Baccara Collection Band 492

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  • Erscheinungstag 27.12.2025
  • Bandnummer 492
  • ISBN / Artikelnummer 9783751530842
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Michelle Major, Brenda Jackson, Cindi Myers

BACCARA COLLECTION BAND 492

Michelle Major

1. KAPITEL

Poppy Fortune traten Tränen in die Augen, als sie die Worte las, die auf das quadratische Kissen gestickt waren, das sie gerade ausgepackt hatte. „Hier wohnt die Liebe“, flüsterte sie und sah ihre Mutter über den Küchentisch hinweg an. „Es ist wunderschön. Danke, Mom.“

Shelley Fortune strich ihr über die Wange. „Ich bin so stolz auf dich, Süße. Ich hoffe, das Kissen erinnert dich daran, wer du bist und was du Großartiges geleistet hast.“

„Bisher habe ich gar nichts gemacht“, entgegnete Poppy lächelnd. „Die eigentliche Leistung erbringe ich erst, wenn ein Kind bei mir untergebracht ist. Laura, meine Sachbearbeiterin, sagt, dass es zwischen zwei Tagen und zwei Monaten dauern kann.“

Es hatte mehrere Monate gedauert, die offizielle Anerkennung als Pflegemutter zu bekommen. Sie musste die Stunden, die sie für die Ausbildung brauchte, mit ihrem anspruchsvollen Job als Geschäftsführerin des Spa auf der Fortune’s Gold Ranch vereinbaren, einem Anwesen in Emerald Ridge, Texas, das seit Jahrzehnten im Besitz ihrer Familie war. In der Weihnachtszeit war das Spa immer sehr gut besucht. Die Gäste wollten sich vor den Feiertagen verwöhnen lassen oder nach der hektischen Zeit entspannen. In den ersten Januarwochen waren die Buchungen konstant geblieben, aber jetzt war es Februar, und die Winterflaute hatte eingesetzt.

Heute hatte sie die Nachricht über ihre Anerkennung als Pflegemutter erhalten. Und ihre Mom, die Einzige in der Familie, die ihren Wunsch, Pflegemutter zu werden, ernst zu nehmen schien, hatte auf einem Abendessen zur Feier des Tages bestanden.

Poppys Vater Garth war bis zum nächsten Morgen nicht in der Stadt. Ihre Brüder Rafe und Shane waren mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, und so wurde es ein Mädelsabend, etwas, was ihre Mutter und sie nicht mehr oft hatten.

„Wir feiern deine Entscheidung und dein Engagement, Kindern zu helfen, die einen sicheren Ort zum Leben brauchen.“ Shelly stand auf und rührte das Pilzrisotto um, Poppys Lieblingsgericht, das auf dem Herd köchelte.

Poppy liebte ihren Vater und ihre Brüder, aber sie verstanden ihren Wunsch nicht, Pflegemutter zu werden. Vielleicht galt das auch für ihre Mutter, aber Shelley gab ihr zumindest das Gefühl, dass sie sie unterstützte, egal, welchen Weg sie einschlug.

Das war etwas, was sie auch den Kindern geben wollte, die durch dieses Vorhaben in ihr Leben traten. Poppy war als Mitglied der berühmten Fortune-Familie und eine der Erbinnen eines Anwesens, zu dem eine bekannte Rinderfarm, eine florierende Ferienranch und ein Spa gehörten, sehr privilegiert aufgewachsen. Noch wichtiger war jedoch, dass sie von ihren Eltern, die eine sehr glückliche Ehe führten, bedingungslos geliebt wurde. Sie selbst war mit ihren dreißig Jahren noch weit davon entfernt, die Familie zu gründen, die sie glücklich machen würde.

Nach einer geplatzten Verlobung und einer Reihe wenig erfolgreicher Beziehungen hatte Poppy die Hoffnung auf ein Leben mit Mann und Kindern weitestgehend aufgegeben. Und nach all den Jahren gab es immer noch einen Mann, der großen Platz in ihren Gedanken und ihrem Herzen einnahm, wenn sie es zuließ.

Leo Leonetti.

Sie waren nur kurz zusammen gewesen, aber war noch immer derjenige, an dem sie jeden anderen Mann maß. Leider reichte keiner an ihn heran, aber noch trauriger war, dass sie insgeheim immer noch für einen Mann brannte, der ihr unmissverständlich gesagt hatte, dass er keine Beziehung wollte. Sie hatte mit dem Leben weitergemacht, doch die Erinnerung an die glückliche Zeit mit ihm war geblieben.

Ihre Zweifel daran, irgendwann den Mann ihrer Träume zu finden, änderten jedoch nichts daran, dass sie viel Liebe geben konnte. Als Pflegemutter konnte sie etwas in der Welt bewirken.

Sie wusste, dass diese Aufgabe Herausforderungen und möglicherweise Kummer mit sich bringen würde, aber sie war entschlossen, ihr Bestes zu geben. Sie würde jedem, der ihr Haus betrat, eine sichere und liebevolle Umgebung schenken, so wie sie sie in ihrem Elternhaus erlebt hatte.

Während ihre Mutter das Risotto rührte, wehte der Duft von erdigen Pilzen durch die Küche. Ihre Eltern teilten sich das große Haupthaus, den Mittelpunkt der Ranch, mit ihrem Onkel Hayden und ihrer Tante Darla. Ihr Großvater hatte testamentarisch festgelegt, dass die Fortune-Brüder aus der Generation ihres Vaters zusammenlebten. Auch wenn ihr Vater und ihr Onkel nicht immer gut miteinander auskamen, gelang es ihnen, ihre jeweils drei Kinder unter einem Dach großzuziehen.

Es gab genug Platz für alle, und die Familie hatte ursprünglich in getrennten Flügeln gelebt, sodass sich die Streitigkeiten zwischen den Brüdern in Grenzen hielten. Erst in den letzten Jahren hatten Poppy und ihre Brüder eine enge Beziehung zu ihren Cousins und ihrer Cousine aufgebaut. Alles begann, als ihr Cousin Drake und ihr Bruder Rafe das Gift of Fortune ins Leben riefen, eine von der Familie gesponserte Initiative, die es verdienten Mitbürgern ermöglichte, eine Woche lang kostenlos auf der Ranch verwöhnt zu werden.

Ihr Vater und ihr Onkel verstanden sich besser, nachdem Garth und Hayden sich aus dem Tagesgeschäft der Ranch zurückgezogen hatten, aber die beiden älteren Fortune-Paare lebten immer noch getrennt im selben Haus. Poppy begrüßte es, dass es dank der Renovierungsarbeiten, die ihr Vater und ihr Onkel vor einigen Jahren durchgeführt hatten, zwei große Küchen gab. Ihre Familie benutzte die ursprüngliche Küche des Hauses, die trotz der hochmodernen Ausstattung gemütlich wirkte und dazu einlud, sich zu einer Tasse Tee oder einer selbstgekochten Mahlzeit an den runden Eichentisch zu setzen, an dem leicht zehn Personen Platz fanden. Poppy hatte ihre eigene Küche nach diesem Vorbild eingerichtet, wenn auch in viel kleinerem Maßstab.

„Ich hole Schüsseln und mische den Salat“, sagte sie zu ihrer Mutter und stand auf.

„Und bring Sektgläser mit“, sagte Shelly. „Wir wollen auf deine neue Aufgabe anstoßen.“

In dem Moment klingelte es an der Tür. Sowohl Poppy als auch ihre Mutter drehten sich zu dem ungewohnten Geräusch um. Nur selten kam jemand unangemeldet in das große Haus der Fortune’s Gold Ranch, auch FGR genannt. Die meisten Besucher gingen direkt ins Büro der Ranch oder ins Spa.

„Wer kommt denn zur Abendbrotzeit?“, fragte Shelley. Sie schaltete den Herd aus und gab einen Deckel auf den Topf.

„Keine Ahnung. Ich schaue nach.“

Die Sonne war bereits untergegangen, aber es war noch nicht ganz dunkel, sodass Poppy durch eines der Fenster, die die hohe Eingangstür umgaben, die Silhouette einer Frau erkennen konnte. Sie unterdrückte ein Stöhnen, als sie die Frau erkannte, setzte jedoch ein freundliches Gesicht auf, bevor sie die Tür öffnete, um Courtney Wellington zu begrüßen, die die Ranch nebenan besaß. Es hieß, Courtney und der mittlerweile verstorbene Mr. Wellington hätten sich in Dallas kennengelernt und schon einen Monat nach dem Kennenlernen geheiratet. Die Einheimischen vermuteten, dass Courtney die Treibende in der Beziehung gewesen war. Sie hatte gerade die zweite Scheidung hinter sich gehabt, als sie den reichen Rancher kennenlernte, der zwanzig Jahre älter war als sie.

„Hallo, Courtney.“

„Ich dachte mir doch, dass es dein Bronco ist, der in der Einfahrt steht“, sagte die Frau zur Begrüßung. „Nicht zu übersehen.“

Poppy sah an Courtney vorbei, die eine knallpinke Hose, ein mit Glitzerkram besetztes T-Shirt und einen Jeansblazer anhatte. Ein auffälliges Outfit für Emerald Ridge, einer Stadt, in der die meisten Leute Freizeitkleidung oder Cowboy-Chic trugen. Sie sah lächelnd zu ihrem knallroten SUV. „Rot ist meine Lieblingsfarbe.“

Courtney gab einen unverbindlichen Laut von sich. Ihre langen, künstlichen Wimpern senkten sich, als sie Poppy kurz musterte. „Schön, dass wenigstens etwas an dir auffällt. Ist deine Mutter zu Hause? Vermutlich ja, da du hier bist.“ Sie schenkte Poppy ein Lächeln, das an einen zähnefletschenden Kojoten erinnerte. „Ich bin überrascht, dass ein junges, unverheiratetes Mädchen wie du am Wochenende zu Hause rumhängt. So angelst du dir keinen Mann.“

Poppy blinzelte und vergaß das Nettsein. Sie öffnete den Mund, um eine bissige Antwort zu geben, doch in dem Moment spürte sie die Hand ihrer Mutter auf ihrer Schulter.

„Hallo, Courtney“, sagte Shelley freundlich. „Was führt dich hierher?“

„Ich war auf dem Heimweg aus der Stadt, und da du erwähnt hast, dass Garth nicht da ist, dachte ich, ich schaue mal vorbei. Ich habe eine Flasche Wein mitgebracht. Ich dachte, wir könnten ein Gläschen darauf trinken, dass wir den Januar überstanden haben. Ich mag die kurzen und kalten Tage überhaupt nicht. Aber einen Wintermonat haben wir jetzt hinter uns. Darauf müssen wir anstoßen.“

„Du kannst gern mit uns auf meine Tochter anstoßen.“ Shelley trat einen Schritt zurück und zog Poppy mit sich, damit Courtney eintreten konnte.

„Es ist ein Wein von Leonetti Vineyards.“ Courtney zwinkerte Poppy zu. „Warst du nicht mal mit Leo zusammen? Was für ein Fang. Er ist ein unglaublich attraktiver Mann. Schade, dass du ihn nicht halten konntest.“

Poppy widerstand dem Drang, mit dem Fuß aufzustampfen. Sie wollte Courtney nicht in ihrer Nähe haben, schon gar nicht, dass sie das festliche Abendessen mit ihrer Mutter ruinierte oder sie an gescheiterte Liebesbeziehungen erinnerte.

„Neuer Job?“ Courtney reichte Poppy den Wein und folgte Shelley durchs Haus. „Neuer Freund?“ Sie kicherte, als hätte sie einen urkomischen Witz gemacht.

„Poppy hat die Anerkennung als Pflegemutter bekommen.“ In Shelleys Stimme schwang Stolz mit.

„Wow“, murmelte Courtney. „Das ist wirklich etwas.“

Poppy rang sich ein Lächeln ab. „Ich freue mich darauf, Kindern, die vorübergehend ein stabiles Zuhause benötigen, dieses geben zu können.“

Ihre Mutter holte eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank und ging dann ins Esszimmer, um noch ein Glas zu holen.

„Es scheint für dich okay zu sein, dass du kein Dating-Leben hast“, sinnierte Courtney und setzte sich auf einen der Lederdrehstühle an der Kücheninsel.

„Ich glaube nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat.“

„Oh, doch“, erwiderte Courtney. Sie griff in ihre Tasche, um ihr Handy herauszuholen. „Begehrte Junggesellen stehen nicht unbedingt auf Frauen, an deren Rockzipfel Kinder hängen.“

Einen Moment herrschte Schweigen. Shelley schien ebenso verblüfft wie Poppy über die Unhöflichkeit der aufdringlichen Nachbarin.

„Ich meine, es ist eine selbstlose und bewundernswerte Sache, die du da tust“, fügte Courtney schnell hinzu, als sie merkte, dass sie zu weit gegangen war. „Hut ab, dass du so ein guter Mensch bist. Das muss gefeiert werden.“

„Danke.“ Poppy hatte Mühe zu lächeln.

„Zumal deine eigene biologische Uhr tickt.“

„Lasst uns den Champagner öffnen“, sagte Shelley.

„Ein dreifaches Hoch auf die wunderbare Poppy“, stimmte Courtney zu, was nicht wie ein Kompliment klang. „Eigentlich bin ich froh, dass du hier bist.“ Sie kramte wieder in ihrer Tasche. „Ich wollte dies hier deiner Mutter geben, aber du kannst ja selbst einen Blick darauf werfen.“

„Ein Blick auf …?“ Poppy konnte sich nicht vorstellen, dass sie irgendetwas sehen wollte, was Courtney Wellington anzubieten hatte.

„Produkte aus Annelises Hautpflegeserie AW Glow-Care.“ Courtney legte drei kleine Tuben auf die Theke. „Das sind natürlich Probegrößen, aber du wirst die hervorragende Qualität schon nach einer Anwendung erkennen. Meine Stieftochter ist sehr talentiert. Ich finde, dass dein Spa ihre Produkte führen und anwenden sollte. Das wäre eine große Verbesserung gegenüber …“

Sie unterbrach sich, als ihr Telefon klingelte. „Entschuldigt mich, da muss ich rangehen. Etwas Geschäftliches.“ Courtney nahm den Anruf entgegen. „Hallo? Hier spricht Mrs. Wellington …“ Mit dem Telefon am Ohr sprang sie von ihrem Stuhl und verließ die Küche. „Sagen Sie mir genau, was ich wegen Ihres Problems tun soll.“ Mehr war nicht zu verstehen, da sie um die Ecke verschwand.

„Sie meint es gut“, sagte Shelley mit einem schwachen Lächeln.

Poppy lachte auf. „Sie ist und bleibt eine falsche Schlange.“

Shelley verkniff sich ein Lachen und ließ den Korken des Champagners knallen. „Du kannst unsere nächste Nachbarin doch nicht mit einem giftigen Reptil vergleichen.“

„Wenn’s doch passt“, murmelte Poppy und schraubte den Deckel von einer Probe ab. Sie hatte kein Problem mit Courtneys Stiefkindern. Jax war ein Jahr älter als sie und Annelise ein paar Jahre jünger. Sie verkehrten nicht in denselben Kreisen, aber sie mochte die junge Frau.

„Ich frage mich, warum Annelise nicht direkt zu dir gekommen ist, um ihre Hautpflegeserie vorzustellen?“ Shelly schenkte den Champagner ein.

„Vielleicht, weil sie nicht so aufdringlich und manipulativ ist wie andere Leute, die ich kenne.“ Poppy rieb sich die reichhaltige Creme auf den Handrücken. „Wow. Sie riecht fantastisch.“

„Könntest du dir vorstellen, die Serie im Spa zu führen?“

„Auf jeden Fall. Wir beziehen bereits die meisten unserer Produkte von texanischen Firmen. Eine qualitativ hochwertige Pflegeserie von einem lokalen Unternehmen anzubieten, das zudem noch von einer Frau geführt wird, wäre noch besser. Ich werde Annelise nächste Woche anrufen und ein Treffen vereinbaren, um mehr über die Inhaltsstoffe und die Produktion zu erfahren. Die Idee gefällt mir.“

„Vielleicht ist es doch gut, dass Courtney vorbeigekommen ist.“

Poppy verdrehte die Augen.

„Warum sind Rancharbeiter so schwierig im Umgang?“, fragte Courtney mit einem verärgerten Seufzer, als sie in die Küche zurückkehrte. „Schenk mir bitte bis zum Rand ein, Shelley Darling.“

Courtney schien auf das meiste, was sie sagte, keine Antwort zu erwarten. Sie war eine Frau, die ganz klar in den Klang ihrer eigenen Stimme verliebt war. Poppy tauschte einen Blick mit ihrer Mutter. In dem Moment klingelte es erneut an der Tür.

„Ich gehe schon.“ Poppy eilte zur Haustür. Ein Besucher an einem kalten Winterabend war schon seltsam. Aber zwei?

Doch niemand stand vor der Tür, als sie öffnete. Noch seltsamer. Sie wollte gerade die Tür wieder schließen, als etwas sie zu Boden blicken ließ.

„Was zum …?“ Auf der Veranda stand ein weißer Wäschekorb. Darin lag, eingewickelt in eine blaue Decke, ein Baby.

2. KAPITEL

Poppy hob den Korb auf, stieß die Tür mit dem Absatz zu und eilte zurück in die Küche. Sie wollte nicht rufen und damit riskieren, das schlafende Baby zu wecken. Ein Neugeborenes, wie es aussah. Wegen der blauen Decke und der Baumwollmütze mit den Flugzeugen, die sich eng um das Köpfchen schmiegte, vermutete sie, dass es ein Junge war.

„Ich habe schon ohne dich getrunken“, sagte Courtney und hielt ihr halb geleertes Glas hoch.

Poppy ignorierte sie. „Mom, ruf den Notarzt! Jemand hat ein Baby vor die Tür gelegt.“

Die beiden älteren Frau schnappten erschrocken nach Luft. Poppy stellte den Korb auf den Küchentisch und atmete tief durch. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren. Dies war nicht der richtige Moment, panisch zu werden.

„Hallo, Sweetheart“, gurrte sie, als sie das Baby aus der Decke wickelte. Es trug einen blauen Strampelanzug. Ihr Blick blieb an dem Namen hängen, der aufgestickt war. „Du heißt Joey“, sagte sie zu dem Baby, als sie es aus dem Korb hob.

„Wie ist das Ding hierhergekommen?“, fragte Courtney.

„Es ist ein Baby“, sagte Poppy entrüstet. „Ich weiß nicht, wie es auf unsere Veranda gekommen ist.“ Sie konnte ihre Mutter hören, die am anderen Ende des Raumes mit der Notrufzentrale sprach. „Es war niemand da, als ich die Tür öffnete.“

„Ein Krankenwagen ist auf dem Weg“, berichtete Shelley, als sie wieder zu ihnen kam. „Friert er?“

Poppy schüttelte den Kopf und schaute auf die winzige Gestalt in ihren Armen. Joeys Mund bewegte sich für ein paar Sekunden, aber er schlief weiter.

Courtney trat ein paar Schritte zurück. „Ich gehe jetzt besser“, flüsterte sie, die Stimme hohl, als stünde sie unter Schock.

„Da ist ein Zettel“, sagte Poppy zu ihrer Mutter, zeigte auf den Kopf und ignorierte Courtney.

Shelley nahm das Stück Papier. „‚Das Baby ist ein Fortune‘“, las Shelley langsam vor. Ihre Augen weiteten sich. „‚Bitte kümmert euch um ihn, denn ich kann es nicht.‘“

Courtney schnappte wieder nach Luft, das Geräusch zerrte an Poppys Nerven. „Das arme Mädchen muss völlig verzweifelt gewesen sein, dass es das Baby auf der Veranda von Fremden zurücklässt. Obwohl … irgendjemand in diesem Haus scheint kein Fremder für sie zu sein.“

Poppys Magen krampfte sich bei Courtneys Worten zusammen, die nächsten Worte stießen ihr noch saurer auf. „Welcher deiner Jungs ist wohl dafür verantwortlich? Oder vielleicht einer deiner Neffen? Oder …“

Poppy und Shelley starrten die Frau an.

„Oder was?“, fragte Poppy.

„Ein Mann kann noch ein Kind zeugen, wenn er die besten Jahre hinter sich hat.“ Courtney zuckte mit den Schultern, als Shelley sie entgeistert ansah. „Ich meine nur …“

„Hast du nicht gerade gesagt, dass du gehen willst?“ Poppy drehte sich so, dass Courtney keinen direkten Blick mehr auf das Baby hatte. Der Drang, das ausgesetzte Kind zu beschützen, war fast überwältigend.

„Ich bringe dich an die Tür.“ Shelley umfasst Courtneys Ellbogen. „Bitte erzähl niemandem von dem Baby, bis wir mehr Informationen haben.“

„Euer Geheimnis ist bei mir sicher“, hörte Poppy Courtney versprechen, als Shelley sie hinausbegleitete.

„Wessen Geheimnis bist du, kleiner Mann?“, fragte sie das Bündel in ihren Armen, als sie allein in der Küche war. Als ob es auf ihre Stimme reagierte, blinzelte das Baby und starrte sie aus den klarsten blauen Augen an, die sie je gesehen hatte.

„Du bist jetzt in Sicherheit“, versprach sie Joe, als könnte er sie verstehen. „Nichts und niemand wird dir wehtun, solange ich da bin.“

Das Baby holte tief Luft, bevor es die Augen wieder schloss.

„Die Sanitäter sollten bald hier sein“, sagte Shelley, als sie wieder in die Küche kam. Sie betrachtete das Baby einen langen Moment, dann kramte sie im Korb. „Ein paar Windeln, ein Fläschchen und eine Dose Milchpulver“, sagte sie und sah ihre Tochter besorgt an. „Ich verstehe das nicht, Poppy.“

„Ich auch nicht, Mom, aber wenn ich die Erlaubnis vom Sozialamt bekomme, kümmere ich mich um das Baby, bis wir mehr wissen.“ Ihr Blick fiel auf den Zettel. „Meinst du wirklich …“

Ein Klopfen an der Haustür unterbrach ihre Frage. Nicht, dass sie sie laut hätte stellen müssen. Shelley fragte sich bestimmt dasselbe wie Poppy. Könnte einer ihrer Brüder oder, Gott bewahre, ihr Vater der Erzeuger des Kindes sein? Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass einer der Männer, die mit ihr verwandt waren, einer Frau das Gefühl gab, keine andere Wahl zu haben, als ein Baby auszusetzen.

Die Sanitäter, eine junge Frau mit einem dicken Zopf und ein grauhaariger Mann, betraten die Küche. Widerstrebend übergab Poppy das Baby und beobachtete, wie sie die ersten Untersuchungen durchführten. Laut der Frau, Monica, wie auf dem Namensschild stand, waren alle Werte normal. Sie und ihr Kollege Stan arbeiteten effizient, aber nicht besonders liebevoll – zumindest fand Poppy das.

Sie weigerten sich auch, Poppy im Krankenwagen mitfahren zu lassen, als sie Joey ins Krankenhaus brachten.

Nachdem sie die Haustür geschlossen hatte, drehte sie sich zu ihrer Mutter. „Ich fahre ins Krankenhaus.“

„Wir müssen ein Familientreffen einberufen“, sagte Shelley im selben Moment.

„Erst, wenn ich sicher bin, dass es Joey gut geht.“

„Die Ärzte und Schwestern kümmern sich um ihn.“

„Nicht so, wie ich es tun würde.“ Poppy griff nach den Händen ihrer Mutter und drückte sie. „Ich verstehe das Ganze genauso wenig wie du, aber die Tatsache, dass er am Abend, nachdem ich meine Anerkennung als Pflegemutter bekommen habe, vor unsere Tür gelegt wurde, ist ein Zeichen, Mom. Ich soll ein Teil von Joeys Leben sein, zumindest vorübergehend.“

Shelley sah aus, als wollte sie widersprechen, und Poppy verstand die Angst, die sie in den blauen Augen ihrer Mutter sah. Das Rätsel, wer Joeys Mutter und Vater waren, würde irgendwann gelöst werden, aber was auch immer sie herausfanden, es könnte die Fortunes in Emerald Ridge in ihren Grundfesten erschüttern.

Dennoch, im Moment war nichts wichtiger als das Baby.

Früher hatte sie davon geträumt, ein eigenes Kind zu haben, vielleicht hatte sie sich sogar ein Kind mit den seelenvollen brauen Augen von Leo Leonetti vorgestellt. Aber diese mädchenhafte Fantasie hatte sie aufgegeben, zusammen mit ihrem Glauben an die wahre Liebe. Doch sie wusste, dass die Fürsorge für ein Baby, das jemanden brauchte, die Liebe war, die sie im Überfluss geben konnte.

„Halt mich auf dem Laufenden.“ Shelley umarmte sie. „Ich rufe deinen Vater und deinen Onkel an und sage ihnen, was passiert ist. Die Sanitäter haben gesagt, dass auch die Polizei kommen wird, um zu ermitteln. Wir werden bald wissen, wohin Joey gehört.“

Poppy nickte. Dann nahm sie ihre Tasche und Jacke und eilte zu ihrem Auto. Von unterwegs würde sie ihre Sachbearbeiterin anrufen, um sich als Pflegemutter für das Kind eintragen zu lassen. Trotz der Worte ihrer Mutter hatte Poppy das seltsame Gefühl, dass der süße Joey zu ihr gehörte.

Am anderen Ende der Stadt leerte Leo Leonetti sein Weinglas und bereute sofort seinen hastigen Schluck. Genauer gesagt bereute er, dass er sich selbst versprochen hatte, nur ein Glas Wein zum Abendessen zu trinken.

Als einer der Eigentümer und CEO von Leonetti Vineyards, dem ältesten und renommiertesten Weingut in Texas, verfügte Leo über einen ganzen Keller voller außergewöhnlicher Rebsorten. Zu besonderen Anlässen oder wenn er eine persönliche Führung durch das Familienunternehmen gab, trank er auch mal mehr.

Aber normalerweise reichte ihm ein Glas.

„Du bist jetzt vierunddreißig“, erinnerte ihn sein Großvater Enzo, als hätte Leo sein Alter vergessen. „Ein Mann in seinen besten Jahren sollte Frau und Familie haben. Du willst doch nicht als verschrumpelte Rosine enden.“

„Grandpa, ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit den Zustand einer Rosine erreichen werde.“ Leo drehte den Stiel des leeren Glases zwischen zwei Fingern. „Im Moment sind die Trauben meine Kinder.“

Leo führte das Weingut seit fast zehn Jahren, seit sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben war, ein Verlust, der immer noch schmerzte. Leo war gerade in den Alpen gewesen, um seiner Liebe zu Reisen und neuen Abenteuern zu frönen, als ihn der Anruf seiner Mutter erreichte.

Seine Reiselust war von einem Moment auf den anderen zu Ende, und er kehrte nach Texas zurück, um seinen Platz als Verwalter des Landes einzunehmen, das seiner Familie seit Generationen gehörte.

Er liebte alles, was mit Wein zu tun hatte, und unter seiner Leitung florierte das Weingut. Seine jüngeren Schwestern Bella, Antonia und Gia waren gleichberechtigte Partnerinnen bei der Betriebsführung. Enzo und Leos Mutter Martina hatten sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, doch sie standen Leo weiterhin mit Rat und Tat zur Seite, was Leo zu schätzen wusste.

In jüngster Zeit war es jedoch an ihm, Enzo zu unterstützen. Bei seinem Großvater, der seine Zeit gern mal in Emerald Ridge und mal in Italien verbrachte, war vor einigen Jahren Leberkrebs im dritten Stadium diagnostiziert worden.

Die darauffolgende Chemotherapie und Bestrahlung hatten dem zweiundachtzigjährigen Mann zwar zugesetzt, aber die heimtückische Krankheit hatte auf die Behandlung angesprochen.

Kurz vor Weihnachten hatte Enzo der Familie jedoch mitgeteilt, dass der Krebs zurückgekehrt war. Der stolze und sture Mann hatte zunächst vorgehabt, sich keiner weiteren Behandlung zu unterziehen, sondern die ihm verbleibende Zeit mit seiner Familie zu genießen.

Auf Zureden von Leo, seiner Mutter und Schwestern hin hatte Enzo sich jedoch für eine weitere Behandlungsrunde entschieden, fest entschlossen, dem Krebs noch einmal die Stirn zu bieten. Leo war unglaublich dankbar dafür, denn er konnte sich das Weingut oder die Familie nicht ohne seinen großartigen Großvater vorstellen. Und er wusste jeden kostbaren Moment, den sie zusammen hatten, zu schätzen.

„Trauben halten dich nachts nicht warm.“ Enzo schüttelte den Kopf. „Sie teilen mit dir nicht Freud und Leid. Meine schöne Ella war viele Jahre lang das Licht in meinem Leben, Leo. Ich wünsche mir das Gleiche für dich.“

Leos Großeltern hatten eine Bilderbuchehe geführt, hatten in jeder Hinsicht harmoniert, bis seine Großmutter bei einem tragischen Autounfall starb, als Leo noch ein kleiner Junge war. Bei seinen eigenen Eltern war es nicht ganz so gewesen. Sein Vater hatte seine Mutter geliebt und war ein hingebungsvoller, wenn auch manchmal strenger und ungeduldiger Vater gewesen. Aber Franco hatte das Weingut nicht so sehr geliebt wie Enzo. So wie Leo es tat, auch wenn die Verantwortung schwer auf ihm lastete.

Wie konnte er heiraten und eine Familie gründen, wenn er wusste, dass er dem Beispiel seiner Großeltern nie gerecht werden konnte?

Wenn seine Eltern wegen einer ungeplanten Schwangerschaft nicht hätten heiraten müssen, dann hätte sein Vater sich vielleicht mehr Zeit gelassen herauszufinden, wer er war und wer er in der Welt sein wollte. Leo konnte sich nicht vorstellen, sich gleichzeitig auf die Arbeit und eine Liebesbeziehung konzentrieren zu können. Es könnte sein, dass er einen oder beide Bereiche seines Lebens aufgeben müsste, weil das Familienunternehmen und die Anforderungen einer Beziehung ihm zu viel abverlangten.

Plötzlich ploppte eine Vision von Poppy Fortune mit ihrem blonden Haar und den sanften grünen Augen in seinem Kopf auf. Sie war die einzige Frau, die ihn jemals dazu gebracht hatte, seine Weigerung, sein Herz zu öffnen, zu überdenken.

Wenn er ehrlich war, war die Zeit mit ihr die schönste und die schlimmste seines Lebens gewesen. Die schönste, weil sich das Zusammensein mit Poppy anfühlte wie ein Sonnenbad an einem perfekten Sommertag. Sie war wunderschön, klug, witzig, und er war schwer verliebt in sie gewesen.

Was zu dem schlimmsten Teil führte. Der Gedanke, die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren, hatte Leo so sehr erschreckt, dass er bei ihrem dritten Date erklärt hatte, nicht die Absicht zu haben, sich ernsthaft auf eine Frau einzulassen. Poppy hatte ihn wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

Er hatte es verdient, und dieser Moment bewies, dass Leo nicht in der Lage war, sowohl in der Liebe als auch im Beruf erfolgreich zu sein. Mit dem Druck von Generationen von Leonettis auf den Schultern war es keine Option, auf dem Weingut zu versagen. Vielleicht hatte sein Vater das verstanden und der Druck hatte seinen Tribut gefordert, bis sein Herz es nicht mehr aushielt.

„Irgendwann wird es so weit sein, Grandpa“, versprach er.

Enzo steckte sich eine Gnocchi in den Mund und kaute genüsslich, während er seinen Enkel anstarrte. Martina hatte das Abendessen zubereitet, bevor sie und Leos Schwestern zum monatlichen Treffen des Buchclubs aufgebrochen waren. „Du kannst dich nicht länger in den Weinbergen verstecken, mein Junge. Du bist kein Kind mehr, und das hier ist kein Spiel. Alles hat seine Zeit, aber Zeit ist endlich. Ich möchte dich glücklich sehen.“

„Ich bin glücklich, Grandpa. Die Arbeit macht mich glücklich. Zeit mit dir zu verbringen, macht mich glücklich.“ Ein weiteres Glas Wein würde ihn glücklich machen.

„Nichts macht einen Mann glücklicher als die Liebe“, beharrte Enzo.

Leo rang sich ein Lächeln ab. „Der Valentinstag steht vor der Tür“, sagte er mit einer Leichtigkeit, die er nicht verspürte. „Wer weiß, was da passiert.“

Enzo stieß einen Seufzer aus. „Du sagst die richtigen Worte, mein Junge, aber dein Herz ist nicht dabei.“ Der alte Mann hob eine Hand, als Leo widersprechen wollte. „Nimm die Herausforderung an. Liebe kann in einem Augenblick geschehen. So war es bei deiner Großmutter und mir auf einer Italienreise unserer Familie, als ich erst sechzehn war. Ich habe sie gesehen und wusste, sie ist die Antwort auf eine Frage, die ich nicht einmal zu stellen wage. Wenn mir das passieren kann …“

„Trinken wir auf Nana, möge sie in Frieden ruhen.“ Leo hob sein Wasserglas, und Enzo stieß mit seinem Weinglas an.

„Auf meine geliebte Ella.“

3. KAPITEL

Leo beendete seinen Lauf am nächsten Morgen auf der Veranda seiner Mutter. Er wollte nach Enzo sehen, nachdem sie gestern Abend zusammen gegessen hatten.

Er hatte schlecht geschlafen, Albträume hatten ihn geplagt. Hatte es mit seinen Schuldgefühlen zu tun, weil er seinem Großvater nicht geben konnte, was der alte Mann sich wünschte?

Enzo hatte Leo nicht weiter gedrängt zu heiraten, sondern seine eigene Liebesgeschichte erzählt. Er wurde nie müde, von seiner Frau zu sprechen. Trotzdem nagte an Leo das Gefühl, dass er den Mann, der ihm alles bedeutete, enttäuscht hatte, weil er nicht auf den Dating-Zug aufspringen wollte.

Ehrlich gesagt datete er regelmäßig, aber es blieb bei kurzen Affären. Er liebte alles an Frauen – wie sie aussahen, wie sie rochen, wie sie sich anfühlten. Noch nie hatte sich eine über seine Fähigkeiten im Bett beschwert oder sich an seiner Bindungsunfähigkeit gestört.

Normalerweise waren die Frauen dank seines Charmes und seines Charismas nachsichtiger mit ihm, als er es verdient hatte. Aber Poppy Fortune hatte anscheinend direkt in seine Seele geblickt, vorbei an seinem Megawatt-Lächeln und den funkelnden braunen Augen, und festgestellt, dass es ihm an allem fehlte, was zählte.

Leo wischte sich mit dem Saum seines T-Shirts den Schweiß von der Stirn. Warum dachte er in letzter Zeit so oft an Poppy?

Sein Großvater würde Poppy mögen. Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch eine ehrliche Haut, aber in den letzten fünf Jahren war Leo ihr höchstens mal zufällig begegnet.

Er griff nach der Türklinke in dem Moment, als seine Mutter die Tür öffnete. Ihre Augen waren gerötet und ihre Lippen bebten leicht.

„Mom, was ist passiert?“ Er griff nach ihrem Arm. „Ist etwas mit Grandpa?“

Martina schloss die Augen und nickte. „Heute Morgen gegen vier Uhr bekam er plötzlich schlecht Luft. Ich habe den Notarzt gerufen. Er ist ins Krankenhaus gebracht worden, Leo.“

„Warum hast du mich nicht angerufen? Sind Bella, Antonia und Gia da?“

„Noch nicht.“ Seine Mom trat vor, und Leo nahm sie in die Arme. Enzo war nach seiner Krebsdiagnose in eines der Gästezimmer im Haupthaus gezogen. Er hatte sich dagegen gewehrt, wollte seiner Schwiegertochter nicht zur Last fallen, aber Martina hatte darauf bestanden.

„Ich musste ihm versprechen, keinen von euch zu wecken.“ Martina sah ihn an, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich wusste, dass du heute Morgen kommen würdest. Du bist so ein guter Sohn und Enkel.“

War er das? „Was hat die Atemprobleme ausgelöst?“, fragte Leo sanft. Er befürchtete, dass das Gespräch am Abend zuvor der Grund sein könnte.

„Sie wissen es nicht. Ich gehe jetzt duschen und fahre dann ins Krankenhaus. Der Arzt hat vor ein paar Minuten angerufen und gesagt, dass Enzo stabil, aber sehr schwach ist. Er glaubt nicht, dass er …“ Sie legte eine Hand auf den Mund und unterdrückte ein Schluchzen.

„Es wird alles gut, Mom. Ich fahre sofort hin.“ Er drehte sich um, hielt dann aber inne, als ihm bewusst wurde, dass er erst nach Hause joggen musste.

„Nimm den Truck“, schlug seine Mutter vor und nickte in Richtung Scheune. „Der Schlüssel steckt.“

Leo nickte. „Wir treffen uns dort.“

Als er das Krankenhaus erreichte, waren seine Gedanken ein Wirrwarr aus Bedauern und Sorge. Martina würde ihm nie einen Vorwurf machen, aber ganz sicher war es kein Zufall, dass sich Enzos Gesundheit nach dem Gespräch mit Leo verschlechtert hatte.

Er sprach mit der Schwester an der Rezeption. „Ihr Großvater schläft, aber er ist stabil.“

„Kann ich zu ihm?“

Sie nickte. „Zimmer 301, den Gang entlang, rechts. Gehen Sie rein, aber wecken Sie ihn bitte nicht. Sein Körper hat viel zu verkraften.“

„Ich weiß. Danke.“

Leo hatte einen Kloß im Hals und die Emotionen schienen ihn zu überwältigen, als er das Zimmer seines Großvaters betrat. Enzo lag mit geschlossenen Augen da, und sein einst breiter Brustkorb hob und senkte sich in scheinbar mühsamen Atemzügen. Durchsichtige Schläuche führten von einem Tank zu seiner Nase und versorgten ihn mit dem Sauerstoff, den er aus eigener Kraft nicht aufnehmen konnte.

Leo wusste zwar nicht, wie er helfen sollte, aber er würde einen Weg finden. Er würde nicht noch einen Menschen verlieren, den er liebte … noch nicht.

Sein Magen knurrte laut und er verließ das Zimmer. Wie sein Großvater brauchte er drei richtige Mahlzeiten am Tag und funktionierte vor dem Frühstück noch nicht gut.

Da er jetzt mit eigenen Augen gesehen hatte, dass Enzo stabil war, ließ sein Adrenalinrausch langsam nach. Er dankte der Schwester an der Rezeption noch einmal, dann ging er in die Cafeteria im ersten Stock. Ein Frühstück würde ihm helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Mit einem Kaffee und einem Burrito mit Ei und Chorizo setzte er sich an einen der Zweiertische am Fenster und musste zweimal hinsehen, als er die Frau am Nachbartisch bemerkte.

„Poppy?“

Poppy Fortune sah auf, und er schaute in die großen grünen Augen, die ihn schon fasziniert hatten, als sie sich kennengelernt hatten.

Ihr Mund formte ein kleine O, bevor sie ein selbstbewusstes Lächeln aufsetzte. „Hallo, Leo, das ist ja eine Überraschung.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr glänzendes blondes Haar, das ihr fast bis zur Mitte des Rückens fiel. Damals war es schulterlang gewesen. „Ich hatte nicht damit gerechnet, hier jemanden zu treffen, den ich kenne.“

„Ich auch nicht.“ Er widerstand dem Drang, den Arm zu heben und darunter zu schnüffeln. Vielleicht hätte er sich doch die Zeit für eine Dusche nehmen sollen. „Ist alles in Ordnung?“

Sie zögerte einen Moment, als wüsste sie nicht, wie sie antworten sollte. „Es wird alles gut werden. Dafür sorge ich.“

Das machte ihn neugierig. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ganz sicher nicht. Was ist mit dir?“ Sie sah an ihm vorbei, als würde sie nach seiner Mutter oder seinen Schwestern Ausschau halten. „Du bist hoffentlich nicht wegen deines Großvaters hier.“

Natürlich wussten die meisten Leute in Emerald Ridge von Enzo und seinem Kampf gegen den Krebs. „Er hatte heute Morgen Atemprobleme, deshalb wurde er eingewiesen.“

„Oh, nein! Das tut mir leid.“ Poppy streckte die Hand aus und drückte seinen Arm. „Ich schließe ihn in meine Gebete ein und hoffe, dass er sich schnell wieder erholt. Dein Großvater ist eine echte Persönlichkeit.“

Leo war nicht auf die Welle der Gefühle vorbereitet, die ihre Berührung in ihm auslöste, und nickte. „Das ist er. Ich sollte jetzt etwas essen, damit ich wieder zu ihm gehen kann.“ Aus irgendeinem Grund wollte er nicht gehen, aber …

„Willst du dich zu mir setzen?“ Sie deutete auf den freien Stuhl ihr gegenüber. „Ich war die ganze Nacht hier, sei also gewarnt, ich bin vielleicht keine gute Gesellschaft.“

„Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der du keine gute Gesellschaft wärst“, sagte Leo und setzte sich. „Ich will nicht neugierig sein, aber warum bist du hier? Erzählst du es mir?“

Sie starrte ihn so lange an, dass er sich fragte, ob sie mit offenen Augen eingeschlafen war. „Ich nehme an, dass eine Situation wie die, in der ich mich befinde, nicht lange geheim bleiben wird.“

Ihm stellten sich die feinen Nackenhärchen auf. „Was für eine Situation?“

Sie holte Luft und sagte leise: „Gestern Abend wurde ein Baby vor die Tür meiner Eltern gelegt.“

Leo biss gerade in seinen Burrito und hätte sich fast verschluckt. „Was sagst du da?“ Die Worte kamen lauter heraus als beabsichtigt.

„Sprich bitte leiser“, bat sie ihn.

„Entschuldige, aber das kam gerade völlig unerwartet. Wessen Baby ist es?“

„Das wissen wir nicht. Es heißt Joey und es lag ein Zettel dabei, auf dem stand, dass sein Vater ein Fortune ist.“

„Einer von den FGR-Fortunes?“ Leos Gedanken rasten. Plötzlich bekamen ihre Blässe und die zusammengekniffenen Lippen eine andere Bedeutung. Sie war nicht nur erschöpft, sie war auch besorgt. Wegen des Babys und auch, welche Folgen es für ihre Familie haben könnte.

„Meine Brüder und Cousins glauben nicht, dass es einer von ihnen sein könnte. Niemand erhebt Anspruch auf das Baby.“ Sie schloss kurz die Augen, dann sah sie zu Leo auf. „Außer mir.“

„Du?“ Er legte den Burrito zurück auf den Teller, sein Hunger war völlig vergessen.

„Eine Mitarbeiterin des Sozialamts, die ich gut kenne, hat mir geholfen, sofort als seine Pflegemutter eingesetzt zu werden.“ Sie nahm ihr Handy, tippte auf den Startbildschirm und hielt es dann in Leos Richtung. „Das ist Joey. Der diensthabende Kinderarzt wollte, dass er über Nacht zur Überwachung hier bleibt. Er ist erst ein paar Tage alt. Ich werde ihn mit nach Hause nehmen, sobald er entlassen wird.“

Leo warf einen Blick auf das Foto des Säuglings. Sein Herz schlug unruhig. „Für wie lange?“

„Solange er mich braucht.“

„Musst du nicht zertifiziert oder sonst etwas sein, um ein Kind aufnehmen zu dürfen?“

„Das bin ich. Ich habe alle Schulungen und Prüfungen absolviert und diese Woche meine endgültige Zulassung erhalten. Gerade rechtzeitig, um diesem süßen Baby ein Zuhause zu geben.“

„Du bist eine Pflegemutter“, murmelte er. „Du willst das allein machen?“

„Du hast sicher gehört, dass Michael und ich uns getrennt haben.“

„Ja. Bella hat es erwähnt. Ich fand ihn immer ziemlich blöd, ein Glück also, dass du ihn los bist.“

Poppy musste lachen. „Du bist der Einzige, der in einem Moment wie diesem die Stimmung aufhellen kann, Leo.“

Er war nicht sicher, ob die Bemerkung als Kompliment gemeint war, aber er wollte sie auf jeden Fall als solches auffassen.

„Traust du mir nicht zu, dass ich es allein schaffe?“ Ihr Lächeln verschwand.

„Ich denke, du schaffst alles, was du dir vornimmst.“ Er trank einen Schluck Kaffee. „Das bewundere ich an dir, Poppy. Das Baby kann sich glücklich zu schätzen, dich zu haben. Und auch deine Familie, egal, ob einer der Fortunes der Vater ist oder nicht.“

Poppy biss sich auf die Unterlippe, als ihr eine Träne über die Wange kullerte. Sie wischte sie weg und lächelte ihn an. „Damit habe ich nicht gerechnet. Aber danke“, sagte sie. „Es bedeutet mir viel, vor allem, da es von dir kommt.“

„Warum das?“

„Ich kenne deine Einstellung zu einer Verpflichtung und …“ Sie verzog das Gesicht. „Nach dem, was die Damen im Spa erzählen, hat sich daran nichts geändert.“

„Die Ladys sprechen über mich? Das ist beängstigend.“ Er beugte sich näher, seine Neugier war geweckt. „Moment. Sprichst du über mich, Poppy?“

Sie lachte. „Ich will dich nicht enttäuschen, Leo, aber ich habe Wichtigeres zu tun, als über zu sprechen.“

Autsch. „Das ist klar. Vor allem jetzt.“

„Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich mir der Verantwortung, die ich als Pflegemutter übernehme, wirklich bewusst war, bis meine Sachbearbeiterin mich als Joeys Vormund anerkannt hat. Verantwortlich für so ein kleines Wesen zu sein, ist, gelinde gesagt, beängstigend.“

Leo zwang sich, sich auf das zu konzentrieren, was sie sagte, auch wenn seine Gedanken bei der Bemerkung über seinen Ruf hängen blieben.

Es dürfte ihn eigentlich nicht wundern, dass die Frauen in der Stadt über ihn und seine mangelnde Bindungsbereitschaft tratschten. Auch hätte er sich denken können, dass sein Großvater sich nicht so leicht von seinen vagen Versprechungen beindrucken lassen würde, eines Tages sesshaft zu werden.

Poppys Handy vibrierte und sie stand schnell auf. „Joey wird entlassen“, sagte sie und klang aufgeregt und nervös zugleich. „Jetzt geht’s los. Wünsch mir Glück.“

„Du brauchst kein Glück.“ Leo erhob sich ebenfalls. „Du wirst das fantastisch machen. Ich hoffe, für das Baby geht alles gut aus, aber mit dir an seiner Seite wird es das.“

„Und ich hoffe, dass es deinem Großvater bald besser geht.“ Zu seiner Überraschung umarmte sie ihn.

Ihr süßer Duft und das Gefühl ihrer Kurven, die sich an ihn schmiegten, versetzten sein Gehirn in Aufruhr, ganz zu schweigen von anderen Teilen seines Körpers. Woher zum Teufel kam diese Reaktion?

Er wünschte, er würde nicht mehr in seinen verschwitzten Sportklamotten stecken. Noch mehr aber wünschte er, Poppy länger festhalten zu können, doch sie löste sich schon wieder von ihm. „Deine Familie kann sich glücklich schätzen, dich zu haben, Leo. Du bist ein guter Mann. Besser, als du dir selbst eingestehst.“

Sie eilte davon, bevor er antworten konnte, was ein Segen war, denn er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Poppy war eine tolle Frau, und er wollte, dass sie als Pflegemutter erfolgreich war.

Als er den Rest seines Burrito und den leeren Kaffeebecher beim Verlassen der Cafeteria in den Müll warf, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass er ihr nicht nur Erfolg wünschte – er wollte ihr helfen, Erfolg zu haben. Und er hatte eine Idee, die für beide von Vorteil sein könnte. Jetzt musste er nur noch Poppy davon überzeugen. Wie schwer konnte das sein?

4. KAPITEL

Poppy fegte die letzten Scherben ihrer zerbrochenen Kaffeekanne zusammen. Sie war erschöpft und mit den Nerven am Ende. Und jetzt hatte sie nicht einmal das dringend benötigte Koffein, da sie die Kanne vom Tresen gestoßen hatte, bevor sie sich einen Kaffee eingeschenkt hatte.

Natürlich hatte sie nicht damit gerechnet, bei all dem, was ihr durch den Kopf ging, gut schlafen zu können, doch sie hatte auf mehr als eine Stunde gehofft. Leider hatte Joey, eine Stunde nachdem sie ihn hingelegt hatte, angefangen zu schreien, und hatte sich auch nicht beruhigen lassen.

Hoffentlich merkte ihre Familie nicht, wie sehr sie in ihrer Rolle als Pflegemutter bereits versagte.

Durch das Babyphone hörte sie Joey weinen. Sie eilte in das Gästezimmer und nahm ihn gerade aus dem Bettchen, als es klingelte. Vielleicht war es einer ihrer Brüder. Joey sanft in den Armen wiegend, ging sie an die Tür, begleitet von ihrem Hund Humphrey, der freudig bellte.

Doch weder Rafe noch Shane stand vor der Tür, sondern ein lächelnder Leo Leonetti. Statt der verschwitzten Sportsachen, die er im Krankenhaus getragen hatte, sah er frisch und adrett aus in einer dunkelgrauen Hose und einem weißen Button-Down-Hemd, das einen aufregenden Kontrast zu seiner olivfarbenen Haut bildete.

Er hielt er einen Becher dampfenden Kaffee aus dem Coffeeshop in der Stadt hoch. „Ich habe gefragt, ob du einen Lieblingskaffee hast, und sie haben gesagt zuckerfreien Karamell-Latte. Ich hoffe, du hattest heute Morgen noch nicht so viel Koffein.“

Poppy war den Tränen nahe, und das ausgerechnet vor Leo, dem letzten Menschen auf der Welt, der sie weinen sehen sollte.

„Ja, bitte, Kaffee. Du bist mein Held.“

Leo sah sie verblüfft an. „Ich bezweifle ich stark. Du siehst aus, als wolltest du gerade gehen. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.“

„Meine Mom hat ein Familientreffen einberufen, um die Situation mit Joey zu besprechen.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Ich habe aber noch ein paar Minuten Zeit. Eigentlich wollte ich etwas früher los, weil meine Kaffeekanne heute Morgen eine unglückliche Begegnung mit dem Fußboden hatte. Aber jetzt, wo du mich gerettet hast, geht es mir gut.“

„Und wie geht es dem Baby?“, fragte Leo und sah Joey etwas skeptisch an.

„Ich glaube, es mag mich nicht“, gab Poppy unumwunden zu.

„Das kann nicht sein.“

Sie schluckte, dann sagte sie: „Trotz meiner Ausbildung merke ich, dass der Umgang mit einem Baby im wirklichen Leben eine viel größere Herausforderung darstellt, als ich dachte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Joey spürt, dass ich überfordert bin.“

Leos Kiefer spannte sich an, als er sie betrachtete. Warum vertraute sie die an ihr nagende Unsicherheit ausgerechnet diesem Mann an?

„Warum bist du hier?“, platzte sie heraus.

Leo lächelte. „Abgesehen davon, dass ich einen sechsten Sinn dafür habe, wann jemand einen Kaffee braucht, möchte ich dir einen Vorschlag unterbreiten.“ Zu Poppys Überraschung wirkte er fast nervös.

„Du willst mir einen Vorschlag machen.“ Poppy lachte.

„Ja, und vielleicht kannst du dich ja darauf einlassen, weil er mit Joey zu tun hat. Unser gestriges Gespräch im Krankenhaus hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was ich dazu beitrage, dass die Welt funktioniert, und was von mir erwartet wird. Genauer gesagt, was mein Großvater von mir erwartet. Er will, dass ich heirate, und wir hatten am Abend, bevor er ins Krankenhaus kam, deshalb eine hitzige Auseinandersetzung.“

Joey wurde still, als würde er Leos Worten aufmerksam lauschen.

„Gibt es Neues von deinem Großvater?“, fragte sie und versuchte, sich nicht von Leos gutem Aussehen oder seiner sonoren Stimme oder davon, wie gut er roch, ablenken zu lassen.

„Wir konnte noch nicht mit ihm sprechen, aber die Ärzte sagen, sein Zustand sei stabil. Gott sei Dank.“ Leo räusperte sich. „Mein Großvater … Der Punkt ist, dass ich nicht weiß, wie viel Zeit wir noch mit ihm haben werden, und ich möchte ihm keinen Grund zur Sorge geben. Weder um mich noch um das Weingut.“

„Das verstehe ich.“ Poppy nickte. „Aber was hat das mit Joey und mir zu tun?“

„Ich würde dir gern bei seiner Betreuung helfen.“

Sie wollte auflachen, weil es ein Witz sein musste, doch sie verkniff es sich. Sein Gesichtsausdruck war ganz ernst.

„Wenn ich null Erfahrung im Umgang mit einem Baby habe, dann hast du vermutlich noch weniger als null.“

Er warf ihr einen gekränkten Blick zu. „Ich bin ein toller Onkel für Antonias Baby oder werde es zumindest sein, wenn die Kleine alt genug ist, es zu würdigen.“

„Das bezweifle ich nicht. Du wirst der perfekte Spaßonkel sein. Aber hast du schon mal eine Windel gewechselt?“, fragte sie herausfordernd.

„Ich habe mir ein Video auf YouTube angesehen“, antwortete Leo, ohne zu zögern. „Das Wichtigste bei einem Jungen ist, dass man alles abdeckt, wenn man ihn sauber macht, damit er einen nicht anpinkelt.“

Poppy musste zugeben, dass sie beeindruckt war, denn genau das war gestern Abend passiert. Joey hatte es geschafft, sie, die ausgebildete und anerkannte Pflegemutter, anzupinkeln.

Joey fing wieder an zu wimmern, und sie begann, ihn zu wiegen, um ihn zu beruhigen.

„Okay. Kommen wir zur Sache. Was genau schlägst du vor, Leo?“

„Ich will mich mit dir zusammen um Joey kümmern. Ich könnte sogar hier wohnen, wenn es hilft.“

Er hob eine Hand, als sie widersprechen wollte. „Gib mir eine Chance, Poppy. Ich helfe dir, wo immer du mich brauchst. Es würde mir viel bedeuteten, aber nicht, weil du es nicht allein schaffst. Ich glaube, es würde meinem Großvater viel bedeuten.“

Poppys Herz klopfte, ihre Glieder fühlten sich schwer an. Wie sollte sie, so erschöpft, wie sie war, all das bewältigen, was jetzt von ihr erwartet wurde? Natürlich würde sie einen Weg finden. Mütter – und in ihrem Fall, Pflegemütter – schafften das. Sie wollte nicht, dass Leo oder sonst jemand glaubte, dass sie nicht dazu in der Lage war, denn sie würde es schaffen.

Sie unterdrückte ein Gähnen und rang sich ein Lächeln ab. „Ich muss jetzt zu dem Familientreffen.“

Leo nickte. Enttäuschung blitzte in seinen Augen auf, aber er trat einen Schritt zur Seite. Joey weinte immer noch. „Und wenn wir es versuchen?“

Sie sah ihn finster an. „Wie eine Probefahrt mit einem Auto?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, du gibst mir die Chance zu beweisen, dass ich mit Joey umgehen kann. Ich passe auf ihn auf, während du zu dem Treffen gehst. Ich würde dir wirklich gern helfen.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Leo. Das Treffen könnte Stunden dauern.“

„Lass dir Zeit. Ich rufe im Büro an und sage, dass ich erst mittags kommen werde.“

Sie wusste, dass Joey hier in ihrem ruhigen Haus eher schlafen würde als im Haus ihrer Eltern, wo es zweifellos laut und emotional werden würde. Der Gedanke, jemand anderes auf Joey aufpassen zu lassen, machte sie nervös, aber sie konnte nicht leugnen, dass Leos Angebot den Morgen um einiges leichter machen würde.

„Bist du sicher?“ Sie suchte in seinem dunklen Blick ein Zeichen des Widerwillens, aber er schien erleichtert, dass sie sein Angebot in Betracht zog.

Er nahm ihr Joey ab, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. „Ich kann das, Poppy. Ich verspreche, dass ich dich nicht enttäuschen werde.“

„Danke.“

„Danke, dass du mir eine Chance gibst“, entgegnete Leo, als sie ihre Tasche vom Küchentisch nahm.

„Bist du wirklich sicher?“, fragte sie noch einmal, bevor sie sich auf den Weg machte.

Leo schenkte ihr ein solch ehrliches Lächeln, dass sie weiche Knie bekam. Reiß dich zusammen, mahnte sie sich.

„Wir kommen schon klar“, versprach er und strich dann Humphrey über den Kopf. „Ich habe ja meinen treuen Helfer.“

Der Hund schmiegte sich enger an Leo. Sie war nicht die Einzige, die für den Charme des Mannes empfänglich war.

„Ruf an, wenn du etwas brauchst. Ich kann in ein paar Minuten wieder hier sein.“

„Lass dir Zeit.“ Leos Lächeln wurde breiter. „Vertrau mir, Poppy.“

Zwei Stunden später umschloss Poppy den Türgriff ihres Wagens. Sie wollte zu viel Koffein und zu wenig Essen im Magen für zittrigen Finger verantwortlich machen, obwohl sie wusste, dass ihr Gefühlschaos die Ursache dafür war. Ihre Mom und Aunt Darla hatten ein üppiges Frühstück vorbereitet, und ihre Brüder und Cousins hatten sich mit großem Appetit darüber hergemacht, während sie darüber diskutierten, was das ausgesetzte Baby und die Begleitnotiz für die Familie bedeuteten.

Poppy war nicht in der Lage gewesen, etwas zu essen. Sie versuchte, die Verärgerung darüber, wie sie über Joey sprachen – als wäre er ein unerwünschtes Paket, das an die falsche Adresse geliefert worden war – mit dem Verständnis zu kompensieren, dass ihre Verwandten von dem Geheimnis, das Joey umgab, genauso verwirrt waren wie sie selbst und dass jeder den Schock auf seine eigene Weise verarbeitete.

„Poppy?“

Sie drehte sich um, als sie die Stimme ihrer Cousine hörte.

Vivienne umarmte Poppy. „Wie geht es dir wirklich? Wir haben bei dem Treffen über vieles gesprochen, aber nicht darüber, dass du diejenige bist, die sich um das Baby kümmert.“

Poppy schossen Tränen in die Augen. Sie musste dringend ihre Emotionen in den Griff bekommen. „Mir geht es gut, und ich bin dankbar, dass meine Anerkennung als Pflegemutter gerade noch rechtzeitig kam, damit ich Joey ein sicheres Zuhause bieten kann.“

Sie sah an ihrer Cousine vorbei zum Herrenhaus. „Es ist doch nicht seine Schuld“, sagte sie leise. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich unsere Leute das vor Augen halten. Er ist ein unschuldiges Baby.“

Vivienne drückte ihren Arm und nickte. „Sie wissen es, aber wenn wir alle zusammenkommen, ist so viel Energie im Raum und Emotionen kochen hoch. Der DNA-Test wird beweisen, dass niemand aus meiner oder deiner unmittelbaren Familie involviert ist. Das wird alles einfacher machen.“

Poppy widersprach ihrer Cousine nicht, auch wenn sie es etwas anders sah. Selbst wenn der Test bewies, dass keiner der Fortune-Männer Joey gezeugt hatte, änderte das nichts an der Tatsache, dass er aus irgendeinem Grund vor ihrer Haustür ausgesetzt worden war.

„Ich hoffe, du hast recht“, sagte sie.

„Wir stehen hinter dir, Poppy, wenn du etwas brauchst, dann sag Bescheid.“

„Das bedeutet mir sehr viel“, sagte sie zu ihrer Cousine. „Aber jetzt muss ich zu ihm. Danke, dass du noch mal nach mir gesehen hast, Viv.“

Vivienne trat einen Schritt zurück, hielt dann aber inne. „Du weißt, dass du ihn zu dem Treffen hättest mitbringen können. Meine Mom hätte sich gefreut.“

Poppy nickte. Aunt Darla war die Einzige gewesen, die enttäuscht gewirkt hatte, als Poppy ohne Baby auf dem Arm hereingekommen war.

„Er hat letzte Nacht nicht gut geschlafen.“ Sie wiederholte die Ausrede, die sie ihrer Familie gegeben hatte.

„Ist eine von den Kinderbetreuerinnen im Spa bei ihm?“, fragte Vivienne.

„Nein, ich wollte niemanden vom Spa einbeziehen, bevor unsere Familie sich getroffen hat. Der Klatsch wird sich schnell genug in der Stadt verbreiten. Es ist besser, wenn wir es erst einmal für uns behalten.“

„Und wer ist bei ihm?“

Poppy überlegte, ob sie die Frage ignorieren sollte, aber das würde ihre Cousine nur noch neugieriger machen.

„Ich habe gestern im Krankenhaus zufällig einen alten Freund getroffen“, sagte sie so beiläufig wie möglich. „Leo Leonetti hat seinen Großvater besucht.“

„Ich wusste nicht, dass Enzo wieder im Krankenhaus liegt“, sagte Vivienne. „Ich dachte, seine Krebsbehandlung läuft gut.“

„Ich kenne keine Einzelheiten …“

„Welche der Schwestern ist bei ihm? Ich tippe auf Bella, weil …“

„Leo hat mir seine Hilfe ...

Autor

Brenda Jackson
<p>Brenda ist eine eingefleischte Romantikerin, die vor 30 Jahren ihre Sandkastenliebe geheiratet hat und immer noch stolz den Ring trägt, den ihr Freund ihr ansteckte, als sie 15 Jahre alt war. Weil sie sehr früh begann, an die Kraft von Liebe und Romantik zu glauben, verwendet sie ihre ganze Energie...
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Cindi Myers
Cindi Myers hat ein paar feste Überzeugungen: Liebe auf den ersten Blick gibt es wirklich; gute Schokolade und kühler Champagner passen fast immer; Leuten, die keine Tiere mögen, ist nicht zu trauen, und Gott muss ziemlich viel Humor haben. Außerdem ist sie davon überzeugt, dass es keinen besseren Job gibt,...
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