Das Herz einer Frau

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Nimmt eine so glamouröse Frau wie Ashley ihn überhaupt ernst? Als Bauunternehmer ist Matt Callaway ein Selfmademillionär. Und doch behandelt sie ihn selbst in der Hitze Floridas mit kühler Distanz. Erst ein furchtbarer Hurrikan verändert ihrer beider Leben für immer…
  • Erscheinungstag 09.09.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753092
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Ashley Kendricks Tag hatte schlecht begonnen, und danach war es beständig bergab gegangen. Sie hatte geglaubt, das Schlimmste hinter sich zu haben, nachdem ein Paparazzo sie mittags bis in ein Geschäft verfolgt hatte, sodass sie ohne ihren Snack die Flucht ergreifen musste. Jetzt dagegen war sie sicher, dass sie vor etwa zwanzig Minuten den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte.

Sie hatte gelernt, damit zu leben, dass sie immerzu angestarrt wurde. Auf der Straße zeigten wildfremde Menschen auf sie. Fotografen und Reporter tauchten aus dem Nichts auf und überfielen sie mit Blitzlichtern und aufdringlichen Fragen, um alles Persönliche oder Sensationelle über ihre Familie an die Öffentlichkeit zu zerren.

Inzwischen hatte sie sich fast daran gewöhnt. Es war nicht angenehm, aber als Kendrick musste man sich damit abfinden. Ihre Babyfotos waren in den Zeitungen erschienen, genau wie die ihrer Geschwister. Das war kein Wunder, denn ihr Vater war ein bekannter Politiker gewesen, und ihre Mutter hatte auf ein Königreich verzichtet, um ihn zu heiraten.

Sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen war für sie so selbstverständlich wie der nächste Atemzug. Doch als sie an die Tür ihres Bruders geklopft und Matt Callaway ihr geöffnet hatte, wäre es fast um sie geschehen gewesen.

Sie hatte Matt seit zehn Jahren nicht gesehen, aber noch immer verunsicherte er sie. Nicht so wie Fremde, die in ihre Privatsphäre eindrangen, sondern auf eine Weise, die ihr unter die Haut ging. Der Mann war groß, blond und muskulös – reines Testosteron. Sobald seine stahlgrauen Augen sie ansahen, fühlte sie sich ausgeliefert und verletzlich.

Und gerade war er auch noch zu dem einzigen Mann auf der Welt geworden, der sie zu einem Drink verleitet hatte.

Zugegeben, es war ein ausgezeichneter kalifornischer Chardonnay, den sie im Weinkeller ihres Bruders gefunden hatte. Und mit einem Glas in der Hand war das Warten leichter zu ertragen. Doch dass Matt Callaway sie noch immer irritierte, war beunruhigend genug, um sie mit gerunzelter Stirn auf den Wein darin starren zu lassen. Das und die Tatsache, dass sie eigentlich gar nicht hier sein wollte.

Sie hatte heute Abend arbeiten wollen, denn sie war so weit im Rückstand, dass sie jede ungestörte Stunde nutzen musste. Aber ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie ihren Bruder aufsuchte und eine Unterschrift holte, die er bei seinem Besuch in Richmond vergessen hatte. Ihr Dad, der zehn Etagen über ihrem bescheidenen Büro das Millionenvermögen der Kendricks verwaltete, war nicht umzustimmen gewesen.

In den zwei Stunden, die sie von Richmond nach Newport News brauchte, hätte sie den Stapel auf ihrem Schreibtisch erheblich verkleinern können. Und dann war noch die Wohltätigkeitsgala, die sie für ihre Mutter organisieren sollte. Sie strich die kurze rote Jacke glatt, die sie über der weißen Hose trug, und lehnte sich auf dem Liegestuhl zurück.

Sie hätte wissen müssen, dass ihr keine Atempause vergönnt sein würde. Sekunden später glitt die Glastür auf, und Matt betrat die Terrasse.

„Tu du mir einen Gefallen, ja?“

Ashley stellte das Glas ab und schaute zu ihm hinüber.

Genauer gesagt, auf die muskulösen Oberschenkel unter den Shorts. Der Schweiß darauf glänzte in der Sonne. Offenbar hatte er sein Fitnessprogramm beendet.

„Wenn ich kann“, erwiderte sie und riss den Blick von ihm los.

„Gehst du für mich ans Telefon, wenn es läutet?“ Sein Blick glitt über ihren Körper. „Ich muss duschen. Carl will anrufen, wenn er sich verspätet.“

Sie nickte.

„Sag ihm, er braucht nicht zur Baustelle zu kommen. Ich habe die Pläne hier.“

Die Baustelle. Das musste das Einkaufszentrum sein, das Matts Firma für Kendricks Investments errichtete.

„Mache ich.“

„Und wenn ich ihm auf seinem Boot helfen soll, muss er Grafit besorgen. Sein Zündschalter klemmt.“

„Du hilfst ihm auf dem Boot?“

„Er hat es gestern aus dem Trockendock geholt.“

Wenigstens wusste sie jetzt, warum er hier war. Sie nickte wieder. „Ich sag’s ihm.“

Entgegen ihrer Erwartung ging er noch immer nicht, um sie an diesem schönen Juniabend auf der Terrasse allein zu lassen. Sie wünschte, er würde es tun und aufhören, sie so anzusehen.

Aber er würde noch etwas sagen, da war sie sicher.

Doch er schüttelte nur den Kopf, und die Tür glitt hinter ihm zu.

Sie griff nach ihrem Glas und nahm einen kräftigen Schluck.

Innerhalb von Sekunden hatte er sie um zehn Jahre zurückgeworfen. Dass er sie noch immer so nervös machte, ärgerte sie, aber wenigstens konnte sie mit ihm ein halbwegs vernünftiges Gespräch führen. Als sie ihn mit vierzehn kennengelernt hatte – ein Jahr bevor er wegen seines schlechten Einflusses auf ihren Bruder Hausverbot bekam –, hatte sie kaum ein Wort herausbekommen.

Schon damals war er groß und kräftig gewesen, und jedes Mal, wenn sie ihn sah, hatte ihr Teenagerherz eine Pirouette vollführt. Die Jahre hatten seinem Beach-Boy-Look etwas Reifes verliehen, und wäre sie selbst rebellisch veranlagt, hätte sie seine provozierende Art attraktiv gefunden. Aber sie war als Mädchen vor Menschen behütet worden, denen Manieren und ein gutes Elternhaus fehlten, und als brave Tochter war sie ihm immer aus dem Weg gegangen – selbst nachdem Cord und er ihre Freundschaft auf dem College erneuert hatten.

Jetzt schlug sie die Beine wieder übereinander, nippte am Chardonnay und wünschte, sie wäre wie ihr Bruder. Der bestieg Berge, nur weil sie da waren, segelte, tauchte und flog sein eigenes Flugzeug. Sie dagegen fügte sich den Zwängen, die ihr die Gesellschaft auferlegte, und träumte nur davon, wahrhaft frei zu sein.

Sie lehnte sich zurück, während auf der anderen Seite der schmalen Bucht die Bäume im letzten Licht des Tages immer dunkler wurden. Die Wellen schlugen gegen den Steg, an dem das Segelboot ihres Bruders lag. Sie hätte nicht gedacht, dass Cord so einsam und friedlich leben konnte.

Zehn Minuten später war es mit der Ruhe vorbei.

Wieder ging die Tür auf. Matt schaltete das Terrassenlicht nicht ein, aber sie sah auch so, dass er geduscht und sich umgezogen hatte. Ein bequemes Sweatshirt mit V-Ausschnitt fiel über verwaschene Jeans. Die Farbe war nicht zu erkennen, sie sah nur, dass es hell war und die breiten Schultern betonte.

„Cord hat gerade angerufen.“

Sie nahm sich vor, auf ihn nicht anders zu reagieren als auf jeden anderen Mann, und tastete mit dem großen Zeh nach der Sandalette, die ihr vom Fuß gerutscht war. „Ich habe das Telefon gar nicht gehört.“

„Er kommt erst morgen wieder.“

Ashley hob den Kopf. „Wie spät ist es?“

„Etwa halb acht.“

Sie war seit Viertel nach sechs hier.

„Er wusste, dass ich komme. Ich habe auf seinem Handy eine Nachricht hinterlassen.“

„Davon weiß ich nichts.“

„Hat er gesagt, warum er nicht kommt?“

„Ich glaube, ihr Name ist Sheryl.“

Typisch Cord. „Na, großartig“, murmelte sie.

Die Fahrt hierher war reine Zeitverschwendung gewesen.

Sie beugte sich vor und suchte nach der Sandalette. „Sag mir, wo er ist, dann bringe ich ihm die Papiere.“

„Er hat mir nicht erzählt, wo er ist.“

Lügner, dachte sie. Er und Cord hielten zusammen wie Pech und Schwefel.

„Du brauchst ihn nicht vor mir zu beschützen“, versicherte sie ihm. „Ich will ihn nicht dazu bringen, ein Organ zu spenden. Ich brauche nur seine Unterschrift.“

„Das Organ würde er dir vermutlich geben.“

„Dann sag ihm, dass ich eine Niere brauche und auf dem Weg zu ihm bin.“

Er verzog den Mund. Es kam einem Lächeln gefährlich nahe. „Ich könnte mir vorstellen, dass er mir das nicht glauben würde.“ Er stieß sich vom Türrahmen ab. „Lass die Papiere hier. Ich sorge dafür, dass er sie bekommt.“

„Das kann ich nicht.“ Wo war der dämliche Schuh? „Mein Bruder wird sie irgendwo herumliegen lassen oder verlieren“, sagte sie. „Dann muss ich mich wieder auf die Suche nach ihm machen. Er hätte sie vorgestern unterschreiben können, aber er hat es vergessen, weil er zu irgendeinem Konzert in New York musste.“

„Vielleicht hat er es absichtlich vergessen.“

„Warum sollte er? Niemand will ihm etwas wegnehmen. Es ist nur eine Formalität.“

Sie schob den Liegestuhl zurück.

„Würdest du bitte das Licht anmachen? Ich kann nichts sehen.“

Manchmal würde sie sich auch gern vor der Verantwortung drücken. Es gab Zeiten, da fühlte sie sich so eingeengt, dass sie schreien könnte. Dass sie den blöden Schuh nicht fand, half auch nicht gerade.

Ein warmer, maskuliner Duft stieg ihr in die Nase, bevor sie aufsah. Matt hockte vor ihr und griff unter den Tisch.

Sein Arm streifte ihr Bein, bevor er ihr etwas reichte, das aus kaum mehr als einem Absatz und einigen Lederriemen bestand.

„Suchst du das hier?“

Ashleys Blick zuckte von seinen breiten Schultern zu dem zierlichen Schuh in seiner großen Hand.

„Danke“, murmelte sie und nahm ihn.

Wortlos richtete er sich auf und stand groß vor ihr. Entsetzt darüber, wie schnell ihr Herz plötzlich schlug, hob sie den Kopf und sah, dass er ihr eine Hand entgegenstreckte.

Fest entschlossen, sich nicht verwirren zu lassen, ergriff sie sie und musste sich zwingen, die plötzliche Wärme in ihrem Bauch zu ignorieren, während sie rasch aufstand. Zu rasch, denn als sie sich nach ihrer Handtasche, den Schlüsseln und dem Umschlag mit den Papieren bückte, wurde ihr so schwindlig, dass sie das Gleichgewicht verlor.

Zu viel Wein, dachte sie und tastete nach Halt – ausgerechnet an einer Schulter, die sich anfühlte, als wäre sie aus gehämmertem Stahl.

Matts kräftige Finger legten sich um ihren Unterarm.

„Alles in Ordnung?“

„Es geht mir … gut.“ Es war, als würde ihr Körper überall dort brennen, wo er seinen berührte. „Ich bin nur zu schnell aufgestanden.“

Sie wich zurück.

Ohne ihren Arm loszulassen, griff er nach der Weinflasche und hielt sie schräg. „War die voll?“

„Als ich sie aufgemacht habe, ja.“

„Du hast hier draußen gesessen und ganz allein eine Flasche Wein getrunken?“

Sie war versucht, ihm zu sagen, dass er sie sich mit ihr hätte teilen können. Er gab ihr keine Chance dazu. Die Missbilligung in seinem Gesicht wurde zu etwas, das wie Neugier aussah. Und wie Verlangen.

Sie bekam kaum noch Luft und war nicht mal sicher, ob sie überhaupt atmete, als er ihr in die Augen schaute.

„Gib mir deine Schlüssel.“

„Wie bitte?“

„Deine Schlüssel“, wiederholte er und ließ sie endlich los. „Du fährst nirgendwohin.“

Ihr war bewusst, dass sie mehr Wein getrunken hatte, als gut für sie war. Und dass sie ihre physische Reaktion auf diesen Mann nicht unter Kontrolle hatte. Aber für sie war in diesem Moment nur wichtig, dass er heute die dritte Person war, die ihr sagte, was sie tun oder lassen sollte.

Sie hob das Kinn. „Nein.“

Er seufzte. „Tu das nicht.“

„Ich tue nichts. Du hast um meine Schlüssel gebeten. Ich habe Nein gesagt. Ende der Diskussion.“

„Es ist vielleicht das Ende der Diskussion, aber nicht das Ende des Problems.“ Seine Augen wurden schmal. „Zwing mich nicht, sie dir abzunehmen.“

„Nun, ich fürchte, genau das wirst du tun müssen.“

Sie schob die Hand in ihre Jacke und unter die Bluse und stopfte sich die Schlüssel in den BH. Niemand würde ihr sie abnehmen, während sie darüber nachdachte, wie sie nach Hause gelangen sollte, ohne selbst zu fahren. Sie war nicht betrunken, aber sie wollte nicht riskieren, von der Polizei angehalten zu werden oder gar einen Unfall zu bauen. Beides würde am nächsten Tag in sämtlichen Zeitungen stehen.

„Also so etwas hätte ich von dir nicht erwartet“, sagte Matt und klang nicht mehr verärgert, sondern sogar ein wenig beeindruckt.

„Vielleicht bin es leid, immer nur das zu tun, was von mir erwartet wird“, murmelte sie und war selbst über sich überrascht. „Liegt wohl daran, dass ich einen schlechten Tag hatte.“

„Noch ein Grund, dich nicht ans Steuer zu lassen. Wenn du mir die Schlüssel gibst, fahre ich dich.“

Sie riss den Blick von seinem Mund los. „Den ganzen Weg nach Richmond?“

„Ich dachte eher an ein Hotel. Nicht weit von hier ist ein Hyatt.“

„Es würde seltsam aussehen, wenn ich ohne Gepäck einchecke.“ Vor allem, wenn jemand mich erkennt, dachte sie.

Noch etwas, das sie heute nicht tun durfte. Sie griff nach dem Glas. Da sie nicht fahren würde, konnte sie es ruhig leeren. Es war ein zu guter Jahrgang, um ihn verkommen zu lassen.

„Warum war es ein so schlechter Tag?“

„So schlimm war er eigentlich gar nicht.“ Im Grunde war es einer wie jeder andere gewesen, bis sie Matt begegnet war.

Ashley schaute zum Himmel. Vielleicht war Vollmond. Das würde erklären, warum sie heute so unzufrieden mit sich war.

Kein Mond.

„Nur … frustrierend.“

„Weil dein Bruder nicht aufgetaucht ist?“

„Unter anderem“, murmelte sie.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen Matt sie einfach in ein Taxi gesetzt hätte. Dies war die Frau, die zurückgewichen war, wenn er ihr weniger als einen Meter zu nahe kam. Die kaum ein Wort herausgebracht hatte, wenn er versucht hatte, sich mit ihr zu unterhalten. Seit er sie als langbeinige, langhaarige Vierzehnjährige zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie nichts unversucht gelassen, um ihm aus dem Weg zu gehen.

Jetzt jedoch schien sie nichts gegen seine Anwesenheit zu haben.

Er beobachtete, wie sie den Wein im Glas kreisen ließ. Ihr Gesicht war nachdenklich, und sie glich so gar nicht mehr der unberührbaren Prinzessin, die er vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Noch immer wirkte sie edel und kultiviert. Sie strahlte eine Anmut aus, die sie nicht nur dem elegantem Outfit und der makellosen Haut verdankte. Obwohl sie so privilegiert aussah, wie sie war, erschien sie ihm sanfter und … berührbarer.

Im Licht, das durchs Fenster schien, wirkte ihr Haar wie blasse Seide. Die Art, wie sie es am Nacken festgesteckt hatte, forderte einen Mann geradezu auf, es zu lösen und auf die Schultern fallen zu lassen. Und dann die Haut. Im Halbdunkel sah sie so glatt und perfekt aus wie Marmor. Aber vor allem waren es ihre Augen, die ihn anzogen.

„Was denn noch?“, hörte er sich fragen.

„Na ja“, begann sie. „Zum einen habe ich festgestellt, dass ich keinen Mumm habe.“

„Mumm?“

„Ich bin einfach nicht mutig genug.“

„Wozu?“

„Frei zu sein.“

„Frei zu sein?“

Er fragte sich, ob der Wein sie so offenherzig machte.

„Etwas … Ungeheuerliches zu tun.“

„Zum Beispiel?“

„Oh, ich weiß nicht.“ Sie sah aus, als hätte sie noch nie richtig darüber nachgedacht, als sie ans Geländer ging und mit dem Glas auf das dunkle Wasser zeigte. „Vielleicht mit dem Boot irgendwohin zu fahren, wo mich niemand findet.“

„Du segelst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht ohne Mannschaft. Und damit wäre das Ganze sinnlos.“

„Das ist nicht ungeheuerlich. Das ist nur Flucht.“ Er kannte das Bedürfnis nur zu gut. Er hätte nur nicht gedacht, dass sie es auch empfand. „Nächstes Beispiel?“

„Wie wäre es damit, dem Kellner, der acht Mal an den Tisch kommt und fragt, ob alles recht ist, mein Essen vor die Füße zu werden?“

Er nickte. „Im Four Seasons? Vielleicht ein wenig zu schockierend.“ Er lächelte. „Was noch?“

Sie überlegte. Offenbar suchte sie nach etwas, das nach ihren Maßstäben skandalös wäre. „Nackt baden zu gehen.“

Er wusste nicht, wie groß sie war. Ein Meter achtzig vielleicht, ohne die Absätze, in denen sie ihm bis zum Kinn reichte. Was den Rest ihres schlanken, geschmeidig wirkenden Körpers betraf, hatte er kein Problem, sich die Proportionen vorzustellen.

Seit er ihr die Tür geöffnet hatte, war er sich ihrer Nähe bewusst. Aber er war nicht auf das vorbereitet gewesen, was er gespürt hatte, als er sie gerade eben festgehalten hatte. Und dann hatte sie ihn angesehen, und sein Blick war wie von selbst auf ihren Mund gefallen. Sofort hatte er sich gefragt, wie es wäre, sie zu küssen. Und ein Teil seiner Anatomie hatte darauf reagiert. Eindeutig.

„Du glaubst, das würdest du tun?“

„Nein.“ Sie klang enttäuscht. „Aber es ist etwas, das Mut erfordert.“

„Für manche Leute schon.“

„Hast du es schon mal getan.“

Er zuckte mit einer Schulter. „Das Wasser ist warm in Tahiti.“

Ashleys Blick wanderte von seinen breiten Schultern zu den schmalen Hüften, bevor er wieder dorthin zuckte, wo das Boot festgemacht war. Sie bewunderte Kunst in allen ihren Erscheinungsformen, und Matts Körper wäre nackt mit Sicherheit ein Kunstwerk. Aber würde sie selbst unbekleidet ins Wasser gehen? Sie bezweifelte, dass sie ihre Hemmungen ablegen konnte.

In diesem Moment ging ihr auf, wie sehr sie es hasste, mit so vielen Zwängen zu leben.

„Wie fühlt es sich an? So … frei zu sein.“ Sie wedelte mit dem Glas.

„Gut, schätze ich.“

„Ich meine, richtig frei zu sein. Wie ist es, keine Rücksicht auf Konventionen zu nehmen und einfach das zu tun, was einem gerade einfällt?“

„Wie kommst du darauf, dass ich das weiß?“

Sie war ganz sicher, dass er es wusste. „Etwa nicht?“

Matt nahm ihr das Glas aus der Hand. „Vielleicht“, gab er zu. „Aber wir reden nicht von mir, sondern von dir.“ Er nahm einen Schluck Wein, gab ihr das Glas aber nicht zurück. „Fällt dir wirklich nichts Ungeheuerlicheres ein, als ohne Badeanzug schwimmen zu gehen?“

Er sprach leise und nachdenklich. So, als würden ihn ihre Geheimnisse wirklich interessieren.

Sie nahm den Blick von seinem sinnlichen Mund und fragte sich, ob er sich so hart anfühlen würde, wie er aussah. Es gab etwas, das noch schockierender wäre als nackt zu baden. Für sie jedenfalls.

„Doch“, hörte sie sich leise sagen.

„Was ist es?“

Sie schüttelte den Kopf. Der Gedanke, die Arme um seinen Hals zu legen, sich an ihn zu schmiegen und ihn zu küssen, war verwegen genug. Nie im Leben würde sie ihn laut aussprechen. Erst recht würde sie ihm nicht sagen, wie gern sie ihm das Sweatshirt ausziehen und mit den Händen über all die Muskeln streichen würde. Sie hatte nie davon geträumt, wie sie einen Mann verführte, aber würde sie es tun, würde Matt Callaway die zweite Hauptrolle spielen.

Plötzlich hörte sie ihn schmunzeln.

„Komm schon“, drängte er sanft. „In vino veritas.“

„Im Wein liegt die Wahrheit“, übersetzte sie lächelnd. „Es scheint zu stimmen.“ Schon jetzt hatte sie ihm mehr über sich verraten als jedem anderen. „Aber manche Dinge gesteht man besser nur sich selbst ein.“

„Aber ich weiß bereits, dass du den tief sitzenden Wunsch hast, mit Essen um dich zu werfen und nackt schwimmen zu gehen.“

„Das bleibt zwischen dir und mir.“ Ihr Blick wurde plötzlich ernst. „Okay?“

„Von mir wird es keine Seele erfahren.“

„Versprochen?“

„Versprochen“, erwiderte er und schob die Haare zurück, die ihre Mundwinkel umspielten.

Die Berührung war leicht und beruhigend und fühlte sich in diesem Moment wie das Natürlichste auf der Welt an. Sie verstand nicht, warum sie so sicher war, aber sie zweifelte nicht daran, dass er ihr Vertrauen nicht missbrauchen würde. In all den Jahren, die Matt ihren Bruder nun schon kannte, hatte er nie mit einem Reporter über die Kendricks gesprochen.

Langsam ließ er die Hand sinken. Über das leise Plätschern der Wellen hinweg hörte sie, wie er das Glas aufs Geländer stellte.

„Also?“ Sein Blick glitt an ihrem Hals hinab.

„Also?“, wiederholte sie und spürte überall dort eine seltsame Wärme, wo er sie mit den Augen zu streicheln schien.

„Also gibst du mir jetzt die Schlüssel oder nicht?“

Sie schluckte.

„Das hatte ich nicht vor.“

Er lächelte belustigt. „Muss ich sie mir holen?“

Ihr Herz klopfte. Bei der Vorstellung, seine große Hand in ihrem BH zu fühlen, wurde ihr heiß.

„Das würdest du nicht tun.“ Was war los mit ihr? Sie war nicht annähernd so beunruhigt, wie sie sein sollte. „Oder doch?“

Er kam ihr so nahe, dass sie den Kopf nach hinten legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Sein Lächeln war so verführerisch wie seine tiefe Stimme, als er mit den Fingerspitzen über ihre Wange strich. „Es gibt da etwas, das du über mich wissen solltest, Ashley.“

Als sein Kopf sich senkte, ging ihr Puls schneller.

„Was ist es?“

„Es ist mir immer schwergefallen, einer Herausforderung zu widerstehen. Und um deine Frage zu beantworten, ja, ich würde es tun. Und das nicht, weil ich es eilig habe, dich loszuwerden.“

Die Hitze, die er ausstrahlte, schien sich auf sie zu übertragen, sie einzuhüllen, sie anzuziehen. Auch sie hatte es nicht eilig, von hier wegzukommen. „Oh“, flüsterte sie.

„Ja.“ Seine Lippen streiften ihre, unglaublich zärtlich und viel zu kurz.

Er hob den Kopf weit genug, um ihr in die Augen zu schauen, und wartete darauf, was sie tun würde.

Als sie nur einen zittrigen Atemzug machte, senkte er ihn wieder.

Ashleys erster Gedanke war, dass seine Lippen sich nicht annähernd so hart anfühlten, wie sie aussahen. Sie waren weich und warm, und als seine Zunge ihre berührte, wurden ihre Knie so weich, dass sie nachzugeben drohten.

Er küsste sie ohne Hast, aber voller Zärtlichkeit. Er zog sie an sich, und es war mehr ein Versprechen als eine Forderung. Wie benommen dachte sie, dass sie noch nie so geküsst worden war. Es war fast, als wäre er damit zufrieden, sie selbst entscheiden zu lassen, ob sie mehr wollte.

Sie schmiegte sich an ihn, weil sie mehr von dem Versprechen wollte. Aber vielleicht war es auch seine Hand an ihrem Rücken, die sie das tun ließ, was sie sich eben noch ausgemalt hatte. Sie war nicht sicher.

Sie wusste nur, dass ihr Mund seinen vermisste, als Matt mit den Lippen über ihre Wange strich und über ihr Ohr tastete.

„Sagst du mir, was du gerade gedacht hast?“, flüsterte er, und sie spürte seinen warmen Atem bis in jedes Nervenende.

Sie legte den Kopf schräg. „Ich glaube, das wäre keine gute Idee.“

Als er schmunzelte, fühlte sie es an der Haut.

„Dann sag einfach nur warm oder kalt“, schlug er vor. „Hatte es mit dem hier zu tun?“

Seine Lippen fanden den Puls an ihrem Halsansatz.

„Warm“, murmelte sie.

„Und damit?“ Er hob den Kopf und streifte ihre Lippen mit seinen.

„Wärmer.“

Sein Mund schwebte über ihrem, als er ihre Hand nahm und sie an seine Brust presste. „Damit?“

Ihr Herz machte einen Satz. „Vielleicht.“

„Warm oder kalt?“

„Heiß“, wisperte sie.

„Willst du noch immer etwas tun, was niemand jemals von dir erwarten würde?“

Sie lächelte. „Ich werde nicht nackt schwimmen gehen.“

„Das wollte ich auch nicht vorschlagen. Das Wasser ist zu kalt.“

„Was dann?“

„Hast du es schon mal auf einem Segelboot getan?“

Sie wusste nicht, was sie antwortete. Sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt etwas sagte. Als sie sich auf die Zehenspitzen stellte und die Lippen auf seine presste, wusste sie nur eines – sie hatte nicht den Mut, ihn zu verführen, aber nicht das geringste Problem damit, dass er sie verführte.

2. KAPITEL

Ashley hätte wissen müssen, dass etwas schief gehen würde. Das tat es immer, wenn ihr etwas wichtig war. Deshalb malte sie sich immerzu jede denkbare Katastrophe aus und bereitete sich darauf vor. Vor allem dann, wenn Kameras in der Nähe waren.

Mit klopfendem Herzen stand sie am Rednerpult im Ballsaal des Jachtklubs von Richmond Bay. Seit sie am Mittwochmorgen aus dem Haus ihres Bruders geschlüpft war, hatte es keine Minute gegeben, in der sie nicht an das gedacht hatte, wozu sie sich mit Matt Callaway hatte hinreißen lassen – oder darum gebetet hatte, ihm frühestens in zehn Jahren wieder zu begegnen.

Es geschah schon nach drei Tagen, denn er hatte sich gerade von einem der Tische in der Mitte des Raums erhoben.

Sie hatte gerade den letzten Posten versteigert – ein Wochenende in Aspen für achttausend Dollar. Es war das höchste Gebot des Abends gewesen, und die in Abendkleider und Smokings gehüllten Gäste applaudierten begeistert.

Ashley nahm es kaum wahr.

Mit schwarzer Fliege und Kummerbund zog Matt die Blicke aller Frauen auf sich. Aber auch all die erfolgreichen Männer sahen genauer hin, denn angesichts der Energie und Dynamik, die er ausstrahlte, wussten sie, dass sie es mit einem der Ihren zu tun hatten.

Mit einem unbeschwerten Lächeln bedeutete er ihrem Assistenten, ihm das Saalmikrofon zu reichen.

Autor

Christine Flynn

Der preisgekrönten Autorin Christine Flynn erzählte einst ein Professor für kreatives Schreiben, dass sie sich viel Kummer ersparen könnte, wenn sie ihre Liebe zu Büchern darauf beschränken würde sie zu lesen, anstatt den Versuch zu unternehmen welche zu schreiben. Sie nahm sich seine Worte sehr zu Herzen und verließ seine...

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