist eine wichtige Tradition bei uns. Noch wichtiger, weil es deine erste Woche hier ist.“

„Und warum hat mir niemand vorher davon erzählt?“

Gil zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Normalerweise steht das in dem Brief, den die Personalabteilung an alle neuen Mitarbeiter schickt. Komm einfach mit, wir gehen zu Curly’s, und die machen wirklich tolle Rippchen und Pommes.“

Cins Magen begann zu knurren. Sie hatte es noch nicht geschafft, richtig einzukaufen, und hatte am Wochenende eigentlich online Lebensmittel bestellen wollen. Dummerweise war ihr Gehalt noch nicht auf ihrem Konto eingegangen, als sie mittags nachgesehen hatte.

Die Aussicht auf eine kostenlose Mahlzeit war verlockender, als Gil ahnen konnte.

„Okay, also Rippchen, Pommes und einen Drink“, sagte sie. „Sehe ich okay aus?“ Sie zeigte auf ihre Uniform.

Er zog eine Grimasse. „Na ja, eigentlich machen sich alle ein bisschen schick“, sagte er vorsichtig.

Cins zaghafte Vorfreude wich bleischwerer Enttäuschung.

„Oh, dann lasse ich es wohl besser ausfallen.“

Sie hatte zu Hause noch ein paar Kleider, die bestimmt gut zu dem Anlass gepasst hätten, aber der Gedanke an den Fußmarsch oder die Busfahrt zu ihrem Haus und zurück machte die Idee auszugehen, sinnlos. Egal, wer das Abendessen bezahlte.

„Überlass das Problem einfach mir“, schlug Gil vor.

„Hast du hier irgendwo eine Kollektion Frauenkleider versteckt?“, fragte Cin lachend.

„Ich werde Carey um Hilfe bitten. Sie wird sich riesig freuen, dich dabei zu haben. Und wie ich schon sagte, es ist Tradition.“

Innerhalb weniger Minuten war Carey unten in der Reifenhalle. In der einen Hand hatte sie ein buntes Kleidchen und in der anderen ein paar Pumps.

„Gil sagt, du hättest nichts zum Anziehen für Curly’s. Du kannst dir das hier ausleihen. Hier, probier mal an.“

„Ich kann deine Sachen nicht annehmen, Carey“, wehrte Cin ab.

„Komm schon, ist nur eine Leihgabe. Sharon aus der Buchhaltung leiht mir ihre Ersatzbluse. Wenn ich die mit dieser Hose kombiniere, sieht das auch ziemlich schick aus.“

Carey lächelte sie so lieb an, dass Cin es nicht übers Herz brachte, abzulehnen. Sie folgte der Kollegin in die Damentoilette, wo sie sich in einer der Kabinen umzog. Cin hatte etwas größere Brüste als Carey, aber das kurze Kleid passte trotzdem perfekt. Das farbenfrohe, wilde Muster des Stoffs stand ihr definitiv besser als die grellen Farben ihrer Uniform. Carey stieß einen begeisterten Schrei aus, als Cin aus der Kabine kam und eine Drehung vollführte.

„Du siehst toll aus. Hast du Make-up dabei, oder willst du dir meins ausleihen? Ich habe einen Lippenstift, der perfekt zu diesem Kleid passt.“

Carey reichte ihr den Lippenstift, und Cin trug ihn sorgfältig auf. Als sie sich im Spiegel betrachtete, war sie überrascht über die Verwandlung. Ihr Spiegelbild erinnerte sie an ihr altes Ich in L.A. – die selbstbewusste, sorglose Frau, die gern sexy Kleidung trug. Sie lächelte Carey im Spiegel an.

„Danke. Ich fühle mich großartig.“

„Du siehst auch großartig aus. Ich bin so froh, dass du zugestimmt hast, das Kleid anzuprobieren. Wir sehen uns gleich bei Curly’s.“

Carey schoss zur Tür hinaus, und Cin warf noch einen letzten zufriedenen Blick in den Spiegel, bevor sie in die Reifenhalle zurückkehrte und ihr Outfit dem Team präsentierte. Der kleine Applaus war Balsam für ihr Ego.

Auf dem gemeinsamen Weg zu Curly’s flogen gutmütige Sticheleien durch die Luft, und Cin fühlte sich in dieser Atmosphäre der Kameradschaft gelöster als seit langem. Kurz darauf waren sie da, und ging man nach dem Parkplatz des Restaurants, war dort bereits richtig was los. Carey ging gerade mit ein paar anderen Frauen aus der Verwaltung durch die Vordertür. Als sie Cin sah, winkte sie ihr zu und grinste breit.

„Ich bin so froh, dass du heute Abend dabei bist.“

„Kostenloses Abendessen“, sagte Cin trocken. „Wer kann dazu schon nein sagen?“

Carey lachte. „Setzt du dich zu uns?“

Die jüngere Frau hatte die Ausgelassenheit eines aufgeregten Welpen, dachte Cin und beneidete Carey im Stillen um ihre unbeschwerte Fröhlichkeit.

„Sollte ich nicht bei meinem Team sitzen?“, fragte sie unsicher.

„Ach, mach dir keine Sorgen. Es gibt da keine Vorschriften. Mr. Keyes hat diesen Event ins Leben gerufen, damit jeder jeden kennenlernt. Er sagt, wir müssen alle im Kopf behalten, dass wir Bausteine desselben Ganzen sind und dass jeder gleich wichtig ist. Schöne Philosophie, finde ich.“

„Ja, das macht Sinn“, sagte Cin.

Sie entdeckte Drum, der sich an der Bar mit einer Gruppe von Kollegen unterhielt. Jemand sagte etwas, das ihn laut auflachen ließ, und Cin spürte, wie ihr ganzer Körper mit einer Welle der Sehnsucht reagierte.

„Normalerweise sitzen wir an der hinteren Wand dort drüben.“ Carey wies mit einer Hand auf einen Tisch, an dem sich bereits einige Mitarbeiter der Verwaltung in die Sitze gezwängt hatten. „Ich hole noch einen Krug Margaritas für uns alle. Bis gleich.“

Cin begann, sich durch das Gedränge zu kämpfen. Plötzlich spürte sie ein unangenehmes Kribbeln im Nacken. Sie drehte sich um, um zu schauen, woher das Gefühl kam. Nicht weit von ihr stand Jennifer Green bewegungslos in dem überfüllten Raum und sah sie an. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war purer Hass. Erschrocken tat Cin, was sie immer tat, wenn sie mit Schwierigem konfrontiert wurde. Sie zwang sich zu einem Lächeln und hielt dem Blick der anderen stand, bis diese sich schließlich abwandte.

Sie würde sich definitiv vor Jennifer in Acht nehmen müssen.

Als sie ihren Weg durch die Menschenmenge fortsetzte, wurde sie immer wieder angehalten und Leuten vorgestellt, die sie noch nicht kannte. Eine Menge Mitarbeiter kannten sie noch von der Highschool, und alle wollten wissen, was sie zurück in Blossom Springs machte. Sie schaffte es, alle Fragen bis auf die hartnäckigsten abzuwehren, doch dann war sie plötzlich bei einem Grüppchen von Leuten gelandet, an deren Rand auch Jennifer stand.

„Ja, wir sind alle so neugierig, Hyacinth“, erklang Jennifers schneidende Stimme. „Was machst du denn eigentlich hier?“

„Bitte, nenn mich Cin.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, beharrte Jennifer.

Sie ließ es so klingen, als hätte sie ein Recht darauf, Cins persönliche Angelegenheiten zu erfahren. Zum ersten Mal seit langer Zeit war Cin einen Moment lang sprachlos. In diesem Moment spürte sie eine feste und warme Präsenz in ihrem Rücken.

„Ich denke, Cins private Angelegenheiten sind genau das – privat“, ertönte Drums entschiedene Stimme hinter ihr. „Und ich denke, dass wir ihre Entscheidung respektieren sollten, diese nicht mit uns allen zu teilen.“

Es gab ihr Kraft, zu wissen, dass er hinter ihr stand, auch wenn sie gleichzeitig gegen ihre automatische Körperreaktion in seiner Nähe ankämpfen musste. Sie sah, wie Jennifers Gesicht rot vor Ärger wurde. Diese Frau hatte sie noch nie gemocht, und jetzt schien sie noch mehr Grund zu haben, Cin zu hassen. Doch Cin war nicht nach Hause gekommen, um einen Konflikt heraufzubeschwören. Sie schaffte es, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten und sagte: „Ist schon okay, ich kann gern erzählen. Mein Ex-Mann und ich hatten Schwierigkeiten, unsere Agentur während der Pandemie am Laufen zu halten, und unsere Ehe hat darunter gelitten, wie so viele andere auch. Jetzt, wo alles geklärt ist, erschien es mir sinnvoll, hierher zurückzukommen und einen neuen Anfang zu wagen. Und ich bin sehr dankbar, mit euch allen zusammenarbeiten zu dürfen.“

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab, um an Jennifer vorbei zu dem Tisch zu gehen, an dem Carey inzwischen mit den anderen und einem Krug Margarita saß.

„Ganz schöner Abstieg“, zischte Jennifer so leise, dass nur Cin sie hören konnte.

Cin würdigte sie keines Blickes. Doch in diesem Moment freute sie sich wirklich unsagbar auf ihre Margarita.

Der Rest des Abends verlief wesentlich angenehmer. Careys direkte Kollegen bildeten eine nette Truppe im Alter von Anfang zwanzig bis Mitte fünfzig, und es wurde viel gewitzelt und gelacht. Cin entspannte sich, genoss die Gesellschaft und erzählte auch die eine oder andere Geschichte aus ihrem Leben in L.A. Doch sie hatte ein langes Wochenende vor sich, an dem sie das Haus weiter aufräumen und versuchen wollte, Tanners altes Fahrrad in der vollgestellten Garage zu finden. Vielleicht konnte sie damit zur Arbeit fahren, bis sie sich ein neues Auto leisten konnte.

Also verabschiedete sie sich früh, schlüpfte in die Damentoilette und zog sich ihre Arbeitsschuhe für den Heimweg an.

Als sie aus dem Restaurant in die warme Abendluft trat, legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. Sie wirbelte blitzschnell herum und schlug instinktiv die fremde Hand weg.

„Hey, hey! Ich bin’s!“, rief Drum und trat einen Schritt zurück. „Ich wollte dich nicht erschrecken, sorry. Aber ich habe dich weggehen sehen, und ich weiß, dass du kein Auto hast. Ich fahre dich nach Hause.“

„Ich dachte, diese Diskussion hätten wir bereits geführt.“

„Genau, und ich habe gewonnen. Du kannst es mir nicht verübeln, wenn ich es nochmal versuche. Außerdem sorge ich immer dafür, dass meine Mitarbeiter am Freitagabend sicher nach Hause kommen. Curly hat die Anweisung, jeden, der mehr als zwei Drinks hatte, in ein Taxi zu setzen. Auf meine Rechnung.“

„Tja, ich hatte nur einen Drink. Also kann ich sehr gut zu Fuß nach Hause gehen.“

„Aber warum solltest du, wenn meine Märchenkutsche auf dich wartet?“

Cin schloss ihre Augen und atmete tief durch die Nase ein. Keine gute Idee, denn das bedeutete, dass sie einen Hauch seines Aftershaves einatmete. Und dieser Duft machte verrückte Dinge mit ihrem Inneren. Sie spürte Wärme und ein angenehmes Kribbeln – und zwar an Körperstellen, an denen sie besser nichts fühlen sollte in diesem Moment.

„Okay, du kannst mich nach Hause fahren.“

„Danke.“

Cin schaute ihn verwundert an. „Du bedankst dich bei mir?“

„Klar, ich habe schließlich Manieren, und ich bin dankbar, dass du dich heute Abend nicht mit mir streitest.“

„Drum, ich habe eine Mitfahrgelegenheit angenommen, sonst nichts.“

Er lachte. „Das ist mir klar. Na komm.“

Es dauerte nicht lange, und sie fuhren ihre Einfahrt hoch. Die automatische Beleuchtung ging an, als sich der Wagen der Haustür näherte.

„Es ist immer noch ein sehr schönes Haus“, sagte er, als sie zum Stehen kamen. „Hast du eigentlich vor, für immer hier zu bleiben?“

Sie starrte auf das zweistöckige Haus mit seiner großen Veranda und den Säulen im griechischen Stil. Es strahlte eine zeitlose Eleganz aus, die auch die Vernachlässigung nicht völlig auslöschen konnte.

„Das würde ich gern. Und es ist auch nicht gerade so, dass ich mir etwas anderes leisten könnte.“

„Du musst das Haus nicht ganz allein wieder herrichten, weißt du.“

„Meldest du dich als freiwilliger Helfer?“, fragte sie lachend.

„Ich habe in meinem Leben schon den einen oder anderen Hammer geschwungen.“

„Da bin ich mir sicher, aber im Moment versuche ich immer noch herauszufinden, was überhaupt gemacht werden muss – und wie ich das finanziell stemmen kann. Und natürlich, wie ich die Überwürfe von den Möbeln bekomme, ohne eine ernsthafte Hausstauballergie auszulösen.“ Sie zwang sich zu einem Lachen, um den Ernst ihrer Worte abzumildern, aber sie wusste, dass sie ihr Ziel verfehlt hatte, als er zu sprechen begann.

„Dabei helfe ich dir auch gern.“ Er sah sie einen Moment mit ernster Miene an. „Wann immer du willst.“

Sie blickte wieder auf das Haus, um sich nicht in seinem Blick zu verlieren. Es wäre so einfach, auf sein Angebot einzugehen. Aber war es nicht genau das, was sie in ihre jetzige Situation gebracht hatte? Sie hatte alles einem Mann überlassen, und das war komplett schiefgegangen. Sie wusste nicht, ob sie jemals wieder so ein Wagnis eingehen konnte. Die Zerstörung ihres Lebens in L.A. hatte sie gebrochen und voller Wunden zurückgelassen, und sie hatte schreckliche Angst, irgendjemandem außer sich selbst zu vertrauen.

Gleichzeitig wusste sie, dass sie es früher oder später versuchen musste. Was blieb ihr, wenn sie es nie wieder wagte?

6. KAPITEL

Am Samstagmorgen fuhr Drum wieder die Auffahrt zu Cins Haus hoch. Er war früh am Morgen in den örtlichen Baumarkt gegangen und hatte den Kofferraum seines SUVs vollgeladen mit allen möglichen Dingen, die die Reinigungsarbeiten im Haus erleichtern würden. Außerdem war er, nachdem er Cin am Vorabend nach Hause gebracht hatte, noch einmal zu Curly’s gegangen und hatte ein paar Leute aus dem Team zusammengetrommelt. Jeder, mit dem er gesprochen hatte, war mehr als bereit gewesen, Cin auf die eine oder andere Weise zu helfen.

Er stieg aus dem Wagen, öffnete die Heckklappe und begann, alles auszuladen.

„Was tust du da bitte?“, ertönte Cins Stimme von der Veranda vor dem Haus. Er schaute auf. Er hatte fast vergessen, wie sie in einer alten Jeans und einem eng anliegenden T-Shirt aussah. Aber nur fast – seine körperliche Reaktion auf ihre jugendliche Schönheit war ihm sehr vertraut. Nicht zum ersten Mal erinnerte er sich streng daran, dass sie tabu war.

„Ich bin hier, um zu helfen.“

„Ich kann mich nicht erinnern, dein Angebot angenommen zu haben.“

„Und ich kann mich nicht erinnern, dass du es abgelehnt hättest.“

„Drum …“ Ihre Stimme brach ab, als sie sah, wie mehrere Autos die Einfahrt hochfuhren. „Was ist denn hier los?“

„Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Hier sind deine Römer.“

Er stellte den Stapel Eimer ab, den er in der Hand hielt, und begann, den Rest auszuladen. Müllsäcke, Reinigungstücher, Gummihandschuhe, Desinfektionsmittel, Fußbodenpolitur – so ziemlich alles, was ihm in den Kopf gekommen war.

Cin kam die Treppe herunter und setzte sich kopfschüttelnd auf die Ladefläche seines SUVs. „Ich werde dir das natürlich alles bezahlen, sobald mein Gehalt eingegangen ist.“

„Du hast noch kein Gehalt bekommen?“

„Nein. Ich dachte, ich würde wöchentlich bezahlt werden, aber vielleicht habe ich mich geirrt.“

Drum presste die Lippen aufeinander. Nein, sie hatte sich nicht geirrt. Er hatte immer darauf bestanden, dass seine Mitarbeiter wöchentlich bezahlt wurden. In seiner Kindheit hatte es Wochen, Monate und manchmal auch Jahre gegeben, in denen das Geschäft seines Vaters sehr schlecht gelaufen war. Drum hatte immer wieder erlebt, wie seine Mutter sorgfältig sparte, jeden Penny umdrehte und selbst permanent verzichtete, damit er und seine Schwester nie zu kurz kamen. Dieses Schicksal würde er seinen Mitarbeitern und ihren Familien niemals zumuten.

„Ich kümmere mich darum“, sagte er grimmig. Er wusste genau, wer dafür verantwortlich war, dass Cin noch kein Gehalt bekommen hatte.

„Nein, bitte nicht. Ich mach das selbst.“

Der Parkplatz vor dem Haus begann sich zu füllen, und die Angekommenen winkten einander fröhlich zu und luden geschäftig ihre mitgebrachten Putzutensilien aus.

„Drum, warum sind all diese ...

Autor

Joanne Rock
Joanne Rock hat sich schon in der Schule Liebesgeschichten ausgedacht, um ihre beste Freundin zu unterhalten. Die Mädchen waren selbst die Stars dieser Abenteuer, die sich um die Schule und die Jungs, die sie gerade mochten, drehten. Joanne Rock gibt zu, dass ihre Geschichten damals eher dem Leben einer Barbie...
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Janice Maynard
Janice Maynard wuchs in Chattanooga, Tennessee auf. Sie heiratete ihre High-School-Liebe während beide das College gemeinsam in Virginia abschlossen. Später machte sie ihren Master in Literaturwissenschaften an der East Tennessee State University. 15 Jahre lang lehrte sie in einem Kindergarten und einer zweiten Klasse in Knoxville an den Ausläufern der...
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