Baccara Weekend Band 53

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DIE HEISSE NACHT AUF DEN BAHAMAS von MARGARET ALLISON

In den Armen eines gut aussehenden Fremden verbringt Cassie eine leidenschaftliche Nacht auf den Bahamas. Ohne zu ahnen, dass ihr sinnlicher Liebhaber der mächtige Konzernchef Hunter Axon ist. Ausgerechnet der Mann, der ihre Firma schließen will …

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  • Erscheinungstag 13.09.2025
  • Bandnummer 53
  • ISBN / Artikelnummer 9783751531061
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Margaret Allison, Bronwyn Jameson, Sara Orwig

BACCARA WEEKEND BAND 53

Margaret Allison

1. KAPITEL

Cassie Edwards bohrte die Zehen in den Sand und nippte an ihrer Piña Colada, während sie den Barkeeper beim Drinkmixen beobachtete. Er war groß, athletisch gebaut und sah irgendwie vornehm aus, wie ein Märchenprinz. Sein Haar war dunkelbraun, und um seine Augen lagen feine Lachfältchen. Er trug ein weißes Baumwollhemd, das im Bund einer ausgewaschenen Jeans steckte.

Obwohl Cassie kein Wort mit ihm gewechselt hatte, fühlte sie sich von ihm magisch angezogen und konnte kaum den Blick von ihm abwenden. Unwillkürlich überlegte sie, wie es wohl wäre, mit so einem Mann zusammen zu sein. Wie würde sich seine Haut anfühlen? Wie wäre es, ihn zu küssen, zu ihm zu gehören?

Was war bloß in sie gefahren?

Cassie schaute sich um. Das Lokal befand sich unter freiem Himmel, direkt am Strand. Kleine, weiße Lichter grenzten den Barbereich ab, und die Kellner und Kellnerinnen trugen bunt bedruckte Hemden. Der Ort wirkte unglaublich romantisch. Überall sah man Pärchen, die Händchen hielten, sich küssten und miteinander schmusten. In dieser Atmosphäre wurden selbst hartgesottene Zyniker ein wenig sentimental.

Cassie fühlte sich plötzlich sehr einsam. Die Bahamas waren kein geeigneter Ort, um über ein gebrochenes Herz hinwegzukommen.

Doch sie wollte weder über ihren Exverlobten nachdenken noch sich einen harmlosen Flirt erlauben. Sie war hier nicht auf der Suche nach Liebe. Sie war hergekommen, um Hunter Axon zu treffen, einen der skrupellosesten Firmenaufkäufer der Welt. Das war eine seltsame Aufgabe für eine Frau, die keine Managerin war, sondern nur als Weberin in einem historischen Textilbetrieb arbeitete.

„Darf ich Ihnen noch eine Piña Colada bringen?“

Cassie blickte auf, und ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie den Barkeeper erkannte, den sie vorhin bewundert hatte. Sie blickte in seine großen braunen Augen, und der Rest der Welt um sie her verblasste. Was machte er an ihrem Tisch? Er war schließlich kein Kellner.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Der Mann zögerte einen Augenblick. Dann wies er mit dem Kopf auf ihre Kamera. „Haben Sie viele Fotos gemacht?“

Das klang, als flirtete er mit ihr. Unglücklicherweise wusste Cassie nicht, wie man flirtete. Dazu hatte sie nie viel Gelegenheit gehabt. Cassies und Olivers Familien hatten beschlossen, ihre Kinder seien füreinander bestimmt, seit sie im Abstand von nur zwei Tagen im selben Krankenhaus geboren worden waren. Alle Jungen in Shanville, New York, wussten, dass sie, Cassie, Oliver Demions Mädchen und somit für sie tabu war.

Cassie wurde ein bisschen nervös. Was sollte sie jetzt sagen? „Nein“, antwortete sie leise. Doch als ihr seine Frage wieder einfiel, korrigierte sie sich: „Ich meine, ja.“

Der Mann lächelte. „Waren Sie unten beim Riff?“

„Dazu hatte ich keine Zeit. Ich habe bloß ein paar Bilder vom Strand gemacht. Ich bevorzuge Fotos, auf denen nur das Wesentliche festgehalten ist. Wissen Sie, was ich meine? Die Ausstrahlung, aber nicht zwingend die, nun …“ Die was? Warum redete sie nur wie eine zerstreute Professorin?

„Dann sind Sie also eine ernsthafte Fotografin.“

Sie lachte. „Nein. Zumindest nicht mehr. Ich habe angefangen, Kunst zu studieren, habe aber das Studium vorzeitig abgebrochen.“ Weil meine Großmutter krank wurde, und ich nach Hause zurückkommen musste, um ihr zu helfen, hätte sie fortfahren können. Also arbeitete ich im Betrieb meines Verlobten, und er ließ mich fallen, kurz bevor er das Unternehmen verkaufte, bei dem die meisten Leute im Ort angestellt waren. Was für eine bittere Geschichte! Doch das behielt sie lieber für sich. „Jetzt ist Fotografieren für mich nur noch ein Hobby.“

Er betrachtete sie eine Weile schweigend. Cassie kam sich vor, als würde er sie mit den Augen ausziehen. Liebe Güte, sah er gut aus! Sie schluckte und wandte den Blick ab.

„Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie noch etwas möchten.“

„In Ordnung“, antwortete sie. Hätte sie noch etwas anderes sagen sollen? Ihn vielleicht einladen sollen, sich zu ihr zu setzen? Aber das konnte sie doch nicht tun, oder?

Ich bin schließlich nicht mehr verlobt, sagte sie sich zum x-ten Mal an diesem Tag. Trotzdem fühlte sie sich ein wenig schuldig. Das hatte allerdings nichts mit ihrer vergangenen Beziehung zu tun, sondern mit dem Grund für ihre Reise.

Sie sah dem Barkeeper nach, der sich nun entfernte. Wie hätte sie Spaß haben können, wenn sie von der Katastrophe wusste, mit der ihre Freunde zu Hause konfrontiert waren? Wie hätte sie sich entspannen können, wenn sie wusste, sie würde nach Shanville zurückkehren und alle enttäuschen müssen?

Wie war sie bloß überhaupt in diese Zwangslage geraten?

Bis vor wenigen Monaten hatte sie geglaubt, genau zu wissen, in welche Richtung ihr Leben sich entwickeln würde. Sie war verlobt gewesen und hätte irgendwann geheiratet. Sie hatte einen Beruf, den sie liebte, und lebte in einer Stadt mit Menschen, die ihr etwas bedeuteten. Aber das Schicksal hatte ihr einen Streich gespielt. Von einem zum anderen Augenblick hatte sich alles geändert.

Rückblickend betrachtet hätte es Cassie eigentlich nicht überraschen dürfen, dass Oliver ihre Verlobung gelöst hatte. Schließlich war ihre Beziehung sehr problematisch geworden, nachdem er den elterlichen Betrieb übernommen hatte. Cassie hätte ihre Verlobung schon vor Jahren selbst gelöst, wenn sie nicht Angst gehabt hätte, damit ihre kränkliche Großmutter aufzuregen. Denn es war der Wunsch ihrer Großmutter gewesen, dass Cassie Oliver heiratete. Ihre Großmutter hatte immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass diese Verbindung die Freude ihres Alters war.

Außerdem war es nicht so gewesen, dass Cassie Oliver nicht geliebt hätte. Sie waren zusammen aufgewachsen. Sie waren zusammen in die Schule gegangen, und sie hatten während der Sommerferien Seite an Seite in der Weberei „Demion Mills“ gearbeitet. Doch als Oliver die Führung des Betriebs übernommen hatte, hatte er sich verändert. Mit einem Mal war er besessen von Geld. Für Cassie war offensichtlich geworden, dass Oliver große Pläne hatte – Pläne, in denen eine kleine Textilweberei nicht vorkam.

Nachträglich war alles klar gewesen. Oliver mochte schöne Reden gehalten haben, doch wie ihre Großmutter immer zu sagen pflegte, Taten sagten mehr als Worte. Letztendlich bewies Olivers Verhalten, dass er kein Kleinstadtmädchen heiraten wollte, das als Weberin im Textilbetrieb seiner Familie arbeitete. Außerdem schien er auch keine Lust zu haben, in Shanville zu leben. Oliver war dazu bestimmt, sein Glück und seine Liebe woanders zu suchen.

Aber so offensichtlich Olivers Gefühle ihr gegenüber auch geworden waren, Cassie hätte niemals vermutet, wie tief er Shanville verachtete. Sie hätte auch niemals gedacht, dass Shanville eines Tages von einem Bürger der Stadt zerstört werden würde.

Doch genau das war geschehen. Oliver hatte Demion Mills schlecht geführt und den Betrieb damit an den Rand des Ruins gebracht. Dann, gerade als Cassie dachte, es könnte nicht schlimmer werden, hatte er Shanville und die Menschen verraten, die ihn liebten. Er verkündete, er würde den Betrieb – den Stützpfeiler der Gemeinde, den Arbeitgeber ganzer Generationen von Einwohnern – an Hunter Axon verkaufen.

Hunter Axon kaufte Firmen auf, die vom Bankrott bedroht waren. Er war dafür bekannt, kleinere Betriebe zu übernehmen, die Angestellten zu entlassen und die Produktion nach Übersee zu verlegen.

Der Verkauf war völlig unerwartet gekommen, selbst Cassie war ahnungslos gewesen. Wie hatte Oliver das bloß arrangiert? Wie hatte er Hunter Axon davon überzeugt, eine kleine Textilfabrik zu kaufen, die seit Jahren keinen Gewinn mehr abwarf?

Um das herauszufinden, waren einige Nachforschungen nötig gewesen, doch schließlich hatte Cassie die Antwort gefunden: Bodyguard.

Oliver hatte entdeckt, dass Demion Mills das Patent für Bodyguard besaß – ein weiches, absorbierendes Material, das sich perfekt für Sportwäsche eignete. Doch statt dieses Patent zu nutzen, um den Betrieb wieder in die Gewinnzone zu bringen, hatte Oliver nur an seinen persönlichen Vorteil gedacht.

Cassie hatte versucht, ihn davon zu überzeugen, Demion Mills zu behalten und nur das Patent zu veräußern. Aber er hatte sich geweigert. Der Betrieb war so gut wie verkauft.

Deshalb blieb Cassie keine andere Wahl, als zu versuchen, Hunter Axon selbst zu treffen. Sie war sicher, der Textilbetrieb würde aus den roten Zahlen herauskommen, wenn der patentierte Stoff dort hergestellt wurde.

Also hatte sie ihr mageres Bankkonto geplündert und war auf die Bahamas geflogen, um mit Hunter Axon zu sprechen. Doch diese Aufgabe war nicht so leicht, wie sie sich vielleicht anhörte. Hunters Sekretärin sich geweigert, ihr einen Termin bei ihrem Boss zu geben. Verzweifelt war Cassie sogar zu seinem Haus gegangen, doch der Eintritt war ihr verwehrt worden. In den beiden Tagen, die sie nun schon auf den Bahamas war, hatte sie nicht einmal einen Blick auf den zukünftigen Besitzer von Demion Mills werfen können.

Nun, am Abend vor ihrer Abreise, war sie gezwungen, sich die Wahrheit einzugestehen. Sie hatte ihr Ziel nicht erreicht. Demion Mills würde ein weiteres verwaistes Fabrikgebäude werden, die wunderschönen alten Webstühle würden im Museum landen oder in Einzelteile zerlegt werden.

Cassie griff nach ihrer Rechnung. Vierundzwanzig Dollar. Zwanzig Dollar mehr, als sie hätte ausgeben sollen. Sie besaß nur noch dreißig Dollar, und sie brauchte morgen Früh ein Taxi. Weshalb hatte sie bloß acht Dollar teure Piña Coladas getrunken? Sie betrachtete das aquamarinblaue Meer und legte die Rechnung wieder auf den Tisch. Eine warme Brise strich über die exotischen Palmen am Strand. Cassie beschloss, wenigstens noch ein paar Minuten zu bleiben.

Sie nahm ihr leeres Glas und ließ einen noch nicht ganz geschmolzenen Eiswürfel in den Mund gleiten. Dann lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und betrachtete die glutrote Sonne, die ganz allmählich im Atlantik zu versinken schien.

„Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?“, fragte eine heisere Stimme.

Vor Schreck sprang Cassie fast vom Stuhl hoch. Neben ihr stand ein korpulenter blonder Mann. Die Haut um den Rand seiner Sonnenbrille war stark gerötet, was ihm das Aussehen eines roten Waschbären verlieh.

„Nein, danke“, erwiderte Cassie. Sie schluckte den Eiswürfel hinunter. „Ich wollte gerade gehen.“

„Was tut ein hübsches Mädchen wie Sie denn so allein?“

„Wie bitte?“

„Das ist doch geradezu ein Verbrechen. Aber ich habe gute Neuigkeiten. Sie sind nicht mehr länger allein.“ Er hielt den Daumen hoch und gab damit einigen Männern an der Bar ein Zeichen. Sie wieherten vor Lachen und hielten ebenfalls die Daumen hoch.

„Wenn Sie mich entschuldigen“, sagte Cassie, „ich muss jetzt gehen.“

„Ach, komm schon, Kleine“, erwiderte er. „Lass mich dir noch einen Drink spendieren.“

„Nein, danke.“

Sie öffnete ihre Handtasche, um zu bezahlen, doch ehe sie wusste, wie ihr geschah, beugte er sich vor und zog ihren Führerschein heraus.

„Cassie Edwards, 345 Hickamore Street, Shanville, New York“, las er vor.

„Geben Sie mir sofort den Führerschein zurück“, bat sie.

„Du bist aber ziemlich weit weg von zu Hause, Cassie.“

„Ich habe Sie gebeten, mir den Führerschein zurückzugeben.“ Cassie stand auf und blickte sich um. Die Musik hatte wieder eingesetzt, und obwohl einige Tische in der Nähe standen, waren die Leute dort anscheinend zu beschäftigt miteinander, um ihre missliche Lage zu bemerken.

Der Mann hob den Führerschein über seinen Kopf und blickte erneut zu seinen Freunden an der Bar. Die lachten immer noch und ermutigten ihn, indem sie wild gestikulierten. „Ein Kuss, und du kriegst den Lappen wieder“, verkündete der Blonde. Bevor Cassie zurückweichen konnte, umfasste er ihre Taille. „Ein Kuss.“

„Gibt es hier ein Problem?“, ertönte eine Stimme hinter ihnen.

Der Mann ließ die Hände sinken. Cassie drehte sich um und blickte in die großen braunen Augen des Barkeepers.

„Kein Problem“, behauptete der Blonde.

Der Barkeeper verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und musterte ihn. Er wirkte dabei ziemlich einschüchternd.

„Die Dame hier hat gerade ihren Führerschein fallen lassen. Das ist alles“, behauptete der Blonde und warf den Führerschein auf den Tisch. Nervös blickte er zu seinen Freunden. Sie befanden sich immer noch an der Bar, doch jetzt starrten sie alle auf ihre Drinks und taten so, als hätten sie von dem Vorfall nichts mitbekommen.

Der Barkeeper sah den Mann scharf an. Ganz offensichtlich mochte er es nicht, wenn man ihn belog. Er machte einen Schritt auf ihn zu und sagte in drohendem Ton: „Ich will, dass Sie jetzt gehen. Ich ziehe es vor, eine Szene zu vermeiden. Aber …“, er ließ seine verschränkten Arme sinken, „… falls es notwendig ist …“

Bevor er zu Ende gesprochen hatte, holte der Blonde zum Schlag aus. Doch der Barkeeper war schneller. Wie ein trainierter Kämpfer wich er aus, packte den Mann rasch bei den Jackettaufschlägen und zog ihn hoch. „Ein zweites Mal werde ich Sie nicht mehr höflich bitten.“

„Okay“, erwiderte der Mann und hob die Hände. „Ich gebe auf.“

Der Barkeeper stellte ihn wieder auf den Boden, und der Mann blickte zu seinen Freunden. Doch die waren inzwischen verschwunden. „Diese Feiglinge!“, schimpfte er und verzog sich eilig.

Nun wandte sich der Barkeeper wieder Cassie zu. „Alles in Ordnung?“, fragte er freundlich.

„Mir geht es gut, danke“, antwortete sie.

„Sie können gern das Haustelefon benutzen, wenn Sie jemanden anrufen möchten.“

„Jemanden anrufen?“

„Jemanden, der Sie abholt und nach Hause fährt.“

„Nein“, sagte sie.

„Also gut“, sagte er. „Dann werde ich Ihnen ein Taxi rufen.“

Cassie fiel ein, dass sie kaum noch Geld besaß. „Nein, ich wohne ganz in der Nähe. Ich werde einfach zu Fuß gehen.“

Eigentlich wohnte sie überhaupt nicht in der Nähe. Nach ihren erfolglosen Bemühungen, Axon zu treffen, war sie zu ihrem Motel zurückgegangen, einem traurig aussehenden Gebäude, mehrere Blocks vom Strand entfernt. Doch ihren letzten Abend auf den Bahamas hatte sie nicht in einem kleinen dunklen Zimmer verbringen wollen. Deshalb war sie zum Strand spaziert und hatte alles fotografiert, was ihre Fantasie angeregt hatte: Eine Frau, deren Haar mit Bändern geschmückt war, einen alten Mann, der Muschelketten verkaufte, ein kleines Kind, das in den Wellen spielte.

Wie weit lag ihr Motel eigentlich entfernt? Eine halbe Stunde? Eine Stunde?

Lautes Geschrei unten vom Strand störte ihre Gedanken. In einiger Entfernung konnte sie den aufdringlichen Mann von vorhin sehen. Er hatte sich wieder zu seinen Freunden gesellt, und sie sprangen alle herum, brüllten und machten unanständige Gesten in Richtung einer Gruppe Frauen.

„Ich bringe Sie nach Hause“, sagte der Barkeeper, und Cassie wandte sich ihm zu. Er beobachtete die Männer. „Wo wohnen Sie?“

Sie zögerte. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie ihm weder sagen wollte, wo sie wohnte, noch wollte sie von ihm nach Hause gebracht werden. Sie kannte ihn nicht. Auch wenn sie nur wenige Minuten zuvor von einer romantischen Szene mit ihm geträumt hatte, war sie doch immer noch Cassie Edwards, das nette, brave Mädchen aus Shanville. Die dreiundzwanzig Jahre alte Jungfrau. Die Ex-Verlobte von Oliver Demion.

„Danke für Ihr Angebot, aber ich komme zurecht.“ Nein, sie konnte sich von ihm nicht nach Hause bringen lassen. Doch es gab etwas, was sie sich wünschte. Sie nahm ihre Kamera. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie fotografiere?“

Er sah sie an, als hätte ihm zum ersten Mal jemand so eine Frage gestellt.

„Es geht ganz schnell“, versprach sie.

„Sicher“, erwiderte er und blieb bewegungslos stehen.

Cassie schaute durch den Sucher und stellte die Schärfe ein. Der Barkeeper blickte mit leicht amüsiertem Gesichtsausdruck direkt in die Kamera.

Cassie betätigte den Auslöser und lächelte. „Großartig. Vielen Dank.“

Er zuckte die Schultern. „Keine Ursache.“

Während sie ihre Handtasche öffnete, um ihr Geld herauszuholen, überlegte sie, ob er wohl hier stehen bleiben würde, bis sie weggegangen war. Sie legte das Geld auf den Tisch. „Wie ich schon sagte, bin ich ein Fan von Fotos“, erklärte sie. „Seit ich meine erste Kamera bekam …“

Doch sie redete mit sich selbst. Er war fort.

Cassie schaute sich im Lokal um, entdeckte jedoch keine Spur von ihm. Es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Cassie seufzte. Sie hatte ihre Chance gehabt, aber sie hatte sie vermasselt.

Nach einem letzten Blick auf die Bar drehte sie sich um und ging. Plötzlich blieb sie stehen. Der Barkeeper befand sich keine fünfzehn Meter von ihr entfernt. Er lehnte an einer Palme, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und schaute aufs Meer.

Erneut überfiel sie Nervosität. Sollte sie jetzt vorbeieilen, als hätte sie ihn nicht bemerkt? Oder sollte sie versuchen, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen?

Er drehte sich um und lächelte. Man hätte fast meinen können, er hätte auf sie gewartet. „In welche Richtung gehen Sie?“

Irgendetwas an seinem umwerfenden Lächeln bewirkte, dass sie nicht mehr klar denken konnte. „Da entlang“, sagte sie und wies mit dem Kopf nach links.

„Ich auch“, erwiderte er. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein Stück mit Ihnen gehe?“

Cassie lachte nervös. „Klar.“

„Macht es Ihnen nun etwas aus oder nicht?“

„Es macht mir nichts aus“, erwiderte sie rasch, und er lächelte wieder. Dann gingen sie nebeneinander die Straße entlang.

Cassie war nicht sicher, ob er zufällig die gleiche Richtung hatte wie sie. Aber sie hoffte, es war kein Zufall. Verstohlen warf sie ihm einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Als sie merkte, dass er sie ansah, errötete sie und schaute schnell weg. Sie kannten nicht einmal den Namen des anderen. Doch aus irgendeinem Grund schien das keine Rolle zu spielen. Eigentlich war sie ganz froh, wenigstens eine Weile lang eine Unbekannte zu sein.

„Sind Sie geschäftlich auf den Bahamas oder zum Vergnügen?“, erkundigte er sich.

„Geschäftlich“, antwortete sie.

„Was machen Sie denn beruflich?“

Sie zögerte. „Ich bin eine …“ Sie unterbrach sich. Sie wollte nicht über die Weberei sprechen. Nicht heute Abend. Nicht an diesem zauberhaften, wunderschönen Ort. Heute Abend wollte sie Cinderella sein, die zum Ball ging.

„Sie müssen mir nicht antworten, wenn Sie nicht wollen“, sagte er jetzt.

„Ich bin hier, um jemanden zu treffen.“

„Ein Treffen? Das klingt geheimnisvoll.“

„Ich versichere Ihnen, das ist es nicht.“ Sie lächelte ihn an und wechselte das Thema. „Ich habe gesehen, dass Sie an der Bar arbeiten. Wie lange leben Sie schon hier?“

„Ungefähr zehn Jahre.“

„Hier ist es sehr schön.“

„Manchmal.“ Sie waren nun bei einem kleinen Jachthafen angelangt, und er blieb stehen. „Ich muss noch nach einem Boot sehen. Wenn Sie nicht in Eile sind, hätten Sie dann vielleicht Lust, mich zu begleiten?“

Erneut zögerte sie. Ein Teil von ihr wollte liebend gern so viel Zeit wie möglich mit diesem Mann verbringen. Doch ein anderer Teil riet ihr, vernünftig zu bleiben und wegzugehen.

Er sagte: „Am besten gestehe ich Ihnen jetzt, dass ich Sie vorhin beschwindelt habe. Ich werde Sie auf keinen Fall allein nach Hause gehen lassen. Dieser Strand ist nach Sonnenuntergang kein sicherer Ort für eine Frau.“

Cassie blickte den Strand entlang. In einiger Entfernung hörte sie Männerstimmen. Ob diese wohl dem blonden Flegel und seinen Freunden gehörten?

Mit Sicherheit wäre es dumm, darauf zu bestehen, allein nach Hause zu gehen. Aber war es andererseits nicht ebenfalls dumm, die Einladung eines Fremden auf ein Boot anzunehmen?

Ihr blieb wohl keine Wahl. Sie würde ihn keinesfalls loswerden. Nicht, dass sie das gewollt hätte. Ganz und gar nicht. „Danke“, sagte sie deshalb und folgte ihm zum Hafenbecken.

Während sie am Dock entlanggingen, schienen die dort festgemachten Boote immer größer zu werden. Vor der letzten und größten Jacht blieb er stehen. „Wir sind da.“

Er ging an Bord und reichte ihr die Hand. Cassie ließ sich von ihm helfen.

Sobald sie an Deck stand, sah sie sich um. „Wow!“, war alles, was sie in diesem Augenblick herausbrachte.

Nicht nur die Größe des Bootes war eindrucksvoll. Die Jacht sah nagelneu aus. Sämtliche Böden und Türen glänzten frisch poliert. Alles strahlte Reichtum aus, angefangen von dem Rumpf aus prächtigem Mahagoni bis zu den schönen gepolsterten Liegestühlen.

Die Jacht sah aus, als würde jeden Moment ein Butler im Smoking auftauchen. Bestimmt gehörte eine ganze Crew zu dieser Jacht. „Gehört dieses Ding tatsächlich jemandem?“

Er nickte und lächelte. „Ja, tatsächlich.“

„Arbeiten Sie auf dem Boot?“

Er zögerte. „Wenn nötig, ja.“

„Ich wette, das macht Spaß.“

Er lachte. „Es ist besser, als an einem Schreibtisch zu sitzen.“

„Wo sind denn alle?“

„Auf dem Boot wohnt nur ein Mitglied der Crew, und er besucht gerade seine Mutter in Ohio.“

„Dann wohnt der Besitzer also nicht an Bord?“

„Nein“, antwortete er schmunzelnd.

„Ist es in Ordnung, wenn ich mich umsehe?“, wollte Cassie wissen.

„Ich werde Ihnen alles zeigen.“

Sie folgte ihm durch ein paar Türen in die Kombüse. Die Kabinen sahen aus, als stammten sie direkt aus einem Magazin für Innenarchitektur, ein Raum war schöner als der andere. In einer Kabine, die als Schlafzimmer diente, blieb Cassie stehen. Sie ging zu den Vorhängen und befühlte den Stoff. „Handgewebter Jacquard aus Seidendamast“, erklärte sie. „Er ist sehr teuer.“

„Woher wissen Sie das?“

Sie senkte den Blick. Sie wusste das, weil sie ihre Tage an einem Webstuhl verbrachte und diesen Stoff herstellte. „Ich habe das Material schon fotografiert.“ Sie strich über die schwere glatte Seide. „Dieses Gewebe ist wundervoll.“

„Sie sind wirklich eine ernsthafte Fotografin.“

„Nein, nicht mehr.“

„Nicht mehr?“

„Früher wollte ich Fotografin werden. Ich machte von allem und jedem Fotos.“

„Klingt interessant.“

Sie nickte. „Auf dem College hatte ich Kunst als Hauptfach belegt.“

„Aber …?“

„Aber dann wurde meine Großmutter krank.“

„Und Sie sind nicht mehr aufs College zurückgekehrt?“

„Nein. Sie brauchte mich. Als sie mich nicht mehr brauchte … Nun, die Dinge hatten sich geändert.“

„Das ist zu schade.“

„Nein“, sagte sie. „Ich bin glücklich mit meinem Leben und dem Weg, den ich eingeschlagen habe. Das ist vielleicht nicht der Weg, von dem ich gedacht habe, ich würde ihn gehen, aber ich bereue nichts.“ Lächelnd sah sie ihn an. „Ich glaube sowieso nicht, dass Reue zu irgendetwas gut ist, und Sie?“

„Reue?“ Er schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht heute Abend.“ Er lachte.

Nicht heute Abend? Während sie ihm nach draußen aufs Deck folgte, dachte sie nach, was er damit wohl meinte.

„Das war’s“, meinte er und drehte sich zu ihr um.

„Kein Swimmingpool?“, scherzte sie. „Kein großer Ballsaal?“

„Ich fürchte nein.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich denke, es ist okay.“ Sein Lächeln verblasste. Eine Sekunde lang glaubte sie, sie hätte ihn gekränkt. Aber er musste doch merken, dass sie nur Spaß gemacht hatte, oder?

„Haben Sie es eilig?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Setzten Sie sich doch, und ich hole uns etwas zu trinken. Was möchten Sie denn gerne?“

„Sind Sie sicher, dass das in Ordnung ist?“

Erneut lächelte er. „Ja. Mögen Sie Champagner?“

Sie bejahte.

Mit einer Flasche und zwei Gläsern kam er zurück. Er öffnete die Flasche und schenkte ein. „Cheers“, sagte er, als er ihr einen Kelch reichte.

Sie nahm einen Schluck, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und atmete die warme, salzhaltige Luft ein. „Das ist schön“, sagte sie. „Ich wünschte fast, ich müsste morgen nicht schon nach Hause fahren.“

„Wo sind Sie zu Hause?“

„Im Staat New York.“

„Lebt Ihre Familie dort?“

„Lebte“, erklärte sie. „Meine Eltern starben, als ich noch klein war. Ich wuchs bei meinen Großeltern auf. Mein Großvater starb vor ungefähr zehn Jahren und meine Großmutter …“, sie zögerte, „… vor ein paar Monaten.“

„Das tut mir leid“, sagte er so mitfühlend, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Das muss schwer für Sie gewesen sein.“

„Ja.“ Beinahe war sie versucht, ihm ihre ganze traurige Geschichte zu erzählen, aber sie hielt sich zurück. Sie wollte ihm weder von Oliver noch von Demion Mills oder dem schrecklichen Hunter Axon erzählen. All das wollte sie vergessen, zumindest heute Abend. Schweigend betrachtete sie das Glas in ihrer Hand.

„Sie sind nicht verheiratet“, sagte er mit einem Blick auf ihre Hand.

Sie trank einen Schluck Champagner. „Fast wäre ich es gewesen.“

„Fast?“, wiederholte er und schenkte nach.

„Ich war verlobt, aber unsere Beziehung funktionierte nicht.“

„Das ist also noch ein Grund.“

„Ein Grund wofür?“

„Weshalb Sie heute Abend so traurig aussehen.“

„Heute Abend?“

„Ich habe Sie beobachtet.“

Er hatte sie beobachtet? War er etwa an ihr interessiert? „Sie haben mich beobachtet?“

Er nickte. „Sie sahen aus, als würden Sie gleich anfangen zu weinen.“

Nein, er war nicht interessiert. Er war ein netter junger Mann, der sie bedauerte. Doch Mitleid führte nur selten zu leidenschaftlichem Verlangen. Cassie blinzelte. „Ich habe vielleicht an meine Großmutter gedacht, aber ich habe nicht an ihn gedacht … zumindest nicht auf diese Weise.“

„Tut mir leid“, sagte er wieder.

„Sagen Sie das nicht mehr“, bat sie ihn. „Bitte. Ich komme mir sonst wie ein Jämmerling vor. Außerdem bin ich über ihn hinweg. Ich glaube, nichts passiert ohne Grund.“

„Da stimme ich zu“, erwiderte er. „Trotzdem ist es nie leicht, jemandem Lebewohl zu sagen, aus dem man sich etwas gemacht hat.“

Sie seufzte. „Richtig. Aber manchmal tun die Verflossenen Dinge, die es einem leichter machen, sie zu vergessen.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, wenn sie einen wegen einer anderen Frau verlassen.“ Verflixt! Jetzt hatte sie schon wieder zu viel ausgeplaudert. Konnte sie sich nicht einmal zwei Sekunden lang zusammennehmen?

Ihre Offenheit resultierte nicht nur aus ihrem Alkoholkonsum, sondern auch aus der Anonymität. Cassie hatte eine Gelegenheit, mit jemandem zu reden, den sie nie wieder sehen würde. Jemand, der weder sie noch Oliver kannte.

Er blickte sie an. „Er hat Sie wegen einer anderen verlassen?“

Ihr Name war Willa Forchee. Sie war ungefähr zehn Jahre älter als Oliver und arbeitete als Direktorin bei Axon Enterprises. Cassie war ihr mehrere Male begegnet und hatte jedes Mal gedacht, dass Willa genauso mies und rücksichtslos war, wie es von ihrem Boss behauptet wurde. Jedenfalls hatte Oliver zugegeben, dass er seit Monaten mit ihr zusammen war, und er hatte verkündet, er sei zum ersten Mal in seinem Leben verliebt.

Das hatte wehgetan.

„Tut mir …“, begann ihr Begleiter.

Doch sie legte ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Bitte nicht“, erinnerte sie ihn.

Er nahm ihren Finger von seinem Mund, doch er ließ ihre Hand nicht los. Sanft und zärtlich begann er ihre Finger zu streicheln. Das war zwar nur eine harmlose Berührung, doch sie raubte Cassie fast den Atem. Diese Liebkosung war viel sinnlicher als ein Kuss und viel intimer. Was geschah da zwischen ihnen? Sie kannten einander doch kaum.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte sie betont beiläufig. „Sind Sie verheiratet, oder haben Sie eine Freundin?“

Er schüttelte den Kopf. „Weder noch. Ich arbeite zu viel.“

Zärtlich musterte er sie, während er weiterhin ihre Finger streichelte. Sie schluckte und meinte: „Sie müssen doch jede Menge Frauen an der Bar kennenlernen.“

„Normalerweise gehe ich nicht mit Frauen aus, die ich in einer Bar kennenlerne.“

„Normalerweise?“

„Jede Regel hat ihre Ausnahmen.“

Seine Augen funkelten. Offensichtlich war sie die Ausnahme. Das reichte, um sie strahlen zu lassen. Er ließ ihre Hand los. „Sind Sie hungrig?“, fragte er. „Sie haben in der Bar nichts gegessen.“

Richtig. Sie hatte das fürs Abendessen bestimmte Geld für Cocktails ausgegeben. Doch das bereute sie kein bisschen. Schließlich musste man Prioritäten setzen. „Ein wenig“, gab sie zu.

„Wir wollen mal sehen, was in der Küche ist.“

Sie folgte ihm in die geräumige und funkelnde Kombüse, die mit modernsten Geräten ausgestattet war. „Hübsche Spülmaschine“, sagte Cassie.

„Danke“, antwortete er amüsiert. „Dieses Kompliment wird mir zum ersten Mal gemacht.“

„Meine Spülmaschine ist gerade kaputtgegangen“, erklärte Cassie. „Wahrscheinlich bin ich deshalb im Augenblick besonders empfänglich für funktionierende Geräte.“ Ihre Spülmaschine war das letzte Gerät auf einer langen Liste von kaputten Maschinen – ihr Toaster, ihr Herd und ihre Waschmaschine. Cassie sah sich in der Küche um. „Wo ist eigentlich der Besitzer dieser tollen Spülmaschine?“

Er sah sie an und zögerte kurz, bevor er sagte: „Er steht vor Ihnen.“

„Bitte?“

„Die Jacht gehört mir.“

Cassie lachte. Er nicht nur klug, sondern auch witzig. Eine nette Kombination. „Dann kochen Sie wahrscheinlich oft in dieser Küche.“

„Nein“, sagte er. „Gewöhnlich kocht mein Küchenchef für mich.“

Sie lachte noch mehr. Wann hatte sie das letzte Mal so viel Spaß gehabt? Sie konnte sich nicht erinnern. Es war lange her, seit sie und Oliver die Gesellschaft anderer genossen hatten. Aber das war nicht immer so gewesen. Sie waren als gute Freunde aufgewachsen und hatten beide die schöne Stadt geliebt, in der sie lebten. Im Winter waren sie zusammen Schlittschuhlaufen gegangen, im Sommer hatten sie gefischt oder im See gebadet.

Oliver hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, während sie noch auf der Highschool waren, und Cassie hatte Ja gesagt. Doch nach seinem Wechsel zum College hatte er sich verändert. Zuerst nur ganz wenig. Ihm genügte ein ruhiges Abendessen zu Hause nicht länger, er zog teure Restaurants vor. Aber das war nicht die einzige Veränderung. Der Junge, der in Jeans und T-Shirts aufgewachsen war, fing an, Designerklamotten zu tragen, und ließ sich maniküren. Im Gespräch kam er immer wieder auf das Thema Geld zurück: Wer hatte welches Jobangebot bekommen und mit welchem Gehalt, wer fuhr was für einen Wagen …

Cassies Großmutter hatte ihn verteidigt. „Er wird erwachsen“, hatte sie gesagt. „Jeder Mann macht diese Phase durch.“

Aber es war mehr als eine Phase, das hatte Cassie mittlerweile erkannt. Sie und Oliver hatten sich auseinandergelebt, und das war nicht allein Olivers Schuld.

Cassie machte sich natürlich noch etwas aus ihm. Das würde immer so sein. Aber ihre Liebe für ihn entsprach der einer Schwester für ihren Bruder. Im Grunde genommen war sie sehr froh gewesen über die körperliche Distanz, die zwischen ihnen geherrscht hatte. Sie war froh gewesen über die unverfänglichen Verabredungen mit Oliver und über seine Besuche, bei denen nichts passierte, während man vielleicht ein oder auch zwei Glas Eistee im Garten trank.

Eine Zeit lang hatte Cassie sogar ihren Entschluss, Oliver später zu heiraten, den sie als Jugendliche gefasst hatte, infrage gestellt. Doch Oliver war fest geblieben und hatte sie schließlich davon überzeugt, dass sie füreinander bestimmt waren und ihre Entscheidung zu heiraten sehr vernünftig war.

Rückblickend musste sie zugeben, dass er offenbar verzweifelt versucht hatte, sich selbst zu überzeugen. Aber damals hatte Cassie sich einverstanden erklärt, ihre Pläne weiterzuverfolgen. Außerdem zählte auch ihre Großmutter auf diese Verbindung. Wahrscheinlich würde sich ihre Beziehung verbessern, sobald sie verheiratet waren, hatte Cassie vermutet. Doch das war ein Irrtum. Als Oliver ihre Verlobung löste, hatte er ihr letztlich damit einen Gefallen getan, wenn auch auf brutale Art und Weise.

„He“, sagte der Barkeeper. „Wieder traurig?“ Er berührte ihr Gesicht, und Cassie sah ihn an. Er strich mit dem Finger über ihre Wange, und diese Liebkosung war so zärtlich und liebevoll, dass Cassie erneut die Augen feucht wurden. Doch sie unterdrückte ihre Tränen mit aller Kraft. Sie wollte nicht weinen. Nicht jetzt. „Er war ein Dummkopf“, sagte er, weil er offenbar vermutete, sie würde noch immer um ihren Exverlobten trauern. „Sie haben Besseres verdient.“

„Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Im Augenblick bin ich hier mit Ihnen zusammen“, entgegnete er. „Und nur das zählt.“ Er zog seine Hand zurück, aber er blickte sie weiterhin an.

Wie hätte sie traurig sein können, solange sie mit einem charmanten Märchenprinzen zusammen war? Ihr blieb nur noch eine Nacht, bevor sie sich wieder in Aschenputtel verwandelte. „Also“, sagte sie betont munter, „was kocht denn Ihr Küchenchef normalerweise in Ihrer Küche?“

Er zuckte die Schultern und öffnete den Kühlschrank. Darin befanden sich Schüsseln mit vorgegarter Pasta, lecker aussehendes gegrilltes Fleisch und Bratkartoffeln. „Etwas, das sich rasch und einfach aufwärmen lässt.“

„Sie sind also entschlossen, weiter den Eigentümer zu spielen“, sagte sie. „Sind Sie denn sicher, den wirklichen Besitzern macht es nichts aus, wenn wir ihre Lebensmittel essen?“ Als er sich umdrehte und sie fragend ansah, fügte sie hinzu: „Ich will bloß nicht, dass Sie in Schwierigkeiten kommen.“

„Das garantiere ich.“

„Soll das heißen, Sie garantieren, dass Sie in Schwierigkeiten kommen oder dass das nicht passiert?“

Er schob ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr, und seine Berührung sandte einen erregenden Schauer über ihren Rücken. „Sprechen wir vom Essen?“

Cassie schluckte.

Er blinzelte ihr zu, dann drehte er sich wieder um und begann das Essen aufzuwärmen.

Als er fertig war, verteilte er das Essen auf zwei Teller und servierte sie geschickt wie ein geübter Kellner.

„Darin haben Sie offensichtlich Erfahrung“, erklärte Cassie, während sie ihn beobachtete.

„Jahrelang“, antwortete er mit einem Lächeln.

Cassie schnappte sich ein Besteck und folgte ihm zu einem Tisch, von dem aus man das Meer besonders gut sah. Der Barkeeper stellte Kerzen darauf und zündete sie an.

Sie setzte sich und betrachtete das Ufer. Die Anlegeplätze waren leer, und auch am Strand war niemand mehr zu sehen. „Wo sind denn alle Leute hin verschwunden?“

„Das hier ist ein privater Jachthafen.“

Cassie nahm einen Bissen. Das Essen schmeckte köstlich. Mit einem Mal spürte sie, wie hungrig sie war. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen. Abgelenkt vom Essen merkte sie gar nicht, dass ihr Gastgeber kaum etwas zu sich nahm, bis sie aufsah. Er hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und beobachtete sie wohlwollend. Irgendetwas an ihm wirkte so vornehm, als wäre er tatsächlich ein Prinz.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie.

„Was denn?“

„Meine Manieren. Ich fürchte, ich war hungriger, als ich dachte.“

„Ihre Manieren sind perfekt.“ Er nahm die Champagnerflasche und füllte erneut ihr Glas.

„Wo kommen Sie eigentlich her?“, wollte Cassie jetzt wissen.

„Ich bin in Maryland geboren. Aber als ich zehn war, verlor mein Vater seine Arbeit, und wir zogen auf eine kleine Insel, nicht weit von hier.“

„Das klingt paradiesisch.“

„Mag sein, aber als ich aufwuchs, war es nicht ganz so schön. Es ist hart, seinen Lebensunterhalt als Fischer zu verdienen, besonders wenn man damit keine Erfahrung hat.“

Sie nickte. „Sind Sie ein Einzelkind?“

„Ja. Meine Mutter starb, als ich noch klein war. Übrig blieben mein Dad, meine Großmutter und ich.“

„Ihre Großmutter?“

Er nickte. „Mein Dad war der Meinung, ich brauchte jemanden, der meine Mutter ersetzte. Deshalb holte er meine Großmutter aus Frankreich hierher. Sie hat nie auch nur ein Wort Englisch gelernt.“ Er lächelte bei der Erinnerung an sie. „Ich kann immer noch hören, wie sie schrie: ‚Ne t’assois pas sur le canapé avec ton maillot de bain mouillé‘.

„Was heißt das?“

„Setze dich mit deiner nassen Badehose nicht aufs Sofa.“ Er lachte, dann nahm er einen Schluck Champagner und fragte: „Was ist mit Ihnen? Haben Sie Brüder oder Schwestern?“

„Nein. Ich bin auch ein Einzelkind.“ Trotzdem hatte sie sich nie allein gefühlt. Shanville war eine kleine Stadt mit vielen malerischen viktorianischen Häusern, einem Kaufhaus und einer Main Street – der Hauptstraße –, an der die wichtigsten Geschäfte lagen, in denen man alles zu bekommen schien, was man sich nur wünschen konnte. Nahezu jeder, der nicht dort arbeitete, war bei Demion Mills angestellt. Cassie wohnte immer noch in dem Haus, in dem sie aufgewachsen war, nicht weit weg von der Main Street und der Weberei. Cassie hatte das Gefühl, ihre Kollegen, Kolleginnen und Nachbarn waren ihre Familie. Diese Menschen kannten sie, seit sie geboren worden war. Diese Menschen hatten sie durch gute und schlechte Zeiten begleitet, und sie arbeiteten genau wie sie in der Weberei.

Sie bedienten die alten Webstühle mit Sorgfalt und Liebe und produzierten edle Stoffe, die eintausend Dollar und mehr pro Meter kosteten. Sie waren stolz auf ihre Arbeit und darauf, den Stoff nicht nur für einen, sondern für drei Präsidentenstühle gewebt zu haben. Aber nicht nur die Präsidenten profitierten von ihrem fachmännischen Können. Ihre Stoffe schmückten die Häuser von Reichen, von Berühmtheiten, von Königen und von Königinnen in der ganzen Welt. Und auch die Jacht eines Millionärs auf den Bahamas.

„Sind Sie fertig?“, fragte er gelassen.

Mit einem Mal wurde Cassie bewusst, dass sie verdrossen auf ihren Teller starrte. Wahrscheinlich wollte der Barkeeper sie endlich loswerden. Nimm dich zusammen, befahl sie sich. Hör auf, an die Weberei zu denken. „Ja“, antwortete sie.

Er reichte ihr die Hand. „Kommen Sie. Es ist Zeit für das Dessert.“

2. KAPITEL

Cassie ergriff die Hand des Barkeepers und stand auf. Dann führte er sie von der Jacht zurück auf den Anlegesteg.

„Wo gehen wir hin?“

„Ich möchte Ihnen ein tropisches Erlebnis schenken.“ Als sie das Ende des Hafens erreicht hatten, sagte er: „Ziehen Sie sich die Schuhe aus.“

„Bitte?“

„Vertrauen Sie mir.“

Sie verstand zwar nicht, weshalb sie sich die Schuhe ausziehen sollte, aber sie streifte sie ab und folgte dem Barkeeper. Er ging zu einer Palme und schüttelte sie. „Was tun Sie denn da?“, fragte sie, doch in diesem Augenblick fiel eine Kokosnuss in den Sand.

Er hob sie auf und sagte: „Ich weiß, wie sehr Sie Piña Coladas mögen.“ Prüfend klopfte er mit der Kokosnuss gegen den Stamm der Palme. Dann holte er ein Taschenmesser heraus, bohrte mit dem Korkenzieher ein Loch in die Schale und bot sie Cassie an. „Nimm einen Schluck.“

Cassie kam es nur natürlich vor, dass er sie duzte. Sie hob die braune, haarige Frucht an die Lippen und trank etwas von der süßen klaren Flüssigkeit.

„Schmeckt es dir?“

Sie nickte und gab ihm die Kokosnuss zurück.

Er trank den Rest der Flüssigkeit. Dann knackte er die Nuss und schnitt mit seinem Taschenmesser ein Stück des Fruchtfleisches heraus. „Nachtisch“, erklärte er und hielt ihr das Stückchen an die Lippen, als würde er sie mit Süßigkeiten füttern.

Cassie biss etwas davon ab. Es war ein so überwältigend sinnliches Erlebnis, dass sie beinahe vergaß, auf den Geschmack zu achten.

„Gut?“, fragte er und kam noch einen Schritt näher. Sie standen jetzt so dicht beieinander, dass sie seinen Atem auf der Stirn fühlte.

„Ja. Hier ist irgendwie alles wunderschön“, sagte Cassie. „Aber warum habe ich meine Schuhe ausziehen müssen?“

Er nahm ihre Hand und führte Cassie zum Wasserrand. Das warme, sandige Wasser umspülte ihre Zehen.

„Damit du das spürst“, sagte er und wies mit dem Kinn auf ihre Füße.

Sie lachte. Dann griff sie nach der Kokosnuss und hielt sie gegen den Mond.

„Was tust du da?“, wollte er wissen.

„Ich denke, das würde ein großartiges Bild ergeben. Eine Kokosnuss, die das Mondlicht ausblendet und von einem Strahlenkranz umgeben ist.“

„Soll ich deine Kamera holen?“

„Nein“, erwiderte sie. In diesem Augenblick wollte sie einmal nicht das Leben durch ein Objektiv betrachten.

Er legte die Kokosnuss auf den Strand, dann nahm er erneut Cassies Hand. „Komm mit.“

„Wo gehen wir hin?“, fragte sie.

„Nirgendwohin.“

Die Arme umeinander geschlungen, gingen sie los. Von Zeit zu Zeit trafen sie auf andere Pärchen und lächelten ihnen zu. Wie leicht ist es, zu glauben, dachte Cassie, dass wir wie sie sind: Ehemann und Ehefrau, ein frisch verheiratetes Paar in den Flitterwochen, ein Liebespaar.

„Mein Motel ist gleich da oben“, sagte sie nachdem sie eine ganze Weile am Strand entlangspaziert waren.

„Aber deine Schuhe und deine Kamera sind noch im Hafen.“

Sie lächelte. „Stimmt.“

Er blieb stehen, und sie wandte sich ihm zu. „Willst du umkehren?“, fragte sie.

Doch er gab keine Antwort. Er sah sie nur aufmerksam an, und sein Blick war voller Leidenschaft. „Du bist sehr schön.“

Cassie merkte, wie ihr das Blut in die Wangen strömte, und sie schluckte.

Er machte einen Schritt auf sie zu und neigte sich leicht vor, wobei er den Blick nicht von ihren Augen nahm. Wie hypnotisiert blieb Cassie stehen und sah ihn ebenfalls an.

„Darf ich dich küssen?“, fragte er leise.

Sie nickte und hob leicht den Kopf. Er streifte mit den Lippen ihren Mund. Dann wich er ein Stückchen zurück und zögerte, als wartete er auf etwas.

Cassie reagierte instinktiv. Sie schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn näher, bis sie wieder seine Lippen auf ihren spürte. Er drang mit der Zunge in ihren Mund vor, erkundete ihn, spielte mit ihrer Zunge. Es war der der schönste Kuss, den sie je bekommen hatte.

Erst als ihr fast schwindelig wurde vor Erregung, gab er ihren Mund frei. Stirn an Stirn blieben sie eine Weile stehen.

Schließlich sagte er mit rauer Stimme: „Lass uns zurückgehen.“ Er zog Cassie an sich und legte den Arm um ihre Hüfte.

Diese Geste war sehr vertraulich und irgendwie auch besitzergreifend, als würde sie ihm gehören … zumindest im Augenblick. Und so hakte sie einen Finger in eine seiner Gürtelschlaufen.

Himmel, was tat sie da? Sie kannte diesen Mann kaum. Das Ganze war nur ein kurzes Intermezzo, mehr nicht. Wo sollte es denn auch hinführen?

Doch daran wollte sie gerade jetzt nicht denken. Sie wollte einfach die Augen schließen und das Gefühl genießen, von einem gut aussehenden Mann im Arm gehalten und von ihm begehrt zu werden.

Ehe sie sich’s versah, befanden sie sich wieder im Hafen. Cassie seufzte traurig, weil ihre gemeinsame Zeit nun zu Ende ging.

Sie hob ihre Schuhe auf. „Ich muss noch meine Kamera holen, bevor ich gehe.“

„In Ordnung“, sagte er, und es klang, als sei er enttäuscht.

Ohne einander zu berühren, gingen sie am Hafenbecken entlang. Er stieg auf die Jacht und streckte ihr seine Hand hin. Cassie ergriff sie und ging an Bord. Doch diesmal ließ der Barkeeper sie nicht los.

Cassie wusste, es war Zeit, nach Hause zu gehen. Ihr gemeinsamer Abend war vorbei. Aber bevor sie das sagen konnte, umrundete er mit einem Finger zärtlich ihr Gesicht. „Geh nicht zurück“, bat er sie, und ohne zu überlegen, küsste sie ihn.

Er reagierte ganz sanft und zärtlich, als hätte er schon eine Ewigkeit auf sie gewartet. Cassie hatte das Gefühl, alles um sie herum würde sich drehen. Ihr wurde richtig schwindelig.

Sie lehnte sich ein wenig zurück und holte ein paar Mal tief Luft. Noch so ein Kuss wie dieser, und sie wäre nicht mehr in der Lage, irgendwohin zu gehen. Sie musste sofort aufbrechen. „Mein Flug geht morgen ganz früh. Ich sollte jetzt wirklich besser …“

Aber sie schaffte es nicht, den Satz zu beenden. Ihr liebenswürdiger Begleiter küsste sie erneut und diesmal noch intensiver, sofern das überhaupt möglich war. Neue Gefühle erwachten in Cassie. Sie wünschte sich, von ihm berührt und die ganze Nacht in den Armen gehalten zu werden. Für den Rest ihres Lebens wollte sie seine Lippen auf ihren spüren.

Endlich gab er ihren Mund frei und sagte: „Trink wenigstens deinen Champagner aus.“

Sie blickte zum Tisch. Die Champagnerflasche steckte in einem Kübel mit halb geschmolzenem Eis. „Es wäre eine Schande, ein so edles Getränk zu verschwenden“, gab sie zu. Sie würde noch ein Glas trinken und mehr nicht. Immer noch Jungfrau, würde sie schließlich nach Hause zurückkehren.

Lächelnd führte er Cassie zum Tisch. Sobald sie saß, zog er seinen Stuhl neben ihren und setzte sich ebenfalls. Dann nahm er die Flasche aus dem Eiskübel und füllte ihre Gläser.

Eine ganze Weile lang schwiegen sie und genossen einfach nur die Gesellschaft des anderen. Schließlich sagte Cassie: „Wenn das mein Boot wäre, würde ich es nie verlassen.“

„Nein?“

„Nein. Ich kann mir keinen schöneren Ort vorstellen.“

„Besonders heute Abend“, sagte er. Er nahm ihre Hand. „Ich bin nicht oft auf dieser Jacht, aber wenn ich hier bin, sitze ich am Abend gerne draußen und betrachte die Sterne.“

„Ich habe einmal versucht, den Sternenhimmel zu fotografieren.“

„Aber?“

„Ich habe festgestellt, dass manche Dinge im Leben einfach zu vollkommen sind, um sie mit der Kamera einzufangen.“

Er berührte ihre Wange, damit Cassie ihn ansah. Dann küsste er sie sanft. „Bleib heute Nacht bei mir.“

Sie stellte die erste Frage, die ihr in den Sinn kam: „Wo?“ Schließlich war das nicht sein Boot. Durfte er überhaupt hier schlafen? Das wollte sie erst klären, bevor sie eine Entscheidung traf.

„Na, hier auf dem Boot. Niemand sonst wird hier sein.“

Das war verführerisch, aber …

„Nichts muss passieren“, erklärte er und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich bin nur noch nicht bereit, mich von dir zu verabschieden.“

Das ging ihr genauso. „Also gut“, hörte sie sich selbst antworten.

Er presste seine Lippen auf ihren Handrücken. „Danke.“ Dann stand er auf.

Als er ihr die Hand bot, stieg plötzlich Panik in ihr auf. Wenn sie seine Hand nahm, das war ihr bewusst, würde sie sich auf ein unbekanntes Abenteuer einlassen.

Unsicher sah sie ihn an. Er betrachtete sie voll Verlangen.

Als stünde sie unter einem Bann, nahm sie seine Hand und stand auf. Während sie dem Barkeeper folgte, der vermutlich zu einer der Schlafkabinen ging, fielen ihr verschiedene beängstigende Momente in ihrem Leben ein. Als Kind hatte sie sich einmal einen Horrorfilm angeschaut, obwohl ihre Großmutter ihr das verboten hatte. In dieser Nacht hatte sie in ihrem Bett gelegen und bei jedem Geräusch gedacht, gleich würde ein Mörder mit einer Axt über sie herfallen. Sie war so verängstigt gewesen, dass sie schließlich ihre Großmutter geweckt und ihre Sünde gestanden hatte.

Als Oliver sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle, hatte sie ebenfalls Panik bekommen. Damals hatte sie plötzlich das Gefühl gehabt, ein Golfball säße in ihrer Kehle, und ihre Stimme würde ihr nicht mehr gehorchen. Ihr Herz hatte angefangen zu rasen, und in der Magengegend hatte sie einen enormen Druck verspürt. Doch beide Male hatte sie sich erholt, und sie hatte auch keinen Schaden genommen. Zumindest nicht körperlich.

Nicht, dass sie diesmal Angst hatte, Schaden zu nehmen. Cassie musterte den Mann vor ihr. Er wirkte so sanft und zärtlich. Außerdem besaß er zweifellos viel Erfahrung. Wahrscheinlich war er schon tausend Mal mit einer Frau zusammen gewesen. Doch worüber machte sie sich überhaupt Sorgen? Hatte er nicht gesagt, es müsse nichts passieren? Das Problem ist eher, dachte sie, dass ich will, dass etwas passiert.

Sie schluckte. Kein Wunder, dass sie Angst hatte. Das hatte nichts mit dem Mann zu tun. Sie machte sich mehr Sorgen um sich selbst. Sorgen, sie wäre vielleicht ein bisschen zu ängstlich, um nach dreiundzwanzig Jahren ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.

„He“, sagte er leise und blieb vor einer Kabine stehen. „Alles in Ordnung?“

Jetzt oder nie. Das war ihre letzte Chance zur Umkehr. „Natürlich.“

„Weißt du“, sagte er und streichelte mit einem Finger ihre Wange, „wenn du lieber wieder zurück an Deck willst …“

„Ich möchte mit dir zusammen sein“, sagte sie.

Er nahm ihre Hand und küsste sie. Dann führte er Cassie in ein Schlafzimmer mit einem breiten Bett, auf dem eine Tagesdecke aus Samt lag. „Bist du sicher, dass du das willst?“, fragte er.

„Ja“, antwortete sie.

„Ich möchte einfach eine Weile mit dir auf dem Bett liegen und dich neben mir spüren.“

Sie lächelte und versuchte ihre Nervosität zu verbergen. Sie standen nebeneinander in dem geschmackvoll eingerichteten Raum. Der Barkeeper machte einen Schritt auf sie zu, und Cassie wich unwillkürlich zurück an die Wand.

Ihre Blicke trafen sich. Einen Moment lang dachte Cassie, er würde sie küssen. Stattdessen hob er sie hoch. Er war stärker, als sie vermutet hatte. Ihr Herz raste, als sie sich an ihn schmiegte und die Arme um seinen Nacken schlang. Behutsam legte er sie aufs Bett. Ohne auch nur ein Kleidungsstück auszuziehen, legte er sich neben sie und nahm sie in die Arme.

Sanft massierte er ihre Schultern, während er Cassie küsste. Seine Berührungen waren gerade aufreizend genug, um sie zu ermutigen, sich ihm zuzuwenden. Langsam hob er ihre Arme über ihren Kopf. Während er sie mit einer Hand festhielt, küsste er Cassie auf die Lippen und begann mit der Zunge ihren Mund zu erkunden.

Er schien auf ein Zeichen ihres Einverständnisses zu warten, bevor er den nächsten Schritt machte. Erst als sie lustvoll seufzte, begann er ihren Körper zu streicheln. Er wanderte mit beiden Händen über ihr Kleid und schob die Finger unter die Spaghettiträger. Mit einer geübten Bewegung zog er die Träger nach unten und entblößte ihre Brüste. Sanft streichelte er die rosigen Spitzen und strich dann spielerisch mit der Zunge darüber.

Als er eine Knospe in den Mund nahm und daran sog, fühlte Cassie von der empfindlichen Stelle zwischen ihren Schenkeln Hitze aufsteigen. Über solche lustvollen Empfindungen hatte sie gelesen. So sollte es sein, wenn man sich liebte.

Der Barkeeper schob die Hand in ihren Slip und zog ihn ihr geschickt aus.

Cassie konnte nicht mehr klar denken. Sie war zu weit gegangen, um jetzt noch aufzuhören. Sie sehnte sich danach, diesen Mann in sich zu spüren.

Sie zog an seinem Hemd, streichelte seinen Rücken, klammerte sich an ihn. Nach wenigen Sekunden hatte er das Hemd ausgezogen. Seine Hose und sein Slip folgten. Dann war er über ihr, nackt und voller Kraft. Seine Muskeln schimmerten im Mondlicht. Unwillkürlich wurde Cassie an die Szene in der Bar erinnert und daran, dass ihr Barkeeper wie ein durchtrainierter Kämpfer wirkte. Doch seine Kraft machte ihr keine Angst. Im Gegenteil, sie fühlte sich sicher und beschützt. Begehrt.

Sie spürte seine starke Erregung und dirigierte ihn in die richtige Richtung.

Mehr Ermutigung war nicht nötig. Mit einer einzigen Bewegung drang er in sie ein.

Sie spürte einen kurzen Schmerz, klammerte sich an ihren Liebhaber und schrie auf.

Er hielt inne. „Tut mir leid“, sagte er und wollte sich zurückziehen. „Ich wusste nicht …“

„Hör nicht auf“, flüsterte sie. „Bitte.“

Er zögerte, als wäre er unsicher, was er tun sollte. Cassie drängte sich ihm entgegen. Er schloss die Augen, und sie sah einen verzückten Ausdruck in seinem Gesicht. Nun konnte auch er nicht mehr zurück, genau wie sie. Erneut bewegte sie ihre Hüften.

Er öffnete die Augen und begann sich langsam in ihr zu bewegen, während er ihr in die Augen blickte. Ein Gefühl tiefer Verbundenheit erfüllte sie beide.

Intensive Lust übernahm die Kontrolle über Cassies Verstand. Ihre Körper bewegten sich gemeinsam und voller Harmonie. Mit jeder Bewegung steigerte sich die Erregung, bis sie beide in Ekstase gerieten.

Als schließlich der Höhepunkt kam, war Cassie nicht auf die Intensität vo...

Autor

Bronwyn Jameson
Es hat lange gedauert, bis Bronwyn Jameson wusste, welchen Beruf sie einmal ergreifen wollte. In ihrer Kindheit träumte sie davon, Tierärztin zu werden – leider kann sie kein Blut sehen, sodass daraus nichts wurde. Danach spielte sie mit dem Gedanken, sich dem Journalismus zuzuwenden, war allerdings zu schüchtern, um sich...
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Sara Orwig
<p>Sara’s lebenslange Leidenschaft des Lesens zeigt schon ihre Garage, die nicht mit Autos sondern mit Büchern gefüllt ist. Diese Leidenschaft ging über in die Liebe zum Schreiben und mit 75 veröffentlichten Büchern die in 23 Sprachen übersetzt wurden, einem Master in Englisch, einer Tätigkeit als Lehrerin, Mutter von drei Kindern...
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