Becky - wem gehört dein Herz?

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Für den Privatdetektiv Angus gibt es nur noch einen Fall, den er unbedingt aufklären muss. Himmel und Hölle setzt er in Bewegung, um herauszufinden, wer die junge, hübsche Becky, die ihr Gedächtnis verloren hat, vermisst. Sie ist seine Geliebte, doch noch wissen sie nicht, ob Becky zu einem anderen gehört …
  • Erscheinungstag 11.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759001
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Kennen Sie mich?“

Angus MacDougall, der gerade im Begriff war, sein Büro zu verlassen, prallte verblüfft zurück. Vor seiner Tür stand eine fremde Frau, die Hand zum Anklopfen erhoben. Interessiert musterte er die unerwartete Besucherin.

Sie war durchnässt und zerzaust, der Trenchcoat, den sie trug, stand offen und hing schlaff an ihr herab. Irgendwie wirkte sie etwas aus dem Gleichgewicht geraten, was vermutlich daran lag, dass sie nur einen Schuh anhatte. Doch obwohl sie zweifellos verwirrt war, schien sie nicht krank oder verletzt zu sein.

Angus witterte ein abgekartetes Spiel, ausgeheckt von irgendwelchen Kumpeln. Okay, er war zu allem bereit.

Er verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Nein, aber klären Sie mich ruhig auf.“

Ein mutloser und enttäuschter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Ich meine es ernst.“

Sie trat näher an ihn heran, so nah, dass er den Regen in ihrem Haar und auf ihrer Haut riechen konnte. Und den leisen Hauch von noch etwas anderem. Rauch? Er war sich nicht sicher.

„Kennen Sie mich?“, wiederholte sie, und ein winziger Funken Hoffnung glomm in ihrem Blick auf.

Sie war hübsch, selbst mit dem regennassen, angeklatschten Haar. Er würde sich bestimmt daran erinnern, wenn er sie schon einmal gesehen hätte. Er vergaß selten ein Gesicht, und schon gar nicht ein so apartes.

Es musste ein Trick sein.

Angus reckte den Kopf und spähte den Flur hinab, auf der Suche nach dem Scherzbold, der ihm das eingebrockt hatte. Jedermann kannte seine Schwäche für schöne junge Frauen in Not. Und diese hier passte allen Anzeichen nach in diese Kategorie. Vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen, wenn man es genau betrachtete.

Auf dem Flur war niemand zu sehen, und in Angus regte sich ein leiser Zweifel. Doch den ignorierte er vorerst. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu.

„Okay, ich bin drauf reingefallen. Wo stecken die anderen?“

„Die anderen?“, wiederholte sie irritiert.

„Er oder sie, wer auch immer Sie dazu angestiftet hat.“ Angus sah sich erneut um, mit demselben Ergebnis. Keiner da. „Das ist doch ein Scherz, oder?“

Sie schien plötzlich in sich zusammenzusacken. „Dann kennen Sie mich also nicht“, kam es tonlos über ihre Lippen.

Bei jeder anderen Gelegenheit hätte er mehr Geduld für sie aufgebracht, doch heute hatte er einen anstrengenden Tag hinter sich und letzte Nacht kaum geschlafen. Bis in die frühen Morgenstunden hatte er am Bett seiner kleinen Tochter gesessen, die von Bauchschmerzen geplagt wurde. Kein Wunder. Schließlich hatte sie genug Hamburger mit Pommes frites für drei in sich hineingestopft.

Kurz entschlossen packte er die gestrandete Lady bei den Armen und schob sie sich aus dem Weg. „Nein, ich weiß nicht, wer Sie sind. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen möchten. Ich wollte gerade nach Hause gehen.“

Angus trat auf den Flur, schloss hinter sich die Tür und ging zum Fahrstuhl hinüber. Die Frau jedoch rührte sich nicht von der Stelle. Verwundert schaute er sich nach ihr um. Der Anblick von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit war ihm nicht fremd, und er erkannte, dass er es hier wirklich mit einem Notfall zu tun haben musste.

„Was ist mit Ihnen? Wollen Sie nicht auch nach Hause gehen?“

Mit riesengroßen, dunklen Augen sah sie ihn an. „Kann ich nicht.“

„Nun, dann irgendwo anders hin. Sie müssen doch irgendeine Bleibe haben.“

Eine innere Stimme warnte ihn, sich nicht in diese Geschichte hineinziehen zu lassen. Er hatte genug andere Fälle am Hals. Und außerdem war da ja auch noch Vikki. Nach sechs Monaten hatte er sich immer noch nicht so recht an sie gewöhnt. Und sie sich nicht an ihn. Er hob die Hand, um auf den Aufzugsknopf zu drücken, und hielt mitten in der Bewegung inne. Mit einem Seufzer drehte er sich wieder um.

„Und warum können Sie nicht nach Hause gehen?“

Jetzt nur nicht anfangen zu weinen, auf gar keinen Fall, dachte sie in einem Anflug von Panik. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass alles über sie hereinstürzte. Nur dass sie keine Ahnung hatte, was dieses alles war. Es war diese Leere, die ihr am meisten Angst machte. Dieses riesige grauenhafte Nichts, das sie zu verschlingen drohte, wenn sie nicht aufpasste.

Sie presste fest die Lippen aufeinander, bemüht, keinen hysterischen Anfall zu bekommen. All die aufgestauten Gefühle ließen ihre Brust schmerzen, doch sie wollte nicht vor den Augen eines völlig Fremden in Tränen ausbrechen.

Ihre ganze Welt bestand nur noch aus Fremden. Auch sie selbst war sich fremd, wie sie sich verzweifelt eingestehen musste.

„Weil ich nicht mehr weiß, wo ich wohne.“ Die Worte kamen leise und stoßweise aus ihr heraus.

„Das ist also gar kein Scherz“, sagte er wie zu sich selbst.

Sie schöpfte wieder etwas Hoffnung. Irgendwie klang seine Stimme tröstlich. „Ich wünschte, es wäre einer, aber ich weiß wirklich nicht mehr, wo ich wohne. Oder wer ich bin“, fügte sie hinzu und spürte, wie erneut Panik sie zu ergreifen drohte. Es laut auszusprechen machte die Sache nur noch schlimmer, irgendwie endgültig.

„Sie wissen nicht mehr, wo Sie wohnen? Einfach so?“ Das war doch nicht möglich. Natürlich hatte Angus schon von Menschen gehört, die unter zeitweiliger Amnesie litten, aber begegnet war er noch nie jemandem. Bis jetzt. Amnesie. Das wäre eine Erklärung für ihren aufgelösten Zustand.

„Ja, einfach so.“ Zumindest nahm sie an, dass es sie einfach so überkommen hatte. Doch das hätte sie natürlich nicht beschwören können.

„Es muss doch was passiert sein.“ Jetzt klang er wirklich besorgt.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie frustriert. „Ich bin in einer Nebenstraße zu mir gekommen. Der Regen hat mich geweckt.“

Das war nicht die Art Unterhaltung, die man auf einem Flur führen sollte. Wie es aussah, war sein Tag nun doch noch nicht zu Ende. Zum Glück würde Jenny bei Vikki bleiben, bis er nach Hause käme. Seine siebzigjährige Motorrad fahrende Nachbarin war ganz vernarrt in seine Tochter.

Er fischte einen Schlüssel aus seiner Jackentasche, ging zurück zu seinem Büro und schloss auf. „Kommen Sie rein. Dann reden wir in Ruhe über alles.“

Er schaltete das Licht ein und bot seiner unerwarteten Besucherin einen Stuhl an. Gehorsam nahm sie Platz, blieb aber in angespannter Haltung auf der Kante sitzen und umklammerte mit beiden Händen die Armlehnen.

Es war ein nüchternes, nur sparsam möbliertes Büro, aber ihm gefiel es. Ein großes Fenster bot einen herrlichen Ausblick auf den Ozean, jedenfalls wenn einmal kein Nebel herrschte oder kein Smog seine Dunstglocke über die Stadt stülpte. An der einen Wand reihten sich mehrere Aktenschränke aneinander, und von der anderen gingen zwei Türen ab – die erste führte in ein kleines Badezimmer, die zweite in eine winzige Dunkelkammer. Den zentralen Punkt des Raums bildete ein riesiger auf Hochglanz polierter Schreibtisch mit einem schwarzen, bequemen Ledersessel davor.

„Sie sehen aus, als könnten Sie eine Tasse Kaffee vertragen“, bemerkte er und füllte, ohne auf ihre Zustimmung zu warten, Wasser in eine Kaffeemaschine.

Will ich wirklich Kaffee, fragte sie sich, während sie ihm dabei zusah, wie er Kaffeemehl abmaß und in einen Filter tat. Mochte sie überhaupt Kaffee? Sie hatte keine Ahnung. „Danke“, murmelte sie trotzdem. Nicht für den Kaffee, sondern für die Fürsorglichkeit. Einfach dafür, dass er sie eine Weile hier bleiben ließ.

Er musterte sie kritisch. „Haben Sie keine Handtasche dabei?“

Sie sah langsam an sich hinab, so, als hoffte sie, es würde wie durch Zauberhand plötzlich eine da sein. „Nein. Nichts. Nur das hier.“ Sie kramte in den Taschen ihres Trenchcoats und zog eine ramponierte Visitenkarte hervor. Seine Visitenkarte.

Stirnrunzelnd nahm er ihr die Karte aus der Hand und drehte sie um. Es war nichts darauf vermerkt, woraus man hätte schließen können, weshalb die Karte in ihrem Besitz war.

„Woher haben Sie die?“ Wenn sie das wüsste, dann wüsste sie vielleicht auch, wer sie war.

„Keine Ahnung. Ich dachte, ich hätte sie von Ihnen.“ Sie seufzte. „Darum bin ich ja hier. Um herauszufinden, ob Sie mich vielleicht kennen.“

Die Kaffeemaschine gurgelte noch einmal leise, dann stellte sie sich mit einem lauten Klicken ab. Der Kaffee war fertig.

„Und wie sind Sie hierher gekommen?“

„Zu Fuß. Ich habe mich so durchgefragt.“ Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Lächeln, das Angus dennoch ausgesprochen bezaubernd fand. „Vermutlich sind die Leute nicht besonders scharf darauf, verwirrt aussehende Anhalterinnen mitzunehmen“, fügte sie in einem Anflug von Ironie hinzu.

Im Moment sah sie nicht verwirrt aus, nur nass. Und ängstlich. „Wahrscheinlich fanden es manche bloß irritierend, dass Sie nur einen Schuh anhaben“, versuchte er, ihre Äußerung zu mildern. „Wo haben Sie den anderen gelassen?“

Schnell schob sie ihren unbeschuhten Fuß hinter den anderen und zuckte die Achseln, frustriert über ihre Hilflosigkeit. „Ich weiß nicht. Als ich zu mir kam, hatte ich nur den einen an.“

Er nickte, erinnerte sich dann an den Kaffee. „Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“

„Ich weiß nicht.“ Schon wieder diese Worte. Auf alle Fragen hatte sie nur immer diese eine Antwort. Sie konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen. Sie schluckte und versuchte krampfhaft, die Tränen zurückzuhalten, die ihr hinter den Lidern brannten.

Ein prüfender Blick genügte, um Angus zu sagen, dass diese gestrandete Lady einem Nervenzusammenbruch nahe war. „Versuchen wir’s mal schwarz“, meinte er beruhigend, füllte einen Becher und reichte ihn ihr. Dankbar nahm sie ihn entgegen und hielt ihn mit beiden Händen umschlossen.

„Und den sollten Sie besser ausziehen.“ Er deutete auf ihren Mantel. „Warten Sie, ich habe hier irgendwo im Schreibtisch noch ein altes Sweatshirt herumliegen.“

Angus zog eine Schublade auf und förderte das gesuchte Teil zu Tage. Mechanisch stand sie auf, stellte ihren Becher auf dem Schreibtisch ab und ließ den völlig durchweichten Mantel von den Schultern gleiten. Dann zog sie sich das Sweatshirt über den Kopf. Es war ihr natürlich mehrere Nummern zu groß, und die Ärmel waren viel zu lang. Irgendwie wirkte sie darin noch verlorener.

„Danke“, sagte sie und setzte sich wieder. Dieses eine Wort war viel zu wenig, um auszudrücken, welche Dankbarkeit sie tatsächlich empfand. Solange sie mit ihm reden konnte, fühlte sie sich nicht mehr so allein. Und so voller Angst. Mit zitternder Hand strich sie sich das feuchte Haar zurück.

Erst jetzt bemerkte er die blutige Schramme auf ihrer Stirn. Er trat näher und besah sich die Wunde. „Sie bluten ja.“

„Wirklich?“ Die heftigen Kopfschmerzen, die sie schon die ganze Zeit verspürte, schienen sich noch zu verstärken.

Angus verschwand im Badezimmer und kam mit einem Verbandskasten zurück. Nachdem er ihr vorsichtig die Wunde gesäubert hatte, klebte er ein Pflaster darauf. Alles ließ sie stoisch über sich ergehen. Sie schien wirklich völlig am Ende.

„Es muss schlimm sein, nichts mehr zu wissen“, meinte er mitfühlend. Er selbst würde vor lauter Verzweiflung und Wut vermutlich die Wände hochgehen.

„Ich fühle mich wie in einem Vakuum“, bekannte sie und senkte niedergeschlagen den Kopf. „Ein riesiges, endloses, alles verschlingendes Vakuum.“ In der Tat, sie fühlte sich einfach grauenhaft. Doch sie durfte diesen netten, hilfsbereiten Mann nicht länger mit ihren Problemen belästigen. Tief Luft holend, stand sie auf und reichte ihm die Hand. „Ich werde jetzt gehen. Und nochmals vielen Dank für alles. Den Pullover schicke ich Ihnen dann zu.“ Sie versuchte ein Lächeln.

Angus sah auf ihre Hand, ohne sie zu ergreifen. „Wo wollen Sie denn hin?“

„Keine Ahnung, aber ich habe Sie lange genug aufgehalten. Und da Sie mich ja ohnehin nicht kennen …“ Ihre Stimme erstarb.

„Moment mal. Das heißt nicht, dass ich Ihnen nicht helfen könnte, es herauszufinden.“

„Und wie?“

Angus musste unwillkürlich lächeln. Vielleicht hatte sie nicht richtig gelesen, was auf seiner Visitenkarte stand: Angus MacDougall, Privatdetektiv.

„Ich würde vorschlagen, dass wir als Erstes mal bei der Polizei nachfragen.“ Er hob ihren Trenchcoat vom Boden auf und half ihr hinein. „Vielleicht liegt ja schon eine Vermisstenanzeige vor. Zwar gilt eine abgängige Person erst nach vierundzwanzig Stunden auch offiziell als vermisst, aber es könnte trotzdem schon jemand angerufen haben, der irgendwo auf Sie wartet.“

„Glauben Sie?“

„Wenn ich derjenige wäre, der Sie vermissen würde, dann hätte ich schon in der ganzen Welt herumtelefoniert“, versicherte er ihr, nahm ihren Arm und führte sie zur Tür. Schon nach zwei Schritten fiel ihm auf, dass sie humpelte. Richtig, sie hatte ja nur einen Schuh an.

Er ließ sie los. „Warten Sie.“ Er ging zum Schreibtisch zurück, zog die unterste Schublade auf und holte ein Paar Turnschuhe hervor. Die hatte er hier für Notfälle deponiert. Laufen half ihm, den Kopf frei zu bekommen.

„Sie sind zwar viel zu groß, aber wenn ich die Spitzen mit Papier ausstopfe, wird es schon gehen.“ Er lächelte. „Zumindest sind es zwei.“

Dankbar schlüpfte sie in die Schuhe, die an ihren zierlichen Füßen wie Clownschuhe aussahen. Aber das waren im Moment nur Nebensächlichkeiten.

„Einen Hamburger haben Sie wohl nicht zufällig auch noch im Schreibtisch?“, versuchte sie zu scherzen und erwiderte zaghaft sein Lächeln.

„Nein, aber dafür kann gesorgt werden.“

Wo zum Teufel steckte sie?

Verdammt, er hatte überall nach ihr gesucht. Wenn sie tot war, müsste sie hier sein.

Warum war sie nicht hier?

Er war sich so sicher, dass er sie erwischt hatte. Es war kein gezielter Schuss gewesen, aber er hatte sie in sich zusammensinken sehen. Er hatten sie getroffen, darauf verwettete er sein Leben.

Und sein Leben hing tatsächlich davon ab.

Wenn diese Feuerwehrleute nicht gewesen wären, dann hätte er sie suchen und seinen Auftrag vollenden können. Er hatte sie nicht abwimmeln können. Und dabei warteten die anderen auf ihn, die anderen, die nichts von diesem Hindernis wussten.

Was um Himmels willen sollte er tun, wenn sie immer noch am Leben war?

2. KAPITEL

Auf dem Polizeirevier hatte man Angus nicht helfen können. Es gab keine Vermisstenanzeige, die auf die Frau zutraf, und der einzige Rat, den der zuständige Kriminalbeamte, ein alter Kumpel von Angus, für sie parat hatte, war die Adresse eines Obdachlosenheims, wo sie unterkommen konnte, bis die Dinge sich geklärt hätten.

Doch das kam für Angus gar nicht infrage. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie seine Visitenkarte bei sich trug, vielleicht lag es auch an ihrer offenkundigen Verzweiflung, die sein Herz berührte. Trotz all der Probleme, von denen er wahrhaftig schon genug hatte, brachte er es einfach nicht über sich, die Frau sich selbst zu überlassen. Dann hätte er sich gar nicht erst auf die Geschichte einlassen dürfen. Jetzt war es zu spät. Er fühlte sich für sie verantwortlich, auch wenn das überhaupt nicht zutraf.

„Sie kommen am Besten erst mal mit zu mir“, schlug Angus vor, als sie wieder im Wagen saßen. Und schnell fügte er hinzu: „Nicht, was Sie denken. Aber ich kann Sie doch nicht einfach im Obdachlosenasyl Ihrem Schicksal überlassen.“

Sie fühlte sich hin und her gerissen zwischen Erleichterung und Unbehagen. Aber irgendjemandem musste sie schließlich vertrauen. Und da war etwas an Angus MacDougall, das ihr sagte, er sei eine gute Wahl.

Als ob sie eine Wahl hätte.

Sie stieß einen leisen Seufzer aus. „Wird Ihre Frau denn nichts sagen, wenn Sie mich ohne Vorwarnung mit nach Hause bringen?“

Handelte es sich bei dieser Frage um echte Besorgnis, oder wollte sie ihn aushorchen? Sofort schalt er sich selbst. Wahrscheinlich arbeitete er schon zu lange als Privatdetektiv, sonst würden ihm nicht solche zynischen Gedanken kommen.

„Ich habe keine Frau.“ Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Sie hatte sich kaum merklich versteift. Er nahm es ihr nicht übel. Immerhin könnte er ja auch ein psychopathischer Serienkiller sein, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, sich als Privatdetektiv auszugeben und Visitenkarten zu verteilen. „Ich habe aber eine Tochter, falls es Sie beruhigt. Sie heißt Victoria. Vikki.“ Er musste unwillkürlich lächeln. Die siebenjährige Vikki hatte eine eigene Meinung zu allem und jedem, besonders, wenn es sie selbst betraf. Mit ihr umzugehen kam manchmal einem Hantieren mit einem Sprengkörper gleich. Jeden Moment konnte sie explodieren.

Deutlich erleichtert erwiderte sie: „Es ist ja nicht so, dass ich Ihnen nicht traue, aber …“

„Ich weiß schon. In Ihrer Situation würde ich genauso denken. Aber irgendwo müssen Sie schließlich schlafen, oder?“

Wie dankbar sie ihm für sein Angebot war, darüber machte er sich vermutlich gar keinen Begriff. Sie blinzelte ein paar Tränen fort, ehe sie sagte: „Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

Angus tat ihre Worte mit einem leichten Achselzucken ab. Demonstrationen der Dankbarkeit machten ihn immer verlegen. „Alles Service am Kunden“, sagte er lachend und bog auf den Parkplatz zur Notfallambulanz des „Harris Memorial Krankenhauses“ ein.

„Sie wohnen in einem Krankenhaus?“, fragte sie erstaunt.

Schmunzelnd stieg er aus, ging um den Wagen herum und hielt ihr die Tür auf. „Nein, ich wohne nicht hier. Aber ich möchte, dass Sie sich einmal gründlich untersuchen lassen. Diese Wunde über Ihrem Augen gefällt mir nicht.“ Tatsächlich machte er sich mehr Sorgen, sie könne eine Gehirnerschütterung haben, aber damit wollte er sie nicht noch zusätzlich belasten.

„Ich habe aber kein Geld bei mir“, erwiderte sie zögernd.

Nun, er schwamm auch nicht gerade darin. Doch da gab es sicher die eine oder andere Rechnung, die noch warten konnte. „Machen Sie sich deshalb keine Gedanken.“ Er schlug die Autotür zu und nahm wieder ihren Arm. „Ich setze es mit auf die Rechnung“, scherzte er.

Willig ließ sie sich von ihm die Treppe hoch führen, doch als die automatischen Türflügel auseinander glitten, blieb sie abrupt stehen.

„Die wollen doch jetzt eine Menge von mir wissen. Meine Krankenversicherung, meine Sozialversicherungsnummer, eine Adresse …“ Sie blickte sich hilflos um. „Einen Namen. Wenn ich sage, dass ich unter Amnesie leide, behalten sie mich bestimmt da. Und das möchte ich nicht.“

„Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Ich denke mir schon etwas aus“, versuchte er, sie zu beruhigen. Er konnte ihr Widerstreben, hier zu bleiben, verstehen. Sie würde ihr Gedächtnis sicherlich auch ohne die Hilfe der Ärzte wieder finden, es brauchte nur den richtigen Anstoß. Und den würde sie bestimmt nicht in einem Krankenhaus bekommen.

Dennoch, er wollte auf Nummer sicher gehen. Angus zog sie einfach mit sich zur Aufnahme und füllte das Anmeldeformular für sie aus.

Er trug sie als Jane Reilly ein.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie schließlich die Untersuchungsprozedur hinter sich gebracht hatte und wieder gehen konnte. Angus hatte der Schwester an der Aufnahme erklärt, sie habe einen kleinen Unfall gehabt und leide seitdem unter starken Kopfschmerzen. Die Amnesie hatte er nicht erwähnt. Die Röntgenuntersuchung hatte nichts weiter ergeben, und sie wurde ohne Befund entlassen. Endlich wieder draußen, holte sie tief Luft. Es roch nach Regen, angenehm kühl und frisch. Gierig sog sie diesen vertrauten Duft in sich ein.

„Na, erleichtert?“, erkundigte sich Angus, der sie beobachtet hatte. „Sie hassen wohl auch Krankenhäuser, was?“ Er lächelte freundlich.

„Ich kann diesen Desinfektionsgeruch nicht ausstehen. Aber am schlimmsten finde ich, wenn man an mir herummanipuliert.“

„Mir geht es genauso.“

Sie stiegen in seinen Wagen, und er setzte zurück.

„Wer ist Jane Reilly?“

Die Frage traf ihn völlig unvorbereitet. „Jemand, den ich mal gekannt habe.“ Nein, das ist nicht fair, dachte er sogleich. Jane Reilly hat weit mehr Bedeutung als nur eine flüchtige Bekanntschaft. „Vikkis Mutter“, murmelte er.

Er hatte „Vikkis Mutter“, nicht „meine Exfrau“ gesagt. Sie sah ihn an. Das warmherzige Lächeln war erloschen. Um seinen Mund lag ein verbitterter Zug, den sie zuvor noch nicht an ihm bemerkt hatte. „Sie waren nicht verheiratet?“

„Nein. Sie hielt nicht viel von der Ehe.“ Er hatte drei Mal um sie angehalten, bevor er es schließlich aufgegeben hatte. Vielleicht hätte ich nicht so schnell kapitulieren sollen, dachte er bedauernd. „Das war ihr zu konventionell.“

„Wird es nicht Probleme geben, weil ich ihren Namen benutzt habe?“

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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