Daddy gesucht

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Der Schriftsteller David Hartford hat ein luxuriöses Strandhaus geerbt - allerdings muss er, wie die ehemalig Besitzerin, jedes Jahr einen Maskenball veranstalten. Zu dem rauschenden Fest lädt er auch seine beiden Freunde Trevyn und Bram ein - wie er ehemalige CIA-Agenten. David ahnt nicht, dass die schönen Drillingsschwestern Athena, Alexis und Augusta Ames sich - in zauberhafter Verkleidung - auf seinen Ball schleichen. Sie wollen herausfinden, warum David und nicht sie, das Haus ihrer Tante geerbt hat. Jede von ihnen umgarnt in dieser turbulenten Nacht einen der drei Freunde. Auch Stunden später weiß David nicht, wer die schöne Fremde war, die ihn so in Versuchung führte. Nur eins dämmert ihm am nächsten Morgen - er kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ob er mit der tollen Frau geschlafen hat oder nicht. Als er Monate später erfährt, dass sie ein Kind erwartet, glaubt er, der Vater zu sein. Richtig oder falsch?
  • Erscheinungstag 20.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754570
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Februar

„Ich fühle mich wie eine Mordverdächtige“, sagte Alexis Ames zu ihrer Schwester Athena. „Wie in der letzten Szene eines Krimis, in der der Detektiv zahlreiche Personen in einem Raum versammelt und sagt: Ich habe Sie alle heute hier zusammengerufen …

Athena lächelte, als ihre Schwester einen bekannten Fernsehdetektiv imitierte. Das nüchtern eingerichtete Konferenzzimmer des Anwaltsbüros drückte jedoch sofort wieder ihre Stimmung.

Sie saßen an einem langen Glastisch. Die Wände waren so grau wie der winterliche Himmel über Oregon. Zusätzlich waren sie wegen Tante Sadies Tod deprimiert.

„Solche Szenen spielen sich für gewöhnlich auf einer sagenhaften Yacht oder in einer gemütlichen Bibliothek mit Kamin ab“, entgegnete Athena. Hier gab es nicht einmal Vorhänge, sondern nur Jalousien – ebenfalls grau.

„Und wir sind auch nur zu dritt“, wandte Augusta, die dritte Schwester, leise ein. „Das kann man kaum als zahlreiche Personen bezeichnen.“

Alexis seufzte. „Ich weiß, ich weiß, und es gab auch keinen Mord, nur einen Todesfall. Wisst ihr noch, wie Tante Sadie immer sagte, sie wollte im Bett sterben?“

Athena lächelte bei der Erinnerung. „Ja, und dann fügte sie noch hinzu: in Mel Gibsons Bett.“

Alle drei lachten zum ersten Mal, seit sie sich gestern Nachmittag im Flughafenhotel getroffen hatten.

„Es ist nur ein kleiner Trost“, meinte Alexis, „aber sie starb bei einer ihrer Lieblingstätigkeiten. Hawaii war ihr bevorzugter Aufenthaltsort. Und sie liebte es, sich in Lahaina zu erholen und nach Oahu zum Einkaufen zu fliegen.“

Athena fand es nicht tröstlich, dass eine Frau Anfang sechzig nun im Wrack eines kleinen Flugzeugs auf dem Grund des Pazifiks lag.

Sadie Richmond, frühere Tänzerin am Broadway, hatte den Drillingen stets die Liebe geschenkt, zu der ihre Schwester, die Mutter der drei, unfähig war. Athena und ihre Schwestern hatten die Ferien im Frühjahr und im Sommer in ihrem Strandhaus verbracht und waren von ihr umsorgt und zu allem Möglichen ermuntert worden.

„Ich kann noch nicht glauben, dass wir sie nie wieder sehen werden“, flüsterte Augusta. Sie war die sensibelste von den dreien und unterrichtete in der dritten Klasse. Zu einem bodenlangen geblümten Kleid trug sie Riemchensandalen. Das lange rote Haar hatte sie locker hochgesteckt. Einzelne Strähnen fielen auf die Wangen und in den Nacken.

„Ich male dir ein Porträt von ihr“, versprach Alexis, um Augusta zu trösten. „Sofern ich es jemals wieder schaffe.“ Alexis war eine Künstlerin, die nach eigenen Angaben im Moment unter einer Sperre litt. Zu einer weißen Seidenbluse mit weiten Ärmeln trug sie eine schwarze Hose und Stiefel. Das Haar war dunkelrot wie bei ihren Schwestern und fiel ihr bis auf den Rücken.

„Du erlebst nur eine Flaute. Niemand bringt ständig Höchstleistungen.“ Athena schlug den gleichen überzeugenden Ton an wie im Gerichtssaal. Sie dachte stets praktisch und suchte auf alles eine Antwort.

Alexis warf ihr einen zweifelnden Blick zu und betrachtete skeptisch Athenas blaues Kostüm, die schlichte weiße Bluse und den Knoten, zu dem sie das Haar im Nacken geschlungen hatte. Es war klar, dass sie ihrer Schwester kein Verständnis für eine Künstlerin zutraute.

Athena schwieg dazu. Ihre Art, sich zu kleiden, half ihr bei Verhandlungen und Streitigkeiten, bei denen sie es hauptsächlich mit Männern zu tun hatte. Frauen, die sich im Gerichtssaal stilvoll kleideten, wurde meistens vorgeworfen, sie wollten ablenken und verwirren.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich dieser nüchterne Stil auch auf ihr Privatleben auswirken würde. Nachdem sie jedoch ihre eigene Kanzlei eröffnet hatte, blieb ihr ohnedies kaum Zeit für ein Privatleben, und das wenige verbrachte sie meistens mit anderen Anwälten. Allerdings war das reizlose Kostüm ungewollt zu einem Spiegelbild ihrer Persönlichkeit geworden.

Während sie ihre schönen und femininen Schwestern betrachtete, verglich sie deren Aussehen und Wesen mit ihrem eisernen Willen zum Erfolg. Die beiden hatten jene Fraulichkeit erreicht, die sie selbst stets bei Sadie bewundert hatte.

Schon als Kind hatte Athena Anwältin werden wollen, doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass es außer Arbeit nichts in ihrem Leben geben würde.

„Achtung“, flüsterte Alexis, als ein Mann mit Schnurrbart und beginnender Glatze die Tür öffnete. „Monsieur Poirot höchstpersönlich.“

Der Schnurrbart des Mannes war ziemlich schlicht und konnte sich nicht mit Poirots raffiniert gezwirbeltem Bart vergleichen, doch die Ähnlichkeit reichte aus. Athena war für die Aufmunterung in einem so traurigen Moment dankbar.

Der Mann trat an den Tisch und legte einen Stapel Papiere ab. „Guten Tag“, sagte er mit einem leichten Akzent, der ihn noch mehr wie Poirot wirken ließ. „Willkommen in Portland. Ich bin …“ Offenbar vergaß er seinen Namen, als er Alexis, Athena und Augusta der Reihe nach betrachtete. „Ich bin … ich …“

„Sie sind Bernard Pineau.“ Athena machte sich zur Wortführerin. Da sie neunzehn Minuten vor Alexis und siebenunddreißig Minuten vor Augusta auf die Welt gekommen war, hatte sie sich stets als Älteste betrachtet. „Hat Tante Sadie Ihnen nicht gesagt, dass wir eineiige Drillinge sind?“

„Doch, sicher“, erwiderte er verlegen lachend. „Entschuldigen Sie bitte meine Überraschung.“

Athena und ihre Schwestern waren von Kindheit an daran gewöhnt, mit ihrer unglaublichen Ähnlichkeit die Leute zu verwirren. Da sie jetzt an völlig verschiedenen Orten lebten, kam es nicht mehr so häufig vor. Athena stellte sich und danach Lex und Gusty vor.

Pineau gab ihnen die Hand und setzte sich. „Sie sind vermutlich die Anwältin aus Washington, D.C.“, sagte er zu Athena. „Sadie war sehr stolz auf Sie.“

„Danke.“

Er betrachtete die beiden anderen Schwestern und lächelte Alexis zu. „Sie haben das Atelier in Rom?“

„Allerdings“, bestätigte Alexis.

„Ihre Madonna 4 hängt bei mir daheim im Arbeitszimmer. Sadie hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. Meine Frau und ich schätzen sie sehr.“

„Das freut mich“, erwiderte Alexis überrascht. „Tante Sadie rührte stets für mich die Werbetrommel und betätigte sich auch als Verkaufsagentin.“

„Das stimmt“, meinte er und wandte sich an Augusta.

„Ich bin die Lehrerin“, sagte sie. „In Pansy Junction in Kalifornien. Dritte Schulstufe. Ich liebe meine Arbeit.“

Pineau lächelte ihr freundlich zu. Augusta entlockte allen Menschen ein Lächeln. „Möchten Sie Kaffee, bevor wir beginnen?“, erkundigte er sich.

Alle drei lehnten ab.

„Wir haben gerade erst zu Mittag gegessen“, erklärte Athena.

Er nickte. „Ich möchte Ihnen zuerst mein Beileid zum Tod Ihrer Tante aussprechen. Vor einem Jahr lernte ich sie kennen, als wir uns um das Testament kümmerten, und ich fand sie ganz reizend und äußerst klug.“

Athena wollte antworten, brachte jedoch keinen Ton hervor.

„Danke“, sagte Alexis. „Das war auch unsere Meinung.“

Pineau griff nach den Unterlagen und begann zu lesen. „Ich, Sadie Richmond, im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte …“

Athena und ihre Schwestern wechselten immer wieder betrübte Blicke. Bei ihnen gab es keine Habgier. Es war unwichtig, was Sadie wem hinterlassen hatte. Sie konnten nur noch immer nicht glauben, dass ihre Tante nicht mehr lebte, und waren bereit, ihre letzten Wünsche zu erfüllen.

Der Anwalt blätterte weiter. „Athena vermache ich meine Tiffany-Uhr mit der Diamant-Lilie in der Hoffnung, dass ihr dies den ewigen Zeitdruck etwas verschönert. Außerdem vermache ich ihr meine Brosche aus Diamanten und Aquamarin, weil sie zu ihren schicken Kostümen passt.“

Athena schloss die Augen und sah ihre Tante, wie sie die Brosche an dem schicken schwarzen Kleid, auf dem dunkelroten Wollkostüm und auf dem blauen Blazer bei der Regatta in Dancer’s Beach getragen hatte. Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Alexis hinterlasse ich alle meine Hüte“, fuhr Pineau fort, „weil sie ihr stets an mir gefallen haben und sie der richtige Typ dafür ist. Ich möchte auch, dass sie den Degas aus dem Korridor im ersten Stock bekommt, weil sie dafür Modell gestanden haben könnte.“

Athena kannte die Ballerina im vergoldeten Rahmen und hielt das Geschenk für sehr passend, weil Alexis sich wie eine Tänzerin vom Ballett bewegte.

Alexis lief eine Träne über die Wange. Augusta drückte ihr die Hand.

„Augusta hinterlasse ich meine Puppensammlung und den Teddybären, den sie immer an sich presste, wenn sie ihre Schwestern nicht mehr ertrug.“

Gusty nickte und war den Tränen nahe. Alexis tätschelte ihr den Rücken.

„Ich wünsche, dass die Mädchen meine Kleidung und meinen Schmuck nach Belieben unter sich aufteilen. Den Rest möchte ich einem Frauenhaus spenden. Leider befindet sich nicht viel Geld auf meinem Konto, aber die Mädchen wissen, wie gern ich reiste. Dieses Geld soll unter ihnen zu gleichen Teilen aufgeteilt werden.“ Pineau legte eine kleine Pause ein. „Und David Hartford hinterlasse ich Cliffside mit dem gesamten Mobiliar.“

Athena wandte sich ruckartig an ihre Schwestern, die genauso überrascht waren wie sie. Sekundenlang herrschte Stille, ehe sie wie aus einem Mund fragten: „Wem?“

„David Hartford“, wiederholte Pineau. „Offenbar ein Freund.“

„Von dem habe ich noch nie gehört“, sagte Alexis. „Ein Freund? Aus Dancer’s Beach?“

Pineau schüttelte den Kopf. „Sie hat mir nicht erklärt, woher sie ihn kannte.“

„Uns gegenüber hat sie ihn nie erwähnt.“ Augusta sah ihre Schwestern an, die jedoch die Köpfe schüttelten.

„Sie haben sich doch bestimmt mit ihm wegen des Testaments in Verbindung gesetzt, Mr. Pineau“, bemerkte Athena misstrauisch. „Also wissen Sie, wo er wohnt. Wieso ist er nicht hier?“

„Er wohnt in Chicago, konnte jedoch nicht kommen. Darum habe ich ihm alles, was ihn betrifft, gefaxt und das Haus auf seinen Namen überschrieben.“

Augusta und Alexis waren sichtlich fassungslos.

„Wann hat Tante Sadie das Testament geändert?“, fragte Athena. „Als wir vor zwei Jahren zu Weihnachten zusammentrafen, wollte sie Cliffside uns dreien hinterlassen. Es geht uns nicht um den Besitz an sich, aber das Haus gehört zu unserer Familie. Wer ist denn dieser Mann?“

„Dieses Testament …“, setzte Pineau an.

„Tante Sadie erzählte uns von Dancer’s Beach“, fiel Augusta ihm ins Wort. „Sie lebte sehr ruhig. Manchmal stellte sie Cliffside für örtliche Veranstaltungen zur Verfügung, weil das Haus so groß ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemanden so gut kennen lernte, ohne uns davon zu berichten. Wir haben nie ein Wort über ihn gehört.“

Pineau schüttelte bedauernd den Kopf. „Es ist nicht meine Aufgabe, mich über die Begünstigten aus einem Testament zu erkundigen. Ich sorge nur dafür, dass die Wünsche der Verstorbenen ausgeführt werden.“

„Wann hat sie das Testament geändert?“, fragte Alexis noch ein Mal.

„Wie ich schon sagte“, erwiderte Pineau geduldig, „haben wir dieses Testament vor einem Jahr aufgesetzt.“

Athena stand erregt auf. Alexis ging unruhig auf und ab.

„Ich verstehe das nicht“, sagte Augusta. „Wo soll sie diesen Hartford kennen gelernt haben?“

„Vielleicht auf einer ihrer Reisen“, erwiderte Alexis. „Er könnte ein Gigolo sein, der es auf ältere Frauen und ihre Ersparnisse abgesehen hat … oder auf ihr Haus.“

„Meine Damen, Sie sind wegen Cliffside natürlich enttäuscht“, sagte Pineau. „Ihre Tante war jedoch sehr ruhig und selbstsicher, als sie diese Verfügung traf. Ich bin überzeugt, dass sie Mr. Hartford das Haus unbedingt hinterlassen wollte. Und ich denke, sie war zu klug, um auf einen Betrüger hereinzufallen.“

„Einen Beweis gibt es dafür aber nicht“, wandte Athena ein. „Sie haben schließlich keinerlei Ermittlungen angestellt.“

Alexis schlug die Hände zusammen. „Vielleicht will er Cliffside wegen der Schmugglertreppe! Ich meine, abgesehen davon, dass es ein wunderbares Haus ist.“

„Richtig!“, bestätigte Augusta.

„Was für eine Treppe?“, fragte Pineau verwirrt.

„Als wir noch Kinder waren“, erklärte Athena, „entdeckten wir im Keller von Cliffside eine Tür zu einer Treppe, die durch die Klippe zum Strand führt. Sadie hielt sie verschlossen. Sie erzählte uns, dass während der Prohibition zu Großvater Richmonds Zeiten auf diesem Weg Alkohol geschmuggelt wurde. Vielleicht will Hartford das Haus für einen ähnlichen Zweck – zum Beispiel für Drogen.“

„Meine Damen …“, rief Pineau.

„Ich weiß, ich weiß“, fiel Athena ihm ins Wort. „Es ist nicht Ihre Aufgabe, diesen Mann zu überprüfen, aber die unsere. Überlegen Sie doch. Unsere Tante stirbt beim Absturz einer kleinen Maschine, kurz nachdem sie den Familiensitz einem völlig Fremden vermacht hat!“

„Das Testament wurde schon vor einem Jahr geändert“, wandte Pineau ein. „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es sich bei dem Absturz nicht um einen Unfall handelte. Und für Ihre Tante war Hartford kein Fremder.“

Athena achtete nicht auf ihn. „Solange das Wrack nicht gehoben und einwandfrei ein Unfall festgestellt wird, sollten wir uns diesen Hartford genauer ansehen. Was meint ihr?“

Augusta nickte. „Das machen wir. Ich habe ohnedies zwei Wochen Urlaub.“

Alexis griff nach ihrer Umhängetasche. „Ich bin dabei. Über meine Zeit kann ich schließlich frei verfügen. Wo fangen wir an?“

„Wie lautet Hartfords Adresse?“, fragte Athena den Anwalt.

Pineau deutete auf die Dokumente auf dem Tisch. „Cliffside, Dancer’s Beach, Oregon.”

1. KAPITEL

David Hartford betrachtete das große Wohnzimmer seines neuen Zuhauses. Es wirkte behaglich, auch wenn es keinen bestimmten Stil aufwies. Einige der geerbten Möbelstücke hatte er in Aufbewahrung gegeben, um Platz für seine Sachen zu schaffen. Später wollte er entscheiden, was damit geschah.

Vor zehn Tagen hatte ihn Tantchens Anwalt angerufen, weil er einen zwei Morgen umfassenden Besitz am Pazifischen Ozean geerbt hatte. Noch heute konnte er es kaum glauben. Er war in einem Haus aufgewachsen, das drei Mal so groß war wie dieses hier, doch darin hatte er sich nie so wohl gefühlt wie hier schon nach einer knappen Woche.

Zum Erbe gehörten neben diesem Haus im Kolonialstil ein Gästehaus, eine Wohnung über der Garage für vier Autos und ein kleiner Wald, der sich hinter dem Besitz halbmondförmig hinzog. Vor dem Haus erstreckte sich dreißig Meter weit eine Wiese bis zum Rand der Klippe, die fünf Meter über dem Meer aufragte. Am Klippenrand wuchsen Büsche, die er nicht kannte.

Das alles verdankte er einer Frau, die er nie persönlich kennen gelernt hatte, einer CIA-Agentin mit dem Decknamen Tantchen. Bei zahlreichen Einsätzen für die CIA hatte sie mit ihm den Kontakt per Telefon und Funk aufrechterhalten. Er hatte mitgeholfen, sie zu retten, als sie in Afrika in den Vormarsch einer Rebellentruppe geriet. Allerdings hatte er nur Söldner verständigt. Genau genommen hatten daher sie Tantchen das Leben gerettet. Das war für sie allerdings laut ihres Anwalts nicht entscheidend gewesen.

Natürlich war auch David dankbar. Diese Erbschaft hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Nach dem Fiasko in Afghanistan hatte für ihn und seine Kameraden die Tätigkeit für die CIA an Reiz verloren. Alle drei versuchten sich jetzt als Zivilisten.

Die Möbel aus seiner Chicagoer Wohnung standen also nun zwischen einem kleinen runden Mahagonitisch und einem Klavier aus der Zeit der Jahrhundertwende. Auf dem Regal hatte er seine Sammlung handgeschnitzter Entenköder untergebracht. Der große Schrank aus dem Schlafzimmer diente als Unterhaltungszentrum. Der Anwalt hatte ihm eine Liste der Dinge gefaxt, die anderen vermacht worden waren. David hatte diese Gegenstände bereits weggeschickt.

Er musste niesen. Bisher hatte er nie unter Allergien gelitten, aber ausgerechnet hier in Oregon im Winter setzten ihm Feuchtigkeit und Schimmelpilze zu.

Trevyn McGinty und Bram Bishop kamen herein, beide mit Klappstühlen, die sie aus dem Saal des Rathauses geholt hatten.

„Hilfst du uns?“, fragte Trevyn und ging ins Esszimmer weiter. „Oder willst du nur herumstehen und dich beglückwünschen, weil du dich schon mit dem Bürgermeister von Dancer’s Beach angefreundet hast?“

„Er steht nur herum“, scherzte Bram. „Nur weil er uns eine Weile bei sich wohnen lässt, hält er sich für was Besseres. Kannst du uns eigentlich verraten, wieso wir eine Party für zweihundert Leute ausrichten, obwohl wir hier niemanden kennen?“

David folgte den beiden und half ihnen beim Aufstellen der Stühle. „Tantchen spielte jedes Jahr die Gastgeberin für den Maskenball der Gesellschaft für Denkmalschutz. Durch ihren Tod standen sie zehn Tage vor der Party ohne die nötigen Räumlichkeiten da.“

Trevyn und Bram hatten ebenfalls mit Tantchen zusammengearbeitet. Trevyn sah sich seufzend um. „Im Job war sie cool“, meinte er lächelnd. „Seltsam, dass sie so ein schönes Zuhause hatte, es aber trotzdem bereitwillig verließ, um … Ja, warum eigentlich? Uns ging es ums Abenteuer, aber was sucht eine Sechzigjährige?“

„Vielleicht eine gewisse Erfüllung“, bemerkte Bram. „Bei ihr hat man gemerkt, dass sie keine Frau war, die nichts weiter im Leben tat, als Golf zu spielen.“ Er klappte den nächsten Stuhl auf. „Gibt es denn in der Stadt keine geeignete Halle? Muss das Fest hier stattfinden?“

„Die Einladungen waren bereits verschickt“, erklärte David, „viele davon an Leute, die nur im Sommer in Dancer’s Beach wohnen. Sie alle zu verständigen, wäre zu schwierig gewesen. Darum hat sich der Bürgermeister an mich gewandt, und da wir drei in dieser Stadt leben wollen, habe ich zugestimmt.“

Trevyn stellte den letzten Stuhl auf. „Weißt du etwas über die Typen von der Gesellschaft für Denkmalschutz?“

David betrachtete ihr Werk. „Nicht viel. Wahrscheinlich sind alle ungefähr in Mrs. Beasleys Alter, also Mitte sechzig. Hofft nicht auf hübsche junge Dinger. Wahrscheinlich kommen sie aber als Kunden für dein Fotostudio in Frage.“

„Das hoffe ich“, sagte Trevyn. „Unglaublich, dass Tantchen dir das alles hinterlassen hat. Und wir haben Glück, dass du dich noch immer um uns kümmerst, obwohl wir nicht mehr gemeinsam auf Einsatz gehen.“

David schob eine Stehlampe beiseite, um Platz zu schaffen. „Wir haben so oft gemeinsam die Köpfe hingehalten, dass wir jetzt auch gemeinsam neu beginnen sollten.“

In den vergangenen Jahren waren sie einander näher gekommen als Brüder, während sie die Schmutzarbeit für die Regierung erledigten. Mehr als einmal hatten sie sich gegenseitig das Leben gerettet.

„Wieso bekommt eigentlich er das Gästehaus?“, fragte Bram, „und ich lande über der Garage und muss täglich Abgase einatmen?“

Bram meinte es nicht ernst. Er hatte auch beim letzten Einsatz, bei dem alles schief lief, keine Angst gezeigt. Er war älter als Trevyn und David und hatte auch mehr erlebt, und er war alles andere als selbstsüchtig.

„So bist du uns zwischen den Füßen weg“, erwiderte David. „Du weißt schon, wie der verrückte Verwandte, über den man nicht gern spricht.“

„Willst du lieber das Gästehaus?“, fragte Trevyn.

Bram lachte. „Du bist unglaublich leicht reinzulegen. Nein, ich will es nicht. Ich brauche keine Dunkelkammer und auch keinen Platz für Geräte wie du. Ich habe mein Büro in der Stadt, und wenn ich heimkomme, brauche ich nur noch einen Fernseher, eine Kaffeekanne und ein Bett.“

Zu dritt gingen sie zu dem Wagen hinaus, mit dem sie die Stühle gebracht hatten, von denen noch ein Dutzend abgeladen werden musste. Aus dem grauen Himmel fiel Regen. Der Wind war kalt.

„Ich habe übrigens schon einen Fall“, sagte Bram und kletterte auf den Lastwagen. „Es ist nur eine Überwachung in einer Scheidungssache, aber als Detektiv muss man irgendwie anfangen.“

„Wenigstens hast du ein Büro gefunden und es auch innerhalb von drei Tagen eröffnet.“ Trevyn nahm zwei Stühle auf jeden Arm und kehrte zum Haus zurück. „Ich habe ein Fotostudio, aber es dauert noch Wochen, bevor ich bereit bin.“

David sah ihm besorgt nach. Er wusste, welche Bürde Trevyn trotz des sorglosen Auftretens mit sich herumschleppte.

„Er kommt schon wieder auf die Beine“, sagte Bram und reichte David zwei Stühle vom Wagen herunter.

„Er spricht nicht über den Einsatz“, wandte David ein. „Das ist nicht gut.“

„Weil du schreibst“, sagte Bram grinsend, „musst du alles verstehen. Du musst jedes Detail kennen und wissen, wie alles zusammenhängt. Aber nicht alle sind so. Manche lassen es einfach laufen. Er erholt sich. Er hat keine Albträume mehr und bringt Ort und Zeit nicht mehr durcheinander. Mach dir keine Sorgen.“

David kehrte mit den Stühlen ins Haus zurück. Hoffentlich hatte Bram recht. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst vor zwei Monaten hatten sie in Chicago in Davids Apartment gewohnt. Er und Bram waren mehrmals von Trevyns Albträumen wegen des letzten Einsatzes geweckt worden.

David und Trevyn waren von der CIA schon vor Jahren zusammengespannt worden, ein Autor und ein Fotograf, die bestens geeignet waren, Informationen zu beschaffen. Zwischen den einzelnen Einsätzen waren sie normalen Berufen nachgegangen. David hatte eine Kolumne für die Chicago Tribune geschrieben, und Trevyn hatte als Fotoreporter gearbeitet. Der Verleger, ein Veteran, wusste über ihre Arbeit für die Regierung Bescheid.

Der letzte Auftrag hatte sie nach Afghanistan geführt, wo sie Raisu, einen berüchtigten Terroristen, im Paghman-Gebirge nördlich von Kabul aufspüren sollten. Bram, fünfzehn Jahre lang Sicherheitsexperte beim Militär und fünf bei der CIA, hatte für ihren Schutz gesorgt.

Einen jungen Einheimischen hatten sie als Führer und seine Schwester als Dolmetscherin angeheuert. Bram wollte sich eigentlich auf keine Außenseiter verlassen, doch Gebiet und Sprache ließen ihnen keine andere Wahl.

Trevyn hatte zu Farah, der Dolmetscherin, eine besondere Beziehung entwickelt. Als sie vorausgehen wollte, um als Ablenkung zu dienen, während David sich mit der Gruppe näherte, hatte Trevyn ihr das verboten. Sie hatte es trotzdem getan.

Bei der Ankunft war alles schief gelaufen, und Farah war als Erste gestorben.

Die Flucht war qualvoll gewesen. Als sie endlich in Pakistan in Sicherheit waren, hatte Trevyn tagelang nicht gesprochen. Danach hatten sie alle drei ihren Abschied genommen.

Bram hatte nie ein ziviles Leben gehabt. Trevyn schien zwar wiederhergestellt zu sein, doch er wirkte auf seine Freunde noch ziemlich zerbrechlich. Alle drei hatten sich geeinigt zusammenzubleiben, bis sie endgültig über ihr weiteres Leben entschieden.

Die Chicago Tribune wollte, dass David seine preisgekrönte Kolumne fortsetzte, doch das konnte er nicht mehr. Früher hatte er mit scharfem Geist, Erbe von seinem Vater, und mit Charme freundlich und warmherzig über das Leben in Amerika geschrieben, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres. Doch seit Afghanistan verfolgte es ihn, was Menschen einander antaten. Jetzt neigte er eher zu dem Roman, an dem er seit anderthalb Jahren in seiner Freizeit schrieb. Darin verarbeitete er persönliche Erfahrungen, ohne dabei Geheimnisse der CIA zu verraten.

Im Haus nahm Trevyn ihm die Stühle ab und ging zur großen Küche. „Stellen wir sie da hinein?“

„In Ordnung.“ David zeigte zu der Ecke, in der ein Sofa und eine Lampe eine kleine Lesenische bildeten. „Dort sind sie nicht im Weg.“

Bram kam mit den letzten Stühlen und stellte sie neben das Sofa.

„Kommen wirklich keine allein stehenden Frauen zu dem Fest?“, fragte Bram.

„Vielleicht“, erwiderte David. „Die ganze Stadt ist eingeladen. Kann sein, dass schöne und ungebundene Frauen an einem verregneten Samstagabend nichts Besseres zu tun haben, als zu einem Fest der Gesellschaft für Denkmalschutz zu gehen. Dann könnte auch deine Traumfrau dabei sein.“

„Wie muss die denn sein?“, erkundigte sich Trevyn. „Schwarzer Gürtel? Jahrgangsbeste am Schnellfeuergewehr?“

„Ich suche eine Frau, die sich an den Spruch Make love not war hält“, sagte Bram lachend. „Vom Kämpfen habe ich genug.“

„Ganz meine Meinung“, bestätigte Trevyn. „Ich will eine, die mich unwiderstehlich findet.“

„Von welchem Planeten soll die denn kommen?“, fragte David.

„Eigentlich ist das eine Beleidigung“, stellte Trevyn fest. „Aber du bist mein Vermieter. Gibt es noch etwas zu tun?“

„Nein“, erwiderte David. „Ruh dich aus. Passt das Kostüm?“

„Ganz gut. Die Ärmel sind etwas kurz, aber die Rüschen verdecken das. Kaum zu glauben, dass ich das für dich mache.“

„Du machst es für dich selbst. Denk daran, dass du durch diese Leute gut ins Geschäft kommst. Die haben alle Enkelkinder und wollen sie fotografieren lassen. Passt dein Kostüm, Bram?“

„Ja. Da es unter meinen Vorfahren keinen Orang-Utan gibt, sind auch die Ärmel lang genug.“

„Sehr witzig.“ Trevyn ging zur Tür. „Wann kommt der Partyservice?“

„Ungefähr eine Stunde vorher“, erwiderte David. „Etwa um sechs.“

Bram folgte Trevyn ins Freie. „Du suchst ein Traummädchen, das auch gleichzeitig toll kochen kann?“

Autor

Muriel Jensen

So lange Muriel Jensen zurückdenken kann, wollte sie nie etwas andere als Autorin sein. Sie wuchs in einer Industriestadt im Südosten von Massachusetts auf und hat die Menschen dort als sehr liebevoll und aufmerksam empfunden. Noch heute verwendet sie in ihren Romances Charaktere, die sie an Bekannte von damals erinnern....

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