Der Mann aus Montana

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Nur weil ihr Bruder Mack in ihrem Namen auf eine Heiratsannonce geantwortet hat, befindet sich Suzanne auf der Ranch des gut aussehenden Rand Harding. Sie muss schon zugeben, dass dieser tolle Mann durchaus erotische Fantasien in ihr weckt, aber wieso hat er es nötig, sich eine Frau per Anzeige zu suchen ....
  • Erscheinungstag 02.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754358
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

In ihrer kleinen Wohnung in Baltimore, Maryland, saß Suzanne Paxton auf ihrem Bett und weinte. Suzanne war nicht das, was man eine klassische Schönheit nennen würde, aber sie war groß und schlank, und das lange dunkle Haar hatte einen wundervollen Glanz.

Bis vor zwei Wochen hatte sie als Buchhalterin gearbeitet. Dann hatte man ihr gekündigt. Nicht etwa wegen Inkompetenz, sondern weil die Firma alles auf Computer umgestellt hatte, um Arbeitskräfte abzubauen. ‚Rationalisierung‘ hatten sie es genannt. Um Suzannes schön geschwungenen Mund lag ein bitterer Zug.

Die Tränen, die sie im Augenblick vergoss, hatten allerdings nichts mit ihrem verlorenen Job zu tun. Was ihr viel mehr zu schaffen machte, war die Tatsache, dass es ihr trotz verzweifelter Bemühungen nicht gelang, eine neue Stelle zu finden. Was sollte nun aus ihr und ihrem Bruder Mack werden?

Als sie Mack vor zwei Jahren bei sich aufgenommen hatte, war er zwölf Jahre alt gewesen. Ihre Eltern waren kurz zuvor tödlich verunglückt. Und Mack hatte sonst niemanden, der sich um ihn kümmern konnte. Zu jener Zeit war Suzanne verheiratet gewesen. Doch schon kurze Zeit darauf war die Ehe in die Brüche gegangen.

Allerdings wäre es unfair, Mack für das Scheitern ihrer Beziehung verantwortlich zu machen. Sie hatte schon lange vorher gewusst, dass ihr Mann sie nicht mehr liebte. Les war Macks Auftauchen sehr gelegen gekommen. Es diente ihm als Entschuldigung für seine Entscheidung, Suzanne zu verlassen. Aber das spielte nun keine Rolle mehr. Die Trennung hatte sie überwunden. Die Tatsache, dass sie arbeitslos war, war bedeutend schlimmer.

Doch ihre Tränen hatten noch eine andere Ursache – Mack. Mit seinen vierzehn Jahren war der Junge außer Rand und Band, und Suzanne kam beim besten Willen nicht gegen ihn an. Er schwänzte die Schule, wenn ihm danach war, lungerte halbe Nächte auf der Straße herum, fehlte bei keiner Schlägerei und benahm sich zu Hause unmöglich. Wenn seine Schwester ihn auf sein Verhalten hinwies, entgegnete er frech, dass sie ihn in Ruhe lassen sollte, schließlich sei sie nicht seine Mutter.

Natürlich hatte er recht. Und Suzanne wusste auch, dass er immer noch um die Eltern trauerte. Aber tat sie das nicht auch? Dafür, dass sie selbst erst vierundzwanzig war, verlangte das Leben ihr eine Menge ab. Die wenigen Ersparnisse, die ihre Eltern ihnen hinterlassen hatten, würden unter den herrschenden Umständen schnell aufgebraucht sein. Miete, Essen, Gas, Versicherungen, Kleidung – alles musste bezahlt werden. Und das alte Auto mit den immer häufiger anfallenden Reparaturen kostete sie ein kleines Vermögen.

Die Wohnungstür fiel laut ins Schloss. Mack war nach Hause gekommen. Suzanne wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Mack, bist du das?“, rief sie, als sie Schritte auf dem Flur vor ihrem Schlafzimmer hörte.

„Wer denn sonst?“, gab Mack betont cool zurück. Er stand in der Tür, die schlaksigen Arme vor der Brust verschränkt. In seiner Hip-Hop-Jeans und dem grauen Kapuzensweatshirt sah er aus wie immer. Die verschlissene Baseballkappe seines Lieblingsteams saß ihm schief auf dem Kopf, und der blaue Rucksack, dessen Inhalt Suzanne wohl immer ein Rätsel bleiben würde, hing ihm locker über der Schulter.

„Hast du schon gegessen? Im Kühlschrank ist noch etwas Hühnerfleisch. Ich könnte dir ein Sandwich machen“, bot Suzanne an.

„Ich habe schon bei Kip gegessen“, antwortete er und starrte in das vom Weinen geschwollene Gesicht seiner Schwester.

„Diese Allergien bringen mich heute glatt um. Es scheint Frühling zu werden“, versuchte sie ihren aufgelösten Zustand zu erklären.

„Immer diese Allergien“, murmelte Mack. Suzanne zweifelte keine Sekunde daran, dass er ihre Lüge durchschaut hatte. Trotzdem fragte er nicht, warum sie geweint hatte. „Ich gehe jetzt in mein Zimmer“, sagte er schon halb im Flur. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“, rief sie hinter ihm her. Kurz darauf hörte sie, wie er seine Zimmertür hinter sich schloss und den Fernseher einschaltete. Wenigstens hatte es heute Abend keine dramatische Szene zwischen ihnen gegeben.

Mack warf sich auf sein Bett und starrte abwesend auf den Bildschirm. Er war mit den Gedanken ganz woanders.

Manchmal litt er sehr unter den Meinungsverschiedenheiten zwischen seiner Schwester und ihm. Aber sie lag ihm auch ständig wegen irgendetwas in den Ohren. Sie schien zu vergessen, dass er beinahe erwachsen war.

Ein Glück, dass sie ihn heute in Ruhe gelassen hatte. Sie hatte ihn weder wegen seines chaotischen Zimmers noch wegen seiner schlechten Schulleistungen genervt.

Das Leben, das er und Suzanne führten, hätte ihn schon längst in den Wahnsinn getrieben, wenn es da nicht seinen Freund Kip gegeben hätte. Kip war der einzige Freund, den Mack in Baltimore hatte. Ihre Freundschaft hatte mit einer Schlägerei angefangen, weil Mack sich über Kips Namen lustig gemacht hatte. Danach hatten sie miteinander geredet und festgestellt, dass sie viele gemeinsame Interessen hatten.

Dennoch hatte Mack den Freund bis zum heutigen Abend niemals in seine intimsten Angelegenheiten eingeweiht. Aber als sie vorhin in Kips Zimmer gesessen hatten, konnte er einfach nicht an sich halten. Kurz entschlossen zog er eine Zeitschrift aus der Jacke hervor.

„Was hast du da?“, fragte Kip neugierig.

„Ein Rancher-Magazin“, entgegnete Mack verlegen. „Ich möchte dir etwas darin zeigen.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so etwas liest.“

„Willst du es jetzt hören oder nicht?“, fragte Mack ungeduldig.

„Klar. Und reg dich wieder ab.“

„Hör zu.“ Mack hatte beinahe bis zum Ende geblättert und setzte sich neben Kip aufs Bett. „Suche allein stehende sympathische Frau zwischen fünfundzwanzig und dreißig, ehrlich, sauber, Nichtraucherin. Wenn Sie Interesse haben, schreiben Sie an Chiffre einsamer Cowboy, Kincaid Ranch, Whitehorn, Montana.“

„Ja und?“ Kip sah den Freund verblüfft an.

„Was meinst du damit? Dieser Typ sucht eine Frau.“

„Schon klar.“ Kip kicherte. „Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass er dabei an jemanden wie dich gedacht hat, Paxton.“

„Blödmann. Natürlich nicht. Ich denke ja auch an meine Schwester.“

„Deine Schwester? Wenn du glaubst, dass Suzanne auf solche Anzeigen antwortet, bist du wohl eher der Blödmann.“

„Weiß ich doch.“ Mack grinste spitzbübisch. „Deshalb werde ich ja auch für sie schreiben. Willst du mir dabei helfen?“

Kip dachte einen Augenblick nach. „Meinetwegen. Ich bin dabei.“

Dann verfassten die beiden einen Brief. Mit dem Ergebnis waren sie äußerst zufrieden. Mack las den letzten Absatz laut vor: „Ich füge ein Foto von mir bei, damit Sie wissen, wie ich aussehe. Bitte antworten Sie bald. Ich kann es kaum erwarten, von Ihnen zu hören, einsamer Cowboy. Es umarmt Sie eine einsame Lady aus Baltimore. Suzanne Paxton.

Kip wälzte sich vor Lachen auf dem Bett. „Der Typ wird sein Glück nicht fassen können, wenn er den Brief liest und das Foto sieht.“

„Genau das will ich ja auch.“ Aber statt eines Fotos seiner Schwester legte er das Bild einer attraktiven Blondine in den Umschlag.

„Suzanne bringt dich um, wenn sie es erfährt.“

„Bestimmt nicht. Sie wird mich nicht umbringen, sondern mir auf ewig dankbar sein. Schließlich hat sie niemanden außer mir, und sie hat keinen Job, obwohl sie sich bemüht. Und mit diesem Brief sind all ihre Probleme mit einem Mal gelöst.“

„Na ja, du musst es ja wissen. Schließlich ist sie deine Schwester.“

„Ja. Und ich weiß, was ich tue. Wenn ich dir jetzt ein Geheimnis verrate, versprichst du mir, es für dich zu behalten?“

„Was denn noch, Paxton?“

„Versprichst du es oder nicht?“

„Okay. Ich verspreche es. Ich werde niemandem auch nur ein Sterbenswort sagen.“

„Gut. Also, ich wollte schon immer auf einer Ranch im Westen leben. Auf einer riesigen Ranch mit Kühen und Pferden und richtigen Cowboys. Meine Eltern und ich haben einmal eine Woche Urlaub auf einer Ranch gemacht. Es war einfach cool.“

„Du würdest tatsächlich von Baltimore fortgehen?“ Kip sah seinen Freund ungläubig an.

„Ich muss hier raus, Kip. Und ich weiß, dass Suzanne insgeheim genauso denkt. Es ist eine Chance für uns beide.“

Trotz seiner dicken Jacke fröstelte Rand Harding, als er auf das große Ranchhaus zuging. Der Frühling hatte zwar längst begonnen, aber in Montana war man daran gewöhnt, dass in dieser Jahreszeit häufig noch winterliche Temperaturen herrschten.

Als Vormann der Kincaid Ranch fühlte Rand sich für alles verantwortlich, was zum Besitz der Kincaids gehörte. So kam es, dass er jeden Abend, wenn seine Leute sich längst in ihre Zimmer zurückgezogen hatten und schliefen, einen letzten Kontrollgang machte.

Sein letzter Blick galt wie gewöhnlich dem vornehmen Hauptgebäude, dem Familiensitz der Kincaids. Das Haus stand seit Jahren leer, da die Familie, mit Ausnahme eines kleinen Mädchens, ums Leben gekommen war. Die Kleine hieß Jessica und war nach dem Tod der Eltern von Sterling McCallum und seiner Frau adoptiert worden. Das Ehepaar hatte Rand den Besitz anvertraut, solange Jessica noch zu jung war, um sich selbst darum zu kümmern.

Es war alles wie immer. Er konnte sich beruhigt ins Wirtschaftsgebäude zurückziehen. Aus dem Innern drang ihm wohlige Wärme entgegen. Abgesehen von Rands Schlafzimmer und drei Gästezimmern lagen im Erdgeschoss die wirtschaftlich genutzten Räume – die riesige Küche, das Esszimmer, die Waschküche und das Büro. Im oberen Stockwerk waren die Zimmer der Cowboys. Wie die Schlafzimmer unten verfügten auch sie über ein eigenes Bad. Der Aufenthaltsraum mit Fernseher, gemütlichen Sitzecken, Regalen mit Büchern und Spielen war für alle da.

Rand stöberte in einem Berg Zeitschriften. Was er in seinem eigenen Zimmer hatte, hatte er längst gelesen. Zum Glück entdeckte er die neueste Ausgabe eines Rancher-Magazins. Er nahm sie mit in sein Zimmer im Erdgeschoss, zog sich bis auf die Unterwäsche aus und legte sich ins Bett. Normalerweise las er mit großem Interesse jeden Artikel über die neuesten Erkenntnisse in Ackerbau und Viehzucht, heute jedoch blätterte er hastig zu den Seiten mit den Anzeigen. Es dauerte nicht lange, bis er das gefunden hatte, was er suchte – seine eigene Anzeige.

Vor zwei Wochen war ihm erstmalig aufgefallen, wie viele Kontaktanzeigen jede Woche in den Ausgaben der Zeitschriften standen. Wer suchte denn heute noch auf diese Weise nach einem Partner? Was für Männer waren das? Was erwarteten sie von einer Partnerschaft? Denn die große Liebe konnte ja unter diesen Umständen wohl nicht mit im Spiel sein. Aber war das wirklich so abwegig? War eine Partnerschaft, die sich auf Respekt und Vertrauen gründete, nicht tausendmal besser als die Einsamkeit? Die Männer, die hier inseriert hatten, waren wahrscheinlich in einer ähnlichen Lage wie er selbst.

Als er vor ein paar Jahren nach Whitehorn gekommen war, um in der Gegend Arbeit zu finden, hatte er sich unsterblich in eine junge Frau verliebt. Sie hatten sich Hals über Kopf verlobt, obwohl Rand damals schon auf der Kincaid Ranch gearbeitet hatte, die ungefähr sechzig Meilen von der nächsten Stadt entfernt lag. Sherry hatte von vornherein gewusst, dass er mit Leib und Seele ein Rancher war, und sie hatte sich nie darüber beklagt – bis drei Tage vor der Hochzeit.

„Rand, Darling, ich habe ein wundervolles Haus gefunden. Wir könnten es für ein paar Dollar mieten. Der Eigentümer ist ein alter Mann, und er wäre dankbar, wenn wir dafür ein wenig nach dem Rechten sähen. Er kann es gar nicht erwarten, dich kennen zu lernen.“

Rand starrte seine Verlobte an, als hätte sie ihm einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. „Sherry, wir werden auf der Ranch leben. Der Besitzer hat mir schon eines der kleinen Häuser für verheiratetes Personal versprochen. Darling, ich habe dir die Ranch doch gezeigt. Ich dachte, du würdest gern dort leben.“

„Niemals. Ich könnte es nicht ertragen, so weit von meinen Freunden und meiner Familie entfernt zu leben. Was sollte ich den ganzen Tag über tun, Rand, wenn du nicht zu Hause bist? Sieh es doch einmal realistisch.“

Ja, von jenem Tag an hatte Rand die Dinge tatsächlich realistisch gesehen. Nachdem er Sherry klipp und klar zu verstehen gegeben hatte, dass er nicht die Absicht hatte, für Larry Miller den Hausmeister zu spielen, hatte sie die Hochzeit kurz entschlossen abgeblasen. Ungefähr drei Monate später hatte Rand gerüchteweise gehört, dass sie einen anderen Mann geheiratet hatte. So viel zu seiner Begegnung mit der großen Liebe.

Danach stand für ihn fest, dass er sich nie wieder verlieben wollte.

Aber allein leben wollte er auch nicht.

Je länger er darüber nachdachte, desto vernünftiger erschien ihm die Idee mit der Anzeige. Und eines war sicher: Eine Frau, die darauf antwortete, hatte dieselbe Vorstellung von einer Partnerschaft wie er. Sie würde eine realistische, intelligente Person sein, der Freundschaft wichtiger war als Romantik.

Es hatte zehn Minuten gedauert, bis Rands Entschluss feststand. Zunächst überlegte er, was er einer Frau überhaupt zu bieten hatte. Erstens war er ein fleißiger Arbeiter, der immer einen Job haben würde und für seine Familie sorgen könnte. Zweitens war er noch jung – zweiunddreißig, ziemlich gut aussehend, wenn man so etwas überhaupt von sich selbst sagen konnte. Er war groß und schlank, hatte dunkles dichtes Haar und tiefblaue Augen. Vielleicht wirkte er nicht auf den ersten Blick auf Frauen, aber zumindest hatte ihn noch keine abblitzen lassen, wenn er sich mit ihr hatte verabreden wollen.

Er war ehrlich, fluchte längst nicht so viel, wie man es von den übrigen Cowboys kannte, rauchte nicht und trank wenig – höchstens einmal ein Bier. Alles in allem konnte es eine Frau wesentlich schlechter treffen.

Ja, vor zwei Wochen hatte er seine Idee mit der Anzeige für genial gehalten. Aber als er sie jetzt Schwarz auf Weiß vor sich sah, kamen ihm auf einmal Zweifel.

2. KAPITEL

Rand nahm eine Hand voll Briefe aus dem Postfach und sah sie hastig durch. Er interessierte sich seit einiger Zeit sehr für die eingehende Post. Mal zweifelte er daran, dass überhaupt jemand auf seine Anzeige antworten würde, dann war er wieder felsenfest davon überzeugt, dass es klappen würde.

Endlich, dachte er, und sein Puls begann zu rasen. In der Post von heute fand er einen Brief mit dem Absender Suzanne Paxton, Baltimore. Was sollte es anders sein als die heiß ersehnte Antwort. Suzanne erschien ihm plötzlich der schönste Name, den er je gehört hatte. Er stieg in seinen Lieferwagen und öffnete gespannt den Umschlag.

Als er den Brief herauszog, fiel ihm ein Foto in den Schoß. Er traute seinen Augen nicht. Diese atemberaubende Blondine sollte Suzanne sein? „Ich werde verrückt“, murmelte er. Nachdem er dann den Brief gelesen hatte, konnte er sein Glück noch weniger fassen. Diese junge Dame war nicht nur interessiert, sie konnte es auch kaum erwarten.

Rand wendete den Wagen so schnell, dass die Reifen durchdrehten, und raste zur Ranch zurück. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als Suzannes Brief zu beantworten. Danach würde er sogar noch einmal zur Post fahren, um ihn aufzugeben. Diese wichtige Angelegenheit duldete keinen Aufschub. Vielleicht sollte er seine Antwort besser per Eilboten senden, damit Miss Paxton nicht unnütz warten musste.

Rand stürmte ins Haus. Im Büro warf er dem verblüfften George die übrige Post auf den Schreibtisch, hastete dann in sein Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Er nahm sich gerade noch die Zeit, seine dicke Jacke auszuziehen, als er auch schon zu schreiben begann.

Liebe Suzanne, mit Ihrer Nachricht wird ein Traum für mich wahr. Ihr Brief und das bezaubernde Foto lassen mich nicht daran zweifeln, dass Sie genau die Frau sind, auf die ich gehofft hatte. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll, dass Sie auf meine Anzeige geantwortet haben.

Wenn Sie gestatten, würde ich gern ein wenig über mich erzählen. Ich bin seit jeher Rancher. Zurzeit arbeite ich als Vormann auf der Kincaid Ranch. Es ist herrlich hier. Sie werden die faszinierende Gegend auf Anhieb mögen. Sie schrieben, dass Sie sich nach Weite sehnen – ich versichere Ihnen, dass Sie die hier finden werden.

Sie haben sich sicherlich darüber gewundert, dass ich auf diesem etwas ungewöhnlichen Wege eine Frau suche. Hier in der Gegend gibt es natürlich auch ledige Frauen – ziemlich viele sogar –, aber ich bin nicht auf der Suche nach einer Romanze, Suzanne. Ich wünsche mir eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und für die Freundschaft und Partnerschaft wichtiger sind als eine vorübergehende Leidenschaft. Auch die Gründung einer Familie wäre in meinem Sinne. Ich hoffe, dass Sie ähnliche Vorstellungen von einer Beziehung haben.

Ich füge meinem Brief ein Foto bei. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, einen Meter und fünfundachtzig groß und schlank. Nachdem ich Ihr Foto gesehen habe, hoffe ich, dass Sie nicht allzu enttäuscht sind.

Bitte antworten Sie schnell. Ich werde jeden Tag ungeduldig auf Post von Ihnen warten. Noch eines: Sollte es ein Problem für Sie sein, das Reisegeld aufzubringen, lassen Sie es mich bitte wissen. Es wäre mir eine Freude, Ihnen ein Flugticket zu schicken.

Viele Grüße

Rand Harding

Rand las seinen Brief zweimal, bevor er ihn zusammenfaltete und ihn samt Foto in einen Umschlag steckte.

„Ich muss noch einmal in die Stadt“, informierte er George. „In ein paar Stunden bin ich wieder zurück.“

George blickte dem jüngeren Mann kopfschüttelnd nach. Er konnte sich nicht erinnern, Rand jemals so aufgeregt gesehen zu haben.

Während der Fahrt dachte Rand an nichts anderes als an Suzanne Paxton. Heute musste sein Glückstag sein.

Rand war gerade fünf Minuten wieder auf der Ranch, als ein unbekannter Wagen auf das Gelände fuhr. Laut Kennzeichen stammte der Fahrer des Wagens aus der Gegend, doch Rand hatte ihn nie zuvor gesehen. Wie die meisten Rancher trug er Jeans, Stiefel und eine dicke Jacke. Obwohl der Mann nicht älter als ungefähr Ende vierzig sein konnte, war sein Haar bereits ergraut.

„Hallo“, grüßte er.

„Hallo.“ Rand nickte.

„Ich glaube, ich habe mich hoffnungslos verfahren.“

„Wohin wollen Sie denn?“, fragte Rand.

„Nach Whitehorn.“

„Das ist nicht weit von hier.“ Während Rand ihm den Weg erklärte, betrachtete der Fremde das riesige Anwesen mit sehnsüchtigen Blicken. „Hier ist es wunderschön“, sagte er schließlich, und seine Augen ruhten auf dem herrlichen unbewohnten Ranchhaus.

„Ich arbeite nur hier. Ich bin der Vormann. Dies ist die Kincaid Ranch, aber von den Kincaids lebt niemand hier.“ Rand fand, dass es an der Zeit war, sich vorzustellen. Er streckte dem Mann die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Rand Harding.“

„J.D. Cade“, sagte der andere und ergriff Rands Hand.

„Schön, Sie kennen zu lernen, J.D. Sie suchen nicht zufällig einen Job?“

„Fehlen Ihnen Leute?“

„Uns fehlen eigentlich immer Leute“, lachte Rand. „Die Ranch liegt so abgelegen, dass die Männer es nicht lange aushalten. Haben Sie schon einmal auf einer Ranch gearbeitet?“

„Ja.“

„Und? Sind Sie interessiert?“

„Nun, da ich sowieso hier in der Gegend bleiben wollte, wieso nicht?“

„Sie nehmen den Job?“

„Ich nehme den Job. Ich kann allerdings nicht sagen, für wie lange.“

„Fein. Dann lassen wir jetzt die Förmlichkeiten. Du kannst deine Sachen gleich nach oben bringen. Ich zeige dir dein Zimmer. Meinst du, dass du morgen gleich anfangen kannst?“

„Okay.“

Beim Abendessen stellte Rand den Leuten den neuen Cowboy vor. „Das ist J.D. Cade, Leute. Er arbeitet ab morgen bei uns.“

Die meisten Männer murmelten halblaut eine Begrüßung und begannen dann zu essen. Rand setzte sich neben J.D. an den Tisch, um ihn besser kennen zu lernen.

Gegenüber saß Dale Carson. Der junge Mann war genauso lange auf der Ranch wie Rand. Er war auf der Ranch seiner Eltern aufgewachsen. Aber die Carsons hatten ihr ganzes Land verloren, und Rand wusste von Dale, dass dieser sich zum Ziel gesetzt hatte, so viel Geld zu verdienen, dass er sich eines Tages eine eigene kleine Ranch leisten konnte. Da Rand ähnliche Pläne hatte, konnte er den jungen Mann sehr gut verstehen. Dale versuchte, J.D. in ein Gespräch zu verwickeln. „Wo kommst du her, J.D.?“

„Von nirgendwo“, entgegnete J.D. ruhig und sah den jungen Mann an. Es war offensichtlich, dass der neue Cowboy keine Lust hatte, das Gespräch fortzusetzen. Jeder musste es merken – außer Dale. Er bohrte weiter.

„Das Autokennzeichen ist aus Montana. Aber wo hast du vorher gelebt?“

J.D. bedachte Dale mit einem unmissverständlichen Blick. Aber der merkte es nicht. Er fragte unaufhaltsam weiter. „Wofür steht J.D.? Wie heißt du richtig?“

Jetzt hatte J.D. endgültig die Nase voll. „Hör zu, Junge. Wenn ich alle Welt an meinen Angelegenheiten teilhaben lassen wollte, würde ich sie in der Zeitung veröffentlichen.“

Am Tisch war es plötzlich ganz still. Sogar Dale hielt den Mund. Rand lachte in sich hinein. Ihm gefiel J.D.s Art, auch wenn er ein wenig geheimnisvoll war. Auf der Ranch zählte nur, dass er ein guter Arbeiter war. Und daran hatte Rand keinen Zweifel.

Am nächsten Morgen verließ Mack die Wohnung wie üblich, um zur Schule zu gehen. Allerdings versteckte er sich hinter den Garagen und wartete nur so lange, bis seine Schwester wegfuhr, um wie jeden Morgen auf Jobsuche zu gehen. Jetzt hatte er die Wohnung für sich. Er stellte den Fernseher an, setzte sich auf den großen bequemen Sessel im Wohnzimmer und stand nur noch einmal auf, um sich ein riesiges Sandwich zu machen und ein Glas Cola einzuschenken.

Als es zwei Stunden später an der Tür klingelte, sah er immer noch fern. „Mist“, fluchte er leise. Sollte er die Tür öffnen oder nicht? Was sollte er sagen, wenn ein neugieriger Nachbar fragte, warum er nicht in der Schule war?

Mack schlich auf Zehenspitzen zur Tür und blickte durch den Spion. Der Postbote! Hastig schloss er auf.

„Eine Eilzustellung für Suzanne Paxton“, sagte der Mann.

„Sie ist meine Schwester. Ich nehme sie für sie an.“

„Dann unterschreib bitte hier.“

Mack kritzelte seine Unterschrift in das Buch, das der Postbote ihm vor die Nase hielt. Dann nahm er den Umschlag entgegen. Wieder allein in der Wohnung, jubelte er vor Freude, als er den Absender las. Rand Harding, Whitehorn, Montana.

Beim Hinsetzen riss er den Umschlag schon auf. Mack strahlte übers ganze Gesicht. Er konnte sein Glück nicht fassen. Rand Harding – schon der Name klang nach Abenteuer.

Als Mack den Brief aus dem Umschlag zog, dachte er keine Sekunde darüber nach, dass er an Suzanne gerichtet war. Er faltete das Papier auseinander, als ein Foto herausfiel. ‚Wow‘, dachte er, Harding sieht verflixt gut aus. Umso besser. Dann vertiefte er sich in den Brief.

Hoffentlich kam Suzanne bald nach Hause. Mack konnte es kaum erwarten zu sehen, wie sie auf seine Neuigkeiten reagierte.

Autor

Jackie Merritt
Seit 1988 ihre erste Romance veröffentlicht wurde, schreibt Jackie Merritt hauptberuflich. Sie ist fest davon überzeugt, dass jeder, der ein bisschen Kenntnis von Sprache und Grammatik hat, ein Buch verfassen kann. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sehr viel Disziplin aufbringen kann. Die ersten Seiten sind leicht – bis zum...
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