Der weite Weg ins Glück

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Zärtlich nimmt Callum die hübsche Stella zur Begrüßung in die Arme. Ganz unerwartet ist sie auf seinem weitläufigen Anwesen im Herzen Australiens erschienen, auf einmal zum zweiten Mal in sein Leben getreten. Aber warum? Als sie ihm den Grund gesteht und wieder nach London ziehen möchte, will er sie überzeugen, ihn zu heiraten...
  • Erscheinungstag 16.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779467
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Es kam jemand.

Callum Roper lehnte an einem Verandapfosten und blickte wütend auf die Staubwolke in der Ferne. Staub, der sich so schnell bewegte, konnte im Outback nur eins bedeuten: ein Fahrzeug auf dem Weg hierher.

Er hatte keine Lust, Besuch zu bekommen.

Callum wandte sich ab, setzte sich in einen mit Segeltuch bezogenen Sessel und öffnete eine Bierdose. Er trank einen großen Schluck und machte ein finsteres Gesicht. Tatsächlich hatte er heute zu fast nichts Lust! Sogar das Bier schmeckte nicht mehr wie früher.

„Warum musstest du das tun, Scotty?“

Er hatte die Frage nicht laut stellen wollen, aber jetzt schwebte sie wie der Staub in der heißen, stillen Luft. Warum hatte er unbedingt sterben müssen? Der Teufel soll dich holen, Scotty, dachte Callum. Er trank noch einen Schluck und verzog das Gesicht. Wie lange dauerte es, dieses Trauern? Sein jüngerer Bruder war seit sechs Wochen tot, und Callum litt noch genauso wie an dem Tag, als der Hubschrauber abgestürzt war und er einen ersten Blick von Scotts leblosem Körper im Cockpit erhascht hatte.

Callum ließ sich tiefer in den Sessel gleiten, streichelte den Hund an seiner Seite und versuchte, sich zu entspannen. Aber im Geiste sah er Scotts von der Sonne aufgehellte Locken vor sich, seine vor Humor funkelnden braunen Augen und sein freches Lächeln. Das Gesicht eines unzähmbaren Rowdys. Und es war für immer verloren.

Spätnachmittage wie dieser waren am schlimmsten. Zu dieser Tageszeit hatten Scott und er immer hier auf der Veranda gesessen, Bier getrunken und ihr Garn gesponnen. Mit seinem Bruder zusammen zu sein, war so verdammt nett gewesen. Allein zu trinken machte keinen Spaß.

Callum blickte über die Schulter auf den oder die unberechtigt eindringenden Besucher. Ohne Scotts Neckereien Gäste zu haben würde die reine Hölle sein! Zum Glück fielen nicht viele Leute in diese Gegend ein. „Birralee Station“ lag hinter Cloncurry im Nordwesten von Queensland. Die meisten Menschen wagten sich nicht so weit in den Busch hinein.

Diese Staubwolke auf der rostroten Piste kam jedoch eindeutig näher. Callum konnte jetzt den Motor hören. Er klang blechern, nicht wie das tiefe Dröhnen der Geländefahrzeuge, die seine Nachbarn benutzten. Aber es würde doch wohl niemand in einer Limousine hierher fahren? Gäste aus der Großstadt waren noch schlimmer als wohlmeinende Nachbarn.

Scott war derjenige für die Großstadt gewesen. Er war immer nach Sydney oder Brisbane geflogen, um Spaß zu haben und mit Frauen zusammen zu sein. Callum war damit zufrieden, im Busch zu bleiben. Er beschränkte sein gesellschaftliches Leben auf Pferderennen mit Picknick und Partys auf Rinderfarmen in der Umgebung. Niemals hatte er den Drang verspürt, in der Großstadt den Frauen nachzujagen.

Fast niemals. Der Druck seiner Hand um die Bierdose wurde fester, als Callum widerwillig einräumte, dass er einmal einer Großstadtfrau hatte nachjagen wollen. Einer Frau mit rabenschwarzem Haar, einer betörend sexy Stimme und einem mutigen, energischen Auftreten. Er hatte sie jagen, fangen und als die Seine brandmarken wollen.

Aber es war sein kleiner Bruder gewesen, der das Talent hatte, eine Frau so anzulächeln, dass sie sich in ihn verknallte. Sofort. Sich damit abfinden zu müssen, dass die Frau, die er begehrte, Scott vorzog, war Callum eine bittere Erfahrung gewesen.

Verdammt! Was hatte es für einen Zweck, hier zu sitzen und über all das wieder nachzudenken? Callum sprang auf und runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, dass das Auto angehalten hatte. Er kniff die Augen zusammen und suchte nach der verräterischen Staubwolke. Die Spätnachmittagssonne ließ das helle Mitchell-Gras der Viehkoppeln bronzefarben leuchten. Nirgendwo war eine Bewegung zu erkennen. Der wolkenlose Himmel, die Bäume, das Gras und sogar die Rinder waren so reglos wie auf einem Gemälde.

Callum ging zum Rand der Veranda und horchte. Er hörte nur den hohen, schrillen Ruf eines Schwarzfalken, der über dem Felsen auf der anderen Seite des Flusses kreiste. Nach Callums Berechnungen war das Auto fast bei der Furt. Vielleicht hatte der Fahrer angehalten, um die Wassertiefe zu überprüfen, bevor er durch den seichten kleinen Fluss fuhr.

Die Ellbogen auf das Geländer gestützt, beugte sich Callum vor, horchte, beobachtete und wartete. Nach fünf Minuten heulte der Motor auf. Dann war wieder Stille, bis ein weiterer vergeblicher Versuch folgte, den Motor zu starten.

„Der Blödmann hat sich festgefahren.“ Callum seufzte laut. Er hatte keine Lust, für irgendeinen uneingeladenen feinen Großstadtpinkel den Helden zu spielen, aber er konnte wohl kaum ignorieren, dass jemand in der Nähe seines Farmhauses festsaß.

Er hatte keine Wahl. Leise fluchend ging Callum die Stufen hinunter und über die Kiesauffahrt zu seinem Pick-up.

Stella wusste, dass sie sich festgefahren hatte. Sie steckte bis zur Achse in losen Kieselsteinen und Sand, und das mitten im Outback. Außerdem war ihr hundeelend.

Eine weitere Welle von Übelkeit stieg in ihr auf, und sie saß sehr still da und versuchte, ihren Magen durch Willenskraft zu beruhigen. Wahrscheinlich war es nicht besonders klug gewesen, mitten im Fluss anzuhalten, aber ihr war so schlecht gewesen, dass ihr nichts anderes übrig geblieben war.

Wie schlimm würde es werden? Sie war schon in der Klemme gewesen, bevor sie von zu Hause losgefahren war, doch jetzt steckte sie in diesem lausigen kleinen Fluss fest, Hunderte Kilometer von irgendwo und außerhalb des Mobilfunknetzes. Sie konnte Scott nicht anrufen! Natürlich hatte sie selbst Schuld. Sie hätte noch einmal versuchen sollen, ihn anzurufen, bevor sie Sydney verließ. Wenn sie ihm gesagt hätte, dass sie kommen würde, hätte er ihr den Weg beschrieben. Vielleicht hätte er sie vor dieser Flussdurchfahrt gewarnt.

Aber wenn sie ihn angerufen hätte, hätte sie ihm wohl sagen müssen, warum sie ihn besuchen wollte. Und nach ihrer Trennung hätte sie am Telefon nicht über ihre Schwangerschaft reden können. Sie hatten zu viel zu besprechen, und alles war zu kompliziert. Es ging darum, die allerbeste Lösung für die Zukunft ihres gemeinsamen Babys zu finden, deshalb musste sie Scott sehen.

Und sie hatte kein Geld für Flugtickets ausgeben wollen, denn vielleicht würde sie es für das Baby brauchen. Also hatte sie die ganze Strecke von Sydney bis hierher mit dem Auto zurückgelegt.

Stella blickte seufzend auf ihre Armbanduhr und dann hoch zum sich rot färbenden Himmel. Es würde bald dunkel werden. Zum ersten Mal, seit sie vor fünf Tagen losgefahren war, bekam sie wirklich Angst. Sie unterdrückte die drohende Panik und dachte über ihre Alternativen nach. Unter den Bäumen am Ufer zu kampieren hatte keinen Reiz für sie, und sie konnte nicht mitten in einem Flussbett im Auto schlafen. Nein, sie setzte lieber darauf, dass sie nicht allzu weit vom Farmhaus entfernt war und es von hier aus zu Fuß erreichen konnte.

Sie tastete auf dem Boden vor dem Rücksitz nach ihren Schuhen, als sie Motorengeräusch hörte. Schnell richtete sie sich wieder auf und blickte angestrengt durch die vom Staub streifige Windschutzscheibe. Ein Pick-up tauchte auf dem Hügel am anderen Flussufer auf und rollte mühelos den Abhang hinunter.

Lächelnd vor Erleichterung beobachtete Stella, wie das Fahrzeug über die losen Steine im Flussbett auf sie zukam. Vielleicht war der Mann am Steuer Scott. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß ein Hund. „Bitte, lass es Scott sein!“

Der Pick-up hielt an. Aus ihrem kleinen, niedrigen Auto blickte Stella nach oben. Das Gesicht des Fahrers wurde von der Krempe eines Akubras beschattet, aber sie sah ein energisches Kinn mit schwarzen Bartstoppeln und einen äußerst kräftigen Unterarm. Du liebe Güte! Nicht Scott, sondern sein Bruder Callum.

Stella fiel das Atmen auf einmal schwer. Callum! Dies war der Moment, vor dem sie Angst gehabt hatte. Sie hatte nicht erwartet, gleich am Anfang damit fertig werden zu müssen. Sie befeuchtete sich nervös die Lippen. „Hallo, Callum.“

Er antwortete nicht.

„Ich … ich fürchte, ich sitze fest.“

Die Tür des Pick-ups quietschte. Übertrieben langsam stieg Callum aus. Stella sah abgetragene braune Lederstiefel, endlos lange Beine in Jeans, ein verwaschenes blaues Baumwollhemd, das sich über seinen breiten Schultern spannte, und schließlich das finstere Gesicht unter dem breitkrempigen Hut. Sie hatte Callum schon zwölf Monate lang nicht mehr gesehen, aber dieses Gesicht spukte noch immer in ihren Träumen. Träume, über die sie bei Tageslicht nicht nachzudenken wagte.

„Was, zum Teufel, willst du hier?“

So ein Ekel! Keine Begrüßung. Kein „Wie geht’s, Stella?“ oder „Kann ich helfen?“ Keine Spur von höflichem Interesse. Hatte Callum Roper sie vielleicht vergessen? Das wäre günstig, aber wenn er nicht an Gedächtnisschwund litt, konnte er diese Party unmöglich vergessen haben. Trotzdem hatte sie eine freundlichere Begrüßung verdient! Zumindest würde Scott mitfühlend sein, wenn sie ihn sah und ihm erzählte, dass sie sich festgefahren hatte.

Sie streckte die Hand aus. Es war an der Zeit, Callum an seine Manieren zu erinnern. „Hallo, Callum. Wie geht’s?“

Er erwiderte ihren Blick grimmig, und sie wusste sofort, dass er sie nicht vergessen hatte. „Stella.“ Er nickte, und nach einem fast unmerklichen Zögern drückte er ihr die Hand.

Es war die harte, kräftige Hand eines Mannes, der draußen arbeitet. Die Berührung ließ Stella erschauern. Sie versuchte, ihre Reaktion zu ignorieren. Er war Scotts Bruder, der Onkel ihres Babys, und sie würde lernen müssen, sich in seiner Gegenwart zu entspannen. Leichter gesagt als getan.

„Man fordert Ärger heraus, wenn man mitten in einem Flussbett anhält.“

Zum Teufel mit ihm! „Ich habe mich nicht absichtlich festgefahren. Ihr solltet ein Schild aufstellen, das die Leute vor der Flussüberquerung warnt.“

„Wenn es hier ein Schild gäbe, dann würde es darauf hinweisen, dass Unbefugte strafrechtlich verfolgt werden.“ Callum ging langsam um das Auto herum und hoffte, dass ihm sein Schock nicht anzusehen war. Sein Herz raste. Dass ausgerechnet diese Frau auf seinem Besitz gestrandet war, hatte er nun wirklich nicht erwartet. Was wollte sie hier?

Dumme Frage. Ihm wurde flau im Magen, als er einräumte, dass nur ein Grund infrage kam. Stella wollte Scott besuchen. Verdammt! Sie wusste es nicht.

Sein Bruder hatte ihm keine Einzelheiten über seine jüngsten Trips in die Großstadt erzählt, und Callum hatte nicht gefragt. Er hatte nicht einmal sicher gewusst, ob Scott und Stella noch zusammen waren, und sie gehörte nicht zur Familie, sie war keine enge Freundin, deshalb hatte er sie nach dem Unfall nicht benachrichtigt. Zumindest hatte er es rational damit begründet.

Wie konnte er es ihr jetzt nur beibringen? Callum war sich nervös bewusst, dass Stella ihn musterte, während er prüfte, wie weit die Räder in das verschlammte Flussbett eingesunken waren. Nur eine klasse Frau wie Stella Lassiter konnte in so einer misslichen Lage würdevoll aussehen. Vielleicht lag es an der Art, wie sie das Kinn hob und hochmütig dreinblickte, während sie ruhig in ihrem Auto wartete. Oder es war der breite, sinnliche Mund, der sie eher bodenständig als verletzlich aussehen ließ. Möglicherweise war es dieses glänzende Haar, schwarz wie das einer Zauberin.

„Wie schlimm ist es? Bin ich zu retten?“, rief sie.

Ihre Stimme war ein weiteres Problem. Sanft und tief, beschwor sie Bilder herauf, die er angestrengt zu vergessen versucht hatte.

Verdammt, vielleicht war Stella wirklich eine Zauberin. Anscheinend dauerte es nur Minuten, bis er in ihren Bann geriet. Genau wie beim letzten Mal!

Callum konzentrierte sich aufs Praktische. Ihr lächerliches kleines Spielzeugauto war richtig tief eingesunken, aber es würde nicht schwer sein, es herauszuziehen. Er holte das Abschleppseil aus seinem Wagen und befestigte es an der Vorderseite von Stellas Auto, dann stieg er in den Pick-up, fuhr ihn vor das Auto und brachte das andere Ende des Seils an seiner Abschleppstange an.

Stella öffnete ihre Tür, raffte ihr leichtes Baumwollkleid über den Knien zusammen, stellte die nackten Füße auf den Türrahmen und beobachtete, was Callum machte. Und dieser blickte starr auf ihre wunderschönen Füße, die so interessant und unwiderstehlich waren wie der Rest von ihr. Die Zehennägel waren himmelblau lackiert, und um einen zierlichen Knöchel hing eine zarte silberne Kette, auf die blaue Glasperlen aufgereiht waren.

Unvermittelt zog Stella die Beine zurück ins Auto und knallte die Tür zu. Wieso hatte er sie so angeglotzt? Vielleicht war er ein größerer Hinterwäldler, als ihm bewusst war. Sie beugte den Kopf aus dem offenen Fenster. „Ich will Scott besuchen. Er ist hoffentlich zu Hause.“

„Ich …“ Callum war die Kehle wie zugeschnürt. „Ich … also … ich fürchte, du wirst enttäuscht sein. Scott ist … Scott ist nicht hier.“

„Wie bitte?“ Stella blickte Callum ungläubig an. „Wo ist er?“ Alle Kraft schien sie zu verlassen, und sie sah plötzlich völlig verzweifelt aus. „Ich bin den ganzen Weg von Sydney gefahren, weil ich mit ihm sprechen muss.“

Callum betrachtete niedergeschlagen den dunkler werdenden Himmel. Wenn es nicht schon so spät gewesen wäre, hätte er wohl in Erwägung gezogen, Stella die schlechte Nachricht beizubringen und sie fortzujagen! Aber er konnte sie keinesfalls nötigen, in der Dunkelheit auf der Kajabbi-Piste zurückzufahren. Wahrscheinlich würde sie sich wieder festfahren oder, noch schlimmer, in eine der tiefen Furchen geraten und mit ihrer kleinen Todesfalle umkippen.

„Ich ziehe dich heraus, und dann solltest du mir besser zum Farmhaus folgen“, sagte er.

„Danke“, erwiderte sie leise und sah sehr blass aus. „Kann ich denn von dort aus Kontakt mit Scott aufnehmen?“

Callum räusperte sich. „Das mit Scott ist leichter zu erklären, wenn wir im Haus sind.“ Ohne ihre Reaktion abzuwarten, stieg Callum in den Pick-up und rief über die Schulter: „Noch nicht den Motor starten. Lass ihn im Leerlauf.“ Er fuhr langsam an, und das Flussbett gab Stellas Auto ohne weiteres frei. Nachdem er den Wagen auf die Anhöhe gezogen hatte, hielt er an und löste das Abschleppseil. „Das Farmhaus ist nur einen Kilometer entfernt. Wir sehen uns dort.“ Er stieg wieder ein und fuhr nach Birralee.

Scott war nicht hier. Das war mehr, als Stella ertragen konnte. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben, während sie das kleine Auto um die letzten Kurven der holprigen Piste lenkte. Viel zu lange hatte sie ihre Sorgen für sich behalten, und jetzt konnte sie nicht mehr.

Sie war nicht der Typ, der sich Freunden anvertraute, und die Ereignisse der vergangenen Monate waren lawinenartig zu einer unerträglichen heimlichen Belastung angewachsen. Sie hatte erkannt, dass Scott ihre Beziehung nicht so ernst nahm, wie sie geglaubt hatte, und die Trennung war schlimm gewesen.

Dann erfuhr sie, dass sie schwanger war. Zuerst drehte sie fast durch, aber nachdem sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, rief sie Scott an. Er hatte auf seinem Anrufbeantworter die Nachricht hinterlassen, dass er mehrere Wochen lang Birralees Rinder zusammentreiben würde.

Und schließlich bekam sie auch noch einen Anruf aus London: Ihr wurde der Job ihrer Träume angeboten! Eine britische Sendergruppe wollte sie einstellen. Für eine Serie von Dokumentarfilmen über die Auswirkungen der Erderwärmung in Europa wurde eine Meteorologin gebraucht, die alle Forschungen leitete.

Stella hatte das schlechte Timing nicht fassen können! Sie hatte fleißig studiert und sich die Seele aus dem Leib gearbeitet in der Hoffnung, irgendwann so einen Job zu ergattern, aber für eine Frau mit einem Baby war er wegen der Reiserei und der primitiven Lebensbedingungen an den Standorten nicht geeignet.

Wenn Scott und sie doch nur besser aufgepasst hätten! Aber zu viel Spaß, zu viel Cowboy-Charme, zu viel leeres Gerede darüber, sie sei wirklich die einzige Frau für ihn …

Stella wusste, dass es armselige Rechtfertigungen waren. Sie war gebildet. Sie war Wissenschaftlerin! Ihr hätte so etwas nicht passieren dürfen. Es war nur … Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich gehen lassen. Sie hatte sich erlaubt, ein bisschen wie ihre Mutter zu sein, und jetzt trug sie die Folgen in sich.

Vier einsame Monate lang war sie jetzt schon heimlich schwanger, und sie konnte es nicht länger für sich behalten. Sie musste mit Scott sprechen.

Sie hatte dem wundervollen Stellenangebot nicht widerstehen können, und so hatte sie es angenommen. Aber ohne Scotts Hilfe war sie nicht in der Lage, ihren Vertrag zu erfüllen.

Callum hielt vor einem typischen Outback-Farmhaus an. Stella hatte zwar noch nie eins besucht, der Anblick war ihr jedoch von Bildern vertraut: Ein niedriges, lang gestrecktes Holzhaus mit einem Wellblechdach und breiten Veranden stand, von alten Bäumen beschattet, inmitten einer Rasenfläche. Dies war also Scotts Zuhause: Birralee. Diese raue Gegend mit ihren roten Felsen, dem grünen Busch und den weiten Ebenen war seine Heimat.

Natürlich war auch Callum hier zu Hause. Er wartete mit grimmigem Gesicht, während Stella ihr Auto parkte. Sein Blue Heeler saß gehorsam neben ihm. Callum hatte den Hut abgenommen, und sie sah seine dunklen Locken mit den goldbraunen Aufhellungen. Die Brüder waren sich nicht besonders ähnlich. Scott war blond, jungenhaft und heiter, Callum dagegen dunkel, älter, härter und ernster. Okay, sie musste zugeben, dass er trotzdem gut aussah.

Wem wollte sie etwas vormachen? Callum war unglaublich attraktiv. Als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte sie sich sofort zu ihm hingezogen gefühlt. Aber sein gutes Aussehen war gefährlich. Es faszinierte sie und ließ sie gleichzeitig die Nerven verlieren. Callum hatte eine Wildheit an sich, die ihren inneren Frieden bedrohte.

Sie hatte eine Besorgnis erregende Leidenschaftlichkeit in ihm erkannt, als sie sich an jenem Abend näher gekommen waren …

Reiß dich zusammen! befahl sich Stella. Es würde sie völlig durcheinander bringen, wenn sie jetzt darüber nachdachte.

Hoffentlich würde sie nicht allzu viel Zeit mit Callum verbringen müssen. Sie brauchte inneren Frieden und Aufmunterung. Sie brauchte Scott. Warum hatte Callum ihr nicht sofort gesagt, wo sein Bruder war?

„Hast du viel Gepäck?“, fragte Callum, als Stella aus dem Auto stieg.

„Nur einen Koffer und einen Vogelkäfig.“

„Einen Vogelkäfig?“ Callum versuchte nicht, seine Überraschung zu verbergen.

Stella sah ihn trotzig an. „Ich musste meinen Vogel mitnehmen. Meine Mitbewohnerin würde vergessen, Oscars Futter und Wasser zu wechseln. Als ich ihn das letzte Mal bei ihr gelassen habe, war der arme Schatz bei meiner Rückkehr fast verdurstet.“ Stella hob vorsichtig den Käfig vom Rücksitz. „Das ist Oscar.“

Callum blickte finster den blauen Wellensittich an.

„Wie heißt dein Hund?“

„Mac.“

Beim Klang seines Namens sprang Mac auf und wedelte wie verrückt mit dem Schwanz.

„Hallo, Mac.“ Stella sah Callum an. „Er schnappt nicht nach kleinen Vögeln, oder?“

Callum lächelte. „Mac ist ein echter Blue Heeler. Er wusste schon als Welpe, dass es seine Lebensaufgabe ist, nach den Hinterfüßen von Rindern zu schnappen. Ich bezweifle, dass er schon einmal einen Vogel beachtet hat.“

„Da bin ich aber erleichtert.“

Callum streichelte dem Hund den Kopf. „Der arme alte Kerl ist jetzt pensioniert.“

Stella erkannte die aufrichtige Zuneigung Callums zu seinem Hund, und sie fühlte sich ein bisschen besser. Dass der grimmige Callum Roper sein Haustier ebenso liebte wie sie ihres, half ihr irgendwie.

Sein Lächeln verschwand, als er zum Haus zeigte. „Du bringst den Käfig, ich nehme den Koffer.“

„Danke.“ Stella fischte ihre Schuhe aus dem Auto, zog sie an und folgte Mac und seinem Herrn verwirrt und neugierig die drei breiten Holzstufen hinauf.

Callum führte Stella die Veranda entlang und stieß mit der Schulter eine Tür auf. „Du wirst heute Nacht hier bleiben müssen.“ Er ließ Stella vorgehen, kam hinter ihr ins Zimmer und legte ihren Koffer auf eine mit Schnitzereien verzierte Truhe aus Sandelholz am Fußende des Bettes.

Es war offensichtlich ein Gästezimmer, altmodisch und schlicht eingerichtet. Nirgendwo waren irgendwelche persönlichen Dinge zu sehen. Die Dielen waren unbedeckt. Auf dem großen Doppelbett lag eine Decke in verschiedenen Grün- und Weißtönen. An der Wand hing ein Gemälde, das Pferde zeigte, die unter einem stürmischen Himmel einen steilen Hang hinuntergaloppierten.

„Ich fürchte, ich nutze deine Gastfreundschaft aus.“

Callum antwortete nicht. Sein Blick fiel auf den Vogelkäfig, den Stella noch immer hielt.

„Ich stelle ihn auf die Veranda“, schlug sie vor.

„Bring ihn besser in die Küche. Mac wird ihn nicht anrühren, aber wenn du ihn draußen lässt, stoßen ihn die Opossums vielleicht während der Nacht um.“

„Wirklich?“

Callums Augen funkelten boshaft. „Oder eine Schlange hat Appetit auf einen Mitternachtssnack.“

„O nein!“ Stella drückte entsetzt den Käfig an sich. „Ich wäre dir dankbar, wenn Oscar in der Küche bleiben könnte.“ Diesmal folgte sie Callum durch einen langen Flur mit glänzenden Holzdielen. Wo war Scott? Ihr Magen verkrampfte sich, und Stella hoffte, dass ihr nicht schlecht werden würde. Der schwerste Teil ihrer Reise lag noch vor ihr. Sie musste Scott nicht nur sagen, dass er Vater wurde, sie musste ihn auch überzeugen, dass ihr Plan die beste Lösung war.

Am besten für ihn, das Baby und sie. Der Plan war einfach. Sie würde ihren jetzigen Job aufgeben und das Baby bekommen. Scott würde sich um ihr gemeinsames Kind kümmern, während sie nach London ging. Zum Glück war das Fernsehprojekt so umfangreich, dass die Mitarbeiter lange im Voraus angeworben wurden. Sie würde ihr Baby mehrere Wochen vor Vertragsbeginn zur Welt bringen, und nach zwölf Monaten würde sie zurückkommen und ihre Verpflichtungen als Mutter übernehmen.

Stella hoffte, dass Scott einsehen würde, wie unkompliziert und fair das war, worum sie ihn bat. Wenn sie nur nicht solche Angst hätte!

Die Zimmer, die vom Flur abgingen, waren ein bisschen schäbig und unordentlich, aber geschmackvoll eingerichtet, und die schlichte, behagliche Atmosphäre machte sie einladend. Sie waren so charmant und nett wie Scott, und Stella konnte ihn sich hier gut vorstellen. Konnte sie sich auch vorstellen, ihr gemeinsames Baby in diesem Haus zu lassen? Es hier im Busch zu lassen, während sie ein Jahr in Europa verbrachte?

Alles hing von Scotts Reaktion ab.

Und vielleicht Callums.

Die Küche an der Rückseite des Hauses war sehr groß und voll gestopft. Stella verliebte sich auf den ersten Blick in sie. Es kam völlig unerwartet. Sie war ihr ganzes Leben lang in die Küchen anderer Leute gegangen. Während ihrer Kindheit hatte sie verwirrend viele zu sehen bekommen – in schmuddeligen Sozialwohnungen, in Frauenhäusern und bei Pflegeeltern. Bis sie in die kleine Wohnung gezogen war, die sie sich mit Lucy teilte, hatte Stella niemals lange an einem Ort gelebt. Ihre Küche war sauber und modern, aber jetzt empfand Stella sofort ein harmonisches Verhältnis zu einem Raum, und das war ihr noch nie passiert.

Sie liebte diese Küche. Liebte die lange Reihe von Fenstern, deren Scheiben in der Mitte rautenförmige dunkelgrüne Glasflächen hatten. Die Fenster waren weit aufgestoßen, um den leichten Wind hereinzulassen. Stella liebte die faszinierende Aussicht auf den Busch in der Abenddämmerung. Liebte den gewaltigen Kieferntisch und das wundervolle Durcheinander darauf – eine feuerrote Keramikschale, bis zum Rand voll mit getrockneten Eukalyptussamenkapseln, ein Stapel Zeitschriften, ein Pferdezaum und mehrere prall gefüllte Fototaschen.

Stella war entzückt von den nicht zueinander passenden Stühlen. Mühelos konnte sie sich vorstellen, wie an diesem Tisch glückliche, plaudernde Freunde oder Verwandte saßen, und im Geiste hörte sie die lebhaften Stimmen und das Gelächter.

In der Ecke stand ein alter hölzerner Hochstuhl, dessen rote Farbe zerkratzt war. Unwillkürlich fragte sich Stella …

„Du kannst den Vogelkäfig auf den Hochstuhl stellen“, sagte Callum. „Wir benutzen ihn nur, wenn meine Schwestern mit ihrer Sippschaft zu Besuch sind.“

„Sieh mal, Oscar. Von hier hast du einen schönen Ausblick auf die Eukalypten und kannst dich mit den Vögeln draußen unterhalten.“

Um Callums Mund zuckte es. „Meinst du nicht, dass er auf den Gedanken kommt, zu entfliegen?“

Stella sah nach draußen und musste sich einfach fragen, ob sich Oscar vielleicht danach sehnte, den weiten Himmel und all die Bäume zu erkunden. Schnell verdrängte sie die unangenehme Überlegung. „Ich sorge zu gut für ihn“, versicherte sie Callum.

Er ging zum Kühlschrank. „Möchtest du ein Bier?“

„Nein, danke.“

„Scotch, Sherry, Wein?“

„Ich trinke keinen Alkohol, danke.“

Callum schien sich darüber zu wundern. „Eine Tasse Tee?“

„Ja, gleich. Das wäre nett. Würdest du mir bitte erst sagen, wo Scott ist und wie ich mich mit ihm in Verbindung setzen kann?“ Stellas Herz begann zu hämmern, als Callum aschfahl wurde, sich schnell von ihr abwandte und eine Bierdose aus dem Kühlschrank riss. Was war los?

„Du solltest dich besser hinsetzen.“ Er sah Stella nicht an. „Ich habe leider eine schlechte Nachricht.“

2. KAPITEL

Callum fummelte an der ungeöffneten Bierdose herum. Er bekam eine Gänsehaut, als er sich Stellas Reaktion vorstellte.

Scott ist tot.

Die Worte waren so schwer herauszubringen. Es war der allerschlimmste Moment seines Lebens gewesen, als er es seinen Eltern hatte sagen müssen. Scott war der Benjamin in der Familie gewesen – jedermanns Liebling.

Autor

Barbara Hannay
Die Kreativität war immer schon ein Teil von Barbara Hannays Leben: Als Kind erzählte sie ihren jüngeren Schwestern Geschichten und dachte sich Filmhandlungen aus, als Teenager verfasste sie Gedichte und Kurzgeschichten.
Auch für ihre vier Kinder schrieb sie und ermutigte sie stets dazu, ihren kreativen Neigungen nachzugehen.
Doch erst als...
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