Baccara Gold Band 17

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LIEBESNÄCHTE IM PALAST von ALEXANDRA SELLERS
Caroline hat das große Los gezogen: eine Reise in die Emirate von Barakat - alles inklusive. Auch Kaifar, ein Traummann mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Und einem unerschöpflichen Spesenkonto. Erste Zweifel kommen in ihr auf. Ist Kaifar wirklich nur ein Fremdenführer?


DIE SCHÖNE HIRA UND IHR VERFÜHRER von NALINI SINGH
Eine Ehe, die auf Vernunft basiert, ist das Beste - davon ist Marc Bordeaux überzeugt. Es ist ihm egal, dass seine Braut ihm die kalte Schulter zeigt. Bis er sich Hals über Kopf in sie verliebt. Und nicht weiß, wie er die schöne Hira von seinen Gefühlen überzeugen kann ...


ZURÜCK IN DEN ARMEN DES SCHEICHS von OLIVIA GATES
Nur die heimliche Geliebte zu sein, war Lujayn nicht genug - sie verließ Scheich Jalal, weil er sich nicht zu ihr bekennen wollte. Jetzt ist er zurück, und Lujayn kann nicht anders - sie erwidert seine Küsse leidenschaftlich. Doch sie hütet ein Geheimnis, von dem Jalal nichts erfahren darf …
  • Erscheinungstag 07.08.2020
  • Bandnummer 17
  • ISBN / Artikelnummer 9783733726898
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alexandra Sellers, Nalini Singh, Olivia Gates

BACCARA GOLD BAND 17

1. KAPITEL

„Der heutige Tag ist ein historischer Augenblick für die Emirate von Barakat“, verkündete der Nachrichtensprecher von NewsBreakers. „Das Abkommen, das die Vertreter von vier Ländern und die drei jungen Prinzen von Barakat heute feierlich unterzeichnen werden, öffnet die Emirate zum ersten Mal in der Geschichte für ausländische Investoren. In wenigen Sekunden schaltet NewsBreakers in die Hauptstadt der Emirate, wo Sie die Zeremonie verfolgen können. Damit wird dem Westen zum ersten Mal ein Einblick in den historischen Palast gewährt.“ Der Sprecher wandte sich an seine Kollegin. „Ein bedeutendes Ereignis, Marta!“

„Ja, Barry, das stimmt. Barakat war in den vergangenen zwei Jahrhunderten für westliche Investoren praktisch geschlossen. Obwohl der alte Scheich ziemlich moderne Ansichten hatte, ließ er sogar den Tourismus nur eingeschränkt zu. Barakat war damit von der modernen Welt abgeschnitten. Als er starb …“

„Marta, es tut mir leid, Sie zu unterbrechen, aber ich glaube, wir bekommen jetzt die Liveschaltung zum Palast in der Hauptstadt, Barakat al Barakat, wo im Thronsaal zum ersten Mal Fernsehkameras installiert wurden. Paul, hörst du mich?“

„Hallo, Barry, ja, die Vertreter der vier Nationen sitzen bereits am Unterzeichnungstisch, und wir haben gerade gehört, dass die Prinzen unterwegs zu uns sind“, antwortete ein Reporter. Hinter ihm war eine prachtvolle Marmorhalle zu sehen, in der sich mehrere Würdenträger aufhielten. „In diesem Moment haben sie ihre Privatgemächer verlassen und befinden sich auf dem Weg zum Thronsaal. Sie werden durch den Korridor kommen. Er wird ‚Korridor der Entscheidung‘ genannt und wurde schon von ihren Vorfahren seit der Erbauung des Palastes 1545 bei staatlichen Anlässen benutzt. Durch die großen Flügeltüren, die Sie jetzt auf dem Bildschirm im Hintergrund sehen, werden die Prinzen den Thronsaal betreten. Rechts von den Türen steht der wuchtige Löwenthron.“

„Wuchtig erscheint mir noch untertrieben“, bemerkte Marta.

„Wir haben versucht, Informationen über Wert und Gewicht des Throns zu bekommen, Marta, und über die Edelsteine, die darin eingelassen sind, aber vergebens. Gerade öffnen sich die Türen. Als Erster wird der Großwesir, Nizam al Mulk, hereinkommen, der persönliche Ratgeber des verstorbenen Scheichs. Bis zur Volljährigkeit der Prinzen hat er die Regierungsgeschäfte geführt … und da kommt er! Der Großwesir der Emirate von Barakat.“

Ein würdevoller alter Mann mit weißem Bart schritt herein. Seine Kleidung war mit kostbaren Steinen besetzt. Er blieb kurz stehen und stieg dann die Stufen herab zu dem Tisch im Saal.

Paul gab seinen Kommentar dazu: „Dies ist die traditionelle Kleidung des Großwesirs bei Staatsanlässen. Aber Sie können sicher sein, dass die Roben der Prinzen seine noch übertreffen werden. Da Nizam die vergangenen sieben Jahre Regent war, ist er für alle drei Prinzen nach wie vor der wichtigste Ratgeber.

Direkt hinter ihm kommen jetzt der Premierminister und die Mitglieder des Kabinetts. Barakat gilt als demokratische Monarchie. Es folgen zwölf Männer, die zeremonielle Ämter innehaben, die sogenannten Tafelgefährten, in ihren prächtigen Roben. Traditionsgemäß hat der König zwölf Tafelgefährten, und ich glaube, jeder der drei Prinzen ernennt auch heute noch zwölf Männer“, erklärte Paul.

„Und hier sind die Prinzen!“ Obwohl Paul bereits fünfzehn Jahre fürs Fernsehen arbeitete, abgeklärt war und eigentlich alles gesehen hatte, schwang echte Begeisterung in seiner Stimme mit.

„Donnerwetter!“, entfuhr es Marta unwillkürlich. Sie war seit zwei Jahren Nachrichtensprecherin und besaß noch nicht die Gelassenheit anderer Journalisten.

Über die Schwelle des Thronsaals schritten die drei Prinzen, gleichberechtigte Männer in stolzer Haltung und mit beeindruckender Ausstrahlung. Die Zuschauer im Thronsaal wie vor den Bildschirmen verstummten für ein paar Sekunden.

„Nun, wenn Sie mich fragen, würde ich sagen, das gibt es in unserem Zeitalter nicht mehr“, bemerkte Barry leise, und Paul in Barakat fügte hinzu: „Ja, ich glaube, Worte sind hier überflüssig. Die Prinzen bieten in der Tat einen atemberaubenden Anblick.“

Umrahmt von dem prunkvollen Bogen des Eingangs, blieben die drei Prinzen stehen und lächelten auf die applaudierende Menge im Saal herab. In schwere, golddurchwirkte Roben gehüllt, mit verzierten Seidenhosen, juwelenbesetzten Ringen und glitzernden Armbändern, trugen alle drei einen prachtvollen Turban. Auf jedem prangte ein Edelstein, groß wie eine Faust – ein Rubin, ein Smaragd und ein Saphir.

Die Kamera zoomte auf die drei Hoheiten. Obwohl sie ein unterschiedliches Aussehen hatten, konnten sie als die Verkörperung männlicher Attraktivität gelten. Prinz Omar, mit hoher Stirn, schmalen aristokratischen Wangen, herablassendem Blick und dem sorgfältig gestutztem Bart. Prinz Rafi glich mit seinem dunklen Schnauzer fast einer persischen Miniaturzeichnung. Prinz Karim, glatt rasiert und sonnengebräunt, wirkte wie ein kriegerischer Wüstensohn.

„Welch ein Anblick! Vermutlich werden jetzt die Frauen vor den Bildschirmen seufzen“, bemerkte Marta.

„Diese drei Gesichter, die Sie jetzt sehen, zieren jedes Geldstück in allen drei Königreichen“, erklärte Paul den Zuschauern. „Es gibt eine gemeinsame Währung und ein zentrales Parlament in den Emiraten. Karim, links, mit dem Saphir am Turban, regiert Westbarakat, Rafi, in der Mitte, mit dem Rubin, ist Emir von Ostbarakat, und Omar ist der Herrscher von Zentralbarakat. So hat es ihr Vater festgelegt, als er sein Reich so aufteilte, dass alle Söhne am Erbe teilhaben.“

„Wie alt sind die Prinzen, Paul?“

„Sie werden nächste Woche sechsundzwanzig, Marta, aber falls eine unserer Zuschauerinnen sich ihnen gern vor die Füße werfen möchte, muss ich sagen, dass Prinz Omar bereits verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat.“

„Aber Prinz Rafi und Prinz Karim sind noch zu haben?“

„Ja, Sie dürfen gerne ihre weiblichen Waffen einsetzen, Marta.“

Gemeinsam schritten die drei Prinzen vor und stiegen die mit einem roten Teppich bedeckte Marmortreppe hinunter zu dem Unterzeichnungstisch, während sich die Menge der Fotografen aus aller Welt teilte. Die Mitglieder der vier Nationen traten vor und schüttelten sich die Hände.

An dem langen schwarzen Tisch nahmen sechs Männer und eine Frau Platz, mit Blick zu den Kameras. Vor jedem von ihnen lag ein großes Buch, dessen Goldeinband mit dem Insigne von Barakat geschmückt war, dem mythischen Vogel Senmurgh.

„Alle Unterzeichner des Abkommens werden sich in die sieben Bücher eintragen und eines davon mit nach Hause nehmen“, erklärte Paul. Auf dem Bildschirm sah man, wie sieben Assistenten die Bücher an sich nahmen und dem nächsten Würdenträger brachten. „Dieser Vorgang ist übrigens eine Anerkennung der westlichen Tradition. Für einen Scheich von Barakat ist das bloße Unterzeichnen eines Dokumentes nicht bindend.

Und jetzt kommen wir zu der Zeremonie, ohne die in Barakat seit Jahrhunderten kein Staatsdokument legalisiert wird“, berichtete Paul. „Ein Dokument ist für einen Monarchen von Barakat erst verpflichtend, wenn der Monarch es mit dem Großen Juwelensiegel von Shakur abgestempelt hat, wenn das Schwert von Rostam darüber geschwungen wurde und wenn zum Schluss alle Unterzeichner aus dem Kelch von Jalal getrunken haben.

Diese alten Schätze sind seit über sechshundert Jahren im Besitz des Königshauses. Scheich Daud hat nicht nur sein Erbe, sondern auch diese Schätze geteilt, damit jeder der Söhne im Besitz eines der Machtsymbole der Monarchie ist.“

Der Großwesir brachte ein elfenbeinfarbenes Pergament zu einem der Marmortische neben dem Löwenthron und rollte es dort aus. Kunstvoll verzierte arabische Buchstaben waren zu sehen. Das Pergament wurde von zwei flachen schweren Elfenbeinstäben gehalten.

Ein Höfling trat neben den Großwesir und reichte ihm auf einem kostbaren Tablett ein kleines Gefäß. Nizam al Mulk hob die winzige goldene Urne hoch und goss ihren Inhalt über das Blatt. Eine dicke rote Flüssigkeit formte in der oberen Mitte des Dokumentes einen Klecks.

Schweigen breitete sich aus, als Prinz Karim näher trat. An seinem Arm hing wie ein riesiges Band das Juwelensiegel von Shakur. Er löste dieses Siegel und presste es in das Wachs auf dem Pergament. Der Abdruck zeigte das Bild eines Königs.

„Prinz Karim macht es ganz feierlich“, informierte Paul das Publikum in gedämpftem Tonfall. „Das Porträt zeigt Sultan Shakur, den Vorfahren der drei Prinzen, der um 1030 starb, und auf der Inschrift um den Kopf steht: ‚Großer König, Sonne des Zeitalters, Vollmond, Welteroberer, Welträcher, Thron der Gnade, Schwert der Gerechtigkeit‘ und vieles mehr. Das Armband wurde aus einem einzigen riesigen Smaragd gefertigt. Und, Marta, es wiegt fast zwei Pfund!“

„Oh!“ Die Sprecherin zeigte sich mehr als erstaunt. „Muss ja ein stattliches Vermögen wert sein.“

„Sein Wert lässt sich nicht beziffern, weil es nichts Vergleichbares auf der Welt gibt. Allein vom Gewicht her ist der Stein schon für die meisten von uns unerschwinglich, aber obendrein muss man noch die Skulptur berücksichtigen, die nach den Aussagen derjenigen, die sich mit den alten Dokumenten des Landes beschäftigen durften, auffallend lebensecht und künstlerisch wertvoll ist. Zudem handelt es sich um ein einmaliges, tausend Jahre altes Kunstwerk. Was Sie da vor sich sehen, hat einen unschätzbaren Wert. Ich habe drei Juweliere um eine annähernd zutreffende Zahl gebeten. Selbst bei einer offenen Auktion gäbe es nach oben keine Grenze.

Jetzt kommt Prinz Rafi, glaube ich. Er wird das Schwert über das Dokument schwingen und dann den blanken Stahl über das Pergament legen“, kommentierte Paul das Geschehen.

„Warum dieses Ritual ursprünglich eingeführt wurde, weiß niemand mehr. Vermutlich soll es die Entschlossenheit des Monarchen symbolisieren, das Abkommen notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Und jetzt wird der Kelch von Jalal gebracht, Prinz Omar ist an der Reihe, aus dem Kelch zu trinken. Das soll dem Besitzer Glück garantieren. Der Prinz wird ihn den Unterzeichnern der vier Nationen und zuletzt seinen Brüdern reichen. Die Zusammensetzung des Tranks ist übrigens ein Geheimnis. Nur die Unterzeichnenden wissen, was sie trinken. Jetzt ist Prinz Rafi an der Reihe und danach Prinz Karim.

So ist es Tradition in Barakat. Nun ist dieses historische Abkommen formvollendet unterzeichnet und besiegelt, in einer der beeindruckendsten Verbindungen von östlicher und westlicher Tradition in heutiger Zeit.“

2. KAPITEL

Vier Jahre später

„Mr. David Percy und Miss Caroline Langley, bitte zur Information. Ihr Fahrer wartet auf Sie. Mr. Percy und Miss Langley …“

Caroline war es heiß. Sie und die anderen Passagiere hatten zwanzig Minuten lang im Flugzeug der Royal Barakat Air gestanden, weil etwas mit den Türen nicht in Ordnung war. Leider hatte der Flugkapitän trotzdem schon die Klimaanlage ausgeschaltet. Danach hatte sie in einer endlosen Schlange auf ihr Gepäck gewartet, so dicht gedrängt, dass Caroline nicht mal einen Blick auf ihre Sachen werfen konnte. Während sie endlich die Koffer vom Band hob, war ihr Gepäckwagen verschwunden, und anstatt sich einen neuen zu suchen, hatte sie ihre Taschen getragen. Es war ein Fehler, den sie in einem nur unzureichend klimatisierten Gebäude nicht noch einmal machen würde.

Ihr schickes weißes Reisekostüm war verschwitzt und zerknittert. Sie hatte das Gefühl, dass alles an ihr klebte. Das Make-up war verlaufen, und ihr kurzes hellblondes Haar ringelte sich widerspenstig um ihren Kopf. Caroline war mehr als gereizt.

Der Gedanke, dass ihre Ankunft in diesem kaum bekannten Land anders ausgefallen wäre, wenn David mitgekommen wäre, half ihr kaum. Er hatte in letzter Minute angerufen und gesagt, er könne nicht mitreisen. Also hatte Caroline die Reise allein angetreten.

Davids Absage war nicht überraschend gekommen. Caroline hatte beinahe damit gerechnet. David hatte die Reise von Anfang an nicht gefallen. Er hatte ihr sogar ausreden wollen, das Los zu kaufen.

„Ich habe noch nie gehört, dass jemand etwas bei einer Tombola gewonnen hat, Caroline“, hatte er abweisend gesagt.

„Aber David, es ist für einen guten Zweck“, hatte sie lächelnd erwidert und ein paar Dollar aus ihrer Börse gezogen. Der Erlös der Tombola sollte für den Bau eines Krankenhauses in den Emiraten von Barakat benutzt werden.

David griff nach den Losen. „Queen Halimah Hospital, Barakat al Barakat“, las er spöttisch. „Glaubst du wirklich, dass dein Geld für diesen Zweck verwendet wird?“

Aber Caroline hatte dem Kind, das die Lose verkaufte, bereits das Geld gegeben und schrieb ihren Namen und ihre Telefonnummer auf die drei Lose.

Als sie dann gewonnen hatte, war es wie ein kleiner Triumph für sie gewesen. Aber sie hatte ihre Begeisterung über den Flug erster Klasse mit Aufenthalt in einem Erholungsort von Westbarakat im Zaum gehalten. David mochte Gefühlsausbrüche ebenso wenig, wie es ihre Eltern taten. Er hatte ihr einen chaotischen Urlaub vorhergesagt, aber zugestimmt, sie zu begleiten.

Als er dann, nur wenige Stunden vor dem Flug, abgesagt hatte, erwartete er, dass Caroline ebenfalls von der Reise zurücktreten würde. Es war zu spät, um jemand anders einzuladen, und David war sicher, dass sie nicht allein in ein abgelegenes islamisches Land reisen wollte. Er bot ihr an, in einer Woche oder zwei mit ihr an einen gleichermaßen exotischen Ort zu fahren.

Überraschenderweise war Caroline hartnäckig geblieben.

„Schatz, bist du sicher, dass du wirklich fliegen solltest?“, hatte ihre Mutter sich nervös erkundigt, aber Caroline hatte ihre Koffer gepackt.

„Ich bin es leid, mir meinen Urlaub von anderen bezahlen zu lassen“, hatte sie der Mutter gesagt. „Diese Reise habe ich gewonnen, und ich werde sie genießen.“ Seit Jahren bedrückte sie die Abhängigkeit von anderen, und Caroline konnte es nicht mehr ertragen.

Ihre Eltern stammten beide aus alten Familien, die ehemals Reichtum und Einfluss besessen hatten. Ihr Vater hatte jedoch nicht den Geschäftssinn seiner Vorfahren geerbt. Auf den Rat seines Sohnes hatte er sein wenig erfolgreiches Unternehmen durch Käufe auf dem Aktienmarkt retten wollen. Doch die Rechnung war nicht aufgegangen, und sein Sohn war eines Nachts mit seinem Wagen tödlich verunglückt. Niemand sprach aus, was wirklich passiert war, bis auf die Versicherungsgesellschaft. Aber selbst wenn diese das Geld aus seiner Lebensversicherung ausgezahlt hätte, wäre es nur ein Tropfen auf einem heißen Stein gewesen, bei den Schulden, die Thom Langley Senior hatte.

Diese schrecklichen Ereignisse waren nicht spurlos an Caroline vorübergegangen. Sie war eine sehr gute Schülerin gewesen, aber ihre Leistungen waren nach dem Selbstmord ihres Bruders stark abgesunken. Sie hatte kein Stipendium gewonnen, und an den wirklich guten Universitäten hätte sie keine Chance gehabt.

Aber sie wollte auch gar nicht mehr auf eine Universität. Ihre Eltern ließen sich finanziell von Verwandten unterstützen. Ihre Schwester Dara ging noch zur Schule. Die Situation war für Caroline schwer zu ertragen gewesen. So hatte sie sich eine Stelle gesucht, allen Protesten der Verwandtschaft zum Trotz.

Eigentlich wäre sie auch gern von zu Hause ausgezogen, aber ihre Mutter hatte sie angefleht, zu bleiben. Von Carolines Gehalt ließen sich die Kosten für das große alte Herrschaftshaus bestreiten, während ihre Mitarbeit im Haushalt die Dienstboten ersetzte und ihre Anwesenheit eine moralische Unterstützung für ihre Mutter bedeutete.

Hätte Caroline ihr Vorhaben in die Tat umgesetzt und wäre ausgezogen, hätte sie David niemals kennengelernt.

Mehrere Männer gingen vor der Information auf und ab, als Caroline dort ankam. Sie musterte sie niedergeschlagen. Die meisten von ihnen hatten Wagenschlüssel in der Hand. Aber keiner von ihnen sah so aus, als wäre er ein Chauffeur.

Die Männer machten Platz, als sie an die Information trat, musterten sie jedoch neugierig.

„Ich bin Caroline Langley“, sagte sie, als die Frau hinter dem Schreibtisch sich ihr zuwandte. „Sie haben mich ausrufen lassen.“

„Aber ja!“, antwortete die junge Frau und sah auf ihren Block. „Ihr Fahrer ist hier, Miss Langley … wo ist er denn hingegangen? Ach ja, da!“ Sie lächelte und deutete auf einen Mann, der zu Carolines Erstaunen nicht so aussah wie die anderen.

Er war sehr gut gebaut, groß, selbstbewusst und besaß ein Auftreten, mit dem David nicht hätte mithalten können. Er stand neben einer Säule und unterhielt sich mit einem anderen Mann. Caroline blies eine feuchte Locke aus ihrer Stirn und lächelte unwillkürlich.

Der Mann hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und volle sinnliche Lippen, die nicht ganz von einem kurz gestutzten schwarzen Bart verdeckt wurden. Seine hochgewachsene und schlanke Gestalt hatte Ähnlichkeit mit einem durchtrainierten Polospieler. Als er sich jetzt Caroline zuwandte, sah sie, dass er dichte schwarze Brauen und Wimpern hatte.

Sie lächelte. Für einen Moment runzelte er die Stirn. Dann weiteten sich seine Augen, und ein fragender Blick traf sie. Caroline lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Sie richtete sich gerader auf und straffte die Schultern, als wäre sein Blick eine Herausforderung und als dürfe sie keine Schwäche zeigen.

Der Mann sprach mit seinem Begleiter, der zu ihr hinüberschaute, ließ ihn dann neben der Säule stehen und kam auf sie zu. „Miss Langley?“, fragte er mit tiefer, fast akzentfreier Stimme. „Miss Caroline Langley?“

Einen kurzen Augenblick lang war sie verunsichert und hätte gern die Flucht ergriffen. Das Lächeln erstarb ihr auf den Lippen, aber es widerstrebte ihr, in einer völlig fremden Umgebung eine Szene zu machen. „Sind Sie vom Hotel?“, versuchte sie Zeit zu gewinnen.

„Nicht vom Hotel, sondern vom Royal-Barakat-Fremdenverkehrsbüro. Ich heiße Kaifar, Miss Langley, und bin Ihr persönlicher Führer. Es ist meine Aufgabe, für Sie und Ihren Verlobten die Buchungen bei Hotels und anderen Sehenswürdigkeiten vorzunehmen, damit Sie Ihren Aufenthalt genießen können.“

„Ich verstehe.“ Seine Stimme hatte einen wohltuenden Klang. Vielleicht war sie nur nervös, weil sie sich allein in einem fremden Land aufhielt.

„Ihr Verlobter, Mr. Percy … wo ist er?“, fuhr er fort. „Ist er noch beim Zoll?“

Der Blick des Mannes war offen und ehrlich. Caroline schluckte. „David musste leider absagen. Ich bin allein hier.“

Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Er ist nicht mitgekommen?“ Sein Stirnrunzeln verstärkte sich, und sein Blick wurde durchdringender. Er wirkte verärgert. Aber warum? Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Oder hatte er die Erfahrung gemacht, dass Frauen nicht so viel Trinkgeld gaben?

„David war verhindert. Ist es problematisch, dass ich allein hier bin?“ Man hatte ihr gesagt, dass die Emirate von Barakat nicht so stark religionsbetont, sondern weltoffen wären, aber als allein reisende Frau sollte sie möglicherweise besser einen Schleier tragen oder zumindest eine Anstandsdame bei sich haben.

Jetzt lachte der Mann. Die weißen Zähne bildeten einen starken Kontrast zu dem dunklen Bart. „Auf keinen Fall!“, versicherte er ihr. „Ich bin nur überrascht. Ich war darauf vorbereitet, zwei Gäste abzuholen. Einen Moment.“

Er kehrte zu dem anderen Mann zurück und redete mit ihm. Der Mann warf einen Blick zu ihr hinüber und redete auf den Chauffeur ein. Aber Kaifar hob bloß seine Hand, recht gebieterisch, wie Caroline schien, sodass sein Begleiter verstummte und den Kopf schüttelte. Kaifar kam wieder zu ihr.

„Mein Begleiter nimmt Ihre Taschen.“ Caroline zeigte ihm, wo ihr Gepäck stand. „Folgen Sie mir, bitte“, fügte er hinzu und führte sie durch die Menge.

Zusammen mit dem dunkelhaarigen Führer trat Caroline aus dem Flughafengebäude in die Hitze des exotischen Landes, das in seiner eigenen Sprache „segensreich“ genannt wurde.

Kaifar führte Caroline zu einem alten Rolls-Royce und half ihr auf den Rücksitz, während der Begleiter das Gepäck verstaute. Die beiden Männer sprachen kurz miteinander, dann verabschiedete sich der andere, und Kaifar stieg ein. Anstatt den Motor zu starten, saß er zunächst da, strich sich über den Bart und senkte nachdenklich seinen Blick.

Sie beugte sich vor. „Gibt es ein Problem?“

Er schien überrascht und warf einen arroganten Blick über seine Schulter, als hätte sie kein Recht, so etwas zu fragen. Nun, wenn Westbarakat Touristen anziehen will, müssen sich die Fremdenführer an Frauen gewöhnen, die wissen, was sie wollen, dachte Caroline trocken.

Doch seine Antwort zeigte, dass er das bereits wusste. „Entschuldigen Sie, Miss Langley.“ Er nickte knapp.

Sie empfand ein leichtes Unbehagen, das sie sich nicht erklären konnte. Es wurde ihr bewusst, dass Kaifar sich nicht mal ausgewiesen hatte. Er trug keine Uniform, nur ein weißes Hemd und eine dunkle Hose. Unwillkürlich dachte sie an seine Reaktion auf die Nachricht, dass David nicht mitgekommen war. Er sprach gut Englisch … und konnte durchaus herausgefunden haben, dass David reich war. Angenommen, er plante irgendetwas?

„Wo fahren wir hin?“, wollte sie wissen, obwohl ihr bewusst war, dass sie jetzt kaum noch etwas an der Situation ändern konnte.

Er startete den Motor und antwortete ihr, ohne sich umzudrehen. „Ich bringe Sie in Ihr Hotel, wohin sonst?“

„Wie heißt das Hotel?“, fragte sie, aber es war zu spät, wenn ihre Angst berechtigt sein sollte. Der Wagen beschleunigte schon.

Er lächelte ihr im Spiegel zu und sah aus wie ein Wüstenbandit aus einem Märchen. „Das Hotel heißt Sheikh Daud, Miss Langley. Es liegt auf der Royal Road, die an der Küste im Westen der Stadt entlangläuft. Bitte haben Sie keine Angst. Nicht alle dunkelhaarigen Araber sind Wüstenscheichs, die schöne Frauen in ihren Harem entführen. Manche von uns sind so zivilisiert, dass viele Ihrer Landsleute im Vergleich dazu barbarisch wirken.“

Mit seinem Lächeln wollte er sie wohl ermuntern, über ihre unbegründete Nervosität zu lachen. Kaifar bremste ab und bog von dem Flughafengelände auf einen breiten, von Palmen gesäumten Boulevard. Das mochte ihre letzte Chance sein, aus dem Wagen zu springen. Caroline spannte ihre Muskeln an.

Kaifar wandte sich ihr ein Stück zu. „Das Hotel wird Ihnen gefallen, Miss Langley. Es ist das beste und exklusivste Hotel in den Emiraten von Barakat. Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie einen solchen Preis gewonnen haben.“

Sie spürte die Wirkung seines Lächelns, seiner maskulinen Ausstrahlung und dachte: Vielleicht bin ich nur deshalb besorgt – weil dieser Mann eine so enorme Anziehungskraft hat.

Sie hätte doch auf David hören sollen. Es war nicht besonders klug gewesen, allein herzukommen. Sie hatte gleich das Gefühl gehabt, David mache sich Sorgen wegen irgendetwas, obwohl er es geleugnet hatte. Hatte er befürchtet, sie würde sich in einen attraktiven Ausländer verlieben?

In jemanden wie Kaifar.

Der Flughafen lag im Nordosten der Stadt. „Soll ich Ihnen mehr über unser Land erzählen?“, fragte Kaifar und wies sie, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die Sehenswürdigkeiten hin. Eine alte Festung, die fast im Sand vergraben war; ein Wadi in der Ferne, mit Palmen vor goldenen Dünen, ein kleines Wüstendorf, das abgesehen von den Satellitenschüsseln so aussah, als stamme es aus der Steinzeit.

„Dies ist das Haus des wichtigsten Mannes im Ort. Früher einmal war der Besitz von zwei Maultieren ein Zeichen für seinen Reichtum. Heute ist es das Fernsehen“, erklärte er und lächelte wieder. Doch Caroline konnte sich nicht ganz entspannen.

Bald darauf erreichten sie die Stadt, und ein schönes, beeindruckendes Gebäude aus blauen Mosaikfliesen und Spiegelglas kam in Sicht. „Das ist unsere Große Moschee“, bemerkte er. „Sie wurde im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert von m…“, er hielt kurz inne, als ob er nach dem Namen suchte, „… Königin Halimah erbaut. Ihr Grab ist auch dort.“

Caroline betrachtete das Gebäude und war auf den ersten Blick fasziniert von der exotischen Schönheit. Als Kaifar ihre Begeisterung bemerkte, bremste er ab und hielt am Straßenrand. Der geräumige gepflasterte Vorhof lag im Schatten von Bäumen, wo Springbrunnen zusätzliche Kühle spendeten. Die Menschen, Touristen wie Gläubige, hielten sich dort auf. Der Ort strahlte Ruhe aus, und Caroline bewunderte die großartige Architektur. Plötzlich kam ihr, was sie sah, bekannt vor, und sie schnappte erstaunt nach Luft.

„Was ist denn, Miss Langley?“

„Ich glaube, mein Verlobter besitzt eine Miniatur dieser Szenerie, auf Elfenbein gemalt. Ist das möglich?“ Ganz anders und ungleich beeindruckender war dieses Gebäude in Wirklichkeit.

„Alles ist möglich, nicht? Dass ein Mann in New York eine Miniatur eines solchen Gebäudes hat, ist nicht so erstaunlich, selbst wenn man sich fragt, warum er sie wohl haben mag. War Ihr Verlobter schon in meinem Land?“

„Ich glaube nicht. Nein.“

„Und trotzdem besitzt er ein Bild der Großen Moschee.“

„Mein Verlobter ist Sammler.“

Kaifar schwieg.

„Antiquitätensammler, wissen Sie“, erläuterte sie ihm, weil sie dachte, er hätte ihre Worte nicht verstanden. „Er kauft alte Kunstwerke und Objekte. Das meiste ist griechisch oder römisch, aber er hat auch Orientalisches.“

„Ach, er kauft die Sachen?“ Er streckte den Arm aus dem Fenster und winkte einen alten Mann auf einem wackeligen Fahrrad vorbei. Sie war überrascht, dass sich im Korb auf dem Gepäckträger ein verschmutzter, zerschrammter Computerbildschirm befand.

Caroline lächelte amüsiert. „Wie sollte er sie sonst sammeln?“

Kaifar hob die Schultern. „Manche Leute sammeln Dinge, die ihnen geschenkt wurden. Oder, die sie gestohlen haben.“

Caroline ärgerte sich darüber. „Ich bin überzeugt, dass David alle Stücke seiner Sammlung auch bezahlt hat. Glauben Sie mir, er ist reich genug, sogar die ganze Moschee zu kaufen. Er muss nicht …“

Da unterbrach er sie in barschem Ton: „Niemand ist reich genug, die Große Moschee zu kaufen. Sie ist nicht verkäuflich.“ Er klang ärgerlich. Caroline hätte sich ohrfeigen mögen. Sie wollte sich ihren Begleiter nicht zum Feind machen, ehe ihr Urlaub begonnen hatte. Manche Ausländer, das wusste sie, kränkte die Annahme, dass alles, einschließlich ihre Herkunft, in Geld aufgewogen werden konnte.

„Es tut mir leid, ich hatte das nicht wortwörtlich gemeint. Natürlich kann so ein Gebäude nicht verkäuflich sein“, entschuldigte sie sich hastig.

Kaifar wandte sich ihr zu. „Sie kommen in der Nacht und stehlen die Schätze der Moscheen und Museen … sie wagen es sogar, die alten Fliesen und Steindenkmäler abzuschlagen. Wir haben inzwischen Wachen bei sämtlichen Sehenswürdigkeiten. Wer einen solchen Versuch unternimmt und dabei erwischt wird, kommt ins Gefängnis. Aber es ist unmöglich, alles zu bewachen, und die Gefahr treibt den Preis hoch, sodass sich immer jemand finden lässt, der das Risiko eingehen will. So etwas tun ausländische Sammler dem Erbe meines Landes an.“

Caroline war empört und fühlte sich mitschuldig. „Ich bin sicher, dass David so etwas nie getan hat!“

„Wirklich?“, fragte er, als fände er das Thema langweilig. „Nun, dann können wir Ihrem Verlobten nicht die Schuld an unseren Problemen geben.“

Wenn Caroline darüber nachdachte, hatte sie keine Ahnung von Davids Geschäftspraktiken. „Wenn die Leute ihr eigenes Erbe für Geld versetzen wollen, kann der Käufer doch nichts dafür, oder?“

Kaifar trat an einer Ampel so heftig auf die Bremse, dass sie gegen den Anschnallgurt gedrückt wurde. Aber als sie in den Rückspiegel schaute, wirkte seine Miene reglos, und er antwortete auch gelassen: „Sie haben wohl keine Ahnung, welche verzweifelten Dinge die Menschen imstande sind für Geld zu tun, oder?“

Sie begegnete seinem Blick und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Das kann nicht sein, sagte sie sich. Seine Bemerkung ist nicht ironisch gemeint … Wahrscheinlich glaubte er, sie wäre reich. Aber wie genau hatte er doch den Nagel auf den Kopf getroffen.

Caroline hatte bisher immer recht widerstreitende Gefühle gehabt, was ihre Verlobung betraf, aber bisher hatte sie sich dafür nie geschämt. Und gewiss würde sie es nicht zulassen, dass David sie kaufte, wie er ein Stück für seine Sammlung erwarb. Sogar dann nicht, wenn sie selbst genau das Motiv hatte, das Kaifar gerade genannt hatte – Verzweiflung.

3. KAPITEL

Zwanzig Minuten später stand Caroline in einem kühlen, komfortablen Raum mit Ausblick auf eine schattige Terrasse und das Meer.

„Sie werden sich ein wenig ausruhen wollen, vielleicht möchten Sie auch etwas trinken, sich duschen und umziehen“, meinte Kaifar und deutete nach draußen, wo er einen Dienstboten gebeten hatte, ein Tablett mit Eis und Getränken hinzustellen. „In drei Stunden bin ich wieder da. Dann essen wir zu Abend.“

Sie musterte ihn überrascht. „Wie meinen Sie das? Weshalb wollen Sie mich zum Essen ausführen?“

„Ich gehöre zu dem Preis, den Sie gewonnen haben, Miss Langley“, erwiderte er und lächelte, sodass sie sich nervös abwandte. „Möchten Sie in ein europäisches Restaurant, oder wollen Sie lieber die Speisen meines Landes kosten?“

Konnte sie sich beschweren? Es würde vermutlich keinen Spaß machen, allein zu Abend zu essen. „Nun, lieber die Speisen Ihres Landes.“

Kaifar nickte knapp und ließ sie allein. Caroline ging zu den bogenförmigen Terrassentüren, zog sie auf und trat hinaus. Sie seufzte zufrieden. Wie herrlich, einmal von zu Hause weg zu sein und in Ruhe über alles nachdenken zu können. Es kam ihr vor, als hätte sie keine freie Minute mehr für sich gehabt. Nicht, seit ihr Vater ihr Davids Antrag überbracht hatte.

In weiter Ferne, kaum sichtbar, rief ein Muezzin die Gläubigen der Stadt zum Gebet. Vor ihr erstreckte sich das blaue Wasser des Golfs von Barakat. Die Palmen unten im Hof reckten sich zu einem gewölbten Baldachin, der die halbe Terrasse vor der Sonne schützte. Überall wo sie hinschaute, sah sie Blumen. Unter einem der Bäume stand ein Tisch mit Stühlen. Dort nahm Caroline Platz, ließ ein paar Eiswürfel in ein Glas fallen und schenkte sich Mineralwasser ein.

Die Umgebung wirkte unglaublich beruhigend. Ihre Probleme und Verpflichtungen schienen meilenweit weg. Vor ihr lagen zwei Wochen, in denen sie nur Zeit für sich selbst haben würde.

Sayed Hajji Karim ibn Daud ibn Hassan al Quraishi streckte eine Hand nach der Schale mit den glänzenden Trauben aus und nahm eine der Früchte, um sie prüfend zu betrachten. Nasir, seinem Sekretär, war der finstere Ausdruck in den Augen seines Herrn nicht entgangen. Als Prinz Karim jetzt die Traube in den Mund steckte und seinen Sekretär ansah, begann dieser:

„Ich versichere Ihnen, Hoheit, niemand außer Ihnen, Prinz Rafi und mir kennt Eure wahren Absichten. Wer sollte sie preisgegeben haben? Nur ich bin in die Ausführung der Pläne eingeweiht worden. Vor allen anderen wurde die Wahrheit geheim gehalten. Alles wurde so vorbereitet, wie Sie es befohlen haben.“

„Und trotzdem ist dieser Mann nicht gekommen“, bemerkte Prinz Karim.

Der Sekretär verbeugte sich. „Wenn ich offen sprechen darf“, begann er, wartete aber nicht erst auf die Erlaubnis, die seine Worte eigentlich verlangten, da er ein langjähriger Vertrauter und Berater des Prinzen war. „Es mag sich um das Verhalten eines schuldbewussten Mannes handeln, der sich vor einem unerklärlichen Zufall fürchtet, oder um die eines geschäftigen Mannes, der sich nicht für die Belange und Wünsche anderer interessiert. Es muss nicht unbedingt sein, dass er so agiert, weil er gewarnt wurde.“

„Wir sprechen von dem Mann, der einen meiner Diener korrumpiert hat“, versetzte Prinz Karim ruhig. Von seiner scheinbaren Gleichmütigkeit ließ sich der Sekretär nicht täuschen. Prinz Karim zeigte seinen Zorn nur dann, wenn er damit etwas erreichen konnte.

Der Sekretär senkte den Kopf. „Das stimmt, Durchlaucht. Bei meiner Ehre, mich hat er nicht verdorben.“

Prinz Karim hob abwehrend eine Hand. „Ein solcher Verdacht käme mir nicht in den Sinn, Nasir.“

„Gut“, mischte sich Prinz Rafi ein. „Dann müssen wir von der Annahme ausgehen, dass keine Informationen durchgedrungen sind, und unsere Pläne entsprechend den Umständen ändern. Es ist noch nicht alles verloren. Immerhin ist die Frau hier!“

Während Caroline wartete, ging die Sonne unter. Es wurde merklich kühler, und eine leichte Brise wehte über die Terrasse. Das schwindende Tageslicht verwandelte sich rasch in Dunkelheit, und die Nacht brachte das Licht von tausend Sternen mit sich. Die Welt wirkte wie verzaubert.

Caroline wartete. Einerseits auf Kaifar und zum anderen auf einen Rückruf. Sie hatte vergeblich versucht, David zu erreichen, hatte dann geduscht und sich umgezogen. Sie trug ein ärmelloses grünes Baumwollkleid mit breiten Trägern und einem Oberteil, das nicht zu tief ausgeschnitten war. Sollte es zu kühl werden, konnte sie ihr durchsichtiges, golddurchwirktes Tuch über die Schultern legen. Ihr Haar hatte sie gewaschen und aus der Stirn gekämmt, soweit es die widerspenstigen Locken zuließen. Dazu trug sie eine Goldkette, goldene Ohrstecker und ihren Verlobungsring.

Als ihr Vater ihr von David Percys Antrag berichtet hatte, war Caroline restlos überrascht gewesen. Sie kannte den Mann kaum. Er war ein Freund ihres Vaters, ein Antiquitätenhändler und Sammler, der Thom Langley früher einmal das eine oder andere Stück verkauft hatte. Sie war ihm nur zweimal begegnet. Zuerst dachte sie, er müsse sich aus der Ferne in sie verliebt haben, und wollte mit ihrem Vater über Davids Absicht lachen.

Dann hatte sie jedoch gemerkt, dass ihr Vater sich die Heirat wünschte. Und ihre Mutter, Louise, tat nicht etwa so, als wisse sie noch nichts von der wunderbaren Neuigkeit. Im Gegenteil. „Oh Caroline, ist das nicht herrlich? Wer hätte gedacht, dass ein Mann wie David Percy dich heiraten will!“, hatte sie so erleichtert und dankbar ausgerufen, sodass Caroline sofort verstand, David Percys Angebot war ihnen jedes Opfer wert, selbst das Lebensglück ihrer Tochter.

„Aber Mutter, er ist so …“ Caroline hielt inne, weil sie für die schreckliche Kälte, die von David ausging, kein Wort fand. In ihren Augen war er schlimmer, wesentlich schlimmer als ihr Vater.

Thomas Langley hatte schon immer die ausgeprägten Emotionen seiner älteren Tochter abgelehnt. Auf Gefühlsausbrüche jeglicher Art, ob Caroline nun die Not einer streunenden Katze oder der Ausdruck eines Gemäldes zu Herzen ging, hatte er stets mit Stirnrunzeln reagiert. Caroline hatte sich oft gezwungen, ihr Lachen zu unterdrücken, ihre Tränen zurückzuhalten, gemächlich zu gehen und leise zu reden.

„Aber Schatz, es ist ja nicht für immer“, hatte Louise ihr hastig versichert und Caroline keine Zeit gelassen, einen Einwand vorzubringen. „David wird nicht erwarten, dass du lange mit ihm verheiratet bleibst. Spätestens mit dreißig kannst du dich scheiden lassen!“

Caroline fröstelte. „Und wer bekommt das Sorgerecht für die Kinder?“

„Sei doch nicht so voreilig! David will vielleicht keine Kinder. Und später steht dir noch alles offen. Du wirst richtig Geld haben. Du kannst sicher sein, dass dein Vater darauf achtet. Und bestimmt siehst du dann noch keinen Tag älter aus als heute. Denk nur mal an die kosmetischen Hilfen, die du dir leisten kannst! Die Massagen, die Klinikaufenthalte. Ich hingegen werde sichtlich mit jedem Tag ein Stückchen älter.“

„Ewig jung auszusehen, ist für mich nun mal nicht das Wichtigste“, entgegnete Caroline nun trocken, wurde aber von ihrer Mutter unterbrochen.

„Caroline, du hättest aber Geld. Unterschätz das nicht. Geld ist das Mittel, mit dem du tun kannst, was du willst. Du wirst absolute Freiheit haben, Caroline.“ In dem letzten Satz betonte sie jedes einzelne Wort.

Es ging Caroline durch den Sinn, dass sie diese Freiheit auch so haben könnte. Sie brauchte nur ihre Eltern ihrem Schicksal zu überlassen, das sie sich selbst durch törichtes Handeln und einen überzogenen Lebensstil zugezogen hatten.

Als hätte Louise ihre Gedanken erraten, hatte sie rasch hinzugefügt: „Wir würden auch unsere Freiheit haben, Caroline. Und denk mal an Dara. Sie wird studieren gehen können. Das willst du doch auch …“

Allerdings hätte Caroline der Verlobung nicht zugestimmt, wenn sie nicht geglaubt hätte, dass David sie heiraten wollte, weil er sie liebte.

David lud sie zu Museumsbesuchen ein, um ihr seinen Lebensstil nahezubringen und ihr einen Teil ihrer Zukunft zu zeigen. Eines schönen Tages stellte er sie ihrem Ebenbild vor – einer marmornen Büste, die Alexander den Großen darstellte. Da begriff Caroline, was ihr Verlobter an ihr liebte: Sie glich einer antiken griechischen Statue.

Die Ähnlichkeit war geradezu unheimlich. Sie blickte in ihre eigene Todesmaske – oder vielmehr, da der Bildhauer ein großer Künstler gewesen war und die Statue lebendig wirkte, in ihr Gesicht, erstarrt im Spiegel der Zeit.

David hatte darauf bestanden, ihr eine Garderobe zu kaufen, die zu ihrer neuen Position als seine Verlobte passte. Zu der Zeit hatte Caroline schon nichts mehr am Lauf der Ereignisse ändern können. Sie vermochte nicht gegen den Vorschlag zu protestieren, noch viel weniger konnte sie ablehnen, was David ihr vorschrieb. Anschließend besaß sie ein paar sehr elegante Kostüme. Dazu ein goldenes Armband und schwere goldene Halsketten, die so teuer gewesen waren wie ihr Jahresgehalt.

Nachdem er ein paar Veränderungen in dem Stil ihrer Garderobe durchgesetzt hatte, gab David eine Kostümparty zur Mittsommernacht, um ihre offizielle Verlobung zu feiern. Carolines Kostüm hatte er zu diesem Anlass selbst entworfen. Oder vielmehr einen Designer engagiert, der ausführen sollte, was er sich wünschte.

Und er wollte, dass Caroline so weit wie möglich einer griechischen Statue glich. Eine aufwendig plissierte elfenbeinfarbene Seidentoga, ebensolche Sandalen, ein Kranz aus hellen, gefärbten Blättern im Haar, die Haut wie schimmernder Marmor geschminkt … wenn sie sich nicht bewegt hätte, hätte sie tatsächlich ausgesehen wie eine Marmorstatue.

„Lächle heute Abend nur mit den Lippen, Caroline“, hatte David ihr befohlen und sich nicht mal für seinen herrischen Ton entschuldigt. „Das verdirbt sonst die Illusion, meine Liebe.“ Da endlich hatte sie es begriffen. David liebte nicht sie. Er bildete es sich nicht mal ein. Er wollte nur eins, sie zu seiner Sammlung hinzufügen, sie besitzen.

Natürlich war zu dem Artikel über ihre Verlobung auch ein Foto von ihnen in der Zeitung erschienen. „Das Kronjuwel für David Percys Privatsammlung“ lautete die Schlagzeile.

Als sie während des Kofferpackens erfuhr, dass David sie auf dieser Reise nicht begleiten würde, hatte sie sämtliche Kleidungsstücke, die er ihr gekauft hatte, ausgepackt und stattdessen ihre eigenen Sachen mitgenommen, die sie sich in dem Geschäft gekauft hatte, in dem sie arbeitete. Sobald sie verheiratet waren, würde sie keine Chance haben, etwas davon zu tragen.

Caroline liebte Farben. Sie war überzeugt, dass auch die alten Griechen sie gemocht hatten. Viele der Statuen, die sie während ihres Kurses in klassischer Kunst unter Davids Leitung gesehen hatte, waren in kräftigen, leuchtenden Farben gemalt gewesen. Und was Gefühle betraf, wirkten die Griechen in den alten Sagen alles andere als ernst. Selbst ihre Götter waren unglaublich leidenschaftlich und überaus gefühlvoll gewesen … aber diesen Gesichtspunkt erwähnte sie David gegenüber nicht.

Caroline seufzte und entsann sich der Gegenwart. David war nicht hier, und falls das Telefon nicht bald läutete, musste sie nicht mal mit ihm sprechen.

Plötzlich war sie ihm von ganzem Herzen dankbar, dass er sie nicht begleitet hatte. Er hätte überall die Annehmlichkeiten haben wollen, die er in New York gewohnt war. Sie aber wollte den Orient kennenlernen, in all seiner Schönheit, seiner Leidenschaft und seiner Widersprüchlichkeit.

„Die Frau ist wesentlich jünger“, berichtete Nasir. „Es heißt, er soll ihrem Vater eine große Summe für sie gegeben haben.“ Er reichte den beiden Prinzen eine Kopie des Zeitungsfotos.

„‚Das Kronjuwel für David Percys Privatsammlung‘“, las Karim.

„Aha, eine Mona Lisa!“, rief Prinz Rafi interessiert.

Karim betrachtete das Foto, auf dem eine blass und ernst aussehende junge Frau im Kostüm neben einem glatt rasierten Mann mittleren Alters zu sehen war. Er wandte sich an seinen Sekretär. „Und so sieht er die Frau?“, fragte er und deutete auf die Überschrift. Der Sekretär senkte nur den Kopf. „Er will sie für seine Sammlung haben?“, forschte Karim.

„Man muss natürlich die Ungenauigkeiten solcher Angaben und auch die Freiheiten in Erwägung ziehen, die sich die Presse herausnimmt“, gab Nasir zurückhaltend zu bedenken.

Prinz Karim nickte. Seine dunklen Augen funkelten. Sein Gesichtsausdruck wirkte entschlossen, wie der eines Wüstensohnes, der in den Kampf reitet. Er sah sich erneut das Foto an. „Ausgezeichnet! Möglicherweise wird Mr. Percy auf einen Tausch eingehen wollen.“

Nasir zeigte sich kein bisschen überrascht. Ihn konnte nichts überraschen.

„Das Kronjuwel meiner Sammlung gegen seines“, fuhr Prinz Karim fort. „Zuerst müssen wir uns natürlich Mr. Percys Kronjuwel aneignen.“

Als Kaifar vor Carolines Tür erschien, trug er einen weißen Baumwollanzug, der weder orientalisch noch westlich wirkte, aber bequem schien. Doch bei seiner dunklen Haut und dem schwarzen Bart erschien er ihr sehr wohl fremdländisch. Seine kräftigen, bloßen Füße steckten in Riemensandalen, wie sie sie vorhin bei vielen Männern und Frauen in der Stadt gesehen hatte.

Einen Moment lang standen sie schweigend in der Tür. Dann senkte Caroline ihren Blick und meinte: „Ich hole meine Tasche.“ Ihre Stimme war kaum hörbar und klang fast atemlos. Sie wandte sich um. Da läutete das Telefon.

Kaifar betrat den Raum, machte die Tür zu und nahm den Hörer ab. Zuerst sagte er ein paar Worte auf Arabisch, dann schwieg er und wartete.

Verwundert über diese Anmaßung – hatte er etwa ihre Zimmernummer als Kontaktadresse für sich weitergegeben? –, runzelte Caroline die Stirn. Er lächelte höflich, als er dann sprach: „Guten Abend, Mr. Percy! Hier spricht Kaifar! Es tut uns leid, dass Sie in New York sind und nicht hier in unserem schönen Land.“

Caroline war ärgerlich. „Geben Sie mir den Hörer!“ Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm. Er war groß. Sein schwarzer Bart war gerade mal auf ihrer Augenhöhe.

„Geben Sie mir …“, wollte sie erneut verlangen, aber eine herrische Handbewegung hieß sie unwillkürlich schweigen.

Plötzlich grinste er und zeigte dabei seine Zähne. Caroline wich einen Schritt zurück und hatte das Gefühl, einen Wolf lächeln zu sehen. Aber das Lächeln hatte nicht ihr gegolten. „Ich heiße Kaifar, Mr. Percy“, wiederholte er mit seltsamem Nachdruck. „Zweifellos werden wir voneinander hören. Aber jetzt gebe ich Ihnen Miss Langley.“

„Hallo, David“, meldete sie sich und warf Kaifar einen vielsagenden Blick zu, ehe sie sich abwandte.

„Caroline? Wo bist du, meine Liebe?“

Eigentlich hätte sie antworten müssen: in meinem Hotelzimmer. Doch instinktiv entschied sie sich für eine Lüge: „In der Eingangshalle des Hotels, David.“ Sie hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde, wenn er erführe, dass ein fremder Mann in ihrem Hotelzimmer an ihr Telefon ging.

„Und wer war der Mann eben? Ich hatte verstanden, dass ich durchgestellt werde …“

„Kaifar ist der Führer, dessen Dienstleistungen zu meinem Preis gehören.“ Nach dem Wort „Dienstleistungen“ entstand eine eigenartige Pause. Doch als David ihr schließlich antwortete, ignorierte er die Wirkung, die das Wort wohl zuerst ausgelöst hatte.

„Hattest du einen angenehmen Flug?“

„Sehr angenehm.“

Sie unterhielten sich ein paar Minuten, bis David sich vergewissert hatte, dass sie gut angekommen war. Caroline hatte David nie viel zu sagen, aber jetzt hätte sie ihn am anderen Ende festgehalten, wenn sie gekonnt hätte. Plötzlich fürchtete sie sich vor dem, was passieren mochte, sobald sie den Hörer auflegte. Aber es war nicht zu verhindern, dass David sich von ihr verabschiedete.

Caroline hielt den Hörer einen Moment länger fest und gab vor, noch zuzuhören. Doch schließlich verabschiedete sie sich munter vom Wählton und legte auf.

Als sie Kaifars Blick begegnete, wusste sie, dass die Lüge vorhin ein schrecklicher Fehler gewesen war.

Er schaute ihr in die Augen. „Ihr Kleid hat die Farbe der Smaragde, die aus den Minen der Berge von Noor kommen. Das sind die schönsten Smaragde der Welt.“

Die Worte trafen sie unerwartet und raubten ihr den Atem. Die Lampe warf Licht und Schatten auf ihn, Gesicht und Hände waren deutlich zu sehen, wie von einem Meister gemalt. Seine Augen wirkten geheimnisvoll. Ihr kam es so vor, als hinge ihre Zukunft vom nächsten Moment ab. Nichts, das außerhalb des Lichtkreises lag, schien mehr von Bedeutung.

Etwas, das sie nicht benennen konnte, schien zwischen ihnen zu fließen. Wie magisch angezogen, wanderte ihr Blick von seinen Augen zu seinen Händen und wieder zurück. Ihre Brüste hoben und senkten sich, und ihr Atem ging flacher.

In dem Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, ging er um sie herum und hob ihr Schultertuch auf. Er hängte es sich über den Arm, und die goldenen Fäden glitzerten im Lampenlicht. Caroline holte hörbar Luft, als er es ihr um die Schultern legte.

„Hier entlang, Miss Langley“, sagte er und öffnete die Tür.

4. KAPITEL

Caroline wachte aus unruhigem Schlaf auf und fühlte sich verwirrt. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo und wer sie war. In Panik richtete sie sich auf, ruderte wie wild mit dem Arm nach der Lampe in ihrer Nähe. Das jedenfalls wusste sie, neben dem Bett findet man eine Lampe. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie durch die Terrassentüren die funkelnden Sterne, stolperte dorthin und öffnete sie.

Bis Caroline die leichte Brise auf ihrer Stirn fühlte, war sie hellwach. Natürlich, sie war auf Urlaub in den Emiraten von Barakat. Sie trug noch ihr Kleid und musste auf dem Sofa eingeschlafen sein. Nachdem Kaifar sie ins Hotel zurückgebracht hatte, hatte sie mehrere Stunden dort gesessen. Ganz schwach erinnerte sie sich, dass sie das Licht ausgeschaltet hatte. Doch ihr Traum hatte sie geweckt.

Das war Kaifars Schuld. Das Essen mit ihm hatte sie irritiert. Allein das Zusammensein mit ihm bedrückte sie. Fröstelnd suchte Caroline nach dem Lichtschalter und betätigte ihn.

Er wirkte so auf sie wie das Licht. Innerlich war sie vollkommen aufmerksam, als ob sie auf etwas wartete. Kaifar erschien ihr so strahlend, dass sie sich geblendet und aus dem Gleichgewicht gebracht fühlte. Deshalb hatte sie beim Aufwachen nicht mal mehr gewusst, wer sie war …

Kaifar hatte sie auf dem Rücksitz der Rolls-Royce-Limousine Platz nehmen lassen und war mit ihr in ein herrliches Restaurant gefahren. In einem verborgenen Hinterhof, wo die Tische unter süßlich duftenden Bäumen standen, das Essen köstlich schmeckte und die Dunkelheit nur vom Kerzenlicht auf den Tischen erhellt wurde. Eine weißhaarige alte Frau hatte in einer Ecke gesessen und eindringliche Melodien gesungen, die nicht von einer menschlichen Stimme zu stammen schienen. Sie spielte dazu auf einem Saiteninstrument, dessen herrlicher Klang ihrem Lied einen bewegenden Ausdruck verlieh.

„Was singt sie da?“, hatte Caroline sich schließlich im Flüsterton erkundigt.

„Sie singt über die Liebe. Von einem Mann, der sich in die Tochter seines besten Freundes verliebt hat. Er fürchtet sich, seinem Freund seinen innigsten Wunsch zu gestehen, nämlich dass er das Mädchen zur Frau möchte.“

Caroline war betroffen über die Parallele, auch wenn David sie nicht liebte und nicht davor zurückgeschreckt hatte, das zu verlangen, was er haben wollte.

„Er wartet und wartet, bis schließlich der Freund stirbt. In seinem Testament vermacht der Freund ihm seinen Papagei und die Vormundschaft über die Tochter, die der Mann liebt.“

Kaifar hielt inne und lauschte dem Gesang. Caroline wollte lächeln, etwas Heiteres erwidern, doch sie vermochte nichts dazu zu sagen.

„‚Auf Wiedersehen, Marjan, mein Weib, denn nun bist du meine Tochter.‘“ Kaifar, der die Geschichte verfolgte, übersetzte ihr den Text. Er beugte sich zu ihr vor, sprach aber so leise, dass sie sich ihm zuneigen musste und in ganz intime Nähe geriet. Aber sie konnte sich dem Zauber nicht entziehen. „‚Eine Tochter macht man nicht zu seiner Frau. Meine Liebe muss aus meinem Herzen verbannt werden.‘“

„Aber warum?“, fragte Caroline.

Kaifar schüttelte bloß den Kopf. „Das ist eine Angelegenheit der Ehre. Als ihr Vormund darf er die Situation nicht ausnutzen.“

„Oh!“, war alles, was Caroline dazu sagen konnte. Welches Ehrgefühl besaßen ihr Vater und David? Das Klagelied ging weiter, und Kaifar übersetzte.

„Sie kam zu ihm, kam sofort auf seine Bitte.

Was immer er von Marjan verlangte, sie tat es gern.

Sie lächelte, weiß waren ihre Zähne, rosig ihre Lippen.

‚Was möchtest du von mir?‘, fragte sie den besten Freund ihres Vaters.

‚Marjan, meine Tochter‘, beginnt er. ‚Marjan.‘

‚Bin ich deine Tochter?‘, fragt Marjan und

lächelt, weiß sind ihre Zähne, rosig ihre Lippen.

Ihr Haar ist ein schwarzes Bukett, Blatt für Blatt,

eine Blume der Nacht.

‚Bin ich deine Tochter, bist du mein Vater?‘

Er hört die verborgene Botschaft und wendet sich ab.

Sie legt ihm ihre weiße Hand auf den Arm.

‚Du bist nicht mein Vater, obwohl ich dich mein

ganzes Leben liebe.

Mehr als sonst jemanden.‘

‚Marjan, dein Vater muss dir einen Mann suchen.

Die Zeit ist gekommen. Ich muss dir einen Mann suchen.‘

Das Lächeln um ihre rosigen Lippen erstirbt.

‚Was brauche ich einen Mann, wenn ich dich habe?

Ich wünsche mir keinen anderen Mann.‘“

Die Sängerin brach ab, die Musik strebte einem Crescendo entgegen und endete. „Das Stück ist aber noch nicht zu Ende?“, flüsterte Caroline mit halb erstickter Stimme und fühlte sich noch ganz im Bann der Musik und der Erzählung.

Kaifar trank von seinem Wein. „Nein.“ Die Frau legte ihr Instrument beiseite, stand auf und trat an einen der Tische. Ein Mann gab ihr Geld, sie wechselten ein paar Worte, und dann kam sie zu Caroline und Kaifar an den Tisch. Kaifar sprach mit ihr und gab ihr ebenfalls Geld.

Endlich war etwas von dem Bann verflogen. „Wenn sie genug Geld bekommt, fährt sie mit ihrer Geschichte fort?“, scherzte Caroline leise.

„Zur Kunst der Geschichtenerzähler hat schon immer dazugehört, dass sie die Spannung bis zum Höhepunkt aufbauen und dann aufhören.“

Caroline lächelte. „Scheherazade gilt als das Musterbeispiel dieser Kunst?“

Kaifar nickte zustimmend.

Der Kellner brachte ihnen den ersten Gang, ‚naan‘ mit frischen grünen Kräutern, weißem Ziegenkäse und mehreren anderen kleinen Happen, die Caroline nicht kannte. Sie brach sich ein Stück von dem Fladenbrot ab und tat es dann Kaifar gleich, der sich ein paar zarte Kräuter nahm und in das Brot schob. Die Frische der Kräuter entfaltete sich beim ersten Bissen.

„Kennen Sie das Ende?“, fragte Caroline. Die Sängerin ging noch von einem Tisch zum anderen.

„Jeder kennt das Ende. Es ist eine bekannte Geschichte.“

„Erzählen Sie mir, wie sie endet.“

Kaifar legte sein ‚naan‘ hin und beugte sich vor. Er lächelte freundlich, und sie erinnerte sich, wie er vorhin in ihrem Hotelzimmer mit ihr gesprochen und sie angesehen hatte. Sie wich ein wenig zurück, aber Kaifar fuhr im Flüsterton fort.

„Marjan versucht dem Freund ihres Vaters zu erklären, dass sie ihn liebt wie einen Ehemann und nicht wie einen Vater, aber er tut so, als würde er sie nicht verstehen. Dann bittet sie ihn, zu warten und sie noch nicht zu verheiraten. Aber er sucht ihr einen gut aussehenden jungen Mann, und da er seine Liebe für aussichtslos hält, verheiratet er sie mit ihm. Danach erkrankt der Freund ihres Vaters an seiner unerfüllten Liebe. Marjan besucht ihn, aber selbst auf dem Totenbett gibt er sein Geheimnis nicht preis. Als er stirbt, nimmt Marjan den Papagei zu sich, der bis zum Schluss sein Gefährte war. So sitzt sie da und trauert um den Mann, den sie liebte. Da wiederholt der Papagei die Worte, die er so oft gehört hat. ‚Marjan, ich sterbe aus Liebe zu dir!‘ So erfährt Marjan die ganze Wahrheit.“

Caroline war tief bewegt von der Geschichte. Tränen brannten ihr in den Augen, und für eine Weile fehlten ihr die Worte. „Warum?“, flüsterte sie schließlich. „Warum konnte er es ihr nicht sagen?“

Kaifar musterte sie aufmerksam. „Er hat wohl seiner Pflicht treu sein wollen. Die Menschen begehen aus verschiedenen Gründen Verrat an der Liebe, manchmal aus guten, manchmal aus schlechten.“

Die Menschen begehen Verrat an der Liebe. Wollte er damit etwa sagen, dass sie Verrat an der Liebe beging, da sie David heiratete? Bewegte sie deshalb die Geschichte so sehr? David war der Freund ihres Vaters, aber er liebte sie nicht und sie ihn auch nicht. Wieso sollte das ein Verrat an der Liebe sein? Schließlich liebte sie auch zurzeit keinen anderen Mann. Eines Tages mochte das vielleicht mal passieren.

Nicht wenn ich David heirate, ging es ihr durch den Sinn. Das erschien ihr plötzlich klar. Die Heirat mit David würde ihr das Herz brechen und ihr die Fähigkeit rauben, überhaupt jemanden zu lieben. Warum hatte sie das nicht eher erkannt? Was ihre Eltern von ihr verlangten, war nicht das Opfer von ein paar Jahren, sondern tatsächlich das Opfer ihres Lebensglücks.

Als die Sängerin ihr Klagelied fortsetzte, vermochte Caroline kaum noch ihre Tränen zurückzuhalten. Sie rannen ihr über die Wangen, eine nach der anderen, und schimmerten im Kerzenlicht.

Sie war sicher, dass Kaifar nichts davon bemerkte. Jedenfalls hoffte sie es. Verstohlen wischte sie ein paar ihrer Tränen weg.

„Warum verbergen Sie Ihre Tränen vor mir?“, fragte Kaifar.

Ihre Hand bebte. Die Frage nahm ihr die schwache Beherrschung. Sie schluckte schwer. „Es tut mir sehr leid, dass ich mich so albern benehme“, flüsterte sie peinlich berührt. „Es ist bloß … das erste Mal, dass ich solche Musik gehört habe.“

„Wollen Sie sich etwa dafür entschuldigen, dass Sie sich von der Musik meines Landes berührt fühlen?“, forschte Kaifar.

Caroline schloss die Augen und schluchzte leise auf. Als sie die Augen öffnete, hingen Tränen an ihren Wimpern, sodass Kaifars Erscheinung – dunkelhäutig, stark, geheimnisvoll und ungemein attraktiv für sie – einen schimmernden Kranz vom Kerzenlicht erhielt.

Sacht, fast gedankenversunken und unglaublich behutsam, streckte er seine Hand aus und fing eine der Tränen mit dem Finger auf. Er hob den Finger an die Lippen und leckte die Träne ab.

Caroline fühlte sich bis ins tiefste Innere erschüttert. Sie rang nach Atem und erschrak über ihre heftige Reaktion auf ihn. Seine Nähe zerstörte die Sicherheiten, die ihr Leben ausmachten. Ihm gegenüber fühlte sie sich sehr verletzlich. Er durfte nicht glauben … Caroline hielt in ihren Gedanken inne.

„Was …“ Sie hüstelte, weil ihre Stimme stark belegt klang. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“, wollte sie wissen.

Er musterte sie arrogant und überrascht. „Was sagten Sie?“

Er klang so überheblich, dass Caroline beinahe verzagt hätte. Nun, sie hatte gehört, dass die Männer im Orient ihre männliche Überlegenheit gern betonten. Das bedeutete nicht, dass sie es hinnehmen musste. „Warum haben Sie das getan?“, verlangte sie etwas leiser und leicht verärgert.

Der Blick, mit dem er sie bedachte, hätte sie dahinschmelzen lassen, selbst wenn sie die Marmorstatue gewesen wäre, die David sich wünschte. „Sie singt über Tränen, Caroline. ‚Die Tränen einer schönen Frau, deren Herz nur einem Mann gehört, schmecken nicht nach Salz. Sie sind wie Wein, der für die Götter reserviert ist.‘“

Ein warmer Schauer rieselte ihr über den Rücken, aber sie durfte nicht schwach werden. „Warum wollen Sie etwas über mein Herz wissen?“, forderte sie.

Er lächelte wissend, gab ihr aber keine Antwort.

„Der Zustand meines Herzens geht Sie nichts an!“

Abwehrend hob er eine Hand und nickte schwach mit dem Kopf, um ihr zu verstehen zu geben, dass er ihren Standpunkt akzeptierte.

In einem dummen Anflug von Neugier verschenkte Caroline ihren Sieg. „Nach was haben sie denn geschmeckt?“

Verwundert und empört zog er seine dunklen Brauen zusammen. „Wollen Sie etwa von mir wissen, ob Sie Ihren Verlobten lieben?“

Carolines Augen verdunkelten sich, und sie bemühte sich um ihre Beherrschung. „Ich bezweifle, dass Tränen nach Wein schmecken können, gleichgültig, von wem sie sind. Wenn Sie mir sagen, wie meine Tränen für Sie geschmeckt haben, sagt mir das mehr über Sie als über den Zustand meines Herzens, oder?“

Sie fühlte sich wie eine Tennisspielerin, die einen fast unmöglichen Pass erfolgreich erwidert hat. Ein triumphierendes Lächeln konnte sie sich nicht verbeißen.

„Ihre Frage sagt mir auch etwas über den Zustand Ihres Herzens, selbst wenn der Geschmack Ihrer Tränen es nicht täte.“

Der plötzliche Wechsel von Triumph zur Vernichtung war unerträglich. Caroline reagierte erzürnt. „Wie können Sie es wagen!“

„Wie kann ich was wagen? Sie darauf hinzuweisen, dass Sie von mir wissen wollen, ob Sie Ihren Verlobten lieben?“

„Danach habe ich gar nicht gefragt!“ Erneut brannten ihr Tränen in den Augen und rannen ihr über die Wangen. Hastig wischte Caroline sie weg. Aber es kamen sogleich welche nach. Der Einfluss des Liedes, ihre unterdrückten Gefühle und die Erkenntnis ihrer wahren Situation waren zu viel für sie.

„Lieber Himmel, warum bin ich hergekommen?“, rief sie erschrocken, stützte die Ellbogen auf den Tisch und barg ihr Gesicht in den Händen, um ihre Fassung wiederzufinden. Zum ersten Mal gestand sie sich ein, dass sie David nicht heiraten wollte. Aber was würde aus ihren Eltern werden? Wie würden sie diese Nachricht verkraften?

Schließlich versiegten ihre Tränen. Sie trocknete sich die Wangen mit der Serviette und schaute auf. Wenigstens starrte niemand in ihrer Nähe sie an. Sie nahm sich ein neues Stück ‚naan‘ und rang sich durch, es zu essen. Nach den ersten Bissen wurde es leichter. Kaifar tat es ihr gleich, ohne etwas zu sagen.

Das Lied endete mit dem Ruf der Sängerin: „Marjan! Marjan! Marjan!“ Dabei ahmte sie die krächzende Stimme eines Papageis nach, um die Tragik des Liedes zu unterstreichen. Die Gäste applaudierten. Der Kellner erschien mit dem Hauptgang, und eine kühle Brise wehte durch den Garten. Caroline setzte sich gerade und beschloss, dass sie besser ein paar Dinge klarstellen sollte.

Ihr mariniertes, gegrilltes Hähnchen sah appetitlich aus. Sie griff nach Messer und Gabel und fragte: „Hätten Sie hier auch heute zu Abend gegessen, wenn mein Verlobter mitgekommen wäre?“

Kaifar zog die Brauen in die Höhe. „Ich meine …“ Sie errötete über ihre Ungeschicklichkeit. Schließlich wollte sie einen gewissen Abstand herstellen. Dass es zwischen ihnen sogar einen Klassenunterschied gab, daran wollte sie nicht denken. „Ich meine, gehen Sie jedes Mal mit Ihren Kunden essen?“

Drei Männer an einem der Nachbartische standen auf und begannen zu dem neuen Lied der Sängerin zu tanzen. Unwillkürlich schaute Caroline zu ihnen hinüber. Sie sahen aus wie Männer von der Straße, waren mittleren Alters und trugen weite Hosen sowie Hemden, deren Ärmel sie aufgerollt hatten. Sie reckten die Arme bis über ihre Köpfe und schwenkten die Hüften wie Bauchtänzerinnen.

Kein Mann in New York würde sich spontan zu so etwas hinreißen lassen, dachte Caroline. Doch es wirkte anziehend und maskulin auf eine ursprüngliche Art und Weise. Was sich in diesem Verhalten ausdrückte, war eine Eigenschaft, die Kaifar mit diesen Männern gemeinsam hatte.

„Nicht alle Leute wünschen sich einen Vollzeitfremdenführer“, erwiderte er. „Aber in Ihrem Fall ist das etwas anderes.“

Sie wandte sich wieder zu ihm. „Warum?“

„Weil Sie einen Preis gewonnen haben“, erwiderte er, als wäre das selbstverständlich. „Ich esse mit Ihnen zu Abend, damit Sie Ihren Urlaub so richtig genießen können. Eine Frau isst nicht gern allein.“

Caroline wurde verlegen. Ob Kaifar sich auch sonst um die emotionalen und sexuellen sowie die gesellschaftlichen Bedürfnisse seiner Kundinnen kümmerte?

„Bezahlt die Firma auch Ihr Essen?“

„Machen Sie sich Sorgen um meine Brieftasche?“, fragte er lächelnd.

Da spürte sie, wie verwegen ihre Frage war. Irgendwie schaffte er es, sie immer wieder zu verunsichern. „Ich habe mir nur so meine Gedanken gemacht“, bemerkte sie.

„Kann es sein, dass Sie gern wüssten, welche Dienstleistungen noch zu Ihrem Preis gehören?“ Kaifars Anspielung war eindeutig, und sein Interesse spiegelte sich selbst bei Kerzenschein sichtbar in seinem Blick wider.

5. KAPITEL

Der Vollmond stieg in den schwarzen Himmel hinauf, und während Caroline ihm zusah, erinnerte sie sich an Kaifars Blick, mit dem er ihr ein eindeutiges Angebot gemacht hatte. Noch jetzt spürte sie das elektrisierende Verlangen, das sie bei seinem Vorschlag durchflutet hatte und das sie abwechselnd schwach und stark machte.

„Reden Sie nicht so mit mir“, hatte sie ihn gebeten und sich um einen energischen Ton bemüht, in der Hoffnung, ihn irreführen zu können. „Ich bin nicht in Ihr Land gekommen, auf der Suche nach einem Urlaubsflirt.“

„In Ihrer Sprache gibt es ein Wort für das Auffinden eines Schatzes, den man nicht gesucht hat, glaube ich.“

Im Hintergrund blieb das rhythmische Klagen der alten Frau zu hören. Caroline wich Kaifars beunruhigendem Blick aus. „Für das, was Sie machen, gibt es auch ein Wort in meiner Sprache. Sexuelle Belästigung“, entgegnete sie.

Sein Lachen klang frei und unbeschwert. „Caroline, zwischen uns gibt es eine Verbindung. Das haben Sie auch gespürt.“

Darauf vermochte sie nichts zu erwidern.

„Wie alt ist Ihr Verlobter?“, flüsterte er. „Der Mann, mit dem ich gesprochen habe, hatte nicht die Stimme eines jungen Mannes.“ Dazu sagte sie nichts. „Eine Frau mit Ihrer Lebenskraft sollte sich nicht an jemanden binden, dessen Energien bereits versiegt sind.“

„Caroline“, hauchte er so dicht an ihrem Ohr, dass sie jede Silbe ihres Namens überdeutlich hörte. Eigentlich hätte sie zurückweichen sollen. „Ich kann Ihnen Erinnerungen schenken, bei denen Ihnen an den langen, kalten Nächten, die Sie im Bett dieses alten Mannes erleben werden, warm wird.“

„Kaifar, ich bin verlobt.“

Sie brauchte nichts anderes zu tun, als sich dem Zauber zu entziehen, den er auf sie ausübte. Aber sie spürte die Verbindung, von der er gesprochen hatte. „Was würde ich ihm wegnehmen? Und was enthalten Sie ihm vor, wenn Sie mir geben, was er nicht will?“

Da lehnte sie sich zurück. „Was er von mir erwartet, ist Loyalität“, antwortete sie. „Und darauf hat er ein Recht.“

Kaifar hatte nur genickt und ihre Entscheidung akzeptiert. Anschließend hatte er sich ganz dem Essen zugewendet.

Jetzt, als sie im Vollmondlicht dastand und sich die leichte Brise durchs Haar wehen ließ, erkannte sie, dass Kaifar recht hatte. Er besaß eine Lebenskraft, wie weder David noch ihr Vater oder seine Bekannten hatten. Alter hatte nichts damit zu tun und sexuelle Energie auch nicht. Es war vielmehr ein Wesenszug, eine lebensbejahende Einstellung und der Wille, Erfahrungen zu machen …

Diese Haltung dem Leben gegenüber war es, die sie ansprach. Zum ersten Mal hatte Caroline erlebt, dass ein Mann sich nicht von ihren offen gezeigten Empfindungen verschrecken ließ. Auch hatte er wohl nicht das Bedürfnis verspürt, ihr mitfühlendes Wesen ersticken und beherrschen zu müssen.

In der Hinsicht war David immer sehr geschickt gewesen. Im Nu hatte er sie mit einer Mischung aus Tadel, Verachtung und herrischem Befehl gefügig gemacht. Caroline war ziemlich hilflos und wusste, dass es ihm immer wieder gelingen würde, die Oberhand zu behalten.

Kaifar hingegen – sie erschauerte bei der Vorstellung, wie er das Feuer bei ihr entfachen und sie sicher durch ein Inferno ihrer Leidenschaft führen würde. Allein bei dem Gedanken daran durchflutete sie heftiges Verlangen. Was würde wohl passieren, wenn er sie berührte? Wie sollte sie sich gegen all die Empfindungen wehren?

„Heute werde ich Ihnen die Große Moschee zeigen“, erklärte Kaifar.

Caroline überging die etwas herablassende Art der Einladung, da sie die Moschee gern sehen wollte. Freundlich erkundigte sie sich: „Kann ich in dieser Kleidung gehen?“

Sie trug ein weißes, weites Sommerkleid, das wadenlang war und dessen Halsausschnitt, Ärmel, Taillenbund und Saum farbig verziert waren. Dazu trug sie blaue Sandalen an den Füßen. Kaifar musterte sie aufmerksam. Sein Blick wirkte elektrisierend und löste eine verheerende Wirkung aus – Carolines Puls raste, und ihr Herz klopfte.

Kaifars Worte holten Caroline auf den Boden der Realität zurück. „Das sieht attraktiv aus. Man wird Ihnen ein Kopftuch anbieten. Wollen Sie in der Moschee Ihren Kopf bedecken?“

„Aber natürlich“, erwiderte sie. „Ich hole mein Tuch.“ Sie lief auf ihr Zimmer und kehrte ein paar Minuten später mit dem durchsichtigen grünen Tuch vom Vorabend zurück. Kaifar nickte.

„Manche Frauen aus dem Westen haben etwas gegen diese Bitte einzuwenden“, berichtete er ihr später im Wagen.

Sie war verblüfft. „Soll das heißen, die Leute verzichten lieber darauf, sich ein so herrliches Gebäude anzusehen, anstatt sich ein Tuch über den Kopf zu legen?“

„Es ist ein Gotteshaus. Wir schicken niemanden weg, nur weil er die Kleiderordnung nicht respektiert, aber solche Menschen kränken jene, die zur Andacht in die Moschee gehen.“

„Ich wüsste gern, wie die Leute in New York reagieren würden, wenn sich jemand aus Barakat in einem Nichtrauchergebäude eine Zigarette anzünden würde.“

Kaifar lachte, als gefiele ihm ihr Vergleich. „Vielleicht sollten wir entsprechende Schilder anbringen.“

Etwas an der Art und Weise, wie er das sagte, ließ Caroline aufhorchen. „Haben Sie etwa irgendeine Verantwortung für die Moschee?“

„Jeder Bürger trägt Verantwortung dafür.“

„Empfinden die anderen das auch so wie Sie?“

Er hielt an und fuhr um einen Maulesel, der einen Karren voll Melonen zog. „Mein Vater war sein Leben lang Wächter der Nationalschätze. Er hat uns zur Achtung vor dem Volk erzogen.“

Welche Geschichte mochte die Ursache sein, dass der Sohn eines so bedeutenden Mannes ein bloßer Fremdenführer war? Das jedenfalls erklärte sein widersprüchliches Verhalten. Möglicherweise fühlte Caroline sich deshalb mit Kaifar verbunden. Hatte seine Familie etwa auch Pech gehabt? „Wann ist er gestorben?“

„Vor elf Jahren. Möge er in Frieden ruhen.“

„Lebt Ihre Mutter noch?“

„Meine Mutter, ja. Sie war jünger als mein Vater und erfreut sich guter Gesundheit.“

„Wo lebt sie denn?“

Er hielt vor einer Ampel und beobachtete sie im Rückspiegel. „Meine Mutter lebt in meinem Haus, das meinem Vater gehört hat. Ihre Eltern leben auch bei Ihnen?“

„Ich wohne bei ihnen.“ Plötzlich berichtete sie ihm von dem Unglück ihrer Familie. Sie wusste nicht, ob er verstand, was sie ihm vom Aktienmarkt schilderte, aber er stellte keine Fragen. „Das Haus war das Einzige, was meinem Vater geblieben ist, weil es schon seit Generationen der Familie gehört. Aber ohne mein Gehalt könnten sie dort nicht bleiben.“

Zu ihrer Überraschung runzelte Kaifar die Stirn. „Soll das heißen, Ihre Eltern wohnen immer noch in einem großen Haus, das eigentlich reichen Leuten vorbehalten ist, nachdem sie finanziell ruiniert waren? Und Ihr Gehalt ermöglicht ihnen das? Sie haben Ihre Ausbildung geopfert, damit Ihr Vater und Ihre Mutter sich nicht mit den Tatsachen des Lebens auseinandersetzen müssen?“

Er klang überrascht, fast verärgert. In diesem Moment dachte sie, dass sie einen Mann wie ihn nicht zum Feind haben wollte. „So wie Sie das sagen, klingt es lachhaft.“

„Schlimmer als lachhaft. Sie sind Ihren Eltern gegenüber verpflichtet, aber dass Ihre Eltern das in dieser Weise ausnutzen, ist ungerecht. Schließlich würden sie nicht verhungern, nicht mal Hunger leiden, sondern nur ihren Lebensstil bescheidener gestalten müssen.“

Natürlich verteidigte Caroline ihre Eltern sofort. „Sie haben es nicht von mir verlangt“, erwiderte sie und blendete bewusst jenen Moment aus, als sie ein wesentlich größeres Opfer von ihr gefordert hatten. „Wenn sie umgezogen wären, hätten sie sämtliche Freunde verloren, und sie haben ihr ganzes Leben dort gewohnt.“

„Ihre Freunde hätten sie in einer anderen Umgebung nicht mehr besucht? Was für Freunde können denn das sein?“

Lächelnd schüttelte Caroline den Kopf. Wie sollte sie ihm die Gesellschaftsschicht schildern, der ihre Eltern angehörten? „Das verstehen Sie nicht.“

Sie sprach zwar in ruhigem Ton, aber sie fühlte sich tief erschüttert. Was würde er sagen, wenn er die volle Wahrheit wüsste, dass sie David heiraten sollte, damit das Wohl der Familie auch in Zukunft gesichert war?

Eigentlich hatte Caroline eine andere Meinung bei ihm vermutet, da er aus einer weniger individualistischen Gesellschaft stammte, die sich nicht so um die Rechte der Frauen kümmerte und dem Alter gegenüber respektvoller war.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, erklärte er: „Ich verstehe sehr wohl, dass ein Mann ein Mann bleiben muss!“

Darauf vermochte sie nichts zu erwidern, und ein paar Minuten lang herrschte Schweigen. Kaifar steuerte den Wagen durch den geschäftigen Morgenverkehr. Offenbar befanden sie sich in der Nähe eines großen Marktes. Die Leute transportierten eine Menge verschiedener Waren in alten Autos, auf überladenen Fahrrädern, auf Karren, mit Koffern und Taschen, auf ihrem Rücken und auf Maultieren. Fasziniert von den Farben und dem Lärm, schaute Caroline ihnen zu.

Kaifar riss sie aus ihren Betrachtungen. „Was für eine Arbeit machen Sie denn?“, fragte er.

„Ich bin Verkäuferin in einer Modeboutique“, erwiderte sie. Es war nicht der Beruf, den sie sich freiwillig ausgesucht hätte, aber wie sich herausgestellt hatte, war sie gut darin. Durch Provisionen verdiente sie mehr, als sie bei leichter Bürotätigkeit hätte erzielen können. Und da sie schlank war, erhielt sie ein paar wunderbare Kleidungsstücke zu sehr günstigen Preisen. „Manche meiner ehemaligen Freundinnen sind gute Kundinnen.“ Das war eine Tatsache, die diese mehr genossen als Caroline.

„Ihr Vater hat sein Geld verloren, Sie aber nicht Ihre Schönheit“, erklärte Kaifar.

Caroline seufzte. Sich mit Kaifar zu unterhalten, war eine Erleichterung. Vielleicht lag es daran, dass er ein Fremder war, dem sie vermutlich nie wieder begegnen würde. Und doch kam er ihr nicht wie ein Fremder vor, sondern wie jemand, auf den sie gewartet hatte. Sie ahnte, dass dies ein gefährlicher Gedanke war, und verdrängte ihn, ehe er Raum gewann.

Caroline griff nach einem unverfänglicheren Thema. „Könnten wir nachher mal über den Markt gehen?“, fragte sie.

Kaifar warf ihr einen flüchtigen Blick über die Schulter zu. „Sie wollen dort etwas einkaufen?“

„Erst möchte ich mir das Angebot ansehen.“ Es war lange her, dass sie das bunte Treiben auf einem Markt erlebt hatte, und zwar bei einer Ferienreise nach Italien, als sie dreizehn gewesen war. Es war ein Fest für die Sinne gewesen, die Farben, die Klänge, die Düfte und die Menschen. Nicht mal der Tadel ihres Vaters hatte dieses Erlebnis beeinträchtigen können.

Ein diskretes Schild im Vorhof der atemberaubend schönen Moschee verkündete in mehreren westlichen Sprachen: „Sie betreten einen geweihten Ort, wo die Gläubigen sich jederzeit der Andacht widmen. Bitte achten Sie unsere Gebräuche. Männer und Frauen sollten geziemend gekleidet sein. Frauen werden gebeten, ihr Haar zu bedecken. Tücher dafür gibt es am Haupteingang.“

Ganz in der Nähe saß ein alter Bettler, einen weißen Turban auf dem Haupt. Der lange Bart hing ihm bis auf die Brust. Seine Augen leuchteten. Eine schmutzige, umhäkelte Kappe lag vor ihm auf dem Boden und zeigte die mageren Einkünfte, die er an dem Morgen erzielt hatte. Kaifar blieb stehen, beugte sich vor und streckte seine Hand aus. „Salaam aleikum“, sagte er.

Der Bettler hob ihm seine knochige Hand entgegen und nickte dankend. Er verstärkte den Griff um Kaifars Hand und beugte sich vor, um sie zu küssen. „Waleikum salaam, Sayedi“, erwiderte er förmlich. Dann ließ er Kaifar los und blickte auf den Schein, der den Besitzer gewechselt hatte, und sah auf. Schmunzelnd strich er sich dann über den Bart und sagte etwas zu ihm, auf das Kaifar mit einem Lachen und einer Bemerkung reagierte. Der alte Mann lachte laut auf und ließ den Schein in seinem Mantel verschwinden.

„Geben Sie Bettlern immer etwas?“, fragte Caroline beim Weitergehen. Sie dachte an David, der sich geweigert hatte, ein Wohltätigkeitslos zu kaufen. Er gab niemals einem Bettler etwas. „Die haben doch alle eine Eigentumswohnung, Caroline. Lass dich nicht täuschen.“

Autor

Alexandra Sellers

Alexandra Sellers hat schon an vielen verschiedenen Orten gelebt – wie viele genau, kann sie selbst nicht mehr sagen. Schon als kleines Mädchen träumte sie von fernen Ländern, inspiriert von den Märchen aus 1001 Nacht. Und irgendwann sah sie sich selbst an diesen geheimnisvollen Orten als Schriftstellerin. Prompt wurde die...

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Seit Nalini denken konnte wollte sie schon immer Autorin werden. Als Kind, wenn sie nicht gerade ihren Tagträumen nachhing, schrieb sie ihre Ideen in ihrem Laptop nieder. Irgendwo auf ihrem Lebensweg fand sie heraus, dass die Tätigkeit eines Autors der eines professionellen Tagträumers gleich kommt. Schreiben wurde darum ihr Karrierewunsch....
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Olivia Gates
Olivia Gates war Sängerin, Malerin, Modedesignerin, Ehefrau, Mutter – oh und auch Ärztin. Sie ist immer noch all das, auch wenn das Singen, Designen und Malen etwas in den Hintergrund getreten ist, während ihre Fähigkeiten als Ehefrau, Mutter und Ärztin in den Vordergrund gerückt sind.
Sie fragen sich jetzt bestimmt –...
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