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So gut auszusehen müsste verboten sein, denkt April, als sie zufällig Dr. James Quintano kennenlernt. So schmeichelhaft es auch ist, dass er ständig ihre Gesellschaft sucht, für April kommt eine Affäre nicht infrage. Dass James es ernst meinen könnte, kommt ihr gar nicht in den Sinn…
  • Erscheinungstag 27.09.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753344
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Seufzend zog April Yearling den Tischventilator näher zu sich heran. Es war sehr stickig in dem vorsintflutlichen Postamt. Stärker konnte sie den Ventilator jedoch nicht einstellen, denn dann hätte er Tonnen von Briefen, Zetteln und anderen Papieren durch die Luft gewirbelt.

Erst seit einer Woche war sie zurück in Hades und wusste schon wieder genau, warum sie diesen Ort verlassen hatte.

Sie strich sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, was ihr jedoch sofort leidtat. Der Schmerz unter dem Verband erinnerte sie daran, dass sie sich einfach zu schnell bewegte.

April biss sich auf die Unterlippe und fuhr fort, die Post zu sortieren. Nach einem Blick auf die Uhr hätte sie schwören können, dass die Zeit hier am Ende der Welt im Schneckentempo verstrich.

Unerträglich für jemanden wie sie.

Gran hatte ihr stolz erzählt, dass sogar einige Leute aus südlichen Bundesstaaten hierher gezogen waren. Warum ein Ort wie Hades, in dem nur fünfhundert Einwohner lebten, überhaupt irgendjemanden bewegen konnte, hierher zu ziehen, überstieg Aprils Vorstellungskraft.

Sie rückte den Ventilator noch ein Stück näher heran und sehnte sich nach klimatisierten Räumen. Es war erst Frühling, aber dafür ungewöhnlich warm. April konnte sich nicht erinnern, hier jemals einen so warmen und schwülen Frühling erlebt zu haben.

Erinnerungsfetzen flackerten auf, in denen sie sich mit ihrem Bruder und ihrer Schwester vor dem offenen Kaminfeuer sitzen sah. Der Wind heulte um das Haus herum, und Großmutter las ihnen eine Geistergeschichte vor. Sie erinnerte sich, immer vergeblich darauf gewartet zu haben, dass sie Angst bekam.

Vielleicht ist das überhaupt mein Problem, sinnierte April, während sie den letzten Brief sein Fach schob. Sie war zu unerschrocken. Nichts machte ihr Angst – außer vielleicht die erschreckende Vorstellung, sich zu verlieben.

Ziemlich unwahrscheinlich, dass das passiert, beruhigte sie sich selbst. Dafür war sie zu schlau.

Sie bückte sich, um den nächsten Stapel Post aus dem Beutel zu holen, den Jeb Kellogg gerade abgeliefert hatte. April musste lächeln. Sie war eben durch und durch ein Stadtmensch. Nach dem Schulabschluss hatte sie als Erstes Seattle angesteuert und nach der Ankunft in der Stadt keine fünf Minuten gebraucht, um das bestätigt zu finden, was sie schon Jahre vor ihrer Flucht gewusst hatte.

Sie wusste, dass ihre Seele der Stadt gehörte – je größer, desto besser.

April sah auf den Umschlag in ihrer Hand und schob ihn in das Fach, wo er hingehörte. Ihr war sicherlich etwas Größeres bestimmt als dieses Kaff, das aus zwei Häuserreihen bestand.

Als sie damals abgehauen war, war sie felsenfest davon überzeugt gewesen, dass nichts auf der Welt sie jemals wieder hierher zurückbringen würde, in den Schnee und in diese Gegend, in der sich nie etwas veränderte. Aber schließlich war ihre Familie hier – Gran, Max und June. Und darum hatte sie im Laufe der Jahre kurze Stippvisiten gemacht. Und dann hatte sie den Brief von June bekommen, in dem ihre Schwester schrieb, dass Gran, die ihr Leben lang kerngesund gewesen war, an einer Herzerkrankung litt.

So einfach war das. Sie verdankte ihrer Großmutter unendlich viel. Sie selbst, Max und June, ja sie verdankten ihr einfach alles. April hätte sich nicht zu helfen gewusst, wenn Gran sie damals nicht aufgenommen hätte, als ihre Mutter sie zwar nicht physisch, aber sonst auf jede nur erdenkliche Art verlassen hatte und nur noch der Schatten eines Menschen gewesen war. Als ältestes der Kinder hätte sie etwas unternehmen müssen, und sie hatte es ja auch versucht. Sie hatte sich bemüht, sich um ihren elf Monate jüngeren Bruder und ihre kleine Schwester sowie um ihre Mutter zu kümmern. Aber mit elf Jahren war sie einfach noch zu jung gewesen, um plötzlich die Rolle einer Erwachsenen zu übernehmen.

Bis dahin hatte sie geglaubt, mit jeder Herausforderung fertig zu werden. Sie hatte gedacht, dass sie schnell groß geworden war, schon bevor ihr Vater die Familie verlassen hatte und ihre Mutter daran zerbrochen war. Das Leben in einem ländlichen Städtchen in Alaska war eben kein Zuckerschlecken. Alaska, dachte sie, und warf eine Modezeitschrift auf den Stapel mit Edith Plunketts Post, war eine kompromisslose Herrscherin, die ihren Untertanen sehr viel abverlangte.

Und jetzt saß sie schon wieder hier fest. April warf eine Postkarte in das Fach von Jean-Luc LeBlanc. So sehr sie sich von hier weg sehnte, so sehr sorgte sie sich gleichzeitig um ihre Großmutter. Sie schuldete ihr zu viel, um jetzt in das Leben, das auf sie wartete, zurückzukehren.

Postmeisterin. April schüttelte den Kopf. Nie im Leben hätte sie sich das vorgestellt. Gran hatte ihr sogar den Eid abgenommen und sie auf die Bibel schwören lassen. Sonst sei es nicht offiziell, hatte sie gesagt. Gran hatte ihre Arbeit immer sehr ernst genommen. Also hatte auch April den Eid geschworen, aber mehr um ihrer Großmutter einen Gefallen zu tun.

April seufzte und nahm den nächsten Brief in die Hand. Sie wünschte sich sehnlichst, dass Max oder June Zeit gehabt hätten, für Gran einzuspringen. Aber beide waren beruflich unabkömmlich, Max als Sheriff von Hades und June als einzige Mechanikerin der Stadt. Die Arme hatte ohnehin mehr Arbeit, als sie schaffen konnte.

Warum hatte Gran nur darauf bestanden, dass entweder einer von ihnen für sie einsprang, oder sie selbst weitermachte. Die Arbeit einem Fremden zu überlassen, kam für sie überhaupt nicht infrage. Dieses Amt hatte immer einer aus ihrer Familie innegehabt, seit vor mehr als hundert Jahren die erste Post nach Hades gekommen war.

April sah darin keine Arbeit, auf die man stolz sein konnte. Aber Gran war stolz auf dieses Amt, und schließlich ging es hier ja vor allem um Gran, sagte sie sich zum x-ten Mal, und versuchte Geduld aufzubringen. Dabei war Geduld wirklich nicht ihre starke Seite.

April hielt inne, um sich aufzurichten und zu strecken. „Wanderlust“, hatte Gran immer dazu gesagt, und zwar auf eine Weise, die nur allzu deutlich machte, dass sie diesen Charakterzug von ihrem Vater hatte. Das war das Einzige, was sie von ihm hatte. Sie würde allerdings niemanden so verletzen, wie ihr Vater es getan hatte. Wayne Yearling hatte es in den Füßen gejuckt. Er hatte sich bemüht, der Versuchung zu widerstehen, das hatte er jedenfalls behauptet. Schließlich hatte er aber doch nachgegeben und war gegangen. Ihre Mutter hatte noch tagelang auf seine Rückkehr gewartet, aber April wusste es damals mit ihren elf Jahren besser. Ihr war klar, dass ihr Vater für immer gegangen war.

Ein paar Monate später hatte sie eine Ansichtskarte bekommen, das einzige Lebenszeichen von ihm. Eine Karte in über dreizehn Jahren. Auf ihr war Manhattan zu sehen mit seinen Wolkenkratzern, die sich mit dem Himmel zu vereinen schienen. Auch sie hatte sich in die Großstadt verliebt, als sie die Karte sah.

Gran hatte ihr damals die Karte heimlich zugesteckt, damit ihre Mutter sie in ihrem Kummer und ihrem Zorn nicht zu sehen bekam. Rose Yearling hätte sie sofort zerrissen. Also hatte April ihr Geheimnis gehütet und es noch nicht einmal Max oder June gezeigt. Jeden Abend steckte sie die Karte unter ihr Kopfkissen und träumte von New York und anderen Städten, in denen es keine Hundeschlitten gab.

April hatte sieben Jahre gebraucht, um ihren Traum zu verwirklichen. Ihre Mutter war inzwischen gestorben, und sie hatte keinen Grund, in Alaska zu bleiben. Gran konnte auf June aufpassen, und Max war fast erwachsen. Also hatte sie Hades verlassen, um etwas aus ihrem Leben zu machen, um einen Beruf zu finden, der zu ihrer geerbten Wanderlust passte.

Sie hatte ihre Erfüllung als freiberufliche Fotografin gefunden, und sich als solche sogar einen Namen machen können. Dass sie nie lange an einem Ort war, empfand sie als angenehme Begleiterscheinung ihres Berufes. Wo es etwas für sie zu tun gab, da war sie zu Hause, und sie fühlte sich regelrecht als Weltbürgerin.

Seufzend fuhr sie sich mit der Hand durch das blonde Haar, das sich einfach nicht in ordentliche Wellen legen wollte. Gran sagte immer, dass ihr Haar genauso widerspenstig wie sie selber sei. Wahrscheinlich hatte sie recht. Jedenfalls gefiel April dieser Vergleich.

Als sie den nächsten Stapel Briefe aus dem Beutel holte, runzelte sie die Stirn. Ihr war es einfach zu ruhig hier. Sie hatte vergessen, wie ruhig es in Hades sein konnte. Wie ruhig und wie dunkel. Zwar war jetzt Frühling und die Dunkelheit des Winters würde sich erst in sechs Monaten wieder über die Stadt legen, aber wenn die Lichter ausgingen, war es pechschwarz draußen. In den großen Städten war es immer hell durch die Straßenbeleuchtung und Lichter.

Hier war es düster wie in einer Seele ohne Liebe.

Sie hielt inne. Wo kam das denn her? Ihr fielen plötzlich Verse aus einem romantischen Liebesgedicht ein, in dem die Fantasien eines jungen Mannes zu Empfindungen von Liebe werden. Vielleicht konnte das einem jungen Mann passieren, aber doch nicht ihr! Liebe würde in ihr Bedürfnisse heraufbeschwören und sie verletzbar machen, so wie ihre Mutter. Ihr würde das nie passieren, hatte sie sich geschworen.

Trotzdem gab es Zeiten, in denen sie das Gefühl hatte, dass etwas fehlte. Etwas, das …

Es ist einfach zu stickig hier drin, sagte sich April. Ihr war heiß, langweilig, und sie hatte Platzangst.

Sie legte die Briefe aus der Hand und ging in den hinteren Teil des Raums, von wo eine Treppe nach oben in Grans Wohnräume führte. Aprils Versuche, sie da herauszulocken, ihr sogar ein eigenes kleines Haus zu kaufen, waren immer wieder gescheitert. Gran wollte von all dem nichts wissen.

„Gran“, rief April nach oben, „kann ich etwas für dich tun?“

„Nein, mir geht es gut“, erklang die Stimme ihrer Großmutter. „Wenn der Film zu Ende ist, dann komme ich runter und helfe dir.“

April lief kopfschüttelnd nach oben, um ihrer Großmutter die Meinung zu sagen.

„Genau das wirst du nicht tun“, erwiderte April, als sie in das kleine Wohnzimmer kam, in dem sich seit sechs Jahrzehnten alles Mögliche angesammelt hatte. April bezweifelte ernsthaft, dass Gran jemals etwas weggeworfen hatte.

„Du weißt doch genau, dass ich nur aus einem einzigen Grund hier bin. Du sollst dich ausruhen, beziehungsweise Vernunft annehmen und endlich ins Krankenhaus nach Anchorage gehen, damit …“

Ursula Hatcher lag auf dem Sofa und fuchtelte mit ihrer kleinen Hand durch die Luft. „Papperlapapp“, rief sie. „Da sind nur ein Haufen Kinder, die Doktor spielen.“ Sie hob das Kinn und strich sich ihr grau meliertes, rotes Haar aus dem Gesicht. „Mein Herz ist in Ordnung. Es ist nur ein bisschen müde, aber das kann man ihm nach neunundsechzig Jahren ununterbrochener Arbeit auch nicht verdenken. Du wärst ebenfalls müde, wenn du so viel gearbeitet hättest“, bemerkte sie trotzig.

April wollte die schwarz-gelbe Häkeldecke glatt streichen, die ihre Großmutter sich über die Beine gelegt hatte. „Genau darum geht es, Gran“, fing sie an.

Aber Ursula zog sich die Decke selbst zurecht und lauschte dann. „Ist das nicht die Klingel unten?“

April sah ihrer Großmutter in die Augen. Sie war eine Meisterin der Ablenkung, wenn sie ein Thema nicht mochte. „Wer auch immer da unten ist, Gran. Er kann warten. Wer in Hades lebt, kann es nicht eilig haben.“

„Du glaubst immer, du weißt alles, Kind.“ Ursula stützte sich mühsam mit beiden Händen seitlich auf. „Es ist die Pflicht einer Postmeisterin, da zu sein, wenn jemand in die Post kommt. Aber wenn du beschäftigt bist, dann gehe ich eben.“

April konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Ihre Großmutter machte jeden ihrer Versuche zunichte, ernst mit ihr zu reden. Sie drückte Ursula wieder in ihren Kissenberg zurück.

„Du kannst einem wirklich Schuldgefühle machen“, tadelte sie ihre Großmutter. „Du bleibst, wo du bist, und ich gehe runter und schau nach, wer da ist.“

„So kenne ich mein Mädchen.“ Ursula strahlte zufrieden und schaute ihrer ältesten Enkeltochter hinterher. Eine Welle der Zuneigung durchflutete sie. April war ein gutes Mädchen, wenn auch etwas irregeleitet. „April …“

Die war schon mit einem Fuß auf der Treppe. „Ja?“

Ursula zupfte verlegen an der gelb-schwarzen Decke. „Habe ich dir schon gesagt, wie sehr ich mich freue, dass du dich um die Post kümmerst?“

April lächelte. „Ja, Gran, das hast du. Außerdem weißt du, dass ich alles für dich tun würde.“

„Ich weiß.“ Sie lauschte nach unten. „Und nun guck, wer da ist. Und wenn du was nicht finden kannst, …“

„Dann wirst du mir sagen, wo es ist“, beendete April den Satz, den sie jetzt schon tausend Mal gehört hatte.

April sah sich in dem kleinen Postraum um, als sie die Treppen herunterkam. Als wenn man hier nicht alles in Sekundenschnelle finden konnte. Wenn die Amtsstube noch kleiner gewesen wäre, dann würde sie bestimmt unter Klaustrophobie leiden.

Gran hat immer noch gute Ohren, dachte sie. Während sie oben mit der Großmutter gesprochen hatte, war jemand ins Postamt gekommen. Die kleine Glocke an der Tür gab zwar kaum noch ein Geräusch von sich, aber Gran hatte offensichtlich ein Gehör dafür.

„Kann ich Ihnen helfen?“

April hatte die Hände in die Gesäßtaschen ihrer ausgebleichten Jeans gesteckt und sprach zu jemand, der ihr den Rücken zukehrte und den sie nicht kannte. Aber auch als der Mann sich umdrehte, wusste sie nicht, wer er war. Sehr ungewöhnlich! Bevor sie Hades verlassen hatte, gab es kein Gesicht im Ort, das sie nicht wenigstens vom Sehen her kannte.

Und an dieses Gesicht hätte sie sich erinnert!

Mit den geübten Augen der Berufsfotografin musterte sie ihn von oben bis unten. Er sah ein paar Jahre älter aus als sie, aber er hatte ein Gesicht, das auch noch im hohen Alter jung aussehen würde. Diese freundlichen blauen Augen würden noch mit neunzig Jahren funkeln.

Sie konnte förmlich spüren, wie er den Blick dieser forschenden Augen über ihren ganzen Körper wandern ließ.

Sie kannte diese Art von Mann. Gut aussehend, charmant und absolut gefährlich. Von dieser Sorte hatte sie viele auf ihren Reisen kennengelernt. Sie verabredeten sich für einen aufregenden Abend, aber danach verblasste ihr Charme und mit ihm alle Versprechen, die sie in der Hitze des Augenblicks gemacht hatten. Sie waren genau wie ihr Vater.

Mit dieser Sorte Mann konnte sie nichts anfangen.

Dennoch fragte sie sich, wer er sein mochte und was ihn in dieses verschlafene Nest gebracht haben mochte.

Seit er gestern angekommen war, spürte James Quintano, von seinen Freunden Jimmy genannt, zum ersten Mal, wie Lust in ihm aufstieg. Nicht, dass das der Grund seines Besuchs gewesen wäre. Er war gekommen, um seine Schwester Alison und ihren Mann zu besuchen. Das hatte er ihnen immer wieder versprochen, seit er nach ihrer Hochzeit gleich ins nächste Flugzeug gestiegen war. Hades war nun wirklich keine Stadt, in der man nach einem flüchtigen Abenteuer suchte.

Er hatte bereits festgestellt, dass Hades eine Stadt war, in der es einem Mann nicht leicht gemacht wurde, eine Frau kennenzulernen. Alison hatte ihm gesagt, dass die Chancen sieben zu eins gegen ihn standen. Nicht, dass es ihm jemals schwer gefallen wäre, eine willige Frau zu finden. Das hatte mit seiner Pubertät kurz nach seinem elften Geburtstag angefangen und nie aufgehört. Er war sehr jung in die Höhe geschossen, hatte jung angefangen, sich zu rasieren, und hatte sehr jung die Liebe entdeckt. Die Geschichten von Vögeln und Bienen waren lächerlich gewesen im Vergleich zu Mary-Sue Taylor.

Doch die Erinnerungen an Mary-Sue und all ihre Nachfolgerinnen verblassten bei dem Anblick, den er vor sich hatte. Er verwischte sogar das Bild der Frau, mit der er auf einer Kreuzfahrt vor Alaska gewesen war, als das Schicksal in Form eines Notfalls in die Familie eingriff.

Wie gewohnt fiel sein erster Blick auf die linke Hand der Blondine. Glücklicherweise trug sie keinen Ring. Als er fertig war, sie zu taxieren, lächelte Jimmy. „Das hoffe ich doch sehr“, beantwortete er endlich ihre Frage.

Und dann sah er ihr Handgelenk. Bei seiner ersten Musterung war ihm der Verband entgangen, weil sie die Hände in den Gesäßtaschen ihrer Jeans hatte, wodurch die Hose noch enger wirkte und ihre Körperformen betont wurden. Jetzt sah er den behelfsmäßigen Wickel an ihrem linken Handgelenk, der sich bei einer ihrer nächsten Bewegungen lösen würde.

Jimmy beugte sich vor. „Was haben Sie denn am Handgelenk?“

April schaute widerwillig hin. Mit der Frage des Fremden waren ihr die Schmerzen wieder bewusst geworden, die sie versucht hatte, nicht zu beachten. Die Verletzung hatte sie sich heute Morgen zugezogen. Sie war mit den Gedanken woanders gewesen und hatte sich an der Bratpfanne verbrannt.

„Nichts. Nur eine Bratpfanne, die mir nicht aus dem Weg gegangen ist“, berichtete sie und zuckte die Schultern.

Als sie jetzt nach einem Stapel mit Briefen griff, rutschte der Verband ganz ab.

„Ich kann mir das mal ansehen“, bot Jimmy sich an und griff nach ihrer Hand.

Instinktiv zog sie die Hand zurück. Die Falte, die sich auf der Stirn unter ihren widerspenstigen Locken bildete, zeigte deutlich ihr Misstrauen. „Und warum wollen Sie das tun?“

Normalerweise stieß Jimmy nicht auf Widerstand, wenn er nach der Hand einer Frau griff. Sein Lächeln wurde breiter. „Weil ich Arzt bin.“

2. KAPITEL

April betrachtete den dunkelhaarigen, gut aussehenden Mann sehr argwöhnisch und drückte das Handgelenk an sich. Medizinische Hilfe war in Hades die Aufgabe von Dr. Shayne Kerrigan und neuerdings auch von seiner Krankenschwester Alison, der Frau von Jean-Luc. Shayne hatte bisher vergeblich versucht, einen weiteren Arzt nach Hades zu locken. Bisher hatte er vergeblich junge Mediziner frisch von der Universität gebeten, angefleht oder zu beschwatzen versucht. Aber dass plötzlich einer ohne große Vorankündigung und ohne jedes Gerücht, das Gran sicher als Erste gehört hätte, in der Stadt auftauchte, war mehr als ungewöhnlich.

„Sie wollen Doktor mit mir spielen, habe ich Sie da richtig verstanden?“

Das Lächeln des Fremden wurde immer breiter, was ihn noch verführerischer und April noch sicherer machte, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Er war kein Arzt, darauf hätte sie gewettet.

„Nachdem mein Bruder so viel Geld für mein Studium ausgegeben hat, sollte ich ein bisschen mehr können, als den Doktor nur zu spielen.“ Jimmy machte noch einen Schritt auf sie zu. „Da sollte ich auch tatsächlich einer sein.“

Ihr Argwohn legte sich keineswegs. Ein Tourist konnte er auch nicht sein. Wer würde schon Hades besichtigen wollen. Außer dem Kohlenbergbau gab es auch keine Arbeit hier. Und vor allem sahen die Hände dieses Mannes so aus, als wäre die einzige körperliche Arbeit, die sie jemals ausgeführt hatten, das Ausziehen von Frauen gewesen.

April schob das Kinn vor und behielt ihre Hände auf dem Rücken. „Was macht denn ein Arzt in Hades?“

„Leute besuchen“, antwortete er kurz angebunden. Warum ist sie bloß so widerborstig, überlegte.

Er wollte sich doch nur ihr Handgelenk ansehen, wenn es sich allerdings bestimmt lohnen würde, auch den Rest in Augenschein zu nehmen. „Ich nehme auch nichts dafür.“

Jetzt funkelte nicht nur Misstrauen, sondern auch noch Wut in ihren Augen. „Wofür denn?“

Hatte sie vergessen, worum es ging? Sie sah eigentlich nicht so dumm aus, aber manchmal täuschte das Aussehen solcher Mädchen, besonders wenn sie so appetitlich waren. „Um mir Ihr Handgelenk anzusehen.“

April schnaubte verächtlich und zog sich hinter den riesigen Schreibtisch aus Eiche zurück, der schon ihrem Großvater gehört hatte und auf dem immer noch die Post herumlag. Das war ihre Arbeit, und sie vergeudete nur ihre Zeit.

„Gut, ich nehme auch nichts dafür, wenn ich mir das Ihre ansehe“, entgegnete sie scharf.

Dabei musste April sich heimlich eingestehen, dass sein Handgelenk am vermutlich unattraktivsten war. Der Rest von ihm sah erheblich interessanter aus. Abgesehen von einer Handvoll Männer, ihr Bruder eingeschlossen, hatte die männliche Bevölkerung von Hades nichts zu bieten, was ein Herz höher schlagen ließ. Dieser Mann aber war anders.

Er konnte Herzen höher schlagen lassen und Blut in Wallung bringen, und April hatte das Gefühl, dass er das auch ganz genau wusste. Er war etwa dreißig Zentimeter größer als sie, hatte schwarze Haare und blaue Augen, die so klar waren wie Bergwasser. Seine lässige Körperhaltung strahlte Selbstsicherheit aus.

Und sie hatte bestimmt etwas Besseres zu tun, als seinem Ego zu schmeicheln. Darum wandte sie sich demonstrativ der Post auf dem Schreibtisch zu.

Jimmy amüsierte sich über die Frau vor ihm. Sie hatte Witz, und das mochte er. Es gab nichts Langweiligeres als eine Frau, die ihm in die Arme fiel. Herausforderungen hatten ihn immer schon gereizt. Das hielt ihn lebendig.

Er stützte sich auf den Schreibtisch, als wollte er es sich gemütlich machen, als ginge er schon seit Jahren hier ein und aus. „Sie sind der erste unfreundliche Mensch, dem ich in Hades begegne.“

Wenn er mich in Verlegenheit bringen will, muss er sich schon etwas mehr Mühe geben, dachte April. „Das ist gut“, rümpfte sie verächtlich die Nase. „Ich war noch nie ein Herdentier.“

Genau das war auch sein erster Eindruck von ihr gewesen. Sie war ungewöhnlich. Er beugte sich vor, und begutachtete, wie sich die Jeans über ihrem Hinterteil spannte, als sie sich über den Postbeutel bückte. Diese junge Dame verdiente zweifellos seine ungeteilte Aufmerksamkeit, entschied er.

„Selbst in einer Herde würden Sie herausstechen.“

April sah ihn über die Schulter hinweg an. „Soll mich das jetzt beeindrucken?“

„Nein, das soll gar nichts mit Ihnen machen“, entgegnete er mit solch unschuldiger Miene, dass sie ihm fast glaubte. „Das ist nur Teil meiner Beobachtung. Sie sind kein Herdentier, Sie sind unfreundlich.“ Er sah auf ihr Handgelenk. „Und Sie machen schlechtere Verbände als ein Medizinstudent im ersten Semester.“

April wollte ihm sagen, dass er sich mit seinen Beobachtungen zum Teufel scheren könne, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, denn der Mann nutzte den Augenblick und nahm ihr geschickt den Verband ab.

April musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht vor Schmerzen aufzuschreien.

Ihm die Hand zu entwinden, hätte noch mehr wehgetan, also ließ sie ihn gewähren.

Die Wunde schien eine Verbrennung ersten Grades zu sein. Sie war zwar nicht entzündet, aber sie musste höllisch wehtun. „Das sieht böse aus“, meinte er.

Was glaubt er eigentlich, wer er war? „Wenn Sie sehen wollen, wer böse aussieht, dann schauen Sie mich an. Was glauben Sie eigentlich …“

Hinter ihm ging die Tür auf. „Jimmy, wo bleibst du denn?“ Die Frau registrierte das Bild, das sich ihr bot. „Oh, das hätte ich wissen müssen“, schmunzelte sie. „Dich kann man nicht eine Minute allein lassen.“

Verdutzt sah April Alison LeBlanc zu ihnen herüberkommen. Sie hatte die dunkelhaarige Frau nur einmal kurz gesehen, als sie wegen ihrer Großmutter bei Dr. Kerrigan gewesen war. Doch als sie jetzt neben dem Fremden stand, fiel ihr die Ähnlichkeit der beiden auf. Alison war zwar ein ganzes Stück kleiner, aber Hautfarbe und Körperhaltung waren gleich.

April sah von einem zum andern. „Sind Sie miteinander verwandt?“

Der Unbekannte lachte. „Nur durch ein grausames Spiel des Schicksals.“ Mit der einen Hand hielt er immer noch Aprils Hand, während er den anderen Arm um Alisons schlanke Schultern legte und sie an sich drückte. „Dies ist meine kleine Schwester.“ Aus seiner Neckerei klang tiefe Zuneigung heraus. „Sie ist trotz allem ganz gut geraten.“

Alison sah ihn durchdringend an, aber auch ihr Blick war voller Zuneigung. „Wenn du mit ‚trotz allem‘ die Tatsache meinst, dass du mein Bruder bist, dann hast du recht.“

April durchfuhr ein kleiner stechender Schmerz. Das kam ihr so bekannt vor. Zumindest damals, bevor sie aus Hades weggegangen war. Eine solche Beziehung hatte sie auch zu ihren eigenen Geschwistern gehabt, besonders zu Max. Es gab Zeiten, wo sie solche Neckereien sehr vermisste, obwohl sie das nie zugeben würde, denn dann wäre sie verletzbar.

Jetzt sah Alison sie entschuldigend an. „Es tut mir leid. Ich hoffe, Jimmy hat Sie nicht belästigt. Ich hatte ihn gebeten, die Post für die Praxis abzuholen. Ich hätte bedenken müssen, dass er vergessen würde, warum er zur Post gegangen ist, wenn er Sie erst mal zu Gesicht bekommt. Dass er versuchen würde, Sie zu bezaubern, wie er es mit jeder Frau tut, die ihm über den Weg läuft.“

Genauso hatte sie sich das vorgestellt. Der Mann hatte außer Schau nichts weiter zu bieten. April gratulierte sich, dass sie ihn sofort durchschaut hatte.

Jimmy sah jedoch keineswegs verärgert aus, dass sein Spiel entlarvt war. Er lachte einfach nur. „Ich wollte sie nicht bezaubern, sondern nur untersuchen.“ Um seine Behauptung zu beweisen, hob er Aprils inzwischen ganz ausgewickeltes Handgelenk hoch. „Die Dame scheint sich verletzt zu haben.“

Alison schaute sich die Wunde an. „Dafür habe ich in der Klinik eine Salbe.“

„Gran hat ebenfalls einen Medizinschrank“, entgegnete April.

„Dann tu auch wirklich was drauf“, riet Alison ihr. „Wie ist das denn passiert?“

„Nichts, was all diese Aufmerksamkeit verdient hätte.“ April versteckte die Hand erneut hinter dem Rücken und wechselte das Thema, bevor Alison weiter bohren konnte. „Er ist also wirklich Ihr Bruder?“

„Ja, und er ist zu Besuch da.“

Jimmy nickte zustimmend, ließ aber die verführerische Postfrau nicht aus den Augen. „Ich wollte mich davon überzeugen, was Jean-Luc und diesen Ausbund von Starrsinn hier festhält.“

„Starrsinn liegt in der Familie“, versetzte Alison mit einem Augenzwinkern.

Jimmy stimmte sofort zu. „Richtig, unsere Schwester Lily ist auch so.“

Alison dachte nur, dass hinter dem Gleichmut ihres Bruders mehr Starrsinn lauerte als bei sonst jemandem in der Familie. Er hatte allen verschwiegen, dass er sich in seiner Freizeit ehrenamtlich um Obdachlose kümmerte. Sie hätte davon nie erfahren, wenn sie ihn nicht zufällig dort entdeckt hätte. Nach außen spielte er lieber den Playboy, aber eigentlich war er viel ernsthafter. Seine fürsorgliche Ader war genauso ausgeprägt wie die Kunstfertigkeit seiner Chirurgenhände. Doch davon durfte niemand etwas wissen.

„Du natürlich nicht“, meinte Alison nur.

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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