Cinderella in Cadiz

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Schmetterlinge im Bauch, wie auf rosaroten Wolken schweben - das ganze Programm der ersten großen Liebe hat Rosies Leben auf den Kopf gestellt. Sie, die sich geschworen hatte, vor der Ehe auf Sex zu verzichten, ist in einer einzigen Nacht all ihren Grundsätzen untreu geworden. Der erfolgreiche Unternehmer Sebastian Garcia und sie, die zurzeit als Hausmädchen auf Troone Manor jobbt - Rosie kann sich kaum vorstellen, dass diese Verbindung eine Zukunft haben wird. Umso größer ist ihre Freude, als Sebastian sie bittet, mit ihm nach Cadiz zu kommen. Er will sie in seiner Nähe haben, bis feststeht, ob die Nacht Folgen hatte. Frühlingstage in Spanien - an der Seite ihres Traummannes! Der Start ins große Glück?


  • Erscheinungstag 28.07.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758370
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Finster betrachtete Sebastian Garcia die Fassade des über vierhundert Jahre alten Herrenhauses Troone Manor, und seine grauen Augen blitzten zugleich wütend und entschlossen. Eher würde er sich das Herz aus der Brust reißen, als dass er Irina Dysart das ausgedehnte Anwesen in die Hände fallen ließ, schwor er sich leidenschaftlich.

Zum ersten Mal sah er ohne Freude dem Besuch in dem schönen alten Haus entgegen, das ihm von seiner Kindheit an wie ein zweites Zuhause war.

Kalter Märzwind zauste ihm das schwarze Haar und erinnerte ihn daran, dass hier in England der Frühling noch nicht so weit gediehen war wie in Südspanien, wo er und seine Mutter lebten.

Sebastian nahm den Koffer vom Rücksitz seiner silbergrauen Limousine, dann ging er über die kreisförmige Auffahrt zur Eingangstür, wo die Haushälterin Madge Partridge ihn bereits lächelnd erwartete.

„Alles unter Kontrolle?“, erkundigte Sebastian sich kurz angebunden.

Madge verging das Lächeln, und sie wich bestürzt einen Schritt zurück.

Sebastian tadelte sich, weil er die Beherrschung verloren hatte, und rang sich ein Lächeln ab. Madge war keine seiner Angestellten – die er mit dem Hochziehen einer Braue zum Parieren veranlassen konnte –, sondern seine Freundin seit Kindertagen. Außerdem führte sie nur gewissenhaft aus, was sein Onkel Marcus Troone ihr aufgetragen hatte: das Haus für dessen zukünftige Frau herzurichten.

Marcus hatte ihn gebeten, in Troone Manor nach dem Rechten zu sehen, und er hatte widerstrebend zugestimmt. Wie sollte er seinem Onkel rechtzeitig klar machen, wie Irina wirklich war? Dieses Problem machte ihn gereizt, aber er durfte seine schlechte Laune nicht an Madge auslassen.

„Tut mir leid, Madge, dass ich so schroff war“, entschuldigte Sebastian sich und zuckte die breiten Schultern. „Ich war die ganze Nacht mit dem Auto unterwegs und bin wahrscheinlich deshalb nicht in besonders guter Stimmung. Sei mir bitte nicht böse!“

„Natürlich bin ich das nicht.“ Madge legte ihm kurz die raue Hand auf die Wange und tadelte ihn liebevoll: „Und nimm ja kein Flugzeug nach London, und lass dich auch nicht von einem der Firmenchauffeure hierher bringen. Tu es bloß nicht, Sebastian.“

Amüsiert und zugleich liebevoll sah sie an, als er an ihr vorbei in die große Halle mit den schweren Deckenbalken ging, wo im Kamin ein Feuer flackerte.

„Ich erinnere mich, wie du mit sechs Jahren zum ersten Mal ohne deine Eltern hier warst … Lieber Himmel, ist das tatsächlich schon dreiundzwanzig Jahre her? Jedenfalls bist du damals an einem Morgen aus dem Fenster und übers Spalier nach unten geklettert, statt die Treppe zu benutzen, um zum Frühstück zu kommen. Den Weg hast du offensichtlich spannender gefunden.“

Sebastian erinnerte sich auch noch genau an den Zwischenfall – und an die Standpauke, die seine Tante Lucia ihm daraufhin gehalten hatte. Beim Gedanken an seine Tante wurde ihm schwer ums Herz. Sie war die jüngere Schwester seines Vaters gewesen und hatte dessen damaligen Geschäftspartner Marcus Troone geheiratet. Er, Sebastian, hatte jeden Sommer mehrere Wochen bei ihnen in Troone Manor verbracht und diese Zeit stets genossen.

Zu ihrem Kummer hatten Lucia und Marcus keine Kinder bekommen, und als Sebastian ungefähr acht Jahre alt war, erkrankte seine lebensfrohe, liebevolle Tante Lucia an multipler Sklerose. Als er sie im folgenden Sommer besuchte, saß sie bereits im Rollstuhl, beinah so hilflos wie ein Baby. Zwei Jahre später war sie dann endlich von ihrem Leiden erlöst worden.

Jetzt wollte Marcus nochmals heiraten – ausgerechnet dieses geldgierige Luder Irina Dysart!

„Ich wusste nicht genau, wann du ankommst, Sebastian. Mittagessen gibt es jedenfalls erst in einer Stunde“, riss ihn Madge aus den trüben Gedanken. „Möchtest du eine Tasse Kaffee, bevor du dich frisch machst?“

Schnell verdrängte er den Zorn auf Irina und bejahte die Frage. Er stellte seinen Koffer auf den abgetretenen Steinplatten der Eingangshalle ab und folgte Madge in die behagliche Küche.

Im ganzen Haus roch es durchdringend nach frischer Farbe, und Sebastian schauderte. Wenn Irina hier das Sagen haben würde, wäre es mit der Behaglichkeit vorbei, die seiner Meinung nach das Wesen eines englischen Landsitzes ausmachte. Stattdessen würde sich überall teurer, schicker und aufwendiger Schnickschnack breit machen.

Natürlich missgönnte er seinem Onkel nicht das Glück einer zweiten Ehe. Marcus war immerhin in den vergangenen zwanzig Jahren weniger Ehemann als Krankenpfleger gewesen, aber dass er sich an eine habsüchtige Hexe band, die alles tun würde, nur um ein riesiges Vermögen in die Finger zu bekommen … Nein, das lasse ich nicht zu, schwor Sebastian sich nochmals.

„Geht es Sir Marcus mittlerweile besser?“, erkundigte Madge sich, während sie den Kaffee einschenkte. „Es hat mich schockiert, aber nicht überrascht, als er kurz vor Weihnachten zusammengebrochen ist. Seit Lady Troones Tod hat er bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet.“

„Ja, es geht ihm viel besser.“ Sebastian setzte sich in den Sessel neben dem großen alten Herd und ließ sich eine Tasse mit starkem schwarzem Kaffee reichen. „Dank des milden Klimas bei uns in Jerez und der Fürsorge meiner Mutter ist er wieder fit.“

„Das muss er ja sein, wenn er sich verlobt hat“, bemerkte Madge ungewohnt anzüglich.

Es klang außerdem fragend und zugleich besorgt, was Sebastian jedoch ignorierte. Er wollte der treuen Seele nicht noch mehr Sorgen bereiten, indem er ihr von seinen Bedenken bezüglich Irina berichtete. Mit der fertig zu werden war sein Problem, und er wusste, wie er damit umzugehen hatte – auch wenn es ihm nicht behagte.

„Sind die Handwerker fertig?“ Bewusst wechselte er das Thema.

„Ja, seit gestern.“ Madge setzte sich an den Tisch und gab einige Löffel Zucker in ihre Tasse. „Sir Marcus wollte lediglich, dass alles frisch gestrichen wird. Seine zukünftige Frau hat bestimmt ganz eigene Vorstellungen, wie das Haus eingerichtet werden soll.“

Sebastian ahnte auch schon wie: elegant, auffallend und völlig seelenlos. Rasch verdrängte er die Vorstellung und fragte: „Was ist mit den Hausmädchen?“

„Da sich nur zwei junge Frauen auf die Annonce hin gemeldet haben, hatte ich keine große Wahl. Die eine ist Sharon Hodges aus dem Dorf. Vielleicht hast du sie schon mal gesehen. Sie ist ein korpulentes, vorlautes Ding. Da ich ihre Familie kenne – lauter Nichtsnutze und Tagediebe – habe ich darauf bestanden, dass sie die nächsten sechs Wochen hier im Haus wohnt. So kann ich sie morgens aus dem Bett und an die Arbeit scheuchen.“ Madge verzog missbilligend das Gesicht. „Das andere Mädchen kommt aus Wolverhampton. Ein zierliches Geschöpf, das aussieht, als könnte ein Windstoß es umpusten! Ich habe darauf hingewiesen, dass es sich um ziemlich schwere körperliche Arbeit handelt, aber falls das die junge Frau beunruhigt hat, so hat sie es nicht zu erkennen gegeben. Sie hat überhaupt nicht viel gesagt, nur dass ihre Mutter vor einigen Monaten gestorben sei und sie vorübergehend einen Job suche, bis sie wisse, was sie mit sich anfangen wolle. Sie heißt Rosie Lambert, wird übermorgen zwanzig Jahre alt und errötet, sobald man sie anredet.“ Madge seufzte. „Na ja, Bettler dürfen nicht wählerisch sein, wie es so schön heißt. Die beiden jungen Frauen sind gestern hier eingezogen und haben angefangen, die Schlafzimmer zu reinigen. Dass sie zufriedenstellend arbeiten werden, wage ich zu bezweifeln.“

„Überlass das Problem nur mir.“ Sebastian lächelte sie beruhigend an. „Ich weiß, wie man Angestellte zu Bestleistungen anspornt. Du hast genug anderes zu tun.“

Er hatte auch noch anderes zu tun, als die Anweisungen seines Onkels auszuführen: Er musste ihm möglichst schonend Irina Dysarts wahren Charakter vor Augen führen.

„Das Haus ist jahrelang vernachlässigt worden“, hatte Marcus zugegeben, nachdem er Sebastian gebeten hatte, auf Troone Manor nach dem Rechten zu sehen. „Ich weiß, dass ich regelmäßig eine Reinigungsfirma hätte engagieren sollen, aber Lucia war vehement dagegen. Sie ertrug es nicht, wenn Fremde ihre Sachen berührten. Würdest du dich darum kümmern, dass das Haus tipptopp in Ordnung ist, wenn ich Irina nach Troone Manor bringe? Madge habe ich bereits angewiesen, vorübergehend einige Hausmädchen einzustellen.“ Marcus hatte glücklich gelächelt und dann hinzugefügt: „Als Nächstes wird Irina ein Kindermädchen engagieren wollen.“

Irina hat also sofort die schwache Stelle ihres Opfers erkannt, dachte Sebastian zynisch. Er kannte sich, im Gegensatz zu seinem Onkel, mit intriganten, raffgierigen Frauen bestens aus.

„Kopf hoch, Madge, es wird schon alles klappen“, ermunterte Sebastian nun die Haushälterin und stand auf, um nach oben in das Zimmer zu gehen, in dem er immer wohnte, wenn er zu Besuch war.

Rosie Lambert erhob sich von den Knien und strich sich eine lange blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, wobei ihr etwas Putzwasser auf die Wangen tropfte, die bereits tränenfeucht waren. Ungeschickt trocknete sie sich das Gesicht am Ärmel der riesigen braunen Kittelschürze ab, die Madge Partridge ihr gegeben hatte.

Ich wünschte, ich wäre nicht hierher gekommen, dachte Rosie. Hätte sie doch nie den Brief gefunden, in dem stand, wer ihr Vater war, und hätte sie an jenem schicksalhaften Morgen bloß nicht auf ihre frühere Arbeitgeberin und gute Freundin Jean gehört.

Es war ein Montagmorgen gewesen, und in Jean und Jeff Edwards kleinem Lebensmittelladen war noch nicht viel zu tun. Rosie arbeitete dort schon seit Längerem und wohnte seit dem Tod ihrer Mutter im Gästezimmer der Edwards in der Wohnung über dem Geschäft. Es war eine Notlösung, solange sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Sie war aus der Hochhaussiedlung förmlich geflüchtet, in der sie neunzehn Jahre lang mit ihrer Mutter gelebt hatte.

„Bestimmt möchtest du bei deiner Intelligenz nicht dein ganzes Leben als Verkäuferin verbringen“, hatte Jean einmal zu ihr gesagt. „Du könnest sogar endlich studieren, was du bisher nicht getan hast, um deine arme, kranke Mom zu pflegen.“

Rosie hatte keine Ahnung, wie sie ihr weiteres Leben gestalten sollte. Sie war zugleich zornig, traurig und verwirrt seit dem Geständnis ihrer Mutter wenige Tage vor deren Tod und seit sie den bewussten Brief gefunden hatte. Und da sie sonst keine Freunde hatte – ihre Mutter hatte sie nie mit den anderen Kindern spielen lassen, konnte sie sich nur Jean anvertrauen, die ihr immer geduldig zuhörte.

An dem bewussten Montag hatte Jean ihr eine Zeitung hingehalten und gesagt: „Das habe ich gestern zufällig bei meiner Schwester entdeckt. Es muss Schicksal sein. Hier, lies das, Rosie!“

Rosies Herz begann wie wild zu pochen, als sie die Annonce las, in der Hausmädchen zu ausgezeichneten Bedingungen ab Anfang März für sechs Wochen gesucht wurden. Bewerbungen waren an die Adresse Troone Manor in Hope Baggot, Shropshire, zu richten.

„Bewirb dich um den Job, Rosie“, riet Jean ihr eindringlich. „Du brauchst ihn nicht anzunehmen, aber wenn du zum Einstellungsgespräch fährst, hast du die Chance, wenigstens mal das Dorf zu sehen, in dem deine Großeltern gelebt haben und deine Mutter aufgewachsen ist. Du könntest sogar Marcus Troone begegnen, der – nach allem, was du mir erzählt hast – offensichtlich der egoistische Schuft ist, der deine Mom geschwängert und im Stich gelassen hat. Dann kannst du immer noch entscheiden, ob du weitergehen willst. Und selbst wenn du ihn auf Anhieb verabscheust, solltest du Forderungen an ihn stellen. Er schuldet dir sehr viel.“

Rosie war davon ausgegangen, dass Sir Marcus persönlich die Einstellungsgespräche führen würde, und hatte überlegte, ob sie ihm dann erklären sollte, wer sie sei, oder ob sie ihn verprügeln sollte, weil er ihre Mutter so schlecht behandelt hatte.

Als sie dann Madge Partridge in der Küche von Troone Manor gegenübersaß, tadelte Rosie sich für ihre Dummheit. Natürlich ließ ein Mann wie Sir Marcus sich nicht dazu herab, eine Putzfrau selbst einzustellen! Wahrscheinlich bemerkte er eine Angestellte nur, wenn diese jung, hübsch und willig war.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass sie sich in ihren, Rosies, Vater verliebt hatte, als sie in den Sommerferien auf dessen Besitz als Aushilfsgärtnerin gearbeitet hatte.

Nachdem Rosie den Brief gefunden hatte, in dessen Briefkopf Troone Manor als Adresse angegeben war, fiel ihr wieder ein, dass ihr Großvater – den sie nie besucht hatte – auf diesem Anwesen als Gärtner gearbeitet hatte. Es lag nahe, dass er sich von seiner Tochter hatte helfen lassen, wenn zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht wurden.

Ihre Mutter hatte ihr auch gestanden, dass der Mann, den sie liebte, verheiratet und ihm wie ihr die Verwerflichkeit ihrer Affäre bewusst gewesen sei. Ihrer Leidenschaft füreinander seien sie dennoch hilflos ausgeliefert gewesen.

Diese Geschichte hatte Rosie nur in einem Punkt glaubhaft gefunden: dass ihre Mutter den Mann von ganzem Herzen geliebt hatte. Ihr Liebhaber jedoch musste ein richtiger Schuft gewesen sein! Ein junges Mädchen von erst achtzehn Jahren zu verführen und dann sitzen zu lassen klang nicht nach leidenschaftlicher Liebe.

Molly Lambert hatte die Ausbildung zur Gärtnerin abgebrochen, um ihr Baby versorgen zu können. Jegliche finanzielle Unterstützung fehlte ihr, und sie nahm Jobs als Reinigungskraft an, die ihr und dem Kind ein Leben nur knapp oberhalb der Armutsgrenze ermöglichten.

Nachdem Mrs. Partridge mir gesagt hatte, dass Sir Marcus in Spanien ist und erst in einigen Wochen zurückkommt, hätte ich das Einstellungsgespräch unter einem Vorwand abbrechen und nach Wolverhampton zurückkehren sollen, sagte Rosie sich nun zerknirscht und beugte sich wieder vor, um die Flecken von den Bodendielen zu entfernen. Aber nein, sie hatte mehr über ihren Vater herausfinden wollen und deshalb den Job angenommen, ein Fehler, denn nun kam sie sich wie eine Betrügerin vor, und das war kein angenehmes Gefühl.

Ihre Mutter war so vernünftig gewesen, das Vergangene ruhen zu lassen und zu akzeptieren, dass der Vater ihres Kindes ihr Leben nicht teilen konnte. Oder es nicht wollte? Ich hätte Moms Entscheidung respektieren und nichts weiter unternehmen sollen, tadelte Rosie sich und hätte am liebsten wieder geweint.

Tief seufzend begann sie, einen besonders hartnäckigen Farbfleck energisch mit der Bürste zu bearbeiten.

Sebastian wollte sein Zimmer betreten und wich sofort wieder einen Schritt zurück. Dann aber musste er lächeln beim Anblick der Gestalt in der viel zu großen braunen Kittelschürze, die den Boden gerade heftig zu schrubben begann, was ihren hübschen, wohl gerundeten Po zur Geltung brachte. Und ihm war sofort klar, dass die junge Frau nicht Sharon sein konnte, sondern nur Rosie Lambert, die Madge als zierlich beschrieben hatte. Ja, klein und zierlich war sie in der Tat – und alles andere als unansehnlich!

Er räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen, und zog überrascht die Brauen hoch, als die junge Frau so hastig, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt, aufstand und sich ihm zuwandte, die Bürste wie einen Schutzschild vor sich haltend.

Offensichtlich hatte Rosie Lambert geweint, denn in ihren großen Augen, die so blau wie Saphire waren, glitzerten noch Tränen.

Mitleid durchzuckte Sebastian. Hatte Madge nicht erwähnt, dass Rosie erst kürzlich ihre Mutter verloren habe? Hatte die Kleine vielleicht keine anderen Angehörigen? Keinen Vater, Geschwister? Niemand, der sich um sie kümmerte? Armes Mädchen!

Erstaunt über seine Überlegungen, stellte er den Koffer am Bett ab und runzelte die Stirn. Es war doch sonst nicht seine Art, gleichsam brüderliche Gefühle zu hegen und eine Frau beschützen zu wollen, oder? Nein, seiner Erfahrung nach waren Frauen sehr gut imstande, sich durchzusetzen und ihre Interessen zu wahren.

„Sie müssen Rosie sein“, sagte er nun und hatte den Eindruck, dass er die arme Kleine einschüchterte, und zwar so sehr, dass ihre Lippen bebten. Schön geschwungene rosige Lippen, die zum Küssen einluden …

Hatte er etwa den Verstand verloren? Wieso dachte er daran, ein Hausmädchen zu küssen? Er rang sich ein, wie er hoffte, beruhigendes Lächeln ab und stellte sich dann vor.

„Ich bin Sebastian Garcia und werde die kommenden Wochen hier verbringen und mich darum kümmern, dass bis zu Sir Marcus’ Rückkehr alles in Schuss ist.“

„Ach, Sie kennen meinen …?“ Rosie verstummte. Beinah hätte sie „meinen Vater“ gesagt! Heftig errötend beendete sie schnell den Satz: „… meinen Arbeitgeber?“

Was ist nur in mich gefahren? Fragte sie sich. Als sie einen Mann sich räuspern gehört hatte, hatte sie vermutet, dass ihr Vater unerwartet nach England zurückgekommen sei und das Zimmer betreten habe. Stattdessen stand da der attraktivste Mann, den sie jemals gesehen hatte. Ja, er war so umwerfend, dass sie den Blick nicht abwenden konnte.

Er hatte graue, von dichten schwarzen Wimpern gesäumte Augen, pechschwarzes Haar, eine aristokratisch wirkende schmale Nase und einen energischen Mund, bei dessen Anblick ihre Haut unerklärlicherweise zu prickeln begann. Außerdem war er groß, breitschultrig und muskulös, und er hatte einen leichten spanischen Akzent, was sie als unglaublich sexy empfand. Kein Wunder, dass sie sich … überwältigt fühlte!

„Ja, Sir Marcus ist mein Geschäftspartner und außerdem mein Onkel“, erklärte Sebastian Garcia freundlich.

Sie war enttäuscht, denn sie hatte gehofft, er sei auch ein Angestellter und stehe mit ihr auf einer gesellschaftlichen Stufe. Stattdessen gehörte er der reichen, angesehenen Familie an, die von ihrer Mutter und ihr nichts hatte wissen wollen. Weshalb ihr das nicht ganz gleichgültig war, konnte sie sich nicht erklären. Außer …

Wieder errötete Rosie heftig und senkte den Kopf, dabei glitt ihr Haar aus dem Band, mit dem sie es im Nacken zusammengefasst hatte, und verbarg ihre glühenden Wangen. Wie konnte sie sich nur für einen Mann interessieren, der so weit außerhalb ihrer Reichweite war, als würde er auf einem anderen Planeten leben? Na gut, er sah fantastisch aus – genau so, wie man sich den Helden eines Liebesromans vorstellte.

Sebastian lächelte amüsiert. Die Frauen, die sich in denselben Kreisen wie er bewegten, wurden nicht rot, wenn man sie ansprach. Nein, sie verzogen verführerisch die Lippen, senkten die Stimme und sandten unmissverständliche Signale aus, während sie einen Mann berechnend musterten. Rosie Lamberts Reaktion war eine ganz neue Erfahrung für ihn.

Ja, die Kleine war ungewöhnlich, und sie hatte ungewöhnlich schönes Haar: goldblond, dicht und glänzend. Ein schäbiges Band hatte sich in einer ihrer seidenweichen Haarsträhnen verfangen, und am liebsten hätte er es ihr aus dem Haar gezogen, aber dann wäre sie womöglich in Ohnmacht gefallen wie eine viktorianische Jungfer.

„Ich mache Ihnen sofort Platz“, sagte sie leise und wirkte befangen und angespannt.

Sebastian hätte sie am liebsten gefragt, warum sie so verkrampft sei und ob er ihr irgendwie helfen könne, unterließ es aber. Sie würde wahrscheinlich in Panik weglaufen, wenn er schon jetzt derartig persönliche Fragen stellte.

„Machen Sie ruhig weiter“, sagte er stattdessen sachlich. „Die Arbeit muss getan werden, und Sie stören mich überhaupt nicht.“

Rosie wandte sich ihm wieder zu. Er zog gerade die Lederjacke aus, und nun sah man erst richtig, wie athletisch er war: breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine – ja, Sebastian Garcia sah unglaublich gut aus. Hitze durchflutete sie, als sie ihn beobachtete, wie er zum Schrank ging und seine Jacke aufhängte. Obwohl er sehr groß war – bestimmt einen Meter achtzig –, bewegte er sich sehr geschmeidig.

Plötzlich wurde Rosie der Mund trocken, und der Atem stockte ihr. Noch nie war ihr beim Anblick eines Manns so seltsam zumute gewesen … so als hätte sie keine Kontrolle mehr über ihren Körper und ihre Gedanken! Zum Glück merkte Sebastian Garcia nicht, wie starr sie ihn ansah, und er ahnte bestimmt nicht, welche Wirkung er auf sie ausübte.

Rasch kniete sie sich neben den Eimer und begann, energisch zu schrubben. Mr. Garcia hatte gesagt, sie würde ihn nicht stören. Warum auch? Sie war ja nur die Putzfrau, die man übersah, wenn man ihr nicht gerade Anweisungen gab. Es wäre äußerst dumm, sich für ihn zu interessieren, sagte Rosie sich streng. Mindestens so dumm, wie hierher nach Troone Manor zu kommen auf der Suche nach ihrem Vater, der von ihr nichts hatte wissen wollen!

2. KAPITEL

Rosie saß auf dem Bett in dem kleinen Mansardenzimmer, in dem sie die kommenden Wochen wohnen würde, und ließ betrübt die Schultern hängen. Sie hatte Geburtstag, und noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt.

Dass sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, Fußböden zu schrubben, machte ihr nichts aus, denn sie wurde schließlich dafür bezahlt. Sie wollte auch gar kein aufwendiges Fest, keine schön eingepackten Geschenke – ihr graute nur vor dem langen, leeren Abend.

Früher hatten sie und ihre Mutter die Geburtstage gefeiert, indem sie etwas besonders Leckeres gekocht und eine Kerze auf den Tisch gestellt hatten. Für teure Geschenke hatte das Geld nicht gereicht. Seit ihrem sechzehnten Geburtstag hatte es zum Essen allerdings immer eine Flasche preiswerten Weins gegeben.

Und nun vermisste sie ihre Mutter ganz schrecklich! Sie hatte im Kerzenlicht meist wieder ganz jung und sorglos ausgesehen, gelacht und fröhlich geplaudert.

Heißer Zorn erfüllte Rosie unvermittelt. Ihre Mutter hatte jeden miesen Job angenommen, um sie beide über Wasser zu halten, hatte geknausert und gespart, ohne über ihr schweres Los zu klagen, während der Mann, der ihr das alles angetan hatte, in Luxus schwelgte und keinen Gedanken an sie verschwendete!

Aufgebracht stand sie auf und ging in dem kleinen Zimmer hin und her, weil sie meinte, vor Wut in die Luft zu gehen.

Sie hatte sich im Lauf der Zeit abgewöhnt, nach ihrem Vater zu fragen, weil ihre Mutter immer nur behauptet hatte, sie habe ihn sehr geliebt – und er sie –, nur durch die Umstände sei ein Zusammenleben nicht möglich gewesen. Da sie dann immer sehr traurig gewirkt hatte, hatte Rosie nicht weiter nachgehakt.

Erst wenige Tage vor ihrem Tod hatte Molly Lambert alles gestanden. „Dein Vater weiß nicht, dass es dich gibt, Rosie. Damals lebte ich noch bei meinen Eltern, und als ich merkte, dass ich schwanger war, bin ich zu Hause sofort ausgezogen. Er war verheiratet, und wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich ein Kind von ihm erwartete, wäre er in einen schrecklichen Gewissenskonflikt geraten. Ich habe ihn ohne ein Wort verlassen, weil ich es für alle Beteiligten am besten hielt.“ In ihre Augen traten Tränen. „Du darfst nicht schlecht von ihm denken, Rosie, denn das würde ich nicht ertragen. Er war ein wirklich feiner Mensch.“

Autor

Diana Hamilton

Diana Hamilton gehört zu den populären britischen Autorinnen für Liebesromane. Seit 1986 wurden über 50 Romane von ihr veröffentlicht.

Bereits als Kind trainierte Diana Hamilton ihre Fantasie. Gern wäre das Stadtkind auf dem Land geboren, deshalb verwandelte sie den Baum im Garten des Nachbarn in einen Wald, aus...

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