Baccara Weihnachten Band 1

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SINNLICHE NÄCHTE AM KAMIN von JANICE MAYNARD
Der sexy Milliardär Leo Cavallo hat sich in Phoebes Berghütte eingemietet - und ihr viele sinnliche Nächte am Kamin beschert. Doch die Weihnachtszeit weckt Erinnerungen an ihr verlorenes Familienglück in Phoebe. Mit Workaholic Leo kann es kein neues geben. Oder?


DER HOCHZEITSPLAN von JOAN ELLIOTT PICKART
Liebe auf den ersten Blick! Luke St. John ist verzaubert, als er Hochzeitsplanerin Maggie trifft. Leider glaubt sie nicht an ein Happy End. Aber Luke hat einen Plan: Er bittet sie, eine Weihnachtshochzeit für seinen Cousin zu organisieren. Was sie nicht weiß: Den Cousin gibt es gar nicht …


SCHUTZENGEL IN ROTER SPITZE von CARA SUMMERS
Wilde Küsse und kein Wort zu viel: Die Nacht mit Jonah hat Cillas geheimste Wünsche erfüllt. Leider ist der Clubbesitzer mit ihrem Boss befreundet und damit ab sofort tabu. Doch wie soll sie Jonah noch widerstehen, nachdem er sie als seinen Bodyguard engagiert hat?
  • Erscheinungstag 29.09.2020
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500081
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Janice Maynard, Joan Elliott Pickart, Cara Summers

BACCARA WEIHNACHTEN BAND 1

1. KAPITEL

Leo Cavallo hatte Kopfschmerzen. Aber eigentlich tat ihm alles weh. Die Strecke von Atlanta in die Great Smoky Mountains von Tennessee hatte auf der Karte ganz harmlos gewirkt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so ermüdend war, bei Dunkelheit kurvenreiche Landstraßen zu fahren. Und Anfang Dezember wurde es bereits früh dunkel.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Schon nach neun! Und er hatte keine Ahnung, wie weit es noch war bis zu seinem Ziel. Vor zehn Meilen hatte sein Navi aufgegeben und zeigte nur noch Nicht registrierte Strecke an. Dem Thermometer zufolge konnte der Regen, der gegen die Windschutzscheibe prasselte, sich jeden Moment in Eis verwandeln. Und dann hatte er wirklich ein Problem. Ein Jaguar war kein Wagen für schlechtes Wetter.

Er schwitzte unter dem dünnen Pullover. Unwillkürlich griff er nach der Tablettenschachtel im Handschuhfach. Plötzlich glaubte er wieder die Stimme seines Bruders zu hören. Laut und deutlich.

Es ist mein Ernst, Leo. Du musst dein Leben ändern. Himmel, du hast einen Herzinfarkt gehabt!

Und Leos Antwort: Einen leichten Infarkt! Mach kein Drama draus. Ich bin in hervorragender physischer Verfassung. Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat.

Richtig. Er hat gesagt, dein Stress-Level ist jenseits von Gut und Böse. Und er hat dich auf die Familiengeschichte verwiesen. Unser Vater war noch keine zweiundvierzig, als er seinen Infarkt hatte. Wenn du so weitermachst, liegst du bald neben ihm.

Leo zerbiss die Tablette und fluchte, als die Straße plötzlich in eine Schotterpiste überging. Die Räder des Wagens drehten einen Moment durch, bevor sie wieder Halt fanden. Langsam fuhr er weiter und hielt nach irgendwelchen Anzeichen einer menschlichen Behausung Ausschau.

Im Scheinwerferlicht sah er dichte Rhododendronbüsche, die die Straße säumten. Der Eindruck der Enge verursachte ihm Beklemmungen. Er war die hellen Lichter von Atlanta gewohnt. Sein Penthouse bot einen atemberaubenden Blick über die ganze Stadt. Lichter – Tempo – Menschen. Das war sein Alltag gewesen. Gewesen? Wieso um alles in der Welt hatte er sich überreden lassen, sich in diese Einöde zu begeben?

Fünf Minuten später – Leo war kurz davor kehrtzumachen – sah er es plötzlich: ein Licht in der Dunkelheit. Seine Erleichterung war nicht zu beschreiben, denn auch die Aussicht umzukehren hatte nichts Verlockendes. Er atmete einmal tief durch, als der Wagen endlich vor einem Haus hielt. Rasch warf er sich die pelzgefütterte Lederjacke über, die auf dem Rücksitz gelegen hatte. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber die feuchte Kälte war alles andere als angenehm. Er beschloss, seine Sachen zuerst einmal im Wagen zu lassen, solange er nicht wusste, wo sich seine Hütte befand.

Das moderne Holzhaus mit dem warmen Licht auf der Veranda machte einen einladenden Eindruck. Da Leo keine Klingel fand, betätigte er den metallenen Türklopfer. Laut genug, um seinem Frust Ausdruck zu verleihen. Mehrere Lichter im Haus gingen an. Während er ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat, wurde die Gardine hinter der Tür kurz beiseitegeschoben und für einen Moment zeigte sich das Gesicht einer Frau.

„Wer ist da?“, hörte er eine gedämpfte Stimme.

„Leo. Leo Cavallo!“ Er musste sich zwingen, einen halbwegs freundlichen Ton anzuschlagen. „Darf ich hereinkommen?“

Phoebe öffnete die Tür mit einem Gefühl des Unbehagens. Nicht weil sie sich etwa vor dem Mann fürchtete, der auf ihrer Veranda stand. Sie hatte ihn bereits vor Stunden erwartet. Nein, sie fürchtete sich davor, ihm eine unschöne Nachricht überbringen zu müssen.

Mit einem beklommenen Lächeln trat sie beiseite, um ihn hereinzulassen. Seine Größe ließ ihr Haus plötzlich kleiner wirken. Er hatte breite Schultern und die Statur eines Holzfällers. Sie selbst war knapp eins achtzig groß, aber er überragte sie noch um gut zehn Zentimeter. Sein dichtes, gewelltes braunes Haar zeigte im Schein ihres Kaminfeuers einige hellere Strähnen. Der leichte Duft seines Aftershaves vermischte sich mit dem Schwall frischer Winterluft, die er mit ins Haus gebracht hatte.

Hastig vertrieb Phoebe die Intimität des Kaminfeuers, indem sie das etwas nüchternere Deckenlicht einschaltete. Ihr Blick fiel auf seine Füße. „Würden Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen? Ich habe heute Morgen den Boden geputzt.“

Er runzelte die Stirn, kam ihrer Bitte aber nach. Dabei ließ er den Blick flüchtig durch den Raum gleiten, bevor er sich wieder ihr zuwandte. Sie registrierte eine kräftige gerade Nase, eine hohe Stirn, ein markantes Kinn und Lippen, die zum Küssen gemacht zu sein schienen.

„Ich bin hundemüde, und ich habe Hunger. Wenn Sie mir meine Hütte zeigen könnten, möchte ich mich gerne für die Nacht einrichten, Mrs. …“

„Kemper. Phoebe Kemper. Sie können mich Phoebe nennen.“ Wow! Seine tiefe Stimme war wie Balsam für ihre angespannten Nerven. Aber der unterschwellig nachdrückliche Ton ließ keinen Zweifel daran, dass der Mann es gewohnt war, zu befehlen.

Phoebe rieb sich die feuchten Hände unauffällig an der Hose. „Ich habe einen Eintopf auf dem Herd. Er müsste noch warm sein, weil ich heute erst spät gegessen habe.“ Wie immer in letzter Zeit. „Sie können gerne etwas davon haben. Brot ist auch noch da.“

Seine Miene hellte sich ein wenig auf. „Das klingt ja wunderbar.“

„Das Bad ist gleich dort drüben, die erste Tür am Korridor rechts. Ich decke schon mal den Tisch.“

„Und anschließend zeigen Sie mir meine Hütte?“

„Ähm … ja, natürlich.“ Vielleicht hätte sie nicht darauf bestehen sollen, dass er seine nassen Schuhe auszog. Ein Mann auf Socken hatte irgendwie etwas Intimes.

Er war schon kurz darauf wieder zurück. Phoebe hatte die Terrine mit der Suppe auf den Tisch gestellt, dazu frisches Brot. „Ich wusste nicht, was Sie dazu trinken möchten.“ Sie sah ihn fragend an.

„Ein koffeinfreier Kaffee wäre schön – falls Sie so etwas haben.“

„Natürlich.“

Während er sich über die Suppe hermachte, brühte sie einen Kaffee auf und schenkte ihm dann eine Tasse ein. Es überraschte sie nicht, dass er ihn schwarz und ohne Zucker trank. Kein Firlefanz!

Ihr Gast schien nicht übertrieben zu haben, was seinen Hunger betraf. Zwei Teller Suppe, drei dicke Scheiben Brot und ein paar Kekse, die sie am Morgen gebacken hatte, hatte er innerhalb kürzester Zeit verputzt.

Phoebe stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. „Bitte, bedienen Sie sich.“ Dann verließ sie sich entschuldigend den Raum.

Leos Laune hob sich beträchtlich, während er aß. Seine Hütte sollte zwar mit Lebensmitteln ausgestattet sein, aber er war kein großer Koch. Was auch immer er brauchte, hatte er in Atlanta in der Nähe. Sushi um drei in der Nacht? Kein Problem. Ein ausgewachsenes Frühstück am Morgen? Telefonisch bestellt und schon geliefert.

Nachdem er auch den letzten Krümel der köstlichen Kekse vertilgt hatte, stand er auf und streckte sich. Sein Körper war von der langen Fahrt völlig verspannt. Schuldbewusst dachte er an die Ermahnungen des Arztes, sich zu schonen. Aber er konnte einfach nicht anders. Er ging immer bis an seine Grenzen.

Und nun sollte er sich ändern. Auch wenn die vielen guten Ratschläge der Ärzte, der Freunde und seiner Familie ihn genervt hatten – er begriff, dass sein Infarkt sie alle sehr erschreckt hatte. In einem Moment stand er im Konferenzraum vor einer Gruppe potenzieller Investoren und versuchte, sie von einem neuen Konzept zu überzeugen, und im nächsten Moment lag er am Boden.

An die folgenden Minuten hatte er keine Erinnerung. Er wusste nur, dass er Mühe gehabt hatte zu atmen. Und dass ein großer Druck auf seiner Brust lastete. Irritiert von diesem Gedankengang schaute er sich in dem behaglichen Raum um, der Küche, Essecke und Wohnzimmer zugleich war.

Phoebe Kemper hatte sich hier ein gemütliches Zuhause geschaffen. Der Holzfußboden glänzte. Ein bunter dicker Teppich ergänzte die einladende Sitzecke. Zu beiden Seiten des Kamins standen vollgestellte Bücherregale. Während sein Blick über die Titel der Romane und Sachbücher glitt, wurde ihm bewusst, dass er endlich einmal Zeit haben würde zu lesen.

Ein kleines Geräusch verriet die Rückkehr seiner Gastgeberin. Er drehte sich zu ihr herum – und fand sie einfach umwerfend. Das pechschwarze Haar war zu einem langen dicken Zopf geflochten. Phoebe war groß und schlank. Sie trug verwaschene Jeans und dazu eine geblümte Bluse, deren warme Farben ihren Teint vorteilhaft zur Geltung brachten. Ihre Augen waren dunkel, fast schwarz. Floss vielleicht Indianerblut durch ihre Adern?

„Fühlen Sie sich jetzt besser?“ Sie blickte ihn lächelnd an. „Zumindest sehen Sie nicht mehr so aus, als hegten Sie Mordgelüste.“

Er lachte verlegen. „Tut mir leid. Es war ein schrecklicher Tag.“

Phoebes Lächeln verlosch. „Und ich fürchte, er ist noch nicht zu Ende. Es gibt ein Problem mit Ihrer Reservierung.“

„Unmöglich“, widersprach er. „Meine Schwägerin hat sich um alles gekümmert. Und ich habe die Buchungsbestätigung dabei.“

„Ich habe den ganzen Tag versucht, Sie zu erreichen.“

„Tut mir leid. Meine Nichte hat das Handy in die Badewanne fallen lassen. Aber ich bin ja nun hier.“

Phoebe seufzte. „In der vergangenen Nacht ist hier ein schweres Unwetter niedergegangen. Dabei wurde Ihre Hütte beschädigt.“

„Ach, ich bin sicher, ich komme zurecht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde Ihnen den Schaden zeigen. Bitte, kommen Sie mit.“

„Sollte ich den Wagen näher heranfahren?“, fragte er, während er sich die Schuhe anzog.

„Nicht nötig.“ Sie warf sich eine Jacke über, die seiner sehr ähnlich war. Dabei steckte sie etwas ein, das wie eine Digitalkamera aussah, und nahm dann eine große Taschenlampe von dem Tisch neben der Haustür.

Schweigend folgte er ihr die Schotterstraße hinunter. Gereizt bemerkte er, dass es kein Problem gewesen wäre, mit dem Wagen zu fahren. In dem Moment blieb Phoebe so abrupt stehen, dass er fast auf sie geprallt wäre. „Wir sind da“, hörte er sie sagen. „Vor sich sehen Sie, was das Unwetter mit Ihrer Hütte angerichtet hat.“

Verblüfft folgte er dem Schein der Taschenlampe und traute seinen Augen kaum: Ein riesiger Baum hatte sich quer über das kleine Haus gelegt. Sein Gewicht hatte das Dach vollkommen eingedrückt.

„Großer Gott!“ Leo schaute unwillkürlich zurück zu Phoebes Hütte. Es hätte auch sie treffen können. „Sie müssen ja Todesängste ausgestanden haben.“

„Ich habe schon angenehmere Nächte gehabt, das stimmt. Gegen drei bin ich von dem Krachen aufgewacht. Heute Morgen habe ich dann feststellen können, was passiert ist.“

„Haben Sie nicht versucht, das Dach abzudecken?“

Sie lachte auf. „Sehe ich aus wie Super-Woman? Ich kenne meine Grenzen, Mr. Cavallo. Ich habe meine Versicherung angerufen, aber natürlich haben sie im Moment alle Hände voll zu tun. Wahrscheinlich kommt morgen Nachmittag jemand vorbei, aber das glaube ich erst, wenn er vor mir steht. Es lässt sich ohnehin nichts mehr ändern. Da es so stark geregnet hat, dürfte alles im Haus hin sein.“

Damit konnte sie wohl recht haben. Blieb die Frage, wo er wohnen sollte. Auch wenn er sich ursprünglich sehr gegen diese Zwangspause gesträubt hatte, war die Vorstellung, hier eine Weile kürzerzutreten, inzwischen nicht mehr ganz so abschreckend.

Phoebe berührte ihn am Arm. „Wenn Sie wollen, können Sie heute Nacht in meinem Haus bleiben.“

Schweigend gingen sie zurück.

„Gehen Sie doch schon rein und wärmen sich auf“, bat Phoebe. „Ihre Schwägerin erzählte, Sie seien im Krankenhaus gewesen. Ich bringe Ihr Gepäck, wenn Sie mir sagen, was Sie brauchen.“

Leo wand sich innerlich vor Frust und Verlegenheit. Hattie und ihr Mutterinstinkt! „Ich kann meine Sachen selbst tragen“, beschied er Phoebe knapp. „Aber vielen Dank für das Angebot“, fügte er widerstrebend hinzu. Gerade von einer so attraktiven Frau wie Phoebe wollte er als vollwertiger Mann betrachtet werden und nicht als jemand, für den sie den Babysitter spielen musste.

In dem Moment glaubte er, ganz deutlich das Schreien eines Babys gehört zu haben. Verblüfft schaute er sich um. Aber Phoebe und er waren allein. Gab es hier vielleicht irgendwelche Tiere, die solche Geräusche machten? Ehe er noch weiter darüber nachdenken konnte, war das Schreien erneut zu hören.

Phoebe drückte ihm die Taschenlampe in die Hand. „Hier, behalten Sie sie. Ich muss ins Haus.“

Er grinste unwillkürlich. „Und lassen mich allein mit den wilden Tieren?“

„Wie meinen Sie das?“

„War das nicht der Schrei von irgendeinem Tier?“

Phoebe lachte leise. „Sie haben ja eine lebhafte Fantasie!“ Dabei zog sie das kleine Ding aus der Tasche, das er für eine Digitalkamera gehalten hatte. Es war ein Babyfon. „Das Geräusch, das Sie gehört haben, kam von einem Baby. Und ich sollte jetzt schnell reingehen, bevor die Hölle losbricht.“

2. KAPITEL

Leo sah Phoebe fassungslos nach. Erst als er merkte, dass er langsam zum Eiszapfen erstarrte, holte er den Laptop und einen kleinen Koffer aus dem Wagen und ging ins Haus. Abrupt blieb er stehen, als er Phoebe mit einem Baby auf dem Arm am Kamin stehen sah. Sie rieb dem Kind mit leichten Bewegungen den Rücken. Leo war wie benommen. Die Szene hatte etwas unglaublich Anrührendes. Seine Schwägerin Hattie hatte denselben Gesichtsausdruck, wenn sie sich um ihren Sohn kümmerte.

Aber ein Baby bedeutete auch, dass es irgendwo einen Vater dazu gab. Obwohl Leo diese Madonna und ihr Kind gerade erst kennengelernt hatte, war er irgendwie enttäuscht. Phoebe trug keinen Ring, aber er erkannte eine Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Kind. Sie hatten die gleiche Nase.

Phoebe sah lächelnd zu ihm auf. „Das ist Teddy. Sein richtiger Name ist Theodore, aber mit gerade mal sechs Monaten ist er noch zu klein dafür.“

Zum zweiten Mal an diesem Abend zog Leo seine Schuhe aus und stellte das Gepäck ab. Er zwang sich zu einem Lächeln. „Er ist niedlich.“

„Um drei Uhr morgens findet man ihn nicht mehr ganz so niedlich.“ Phoebes Miene verriet, dass sie dem Baby dafür keinen Vorwurf machte. Im Gegenteil, ihr Gesicht strahlte vor Liebe.

„Schläft er nicht gut durch?“

Phoebe runzelte die Stirn über einen Unterton, den sie als Kritik deuten mochte. „Er schläft gut für sein Alter. Stimmt’s, mein Süßer?“ Das Baby hatte sich beruhigt und schob sich eine kleine Faust in den Mund. Phoebe hauchte ihm einen Kuss auf den Nacken. „Meist schläft er von zehn Uhr abends bis sechs oder sieben morgens durch. Im Moment scheint er zu zahnen.“

„Das ist sicher kein Vergnügen.“

Phoebe nahm das Baby auf den anderen Arm. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Gästezimmer. Ich glaube nicht, dass wir Sie stören werden, auch wenn ich heute Nacht noch einmal aufstehen muss.“

Er folgte ihr den kleinen Flur hinunter. Kalte Luft schlug ihnen entgegen, als Phoebe die Tür öffnete.

„Tut mir leid“, sagte sie, „aber es wird schnell warm werden.“

Er schaute sich neugierig um. „Sehr hübsch.“ Der Raum wurde von einem riesigen Bett dominiert, das aus rohem Holz gezimmert schien, passend zum Charakter der Hütte. Grüne Vorhänge verbargen ein offenbar großes Fenster. Auf dem Holzfußboden lagen geschmackvolle moderne Teppiche. Im angrenzenden Bad gab es neben einem Jacuzzi-Becken eine geräumige Duschkabine.

„Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause“, bat Phoebe. Das Baby in ihrem Arm war inzwischen eingeschlafen. „Falls Sie in der Gegend bleiben möchten, kann ich Ihnen morgen früh helfen, ein paar Telefonate zu führen.“

Leo runzelte die Stirn. „Ich habe eine stattliche Anzahlung geleistet. Ich möchte nicht irgendwo anders unterkommen.“

„Selbstverständlich erhalten Sie Ihr Geld zurück. Aber Sie haben die Hütte gesehen. Selbst wenn die Versicherung den Schaden schnell regulieren sollte, dürfte es eine Weile dauern, bis dort wieder jemand wohnen kann.“

Leo war gegen seinen Willen hier. Das Unwetter und die Schäden, die es angerichtet hatte, wären der ideale Vorwand, sofort nach Atlanta zurückzukehren. Er brauchte Luc und Hattie nur zu sagen, die Umstände hätten sich gegen ihn verschworen.

Aber irgendwie widerstrebte ihm diese Vorstellung. „Wo ist denn Mr. Kemper bei alledem? Sollte er sich nicht darum kümmern, dass die Hütte wieder instand gesetzt wird?“

Phoebe sah ihn einen Moment verständnislos an. „Mr. Kemper?“ Plötzlich lachte sie laut auf. „Ich bin nicht verheiratet, Mr. Cavallo.“

„Und das Baby?“

Sie hob die Augenbrauen. „Halten Sie es nicht für möglich, dass eine Frau ihr Kind allein großzieht?“

Leo zuckte mit den Schultern. „Ich finde, Kinder haben ein Recht auf beide Elternteile. Aber davon mal abgesehen, glaube ich, dass Frauen grundsätzlich alles können, was sie wollen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Frau wie Sie es nötig hat, ihr Kind allein großzuziehen.“

Phoebes Augen blitzten. „Eine Frau wie ich? Was soll das denn heißen?“

Er lehnte sich gegen einen Bettpfosten und verschränkte die Arme vor der Brust. Nun, da er wusste, dass sie nicht verheiratet war, war das Spiel wieder offen. „Sie sind eine atemberaubende Frau. Sind die Männer in Tennessee denn alle blind?“

Sie verdrehte die Augen. „Das ist doch wohl die älteste Anmache der Welt!“

„Sie leben hier in der Einöde. Mit Ihrem kleinen Sohn. Ohne dazugehörigen Daddy. Da dürfen einem Mann doch wohl Fragen kommen, oder?“

Phoebe starrte ihn eine ganze Weile durchdringend an. Leo ließ es geduldig über sich ergehen. Er stand in einer langen Reihe italienischer Vorfahren, die alle an die Macht von Schicksal und Liebe glaubten. Und plötzlich verspürte er Lust, der Faszination auf den Grund zu gehen, die diese Frau auf ihn ausübte.

Sie gingen in das nächste Zimmer, und er schaute zu, wie Phoebe das schlafende Baby behutsam auf das Bett legte. Der kleine Junge rollte sich auf die Seite und schlief weiter. Phoebe richtete sich wieder auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Erstens: Wir sind hier nicht in der Einöde. Bis Gatlinburg sind es grade mal zehn Meilen. Pigeon Forge liegt noch näher. Wir haben Geschäfte und alles, was man zum Leben braucht. Ich mag es hier. Es ist friedlich.“

„Ich nehme Ihr Wort dafür.“

„Zweitens: Teddy ist mein Neffe, nicht mein Sohn.“

„Und wieso ist er hier?“

„Meine Schwester und ihr Mann sind für sechs Wochen in Portugal, um den Nachlass seines Vaters zu regeln. Und da die Reise für ein so kleines Baby zu anstrengend ist, habe ich mich bereit erklärt, es solange zu mir zu nehmen.“

„Sie müssen Kinder sehr mögen.“

Ein Schatten glitt über ihre Züge. „Ich mag meinen Neffen.“ Sie räusperte sich. „Aber das Wichtigste ist doch, dass ich Ihnen die Hütte in diesem Zustand nicht vermieten kann. Sie müssen sich etwas anderes suchen.“

„Ich habe schon etwas gefunden.“ Er ließ seinen ganzen Charme spielen. „Wie wäre es mit Ihrem Gästezimmer?“

Phoebe musste zugeben, dass Leo an Hartnäckigkeit nicht zu überbieten war. Seine dunkelbraunen Augen hatten etwas Magisches. Man glaubte förmlich in ihren Tiefen zu versinken. Falls er krank gewesen war, merkte man es ihm nicht mehr an.

„Das ist hier kein Bed and Breakfast“, erklärte sie. „Ich habe eine Hütte, die ich vermiete. Und diese Hütte ist im Moment nicht verfügbar, also ist der Vertrag hinfällig.“

„Sie sollten Ihre Entscheidung nicht übereilt treffen“, warnte er lächelnd. „Ich bin stubenrein. Und ich bin sehr nützlich, wenn es darum geht, Glühbirnen auszuwechseln und Spinnen und andere unliebsame Mitbewohner zu beseitigen.“

„Glühbirnen kann ich selbst wechseln, und für Ungeziefer hole ich den Kammerjäger.“

„Sich um ein Baby zu kümmern kostet viel Zeit. Sie könnten es genießen, Unterstützung zu haben.“

„Sie machen nicht den Eindruck, als würden Sie gerne Windeln wechseln.“

„Touché!“

Würde er jetzt aufgeben?

„Ich schlage Ihnen einen Deal vor.“ Noch während sie es sagte, fragte sie sich, ob sie den Verstand verloren hatte. „Sie erzählen mir, wieso Sie unbedingt hierbleiben wollen, und ich werde meine Entscheidung noch mal überdenken.“

Zum ersten Mal bemerkte sie eine Spur des Unbehagens auf Leos Zügen. Eine Spur von Verletzlichkeit. „Was hat meine Schwägerin gesagt, als sie die Reservierung gemacht hat?“

Eine alte Taktik. Eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten. „Sie hat erzählt, Sie seien krank gewesen. Mehr nicht. Aber um ehrlich zu sein, sehen Sie nicht aus wie ein Mann, der an Grabes Rand steht.“

Leo lächelte ironisch. „Vielen Dank für die Blumen.“

„Wenn ich es recht bedenke“ – sie betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn –, „wirken Sie auch nicht wie ein Mann, der sich eine zweimonatige Auszeit nimmt. Aus welchem Grund auch immer.“

Leo mied ihren Blick. „Ich brauchte eine Pause“, erwiderte er. „Ist das nicht Grund genug?“

Irgendetwas an seinem Ton rührte sie. In diesem Moment fühlte sie sich ihm merkwürdig verbunden. „Okay.“ Sie kapitulierte. „Sie können bleiben. Aber falls Sie mir auf die Nerven gehen, habe ich das Recht, Sie vor die Tür zu setzen.“

Er grinste erleichtert. „Klingt fair.“

„Und es kostet tausend Dollar die Woche zusätzlich, falls Sie auch noch bei mir essen wollen.“

Es war einfach ein Versuch, ihn davon abzubringen. Aber Leo nickte nur. „Ganz wie Sie meinen.“ Dann wurde er ernst. „Vielen Dank, Phoebe. Ich weiß Ihre Gastfreundschaft zu schätzen.“

Das Baby drehte sich auf den Rücken und durchbrach damit die Atmosphäre der Intimität, die plötzlich zwischen den beiden entstanden war. Phoebe nahm den Kleinen auf den Arm und drückte ihn an sich. Sie brauchte eine Barriere zwischen sich und dem charismatischen Leo Cavallo. „Dann also Gute Nacht.“

Leo nickte. „Schlafen Sie gut. Und falls Sie mich heute Nacht herumgehen hören, haben Sie keine Angst. Ich leide in letzter Zeit oft an Schlaflosigkeit.“

„Ich könnte Ihnen eine warme Milch machen“, erbot sie sich.

„Nein, danke. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Leo hatte Gewissensbisse, weil er Phoebe gegen ihren Willen dazu gebracht hatte, ihn hier wohnen zu lassen. Dennoch wollte er bleiben. In Atlanta behandelten ihn alle wie ein rohes Ei. Obwohl Luc, sein Bruder, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war klar, dass er und Hattie sich Sorgen um ihn machten. Und so gern Leo die beiden hatte – im Moment brauchte er Zeit, um mit sich und seiner Situation ins Reine zu kommen.

Sein erster Instinkt war gewesen, sich wieder in die Arbeit zu stürzen. Aber der Arzt hatte sich schlicht geweigert, ihm dafür die Erlaubnis zu geben. Diese Auszeit in den Bergen war eine Art Kompromiss. Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als zuzustimmen.

Leo gähnte und reckte sich. Er war erschöpft. Vielleicht zahlte er jetzt die Zeche dafür, dass er sich jahrelang zu viel zugemutet hatte. Aus welchem Grund auch immer – er war hundemüde und mehr als bereit, in dieses große einladende Bett zu steigen.

Zu schade, dass er allein schlafen würde. Der Gedanke an Phoebe ließ seinen Körper reagieren, wie nicht anders zu erwarten. Vielleicht war es gerade ihr Understatement, das sie so anziehend machte. Obwohl der Arzt sexuelle Aktivitäten erlaubt hatte, war dies ein wunder Punkt für Leo. Er zwang sich, seine Erregung zu ignorieren …

Teddy rührte sich nicht, als Phoebe ihn wieder in die Wiege legte. Sie betrachtete ihn mit einem versonnenen Lächeln. Sie wusste zwar, wie sehr ihre Schwester den Kleinen vermisste. Doch sie freute sich auch, dass sie Weihnachten nicht allein sein musste.

Ihr Herz machte einen kleinen Satz, als ihr einfiel, dass Leo vielleicht auch da sein würde. Aber nein. Sicher fuhr er an den Feiertagen zu seiner Familie und würde dann im Januar für die letzten Wochen seines Aufenthaltes zurückkommen.

Nach der Anfrage seiner Schwägerin hatte sie Leo Cavallo bei Google aufgerufen. Sie wusste, dass er ledig war und der Geschäftsführer eines weltweit operierenden Textilkonzerns, den sein Großvater in Italien gegründet hatte. Sie wusste auch, dass er diverse Wohltätigkeitsorganisationen unterstützte, nicht nur mit Geld, sondern auch mit seiner Arbeit. Dabei musste er nicht mehr arbeiten. Er hatte mehr Geld, als ein Mann in einem Leben je ausgeben konnte. Aber sie verstand Männer wie Leo. Sie brauchten die Herausforderung. Mussten sich an Konkurrenten messen, sowohl geschäftlich als auch privat.

Leo hier aufzunehmen war sicher kein Risiko. Er war ein Gentleman, und sie wusste mehr über ihn als über manchen Mann, mit dem sie ausgegangen war. Einzig irritierend war das Gefühl, dass er irgendwie Hilfe brauchte. Sie wollte keine weitere Verantwortung. Aber hätte das Unwetter die Hütte nicht zerstört, dann wäre er zwei Monate auf sich allein gestellt gewesen. Sie musste sich also keine Sorgen machen. Dennoch, vielleicht konnte sie vorsichtig versuchen herauszufinden, was diesen Bären von einem Mann so verloren wirken ließ.

Während sie sich fertig machte für die Nacht, waren ihre Gedanken bei Leo. Und als sie schließlich unter der Decke lag, stand ihr sein Bild vor Augen.

3. KAPITEL

Leo erwachte. Ein vorwitziger Sonnenstrahl hatte sich durch den Spalt zwischen den Vorhängen geschoben und berührte sein Gesicht. Gähnend fuhr er sich mit der Hand über das stoppelige Kinn. Erfreut stellte er fest, dass er zum ersten Mal seit Langem eine Nacht durchgeschlafen hatte. Vielleicht hatte dieser Aufenthalt in den Bergen doch etwas für sich.

Das Gros seiner Sachen war noch im Wagen, daher zog er die verblichenen Jeans über und seinen geliebten alten Kaschmirpullover. Ein Cavallo-Produkt – natürlich. Im Haus war es angenehm warm, aber Leo drängte es hinaus an die frische Luft. Er wollte seine neue Umgebung bei Tageslicht erkunden.

Auf Zehenspitzen huschte er den Gang hinunter, um das Baby nicht zu wecken, falls es noch schlief. Phoebes Tür stand offen. Unwillkürlich warf er einen Blick ins Zimmer. Das Bett wirkte zerwühlt. Die arme Frau. Das Kind schien sie in der Nacht wach gehalten zu haben.

Er wandte sich rasch ab und ging in die Küche. Da Phoebe gut organisiert war, hatte er kein Problem, die Kaffeemaschine und alles Weitere zu finden. Als der Kaffee im Becher dampfte, nahm er sich eine Banane von dem Teller auf der Anrichte und trat an das Wohnzimmerfenster.

Normalerweise frühstückte er nicht. Gewöhnlich machte er um halb sieben Frühsport und war noch vor acht im Büro. Dann ging es non-stop durch den Tag bis sieben oder später am Abend. Er hatte sich über seinen Tagesablauf nie sonderlich Gedanken gemacht. Dass der Infarkt ihn jetzt so ausbremste, frustrierte ihn. Himmel, er war gerade mal sechsunddreißig! Doch wohl kein Zeitpunkt, schon kürzerzutreten!

Sein Blick glitt über die Welt vor dem Fenster. Alle Zweige waren mit Eis bedeckt und glitzerten in der Sonne wie Diamanten – es war wie ein Winterwunderland. So viel also zu seinem Wunsch, die Welt dort draußen zu erkunden. Bei jedem Schritt konnte man sich alle Knochen brechen. Geduld, Leo. Geduld! Sein Arzt, der am Wochenende auch sein Squash-Partner war, hatte ihm immer wieder geraten, es ruhiger angehen zu lassen, aber Leo war sich nicht sicher, ob er das konnte. Schon jetzt kribbelte es ihm in den Fingern. Er brauchte irgendeine Aufgabe.

„Sie sind aber früh auf den Beinen.“

Phoebes Stimme erschreckte ihn so sehr, dass er abrupt herumfuhr und sich dabei den heißen Kaffee über die Hand kippte. „Oh, verdammt!“

Er sah, wie sie das Gesicht verzog, als er zur Spüle ging und sich kaltes Wasser über die Hand laufen ließ.

„Tut mir leid“, sagte sie, „ich dachte, Sie hätten mich gehört.“

Leo war in Gedanken versunken gewesen, aber jetzt waren alle Sinne hellwach. Phoebe trug einen schlichten Pyjama, der sich an all den richtigen Stellen an ihren Körper schmiegte. Er ließ feste Brüste ahnen, einen runden Po und sehr, sehr lange Beine.

Sie wirkte mitgenommen. Der lange Zopf hatte sich ein wenig gelöst, und unter den Augen lagen dunkle Ringe.

„Hatten Sie eine anstrengende Nacht mit dem Baby?“ Er schaute sie fragend an.

Sie schüttelte den Kopf und griff gähnend nach einem Kaffeebecher. Dabei rutschte das Oberteil ihres Pyjamas ein wenig hoch und entblößte ein paar Zentimeter glatter gebräunter Haut. Hastig wandte er sich ab, konnte den Anblick aber nicht aus seinem Kopf verbannen.

Nachdem Phoebe sich einen Schluck Kaffee gegönnt hatte, ließ sie sich in einen Sessel sinken und zog eine Wolldecke über sich. „Diesmal war es nicht das Baby“, sagte sie und seufzte. „Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, wie ich die Hütte wieder repariert bekomme. Wenn ich an die ganzen Handwerker denke, die ich brauche …!“

„Ich könnte Sie unterstützen.“ Die Worte waren heraus, ehe er darüber nachgedacht hatte. Offensichtlich war es schwer, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Aber war es nicht mindestens ebenso wichtig, einem Menschen in Not beizustehen, wie sich nach einem kleinen Infarkt zu schonen? Glücklicherweise war seine Schwägerin im Moment nicht hier – sie hätte ihm sicher einen langen Vortrag darüber gehalten, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestand.

Seinem Bruder Luc gelang es auf wundersame Weise, eine Balance zwischen seiner wachsenden Familie und der Arbeit zu finden. Er leitete die Forschungsabteilung. Dank seiner Ideen für neue Fertigungsmethoden und neue Designs konnte sich die Firma im Wandel des einundzwanzigsten Jahrhunderts gut behaupten. Weltweit orderten Designer die Stoffe von Cavallo für ihre besten und teuersten Modelinien.

Phoebe seufzte erneut. „Das kann ich nicht von Ihnen verlangen. Es ist mein Problem. Außerdem sind Sie im Urlaub.“

„Nicht direkt“, korrigierte er sie. „Es ist eher eine unfreiwillige Auszeit.“

Phoebe legte die Beine über die Lehne ihres Sessels und stellte den Kaffeebecher ganz entspannt auf ihrem Bauch ab. Erst jetzt bemerkte er, dass sie Hausschuhe von Hello Kitty trug. Ein weniger verführerisches Outfit war wohl kaum vorstellbar. Und doch war er fasziniert.

„Ein Fall von Burnout?“

„So könnte man es nennen, ja.“ Obwohl das nicht alles war. „Ich soll hier im Wald die Irrwege meines Lebens begreifen.“

„Und wer hat Sie dazu überredet? Sie wirken nicht wie ein Mann, der sich etwas vorschreiben lässt.“

„Mag sein“, räumte er ein, „aber mein kleiner Bruder war der Meinung, dass ich eine Auszeit brauche.“

„Und Sie haben auf ihn gehört?“

„Widerstrebend, ja.“

Sie musterte ihn nachdenklich, so als versuche sie, die Lücken zu füllen, die seine Antworten hinterließen. „Was möchten Sie denn in den zwei Monaten tun?“

„Das bleibt abzuwarten. Ich habe einen ganzen Stapel Krimis dabei. Auf dem iPad sind alle Kreuzworträtsel der New York Times des letzten Jahres abgespeichert, und außerdem habe ich eine Digitalkamera mitgebracht, die noch nicht mal ausgepackt ist.“

„Ich bin beeindruckt.“

„Sie müssen zugeben, dass ich mehr als genug Zeit habe, um mich mit ein paar Handwerkern zu unterhalten.“

„Und wieso sollten Sie das tun wollen?“

„Ich habe gerne etwas um die Ohren.“

„Sind Sie nicht gerade deswegen hier, um einmal nichts um die Ohren zu haben? Ich möchte nicht schuld sein, wenn Sie hier gleich in der ersten Woche umkippen.“

„Glauben Sie mir, Phoebe, mich um die Handwerker für Ihre Hütte zu kümmern würde mich mit Sicherheit nicht gefährden. Und da es nicht meine eigene Hütte ist, kann es auch keinen Stress geben.“

„Hmm.“ Sie sah ihn unschlüssig an. „Wäre da nicht das Baby, würde ich nicht einmal im Traum daran denken, Ihr Angebot anzunehmen.“

„Ich verstehe.“

„Wenn es Ihnen zu viel wird, sagen Sie mir Bescheid.“

„Großes Ehrenwort!“

„Also gut.“ Phoebe streckte die Waffen. „Wie sollte ich da noch Nein sagen?“

Erst jetzt wurde Leo bewusst, wie sehr er sich vor den zwei Monaten ohne irgendeine Aufgabe gefürchtet hatte. Die Instandsetzung der Hütte gab seinen Tagen wieder eine Struktur. Vielleicht wurde dieses Exil dadurch doch irgendwie erträglich.

Mit leichtem Schuldbewusstsein fragte er sich, was sein Bruder dazu sagen würde. Sicher sah Luc ihn im Geiste gemütlich am Feuer sitzen und einen Krimi von Grisham lesen. Natürlich sprach nichts dagegen, einmal einen Blick in ein Buch zu werfen, aber wie viele Stunden am Tag konnte ein Mann lesen, ohne verrückt zu werden?

Plötzlich war laut und deutlich das Weinen des Babys zu hören.

Phoebe sprang auf. „Ach herrje! Ich habe vergessen, das Babyfon mitzunehmen!“ Sie stellte ihren Becher rasch in die Spüle und verschwand in einer Wolke aus rosafarbenem Plüsch.

Leo schenkte sich gerade noch einmal Kaffee ein, als sie mit dem Baby auf dem Arm zurückkam. Der Kleine hatte vom Weinen ein ganz rotes Gesichtchen. Phoebe strich ihm das Haar aus der Stirn. „Der Arme muss ganz verwirrt davon sein, dass seine Mom und sein Dad nicht da sind, wenn er morgens aufwacht.“

„Aber er kennt Sie doch, oder?“

Phoebe seufzte. „Ja, schon. Aber ich mache mir dennoch ständig Sorgen um ihn. Ich habe mich noch nie allein um ein Baby gekümmert. Es ist wirklich beängstigend.“

„Ich würde sagen, Sie machen Ihren Job sehr gut. Er sieht gesund und munter aus.“

Phoebes Blick hellte sich auf. „Ich hoffe, Sie haben recht.“

Sie hielt ihm Teddy hin. „Könnten Sie ihm die Flasche geben, während ich dusche und mich anziehe?“

Leo wich automatisch einen Schritt zurück. „Ich glaube, das möchten weder Teddy noch ich. Ich mache Kindern Angst.“

Phoebe sah ihn fassungslos an. „Das ist doch albern! Haben Sie selbst mir nicht gestern Abend angeboten, mit dem Baby zu helfen, wenn ich Sie hier wohnen lasse?“

Leo zuckte mit den Schultern. „Ich hatte eher daran gedacht, die vollen Windeln nach draußen zu bringen. Oder auf das Babyfon zu achten, während Sie telefonieren. Meine Hände sind zu groß und ungeschickt, um mit so einem kleinen Wesen umzugehen.“

„Sie haben keine Erfahrung mit Babys?“

„Mein Bruder hat zwei kleine Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ich sehe sie ein paarmal im Monat, aber dann geht mein Kontakt zu ihnen nicht weiter als zu einem Küsschen auf die Wange und einer Bemerkung darüber, wie sie gewachsen sind. Nicht jeder kann gut mit Kindern.“

Phoebe trat zu Leo und drückte ihm das Baby in den Arm. „Sie werden es lernen müssen, denn wir haben einen Deal.“

Leo hielt den Kleinen unwillkürlich fest. Der Körper des Babys war warm und knuddelig. Es roch nach Lotion und diesem undefinierbaren Duft aller Babys. „Ich dachte, wenn ich mich um die Hütte kümmere, ist der Deal für Teddy hinfällig.“

Phoebe verschränkte die Arme vor der Brust. „Definitiv nicht! Ein Deal ist ein Deal. Oder brauche ich es schriftlich?“

Leo wusste, wann er sich geschlagen geben musste. Er hatte Phoebe als den weichen, mütterlichen Typ eingestuft, aber nun sah er sich einer beinharten Frau gegenüber, die keinerlei Skrupel haben würde, ihn auf die Straße zu setzen. „Okay, okay. Ich würde ja meine Hände heben zum Zeichen meiner Ergebung.“ Er lächelte. „Bezweifle aber, dass Ihr Neffe davon angetan wäre.“

Phoebes Reaktion klang verdächtig nach einem Hmmph! Leo grinste in sich hinein, während sie rasch das Fläschchen vorbereitete und es dann zum Sofa brachte. „Er trinkt am liebsten im Sitzen. Wenn die Flasche halb leer ist, sollte er ein Bäuerchen machen.“

„Jawohl, Ma’am.“

Phoebe stemmte die Arme in die Hüften. „Sie sollten sich nicht lustig machen über mich. Das Eis, auf dem Sie sich bewegen, ist dünn, Mister. Sehr dünn!“

Leo bemühte sich um eine reuevolle Miene. Und versuchte gleichzeitig, nicht an ihre Brüste zu denken, die direkt auf Augenhöhe vor ihm waren. Er räusperte sich. „Gehen Sie ruhig duschen“, sagte er. „Ich habe hier alles unter Kontrolle.“

Phoebe nagte an der Unterlippe. „Sie müssen nur an meine Schlafzimmertür klopfen, falls Sie mich brauchen.“

Leo hatte bei der Kombination von Schlafzimmer und brauchen plötzlich ganz andere Visionen. Nur der kleine, unschuldige und immer hungriger werdende Teddy konnte ihn davon abhalten, diesen Gedankengang weiterzuverfolgen.

„Nun gehen Sie schon.“ Leo hielt dem Kleinen die Flasche hin. „Wir kommen klar.“

Nachdem Phoebe fort war, ließ Leo Teddy gegen seinen linken Arm sinken, um ihm mit der rechten Hand die Flasche zu geben. Es war klar, dass der Kleine die Flasche fast selbst halten konnte, aber wenn er sie fallen ließe, wäre er hilflos.

Leo lehnte sich zurück und legte die Füße auf die Ottomane. Teddy schien nichts dagegen zu haben, von einem Fremden gefüttert zu werden. Nur als Leo ihn für einen Moment an seine Schulter legte, um ihm ein Bäuerchen zu entlocken, wurde er ungehalten.

Endlich war die Flasche leer. Leo nahm sie dem Kleinen ab und gab ihm stattdessen den Beißring, den Phoebe bereitgelegt hatte. Teddy widmete sich ihm mit Hingabe und gab Leo eine Chance, sich in Ruhe umzuschauen.

Ihm gefiel es, wie Phoebe das Haus eingerichtet hatte. Alles wirkte behaglich und doch modern. Die Möbel waren sicher nicht billig gewesen. Am Kühlschrank entdeckte er an einem Magneten ein Foto von Phoebe, ihrer Schwester und dem kleinen Teddy.

Leos Blick fiel auf das Baby in seinem Arm. Der Kleine sah ihn mit seinen großen blauen Augen unverwandt an, so als wolle er fragen: Was hast du vor? Leo lachte leise. „Deine Tante Phoebe ist eine wunderschöne Frau, kleiner Mann. Bring mich nicht in Schwierigkeiten bei ihr, dann werden wir beide prima miteinander auskommen.“

Leo dachte für einen Moment an Atlanta. Fragte sich, was im Büro los sein mochte. Sehnte sich danach, das Ruder wieder in der Hand zu haben. Aber so ein Baby auf dem Schoß ließ alles andere plötzlich nicht mehr so wichtig erscheinen.

Wie er Phoebe gesagt hatte, war der Umgang mit kleinen Kindern ihm nicht fremd. Luc und Hattie hatten ihre Nichte adoptiert, nachdem sie im vergangenen Jahr geheiratet hatten. Das Mädchen war jetzt fast zwei Jahre alt. Und am letzten Valentinstag hatte Hattie den ersten echten Cavallo der neuen Generation zur Welt gebracht: einen dunkelhaarigen, glutäugigen kleinen Jungen.

Leo mochte Kinder. Sie symbolisierten die Zukunft. Die Gewissheit, dass das Leben weiterging. Dennoch hatte er keinerlei Verlangen danach, selbst Vater zu werden. Kinder brauchten die Zuwendung ihrer Eltern. Sein Leben war auch so erfüllt. Seine Firma war sein Baby. Er hatte stets alles im Griff und sorgte auch in wirtschaftlich schweren Zeiten dafür, dass Cavallo keine Verluste machte.

Er wusste, dass einige ihn hart nannten. Aber er hatte bei allem stets im Auge, wie viele Menschen weltweit von seinen Entscheidungen betroffen waren. Es irritierte ihn, dass im Moment jemand anderer die Entscheidungen für ihn traf. Er wusste, dass Luc einen fähigen Mann ausgesucht hatte, aber das änderte nichts daran, dass er sich ausgeschlossen fühlte. Abgeschoben.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Erst halb elf! Wie sollte er zwei Monate ohne seine Arbeit überstehen? Er legte den freien Arm über die Rückenlehne des Sofas und schloss die Augen. Irgendwie musste er versuchen, Ruhe zu finden.

Verdammt, er wollte nach Hause!

Wirklich?

Seit er Phoebe kennengelernt hatte, war er sich nicht mehr sicher. Die große, langbeinige Phoebe. Eine wunderschöne Frau. Eine Frau mit Klasse. Falls sie sich auf eine Beziehung mit ihm einließe, hätte diese Verbannung noch ihr Gutes. Leo spürte ein gewisses Prickeln zwischen ihnen. In dieser Hinsicht irrte er sich selten. Wenn ein Mann Geld hatte und einigermaßen aussah, umschwirrten die Frauen ihn wie die legendären Motten das Licht.

Als junge Männer in Italien hatten Luc und er viele Eroberungen verbucht – bis ihnen klar wurde, wie schal diese rein oberflächlichen Beziehungen waren. Luc hatte die Frau seines Lebens schließlich im College gefunden – aber es hatte zehn Jahre gedauert, bis sie geheiratet hatten.

So weit hatte Leo es nie gebracht. Bisher hatte er noch keine Frau kennengelernt, die wirklich an ihm selbst interessiert war. Die Möchte-gern-Mrs.-Cavallos sahen nur sein Geld und seine Macht und wollten den Ring an ihrem Finger. Und die wahren Frauen, die unkomplizierten Frauen mit Herz, hielten sich von Männern wie ihm fern, weil sie Angst hatten, sie könnten sie verletzen.

Er wusste nicht, in welche Kategorie Phoebe Kemper fiel. Aber es reizte ihn, es herauszufinden.

4. KAPITEL

Phoebe ließ sich Zeit unter der Dusche. Falls Leo sich nicht an seinen Teil der Abmachung zu halten gedachte, dann wollte sie es jetzt gleich wissen. Es war kein Risiko, ihm Teddy für diese kurze Zeit zu überlassen. Sie spürte, dass er ein Mann war, der auch in schwierigen Situationen den Kopf behielt.

Ihr fiel es schwer, sich vorzustellen, dass Leo krank gewesen war. Er schien voller Kraft. Immun gegen die Probleme normaler Sterblicher. Sie neidete ihm sein Selbstbewusstsein. Ihres hatte vor drei Jahren einen schweren Schlag erlitten, und sie war sich nicht sicher, ob sie es je wiedererlangen würde. Die jüngere Phoebe hatte die Welt im Sturm erobert – ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass das Schicksal nach seinen eigenen Regeln spielte. Und dann war ihr perfektes Leben in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus.

Es würde nie wieder so sein, wie es einmal gewesen war. Aber konnte es vielleicht wieder gut werden – auf eine andere Weise?

Sie kleidete sich sorgfältiger als sonst. Statt für Jeans entschied sie sich für eine helle Cordhose und einen leuchtend roten Pullover. Weihnachten stand vor der Tür, und Rot hob immer ihre Stimmung. Nach kurzem Zögern ließ sie ihr Haar offen über die Schultern fallen. Für den Umgang mit dem Baby war der Zopf praktischer, aber heute wollte sie hübsch sein für ihren Gast.

Als Phoebe schließlich ins Wohnzimmer zurückkehrte, fand sie ein Bild des Friedens vor: Teddy schlief an Leos Brust. Auch Leo hatte die Augen geschlossen. Sie verweilte einen Moment in der Tür und genoss den Anblick. Dann musste sie schlucken. Würde sie nie über das hinwegkommen, was sie verloren hatte?

Das zurückgezogene Leben der vergangenen Jahre hatte ihr eine Art inneren Friedens geschenkt. Aber dieser Frieden war eine Illusion, weil das Leben hier eine Illusion war. Sie hatte nicht wirklich gelebt. Leben bedeutete auch die Möglichkeit von Schmerz. Sie musste akzeptieren, verwundbar zu sein. Liebe und Glück einerseits standen potenziell tiefem Schmerz andererseits gegenüber. Aber, war es das Risiko wert?

Leise trat sie an das Sofa und legte eine Hand auf Leos Arm. Er öffnete sofort die Augen, als sei er nur in Gedanken gewesen, statt zu schlafen. Sie streckte die Arme nach dem Baby aus, aber er schüttelte den Kopf.

„Zeigen Sie mir, wohin ich ihn bringen soll“, flüsterte er. „Wir sollten nicht riskieren, ihn jetzt zu wecken.“

Sie führte ihn durch ihr Schlafzimmer in einen kleineren Raum, in dem sie bis zu Teddys Ankunft all die Dinge abgestellt hatte, die sie nicht hatte durchsehen wollen, als sie eingezogen war. Jetzt standen die unausgepackten Kisten in der hinteren Hälfte des Raums, während der vordere Teddys Sachen beherbergte – Wiege, Schaukelstuhl und Wickeltisch ergaben eine behagliche Ecke.

Leo legte Teddy behutsam in seine Wiege. Der Kleine rollte sich gleich auf die Seite und steckte einen Daumen in den Mund. Beide lächelten. Phoebe schaltete das Babyfon ein und bedeutete Leo, ihr zu folgen. Auf Zehenspitzen schlichen sie hinaus.

„Fühlen Sie sich wie zu Hause“, bat Phoebe, als sie wieder im Wohnzimmer waren. „Tun Sie, wonach auch immer Ihnen ist. Es ist Holz genug da, falls Sie Feuer im Kamin machen möchten.“

„Sie brauchen mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen, ich bin nicht krank.“

Sein Ton war abweisend. Gereizt. Phoebe wand sich innerlich. Jemand hatte Leo hierhergeschickt, weil er Ruhe finden sollte. Was auch immer gewesen war, es war ernst genug, um ihn für zwei ganze Monate aus dem Verkehr zu ziehen.

In der Vergangenheit hatte sie oft mit Männern wie Leo zu tun gehabt. Es waren Alphatiere. Arbeit war ihr Leben. Und sogar wenn sie heirateten, kam die Familie erst an zweiter Stelle.

Phoebe musste zugeben, dass sie selbst über einige dieser Killerinstinkte verfügte. Oder zumindest war es einmal so gewesen. Der Adrenalinkick, den ein erfolgreich getätigter Deal mit sich brachte, machte süchtig. Süchtig nach mehr.

Der Umgang mit Leo würde nicht leicht werden. So wie ein Alkoholiker auf Entzug den Kontakt mit anderen Alkoholikern mied, um nicht rückfällig zu werden, sah sie sich in Gefahr, durch den Kontakt mit diesem Mann wieder in ihr altes Leben zurückgezogen zu werden. Das wollte sie unter allen Umständen vermeiden. Sie hatte sich in der Vergangenheit selbst verloren in der ständigen Jagd nach Erfolg. Nun hatte sie ein neues Leben gefunden. Sie hatte damals genügend Geld verdient, um jetzt sehr lange davon leben zu können.

Leo ging zum Kamin und begann, mit der Akkuratesse eines Pfadfinders das Holz aufzustapeln. Phoebe setzte einen Topf Chili auf. Schließlich durchbrach sie das angespannte Schweigen.

„Ich habe eine Studentin, die hin und wieder auf Teddy aufpasst, wenn ich für kurze Zeit fort muss. Ich könnte sie fragen, ob sie Zeit hat. Dann kann sie sich um Teddy kümmern, während wir uns den Schaden an der Hütte genauer ansehen.“

„Sie gehen das Ganze sehr professionell an.“

Phoebe zuckte mit den Schultern. „Ich habe für eine große Firma gearbeitet und bin es gewohnt, schwierige Probleme zu lösen.“

Er zündete das Feuer an und trat dann einen Schritt zurück, um zu sehen, ob es auch brannte. Dann stellte er das Gitter davor und rieb sich die Hände. „Wo haben Sie gearbeitet?“

Sie ärgerte sich, ein Thema angeschnitten zu haben, das sie lieber gemieden hätte. „Ich war Börsenmaklerin bei einer Firma in Charlotte, North Carolina.“

„Haben die dichtgemacht? Ist das der Grund, wieso Sie hier sind?“

Seine Schlussfolgerung war naheliegend, aber falsch. „Die Firma hat die Finanzkrise gut überstanden und ist im Moment auf starkem Expansionskurs.“

„Das beantwortet nicht meine Frage.“

Sie schnitt eine Grimasse. „Wenn wir uns etwas länger als ein paar Minuten kennen, erzähle ich Ihnen vielleicht einmal die Details. Aber nicht heute.“

Leo verstand ihre Zurückhaltung oder glaubte es zumindest. Nicht jeder konnte über die Niederlagen seines Lebens sprechen. Er betrachtete seinen Herzinfarkt als ein persönliches Versagen. Er war nicht übergewichtig und rauchte auch nicht. Eigentlich hatte er vielleicht nur ein einziges Laster, und das war die Arbeit. Seinem Arzt zufolge aber konnte keine noch so gesunde Lebensführung die Unfähigkeit zur Entspannung kompensieren.

Pech gehabt!

Er ging zu seiner Gastgeberin in die Küche. Suchte nach einem Vorwand, ihr näher zu sein. „Irgendetwas hier riecht richtig gut.“ Originell, Leo. Wirklich originell!

In der vergangenen Nacht hatte er von Phoebes Zopf geträumt. Aber heute? Wow! Wer hatte ahnen können, dass sich in diesem altmodischen Zopf derart glänzendes Haar verbarg?

Phoebe regulierte die Hitze der Kochplatte und blickte Leo forschend an. „Ich habe Sie nicht gefragt, ob Sie irgendwelche Einschränkungen haben? Ich meine, Dinge, die Sie nicht essen dürfen? Allergien?“

Er runzelte die Stirn. „Ich erwarte nicht, dass Sie die ganze Zeit für mich kochen. Sie haben gesagt, die Zivilisation sei ganz nah. Wie wär’s, wenn ich Sie hin und wieder zum Essen einlade?“

„Sie haben eindeutig noch nie mit einem Baby in einem Restaurant gegessen. Man muss der Bedienung zum Schluss ein dreimal so hohes Trinkgeld wie normal geben, um das Chaos auszugleichen.“

„Ich weiß, was Kinder anrichten können.“ Er war mehrfach mit Luc, Hattie und ihren Babys zum Essen gewesen. Oder? Hatten sie vielleicht doch immer zu Hause gegessen? „Also gut, aber vielleicht könnte ich ja einmal die Woche eine Pizza für uns holen.“

„Warum nicht?“ Phoebe sah ihn lächelnd an. „Vielen Dank, Leo.“

Ihr Lächeln weckte spontan den Wunsch in ihm, alles für sie zu tun. Wirklich alles. Das Prickeln, das zwischen ihnen in der Luft lag, war förmlich mit den Händen zu greifen. Aber das war ja vielleicht auch nicht erstaunlich. Sie waren zwei Erwachsene, die hier die kommenden zwei Monate miteinander verbringen würden. Da konnte es nicht ausbleiben, dass sie sich auch sexuell wahrnahmen.

Er räusperte sich und vergrub die Hände in den Hosentaschen. „Gibt es eigentlich einen Mann, der etwas dagegen haben könnte, dass ich hier wohne?“

Erneut meinte er, einen Schatten über ihre Züge huschen zu sehen. „Nein. Sie sind sicher.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, Ja zu sagen. Ich meine, damit Sie nicht auf irgendwelche Ideen kommen.“

Er spielte die Unschuld. „Was denn für Ideen?“ Dabei machte er sich durchaus Sorgen, was den ersten Sex betraf, seit … Himmel, konnte er es nicht einmal in Gedanken aussprechen? Seit seinem Herzinfarkt! So. Nun hatte er es wenigstens stumm gesagt!

Der Arzt hatte ihm keinerlei Einschränkungen auferlegt, aber der Arzt hatte auch nicht Phoebe Kemper in einem eng anliegenden roten Pullover gesehen. Sie erschien Leo wie eine Mischung aus Wonder-Woman und Pocahontas. Für beide hatte er als Teenager geschwärmt. Was besagte das über seine Chancen, sich von ihr fernzuhalten?

„Gehen Sie auspacken! Lesen Sie eins Ihrer Bücher! Das Essen ist in einer Stunde fertig“, erklärte sie und machte eine Handbewegung Richtung Gästezimmer.

Leo und Phoebe hatten gerade die Mahlzeit beendet, als Allison, die Babysitterin, eintraf. Sie wohnte noch bei ihren Eltern und verdiente sich gern ein paar Dollar nebenher. Außerdem liebte sie Teddy.

Leo holte seinen großen Koffer aus dem Wagen und suchte die Wintersachen heraus. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, spielte Allison schon mit dem Baby. Phoebe warf sich gerade eine dicke Schaffelljacke über. Sie steckte Block und Kugelschreiber ein. „Genieren Sie sich nicht, mir alles zu sagen, was Ihnen auffällt. Bautechnik ist nicht gerade meine Stärke.“

„Meine auch nicht. Aber mein Bruder und ich haben früher einmal ein Baumhaus gebaut. Zählt das?“

Es war ein malerischer Wintertag. Die blasse Sonne ließ den Schnee tauen. Für Phoebes zwei Hütten war nur ein Minimum an Bäumen gefällt worden. Der dichte Wald umgab sie wie ein Kokon. Nur der weiße Kondensstreifen am blauen Himmel wies darauf hin, dass sie sich im einundzwanzigsten Jahrhundert befanden.

„Wie sind Sie auf dieses Fleckchen Erde gekommen?“, erkundigte Leo sich, während sie zur demolierten Hütte hinübergingen.

Phoebe zog den Schal enger um sich. „Meine Großmutter hat mir das Land vor einigen Jahren vererbt. Damals war ich noch im College. Ich habe es aus nostalgischen Gründen behalten, und später dann …“

„Was war später?“

Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. „Später habe ich dann beschlossen, Thoreau zu spielen und im Wald zu leben.“

Phoebe ging nicht weiter in ihrer Erklärung, und er beließ es dabei. Ihnen blieb noch genügend Zeit für den Austausch von Vertraulichkeiten. Außerdem war er selbst auch noch nicht bereit, über alles zu reden.

Bei Tageslicht war der Schaden an der Hütte nun in seinem ganzen Ausmaß zu erkennen. Es war noch schlimmer, als es Leo am Abend erschienen war. Er legte Phoebe eine Hand auf den Arm. „Lassen Sie mich vorgehen. Man weiß nicht, was da unter Umständen noch weiter einstürzen könnte.“

Die Tür ließ sich nur einen Spalt öffnen. Der Stamm der Eiche, der sich auf das Dach gelegt hatte, war so dick, dass Leo ihn nicht hätte umfassen können. Der Boden war knietief mit Bauschutt bedeckt – Dämm-Material, Holz, Zweige und darunter begraben die Möbel.

Phoebe nahm die Sonnenbrille ab und legte den Kopf in den Nacken, um zur nicht mehr existenten Decke hochzuschauen. „Es ist nicht mehr viel übrig, oder?“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Ich bin so froh, dass es nicht mein Haus erwischt hat!“

„Ich auch!“, murmelte er. Phoebe oder Teddy oder gar alle beide hätten dabei umkommen oder schwer verletzt werden können. Und es wäre niemand in der Nähe gewesen, der es bemerkt hätte.

Er nahm Phoebes Hand, um ihr Halt zu geben, während sie über den Schutt stiegen. Das Schlafzimmer hinten links im Haus hatte das Ganze mehr oder weniger unbeschadet überstanden, und ein paar Möbelstücke in den äußeren Räumen schienen noch in Ordnung zu sein. Aber falls man sie retten wollte, musste das sehr schnell geschehen. Denn Feuchtigkeit führte zu Schimmel, und dann war der Schaden bald nicht mehr zu beheben.

Phoebe seufzte. „Es wäre wohl am einfachsten, alles abzureißen und das Haus ganz neu zu bauen.“ Sie bückte sich, um eine Blume aus Glas aufzuheben, die von einem kleinen Tisch gerutscht war und das Ganze erstaunlicherweise unbeschadet überstanden hatte. „Meine Freunde haben mir geraten, diese Hütte nur mit billigen Möbeln auszustatten, für den Fall, dass die Mieter nachlässig damit umgehen oder dass gestohlen wird. Ich hätte auf sie hören sollen.“

„Haben Sie eine gute Versicherung?“ Er addierte im Geiste einige Zahlen. Die Schadenssumme war beträchtlich.

Phoebe nickte. „Ich erinnere mich nicht mehr an alle Klauseln, aber der Agent ist ein Freund meiner Schwester. Ich gehe mal davon aus, dass die Versicherungssumme ausreicht.“

Phoebes Mutlosigkeit war offensichtlich.

„Manchmal haben Katastrophen auch ihre guten Seiten“, bemerkte er trocken. „Ich wäre froh, wenn ich mich um diese Baustelle kümmern könnte. Ich brauche eine Aufgabe, damit ich nicht wahnsinnig werde.“

5. KAPITEL

Phoebe betrachtete den Mann, der ihr gegenüber stand, als habe er nicht die Absicht, wieder zu gehen. Er trug einen teuren schwarzen Parka und eine modische Sonnenbrille, die seine Augen verbarg. War er wirklich krank gewesen? Machte sie einen Fehler, wenn sie diese Last auf seine Schultern legte?

„Ich weiß, dass ich versprochen habe, Ihnen die Arbeit hier zu überlassen. Aber ich habe das Gefühl, Sie auszunutzen!“ Ihr Protest klang schwach. „Allerdings muss ich zugeben …“ Sie ließ den Blick über das Chaos wandern. „Die Aufgabe ist beängstigend.“

„Dann nehmen Sie meine Hilfe an“, erwiderte er ruhig.

„Ich würde ja nicht erwarten, dass Sie die Aufräumarbeiten selbst machen …“

Er steckte die Sonnenbrille ein und lachte. „Ich weiß, dass Männer dafür bekannt sind, sich gern zu übernehmen, aber Ihre Hütte – oder das, was davon übrig ist – fällt in die Kategorie einer Katastrophe. Das überlässt man am besten den Experten.“

Sie ging an ihm vorbei und betrachtete das breite Bett mit der rot-blauen Decke. „Dies hätte Ihr Zimmer sein sollen. Ich weiß, dass es Ihnen hier gefallen hätte.“ Sie sah ihn an. „Tut mir leid, Leo. Entspannung sieht anders aus …“

Er hielt ihrem Blick lächelnd stand. „Ich bin ganz glücklich mit der Situation, so wie sie ist. Eine wunderbare Frau. Ein gemütliches Haus. Und eine Aufgabe. Das klingt doch ganz so, als hätte ich den Jackpot gewonnen.“

„Sie flirten!“

Sein Blick sagte mehr als viele Worte. Es konnte keinen Zweifel daran geben: Er war interessiert. „Mir ist geraten worden, das Leben zu genießen. Und nun sind Sie da …“

Ihr wurde plötzlich heiß. Sie legte die Jacke ab. Irgendwie irritierte es sie, in einem Haus zu sein und dennoch den Himmel über sich zu sehen. „Freuen Sie sich nicht zu früh. Meine Schwester sagt, ich sei hier schrullig geworden.“

Das war wahrscheinlich sogar richtig. Früher einmal hatte sie sich auf Cocktail-Partys oder bei Geschäftsessen wohlgefühlt, aber jetzt zog sie die Stille des Waldes vor, die Begegnung mit einem Specht oder dem gelegentlichen Fuchs. Langweilig. Todlangweilig.

Leo schob die gefährlich scharfe Scherbe eines Spiegels beiseite. „Darauf lasse ich es ankommen. Sie und Teddy verschönern mir die Aussicht auf mein Exil beträchtlich.“

„Werden Sie mir einmal erzählen, wieso Sie hier sind?“ Phoebe konnte ihre Neugier nicht länger verhehlen.

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist keine besonders interessante Geschichte … Aber vielleicht … Wenn die Zeit reif ist …“

„Und wie wollen Sie wissen, wann das ist?“

Ihre Frage vertrieb Leos Lächeln. „Sie sind wirklich hartnäckig“, knurrte er.

„Ich habe Sie gewarnt …“

Er nahm sie beim Arm und führte sie zur Haustür. „Dann tun Sie doch einfach so, als wären Sie ein nettes, pflegeleichtes Wesen! Geht das?“

In dem Moment tauchte der Versicherungsagent auf. Phoebe machte die beiden Männer miteinander bekannt. Die nächste Stunde verging mit der Aufnahme des Schadens.

Phoebe entschuldigte sich und kehrte zu ihrem Haus zurück. Allison konnte nicht so lange bleiben. Teddy begrüßte sie mit einem glucksenden Lachen. Es machte sie glücklich, dass er sich freute, sie zu sehen – auch wenn sie so etwas wie Eifersucht auf ihre Schwester verspürte.

Es hatte lange Diskussionen zwischen ihnen gegeben, bis ihre Schwester und ihr Schwager sich dazu durchgerungen hatten, Teddy bei ihr zu lassen. Schon unter normalen Umständen war es kein simples Unterfangen, mit einem so kleinen Baby um die halbe Welt zu reisen. Dazu kam die bevorstehende Auflösung des Nachlasses. Sie wussten, dass sie nicht viel Zeit für das Kind haben würden. Unter den Umständen war diese Lösung noch das Beste – auch wenn die beiden ihren kleinen Sohn schrecklich vermissten.

Wenn Phoebe in die Stadt fuhr und guten Empfang hatte, telefonierte sie via Skype mit ihrer Schwester, damit sie ihren Sohn sehen konnte. Außerdem mailte sie so viele Fotos wie möglich. Aber das änderte natürlich nichts an der riesigen Entfernung, die zwischen ihnen lag. Phoebe vermutete, dass Dana und ihr Mann die Entscheidung, den Kleinen nicht mitzunehmen, längst bereuten. Wahrscheinlich bemühten sie sich, früher als geplant zurückkehren zu können.

Nachdem Allison gegangen war, nahm Phoebe Teddy auf den Arm und trat ans Fenster. Leo und der Versicherungsagent waren noch im Gespräch. Sie rieb Teddy den Rücken. „Ich glaube, der Weihnachtsmann hat uns sein Geschenk in diesem Jahr früher als sonst gebracht. Jetzt muss ich nur ignorieren, dass Leo der attraktivste Mann ist, den ich seit Jahren gesehen habe, und alles wird gut!“

Teddy nuckelte hingebungsvoll am Daumen. Seine Lider wurden sichtlich schwer, während er mit dem Schlaf kämpfte.

„Du bist keine große Hilfe“, murmelte Phoebe zärtlich an seinem Ohr. Es fühlte sich gut an, ihn auf dem Arm zu halten. Wie mochte es sein, ein Kind mit Leo Cavallo zu haben? Wäre er ein guter Vater?

Der Mann, um den all ihre Gedanken kreisten, kam in diesem Moment zur Tür herein. „Darling, ich bin wieder da!“ Er grinste bei dem Standardtext des heimkehrenden Ehemanns über das ganze Gesicht und wirkte dadurch um Jahre jünger.

Phoebe ging auf seinen Scherz ein. „Dann zieh bitte die Stiefel aus, Darling!“ Sie würde hart daran arbeiten müssen, ihn auf Distanz zu halten. Manche Männer sprühten förmlich vor Testosteron. Und Leo war einer von ihnen.

Er strahlte so viel Männlichkeit aus, dass sie sich dadurch ihrer eigenen weiblichen Bedürfnisse umso bewusster wurde. Sie hätte es gern auf den Umstand geschoben, dass sie hier allein im Wald waren. Sie wusste jedoch auch, dass ihre Reaktion auf ihn keine andere gewesen wäre, hätte sie ihn in der Oper oder an Bord einer Jacht kennengelernt.

Leo war ein echter Mann. Die Art Mann, die die Frauen anzog, ohne sich extra darum bemühen zu müssen. Phoebe war im Glauben gewesen, immun zu sein gegen solche Versuchungen, aber mit Leo im Haus wurde ihr die Wahrheit nur allzu deutlich: Sie brauchte Sex. Sie wollte Sex. Und sie hatte dafür genau ihren Traummann gefunden.

Bei dem Gedanken daran wurde sie rot. Hastig tat sie so, als sei sie mit dem Baby beschäftigt. Leo zog seinen Parka aus und reichte ihr einen Bogen Papier. „Hier!“, sagte er. „Sehen Sie sich das bitte an.“

Noch bevor sie protestieren konnte, hatte er ihr das Baby abgenommen und schwenkte den Kleinen herum. Teddy, der noch vor wenigen Momenten kurz vor dem Einschlafen gewesen war, kreischte vor Vergnügen. Phoebe schüttelte den Kopf über die beiden, die ein Herz und eine Seele zu sein schienen. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und überflog die Liste.

„Herrje …“ Sie seufzte schwer. „Hiernach zu urteilen hatte ich wohl recht damit, dass es am sinnvollsten wäre, neu zu bauen.“

Leo schüttelte den Kopf. „Es kommt ein ganz hübsches Sümmchen zusammen, aber ein Neubau wäre noch wesentlich teurer. Der Versicherungsmensch glaubt, dass alles gedeckt ist. Das Einzige, was Sie beisteuern müssen, ist eine gehörige Portion Geduld.“

„Dann haben wir ein Problem.“ Sie lachte. „Geduld ist nicht meine größte Stärke.“

Teddys Jäckchen war hochgerutscht. Leo hauchte ihm einen Kuss auf das weiche Bäuchlein. „Ich werde mein Bestes tun, Sie aus allem herauszuhalten. Es sei denn, Sie möchten über jede Kleinigkeit informiert werden.“

Phoebe schüttelte sich. „Himmel, nein! Wenn Sie sich schon anbieten, dafür zu sorgen, dass der Schaden behoben wird, ohne dass ich einen Finger dafür rühren muss, dann werde ich ganz bestimmt nicht herumkritteln.“

Teddy schob sich wieder den Daumen in den Mund. Phoebe verstand selbst nicht, wieso sie beim Anblick des Mannes mit dem Baby auf dem Arm so dahinschmolz. Sie wollte das alles: den Mann und das Baby. War das zu viel verlangt?

Leo sah zu ihr herüber. Sie konnte nur hoffen, dass er nicht bemerkte, wie ihre Augen feucht geworden waren.

„Wollen wir ihn ins Bett bringen?“

„Das ist wohl das Beste. Er schläft immer eine knappe Stunde und ist dann eine Weile wach, statt gleich durchzuschlafen. Aber da er damit glücklich zu sein scheint, belasse ich es dabei.“

Leo blieb im Korridor stehen. „Wie lange haben Sie ihn schon?“

„Seit zwei Wochen. Wir haben inzwischen so etwas wie eine Routine entwickelt.“

„Und nun komme ich und bringe wieder alles durcheinander.“

„Falls Sie auf Komplimente aus sind – vergessen Sie’s! Sie haben Ihren Unterhalt schon verdient und sind noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden hier.“

Er grinste. „Stellen Sie sich nur vor, wie sehr Sie mich lieben werden, wenn Sie mich erst richtig kennenlernen.“

Ihr wurden die Knie weich – dabei stand sie nicht einmal. „Legen Sie ihn schon hin, Leo, und benehmen Sie sich!“

Er gab dem Baby einen Kuss auf den Kopf. „Sie ist eine harte Nuss, Kleiner. Aber ich werde sie knacken.“

Nachdem Leo verschwunden war, atmete Phoebe einmal tief durch. Sie erhob sich und zog die Vorhänge zu. Es wurde schon früh dunkel.

Phoebe hatte gelernt, die Wintermonate zu fürchten. Nicht nur Schnee, Eis und Kälte, sondern auch die damit verbundene Einsamkeit. Es war zu ebendieser Weihnachtszeit gewesen, als sie alles verloren hatte. Und jeder Jahrestag brachte die schmerzlichen Erinnerungen zurück. Aber schon vor Leos Eintreffen hatte sie sich vorgenommen, dieses Jahr besser zu meistern. Sie hatte ein Baby im Haus. Und nun auch noch einen Gast. Da sollte doch wohl Festtagsfreude aufkommen und sie sich besser fühlen können.

Leo kam mit seinem Laptop zurück und machte es sich auf dem Sofa bequem. „Würden Sie mir Ihr WLAN-Passwort geben?“ Er ließ den Computer hochfahren.

„Äh …“ Sie musste sich gegen die Spüle lehnen. „Ich habe hier kein WLAN.“

Leos Miene spiegelte eine Mischung aus Entsetzen und Verblüffung. „Wieso nicht?“

„Ich hielt es nicht für nötig.“

Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Sein Hals wurde rot, und die Ader an seiner Schläfe pulsierte. „Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert.“ Er versuchte erkennbar die Ruhe zu wahren. „Jeder hat WLAN.“ Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. „Das ist entweder ein Scherz, oder Sie gehören zu den Amish. Was von beiden ist es?“

Sie reckte das Kinn. Sie hatte nicht die Absicht, sich für ihre Entscheidung zu rechtfertigen. „Weder noch.“

„Meine Schwägerin hätte mich niemals irgendwo eingemietet, wo es keinen Internetzugang gibt“, beharrte er.

„Stimmt. Die Hütte, die für Sie gedacht war, hatte einen Zugang via Satellit. Aber wie Sie ja selbst gesehen haben, ist so gut wie alles zerstört – auch die Schüssel.“

Sie sah, wie Leos gute Laune verflog, während er die Situation überdachte. Plötzlich zog er sein Smartphone aus der Tasche. „Zumindest hiermit kann ich meine Mails checken.“ Seine Stimme klang leicht panisch.

„Wir liegen hier ziemlich abseits“, warnte sie. „Wir bekommen nur ein einziges Netz, und das ist …“

„… nicht das, das ich habe.“ Er starrte auf das Display und seufzte. „Unfassbar! Jedes Nest in Afrika dürfte besser erreichbar sein. Ich glaube, ich kann nirgends bleiben, wo ich so von der Welt abgeschnitten bin.“

Phoebes Herz sank. Sie hatte irgendwie gehofft, Leo würde die Abgeschiedenheit ihres Lebens zu schätzen wissen. „Ist es denn wirklich so wichtig? Ich habe einen Festnetzanschluss, den Sie gerne benutzen können. Und natürlich können Sie auch mein Smartphone haben. Ich habe eine Fernsehschüssel – wenn Sie wollen, können Sie WLAN aufschalten lassen.“

Leo schloss für einen Moment die Augen. „Tut mir leid.“ Sein Blick verriet so etwas wie ein Lächeln verbunden mit der Bitte um Entschuldigung. „Es hat mich überrascht, das ist alles. Ich bin es gewohnt, rund um die Uhr Zugang zu meinen Mails zu haben.“

War das der Grund dafür, dass er hier war? Weil er nicht abschalten konnte? Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie Anspannung und Stress einem Menschen zusetzen konnten.

Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und reichte es Leo. „Nehmen Sie das solange. Das ist kein Problem für mich.“

Ihre Finger berührten sich flüchtig, als sie es ihm gab. „Vielen Dank“, knurrte er. „Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

Sie ging in die Küche, um nachzusehen, was der Kühlschrank zum Abendessen hergab. Mit Leo als Gast musste sie ihre Vorräte wohl aufstocken. Glücklicherweise hatte sie ein Huhn und etwas Gemüse da, sodass sie eine nette Kleinigkeit zaubern konnte.

Es waren wohl zehn Minuten vergangen, als sie ihren Untermieter plötzlich laut fluchen hörte. Erschreckt fuhr sie herum. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, schnaubte er. „Das kann er mir nicht antun!“

Sie trocknete sich die Hände ab. „Was, Leo? Von wem reden Sie?“

„Von meinem Bruder! Von meinem hinterhältigen kleinen Bruder!“

Seine Miene verfinsterte sich zusehends. „Ich bringe ihn um!“, schwor er. „Ich vergifte seinen Kaffee. Ich schlage ihn zusammen. Ich zermalme ihn zu Brei!“

„Mehr als einen Tod wird er nicht erleben können.“ Phoebe hatte das Gefühl, ihn beschwichtigen zu müssen. „Was um alles in der Welt hat er denn getan?“

Leo ließ sich in einen Sessel sinken. „Er hat meinen E-Mail-Zugang gesperrt.“ Sein Ton verriet eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzweiflung. „Er hat alle Passwörter geändert. Weil er nicht darauf vertraut hat, dass ich abschalte.“

„Er scheint Sie gut zu kennen.“

„Auf wessen Seite sind Sie denn?“, fuhr Leo sie empört an. „Sie kennen meinen Bruder doch gar nicht!“

„Als Sie von ihm erzählt haben – von seiner Frau und den Kindern –, da habe ich Liebe in Ihrem Ton gehört, Leo. Und sicher liebt er Sie ebenso und wird seine Gründe gehabt haben für das, was er getan hat.“

Schweigen senkte sich über den Raum. Ein ungutes Schweigen. Nur das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims war zu hören. Leo starrte Phoebe so durchdringend an, dass sie förmlich spürte, wie sich ihr Nackenhaar sträubte. Er war wütend. Stinksauer. Und da sein Bruder nicht da war, bekam nun sie die ganze Wucht seines Zorns ab.

Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen und nahm ihm gegenüber Platz. „Wieso sollte er Sie von der Arbeit fernhalten, Leo? Sie sind nicht sein Gefangener. Wenn es so grauenvoll für Sie ist, hier zu sein, dann tun Sie, was Sie nicht lassen können, und reisen Sie ab!“

6. KAPITEL

Leo schämte sich. Er hatte sich benommen wie ein verzogenes Kleinkind. Aber er war es gewohnt, sein Leben jederzeit unter Kontrolle zu haben, sei es in der Firma oder privat. Nicht, dass er kein Vertrauen zu Luc gehabt hätte. Das hatte er. Uneingeschränkt. Er wusste, dass die Firma unter seiner Abwesenheit nicht leiden würde.

Vielleicht war es gerade dieser Gedanke, der ihm so zusetzte. Wenn die Firma zwei Monate lang problemlos ohne ihn auskommen konnte – was hatte er dann für einen Wert für das Unternehmen? War es nicht vielmehr so, dass nicht die Firma ihn, er aber die Firma brauchte? Er brauchte die Adrenalinkicks, die jeder Geschäftsabschluss ihm brachte. Brauchte mehr davon.

Platz für Platz war er auf der Liste der reichsten Männer der USA aufgestiegen. Er hatte mit dreißig schon mehr Geld verdient als manch anderer in seinem ganzen Leben. Er war ein guter Geschäftsmann. Sogar in Krisenzeiten hatte er keine Fehler gemacht. Sein Großvater hatte ihn als Genie bezeichnet. Ein Lob von dem alten Drachen war so selten wie Regen in der Wüste. Und Leo war entsprechend stolz darauf.

Aber ohne Cavallo – ohne sein Büro – ohne die täglichen Probleme und ihre blitzschnellen Lösungen – wer war er? Kein Mensch brauchte ihn. Diese Erkenntnis gab ihm den Rest.

Und ausgerechnet Phoebe musste diese Erniedrigung miterleben.

Wortlos stand er auf.

Nahm die Jacke vom Haken.

Ergriff die Flucht.

Während Phoebe das Essen vorbereitete, war sie mit einem Ohr beim Baby und mit einem Auge am Fenster, um zu sehen, ob Leo zurückkam. Sein Wagen stand immer noch vor der Hütte, daher wusste sie, dass er zu Fuß unterwegs war. Der Tag war warm, zumindest für einen Dezember. Aber es war gut möglich, sich hier in den Bergen zu verlaufen.

Ihre innere Anspannung wich, als er endlich wieder auftauchte. Seine Miene war undefinierbar, doch er schien entspannt. „Ich habe mächtigen Hunger“, erklärte er und lächelte dabei, so als sei nichts gewesen.

„Das Huhn ist fast fertig. Wenn wir Glück haben, können wir in Ruhe essen, bevor Teddy wach wird.“

Er nahm ihr gegenüber Platz. Phoebe hatte den Tisch liebevoll gedeckt. Sie schenkte einen Pinot ein. „Ich habe auch Bier im Kühlschrank, falls Ihnen das lieber ist.“

Er trank einen Schluck. „Nein. Der ist wirklich gut. Hier aus der Gegend?“

„Ja. Wir haben verschiedene Weinkellereien.“

Das Gespräch war bemüht höflich. Fast so verkrampft wie bei einem Blind Date. Obwohl es in diesem Fall keine romantischen Erwartungen gab. Kein Tut er’s? oder Tut er’s nicht?, wenn es um den Abschied vor der Tür ging und einen möglichen Gutenachtkuss.

Dennoch war Phoebe angespannt. Leo Cavallo war ein unglaublich attraktiver Mann, der die Gedanken jeder Frau unwillkürlich in eine ganz bestimmte Richtung lenkte. Es war lange her, seit sie einen Mann geküsst hatte. Und noch länger, seit sie die Leidenschaft eines Liebhabers erlebt hatte. Sie war in dem Glauben gewesen, all das sicher in ihrem Inneren vergraben zu haben, aber Leos Nähe ließ ihre Bedürfnisse jäh wieder erwachen.

Es war, als pulsiere das Blut durch ihre Adern. Erfüllte ihren ganzen Körper mit prickelndem Verlangen. Sie beobachtete das Spiel von Leos Muskeln. Der Klang seiner Stimme weckte Assoziationen an heiße Augustnächte und feuchte Körper, die sich unter dem Sommermond vereinten.

Alle ihre Sinne waren geweckt. Sie sehnte sich nach seiner Berührung. Sehnte sich danach, ihn zu küssen. Wie hypnotisiert beobachtete sie seine Lippen, während er sprach. Es waren schöne Lippen. Voll, aber männlich. Wie mochten sie sich wohl auf ihren anfühlen?

Die Vorstellung ließ ihr fast den Atem stocken. Hastig erhob sie sich und machte sich an der Spüle zu schaffen, um sich wieder zu fangen. Plötzlich spürte sie, dass er hinter ihr stand. Sich fast an sie drückte.

„Lassen Sie mich aufräumen …“ Sein warmer Atem streifte ihren Nacken.

Phoebe schluckte. „Nein, danke. Aber es wäre nett, wenn Sie sich um das Feuer im Kamin kümmern könnten.“ Sie spürte Hitze in sich aufsteigen. Aber was sollte sie machen? Sie hatte ihm das Zimmer angeboten. Nun musste sie mit der Situation fertig werden.

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, bis Leo zurückwich. „Was auch immer Sie möchten“, meinte er. „Sie müssen es nur sagen.“

Leo war weder naiv noch blind. Phoebe fühlte sich zu ihm hingezogen. Er wusste es, weil es ihm umgekehrt ebenso ging. Aber er kannte sie noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden. Das war vielleicht lange genug für eine Barbekanntschaft, die zu einem One-Night-Stand führte, aber nicht genug für eine Beziehung, die ein paar Monate überdauern musste.

Bei einer anderen Frau und zu einer anderen Zeit hätte er die Situation sicher ausgenutzt. Aber im Moment war er von Phoebe abhängig. Ein Fehler, und sie konnte ihn vor die Tür setzen. Natürlich gab es noch andere Unterkünfte. Andere abgeschiedene Orte, wo er seinen Frieden finden konnte. Aber dort gab es keine Phoebe. Und er fing an zu glauben, sie sei sein Glücksbringer. Sein Talisman. Die einzige Hoffnung, die er hatte, die nächsten Wochen zu überstehen, ohne den Verstand zu verlieren.

Die Flammen umzüngelten die Holzscheite. Als Leo sich umdrehte, ertappte er Phoebe dabei, wie sie ihn mit großen Augen beobachtete.

Er lächelte. „Kommen Sie, setzen wir uns. Wir werden viel Zeit miteinander verbringen. Da könnte es doch nicht schaden, wenn wir uns etwas besser kennenlernen.“

In diesem Moment verriet ein Schrei, dass Teddy wach geworden war. Die Erleichterung, die sich auf Phoebes Zügen zeigte, war schon fast komisch. „Sorry, ich bin gleich wieder da.“

Leo saß auf dem Boden vor dem Kamin und spürte die Hitze des Feuers in seinem Rücken. Sein Blick glitt über das weiche Bärenfell auf dem Boden. Es war sicher nicht echt, aber es ließ vor seinem geistigen Auge ein Bild erstehen, das mehr als echt schien: Phoebe. Nackt. Gewärmt vom Feuer.

Autor

Joan Elliott Pickart
Joan Elliott Pickart ist eine berühmte amerikanische Schriftstellerin, die seit 1984 über 100 Liebesromane veröffentlicht hat. Sie schreibt auch unter dem Pseudonym Robin Elliott. Joan Elliott Pickart ist Mitbegründerin der Autorenvereinigung Prescott, einem Mitglied der Romance Writers of America (RWA).
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