Dein Blick sagt - liebe mich

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Joni kann kaum die Finger von dem Ranger Sam lassen - noch kein Mann zuvor hat so heftiges Begehren in ihr geweckt. Umso schwerer fällt es ihr, sich nicht ganz ihren Gefühlen hinzugeben. Sam will nach seiner enttäuschenden Ehe von Heirat nichts mehr wissen - für Joni kommt eine Affäre nicht in Frage ...
  • Erscheinungstag 06.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754464
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ho, ho, ho, mein Kleiner! Wie heißt du denn?“

Sam Crawford hob den Jungen auf den Schoß und lächelte unter dem weißen Bart, weil das Kind nicht im Geringsten nervös wirkte.

„Brady“, erwiderte der Junge energisch.

„Brady. Das ist ein schöner Name. Und wie weiter?“

Sam, der Weihnachtsmann, hatte das Kind noch nie gesehen und musste ihm daher alles entlocken, was nötig war, um die Wunschliste an die Eltern zu schicken. Schließlich spendete jede Familie genau aus diesem Grund fünf Dollar für eine wohltätige Sache.

Der Junge sah Sam durchdringend an. „Ich dachte, der Weihnachtsmann weiß alles.“

Sam lehnte sich in dem thronartigen Sessel zurück. „Ich weiß fast alles, aber es gibt so viele Kinder, dass du mir schon ein wenig helfen musst.“

„Aha. Damit du mich nicht mit anderen verwechselst?“

„Genau so ist es.“

„Brady Evans.“

„Brady Evans, gut. Sag mal, Brady, was wünschst du dir denn vom Weihnachtsmann?“ Während er die übliche Frage stellte, warf er einen Blick auf die Wanduhr. Kevin sollte ihn in fünf Minuten ablösen.

„Eine Eisenbahn“, erwiderte der Junge, ohne auch nur einen Moment zu zögern.

Sam sah sich um, ob er irgendwo die Eltern entdeckte. Der Kleine war wirklich gut.

„Eine Eisenbahn. Mal sehen, was sich machen lässt. Wünschst du dir noch etwas?“

Sam fiel eine Frau auf, die den Jungen nicht aus den Augen ließ. Das musste die Mutter sein. Eine sehr gut aussehende Mutter. Der Daddy konnte sich glücklich schätzen.

„Ein Pferd.“

„Ein Schaukelpferd?“

„Nein, ein richtiges.“

Sam zog die buschigen Augenbrauen hoch. Ein Pferd war etwas größer als ein Spielzeugzug und passte nicht so recht unter den Baum. In Wyoming war es jedoch nicht ungewöhnlich, dass ein Kind ein eigenes Pferd besaß, wenn auch nicht unbedingt schon mit vier. So alt schätzte Sam den Jungen.

„Nun, Brady, ein Pferd ist ziemlich groß. Hast du denn Platz dafür?“

„Es kann bei mir schlafen.“ Der Kleine strahlte ihn an, als hätte ihm der Weihnachtsmann das Tier schon versprochen.

„O nein, Brady, Pferde können nicht bei Menschen schlafen. Sie brauchen einen Stall und eine große Weide.“ Ob die Mutter wusste, was ihr Sohn sich wünschte? Sam sah sich nach der Rotblonden um, die ihm vorhin aufgefallen war, entdeckte sie jedoch nicht mehr.

„Wir haben einen großen Garten“, versicherte Brady ernsthaft.

„Hm, vielleicht solltest du lieber mit einem kleineren Tier anfangen. Wie wäre es mit einem Hündchen? Hast du mit deinen Eltern schon über ein Hündchen gesprochen?“

„Ich will ein Pferd“, erwiderte Brady starrsinnig und reckte rebellisch das Kinn hoch.

Na, seinen Eltern stand einiges bevor, wenn er älter wurde und lernte, sich durchzusetzen. Sam lächelte amüsiert. Seine eigene Mutter hatte sich genau aus diesem Grund oft über ihn beklagt.

„Mal sehen. Ein Pferd kann ich dir aber nicht versprechen, weil es für meinen Schlitten zu groß ist.“ Als Trost, weil er den Wunsch nicht erfüllen konnte, drückte er den Kleinen an sich. „Also, sei ein braver Junge, und dann sehen wir, was wir machen …“ Er stockte, weil Brady ihn am Schnurrbart zupfte und womöglich gleich dahinterkam, dass er falsch war. „Nicht am Bart ziehen, Brady. Das tut dem Weihnachtsmann weh.“

„Ich bin aber noch nicht fertig.“

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte Sam und sah sich das ungewöhnlich selbstbewusste Kind genauer an.

„Vier“, antwortete Brady und hielt die entsprechende Anzahl Finger hoch.

„Na schön, was willst du denn noch?“

„Ich wünsche mir einen Daddy. Und der ist nicht so groß wie ein Pferd, nicht wahr?“

Joni Evans streckte Brady lächelnd die Hand entgegen. O ja, sie hatte sich richtig entschieden. Schon am ersten Tag in dieser Kleinstadt war alles besser.

„Hast du mit dem Weihnachtsmann gesprochen?“, fragte sie ihren Sohn liebevoll.

Brady nickte. „Er hat gesagt, dass ein Pferd nicht bei mir schlafen kann.“

„Ein kluger Weihnachtsmann“, antwortete Joni verblüfft. „Hast du dir denn ein Pferd gewünscht?“

„Aber klar, Mom. Ohne Pferd bin ich doch kein Cowboy.“

„Das stimmt zwar, Brady, aber jetzt ist es für ein Pferd noch etwas zu früh. Du weißt schon, wir müssen uns erst einrichten und die Nachbarn kennen lernen.“ Vor allem mussten sie erst einmal auspacken. An diesem Morgen waren sie in Saddle angekommen und hatten ihre Habseligkeiten lediglich in dem Haus abgestellt, das die Schulbehörde für sie gemietet hatte.

„Aber, Mom, alle anderen Kinder haben bestimmt Pferde“, führte Brady das Argument an, das Kinder stets vorschoben, wenn sie sich etwas wünschten.

„Ach, Mrs. Evans?“

Joni und Brady drehten sich überrascht um. Bisher hatten sie erst am Vormittag Mr. Brownlee, den Schulleiter, kennen gelernt. Niemand sonst in der Stadt kannte sie beide.

„Hallo, Weihnachtsmann“, sagte Brady fröhlich. „Habe ich etwas vergessen?“

Joni unterdrückte ein Lächeln, weil der Weihnachtsmann über die Frage ihres Sohnes sichtlich verblüfft war. Bevor er antworten konnte, meldete Brady sich erneut zu Wort. „Sieh nur, da ist noch ein Weihnachtsmann! Wie viele gibt es denn in Wyoming?“

Jetzt geriet der Weihnachtsmann in Panik. „Ach, ich sollte doch … ich muss … Mrs. Evans, ich muss mit Ihnen sprechen.“

Hatte Brady sich daneben benommen? Joni betrachtete ihren Sohn. „Ich möchte Brady die Weihnachtsdekoration zeigen. Wir könnten uns doch treffen, nachdem Sie sich … umgezogen haben.“

„In Ordnung“, erwiderte er erleichtert. „Es dauert nicht lange.“

Joni sah ihm nach und betrachtete dann den neuen Weihnachtsmann, der nicht so groß wie der erste war. Seine Leibesfülle unter der Jacke wirkte weitgehend echt.

„Muss ich auch mit dem anderen Weihnachtsmann sprechen?“, fragte Brady. „Er soll doch wissen, was ich mir wünsche.“

„Nein“, wehrte Joni sofort ab, damit sie sich nicht wieder eine halbe Stunde anstellen musste. „Erinnerst du dich noch, was ich dir in Chicago gesagt habe? Alle diese Weihnachtsmänner sind Helfer des richtigen Weihnachtsmannes. Hier ist es genauso. Der erste Weihnachtsmann gibt weiter, was du dir gewünscht hast. Komm mit! Ich glaube, da drüben gibt es Lebkuchenhäuser.“

Brady marschierte voraus, und Joni atmete erleichtert auf. Sie hatte schon gefürchtet, ihre neue Arbeitsstelle und der plötzliche Umzug so kurz vor Weihnachten wären für ihren Sohn zu viel. Doch es war, als würde in ihrem Leben ein neuer Wind wehen. Sie waren der ständigen Sorge von Bradys Großeltern entkommen und hatten den wahren Geist des Weihnachtsfestes gefunden.

Das Erntedankfest war bei der Familie Evans traurig und unter großen Spannungen verlaufen. Joni war gleich am nächsten Morgen mit Brady nach Wyoming aufgebrochen. Heute, am Samstagmorgen, waren sie in Saddle angekommen und hatten festgestellt, dass es für die ganze Stadt eine Weihnachtsfeier mitsamt Weihnachtsmann gab.

Sogar mit mehreren Weihnachtsmännern …

Joni lächelte, als Brady sich unbekümmert mit der Frau unterhielt, die auf die Lebkuchenhäuser aufpasste. Es war schön, dass er endlich sein Schweigen brach.

Vielleicht bereue ich es schon bald, dachte sie und lachte leise.

„Mrs. Evans?“

Sie lächelte noch, als sie die tiefe Stimme von vorhin wieder hörte. Im nächsten Moment stockte ihr der Atem.

Das war der Weihnachtsmann? Dieser hoch gewachsene, sagenhaft gut aussehende Mann? Er war schätzungsweise Anfang dreißig, also nicht viel älter als sie. Nur Muskeln, kein Gramm Fett, Stiefel, Jeans, eine mit Schaffell gefütterte Jacke und Cowboyhut.

„Der Weihnachtsmann?“, fragte sie ungläubig.

Bei seinem Lächeln fiel sie fast in Ohnmacht, obwohl ihr das noch nie im Leben passiert war. Hätten die Frauen in Chicago gewusst, was ihnen entging, wären sie massenweise umgezogen.

„Ja, Ma’am, Weihnachtsmann auf Zeit“, bestätigte er, wobei seine blauen Augen belustigt funkelten.

„Nun ja“, meinte sie seufzend, „Sie haben soeben meine bisherige Vorstellung von ihm zerstört. Ich werde ihn mir nie wieder als kleinen, rundlichen Mann ausmalen können.“

Er ging gern auf ihren Scherz ein. „Ich werde von jetzt an mehr essen.“

„Tun Sie das“, erwiderte sie lachend und dachte, dass ein so großer und kraftstrotzender Mann bestimmt auch jetzt schon viel aß.

„Wo ist Brady?“

„Da drüben. Er sieht sich die Lebkuchenhäuser an. Hat er etwas falsch gemacht?“ Vielleicht hatte ihr Sohn im Kindergarten ein anstößiges Wort aufgeschnappt.

„Nein, er ist ein nettes Kind, und Sie bekommen auch den Brief. Genau deshalb will ich mit Ihnen sprechen.“

„Ach, brauchen Sie unsere neue Adresse? Wir sind erst heute hergekommen. Daher kennen Sie sie bestimmt nicht. Wir sind in Mrs. Lindstroms Haus an der Sombrero Road gezogen. Die Nummer ist …“

„Sie haben vorhin ein Formular ausgefüllt. Schon vergessen?“

„Ja, natürlich.“ Joni lachte. Es war so viel geschehen, dass es kein Wunder war, wenn sie sich an etwas nicht erinnerte. „Was ist dann …“

„Mom!“, fiel Brady ihr ins Wort. „Wenn ich einen Dollar bekomme, kann ich ein schönes Lebkuchenhaus gewinnen. Kann ich? Kann ich?“

„Ja, natürlich, Schatz. Entschuldigen Sie mich einen Moment, Mr. … Ich kenne Ihren Namen noch nicht.“ Sie holte ihr Portemonnaie hervor und nahm einen Dollar heraus.

„Hi“, sagte Brady unbefangen.

„Hi. Ich heiße Sam Crawford.“

Brady streckte ihm kernig wie ein Erwachsener die Hand hin. „Ich bin Brady.“

Sam schüttelte ihm die Hand, als wäre ihm der Kleine ebenbürtig. „Freut mich, dich kennen zu lernen. Willkommen in Saddle.“

Brady strahlte ihn an. „Ich bin gleich wieder da.“

Sobald sie wieder allein waren, wandte Joni sich an den attraktiven Mann. „Sie können großartig mit Kindern umgehen. Kein Wunder, dass man Sie den Weihnachtsmann spielen lässt.“

„Dass man mich lässt? Lady, ich wurde dazu verdonnert“, wandte er ein, lächelte jedoch.

„Also, welches Problem gibt es mit Brady?“

„Nun, ich vermute, Sie sind allein stehend“, erwiderte er.

Was hatte das mit Bradys Gespräch mit dem Weihnachtsmann zu tun? Fragte dieser Mann vielleicht aus persönlichen Gründen? „Warum wollen Sie das wissen?“

Offenbar erriet er ihre Gedanken. „Nicht aus dem Grund, den Sie vermuten! Ihr Sohn hat sich zu Weihnachten einen Daddy gewünscht.“

Sam konnte sich gut vorstellen, dass viele Männer hinter Miss Evans her waren. Zweifellos war sie eine Schönheit. Er gehörte jedoch nicht zu diesen Männern. Erst letzte Woche hatte er die Scheidungspapiere unterschrieben und war ganz sicher nicht auf der Suche. Auf gar keinen Fall! Den Ärger wollte er sich nie wieder einhandeln.

Er wich einen Schritt zurück und lenkte den Blick von einer gut geformten Stelle ihres Körpers, an der er nichts zu suchen hatte. „Hören Sie, Lady, ich fand nur, Sie sollten das wissen.“

Sofort verschwand die Abwehrhaltung, und sie lächelte ihn hinreißend an. „Tut mir leid, ich wollte nicht … ich meine, wir sind neu in der Stadt und … Wie auch immer – ich bin nicht verheiratet. Bradys Vater war Polizist in Chicago. Er wurde vor einem Jahr im Sommer getötet.“

„Das tut mir leid.“ Sam fand, dass sie viel zu jung und zu schön war, um schon so viel Schweres erlebt zu haben.

„Danke“, entgegnete sie unverändert lächelnd. „Und vielen Dank, dass Sie mich wegen Bradys Wunsch gewarnt haben. Ich muss ihn wohl … ich muss ihn auf eine andere Weide treiben.“ Als sie ihn strahlend anlächelte, erschien auf ihrer linken Wange ein kleines Grübchen. „Ich versuche, mich sprachlich dem Westen anzupassen.“

Sam wurde plötzlich von dem Wunsch überrascht, einen Kuss auf dieses Grübchen zu drücken. Was war bloß mit ihm los? Er hatte Frauen abgeschworen. Vorsichtshalber wich er noch einen Schritt zurück. „Sie werden sich bestimmt schnell anpassen, Mrs. Evans.“

Grüßend fasste er an die Hutkrempe und wandte sich ab, wurde jedoch von Brady zurückgehalten.

„Mr. Crawford?“

„Ja, Brady?“

„Haben Sie Pferde?“

Der Blick aus den braunen Augen der Frau zog ihn an und trieb ihn gleichzeitig fast in die Flucht, doch er wollte den Jungen nicht unfreundlich behandeln. „Ja, Brady, ich habe Pferde. Ich lebe auf einer Ranch.“

Brady riss die Augen weit auf. „Wow! Kann ich mir die Pferde ansehen?“

„Brady“, mahnte seine Mutter. „Es ist unhöflich, um eine Einladung zu bitten.“

Sam ging in die Hocke. Für Kinder hatte er eine Schwäche, und er hatte sich immer eigene gewünscht. Leider brauchte man für Kinder auch eine Ehefrau. „Ich sage dir etwas. Wenn du und deine Mom euch eingerichtet habt, kannst du vielleicht auf die Ranch hinauskommen und meinen Neffen kennen lernen. Er ist auch vier.“

Brady hüpfte vor Aufregung. „Wirklich? Ich kenne hier nämlich keine anderen Jungen. Danke!“ Damit schlang er Sam die Arme um den Nacken und drückte ihn fest an sich.

„Brady! Du solltest dich bei Mr. Crawford bedanken und dich nicht auf ihn werfen.“

„Ich habe mich ja bedankt, Mom!“, wandte Brady ein. „Nicht wahr?“

„Ja, das hast du“, bestätigte Sam lächelnd. „Sag mal, hast du schon das Rentier draußen gesehen? Lass dich von deiner Mom zur Koppel führen, wenn ihr geht.“

„In Ordnung. Komm, Mom“, drängte Brady, nahm sie an der Hand und zog sie zur Tür.

Die Lady blieb noch einen Moment stehen. „Nochmals vielen Dank, Mr. Crawford. Sie waren sehr freundlich zu uns zwei Fremden.“

Sam nickte. Die Lady blieb in dieser kleinen Stadt bestimmt nicht lange eine Fremde. Bald würden Junggesellen um sie herumschwärmen wie Bienen um den Honig. Wahrscheinlich würde jemand Bradys Wunsch an den Weihnachtsmann innerhalb kürzester Zeit erfüllen.

Dieser Jemand war aber bestimmt nicht er.

„Gute Nacht, Schatz“, flüsterte Joni und gab ihrem schläfrigen Sohn einen Kuss.

Auf dem Korridor überlegte sie, was sie als Nächstes machen sollte. Die Möbelpacker hatten alles wunschgemäß aufgestellt, doch es waren viele Kartons auszupacken.

Seufzend wandte sie sich der Küche zu, weil diese am wichtigsten war. Am Nachmittag hatte sie Klebefolie für die Regale gekauft, bevor sie mit Brady zur Weihnachtsfeier gegangen war.

Auch jetzt war sie davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das letzte Weihnachten war schwierig verlaufen. Dereks Eltern hatten den Tod ihres Sohnes nicht überwunden. Brady sollte nicht wieder ein so trauriges Fest erleben.

Sie hatte erwartet, dass ihre Schwiegereltern sich allmählich erholten. Stattdessen wurde es mit ihrer Schwiegermutter immer schlimmer. Sie versuchte sogar, aus Brady einen zweiten Derek zu machen.

Die Anzeige, in der für sofort eine Lehrerin für Saddle in Wyoming gesucht wurde, war wie ein Wink des Schicksals gewesen. Schon am nächsten Tag hatte sie angerufen. Danach hatten sich die Ereignisse überstürzt, und nun waren sie beide in diesem hübschen Haus in einer Kleinstadt am Fuß einer Bergkette gelandet. Die Stadt hatte ihren Namen von einem Gipfel der Rocky Mountains, der einem Sattel ähnelte.

Was für ein Gegensatz zu Chicago!

Die Veränderung tat ihnen beiden gut. Brady mochte das neue Zuhause. Lächelnd erinnerte sie sich daran, wie er sie fragte, ob er tatsächlich jederzeit ins Freie gehen konnte. Wahrscheinlich hatte ihn die Freiheit eines Gartens auf den Wunsch nach einem Pferd gebracht.

Aber der Wunsch nach einem Daddy …

Joni glaubte nicht, dass Brady sich an Derek erinnerte. Beim Tod seines Vaters war er erst zwei gewesen. Und Derek hatte sich nicht viel aus Babys gemacht. Sie hatte ihren Ehemann geliebt, aber nach Bradys Geburt hatten sie eine schwierige Zeit durchgemacht.

Vielleicht war sie nicht zur Ehefrau, sondern nur zur Mutter geschaffen. Und sie war mit einem wunderbaren Kind beglückt worden. Für ihren Sohn würde sie alles tun.

Nun war sie also hier und kam sich vor, als wäre sie in einen Western geraten, in dem jeder Mann Cowboyhut und Stiefel trug. Und einige von ihnen sahen tatsächlich wie lebende Cowboyhelden aus – zum Beispiel Sam Crawford.

Schluss, befahl sie sich. Sie musste das Haus einrichten und dann für den Montag planen. Brady sollte zu einem Babysitter, mit dem sie morgen sprechen wollte. Und sie unterrichtete ab Montag in der Volksschule die Schüler der zweiten Klasse, deren Lehrerin nach Kalifornien gezogen war, wo ihr Mann eine neue Stelle gefunden hatte.

Joni blieb gar keine Zeit, um an einen hoch gewachsenen, schlanken Cowboy zu denken, dessen Lächeln jeder Frau Herzklopfen verschaffte.

Sogar der Frau des Weihnachtsmannes …

Sam lockerte am nächsten Morgen schon die Krawatte, bevor er durch die Kirchentür ins Freie trat. Die meisten Männer von Saddle ärgerten sich gar nicht erst mit dem verdammten Ding herum, aber seine Mutter wäre entsetzt gewesen, hätte er auf die Krawatte verzichtet.

„Hey, Sam!“, rief sein Freund Dustin.

Sam drehte sich um. Sie waren zusammen in Saddle aufgewachsen und hatten gemeinsam die Schule besucht und Sport getrieben. Jetzt bewirtschafteten sie die Ranchs ihrer Väter. „Hey, Dusty, wie läuft es?“

„Großartig. Hast du schon die neue Lady in der Stadt gesehen?“

„Du meinst Mrs. Evans?“ Wen sonst? Nur selten zogen neue Leute in die Stadt. Heute hatte sie einige Reihen von ihm entfernt gesessen, und ihr Haar hatte wie ein goldener Heiligenschein geleuchtet. Brady war bei ihr gewesen und hatte ihm zugewinkt.

„Ich kenne ihren Namen nicht, aber sie ist eine schöne Blondine mit tollen Kurven. Und wenn sie lächelt, geht die Sonne auf und …“

„Schon gut, ich habe sie gesehen. Was ist mit ihr?“

„Ich dachte nur, du könntest dich vielleicht für sie interessieren. Ich meine, mit Linda ist doch endgültig Schluss, oder?“

„Du meinst, weg mit Schaden und schon was Neues? Das geht mir etwas zu schnell, mein Freund.“

„Du darfst keine Zeit verlieren. Sie hat hier jede Menge Chancen. Ich habe gehörte, drei Kerle haben sie schon eingeladen.“

Sam seufzte erleichtert. Also hatte sie bereits jemanden gefunden, und er wilderte nie in fremden Revieren. „Gut.“

Dusty zuckte mit den Schultern. „Ja, aber woher weißt du, dass sie abgelehnt hat?“

Sam blieb mitten auf dem Weg zum Parkplatz stehen. „Was?“

„Du hast es nicht gewusst?“

„Wieso weißt du denn Bescheid? Bist du jetzt zur Klatschtante der Stadt aufgestiegen?“ Die Frau war erst seit zwei Tagen hier. Wie war es da möglich, dass schon drei Kerle hinter ihr her gewesen und abgewiesen worden waren?

„Sie war gestern Abend bei der Feier. Mick Bowman hat sich sofort an sie rangemacht. Das haben alle gesehen, nur du nicht, weil du den Weihnachtsmann gespielt hast. Sie hat ihn eiskalt abblitzen lassen. Dann hat Larry Cranston mir selbst erzählt, dass er sie für Sonntag zum Abendessen eingeladen hat. Sie hat abgelehnt. Und sie hat ihn nicht einmal vertröstet.“

„Die ist doch gerade erst hierhergekommen und braucht Zeit, um sich einzugewöhnen.“

Dusty lächelte vergnügt. „Wir sind hier draußen ausgehungert, was schöne und allein stehende Frauen angeht. Wenn du zu lange wartest, bleibt für dich nicht einmal mehr ein Knochen zum Abnagen.“

„Wenn Lisa dich so reden hört, wird sie sich fragen, ob du sie noch liebst.“

„Nein, das weiß sie“, versicherte Dusty so zufrieden, dass es Sam schmerzte. Als er Linda heiratete, hatte auch er gehofft, immer so zufrieden zu sein.

„Nun, sie wird bald jemanden finden.“

Dusty ließ sich nicht so leicht abschütteln. „Willst du denn nicht wissen, wen sie noch abgelehnt hat?“

„Noch einen?“

Dusty reckte drei Finger hoch und zählte noch einmal die beiden Namen auf, die er schon erwähnt hatte. „Der dritte war der Pastor.“

Sam sah seinen Freund verblüfft an. Der Geistliche war vor ungefähr einem halben Jahr in die Stadt gekommen. Alle waren der Meinung, dass er in Kansas City eine Freundin hatte. „Ich dachte, er ist verlobt.“

„Das dachte ich auch, aber wenn das stimmt, hält er sich nicht an seine eigenen Ratschläge. Du weißt schon, von wegen Ehrlichkeit und Anständigkeit und so weiter.“

„Ja, verstehe.“ Sam blickte zu den Leuten, die in Gruppen beisammen standen und sich trotz des kalten Wetters unterhielten. Wenigstens wehte kein Wind, was für Ende November ungewöhnlich war.

„Meinst du nicht, du solltest sie fragen?“, fragte Dusty und stieß ihn mit dem Ellbogen an.

„Was denn fragen?“

„Mann, ist dein Gehirn eingefroren? Fragen, ob sie mit dir ausgeht.“

Sam wünschte sich, ein anderer Teil seines Körpers wäre eingefroren. Es gefiel ihm nämlich gar nicht, wie er auf den Anblick von Joni Evans in einem hellblauen Kostüm reagierte. Der kurze Rock enthüllte sagenhafte Beine.

„Nein, das mache ich lieber nicht.“ Sollte sie allerdings weiterhin den Männern von Saddle einen Korb geben, musste er etwas unternehmen, damit er nicht doch in Versuchung geriet.

In Gedanken stellte er eine Liste von Männern zusammen, die Bradys Wunsch an den Weihnachtsmann erfüllen konnten. Seinen eigenen Namen setzte er jedoch nicht auf diese Liste. Auf gar keinen Fall!

2. KAPITEL

„Sie gehen nicht auch wieder weg, oder?“, fragte eine von Jonis neuen Schülerinnen, die sie am Ende der ersten Woche zum Abschied an sich drückte.

„Nein, natürlich nicht, Allison. Wir sehen uns am Montag wieder.“

„Mrs. Miller hat sich nämlich am Freitag von uns verabschiedet und ist nicht wiedergekommen“, fuhr das Mädchen fort.

„Ich verspreche dir, dass ich am Montag hier sein werde. Mir gefällt es bei euch.“ Und das stimmte. Sie umarmte noch einige andere Kinder und winkte ihnen zu, als sie das Klassenzimmer verließen.

Die erste Woche war wunderbar gewesen. Keine Spur von Gewalttätigkeit, wie sie sie bei den Kindern in Chicago gefunden hatte. Keine Eltern, die sie mit Klagen überfielen.

Die Kolleginnen und Kollegen waren freundlich, die Eltern dankbar und die Kinder wunderbar. Der Schulleiter hatte ihr versichert, sie hätte nur wenige Schüler zu unterrichten, und alle Lehrmittel würden zur Verfügung stehen. Joni hatte ihm nicht so recht geglaubt, aber in der an Öl und Kohle reichen Gegend stand genug Geld zur Verfügung.

Zufrieden seufzend ließ sie sich auf den Stuhl sinken. Auch Brady war glücklich. Es gefiel ihm in der Tagesstätte. Das war gut so, weil er in der Stadt nur eine gab. Jeden Morgen freute er sich schon darauf, das Haus zu verlassen.

Joni drehte sich um, als sich jemand räusperte. Sam Crawford, der attraktive Weihnachtsmann, stand in der Tür und hielt ein hübsches, ungefähr zwei Jahre altes Mädchen auf dem Arm. Neben ihm drängten sich zwei kleine Jungen. Einer davon war ihr Sohn.

„Brady, was machst du hier? Stimmt etwas nicht?“, fragte sie, sprang auf und drückte ihren Sohn an sich.

„Es ist alles in Ordnung, Mrs. Evans“, versicherte Sam Crawford.

„Und wieso hat Mrs. Barker dann erlaubt, dass Sie meinen Sohn abholen?“, fragte sie und schob Brady hinter sich, als müsste sie ihn beschützen.

Sam sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Weil ich ihr sagte, dass ich ihn zu Ihnen bringen würde. Was ist daran falsch?“

„Brady weiß, dass er nur mit mir mitgehen darf“, begann sie energisch, stockte jedoch. Sie waren schließlich nicht in Chicago. „Kennen … kennen Sie Mrs. Barker?“

Er nickte. „Könnte man sagen. Als ich fünf war, unterrichtete sie mich in der Sonntagsschule. Als ich sieben war, leitete sie meine Pfadfindergruppe. Bei meiner letzten Klassenfahrt fungierte sie als Anstandsdame. Bei …“

„Schon gut.“ Joni winkte ab und kam sich albern vor. „Ich habe verstanden. Tut mir leid, aber in Chicago …“

„Wir sind nicht in Chicago.“

Das hatte sie sich auch schon gesagt. „Natürlich nicht.“ Mit einem Lächeln überspielte sie ihr Unbehagen. „Danke, dass Sie Brady hergebracht haben.“

„Aber, Mom!“, protestierte Brady, als er merkte, dass sie den Cowboy wegschickte. „Er hat mich gefragt!“

„Was denn, Brady?“

„Er hat mich gefragt, ob ich mit Peter spielen will.“

Peter. Ihr Sohn hatte die ganze Woche von Peter gesprochen, einem kleinen Jungen, der jeden Morgen in Mrs. Barkers Tagesstätte kam. Er und Brady hatten sich angefreundet.

Joni wandte sich an Sam. „Woher wissen Sie …“ Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Jungen an seiner Seite. „Ist das Peter?“

„Sie kennen ihn noch nicht? Er ist täglich bei Mrs. Barker.“

„Aber nur vormittags, und ich hatte es in dieser Woche immer sehr eilig. Ich bin nie hineingegangen.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie die nächste Frage stellte. „Ist … ist Peter Ihr Sohn?“

„Nein. Er ist mein Neffe, und Katie hier ist meine Nichte.“

Verflixt! Sie hatte jeder näheren Beziehung zu diesem hoch gewachsenen, gut aussehenden Cowboy ausweichen wollen. Er war zu verlockend, und sie wollte nicht in Versuchung geführt werden.

„Freut mich, dich kennen zu lernen, Peter. Brady spielt sehr gern mit dir.“ Sie lächelte dem Jungen zu, der scheu zurücklächelte.

„Meine Schwester freut sich auch sehr. Peter ist ziemlich zurückhaltend. Sie schickt ihn in die Tagesstätte, damit er den Umgang mit anderen Kindern lernt.“

„Bestimmt macht er sich gut“, sagte Joni und lächelte dem Jungen ermutigend zu. „Brady, willst du mir nicht mit Peter ein Bild an der Tafel zeichnen?“

Brady war noch nicht in diesem Klassenzimmer gewesen, hatte seine Mutter jedoch in Chicago bei der Arbeit besucht. Ohne zu zögern, ging er voraus, und Peter folgte ihm.

Sobald die beiden sich ans Werk gemacht hatten, sagte Joni leise zu ihrem Besucher: „Mr. Crawford, man sollte nie über ein Kind sprechen, als wäre es gar nicht vorhanden.“

„Ich wollte nur … verdammt, ich …“ Er stockte, als er merkte, dass er vor den Kindern geflucht hatte. „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass meine Schwester sich darüber freut, dass Brady sich mit Peter angefreundet hat.“

Joni unterdrückte ein Lächeln. Als Macho gefiel es ihm nicht, dass sie ihn auf einen Fehler hingewiesen hatte, doch er hatte sich gut aus der Affäre gezogen. „Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich freue mich schon darauf, Ihre Schwester kennen zu lernen.“

„Hey, Mom, schau mal! Ich und Peter haben Pferde gezeichnet!“, rief Brady.

Entweder sahen in Wyoming die Pferde völlig anders aus als jene, die sie kannte, oder die beiden Jungen waren keine geborenen Künstler. „Sehr schön. Das sind tolle Pferde. Könnt ihr sie jetzt wieder wegwischen? Wir wollen nach Hause, und die Tafel muss sauber sein.“

Anstatt zu gehorchen, kam Brady zu ihr. „Nein, Mom, ich habe es dir doch gesagt. Er hat mich gefragt!“

„Wovon sprichst du?“

„Ach, Mrs. Evans, ich habe Brady abgeholt, weil ich dachte, er könnte den Abend draußen auf der Ranch verbringen.“

Auf diese Einladung war sie nicht vorbereitet.

„Mit Peter und Katie“, fügte Sam rasch hinzu. „Und mit mir“, versicherte er, als sie ihn noch immer stumm ansah. „Meistens passe ich freitagabends auf die beiden auf, damit meine Schwester und ihr Mann Zeit für sich haben.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Crawford“, erwiderte Joni, „aber ich finde …“

„Mommy, bitte!“, flehte Brady.

Wenn er sie Mommy nannte, wünschte er sich etwas ganz besonders. Sonst war sie „Mom“. Doch sie musste ihn enttäuschen. Dabei war bisher alles so gut gelaufen. „Schatz, wir haben viel zu tun, und wir müssen erst unsere Nachbarn kennen lernen. Ich finde, wir sollten diesen Besuch um eine oder zwei Wochen verschieben.“

Peter kehrte zu Sam Crawford zurück und griff nach der Hand seines Onkels. „Will sie nicht?“, flüsterte er, doch es war deutlich zu hören. „Ich werde auch ganz brav sein“, beteuerte er und sah Joni besorgt an.

Joni ging in die Hocke. „Natürlich, das glaube ich dir, aber …“ Brady legte ihr den Arm um den Nacken. „Wir sind neu in der Stadt, und es macht mich nervös, wenn Brady ohne mich weggeht.“

Autor

Judy Christenberry

Judy Christenberry war nicht immer eine Autorin, aber schon immer eine Träumerin. Sogar als Kind hat sie sich selbst Geschichten erzählt, in denen sie stets die Heldin war. Aber erst mit 38 Jahren, ein Jahr nach dem völlig unerwarteten Tod ihres Vaters, schrieb sie ihre erste Romance. Denn damals wurde...

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