Die Ärztin und der Scheich

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"Helfen Sie meiner Tochter!" Die schöne Chirurgin Robyn Kelly ist tiefbewegt von Scheich Idris Al Khalils Flehen. Ja, sie wird die kleine Amira operieren, um ihre Taubheit zu heilen. Aber was der feurige Wüstenprinz mit ihrem eigenen Herzen anstellt, muss ihr Geheimnis bleiben …


  • Erscheinungstag 31.01.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733739140
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Das war’s. Der oder die Nächste bitte.“

Idris seufzte ungehalten. Ein weiteres Vorstellungsgespräch, das er vorzeitig beenden musste. Für wie oberflächlich hielten diese Leute ihn? Glaubten sie im Ernst, es wäre ihm wichtig, dass ein Flügel des Chelsea Children’s Hospital nach ihm benannt wurde? Das war doch lächerlich. Wieso wollten sie Geld für feierliche Einweihungszeremonien und Gedenktafeln verschwenden, anstatt es in neue Behandlungsmethoden zu stecken?

Seine sehr großzügige Spende sollte etwas für die kranken Kinder bewirken; öffentlichkeitswirksame Zurschaustellung seines Reichtums fand er vollkommen unangebracht.

Für Idris gab es nur ein einziges Ziel: Er wollte, dass Amira, seine kleine Tochter, endlich hören konnte.

Kaisha räusperte sich leise. „Soll ich den nächsten Kandidaten hereinholen?“

„Sind es noch viele? Ich weiß nicht, wie viel Unterwürfigkeit und Schmeichelei ich heute noch aushalten kann.“

Seine Assistentin warf einen Blick auf ihr Clipboard. „Nein, Exzellenz. Es warten nur noch drei Bewerber.“

„Kaisha, bitte, ich habe Ihnen doch schon so oft gesagt, dass Sie mich Idris nennen sollen, wenn wir allein sind.“

„Natürlich, Exzell… Idris.“ Kaisha trat verlegen einen Schritt zurück und deutete einen Knicks an.

Sie wussten beide, dass Idris’ gedrückte Stimmung sich nicht so leicht aufhellen ließ. Seit sieben Jahren war er ein Brummbär, wie Amira es nannte. Trotz seiner Kopfschmerzen, seiner Erschöpfung und seiner Ungeduld mit den Londoner Ärzten, die er an diesem Tag empfangen hatte, zwang er sich zu einem Lächeln.

Kaisha war loyal, klug und effizient – der letzte Mensch, an dem er seinen Frust auslassen sollte. Er hatte sie anfangs eingestellt, weil sie eine Expertin für die Geschichte seines Landes Da’har war, doch mit der Zeit war sie mehr und mehr zu seiner rechten Hand geworden. Vielleicht sollte er eine Assistentin für sie einstellen.

Nachdenklich rieb er sich das Kinn und versuchte, seine Schultern zu lockern, um die Last dieses Tages irgendwie abzuschütteln. Sein Blick wanderte durch die luxuriöse Penthouse-Suite, deren übertrieben teure Einrichtung ihm fast ein wenig peinlich war.

Doch Amira liebte die Aussicht auf das London-Eye und die Houses of Parliament, und so ertrug er die dekadente Ausstattung, die so gar nicht sein Stil war.

Idris tat alles, um seine Tochter lächeln zu sehen. Die Kleine war immer so ernst, dass es ihm das Herz zerriss. Kein Wunder, fehlte ihr doch die liebevolle Fürsorge einer Mutter. Und er, ihr Vater, war viel zu oft schwermütig.

Er warf einen Blick in den Spiegel an der Wand und sah seine düsteren Gedanken bestätigt. Der Mann, der ihm entgegenblickte, hatte kantige Gesichtszüge, dunkel glitzernde Augen und tiefe Sorgenfalten auf der Stirn.

Dabei hatte es eine Zeit gegeben, in der er immer ein Lächeln auf den Lippen gehabt hatte und sein Leben mehr oder weniger perfekt gewesen war.

Doch der Tod seiner über alles geliebten Frau hatte seine unbeschwerte Heiterkeit für immer beendet. Er wandte seinen Blick ab. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für solche trüben Gedanken.

Er musste sich darum kümmern, dass seiner Tochter geholfen wurde. Für Idris gab es nur noch zwei Ziele im Leben: Amiras Glück und das Wohlergehen seines Landes. Wenn ein einzelner Mensch sein kleines Land am Persischen Golf verkörperte, dann war er es. Als Regent von Da’har besaß er Stolz, Stärke und den eisernen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Vor seiner Hotelsuite wachten zwei seiner treuesten Mitarbeiter; in der Hotelhalle und am Fahrstuhl waren weitere Sicherheitsleute. Doch statt sich beschützt zu fühlen, glaubte Idris, keine Luft mehr zu bekommen. Am liebsten hätte er sich einen Hut tief ins Gesicht gezogen und wäre unerkannt ein wenig durch die Straßen Londons gestreift.

Aber natürlich war das nicht möglich. Er hatte Wichtigeres zu tun, denn er musste den perfekten Arzt für seine Tochter finden. Für Amira war er bereit, fast alles zu ertragen – selbst noch drei weitere Klinikvertreter, die ihm Honig ums Maul schmierten, um an sein Geld zu kommen.

„Wie lange bleibt Amira noch im Zoo?“, fragte er Kaisha.

„Noch etwa eine Stunde, Eure Exzell … Idris. Wie Sie es gewünscht hatten, haben wir den Zoo heute Nachmittag für die Öffentlichkeit schließen lassen, damit Amira ungestört ist und die Tiere privat bewundern kann.“

Idris nickte zufrieden. Für Amira war ihm kein Aufwand zu groß. Seine wunderschöne Tochter war der einzige Lichtblick in seinem ansonsten düsteren Leben.

„Sehr gut. Ich will nicht, dass sie hier im Hotel ist, bevor wir einen Spezialisten gefunden haben.“

Er bemerkte, wie ein gequälter Ausdruck über Kaishas Gesicht huschte. „Was ist los, Kaisha?“

„Nichts. Es ist nur …“

„Nun reden Sie schon!“ Geduld gehörte nicht zu seinen Kernkompetenzen.

„Sie haben bereits mit fast allen Ärzten gesprochen, aber keinen von ihnen auch nur ausreden lassen. Niemand war Ihnen gut genug …“

„Sie waren allesamt nur an meinem Geld interessiert und nicht an meiner Tochter. Aber es geht um Amira. Nur um Amira. Ich will die beste Behandlung, die es gibt. Die modernsten Verfahren, die fähigsten Spezialisten. Auf Ruhm und Ehre als nobler Spender kann ich gut verzichten. Hätte Amira sich nicht sehnlichst gewünscht, dieses Musical anzuschauen, dann hätte ich darauf bestanden, dass die Mediziner zu uns nach Da’har geflogen kommen, und nicht hier meine Zeit mit diesen Speichelleckern verplempert.“

Kaisha nickte resigniert. Sie hatte diese Tirade schon mehrfach gehört. Nach jedem Bewerbungsgespräch, um genau zu sein. Trotzdem versuchte sie, ruhig zu bleiben, denn zumindest einer musste schließlich einen klaren Kopf bewahren. Idris war offenbar kurz davor, vollends die Geduld zu verlieren.

„Gut. Wenn der nächste Bewerber wieder nicht in Frage kommt, brechen wir die Suche hier in London ab und sehen uns in Boston oder New York um, in Ordnung?“

„Wie Sie wünschen, Eure … ähm, Idris.“ Kaisha lächelte milde. „Soll ich den nächsten Kandidaten hereinbitten?“

Idris verzog sein Gesicht und setzte sich wieder in den Sessel. „Ja, bringen wir es hinter uns. Wer ist der Nächste?“

„Ähm … entschuldigen Sie … Mein Name ist Robyn Kelly. Dr. Robyn Kelly. Salem Aleikum.“

Idris sah irritiert auf – und blickte in ein Paar bernsteinfarbene Augen, die auf faszinierende Weise zu leuchten schienen. Ihm stockte der Atem.

Intuitiv reagierte er auf diese Frau, wie er erst einmal zuvor in seinem Leben auf eine Frau regiert hatte. Und diese Erkenntnis schockierte ihn bis ins Mark.

„Wie sind Sie hier hereingekommen?“, fragte er unwirsch.

„Zu Fuß“, erklärte sie lächelnd, schüttelte ihre blonden Locken und wies auf die ausgetretenen Turnschuhe an ihren Füßen.

Ihre Unbekümmertheit machte ihn sprachlos.

„Oh, jetzt verstehe ich Ihre Frage“, fuhr sie fort. „Ihre Bodyguards waren so freundlich, mich in die Suite zu lassen, weil ich mir ‚die Nase pudern‘ wollte. Ich hoffe, sie bekommen deshalb jetzt keinen Ärger. Mein Name wird übrigens mit Y geschrieben. Robyn. Keine Ahnung, was meine Eltern sich dabei gedacht haben. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich das korrigieren muss.“

Idris kniff seine Augen zusammen und betrachtete die junge Frau von oben bis unten. Gut, sie sah ungefähr so gefährlich aus wie ein neugeborenes Lämmchen. Trotzdem hätte sein Sicherheitsdienst sie nicht einfach hereinlassen dürfen. Sie hätte Amira entführen können. Sein Magen zog sich bei dem Gedanken zusammen, doch dann ermahnte er sich, vernünftig zu sein. Diese Robyn stellte keine Gefahr dar, und außerdem war seine Tochter im Zoo.

Ungeniert musterte er Robyn. Sie war relativ groß, etwa in seinem Alter – also Mitte dreißig – und schlank, soweit er es unter ihrem viel zu großen Trenchcoat sehen konnte. Ihr Haar war wild und lockig, ihr Gesicht ungeschminkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich wirklich die Nase pudern wollte, bewegte sich also gegen null.

Ihre Wangen waren rosig, was natürlich an dem scharfen Wind draußen liegen konnte. Auch wenn das Wetter in Da’har schon als Winter durchgegangen wäre, wusste Idris, der drei Jahre in London studiert hatte, dass die häufigen Wetterumschläge in London zur Tagesordnung gehörten.

Robyn sah aus, als wäre sie auf dem Weg ins Hotel vom Wind ordentlich durchgepustet worden. Möglicherweise sah sie unter normalen Umständen etwas weniger zerzaust aus. Irgendwie erinnerte sie ihn an eine Elfe. Eine bezaubernde, etwas unbeholfene Elfe.

Zum Glück kam in diesem Moment Kaisha wieder herein, die sichtlich erstaunt darüber war, dass Robyn ohne Aufforderung ins Zimmer gekommen war.

„Guten Tag, Dr. Kelly. Dürfen wir Ihnen etwas anbieten? Kaffee vielleicht?“

„Dem Himmel sei Dank! Ja, sehr gerne! Für einen schönen, starken Tee mit Schuss würde ich töten.“

Als sie Kaishas fragenden Blick bemerkte, lachte Robyn. „Bitte entschuldigen Sie. Ich habe vergessen, dass Englisch ja nicht Ihre Muttersprache ist, sondern Ihre – wievielte? Dritte oder vierte Sprache?“

„Die vierte“, stellte Kaisha bescheiden richtig.

„Vier Sprachen! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich Sie beneide!“ Mit ihren leuchtenden Bernsteinaugen sah sie Idris an, als wollte sie sagen: Ist das nicht einfach unglaublich?

„Und es sind auch noch ganz verschiedene Sprachen, wenn ich mich recht an unsere Korrespondenz erinnere, nicht wahr? Der Landesdialekt von Da’har, Arabisch, Französisch, und Englisch?“

Kaisha nickte.

„Beeindruckend. Meine Fremdsprachenkenntnisse sind leider eher dürftig. Tee mit Schuss ist ein kräftiger Schwarztee mit einem guten Schluck Milch drin.“

„Keine Sahne?“

„Nein, meine Liebe.“ Robyn schüttelte den Kopf. „So vornehm bin ich leider nicht. Aber ein paar Kekse wären toll.“

Robyn drehte sich wieder zu Idris um und sah ihn mit einem entwaffnenden Lächeln an. „Tut mir leid, ich bin manchmal ein bisschen ungestüm. Soll ich nochmal von vorne anfangen? Etwas formvollendeter vielleicht?“

Ohne seine Antwort abzuwarten, streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Guten Tag. Dr. Robyn Kelly vom Paddington Children’s Hospital. Und Sie sind …?“

„Scheich Idris Al Khalil“, erwiderte er hoheitsvoll, während er sich erhob und nach ihrer Hand griff. Es amüsierte ihn ein wenig, dass er sich vorstellen musste.

„Sehr erfreut!“ Robyn schüttelte ihm kräftig die Hand. „Amiras Vater also.“ Sie sah sich im Raum um. „Sehr gut. Darf ich meine Jacke einfach hier aufs Sofa legen? Oder soll ich einen Bügel suchen, damit Sie sie aufhängen können?“ Suchend sah sie sich nach einem Garderobenschrank um.

Idris war sprachlos. Er konnte sich nicht erinnern, wann jemand das letzte Mal von ihm erwartet hatte, dass er einen Mantel selbst aufhängte. Oder sonst irgendetwas wegräumte. Ihr offensichtliches Desinteresse an seiner Prominenz und Bedeutung als Herrscher eines Scheichtums war erfrischend.

Inzwischen hatte Robyn sich aus ihrem Trenchcoat geschält und wickelte gerade ihren mindestens drei Meter langen, selbst gestrickten Schal ab. „Britische Sommer“, murmelte sie missbilligend und seufzte, während sie Mantel und Schal achtlos auf das elegante Sofa warf.

Ihr vollkommen unangemessenes Benehmen störte Idris kein bisschen. Er musste allerdings aufpassen, nicht zu offensichtlich in ihre verstörend schönen Augen zu blicken. Der Rest ihrer Erscheinung war genauso unkonventionell wie ihr Verhalten. Sie trug einen abgewetzten Cordrock, ein geblümtes Oberteil, das auch schon bessere Tage gesehen hatte, und arg mitgenommene Turnschuhe. Insgesamt sah sie eher wie eine Studentin als wie eine kompetente Ärztin aus, und sie hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit den anderen Kandidaten, die ohne Ausnahme makellos gekleidet gewesen waren.

Aber hatte es ihnen etwas genützt, sich so herauszuputzen?

Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund.

„Ist was? Stimmt etwas nicht?“ Robyn sah ihn fragend an und blickte dann an ihrem Oberteil herunter, auf dem deutliche Krümel- und Schokospuren zu sehen waren. „Oh, Entschuldigung!“ Hektisch kramte sie ein Taschentuch aus ihrer riesigen Handtasche. „In der Klinik gab es heute Willkommens-Muffins für einen neuen Kollegen, und ich habe meinen mit einem meiner kleinen Patienten geteilt, während wir zusammen ein Buch gelesen haben und …“ Sie sah ihn zerknirscht an. „Man kann so was nicht essen, ohne zu krümeln.“ Sie schleckte genüsslich ein Stück Schokoglasur von ihren Fingern ab.

Idris sah ihr wie gebannt zu.

„Es war köstlich. Ich liebe Schokomuffins, auch wenn die Kinder immer ziemlich damit rumschmieren. Aber andererseits – was soll’s?“ Ungeduldig rieb sie sich die Flecken von der Bluse. „Es ist schon schlimm genug für die Kleinen, im Krankenhaus zu sein. Da hat man wirklich Besseres zu tun, als auf gute Manieren zu achten.“ Sie erwartete offenbar nicht, dass er ihr Geplapper kommentierte.

„Wo wir gerade davon sprechen, dass man oft Besseres zu tun hat: Stünde die Klinik nicht kurz vor dem Bankrott, dann wäre ich jetzt nicht hier und würde Sie mit meinem dummen Gerede nerven, sondern ich würde im OP stehen, wo ich hingehöre.“

Sie sah ihn an und wurde rot. „Oh je, ich habe wieder mal laut gedacht. Entschuldigen Sie.“

Ohne auf eine Reaktion von Idris zu warten, sprach sie weiter. „Das haben die nun davon, dass sie die leitende Chirurgin und nicht die charmante Verwaltungschefin geschickt haben.“

Idris sah sie mit offenem Mund an und überlegte, wer von ihnen beiden verrückter war: Robyn, die ununterbrochen redete, oder er, der sie nicht unterbrach, sondern seinen Blick nicht von ihrer Bluse abwenden konnte, die ein kleines, attraktives bisschen zu eng war.

Endlich gelang es ihm, seinen Blick loszureißen. Als Robyn einfach weiterredete, entspannte er sich etwas. Offenbar hatte sie nichts bemerkt – was auch besser war. Er war schließlich auf der Suche nach einem Arzt, nicht nach einer Frau.

„Also wir alle im Castle – so nennen wir das Paddington Children’s Hospital – finden, dass Amira ein ganz außergewöhnliches und tapferes Mädchen ist, und ich kann es kaum erwarten, sie endlich kennenzulernen. So, fertig!“ Robyn steckte das benutzte Tuch wieder in ihre Tasche und sah Idris erwartungsvoll an. „Wo ist sie?“

„Wie bitte?“ Idris hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und sah Robyn so tief in die Augen, dass er an nichts anderes mehr denken konnte.

Was war nur los mit ihm? Er war es gewohnt, die Gesprächsführung zu übernehmen. Diesmal schien es umgekehrt zu sein. Wer war diese Frau? Ein zerstörerischer Wirbelsturm oder eine dringend notwendige frische Brise?

„Amira?“, hakte Robyn nach. „Wo ist sie?“ Einen kurzen Moment lang kam ihr der absurde Gedanke, sie könnte in die falsche Hotelsuite gegangen sein. Die luxuriöse Umgebung und das vornehme Gehabe verunsicherten sie. Oder lag es vielleicht an diesem Scheich dort?

Idris. Er besaß eine verstörende Präsenz.

Auf dem Foto, das man ihr im Krankenhaus gezeigt hatte, war er schon ziemlich gut aussehend gewesen. Sehr dunkle Augen, hohe Wangenknochen, dunkelbraunes Haar – insgesamt ein echter Hingucker.

Die Wirklichkeit übertraf ihre Vorstellungen jedoch bei Weitem. Ein Blick von ihm reichte, und ihre Knie wurden zu Butter. Sie hoffte nur, dass er nichts davon bemerkte.

Verlegen räusperte sie sich. „Was sagten Sie, wo Ihre Tochter gerade ist?“

„Ausgegangen“, erwiderte er knapp. So knapp, dass Robyn es fast ein wenig unhöflich fand.

Sie fand die ganze Situation alles andere als angenehm, denn normalerweise kümmerte sie sich nicht aktiv um die Gewinnung neuer Patienten. Ihr Ruf als exzellente Hals-Nasen-Ohrenärztin eilte ihr über die Grenzen Londons hinaus voraus, sodass sie es nicht nötig hatte, für sich oder ihre Klinik zu werben.

Doch in Amiras Fall hatte sie eine Ausnahme gemacht. Schon als sie zum ersten Mal die Krankenakte des Mädchens in der Hand gehalten hatte, war ihr klar gewesen, dass sie diese Herausforderung unbedingt annehmen wollte.

Entschlossen hob sie den Kopf und schaute Idris an. Sekundenlang sahen sie sich tief in die Augen. Sein Blick war so eindringlich, dass Robyn die Augen senken musste. War das eine Art Test des Scheichs? Und wenn ja, hatte sie ihn bestanden?

Sie warf ihm erneut einen Blick zu und stellte fest, dass er sie noch immer unverwandt ansah. Aufmerksam und irgendwie abwartend musterte er sie – und war dabei nach wie vor umwerfend attraktiv.

Robyn presste ihre Lippen aufeinander. Was erwartete er denn nun von ihr? Doch wohl kaum irgendeine Showeinlage, oder? Verlegen warf sie einen Blick auf ihre Uhr, musterte dann die Bilder an den Wänden, bevor sie wieder Idris ansah.

Er hatte sie offenbar keine Sekunde aus den Augen gelassen. Robyn erinnerte sich an den Rat einer Kollegin, die sich in solchen Situationen ihr Gegenüber immer in Unterwäsche vorstellte.

Dieser Ansatz stellte sich leider als wenig hilfreich heraus, denn Robyn spürte, wie sie beim Gedanken an einen halbnackten Idris knallrot anlief.

Diese lächerliche Machtprobe musste ein Ende haben! Entschlossen richtete sie sich auf. „Also … Wie soll ich Sie ansprechen?“

Er runzelte überrascht die Stirn. „Idris.“

„Oh.“ Damit hatte sie nicht gerechnet. „Ich war ein bisschen besorgt, dass Sie von mir einen Hofknicks erwarten würden und ich Sie mit Eure Hoheit oder so anreden müsste. Idris also. Großartig. Ein schöner Name. Nach einem der Propheten im Koran, nicht wahr? Wussten Sie, dass es den Namen auch im Walisischen gibt? Übersetzt heißt er ‚feuriger Lord‘ oder ‚Prinz‘. Sehr passend, oder?“

„Ich bin weder ein Prophet noch ein Prinz“, erwiderte Idris kühl.

Natürlich. Er war ja ein Scheich. Eine Art König also. Egal, es machte für Robyn keinen Unterschied. Das Einzige, was sie interessierte, war die katastrophale finanzielle Situation ihres Krankenhauses, das kurz vor dem Ruin stand. Und die endlose Warteliste mit Patienten, denen im Paddington’s geholfen werden konnte, wenn es ihnen gelang, die Klinik zu retten. Sie war bereit, alles dafür zu geben, den drohenden Konkurs abzuwenden. Selbst wenn sie dafür eine weitere Runde dieses lächerlichen ‚wer-senkt-als-erster-den-Blick‘-Spiels auf sich nehmen musste.

Sie sah zur Seite. Na gut, dann hatte er halt gewonnen. Sie konnte es nicht länger aushalten, in dieses perfekt gemeißelte Gesicht zu blicken.

Idris war zweifellos der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war. Hohe, stolze Wangenknochen, eine markante Nase, ein karamellfarbener Teint, der Hauch eines Bartschattens auf Kinn und Wangen. Es erstaunte sie fast ein wenig, dass sein Haar so kurz geschnitten war. Langes Haar, das im Wind wehte, während er mit einem Pferd durch die Wüste ritt, hätte besser zu ihm gepasst. Falls Scheichs überhaupt durch die Wüste ritten. Sie stellte sich vor, wie sie mit ihren Fingern durch sein zerzaustes dunkles Haar strich, und errötete erneut. Das musste sofort aufhören!

„Wussten Sie, dass es in Wales auch einen Berg mit Ihrem Namen gibt? Idris Chair. Und nun sehen Sie sich an – da sitzen Sie vor mir, auf einem Stuhl.“

Erwartungsvoll sah sie ihn an. Die allermeisten Menschen hätten auf diese Bemerkung mindestens mit einem Lächeln reagiert.

Doch Idris verzog keine Miene.

Robyn gab sich alle Mühe, ihre Nervosität unter Kontrolle zu halten, was ihr immer schlechter gelang, je länger sie ihn ansah. Idris hatte sinnliche, volle Lippen. Viel zu verführerisch für einen Mann, der so offensichtlich ein Alphatier war. Mit seinen mindestens 1,85 m hatte er genau die richtige Größe für Robyn.

Nicht, dass sie nach einem Mann suchte. Dieses Thema hatte sie abgeschlossen.

Sie unterdrückte ein bitteres Lachen. Selbst wenn es anders wäre … Als ob ein Mann wie Idris Interesse an ihr haben könnte.

Sie würde jede Wette eingehen, dass er viel Sport trieb. Bestimmt zog er jeden Morgen im Hotelpool seine Runden. Anders ließen sich seine breiten Schultern unter dem maßgeschneiderten Anzug kaum erklären.

Angestrengt versuchte Robyn, sich das arabische Wort für Schneider ins Gedächtnis zu rufen.

„Hier kommt der Tee!“

Dankbar sah Robyn zur Tür, durch die Idris’ Assistentin gerade mit einem Tablett eingetreten war, auf dem nicht nur Tassen standen, sondern auch ein riesiger Teller mit köstlich aussehenden Schoko-Keksen. Wow! Ingwerkekse mit Schokoguss.

„Das ist mein Lieblingsgebäck!“, freute sich Robyn.

„Wir haben also unsere Hausaufgaben gemacht“, bemerkte Idris mit seinem kaum hörbaren Akzent. „Ich hoffe, Sie haben Ihre ebenfalls erledigt.“

Seine Worte waren eine Herausforderung, die Robyn nur zu gern annahm. „Amiras Krankenakte ist wirklich faszinierend. Ich habe die ganze Nacht darin gelesen.“

Sie bemerkte einen schwer zu deutenden Ausdruck in seinen Augen.

Kaisha stellte das Tablett ab. „Das würde ja für eine ganze Fußballmannschaft reichen!“, rief Robyn. „Bringt Amira noch Freundinnen mit?“

„Nein, die sind nur für Sie“, erklärte Kaisha und schenkte ihr Tee ein.

„Vielen Dank, meine Liebe. Sie heißen Kaisha, nicht wahr?“

„So ist es.“

Robyn wiederholte den Namen. „Wenn ich mich recht erinnere, bedeutet das auf Japanisch ‚Firma‘ oder Unternehmen.“ Fragend sah sie Idris an. Er machte den Eindruck, auf alle Fragen dieser Welt eine Antwort zu wissen.

„Hatten Sie nicht gesagt, Sie hätten keine Begabung für Fremdsprachen, Miss …“

„Doktor“, korrigierte Robyn ihn mit einem Lächeln. Ihre Arbeit war ihr Leben, und sie zog es vor, über ihren Beruf definiert zu werden und nicht über ihren traurigen Beziehungsstatus als alte Jungfer.

„Doktor“, berichtigte Idris sich leicht amüsiert. „Für jemanden, der behauptet, seine Fremdsprachenkenntnisse seien dürftig, scheinen Sie einen ganz guten Überblick über die wichtigsten Sprachen der Welt zu haben.“

„Naja …“ Verärgert bemerkte Robyn, dass sie schon wieder rot geworden war. Verlegen knetete sie ihre Hände und überlegte, wie sie es anstellen sollte, nicht wie ein kompletter Nerd zu erscheinen. Da ihr keine geeignete Idee kam, beschloss sie, einfach die Wahrheit zu sagen.

„Ich habe mehrere Zeichensprachen aus aller Welt gelernt. Als Hals-Nasen-Ohren-Spezialistin ist das ziemlich nützlich. In vielen Ländern werden die gleichen Zeichen und Gesten für identische Begriffe benutzt. Aber es ist auch gut, wenn man die gesprochene Sprache ein wenig kennt, da viele meiner tauben Patienten sehr gut von den Lippen lesen können. Um mich auf das Treffen mit Amira vorzubereiten, habe ich deshalb ein wenig Arabisch gelernt und mir die Grundzüge der im arabischen Raum gebräuchlichen Gebärdensprache angeeignet.“

„Verstehe.“ Mit undurchdringlichem Blick sah Idris sie an, und Robyns Zuversicht sank. Warum um alles in der Welt hatte die Verwaltung gerade sie zu diesem Treffen geschickt? Sie ließ sich viel zu leicht aus dem Konzept bringen und redete zu viel, wenn sie nervös war.

Alles wäre so viel einfacher, wenn sie nur mit dem Mädchen allein gewesen wäre. Beziehungsweise mit der Patientin. Die Klinikleitung bestand darauf, dass die Kinder als Patienten bezeichnet wurden.

Robyn hasste diesen Ausdruck, der die Kinder auf ihre Krankheit reduzierte. Gut, sie waren krank, sie brauchten medizinische Hilfe – aber trotzdem waren sie doch in erster Linie Kinder. Kinder mit Namen und Gesichtern, mit persönlichen Geschichten, Vorlieben und Abneigungen. Und manchmal mit ganz außergewöhnlichen Fähigkeiten – wie beispielsweise dem Talent, den längsten Schal der Welt stricken zu können. Unwillkürlich griff sie nach ihrem Schal, der ihr so viel bedeutete, als hätte eines der Kinder, die sie selbst nie haben würde, ihn für sie gestrickt.

Eine Gebärmutterhalsschwangerschaft hatte ihren Traum von einer eigenen Familie zerstört. Nun waren die vielen Kinder, die zu ihr gebracht wurden, damit sie sie operierte, ihre Kinder. Kinder auf Zeit. Nicht nur Patienten.

Diesen Blickwinkel teilten fast alle Kollegen im Castle, wie die Klinik seit Ewigkeiten genannt wurde. Bei ihnen wurden die kranken Kinder mit Respekt und liebevoller Fürsorge behandelt – egal, was ihnen fehlte. Letzten Endes waren es immer Kinder, die im Paddington Children’s Hospital nicht nur die bestmögliche Versorgung erhalten, sondern sich auch wohlfühlen sollten.

Falls die Informationen in Amiras Akte stimmten und falls Idris dem innovativen Behandlungskonzept zustimmte, das die Klinik ihm anbieten konnte, würde Robyn mit dem richtigen Team an Spezialisten und mit sehr viel Geld Idris’ Wunsch erfüllen können: Sie würde dafür sorgen, dass Amira zum ersten Mal in ihrem Leben hören konnte.

Wenn sie den Scheich davon überzeugte, dass sie die Beste war, würde sie nicht nur seiner Tochter helfen, sondern auch ihr Krankenhaus retten.

Autor

Annie O'Neil
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