Bianca Extra Band 61

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ZÄRTLICHE KÜSSE IM MONDSCHEIN
von PAIGE, LAURIE

Er hat ihr verziehen und endlich verstanden, dass sie ihn nie betrogen hat! Lyric ist überglücklich, als sie eine Einladung auf Trevors Farm erhält! Doch kaum kommt sie an, ist der sonst so charmante Trevor abweisend und kühl. Wieso wollte er Lyric dann überhaupt bei sich haben?

EIN GENTLEMAN UND HERZENSBRECHER
von FERRARELLA, MARIE

Yohanna glaubt, in einem Märchen zu sein: Ihr neuer Chef ist unglaublich attraktiv und anziehend - genau der Richtige für sie! Doch nach zärtlichen Momenten der Nähe wendet sich Lukkas immer wieder von ihr ab. Sie muss herausfinden, warum er seinen Gefühlen nicht vertraut …

ICH LIEBE DICH, SÜßE LÜGNERIN
von SOUTHWICK, TERESA

"Spielen Sie mit, bitte!" Verblüfft kommt Millionär Burke Holden der Bitte einer Fremden nach, so zu tun, als sei sie seine Freundin - und merkt auf einmal: Er möchte mehr von Sydney als nur diese Minuten der vorgetäuschten Gefühle! Warum spielt sie so eine Scharade der Liebe?

HANNAHS WEG INS GROßE GLÜCK
von THACKER, CATHY GILLEN

Er liebt seine Freiheit, jettet als Reisejournalist um den ganzen Erdball. Keine Frau wird Joe Daugherty je dazu bringen, eine Familie zu gründen! Wenn überhaupt, dann nur Hannah und ihre süße Tochter Isabella … Warum träumt der Abenteurer Joe jetzt von einem Leben zu dritt?

  • Erscheinungstag 28.08.2018
  • Bandnummer 0061
  • ISBN / Artikelnummer 9783733733612
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Laurie Page, Marie Ferrarella, Teresa Southwick, Cathy Gillen Thacker

BIANCA EXTRA BAND 61

LAURIE PAGE

Zärtliche Küsse im Mondschein

Wie kann sie nur glauben, dass alles wieder wie früher ist? Nach dem, was Lyric ihm angetan hat! Trevor will ihr nicht mehr vertrauen – wenn nur ihre süßen Lippen nicht so überaus verlockend wären …

MARIE FERRARELLA

Ein Gentleman und Herzensbrecher

Yohanna fasziniert ihn schon beim ersten Treffen! Filmproduzent Lukkas muss aufpassen, dass er sich nicht in den Blicken seiner neuen Assistentin verliert. Denn sein Herz ist nicht frei für die Liebe …

TERESA SOUTHWICK

Ich liebe dich, süße Lügnerin

Wieder verlangt ihr Vater, dass sie sich einen Mann sucht! Sydney setzt alles auf eine Karte: Als Burke auf den Hof fährt, wirft sie sich ihm an den Hals. Sie ahnt nicht, wo dieses Spiel enden wird …

CATHY GILLEN THACKER

Hannahs Weg ins große Glück

Er ist nur ein Freund! Immer wieder sagt sich Hannah, dass Joe kein Familienvater für sie und ihre Tochter ist, sondern ein Windhund, der sich nicht binden will. Doch sie kann ihn nicht vergessen …

1. KAPITEL

Lyric Gibson plagten Kopfschmerzen. Sie bemühte sich, ihre Stirnfalten zu entspannen und die Schultern herunterzuziehen. Es gelang ihr auch, solange sie sich gut darauf konzentrierte, doch sie hielt ja nach Straßenschildern Ausschau. Von daher musste sie das Kopfweh einfach ertragen.

„Meinst du, wir sind dran vorbeigefahren?!“, fragte ihre Großtante Fay Gibson ein bisschen quengelig.

Lyric zuckte zusammen. Nun gesellten sich auch noch Schuldgefühle zum Gefühlschaos in ihrem Inneren. Sie hätte für die Nacht in Boise einen Zwischenstopp einlegen sollen. Ihre Tante war achtundsechzig Jahre alt und normalerweise fröhlich und sehr geduldig. Doch nach der langen Fahrt war sie wohl einfach müde.

In Boise war es jedoch erst früher Nachmittag gewesen – nicht ganz vier Uhr. Also waren sie durch die Stadt hindurchgefahren. Der nördlich gelegene Gebirgsort Lost Valley war schließlich innerhalb nur einer Stunde zu erreichen, und sie hatten das Städtchen auch problemlos gefunden.

Die Seven Devils Ranch, ihr eigentliches Ziel, lag westlich von Lost Valley und sollte in weniger als einer Autostunde erreichbar sein. Also hätten sie spätestens um sechs dort ankommen sollen.

Jetzt zeigte die Uhr halb neun.

Lyric hatte keine Ahnung, ob sie näher an ihrem Ziel waren als vor einer Stunde. Sie war sich nicht mehr sicher, wo sie sich überhaupt befanden Die Landstraßen von Idaho sahen alle gleich aus, und offensichtlich war sie ein paarmal falsch abgebogen. Oder auch mehr als ein paarmal.

Vielleicht musste sie überhaupt diese ganze Fahrt als einen Fehler betrachten. Sie war erst sehr verblüfft gewesen, als ihre Großtante sie dazu eingeladen hatte. Dann war sie richtig begeistert gewesen. Und jetzt war sie einfach nur unsicher.

„Es wird bald dunkel“, sagte Tante Fay. Dann gab sie einen ungeduldigen Laut von sich. „Tut mir leid, Lyric. Ich weiß, dass du dir meinetwegen Sorgen machst. Aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass ich mich verfahre und im Auto schlafen muss.“

Lyric schaffte es, zuversichtlich zu klingen, während sie lachte. „Wir finden schon hin, Tantchen. Wir müssen ja ganz in der Nähe sein. Wir sind an einem Schild vorbeigekommen, das besagt: Der Berggipfel namens Der Teufel liegt in dieser Richtung.“ Sie deutete nach Westen. „Und die Dalton-Ranch soll in Sichtweite der Bergspitze liegen. Wir nehmen einfach die Route mit der besten Aussicht.“

Ein Schauder überlief sie, als sie an den dunkelhaarigen, blauäugigen, hochgewachsenen, gut aussehenden Cowboy dachte. Er hatte ihr von der Ranch seiner Familie und der fantastischen Aussicht erzählt, von kristallklaren Bächen und Seen, von der majestätischen Weite des Landes.

Und wie sie sich danach gesehnt hatte, die Berge und Täler mit ihm zusammen zu erkunden. Aber das Schicksal hatte dazwischengefunkt.

Trevor Dalton hatte ihrer hastigen, unzusammenhängenden Erklärung zugehört. Zuerst ungläubig, dann mit wachsendem Ärger. Mit zusammengebissenen Zähnen hatte er genickt, als ob er sie verstand. Doch dann war er gegangen. Ohne ein Wort und ohne einen Blick zurück.

Das war vor fast einem Jahr gewesen.

Sie hatte gewartet, weil sie sicher gewesen war, dass er ihr schreiben würde. Doch er hatte sich nicht gemeldet – nicht einmal, als sie ihm ihrerseits einen Brief geschrieben hatte, der ihr Verhalten besser erklärt hatte. Schließlich begrub sie alle Hoffnung. Dann war aus heiterem Himmel die Einladung auf die Ranch gekommen. Das musste doch etwas bedeuten.

Sie schob Vorfreude und Zweifel beiseite, um sich darauf zu konzentrieren, die richtige Straße zu finden. Sie wollte nicht noch einmal falsch abbiegen.

„Ich sehe eine Staubwolke!“, sagte sie, während sie durch ihre Autofahrerbrille diesem willkommenen Hinweis auf ein anderes Fahrzeug entgegenblickte. Ihre Sorgenfalten legten sich ein bisschen. „Wir können das Auto anhalten und nach dem Weg fragen.“

„Der fährt furchtbar schnell. Sei bloß vorsichtig. Vielleicht ist das ein Viehdieb oder so!“

Bei dem Ratschlag warf Lyric ihrer Tante einen teils amüsierten, teils genervten Blick zu.

Viehdiebe?! Als ob das im Augenblick für sie eine Rolle spielte.

Sie fuhr langsamer, um das entgegenkommende Fahrzeug an der Kreuzung aufzuhalten. „Im Augenblick würde ich dem Teufel höchstpersönlich gegenübertreten, wenn der uns bloß mit dem Weg helfen könnte.“

Ihre Tante lachte. Die ältere Frau war wie eine Großmutter für Lyric und ihre beiden jüngeren Brüder. Tante Fay hatte nie geheiratet, aber sie hatte Lyrics Vater – ihren Neffen – vor vielen Jahren bei sich aufgenommen, nachdem dessen Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.

„Oh!“, rief die alte Frau in diesem Moment.

Lyric riss das Lenkrad nach rechts, als der Truck mit irrem Tempo aus der Seitenstraße geschossen kam und sie beinahe gerammt hätte. Sie spürte, wie der kompakte Kombi einen großen Felsen schrammte, als sie in einen flachen Graben neben der Straße geschleudert wurden. Die hinteren Reifen rutschten zur Seite. Lyric lenkte in die Schleuderbewegung hinein und nahm den Fuß von der Bremse. Das Heck des Autos schleuderte auf dem losen Schotter hin und her. Als die Reifen wieder Halt fanden und sie das Auto wieder unter Kontrolle hatte, türmte sich vor ihnen ein eingezäunter Steinhaufen auf.

„Oh, nein!“, platzte es aus ihr heraus.

Mit einem lauten Krachen stießen sie mit den Steinen zusammen. Vorne im Fahrzeug entfalteten sich auf beiden Seiten sofort die Airbags. Lyric machte sich noch Sorgen um ihre Tante, als der Airbag ihr Gesicht traf, ihr ein paar Sekunden den Atem nahm und die Brille schmerzhaft gegen ihre Nase presste.

Obwohl sie benommen und erschrocken war, dachte Lyric daran, den Motor auszustellen. Dann kämpfte sie sich aus dem zusammensackenden Airbag und drehte sich zu ihrer Tante. Nachdem sie den Kunststoffbeutel zur Seite geschoben hatte, untersuchte Lyric das Gesicht der älteren Frau auf Verletzungen.

„Tante Fay?“, fragte sie.

Die andere Frau antwortete nicht und bewegte sich auch nicht.

„He, Sie da drinnen, geht’s Ihnen gut?!“, fragte ein Mann.

„Meine Tante“, sagte Lyric, „ich glaube, sie ist verletzt.“ Sie löste den Sitzgurt und griff nach dem Handgelenk ihrer Tante, um den Puls zu fühlen.

„Besser nicht bewegen!“, befahl der Mann.

Er kam um den Kombi herum und öffnete die Beifahrertür. Er nahm der bewusstlosen Frau die Brille ab – das Gestell war wie durch ein Wunder nicht zerbrochen – und steckte es in die Tasche. Dann untersuchte er die Frau. Dabei strahlte er beruhigend aus, genau zu wissen, was er zu tun hatte.

Lyric beobachtete, wie er sanft mit den Händen über Tante Fays Kopf und über ihren Hals fuhr, wo er innehielt, um ihren Puls zu überprüfen. Dann machte er weiter und tastete ihre Schultern und Arme ab. Seine Finger waren lang und schlank. Bis zu den hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln war seine Haut gleichmäßig gebräunt. Ein Hut verdeckte den Großteil seines Gesichts. Er beugte sich tiefer ins Auto hinein und untersuchte die Knie und Beine der älteren Dame.

Lyric musterte sie ebenfalls und bemerkte rote Stellen, die andeuteten, dass sich dort bald Blutergüsse bilden würden.

Er hob den Kopf. „Ms. Gibson?!“, sagte er. „Können Sie mich hören? Können Sie die Augen aufmachen?“

Lyric setzte das Herz für einen Moment aus und fing dann an, umso heftiger zu schlagen. Wie die Heldin in einem melodramatischen Film schnappte sie nach Luft, als sie ungläubig den Mann anstarrte.

„Trevor?!“

Da drehte er sich zu ihr. Seine Augen, die sie blau wie der Sommerhimmel kannte, wirkten dunkel wie die Nacht im schwindenden Licht des Sonnenuntergangs. „Ja.“

Sie starrten sich schweigend an. Tausend Fragen und Erinnerungen lähmten sie. Eines war sicher – sein Blick hieß sie nicht willkommen.

Tante Fay machte die Augen auf. „Wo ist meine Brille?“

„Hier“, sagte Trevor. Er setzte der älteren Frau vorsichtig das dünne goldene Gestell auf.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lyric und sah ihre Tante forschend an.

„Mir ging’s schon mal besser“, sagte sie. Dann schenkte sie dem Mann ein Lächeln. „Hallo, Trevor. Wie geht es dir?“

„Mir geht’s gut … Abgesehen davon, dass ich mich wie ein echter Mistkerl fühle. Normalerweise ist hier nicht viel Verkehr.“

„Da bin ich mir sicher“, stimmte ihre Tante trocken zu.

„Lass mich mal einen Blick auf den Schaden an eurem Wagen werfen. Dann schauen wir, ob er anspringt. Es sind nur ein paar Meilen bis zur Ranch.“ Er hielt inne und sah Lyric an. „Wie seid ihr überhaupt hier draußen gelandet?“

„Ich fürchte, wir sind einmal so richtig falsch abgebogen.“

Er nickte. Seine Miene war grimmig, aber ansonsten ausdruckslos. Nachdem er eine Taschenlampe aus seinem Truck geholt hatte, betrachtete er die Vorderseite des Kombis. „Die Stoßstange ist ziemlich zerbeult, und die Front ist leicht eingedrückt. Aber sonst sieht alles okay aus. Der Kühler scheint noch intakt zu sein. Ich sehe kein Leck. Lass den Motor mal an. Dann sehen wir, ob das Auto noch fährt.“

Lyric drehte den Schlüssel um. Der Motor sprang sofort an. Trevor trat wieder vors Fahrzeug. Er nickte ihr zu und deutete so an, dass alles gut aussah.

„Stoß zurück“, sagte er und kam an ihr Fenster. „Halt die Räder gerade.“

Vorsichtig setzte sie auf die Straße zurück. Trevor schob das Auto an, als ein Reifen auf dem Schotter durchdrehte.

„Okay“, rief er ihr zu, als sie es geschafft hatte. „Fahr mir nach.“

Nachdem er den Truck gewendet hatte, folgte sie ihm. Dabei blieb sie weit genug zurück, um nicht an seiner Staubwolke zu ersticken. Keine fünf Minuten später hielten sie vor einer Anbindestange vor einem weitläufigen Ranchhaus. Der mittlere Teil des Hauses bestand aus massiven Holzbalken, die Flügel rechts und links waren modernere Anbauten aus Stein und Holz.

Trevor hupte. Dann stieg er aus dem Truck und kam zur Beifahrertür des Kombis. „Pass auf beim Aussteigen“, sagte er zu Tante Fay. „Vorsichtig, stütz dich auf mich. Tut dir irgendwas weh?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte die ältere Frau. „Im Augenblick bin ich wie betäubt.“

Ganz sanft und fürsorglich führte er Lyrics Tante zum Haus. Die Tür ging auf, und ein älterer Mann streckte den Kopf heraus. Sein Haar glänzte silbern in dem Licht, das aus dem Raum hinter ihm kam. Er war so groß wie Trevor und hatte den gleichen schlanken, hochgewachsenen Körperbau.

Ein völlig Fremder hätte auf einen Blick erkennen können, dass die beiden verwandt waren. Der Mann musste Trevors Onkel sein, Nick Dalton.

„Was ist passiert?“, fragte Mr. Dalton.

„Ein Unfall“, sagte Trevor. Rasch erklärte er, dass er den Kombi auf der Landstraße geschnitten hatte und Lyric deswegen in den Graben gefahren war.

Der ältere Mann kam auf die Veranda.

„Mein Gott“, sagte er. „Fay, bist du das?“

„Ja, Nick“, antwortete die Tante und schenkte ihm ein Lächeln. Sie hielt sich an Trevors Arm fest und humpelte auf die Veranda zu.

„Ich hatte euch schon für heute abgeschrieben.“ Nur mit Socken an den Füßen eilte der ältere Herr zu ihr und stützte sie von der anderen Seite, indem er einen Arm um ihre Taille legte. „Ruf Beau an!“, befahl er seinem Neffen. „Er ist Arzt“, erklärte er Lyrics Tante.

„Gehen wir erst einmal ins Haus“, schlug Trevor ungeduldig vor.

Lyric folgte ihnen und fühlte sich dabei fast wie ein streunender Hund, der darauf hoffen musste, aufgenommen zu werden. Allmählich hatte sie sehr gemischte Gefühle über ihren Besuch hier entwickelt. Trevor schien nicht begeistert zu sein, sie zu sehen.

Als sie sich im Haus befanden und Tante Fay sich in einen Sessel setzen musste, um noch einmal untersucht zu werden, blieb Lyric in der Tür stehen. Sie fragte sich, was sie jetzt tun sollte.

Endlich bemerkte sie der ältere Mann. „Alles klar?“

Lyric nickte. Sie musste sich räuspern, um sprechen zu können. „Ja. Ich denke schon“, fügte sie hinzu. Auf einmal merkte sie, dass ihre Knie wehtaten – als ob ihr Körper gerade erst wieder zum Leben erwacht war und sie jetzt an Schmerzen erinnerte, von denen sie gar nichts gewusst hatte.

„Nicholas?“

Der ältere Dalton drehte sich zur Tante um und nahm deren Hand. „Mach dir keine Sorgen, Fay. Wir kriegen dich im Nu wieder hin. Trevor, hast du Beau schon angerufen?“, fragte er seinen Neffen mit einem strengen Blick.

Lyric spürte, wie Trevor sie mit einem zusammengepressten Mund ansah. Sein starker, gelenkiger Körper hatte eine abweisende Haltung. Lyric fühlte sich furchtbar benommen und verwirrt.

Trevor wandte sich ab. „Bin gerade dabei.“ Er ging in die Küche. Eine Minute später hörte sie, wie er die Situation Nicks Neffen schilderte, der Arzt war.

Lyric hatte außer Trevor noch keinen von den Daltons kennengelernt, aber sie hatte von allen gehört. Ihre Tante Fay war eine Cousine und die beste Freundin von Milly Dalton gewesen, der Frau von Nick, Trevors Onkel. Milly war vor vielen Jahren bei einem Autounfall gestorben. Ihre gemeinsame Tochter, die dreijährige Tink – oder Theresa, wie sie eigentlich geheißen hatte –, war vom Unfallort entführt worden und nie wiedergefunden worden.

Bei dem Gedanken überlief Lyric ein Schauder. Beunruhigt merkte sie, wie ihr die Knie weich wurden. „Es tut mir leid“, sagte sie, „aber …“

Die Worte waren kaum lauter als ein Flüstern.

Sie versuchte es noch einmal. „Es tut mir leid, aber …“

„Fang sie auf!“, sagte eine Stimme, die aus weiter Ferne kam, während sich das Zimmer um Lyric herum verdunkelte.

Lyric blinzelte heftig, als sich starke Arme um sie legten. Ich kenne diese Arme, diese Umarmung.

Sie schmiegte das Gesicht in den sauberen Stoff des weißen Hemds. Dann atmete sie tief ein und nahm den Geruch von maskulinem Aftershave, im Sonnenschein getrockneter Wäsche und noch einer weiteren Note in sich auf – einem schwachen Duft, den sie instinktiv erkannte. Ja, sie kannte diesen Mann.

Sie entspannte sich, als er sie hochhob. Sie legte die Arme um seine Schultern und schloss die Augen. Sicherheit, sie fühlte sich in Sicherheit. Zu Hause, endlich zu Hause.

„Hier“, sagte Trevor und setzte Lyric auf dem Ledersofa ab. „Lieg bloß still!“, befahl er, als sie sich aufsetzen wollte. Er nahm ihr die Autofahrerbrille ab. Dann zuckte er zusammen, als er die roten Stellen an ihrer Nase und unter ihren Augen erkannte. Ihm wurde klar, dass der Airbag sie heftig getroffen haben musste. Er legte die Brille auf den Beistelltisch.

Eine Erinnerung regte sich – wie er ihr die Brille abgenommen hatte, während sie lachend protestiert hatte, weil sie nichts mehr sehen konnte. Wie er ihr dann vorgeschlagen hatte, die Augen zu schließen. Und dann die Küsse … Küsse, heißer als geschmolzener Stahl … das Feuerwerk in seinem Kopf … der Schock über die Macht der Leidenschaft zwischen ihnen … und die Gefühle, die Freude, in ihr seine andere Hälfte gefunden zu haben und sie im Arm zu halten …

„Hol Eis“, sagte der Onkel. „Fay braucht etwas zum Kühlen für ihr Gesicht und die Knie.“

„Lyric auch“, meinte Trevor.

Seine Kehle schnürte sich zu, nachdem er den Namen gesagt hatte. Letzten Herbst hatte er sich geschworen, ihn nie wieder auszusprechen.

Er fluchte in sich hinein, als er in die Küche ging und ein paar Erste-Hilfe-Eisbeutel aus dem Gefrierschrank nahm. Die Ranch hatte immer einen ordentlichen Vorrat davon da, um für das gelegentliche Auskeilen eines widerborstigen Pferdes oder einer störrischen Kuh gewappnet zu sein.

Zusammen mit Geschirrtüchern und Wäscheklammern trug er die Eisbeutel ins Wohnzimmer.

„Wann kommt Beau?“, fragte sein Onkel.

„Der kommt nicht. Er und die Hebamme sind bei einer schwierigen Geburt. Er hat gesagt, wir sollen morgen früh in die Praxis kommen, weil nichts gebrochen ist und es keine blutenden Wunden gibt und weil beide bei klarem Verstand sind.“

„Hmm“, machte Onkel Nick missbilligend.

Trevor ignorierte Lyric, die jetzt so steif wie eine alte Jungfer dasaß, und kümmerte sich um ihre Tante. Mit den Geschirrtüchern und den Wäscheklammern befestigte er Eisbeutel über den Knien und riet der älteren Dame, sich einen weiteren Beutel aufs Gesicht zu legen.

Als er fertig war, ging er zu Lyric. „Für deine Nase“, sagte er und gab ihr einen eingewickelten Eisbeutel. Dabei bemerkte er, dass sie die Brille schon wieder aufgesetzt hatte. Er konnte nicht anders, als einen verstohlenen Blick auf ihre linke Hand und den nackten Ringfinger zu werfen. Dann zwang er sich dazu, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er kniete sich hin und krempelte behutsam ihre Hosenbeine hoch.

Er zuckte zusammen, als er die aufgeschürfte Haut an ihren Knien und die roten Flecken sah, die auf stärkere Blutergüsse hindeuteten als diejenigen, die ihre Tante erlitten hatte. Als Fahrerin war Lyric natürlich näher am Armaturenbrett gesessen. Das bedeutete, dass sie heftiger dagegen geknallt war.

Bei einer Körpergröße von eins fünfundsechzig hatte sie sich immer klein und zierlich in seinen Armen angefühlt, doch üppig. Nach seiner Rückkehr auf die Dalton-Ranch war er monatelang aufgewacht, um festzustellen, dass er das Kopfkissen an sich gedrückt hielt. Er wusste, dass er dann von ihr geträumt hatte – davon, wie sie sich angefühlt hatte, wenn sie sich an ihn geschmiegt hatte.

Dabei hatten er und Lyric nie miteinander geschlafen. Sie war ja auch die ganze Zeit mit einem anderen verlobt gewesen, während sie seine Zärtlichkeiten genossen hatte.

Er fluchte innerlich und zwang die Erinnerung in die ramponierte Blechdose mit seiner Vergangenheit zurück. Darüber war er hinweg. Er war über sie hinweg und über diese wilden Gefühle, die er für Liebe gehalten hatte. Eine untreue Frau stand keineswegs auf seinem Wunschzettel.

Rasch fixierte er die Eisbeutel an ihren Knien und ging dann auf Abstand zu ihrer glatten Haut, ihrem warmen Körper, dem würzigen Duft ihres Puders und ihres Parfüms.

„Habt ihr zwei schon zu Abend gegessen?“, fragte Onkel Nick.

„Ja“, antwortete Lyric.

„Nein“, sagte ihre Tante gleichzeitig. „Lyric hatte es so eilig herzukommen, dass sie nicht anhalten wollte. Also haben wir in einem Schnellrestaurant in Boise einen Salat gegessen. Das ist jetzt Stunden her.“

„Wenn ich mich recht erinnere, magst du Schokoladenkuchen mit Eis“, sagte Onkel Nick. Sein Blick war ganz weich, und seine Augen leuchteten.

Lyrics Tante nahm den Eisbeutel von der Nase und grinste den älteren Mann an. „So was in der Art hast du nicht zufällig da, oder?“

„Also, nun ja, ich schätze schon.“ Er erhob sich und lächelte strahlend. „Ladys, bleibt einfach nur sitzen. Trevor und ich kümmern uns um alles.“

Trevor unterließ es, wegen des galanten Benehmens seines Onkels mit den Augen zu rollen. Wenn der alte Mann noch mehr strahlt, könnten wir jede Menge Stromkosten sparen.

Er folgte ihm in die Küche und half dabei, die Leckereien zurechtzumachen. Mit einem Blick in Richtung Wohnzimmer sagte er leise: „Du hast gewusst, dass sie kommen, oder?“

Onkel Nick bejahte mit einem Nicken, während er Eiscreme auf Untertassen löffelte. „Fay und ich sind jahrelang in Kontakt geblieben. Sie hat erzählt, wie einsam der letzte Winter war. Da hab ich ihr gesagt, sie soll im Frühling herkommen. Doch sie hat es nicht geschafft, bis ihre Nichte endlich Zeit hatte, sie herzufahren.“

„Du hättest auch mir Bescheid sagen können.“

Augen, die so blau waren wie seine eigenen, richteten sich auf ihn. „Hab ich doch. Letzten Monat, gleich nachdem wir die Sache mit Roni und Adam hingebogen haben. Ich erinnere mich ganz deutlich, dass ich es beim sonntäglichen Abendessen erwähnt habe, als alle hier waren.“

Im Mai hatte Roni, seine verwaiste Cousine und das einzige Mädchen in der Familie, Adam geheiratet. Dessen jüngere Schwester Honey wiederum war mit Trevors älterem Bruder Zack verheiratet.

Trevor seufzte. Die Familienbande wurden langsam kompliziert, nachdem seine zwei Brüder Travis und Zack und seine beiden Cousins Seth und Beau und seine Cousine Roni innerhalb von nur vierzehn Monaten geheiratet hatten.

Fünf Hochzeiten.

Er war jetzt der einzige Junggeselle unter den sechs Kindern, deren Eltern vor dreiundzwanzig Jahren bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen waren. Sein Vater Jed und sein Onkel Job waren Zwillinge gewesen, genau wie er und Travis. Onkel Nick, der älteste der drei Dalton-Brüder, und Tante Milly hatten alle sechs Kinder aufgenommen.

Als Trevor dem älteren Mann, der sich wie ein verliebter Teenager aufführte, einen Blick zuwarf, versetzte ihm das einen Stich ins Herz. Onkel Nick wirkte jetzt zwar ganz gesund, aber im letzten Frühling hatte er einen Herzinfarkt erlitten und seither ein paar Schwächeanfälle gehabt.

Trevor stieß noch einen Seufzer aus. Sein Onkel hatte die Cousine seiner verstorbenen Frau einladen wollen – Fay Gibson –, da gab es nichts, was er dagegen tun konnte. Warum aber Lyric ihre Tante unbedingt hatte begleiten müssen, dies konnte er nicht begreifen.

Er zwang ein hoffentlich freundliches Lächeln auf sein Gesicht, trug zwei Teller in das andere Zimmer und gab Lyric einen davon, während sein Onkel den anderen der Tante anbot. Dann setzte sich Nick neben Fay und fragte sie nach der Reise und allem anderen, was in letzter Zeit los gewesen war.

Trevor setzte sich ans andere Ende des Sofas, auf dem Lyric saß. Die nächsten fünfzehn Minuten sagte keiner von ihnen ein Wort.

„Trevor, würdest du die Teller in die Küche tragen und den Kaffee holen?“ Onkel Nick wandte sich an Fay. „Ich habe eine Kanne entkoffeinierten Kaffee aufgesetzt. Der sollte jetzt fertig sein. Ich kann nämlich einfach nicht schlafen, wenn ich abends normalen Kaffee trinke.“

„Oh, ich habe das gleiche Problem“, sagte sie.

Trevor begegnete Lyrics Blick, und sie lächelten sich spontan an, während das ältere Paar sich über das Altwerden und die Veränderungen unterhielt, die das so mit sich brachte.

Lyrics Augen erinnerten ihn an ein braunes Samtkleid, das seine Tante Milly immer gerne getragen hatte. Als kleines Kind hatte ihm gefallen, wie sich die Schattierung änderte, wenn man die Faser glatt strich. Die Augen von Lyric waren auch so – sie änderten die Farbe von Braun zu Gold, je nachdem, wie das Licht sich in den goldenen Flecken um die Pupille brach.

Er verbiss sich das Lächeln und schaute weg. Er wollte nichts mit ihr zu tun haben. Keine gemeinsamen Erinnerungen, kein verschwörerisches Schmunzeln über die alten Herrschaften, gar nichts!

„Ich hole den Kaffee“, sagte er.

In der Küche holte er heftig Luft und fragte sich, wie lange der Besuch wohl bleiben würde. Nicht, dass er ihn nicht ohne Probleme aushalten könnte. Schließlich wusste niemand in seiner Familie, dass er sich wegen einer Frau zum Narren gemacht hatte, die mit einem anderen verlobt gewesen war und sich am Ende für diesen anderen Mann statt für ihn entschieden hatte.

Er hatte schon Schlimmeres mitgemacht – den Tod seiner Eltern zum Beispiel. Den Tod der ersten Frau seines Zwillingsbruders Travis, in die er in seiner Jugend immer ein kleines bisschen verliebt gewesen war. Das Ende seiner Karriere als Rodeoreiter, als er sich mehrere Rippen gebrochen hatte und der Arzt ihm geraten hatte, die Sporen an den Nagel zu hängen. Ja, das Leben war hart.

Als Trevor Schritte hinter sich hörte, setzte er diesen sinnlosen Gedanken ein Ende und drehte den Kopf zur Seite.

„Ich hab gedacht, ich seh mal nach, ob ich helfen kann“, sagte Lyric.

Sie musterte ihn ängstlich, als ob sie sich irgendetwas von ihm erhoffte. Willkommen? Verständnis? Vergebung? Wenn sie glaubte, dass er ihr noch irgendetwas zu geben hatte, dann hatte sie sich getäuscht.

Er unterdrückte die wütenden Worte, die ihm schon auf der Zunge lagen. „Klar. Nimm den Zucker und die Milch. Ich trage das Tablett mit den Tassen.“

Nachdem der Kaffee eingeschenkt war, vertieften sich die beiden Senioren wieder in ihr Gespräch. Sie wollten offensichtlich alles vom anderen hören, was seit ihrem letzten Treffen vor zwanzig Jahren passiert war. Sein Onkel strahlte über das ganze Gesicht, und Lyrics Tante wirkte zehn Jahre jünger – trotz der blauen Flecken.

Da schnürte es Trevor die Kehle zu. So eine Gefühlsaufwallung überkam ihn selten. Doch er hatte diesen Mann so unglaublich lieb – diesen Mann, der so ein großes Herz gehabt hatte, dass er ohne Murren sechs Kinder bei sich aufgenommen hatte. Diesen Mann, der nur ein Jahr später in stiller Trauer seine Frau begraben hatte, der seine Tochter verloren hatte und nie herausgefunden hatte, was dem Kind zugestoßen war.

Himmel, wie hatte sein herzensguter, liebevoller Onkel diesen Schmerz ausgehalten?

Trevor wusste wie – indem er einfach weitergemacht hatte und einen Sonnenaufgang nach dem anderen überstanden hatte. Genau wie er selber es im letzten Herbst und Winter getan hatte, bis er schließlich seine Wut und das Gefühl des Verrats in dieser kleinen ramponierten Blechdose seiner Seele weggesperrt hatte. Er hatte alle Schmerzen weggeschlossen und gelernt, damit zu leben. So würde er auch weiter verfahren.

Schließlich waren alle so weit, ins Bett zu gehen. Er holte das Gepäck der Tante herein, und obwohl Lyric darauf bestand, ihre Sachen selbst zu tragen, ergriff er entschlossen ihren größeren Koffer und ging damit ins Haus. Sie folgte ihm.

Onkel Nick hatte dem älteren Gast das Gästezimmer am Ende des westlichen Flügels zugeteilt. Der in Rosa gehaltene Raum verfügte über ein eigenes Badezimmer und einen Wohnbereich. Lyric bekam das Zimmer daneben.

Leider hatte sie somit das Zimmer neben seinem, und sie mussten sich das Bad teilen.

Natürlich nicht zur selben Zeit, fügte er hastig in Gedanken hinzu, als seine Libido auf diesen Gedanken reagierte. Okay, dann fühle ich mich eben noch körperlich zu ihr hingezogen. Na und?

Nachdem er sich um das Gepäck der Tante gekümmert hatte, trug er Lyrics großen Koffer in den Raum neben seinem Zimmer. Sie stand neben dem Bett und betrachtete die Möbel.

Trevor stellte den Koffer auf die Zederntruhe am Fußende des Betts. Die Worte entschlüpften ihm, bevor er es wirklich merkte. „Und, wie geht’s deinem Verlobten?“

Sie sah ihn mit ihren Rehaugen an. Er bemerkte, wie sie schwer schluckte, und dann, wie ihre Brüste – diese wunderschönen vollen Brüste – sich hoben, als sie tief Luft holte und langsam den Atem ausstieß.

„Lyle …“, setzte sie an. Dann unterbrach sie sich, während Gefühle, die er nicht deuten konnte, über ihr Gesicht huschten.

Der Name traf ihn wie ein Messerstich in den Bauch. Lyle und Lyric – Namen, als ob sie füreinander bestimmt waren.

„Spielt das eine Rolle?“, fragte sie schließlich mit angespannter Stimme.

Er zuckte mit den Schultern und kehrte der Versuchung den Rücken, bevor er etwas tun konnte, was ihm hinterher leidtun würde – wie etwa, sie an sich zu ziehen und sie anzuflehen, ihm zu sagen, wie leid es ihr tat, ihm einen anderen vorgezogen zu haben.

Und warum zur Hölle trug sie keinen Verlobungsring wie andere Frauen?

2. KAPITEL

Mit weichen Knien schloss Lyric die Tür. Dann öffnete sie den kleineren ihrer beiden Koffer. Sie zog ein rotes Nachthemd im Stil eines Footballtrikots heraus. Dann setzte sie sich auf die Zederntruhe und presste es an sich.

Hatte Tante Fay gelogen, als sie gesagt hatte, dass die Einladung auf die Ranch auch für sie galt? Wenn nicht, dann hatte Trevor jedenfalls nicht um ihre Anwesenheit gebeten. Sein Onkel Nick? Der grauhaarige Rancher hatte sie doch noch nie gesehen. Also warum sollte er das tun?

Mit einem morbiden Sinn für Humor wünschte sie sich, immer noch auf den Landstraßen endlos im Kreis zu fahren, ohne je irgendwo anzukommen. Im Augenblick nämlich fühlte sie sich, als ob sie in einem schlechten Film gelandet war.

Doch dann reckte sie das Kinn. Trevor und sie mussten einfach das Beste aus der Situation machen. Ihre Tante hatte vor, den Rest des Monats hier zu verbringen.

Natürlich konnte sie Tante Fay auch einfach hierlassen und wieder nach Hause fahren. Aber da ihre geliebte Tante sich weigerte zu fliegen, müsste sie Ende des Monats doch wieder herfahren, um sie abzuholen.

Sie schloss die Augen und fragte sich, warum das Leben so kompliziert sein musste. Sie drohte, in Tränen ausbrechen zu müssen. Sie kniff die Augen zusammen, bis der Drang sich legte und sie wieder klar denken konnte.

Dumm, wie sie war, hatte sie geglaubt, dass Trevor dafür gesorgt hatte, dass sie auf die Ranch der Daltons eingeladen worden war. Sie hatte geglaubt, der Besuch wäre eine zweite Chance für sie beide – eine Chance, die er sich auch wünschte. Da hatte sie sich anscheinend schrecklich getäuscht.

Es gab zwei Möglichkeiten, entschied sie. Zum einen konnte sie sich verkriechen und in Selbstmitleid zerfließen. Und zum anderen konnte sie Trevors unfreundlichen Empfang an sich abperlen lassen und die ganze Sache einfach durchstehen. Darin war sie gut.

Mit einem Seufzer zog sie sich das Nachthemd an, packte ihre Anziehsachen aus und verstaute alles in der Frisierkommode aus Ahornholz. Der dreiteilige Spiegel mit den abgeschrägten Seiten zeigte ihr unglückliches Spiegelbild aus verschiedenen Blickwinkeln. Rote Streifen auf beiden Seiten ihrer Nase deuteten bereits die Blutergüsse an, die am nächsten Morgen dort zu sehen sein würden.

Im Vergleich zu ihrem geschundenen Herzen war das jedoch gar nichts. Sie ging die tragischen Ereignisse durch, die sie in den letzten achtzehn Monaten mitgemacht hatte: Ihre Katze Scruffs war wegen Nierenversagen eingeschläfert worden. Ihre Eltern hatten sich nach dreißig Jahren Ehe scheiden lassen. Und dann der Unfall, bei dem Lyle – ihr Kindheitsfreund von der Nachbarranch – verletzt worden war.

Wieder drohten ihr die Tränen in die Augen zu steigen. In den letzten anderthalb Jahren hatte sie genug geweint, um den Rio Grande zu fluten. Ihre Tante hatte erklärt, es sei jetzt an der Zeit, über die Vergangenheit hinwegzukommen, denn sie sei schließlich jung und hatte noch ihr ganzes Leben vor sich.

Lyric lachte leise, doch es hörte sich gar nicht glücklich an. Sie hatte sich schon ewig nicht mehr jung gefühlt.

Abgesehen von den drei unglaublichen Wochen, als ein gewisser muskulöser, blauäugiger Cowboy wegen des Viehmarkts nach Austin gekommen war. Trevor war achtundzwanzig, sie vierundzwanzig. Er hatte sie mit seinen Witzen zum Lachen gebracht und mit seinen Blicken erregt. Sie hatten die Augen nicht voneinander abwenden können. Und seine Küsse …

Ein Schauer überlief sie, als sie sich daran erinnerte, wie sie einander geküsst hatten. Obwohl sie wegen seiner gebrochenen Rippen vorsichtig sein mussten, hatte sie noch nie so geküsst. Es war wunderbar gewesen … aufregend … und schrecklich verwirrend.

Lyle hatte nie solche Gefühle in ihr entfesselt. Diese Tatsache hatte ihre Unsicherheit nur noch verstärkt. Dazu kam noch der Streit, den sie einen Monat vorher mit Lyle gehabt hatte.

Sie hatte sich geweigert, einen Termin für die Hochzeit festzusetzen oder seinen Ring zu tragen. Lyle war daraufhin sehr wütend gewesen. Bevor er geschäftlich verreisen musste, hatte er ihr erklärt, dass sie sich endlich entscheiden müsste, wenn er wiederkam. Ansonsten …

Sie hatte ihm damals gesagt, dass sie sich nicht sicher war. Sie war noch nicht bereit, sich fest zu binden.

Erst als sie Trevor kennenlernte, kristallisierten sich ihre Zweifel heraus. Ihr wurde klar, warum sie ihren alten Freund Lyle nicht heiraten konnte. Sie liebte ihn einfach nicht auf diese Art und Weise.

Und dann war der Unfall passiert. Trevor war bei ihr zu Hause gewesen und hatte mit ihr, ihrer Mom und Tante Fay zu Abend gegessen, als der Anruf kam.

„Das war die Mutter von Lyle“, hatte sie erklärt, nachdem sie aufgelegt hatte. „Er hatte einen Unfall in der Nähe von San Antonio und ist auf der Intensivstation. Sie hat gesagt, ich soll sofort ins Krankenhaus kommen. Er fragt nach mir.“

„Wer ist Lyle?“, hatte Trevor gefragt.

„Ihr Verlobter“, hatte ihre Mom geantwortet.

Lyric würde den Schock und die ungläubige Wut nie vergessen, die sich auf Trevors Gesicht abgezeichnet hatte, als er diese Neuigkeiten verarbeitete.

„Ist das wahr?“, hatte er gefragt.

„Nein, nicht wirklich. Lyle war die letzten vier Wochen aus geschäftlichen Gründen nicht in der Stadt“, hatte sie gestottert. Sie wollte die Wut aus seinem Blick vertreiben und den Abscheu verscheuchen, mit dem er den Mund verzog, als er im anklagenden Tonfall seine Frage stellte.

„Wie praktisch“, hatte er gesagt.

Ihr wurde klar, dass er glaubte, sie hätte ihn betrogen und getäuscht. „Wir waren nicht offiziell verlobt. Ich sollte darüber nachdenken, während er weg war.“

„Eine letzte Affäre vor der Hochzeit also“, hatte Trevor sarkastisch gemurmelt. Seine Augen waren schwarz vor Zorn gewesen.

„Nein …“

„Wir sollten besser gehen, Lyric“, hatte ihre Mutter sie unterbrochen. „Der Unfall klingt ernst.“

„Ja. Wir müssen los“, hatte sie gesagt, denn sie wusste, dass ihr keine Wahl blieb.

Während Trevor wie erstarrt wirkte, waren sie und ihre Mutter hastig aufgebrochen und eine Stunde später im Krankenhaus angekommen.

Lyles Mutter war verzweifelt gewesen. Sie war Witwe und hatte keine nahen Angehörigen. Also hatte sie ihre Unterstützung dringend gebraucht. Die Ärzte hatten bei ihrem Sohn einen unheilbaren Gehirntumor entdeckt. Darum war er am Steuer in Ohnmacht gefallen.

„Trevor“, flüsterte Lyric, obwohl der Cowboy, der ihr Herz hatte höherschlagen lassen, gar nicht da war, „wie hätte ich Lyle denn in dieser Situation allein lassen können?“

Trevor hatte den Staat verlassen, bevor sie sich noch einmal bei ihm melden konnte. Das war vielleicht auch gut so. Sie hatte ihn bitten wollten, auf sie zu warten. Aber jetzt wusste sie, dass jegliche Gefühle, die Trevor für sie gehegt hatte, sich in Hass verwandelt haben mussten. Das hatte sie heute Abend in seinen Augen gesehen.

Doch als sie ihren Kulturbeutel ergriff, gestand sie sich ein, dass sie mit einer anderen Entscheidung wiederum auch nicht leben könnte – nicht einmal für einen Mann, der ihr Herz höherschlagen ließ, hätte sie einen Freund in der Not im Stich lassen können.

Der Tag auf der Seven Devils Ranch fing früh an. Von Natur aus war Lyric keine Frühaufsteherin. Aber das Leben auf der Ranch ihres Vaters hatte eine solche aus ihr gemacht. Nach der Scheidung letztes Jahr war ihre Mutter nach Austin gezogen. Lyric teilte ihre Zeit jetzt zwischen dem Leben auf der Ranch und in der Stadt auf und besuchte auch häufig ihre Tante Fay, die ebenfalls in Austin lebte.

Lyric war die Geschäftsführerin einer Stiftung, die von ihren Großeltern und drei anderen Paaren eingerichtet worden war, deren Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen eine Ölfirma gegründet hatten. In dieser Funktion hatte Lyric seit dem Studium viel zu tun. Sie entschied über die Genehmigung von Anträgen und wirkte bei diversen wohltätigen Aufgaben der Stiftung mit. Diesen Job konnte sie mit ihrem Laptop von überall aus erledigen.

Sie zwang sich, das bequeme Bett zu verlassen, und ging ins Bad. Sofort wurden ihre Sinne von dem Duft eines bekannten Aftershaves, dem sauberen Geruch von Shampoo und Seife und der Erinnerung an Trevors Umarmung überwältigt.

Sie hatte es geliebt, sich mit der Nase an seinen Hals zu schmiegen und zu spüren, wie er sie festhielt – so fest, wie seine verletzten Rippen es ertrugen.

Während des langen trostlosen Winters hatte sie sich manchmal geradezu schmerzhaft danach gesehnt, in seinen Armen Schutz zu suchen – Trevor, mein starker, sanfter Geliebter …

Aber das sollte nicht sein. Wie ein weiser Mensch vor langer Zeit schon bemerkt hatte: Wie man sich bettet, so liegt man. Allein.

Zwanzig Minuten später war ihr Haar trocken. Ein Pferdeschwanz sorgte dafür, dass es ihr nicht ins Gesicht fiel. Mit Jeans und Strickpulli bekleidet und mit einem entschlossenen Lächeln bewaffnet, ging sie in die Küche.

„Guten Morgen, Lyric“, begrüßte ihre Tante sie.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Trevors Onkel.

Sie lächelte den beiden zu, die noch mit Kaffee und Zeitung am Frühstückstisch saßen. „Guten Morgen, Tante Fay, Mr. Dalton. Ja, ich hab geschlafen wie ein Stein. Die Luft ist hier viel kühler. Da schläft es sich viel besser“, sagte sie.

„Das sind die Berge“, sagte der Onkel. „Und Mr. Dalton war mein Vater. Alle nennen mich einfach Onkel Nick.“

„Onkel Nick“, wiederholte sie. Als sie ein paar Kaffeetassen auf einem Regal neben der Kaffeemaschine entdeckte, schenkte sie sich eine Tasse ein.

„Trevor hat Pfannkuchen und Würstchen in den Ofen gestellt“, sagte der Onkel.

Sie zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Dann machte sie den Ofen auf und holte den Teller heraus. Perfekt goldene und kreisrunde Pfannkuchen, umrahmt von zwei Würstchen, luden zum Verzehr ein.

Das ältere Paar schob Zeitungsteile zur Seite, damit sie Platz hatte. Sie aß schweigend, während die beiden lasen und sich über verschiedene Nachrichtenmeldungen austauschten.

„Trevor und Travis sind auf der Koppel“, sagte Onkel Nick, als sie fertig war. „Sie arbeiten mit ein paar Jungpferden. Musst du zum Arzt?“

„Nein, danke. Ich fühle mich etwas steif, aber alles funktioniert noch.“ Nachdem sie allen Kaffee nachgeschenkt hatte, setzte sie einen Hut und ihre Sonnenbrille auf. Dann ging sie mit ihrer Kaffeetasse nach draußen und wanderte zum Holzzaun der Koppel neben dem Stall.

Der Mann, der einen wunderschönen kastanienbraunen Wallach mit schwarzem Schweif und schwarzer Mähne ritt, sah genauso aus wie Trevor. Doch mit einem Blick erkannte sie, dass er es nicht war. „Du musst Travis sein!“, sagte sie und lehnte sich gegen die oberste Zaunlatte.

„Gut geraten“, erklärte er. Sein strahlendes Lächeln ähnelte dem seines Zwillingsbruders auf herzzerreißende Art und Weise. „Was hat mich verraten?“

„Das freundliche Lächeln.“

Er lenkte das Pferd um den Longierpfosten und blieb in ihrer Nähe stehen. „Mein Bruder hat also kein so freundliches Lächeln?“

Sie wünschte, sie wäre nicht ganz so offen gewesen. „Vielleicht nehme ich das zu persönlich“, sagte sie schließlich leichthin.

Die Stalltür ging auf. Trevor kam auf einem beeindruckenden schwarzen Hengst auf die Koppel geritten.

„Oh“, murmelte sie.

„Der ist wunderschön, nicht wahr?“ Travis stupste seinen Wallach näher an den Zaun heran, während Trevor mit dem Hengst verschiedene Übungen absolvierte. Dann blieb das Tier neben einem Gatter stehen, während sein Reiter es öffnete. Pferd und Reiter wirkten wie eine Einheit, als Trevor hinaus auf die Weide ritt.

„Wie heißt er?“, fragte Lyric, als sie Trevor und seinem Pferd nachsah.

„Boas Ebony. Spitzname Eb.“ Travis warf einen Blick in Richtung Weide. Dann sah er sie wieder an. „Reitest du?“

„Wachsen in Texas etwa Kakteen?!“, erwiderte sie.

„Dann hol ich dir mal eine süße kleine Stute“, sagte er und folgte seinem Zwillingsbruder auf die Weide.

Fünf Minuten später kehrte Travis mit einer Rotschimmelstute zurück. Lyric wartete, während er die Stute sattelte. Dann bot er ihr seine Hilfe beim Aufsteigen an. Dabei achtete sie bewusst nicht darauf, wie ihre strapazierten Muskeln schmerzten.

„Los geht’s.“ Travis führte die Stute nach draußen, wo er sein Pferd angebunden hatte.

Man musste die Stute gar nicht führen. Brav folgte sie dem Wallach einen Feldweg über eine angrenzende Wiese hinweg.

Sie ritten auf eine bewaldete Erhebung zu. Der Kamm kennzeichnete den Anfang von Wald und Hügeln, die immer höher wurden. In der Ferne ragte ein Gipfel über mehreren anderen auf.

„Ist das Der Teufel?“, fragte sie ihren Begleiter.

Travis folgte ihrem Blick. „Ja. Die sieben Gipfel bilden eine Art Halbkreis am Rand von Hells Canyon. Der Teufel ist der höchste mit fast dreitausend Metern.“

Als sie das Stakkato von Hufen hörte, schaute Lyric gerade rechtzeitig über die rechte Schulter, um zu sehen, wie Trevor mit dem mächtigen Hengst über den Zaun der Weide sprang. Es war eine Szene wie aus dem Bilderbuch, wie sie sich vom strahlend azurblauen Himmel abhoben und über den Zaun hinwegsegelten.

„Trevor war lange sehr verschlossen, als er letzten Oktober von seiner Rodeotour zurückgekommen ist“, meinte sein Zwillingsbruder nachdenklich. „Ein paar von uns haben gedacht, dass er wohl eine Frau kennengelernt und sich schwer verliebt hat. Warst das du?“

Sie bemühte sich, so zu lachen, als ob die Idee absurd wäre. Aber das wollte nicht recht gelingen. „Wie kommst du denn darauf?“

„Nur so ein Gefühl. Oder vielleicht, weil er heute Morgen wieder so still ist. Ich glaube nicht, dass deine Tante daran schuld ist. Also bleibst nur noch du als Anlass übrig.“

„Zwischen uns läuft nichts“, brachte sie schließlich heraus.

Travis kniff die Augen zusammen, als er Lyric musterte. „Ich denke doch.“

„Trevor hasst mich.“ Laut ausgesprochen hörte sich das heftig an.

„Warum redet ihr zwei nicht mal drüber und klärt die Geschichte?“

„Das … das habe ich versucht. Ich habe ihm geschrieben.“

Travis holte hörbar Luft. „Ja, er ist schon ein Sturkopf. Gib nicht gleich auf!“, riet er.

„Ich bin nur wegen meiner Tante hier. Sie wollte der Ranch einen Besuch abstatten.“ Die Lüge kam ihr kaum über die Lippen. „Wo wollen wir hin?“, fragte sie, um die Aufmerksamkeit auf ihren Ausflug zu lenken.

„Zum Devil’s Dining Room – dem Speisezimmer des Teufels“, sagte Travis, als sein Zwilling auf sie zugeritten kam.

Der Hengst drängte sich an die Stute und schob sich zwischen sie und den Wallach, als ob er damit seinen Anspruch auf sie geltend machte. Trevors Stiefel streifte Lyrics Stiefel. Sogar diese kurze Berührung reichte aus, um ihr Feuer durch die Adern zu jagen.

Sie lenkte die Stute zur Seite. Der Hengst warf den Kopf hoch und tänzelte.

„Er will ein Wettrennen“, meinte Trevor. „Bist du dabei?“

Sie dachte an ihre schmerzenden Muskeln, nickte aber trotzdem.

„Auf die Plätze, fertig, los!“, rief Travis hinter ihnen.

Die Stute preschte einen Sekundenbruchteil nach dem Hengst los und überraschte ihre Reiterin damit beinahe. Lyric beugte sich vor. Aufregung packte sie.

Stute und Hengst galoppierten Seite an Seite über die weite Wiese. Ihre Hufe trommelten im selben Rhythmus wie ihr Herzschlag, als sie ihre Stute anfeuerte.

Trevor und der Hengst schoben sich nach vorn und hängten sie ab. Lyric verlangte ihrer Stute nicht noch mehr ab. Sie wusste, das Tier gab bereits alles. Überraschenderweise verringerten sie den Abstand und holten die beiden anderen wieder ein.

Trevor schaute zu ihr hinüber. Bei seinem durchdringenden Blick machte ihr Herz einen Satz. Dann streckte sich das größere Pferd und ließ sie zurück.

Lyric zügelte die Stute und beobachtete, wie das fantastische schwarze Pferd wie ein Fabelwesen beim Galopp kaum den Erdboden berührte, während es wie der Wind dahinfegte. Der Reiter schien an dem Zauber teilzuhaben, denn er bewegte sich völlig im Einklang mit dem Hengst, als sie einen weiten Bogen schlugen.

Schließlich kamen Ross und Reiter im leichten Galopp zurück. Trevors Zwilling, bemerkte Lyric, war zur Koppel zurückgekehrt.

Eine Stunde lang ritten sie schweigend, bis sie zu einem Flüsschen kamen.

„Lass sie trinken“, sagte Trevor.

Sie lockerte die Zügel, damit die Stute den Kopf senken und aus dem Bach trinken konnte, der sich den Bergrücken entlangschlängelte. Danach ritten sie weiter, auf den Gipfel zu. Oben kamen sie auf einer flachen Bergklippe heraus, von der man einen wunderbaren Blick auf die Ranch hatte.

„Das nennt sich der Devil’s Dining Room“, sagte Trevor, als er abstieg. „Das Speisezimmer des Teufels.“

Lyric tat es ihm nach und ließ ebenfalls die Zügel beim Absteigen zu Boden fallen, um das Pferd zum Stehenbleiben zu bringen. Trevor ließ Lyric zuerst auf einen Felsbrocken und dann auf einen riesigen flachen Felsen aus Granit klettern, der über die Felswand hinausragte. Dann kam er ebenfalls herauf.

Als er sich auf die Felskante setzte und die Beine baumeln ließ, folgte sie seinem Beispiel, doch nicht ohne Bedenken.

„Dieser Felsen hat schon alle Daltons auf einmal ausgehalten“, versicherte er ihr.

„Es gibt immer ein erstes Mal“, murmelte sie und starrte hinunter in das zauberhafte kleine Tal. Von hier oben wirkte die Seven Devils Ranch wie ein Puppenhaus.

Als sie nach Westen sah, betrachtete sie die Berggipfel, die in der Ferne emporragten. „In Texas hast du mal erzählt, dass die sieben Berge hier nach sieben Teufeln benannt worden sind, die immer hergekommen sind, um die Kinder der Ureinwohner zu fressen, bis Coyote, der Geist der Nacht, sie in Berge verwandelt hat.“

„So will es die Legende“, stimmte er zu.

Der Teufel ist der höchste. Das habe ich auf einem Straßenschild gesehen. Haben die anderen Gipfel auch Namen?“

„Ja, klar. Der Teufelszahn, Der Beelzebub, Baal, Der Turm zu Babel und Der Verführer.

„Das wären fünf, dazu Der Teufel. Und wie heißt der letzte?“

Er richtete diese unbeschreiblich blauen Augen auf sie. Ohne zu zwinkern, sagte er: „Die Teufelin.

Der Wind, der spielerisch an ihren Hüten zupfte, sorgte schließlich dafür, dass sie den Blick voneinander abwandten.

„Ist es das, was du von mir denkst?“, fragte sie leise. Als ob seine Antwort nicht wehtun würde, wenn sie fast lautlos sprach.

Er drückte seinen Hut fester auf seinen Kopf. „Macht das was aus?“

„Ja.“

Er warf ihr noch einen Blick zu. Dann zuckte er die Schultern und erhob sich. „Sagen wir mal so: Ich halte nicht viel von Frauen, die einen Mann küssen, wenn sie mit einem anderen verlobt sind.“ Er sprang auf den kleineren Felsen hinunter und dann auf den Boden.

Oben auf der Granitplatte dachte Lyric über verschiedene Antworten nach. Keine schien passend.

„Hast du meinen Brief denn nicht bekommen?“, fragte sie schließlich, als sie ebenfalls wieder auf dem Boden neben den Felsen stand.

Er nickte, ohne sie anzusehen.

In dem Brief hatte sie versucht zu erklären, warum ihre Mutter geglaubt hatte, dass sie verlobt war, und warum sie tatsächlich aber gar nicht verlobt gewesen war. Sie versuchte es noch einmal. „Lyle und ich mussten uns entscheiden. Er wollte einen Termin für die Hochzeit. Ich war mir nicht sicher, was uns beide anging. Lyle und ich waren also nicht wirklich verlobt.“

„Dann hast du ihn eben hingehalten. Und während er nicht in der Stadt war, hast du es mal mit mir versucht. Dann musst du beschlossen haben, dass es doch ernst ist mit euch. Du bist bei ihm geblieben.“

„Weil er mich gebraucht hat.“

„Ja, klar“, sagte Trevor mit unverhohlener Bitterkeit. „Er hat dich gebraucht, also bist du geblieben.“

„Trevor …“

„Der Autounfall war doch nicht so schlimm. Er hat ihn nicht verstümmelt oder eine lebensgefährliche Operation erforderlich gemacht, oder?“

Sie zögerte. „Nein“, sagte sie, „hat er nicht.“

„Aber du bist bei ihm geblieben. Wo ist dein Verlobungsring?“, fragte er herausfordernd. Er hob ihre Hand und hielt sie hoch, damit sie beide ihre unberingten Finger sehen konnten. Dann ließ er ihre Hand fallen, als ob er sich durch die Berührung mit einer schrecklichen Krankheit anstecken könnte.

„Zu Hause.“

„Deine Mutter hat mir erzählt, ihr hättet einen Termin für die Hochzeit festgelegt. Im Juni, hat sie gesagt.“

Lyric starrte ihn an. „Du hast angerufen?! Wann denn?“ Als er nickte, packte sie ihn am Arm. „Trevor, wann?

„Nachdem ich deinen Brief bekommen hatte. Anscheinend hattest du einen Sinneswandel, was die Hochzeit angeht.“ Er entzog sich ihrem Griff.

„Von dem Anruf hat sie mir gar nichts erzählt.“

„Ich habe sie gebeten, das nicht zu tun. Ich habe nicht gedacht, dass das einen Unterschied machen würde.“ Er wandte sich den Pferden zu. Dann hielt er inne. „Oder hätte es das getan?“, fragte er. „Hätte sich irgendetwas geändert, wenn wir miteinander geredet hätten? Hättest du die Verlobung gelöst und wärst zu mir gekommen … wenn ich dich darum gebeten hätte?“

Sie dachte an die stillen endlosen Nächte im Krankenhaus und an die Tage, die sie an Lyles Krankenbett verbracht hatte, als er nach Hause gekommen war – als er gedacht hatte, dass alles gut werden würde und dass sie bald heiraten würden.

Seine Mutter hatte nicht gewollt, dass er die Wahrheit erfuhr. Sie hatte sich gewünscht, dass seine letzten Tage glücklich sein sollten. Und er selbst schien nicht zu merken, dass es mit seiner Gesundheit immer weiter bergab ging.

Im Lauf der Zeit war Lyle immer schwächer geworden, und dann hatte er sie in den letzten Wochen nicht aus den Augen lassen wollen. Sie hatte auf einem Sofa in seinem Zimmer geschlafen. Oft hatte sie ihn aufrecht sitzend in den Armen gehalten, als seine Atmung mühsamer und schwächer wurde. Dann, eines Nachts, hatte er ihr etwas zugeflüstert. „Danke, dass du mich geliebt hast.“

Das waren seine letzten Worte gewesen. Danach war er in ein Koma gefallen und wenige Stunden später gestorben.

Jetzt musterte sie den kräftigen gesunden Mann, der ihr finstere Blicke zuwarf, während er auf eine Antwort wartete. Schließlich seufzte sie. „Nein“, sagte sie leise. „Ich konnte damals nicht zu dir kommen.“

Seine Miene verhärtete sich. „Warum zum Teufel bist du dann jetzt hier?“

3. KAPITEL

Später an diesem Vormittag fuhr Lyric hinter Trevor her in die Stadt. Ihr Kombi verhielt sich ganz normal. Sie hatte mit der Reparatur warten wollen, bis sie wieder in Texas sein würde, doch davon wollten Trevor und sein Onkel nichts hören.

In der örtlichen Werkstatt – es gab nur eine – untersuchten Trevor und der Eigentümer ihr Auto und beschlossen, die Stoßstange und die gebrauchten Airbags zu ersetzen und den Kühler auszubeulen.

„Ich geb dir gleich meine Versicherungsnummer“, sagte sie und kramte in ihrer Handtasche.

Trevor schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich bin ja schuld an dem Unfall. Ich übernehme die Rechnung.“

„Aber dafür ist die Versicherung da!“, protestierte sie.

„Ich bin dafür verantwortlich“, beharrte er.

Der Werkstatteigentümer beobachtete ihre Diskussion amüsiert. Dann nickte er, als sie endlich nachgab, weil ihr klar geworden war, dass Trevor nicht aufgeben würde. Während die Männer die letzten Details klärten, kletterte sie mit einem leisen Stöhnen auf das Trittbrett von Trevors Pick-up. Anscheinend verspannte sich ihr Körper von Minute zu Minute.

Er legte sofort die Hände um ihre Taille und hob sie ins Führerhaus des Trucks. Ihre Haut erglühte, als seine Körperwärme durch ihre Kleidung und tief in sie eindrang.

Zu ihrem Entsetzen merkte sie, dass sie ihn begehrte … wirklich begehrte. Jetzt. In diesem Augenblick. Sehnsucht und Verlangen durchströmten sie. Ja, sie wollte Leidenschaft, aber zugleich sehnte sie sich auch nach Trost. Sie brauchte seine Stärke – mehr als das, sie brauchte seine zärtliche, liebevolle Fürsorge.

Doch die würde er ihr nicht anbieten. Sie war dumm, wenn sie dachte, dass sie eine zweite Chance bei ihm bekommen würde.

„Entspann dich mal lieber, sonst friert dir dein Gesicht so ein“, sagte er.

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Dein Zwillingsbruder hat gesagt, dass du einen Dickkopf hast. Mir war nicht klar, was für einen.“

Trevor zuckte mit den Schultern. „Du bist von der Straße abgekommen, weil ich dich geschnitten habe. Um meine Fehler kümmere ich mich.“

„Oder du ignorierst sie“, fügte sie hinzu. „So hast du mich schließlich behandelt, nicht wahr? Du denkst, dass unsere gemeinsame Zeit ein Fehler war.“

„Mit gutem Grund. Ich wildere nicht auf dem Gebiet eines anderen Mannes.“

„Ich bin doch kein Grundstück, das man kaufen oder verkaufen kann! Oder das irgendein besitzergreifender Kerl abzäunen kann.“

„Na schön. Was mich angeht, bist du so frei wie ein Vogel.“

„Ganz genau“, sagte sie und starrte die Straße an.

Statt den Weg zur Ranch zu nehmen, bog er auf eine andere Straße ab, die am Stausee entlangführte. Der lange schmale See bildete ein Naherholungsgebiet und lieferte das Brauchwasser für die Stadt. Im Wasser spiegelte sich der Himmel.

Das Tal lag geschützt inmitten der Berge. Es sah zu friedlich und schön aus, um wahr zu sein. Für sie war es das auch nicht, denn Trauer quälte ihr Herz.

Ich muss endlich drüber hinwegkommen, ermahnte sie sich. Selbstmitleid würde sie nicht zulassen.

Trevor bog auf den Parkplatz einer Lodge ein, die ganz neu aussah. „Ich habe gedacht, wir könnten hier zu Mittag essen.“

Sie verbiss sich jeden Widerspruch und stieg aus, bevor er ihr helfen konnte. Dann folgte sie ihm zur Treppe vor dem Eingang.

Schmerzhaft spürte sie jede einzelne Bewegung in jeder Muskelfaser ihres Körpers. Als Trevor ihren Arm nahm, zuckte Lyric unwillkürlich zusammen. Er wollte ihr helfen, als sie die Treppe erklommen.

Er blieb stehen und musterte sie. „Tut dir was weh?“

„Alles“, antwortete sie mit einem Lächeln und einem Schulterzucken. Das war ein Fehler. Automatisch griff sie sich an die linke Schulter.

Trevor runzelte die Stirn. Dann zog er den Ausschnitt ihres Oberteils von ihrem Hals weg. „Der Sicherheitsgurt!“, murmelte er. „Das Schlüsselbein könnte gebrochen sein. Wir fahren zu Beau.“ Er hielt inne. „Du hättest heute Morgen nicht reiten sollen. Wenn du abgeworfen worden wärst, dann hätte das deine Verletzungen viel schlimmer machen können.“

„Bin ich aber nicht, also ist alles in Ordnung“, erklärte sie stoisch. „Ich brauche keinen Arzt.“

Er starrte sie an. „Lass uns essen gehen“, sagte er schließlich mit heiserer Stimme.

„Das Anwesen ist wunderschön“, sagte sie, als sie die hohe Lobby betraten, die sich über zwei Stockwerke erstreckte. Ein riesiger Kamin war mit duftendem Kiefernholz und Zedernästen bestückt. Sie stellte sich vor, wie draußen Schnee lag, während hier das Feuer prasselte und man einen faulen Nachmittag damit verbrachte, auf dem Sofa zu liegen und zu lesen.

Bilder formten sich in ihrem Kopf. Ein Pärchen, das sich hier entspannte. Und wie sie dann ihre Bücher weglegten und sich einander zuwandten, weil sie es keinen Augenblick länger aushielten, sich nicht zu berühren.

Lyric stieß einen zittrigen Seufzer aus und zwang sich dazu, sich diese Vorstellung aus dem Kopf zu schlagen. Trevor hielt sie immer noch am Arm fest. Mit sanftem Druck führte er sie in den Gastraum.

„Wunderschön“, wiederholte sie, nachdem sie sich gesetzt hatten. Von ihrem Fenster aus hatte man einen Blick auf den See und die Berge. „Die Lodge ist neu, oder?“

Er nickte. „Wir haben vor ein paar Monaten aufgemacht.“

„Sie gehört dir?“

„Der Familie. Meine Brüder und ich und noch zwei Cousins haben das Geld für das Ferienresort aufgebracht und im letzten Jahr den Großteil der Bauarbeiten übernommen. Die Baumstämme für die Lost Valley Lodge stammen von der Ranch. Wir haben das Holz selbst geschlagen und die Bretter gehobelt.“

„Meine Familie hat auf der Ranch auch immer zusammengearbeitet. Das war schön.“ Sie verstummte, weil sie an die Scheidung ihrer Eltern im letzten Jahr dachte. An den Schock. Die Verwirrung, dass dreißig Jahre Ehe ohne Erklärung den Bach runtergehen konnten.

So viel zum Thema romantische Illusionen.

Betroffen und ernüchtert zugleich stieß sie mühsam den Atem aus. Sie war wirklich ein Dummkopf, einem Traum bis nach Idaho nachzujagen.

Trevor warf ihr einen durchdringenden Blick zu. Dann wandte er sich wieder der Speisekarte zu. Die Bedienung brachte ihnen Eistee, nahm ihre Bestellung auf und zog sich unauffällig zurück.

Bedrückt nahm sie einen Schluck von dem kühlen Tee. Sie verzog den Mund kurz zu einem schiefen Lächeln. Vielleicht sehnte sie sich zu sehr nach dem typischen Happy End.

„Sag mir die Wahrheit“, verlangte sie. „Hast du deinen Onkel gebeten, mich auch auf die Ranch einzuladen?“

Seine Augen spiegelten das strahlende Blau von See und Himmel wider. „Nein.“

Sie hatte nur gefragt, um sicher zu sein. Nur, damit sie sich keine weiteren Hoffnungen mehr machte.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie nickte und lächelte den Mann an, der sie mit dem scharfen Blick eines Habichts musterte. Anders als im Herbst lag keinerlei Wärme in seinen Augen.

Sie dachte daran, ihm von den letzten Wintertagen zu erzählen. Und davon, dass sie es weder im April noch im Mai oder Juni geschafft hätte, zu ihm zu kommen, weil die Trauer um Lyle noch zu groß gewesen war, mit dem sie nicht weniger als ihr ganzes Leben lang befreundet gewesen war. Sie hatten als Termin für die Hochzeit den 15. Juni gewählt. Diesen Tag musste sie erst hinter sich bringen.

Doch ein Blick auf Trevors steinerne Miene sagte ihr, dass er nicht bereit dazu war, ihr zuzuhören. Und sie brachte es nicht über sich, ihn anzuflehen. Also würde sie am Ende des Monats einfach mit Tante Fay abreisen.

Doch falls sie sich in der Zwischenzeit doch wieder zueinander hingezogen fühlen sollten, dann könnten sie und Trevor vielleicht miteinander reden und sich über ihre Gefühle klar werden. In der Zwischenzeit wollte sie, dass er wusste, dass sie ihm nichts vormachte.

„Ich bin nicht verlobt, Trevor“, sagte sie leise. „Nicht mehr. Seit Anfang März.“

„Hat wieder so ein Trottel ins Gras gebissen“, murmelte er und lachte kurz auf.

Lyric wandte ihre Aufmerksamkeit der Landschaft zu. Sie konzentrierte sich auf den Ausblick, bis die plötzliche Gefühlsaufwallung sich gelegt hatte und die zerbrochenen Stücke ihres Herzens wieder zusammenpassten. Sie würde nicht noch einmal versuchen, ihm die Vergangenheit zu erklären. Das würde sie einfach nicht tun.

Als die Bedienung ihr Essen brachte, aßen sie schweigend und verließen das Lokal unmittelbar danach.

Ohne ein weiteres Wort kehrten sie zur Ranch zurück.

Sein Onkel wartete schon auf sie. „Beau war in seiner Mittagspause hier und hat sich Fay mal angesehen. Er hat ein paar Tabletten dagelassen, falls ihr zwei Schmerzen habt.“

„Ich glaube, da nehme ich welche“, sagte Lyric.

Trevor musterte sie. Verdammt, er hatte ganz vergessen, dass er sie eigentlich in die Praxisklinik bringen wollte. Ihm war aufgefallen, dass sie sich den ganzen Vormittag vorsichtig bewegt hatte. Ein paarmal war sie zusammengezuckt. Zum Beispiel, als sie sich oben auf dem Berg in den Sattel geschwungen hatte, als sie in der Werkstatt in den Pick-up geklettert war, und dann noch einmal, als sie bei der Lodge losgefahren waren.

Schuldgefühle quälten ihn. Er wünschte sich, er wäre am Vortag vorsichtiger gefahren.

Sein Onkel sprach weiter: „Das hat deine Tante auch getan. Sie macht gerade ein Schläfchen.“

Lyric lächelte. „Das ist auch der nächste Punkt auf meinem Programm.“

Trevor dachte daran, wie sie in seinem Bett gelegen hatte und wie er sie in den Armen gehalten hatte, während sie schlief. Sein Körper reagierte sofort. Er konnte sich allerlei vergnügliche Dinge vorstellen, die man im Bett anstellen konnte.

Aber nicht mit einer Frau, die leidenschaftlich auf einen Mann reagiert hatte, während sie gleichzeitig darüber nachgedacht hatte, einen anderen zu heiraten.

Lyric wachte langsam auf. Sie war noch ganz benommen. Es klopfte wieder, und sie merkte, dass sie deswegen aufgewacht war. Sie warf einen Blick zum Fenster und sah, dass der Sonnenuntergang den Himmel strahlend verfärbte. „Ja?“, rief sie und setzte sich mühsam auf.

Der Bluterguss an ihrer linken Schulter, wo der Sicherheitsgurt ihr ins Fleisch geschnitten hatte, war blau und lila.

„Onkel Nick schickt mich mit Salbe“, sagte Trevor.

Sie ging zur Tür und machte auf.

Er gab ihr eine Tube. „Gut einreiben. Das nehmen wir für Pferde, wenn sie lahmen. Scheint zu funktionieren.“ Er grinste schief.

„Danke. Ich probier’s mal aus.“

„In ungefähr zehn Minuten gibt’s Abendessen.“

Sie nickte. Nachdem sie die Tür wieder zugemacht hatte, strich sie sich die Salbe auf Schulter und Knie. Ihre Haut kribbelte. Dann breitete sich Hitze an den schmerzenden Stellen aus. Das fühlte sich so gut an, dass sie die Creme auch noch auf ihren Schultern und den Unterschenkeln verteilte. Der Geruch von Kampfer, Pfefferminze und Zimt hüllte sie ein.

Nachdem sie ihre zerknitterten Sachen ausgezogen und stattdessen blaue Hosen und eine langärmelige weiße Seidenbluse angezogen hatte, machte sie sich frisch und ging dann ins Wohnzimmer. Die beiden Männer waren gerade dabei, den Tisch im Esszimmer zu decken. Ihre Tante saß schon da.

„Setz dich zu uns“, sagte der ältere Mann und schenkte ihr ein einladendes Lächeln. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht, als du den ganzen Nachmittag nicht aufgetaucht bist. Du musst die Ruhe nötig gehabt haben.“

Bei seinem freundlichen Ton brannten ihr auf einmal Tränen in den Augen. Lyric blinzelte heftig. Voller Panik befürchtete sie, dass sie vor den anderen weinen würde. Sie setzte sich gegenüber von ihrer Tante an den Tisch, während die beiden Männer sich jeweils an ein Ende des Tischs setzten.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so einen langen Mittagsschlaf gemacht habe. Das müssen die Pillen gewesen sein. Jetzt geht’s mir prächtig“, log sie.

Trevor gab einen leisen ungläubigen Laut von sich.

Sie reckte das Kinn und forderte ihn so heraus, ihr Wort infrage zu stellen. Das tat er nicht, aber er blickte süffisant, als er ihr den Korb mit den Brötchen reichte.

Sie musste es nur schaffen, die nächsten drei Wochen zu lächeln und nett zu sein. Mehr war nicht zu tun, um mit Haltung diese unangenehme Zeit durchzustehen. Das konnte sie doch wohl schaffen – lächeln und die Tränen zurückhalten. So, wie sie das schon den ganzen letzten Herbst und Winter getan hatte …

Nach dem Essen unterbrach Onkel Nick ihre Grübelei. „Wie wäre es mit einer Partie Karten?“, fragte er. „Fühlen sich die Damen der Herausforderung gewachsen?“

„Oh ja“, erklärte ihre Tante.

Als drei Augenpaare sich auf sie richteten, nickte Lyric. Sie spielten bis um zehn Uhr. Danach machte Trevor den Fernseher an, damit sie die Nachrichten und den Wetterbericht sehen konnten.

„Morgen wird’s klar“, sagte er. „Travis und ich werden Heu machen, bevor das Wetter umschlägt.“

Auf die nationalen Nachrichten folgte der Lokalsender. Die Moderatorin berichtete von einem Unfall auf der Autobahn, bei dem ein Mann ums Leben gekommen war, der nach einer Geschäftsreise auf dem Rückweg nach Boise war. Die Kamera zeigte eine Frau, die ein Baby im Arm hielt, während ein kleines Mädchen sich an ihren Rock klammerte. Die kleine Familie wirkte verängstigt.

Lyric presste die Hand an die Kehle, als sich dort ein schrecklicher Schmerz festsetzte. Sie spürte die Angst der Frau und deren Verwirrung, die Ungläubigkeit, dass diese Tragödie ihnen zustoßen konnte. Sie wirkten so allein, die Frau, das Kind und das Baby, wie sie dastanden, während die Scheinwerfer der Kamera jede Gefühlsregung im Detail ausleuchteten.

Tränen – schreckliche, schmerzvolle Tränen – traten ihr in die Augen und strömten ihr über die Wangen.

„Lyric, Liebes“, sagte ihre Tante.

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nur … Sie sehen so traurig aus“, sagte sie in einem Versuch, sich zu erklären. Sie stand auf. „Mir geht’s prima.“ Sie rannte aus dem Zimmer.

Im Gästezimmer schloss sie die Tür hinter sich und legte sich aufs Bett. Das heiße, nasse Gesicht presste sie ins Kopfkissen.

Na toll, jetzt habe ich mich vollends zum Deppen gemacht, schalt sie sich. Aber die Tränen wollten einfach nicht aufhören zu fließen. Sie hatte sie einfach zu lange zurückgehalten – als die Blätter sich im Herbst bunt gefärbt hatten, durch die eisigen Winterstürme hindurch und als die Blumen verheißungsvoll in einem Frühling blühten, der nie kommen würde. Jedenfalls nicht für Lyle, für ihren ältesten Freund.

Aber er hatte immerhin noch gesehen, wie die Osterglocken aufgeblüht waren und wie strahlend bunt die Tulpen gewesen waren. Und das hatte ihn für den Moment sehr glücklich gemacht.

Die Tränen hörten nicht auf. Jede einzelne tat weh, als sich ihre Erinnerungen wie ein Film vor ihrem geistigen Auge abspulten – Picknick am Fluss, Klettern über Wasserfällen, Fußballspielen in der Abenddämmerung mit den Cowboys und den anderen Kindern auf der Ranch.

Schluchzer schüttelten ihren Körper. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass alles so blieb, wie es war, in ihrem kleinen Winkel des Glücks.

Aber ihre Mutter wollte ihren Vater verlassen, ihr alter Freund wollte mehr als Freundschaft, und dann war da ein Fremder in ihre idyllische Welt getreten und hatte sie mit ihren Unzulänglichkeiten konfrontiert. Lyles Autounfall hatte ihre Fantasiewelt endgültig zerstört.

Die Tränen machten das Kopfkissen ganz nass. Scheinbar wollten sie nie versiegen. Lyric versuchte, sie mit Willenskraft aufzuhalten, aber das war unmöglich.

Ein Luftzug. Dann erhellte schwaches Licht eine Sekunde lang das Zimmer, als die Tür sich öffnete und wieder schloss. Sie hörte Schritte. Es war nicht ihre Tante, es war Trevor.

„Lyric?“, fragte er mit dem unsicheren Ton, den Männer an den Tag legen, wenn sie mit den Gefühlen einer Frau konfrontiert werden.

„Geh weg“, sagte sie. „Bitte, geh einfach weg.“

„Das kann ich nicht.“

Er setzte sich auf die Bettkante. Dann beugte er sich über sie. Mit seiner großen Hand streichelte er über ihr Haar und löste das Band, mit dem sie es zusammenhielt, damit er seine Finger hindurchgleiten lassen konnte.

„Nicht“, murmelte er.

„Ich k-kann n-nichts d-dafür.“ Jedes Wort flüsterte sie in einem schluchzenden Atemzug, als ob sie ein Kind war, das versuchte, die Tränen zurückzuhalten, es aber nicht schaffte.

Sie spürte, wie er tief ausatmete, als er sich über ihre Schläfen beugte. Seine Lippen berührten sie ganz, ganz sachte.

„Deine Tante hat gesagt, dass du schon sehr lange unglücklich bist. Sie hat gesagt, ich soll dich bitten, mir zu erzählen, was dich derart bedrückt.“

Lyric schüttelte den Kopf und verbarg das Gesicht im Kissen. Die Tränen würden nie aufhören. Nicht in hundert Jahren. Und sie würde ihre Leidensgeschichte bestimmt nicht dem Mann erzählen, der sie dafür verabscheute, weil sie ihn getäuscht hatte.

Er drehte sich um, bis er neben ihr ausgestreckt dalag. Er streichelte ihr über den Kopf und den Rücken. „Dann wein dich aus.“

Diese Worte lösten eine neue Tränenflut aus. Schweigend wartete er ab, bis sie fertig war. Nach langer Zeit wurde sie sich seiner Körperwärme bewusst. Sie merkte, dass ihr trotz der heißen Tränen tief im Inneren kalt war. Sie schmiegte sich enger an ihn.

Sie spürte seine Zurückhaltung. Doch dann legte er ein Bein über ihre Schenkel. Er hob ihr Haar und küsste ihren Hals und den Ausschnitt ihrer Bluse.

„Du riechst so gut“, sagte er. „Wie Ambrosia. Wie ein Tag Arbeit im Sonnenschein, wenn der Sommer in der Luft liegt. Wenn ich nach Hause komme und der Lieblingskuchen gerade in der Küche auskühlt und mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Du sorgst dafür, dass ich Lust auf Dinge habe, die es früher mal gab.“

Lyric ließ die Worte in ihr Herz sinken. Bedürfnisse und Verlangen regten sich in ihr. All ihre unausgesprochenen Herzenswünsche vereinten sich zu einer einzigen Sehnsucht. Sie drehte sich auf den Rücken, damit sie ihn sehen konnte.

„Hast du nur Mitleid mit mir?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht Mitleid mit uns beiden. Und mit Lyle.“ Er stieß ein halbherziges Lachen aus, das sich unendlich traurig anhörte. „Der andere in dieser merkwürdigen Dreiecksbeziehung.“

Sie hob eine Hand und strich die widerspenstige Haarsträhne zurück, die ihm immer wieder in die Stirn fiel.

Wieder traten ihr Tränen in die Augen.

Er wischte sie ihr mit dem Finger von den Wimpern, dann küsste er ihr die Nässe von den Wangen. „Erzähl mir, was los ist.“

So plötzlich, wie die Tränenflut eingesetzt hatte, überkam sie jetzt die Leidenschaft und überwältigte sie mit einer mächtigen Flutwelle eines Verlangens, das sie schon viel zu lange unterdrückt hatte. Als sie ihm in die Augen sah, wusste sie, dass sie beide gerade viel zu verletzlich waren, um allein miteinander in diesem Zimmer zu sein.

Das wusste sie, aber sie rührte sich nicht. Und sie schlug auch nicht vor, dass sie sich trennten.

Sie presste die Hände gegen seinen Oberkörper und wärmte sich an ihm. Sie berührte seinen Hals, streichelte seine kräftige Nackenmuskulatur, erforschte seinen Kiefer, an dem die Muskeln sich kurz verkrampften und dann entspannten.

Sie fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar und umfasste seinen Kopf mit beiden Händen. Mit ganz leichtem Druck zog sie sein Gesicht näher an ihres heran. Sie spürte seinen Atem auf ihren Lippen. Sie öffnete den Mund, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er machte es genauso. Sie waren bereit für den Kuss.

Und sie würde für immer und ewig zugeben müssen, dass sie diejenige gewesen war, die schließlich die Initiative ergriffen hatte.

Langsam, um den Augenblick auszukosten, berührte sie seinen Mund mit ihren Lippen. Mehr war nicht nötig.

Der Schauder, der ihn überlief, sprang auf sie über und löste ein Beben in ihrem Körper aus, das sie bis in die Zehenspitzen spürte. Sie streifte ihre Sandalen ab und schlang die Beine um ihn. Er zog sie enger an sich und drehte sich um, bis er halb über ihr lag.

Verlangen, das so mächtig war, dass es die Trauer überwältigte, verwandelte sich in eine vernunftlose Naturgewalt in ihrem Inneren. Sie zerrte an seinem Hemd, bis es aus seiner Jeans rutschte. Dann wich sie weit genug zurück, um es aufzuknöpfen.

Er legte die Hände auf ihre. „Was machen wir hier gerade?“, fragte er mit einer Stimme, die viel tiefer war als sonst.

Sie schüttelte kurz den Kopf. „Nicht reden“, flüsterte sie. Sie schob das Hemd von seinen Schultern. Ihre Bewegungen waren jetzt fieberhaft.

„Lyric …“

Sie biss auf seine Lippe, brachte ihn mit leidenschaftlichen Küssen zum Schweigen, bis er seinen Mund gegen ihren presste und so forderte, dass sie sich ihm öffnete, um den Kuss ganz zu genießen.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, die Schließe seiner Jeans zu lösen und den Reißverschluss nach unten zu ziehen. Er rollte sich weit genug weg, um die Perlenknöpfe ihrer Bluse zu öffnen und um ihr die Hose über die Hüften nach unten zu schieben. Sie stemmte die Hüften hoch und spürte, wie die Luft ihre nackte Haut streichelte, als ihre Hose und der winzige Spitzentanga auf den Boden fielen. Ihre Bluse und ihr BH folgten.

Mit einem Tritt befreite er sich von seiner Hose und dem Slip, dann kümmerte er sich um die Verhütung. Als er sich ihr wieder näherte, schmiegten sie sich Haut an Haut aneinander – von den Lippen bis zu den Zehenspitzen. Er umkreiste ihre Brüste mit den Fingern, bis ihre Brustwarzen sich vor Leidenschaft fest aufrichteten.

„Ja“, murmelte sie. „Ja.“

„Ich weiß nicht, warum wir das tun …“

Sie legte die Finger über seine Lippen. „Nicht nachdenken“, bat sie. „Nicht … nicht weggehen.“

Er sah sie mit solchem Verlangen an, dass sie wusste, ihre Bitte war unnötig. „Glaubst du wirklich, dass ich das könnte?“

Auf diese Frage war keine Antwort erforderlich. Sie spürte, wie er sich an sie presste, hart und pulsierend. Sie spreizte die Schenkel für ihn und drängte sich an ihn, an seine Stärke, während er sich über sie schob. Sein Stöhnen war tief und sexy. Seine Begierde erregte sie.

„Ich habe noch nie solches Verlangen gespürt“, erklärte sie und fuhr mit beiden Händen über jeden Zentimeter seiner Haut, den sie erreichen konnte. „Habe das noch nie so gebraucht … wie jetzt.“

„So war es noch nie“, stimmte er zu. Seine Stimme klang wie ein Knurren und hörte sich wunderbar an.

Er küsste sie auf eine empfindliche Stelle. Dann saugte er an ihrem Ohrläppchen, bevor er sich wieder ihrem Mund zuwandte. Mit einer Sanftheit, die sie überraschte, erkundete er ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Hüften. Schließlich berührte er sie an ihrer intimsten Stelle und brachte sie dazu, nach Luft zu ringen, als ihre Leidenschaft erneut aufflammte.

Er hob die Hand und kostete den Geschmack ihres Körpers. Dann berührte er ihre Lippen, damit sie ihre Lust selbst schmecken konnte.

„Ich will dich ganz und gar“, sagte er.

Als er sich nach unten schob, schloss sie die Augen und versuchte weiterzuatmen, aber Atemluft war keine Notwendigkeit mehr. Sie konnte einfach nur so existieren, indem sie ihn festhielt und seine süßen, süßen Liebkosungen spürte.

Mit Zärtlichkeit und Geduld zeigte er ihr, wie hell die Flamme ihrer Leidenschaft auflodern konnte, wie flüssiges Feuer durch ihre Adern fließen konnte und Blitze sie durchzuckten.

„Oh“, murmelte sie. In dem Wort lag eine Warnung, als er ganz auskostete. „Oh“, wiederholte sie.

Er richtete sich auf und stützte sich rechts und links von ihr auf seine Arme. Er sah ihr in die Augen und vereinte sie.

„Trevor.“ Sie schrie beinahe lautlos auf, als das Verlangen unerträglich wurde. „Ja. Oh, ja …“

Sie spürte, wie Schauer ihn überliefen. Dann fanden seine Lippen sie wieder, und seine Zunge bewegte sich mit jeder stoßartigen Bewegung seines Körpers. Sie hörten beide auf zu atmen. Im selben Augenblick, als sie spürte, wie er pulsierend zum Höhepunkt kam, überflutete sie erneut eine Welle der Empfindungen. Mit einem Schluchzer sagte sie seinen Namen, bevor alles sich eine Ewigkeit um sie zu drehen schien …

Viele Minuten lang hörte sie nur das Geräusch ihrer Atemzüge, während sie immer noch vereint und aneinandergeschmiegt dalagen. Sie strich die widerspenstige Haarsträhne aus seiner Stirn zurück und brachte ein Lächeln zustande, während die Befriedigung sie drängte, die Augen zu schließen und sich in den Schlaf sinken zu lassen.

„Bin ich nur ein Ersatz für deinen Exverlobten?“, fragte er.

Die Worte trafen sie bis ins Mark, jedes einzelne.

„Er ist gestorben“, flüsterte sie trotz des Schmerzes. „Darum konnte ich nicht zu dir kommen. Er war krank, und dann ist er gestorben.“

Sie spürte, wie sich jeder Muskel seines Körpers verspannte. Dann riss er sich von ihr los und stand auf. Er sammelte seine Sachen ein und rollte sie zu einem Ball zusammen.

„Ich werde nicht den Platz eines anderen Mannes einnehmen“, erklärte er. „Nicht mal den eines Toten.“

Er ging hinaus. Eine Minute später hörte sie die Dusche. Noch später hörte sie, wie er sein Zimmer verließ.

Die Tränen, die zuvor scheinbar endlos geflossen waren, wollten ihr jetzt nicht mehr in die trockenen brennenden Augen steigen.

4. KAPITEL

„Komm, setz dich zu mir“, schlug Tante Fay vor, als sie Lyric am Samstagmorgen in der Tür stehen sah. „Du hast lange geschlafen.“

Ihre Tante saß auf der vorderen Veranda. Auf ihrem Schoß hatte sie eine Zeitschrift über das Leben auf einer Ranch. „Wie geht’s deinen blauen Flecken?“

„Viel besser. Obwohl ich mich ein bisschen unbeweglich fühle. Du scheinst dich schnell zu erholen.“

„Ja.“ Lyric sah sich um. „Wo sind denn alle anderen?“

„Beim Heumachen. Für heute Abend ist Regen vorhergesagt.“

Lyric schaute nach Südosten. In Texas kamen die Stürme im Sommer oft vom Golf, aber sie befanden sich ja nicht in Texas. Als sie sich nach Westen umdrehte, sah sie, dass dunkle Wolken die Berggipfel verdeckten.

„Tante Fay, warum hast du mich glauben lassen, dass ich auch auf die Ranch eingeladen worden bin?“

„Das bist du doch. Nicholas weiß, dass ich nicht fliege und die Fahrt zu lang für mich ist. Er hat gesagt, dass sie viel Platz haben, wenn ich jemanden mitbringen will.“

„Aber du hast doch gewusst, was passiert ist, dass Trevor und ich …“

„Ich weiß, dass du genug getrauert hast. Es ist Zeit, dass du aufhörst, dich wegen Lyle schuldig zu fühlen. Du warst ihm eine gute Freundin. Die Tatsache, dass er mehr wollte, war doch nicht deine Schuld. Du warst aufrichtig zu ihm“, erklärte ihre Tante mit fester Stimme.

„Trevor denkt, dass ich Lyle betrogen habe.“

„Die Daltons sind Dickschädel.“

Lyric rang sich ein Lächeln ab. „Und hartherzig.“

Tante Fay schüttelte den Kopf. „Nein, das sind sie nicht, Lyric. Du musst nur einen Weg finden, seinen Schutzpanzer zu durchdringen.“ Sie lächelte ermutigend. „Du schaffst das.“

„Du bist eine echte Romantikerin!“, schalt Lyric sanft.

„Ja. Vielleicht ist das eine Schwäche von mir. Jedenfalls will ich nicht, dass du diese Chance aufs Glück verspielst.“

Lyric dachte, dass die Chancen eher schlecht standen. Doch das sprach sie nicht laut aus. „Hast du schon mal jemanden verloren, den du geliebt hast?“

Tante Fay musterte sie einen Augenblick, bevor sie antwortete. „Wie Lyle wollte auch ich mehr. Doch Nicholas Dalton hat sich auf den ersten Blick in meine Cousine verliebt. Und der ging es genauso wie ihm.“

Diese Neuigkeiten trafen Lyric. „Tut mir leid. Das hab ich nicht gewusst. Ist das der Grund, warum du nie geheiratet hast?“

„Nein“, sagte die ältere Frau leicht genervt. „Ich habe nie geheiratet, weil mich nie jemand gefragt hat. Doch ich hatte ein erfülltes Leben – vor allem, nachdem deine Großeltern gestorben sind und dein Vater bei mir gelebt hat. Ich hatte eine Familie und eine Ranch. Das war mehr als genug.“

„Oh.“

Ihre Tante lachte. „Ich war nie so idealistisch wie du, mein Kind. Du glaubst, dass die Welt perfekt sein sollte. Ich habe schon immer gewusst, dass sie das nicht ist.“

„Also, ich bin dabei, meine Lektion zu lernen“, erklärte Lyric reumütig.

Ihre Tante zögerte. Dann fügte sie hinzu: „Gib deine Träume nicht kampflos auf. Deshalb wollte ich dich hier an meiner Seite haben. Nick und ich, wir sind zwei alte Narren, die es nicht lassen können, uns einzumischen. Wir wollten, dass ihr diese Chance habt, du und Trevor.“

Weil ihre Lieblingstante so fest daran glaubte, dass alles gut werden würde, brachte Lyric es nicht übers Herz zu erklären, wie hoffnungslos dieses Unterfangen war. Sie wusste, wer in der Familie wirklich die Realistin war und wer die Idealistin.

Trevor wusch sich kurz am Spülbecken im Stall. Dann eilte er ins Haus. Er war der Letzte, weil er noch eine Fuhre Heu in die Scheune gebracht hatte, und hatte jetzt einen Bärenhunger.

Bratenduft sorgte dafür, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief, als er das Ranchhaus betrat. Mitten im Esszimmer blieb er stehen. Lyric, die gerade eine Platte mit Bratkartoffeln und Karotten hereintrug, blieb ebenfalls stehen.

„Äh, das Mittagessen ist fertig“, sagte sie und ging rasch weiter.

Er folgte ihr zum Tisch. Sein Onkel saß schon da. Der Tisch war für fünf gedeckt.

„Zack hat angerufen. Er wird … oh, das muss er sein!“, sagte Onkel Nick.

Trevor hörte, wie draußen ein Truck anhielt. Dann wurde eine Autotür zugeknallt. Zack war der stellvertretende Sheriff und fuhr das übliche SUV der hiesigen Polizei. Hier auf dem Land brauchte man ein Fahrzeug mit Allradantrieb.

„Was führt dich hierher?“, fragte Trevor seinen älteren Bruder, als alle am Tisch saßen.

„Ein Rancher hat behauptet, dass Viehdiebe eines von seinen Rindern erwischt haben. Ich hab mir die Sache angesehen. Die Kojoten haben den Kadaver mehr oder weniger zerlegt. Also ist das schwer zu sagen.“

„Irgendwelche Fußspuren?“

Zack sah verdrießlich aus. „Nicht viele. Oh, und das hier.“ Er zog einen Gegenstand aus seiner Tasche. „Ich hab keine Ahnung, ob das ein Indiz ist oder nicht.“

Lyric warf mit den anderen zusammen einen Blick auf eine rosa Haarspange aus Plastik, die wie eine Schleife geformt war.

„Die gehört einem Kind“, meinte sie.

„Das ergibt keinen Sinn“, erklärte Zack. „Was hat ein Kind mit jemandem zu schaffen, der vielleicht ein Rind geschlachtet hat? Die Spange ist wahrscheinlich letzten Monat bei einem Familienausflug verloren gegangen. Oder sogar letztes Jahr.“

„Nein, die ist viel zu sauber, um schon lange herumzuliegen“, sagte Trevor.

Der Deputy Sheriff schüttelte den Kopf. „Der Fall sieht genauso aus wie die vier Vorfälle letztes Jahr. Im Winter haben diese Geschichten allerdings aufgehört.“

Trevor schnaubte. „Kein vernünftiger Rancher lässt sein Vieh im Winter auf den Hügeln!“

Weil Lyric links von Zack saß, konnte Trevor seinen Bruder unmöglich ansehen, ohne auch sie wahrzunehmen. Sie hatte Make-up auf die verblassenden Blutergüsse aufgetragen. Ein Rest war am Rand ihres Ausschnitts noch zu sehen. Der blaue Fleck erinnerte ihn an seinen Beitrag zu ihren Verletzungen.

Schuldgefühle sorgten dafür, dass er ihr einen finsteren Blick zuwarf, als sie gerade in seine Richtung schaute. Sie riss die Augen auf, als ob sie sein Gesichtsausdruck überraschte. Dann starrte sie ihren Teller an und schaute nicht mehr auf. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos.

Zack bemerkte, dass Trevor regelrecht zu Lyric hinüberstarrte. „Übrigens“, sagte er, „Lyrics Auto ist am Montag fertig. Wenn ihr in der Stadt seid, ruft Honey an. Dann treffen wir uns zum Lunch.“

Als Lyric daraufhin nichts sagte, zuckte Trevor mit den Schultern. „Schauen wir mal, wie das Wetter wird.“

„Braucht ihr morgen Hilfe mit dem Heu?“, fragte Zack seinen Onkel.

„Da sagen wir bestimmt nicht Nein“, meinte Onkel Nick, „aber wenn es heute Nacht stürmt, dann ist es morgen sowieso zu nass dafür.“

„Also“, sagte Zack, „die nächsten zehn Tage habe ich keinen Tag frei. Wir sind zurzeit unterbesetzt.“

„Und, was gibt’s sonst noch Neues?“, scherzte Trevor.

„Ein Baby, sagt der Arzt.“

Wie bitte? Du und Honey, ihr bekommt ein Baby?!“ Onkel Nick strahlte über das ganze wettergegerbte Gesicht. „Das sind ja die besten Neuigkeiten, seit Travis und Alison gesagt haben, dass sie schwanger sind. Endlich vergrößert sich unsere Familie.“

Innerlich stöhnte Trevor, als der alte Mann über die Zukunft schwadronierte. Da er der Einzige war, der weder eine Frau noch Pläne dafür hatte, eine Familie zu gründen, war die Predigt offenbar für ihn bestimmt.

Ihm fiel auf, dass Lyric nicht ein einziges Mal von ihrem Teller aufsah. Hin und wieder nahm sie einen Bissen, damit es so aussah, als ob sie aß. Er nahm sich ein Beispiel an ihr und aß wortlos, während er die Ansprache über den Wert der Familie über sich ergehen ließ.

„Sag Honey, dass sie dran denken soll, ihre Vitamine zu nehmen“, erklärte sein Onkel schließlich befriedigt. „Sie isst ja jetzt für zwei.“

Trevors Blick wurde von Lyric angezogen. Vor seinem inneren Auge tauchte ein Bild von ihr auf, wie sie mit seinem Kind schwanger war. Wenigstens hatte er neulich so viel Verstand gehabt, ein Kondom zu benutzen. Sie würden nicht überstürzt heiraten müssen.

Heiraten. Mann, das wäre eine Katastrophe erster Güte.

„Was hast du heute Nachmittag vor?“, fragte Onkel Nick gerade Lyric.

„Ich … ich weiß noch nicht. Ich meine, ich habe nichts vor“, sagte sie überrumpelt. „Ich habe gedacht, ich könnte vielleicht ausreiten?“

„Gute Idee. Ein Ritt hilft mir immer, einen klaren Kopf zu bekommen“, erklärte der ältere Mann.

„Reite nicht zu weit weg!“, riet Trevor ihr. Sein Ton war barscher, als er das eigentlich gewollt hatte. „Wir haben keine Zeit, dich zu retten, wenn du dich verirrst.“

Sie reckte das Kinn. „Keine Sorge. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

Trevor nickte. „Frauen sind wie Katzen“, sagte er gespielt scherzhaft. „Die fallen immer auf die Füße.“

„Immer“, wiederholte sie. Ihre Miene war stur und überraschend trotzig, als sie seinem Blick begegnete.

Zack zog die Augenbrauen hoch und betrachtete ihn mit einem merkwürdigen Lächeln. „Sie sorgen aber dafür, dass das Leben interessant bleibt“, murmelte er.

„Ha“, sagte Trevor nur.

„Wäre es denn okay, wenn ich ausreite?“, wollte Lyric von Onkel Nick wissen, nachdem das Geschirr vom Mittagessen abgewaschen und die Küche aufgeräumt war.

Er warf einen prüfenden Blick zum Himmel hinauf, bevor er antwortete. „Ja. Der Regen kommt nicht vor heute Abend. Folge dem Feldweg über die Weide und reite weiter geradeaus. Das ist eine schöne Strecke für einen Ritt.“

Und wenn sie dem Weg folgte, würde sie sich auch nicht verirren, fügte sie im Stillen hinzu. „Danke. Ich werde ein paar Stunden unterwegs sein. Also macht euch meinetwegen keine Sorgen.“

Um einen klaren Kopf zu bekommen, würde sie weit reiten müssen.

„Machen wir nicht“, sagte ihre Tante. Sie wandte sich an den Onkel. „Lyric reitet schon, seit sie ein Kleinkind war. Ihr Orientierungssinn ist ausgezeichnet.“

Onkel Nick bestätigte mit einem Nicken. „Behalte die Wolken im Auge. In den Bergen zieht ein Sturm schnell herauf. Nach ungefähr anderthalb Stunden Weg befindet sich eine Schutzhütte westlich der Straße, falls du eine Zuflucht brauchst. Du musst nur dem Bach folgen, den der Weg überquert, dann findest du sie.“

Draußen rief Lyric mit einem Pfiff die Stute herbei. Beim Satteln entschlüpfte ihr nur ein leises Stöhnen, als sie ihre linke Schulter bewegte. Dann ritt sie davon.

Sie überließ es dem Pferd, ein entspanntes Tempo zu bestimmen, als sie dem Feldweg folgten, und genoss den Ausblick.

Über eine Stunde später kamen sie zu einem Bach, der sich sein Bett durch den Wald gebahnt hatte. Wo der Bach früher über den Weg geflossen war, hatte man Rohre verlegt und mit Schotter bedeckt, damit Fahrzeuge leicht darüberfahren konnten. Die Schutzhütte musste ganz in der Nähe sein, aber sie hatte kein Interesse daran.

Sie stieg ab und ließ die Stute aus dem Teich trinken, der sich am Ende eines kleinen Wasserfalls gebildet hatte, bevor der Bach im kiesbedeckten Rohr verschwand.

Das Wasser sah kühl und einladend auf. Sie blieb stehen und tauchte die Finger in den kristallklaren Teich. Vom Himmel umrahmt schaute ihr Spiegelbild sie an. Die Blutergüsse neben ihrer Nase bildeten waschbärenartige Streifen unter ihren Augen.

Als sie aufstand, fiel ihr ein Fußabdruck im Schlamm neben ihrem Stiefel auf. Der Abdruck war nicht ganz so lang wie ihrer. Eine Frau oder ein Junge.

Oder ein Mädchen, das gerne rosa Schleifen im Haar trug?

Lyrics Herz klopfte vor Aufregung. Sie bückte sich und musterte den Abdruck. Dann suchte sie im Halbkreis nach weiteren. Gerade als sie aufgeben wollte, entdeckte sie noch einen Fußabdruck neben dem Weg. Er zeigte in die Richtung, in die sie unterwegs war.

Sie führte die Stute. So fand sie noch mehr Spuren ein paar Meter weiter und weiter auseinander. Das Mädchen musste gerannt sein … Ah, hier war sie zur anderen Seite des Wegs hinübergerannt … und hier hatte sie die Straße verlassen, um einem Trampelpfad durch die Bäume zu folgen.

Lyric folgte dem schwach erkennbaren Pfad einen steilen Abhang hinunter, bis er auf einer Bergwiese endete. Ihr Herz machte einen Satz, als ein dunkler Schatten über ihren Kopf flog.

Autor

Cathy Gillen Thacker
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