Die Leidenschaft der Pianistin

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Phillippa liebt ihre Auftritte als Pianistin im Masquerade Club. Hier gilt nicht alle Aufmerksamkeit ihrer Narbe im Gesicht – und ausgerechnet der attraktive Xavier Campion macht ihr den Hof. Ihr Glück scheint perfekt – bis eine makellose Schöne beginnt, gegen sie zu intrigieren …
  • Erscheinungstag 16.10.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512961
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

London, Frühling 1814

Mr Xavier Campion!“, verkündete Lady Devines Butler mit tiefer Stimme.

„Adonis“, wisperte ein Mädchen, das in Phillipa Westleighs Nähe stand. Auch die anderen Debütantinnen musterten ihn verstohlenen.

Phillipas Freundinnen hatten schon den ganzen Abend über ihn geredet. Würde er zum Ball erscheinen? Wie konnten sie erreichen, ihm vorgestellt zu werden? Seit sie ihn am Vorabend in der Oper erblickt hatten, war er das Hauptgesprächsthema. „Er ist ein echter Adonis!“, hatte eine der jungen Damen verkündet, und diese Bezeichnung setzte sich durch.

Phillipa war am Vorabend nicht in der Oper gewesen, hatte jedoch gehört, dass er sich in der Stadt befand. Auch sie warf einen Blick zur Türöffnung und sah einen großen, schlanken, athletisch gebauten jungen Mann mit breiten Schultern. Sein Haar war schwarz wie die Ebenholztasten eines Hammerklaviers. Er trug es ein wenig länger, als es gerade in Mode war, was sein attraktives Gesicht mit den kräftigen Brauen und dem sinnlichen Mund besonders gut zur Geltung brachte.

In die rote Paradeuniform der East Essex-Infanterie gekleidet, bot Xavier Campion den prachtvollsten Anblick, den man sich vorstellen konnte.

Mit seinen strahlend blauen Augen schaute er sich im Zimmer um, bis er Phillipa entdeckte. Er lächelte ihr zu und nickte freundlich, bevor er sich umdrehte, um Lord und Lady Devine zu begrüßen.

„Er hat uns zugelächelt!“, flüsterte eine von Phillipas Freundinnen aufgeregt.

Nein, er hat mir zugelächelt.

Phillipas Wangen röteten sich.

Erinnerte er sich an sie? Als Kinder waren sie gute Freunde gewesen. Ihre Familien hatten regelmäßig die Sommer gemeinsam in Brighton verbracht. Vor allem in jenem Sommer, in dem sie unglücklich gestürzt war, hatten sie sich gut verstanden.

Phillipa strich mit einer Hand über die gezackte Narbe auf der linken Wange, die ihr Gesicht entstellte. Nicht einmal die lange Feder, die ihre Mutter an Phillipas Kopfbedeckung hatte anbringen lassen, konnte die Verunstaltung verbergen.

Natürlich erinnerte er sich an sie. Wie viele narbengesichtige Mädchen würde ein so gut aussehender Mann wie Xavier Campion schon kennen?

Sie wandte sich ab, während die anderen Mädchen kicherten und miteinander flüsterten. Es war ihr unmöglich, sich an der Tuschelei zu beteiligen. Wie es wohl wäre, wenn der Sturz sie nicht für immer gebrandmarkt hätte? Wie sehr sie sich das makellose Aussehen ihrer Freundinnen wünschte. Dann hätte sie die Haare nur mit einem hübschen Band geschmückt, anstatt sich unter dem dummen Hut mit der auffälligen Feder zu verstecken.

Plötzlich wurden ihre Begleiterinnen ganz still, und Phillipa vernahm eine männliche Stimme. „Phillipa?“

Sie wandte sich um.

Vor ihr stand Xavier.

„Ich habe gleich gesehen, dass du das bist.“

Er hat mich an meiner Narbe erkannt, meint er wohl.

„Wie geht es dir? Es ist Jahre her, dass wir einander zuletzt begegnet sind.“

Die anderen Debütantinnen starrten ihn ungläubig an.

„Guten Abend, Xavier“, erwiderte Phillipa und senkte den Blick. „Ja, du bist lange im Krieg gewesen.“ Sie wagte es, ihn anzusehen.

Als er sie anlächelte, machte ihr Herz einen Sprung.

„Es ist gut, wieder in England zu sein“, sagte er.

Eine ihrer Freundinnen räusperte sich.

Phillipa legte die Hände an die Wangen. „Oh!“ Sie blickte von Xavier zu den hübschen Mädchen, die sie umgaben. Mit einem Mal verstand sie, weshalb er sich ihr genähert hatte. „Ich möchte dich meinen Freundinnen vorstellen.“

Nach dem Austausch der Namen erkundigten sich die jungen Damen, die ihn umringten, nach dem Krieg und wollten wissen, in welchen Schlachten er gekämpft hatte.

Phillipa trat einen Schritt zurück. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan. Jetzt, da sie ihn den Freundinnen vorgestellt hatte, konnte er jede der bezaubernden Debütantinnen zum Tanz auffordern. Sie malte sich aus, wie ihre ehemaligen Schulkameradinnen insgeheim seinen Marktwert abschätzten. Er war nur der jüngere Sohn eines Earls, doch sein Äußeres machte den fehlenden Titel mehr als wett. Überdies stand er in dem Ruf, über gute Einkünfte zu verfügen.

Bei ihren Freundinnen drehte sich alles um den Heiratsmarkt. Alle waren in der Erwartung aufgewachsen, am Ende der ersten Saison das perfekte Verlöbnis einzugehen. Phillipas Hoffnungen waren rasch bescheidener geworden, und ganz gewiss dachte sie gar nicht erst daran, den attraktivsten und aufregendsten jungen Mann, der sich gerade in London aufhielt, für sich zu gewinnen. Kein halbwegs heiratswürdiger Gentleman schenkte ihr auch nur die geringste Beachtung. Warum sollte es ausgerechnet bei Xavier Campion anders sein?

In Brighton, als sie noch ein albernes junges Mädchen gewesen war, waren sie beinahe unzertrennlich gewesen. Obgleich er ein paar Jahre älter war, hatte er sich auf ihre Kinderspiele eingelassen. Gemeinsam hatten sie am Strand Eimer mit Sand gefüllt und große Burgen daraus gebaut. Manchmal hatte sie mitten im Spielen innegehalten und war angesichts seiner Schönheit vor Ehrfurcht erstarrt. Viele Nächte war sie mit dem Wunschtraum eingeschlafen, dass Xavier eines Tages, wenn sie groß war, wie ein Prinz zu ihr reiten würde, um sie zu einem romantischen Schloss zu entführen.

Mittlerweile war sie erwachsen, und in der Realität interessierte sich kein Mann für eine junge Dame mit einer Narbe im Gesicht. Sie war achtzehn Jahre alt, und es wurde Zeit, die Kinderträume zu begraben.

„Phillipa?“ Wieder hörte sie seine Stimme.

Sie sah ihn an.

Xavier streckte die rechte Hand aus. „Darf ich dich um diesen Tanz bitten?“

Sprachlos nickte sie und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

Ihre Freundinnen ließen ein enttäuschtes Seufzen verlauten.

Xavier geleitete sie auf die Tanzfläche. Gerade begann das Orchester, die ersten Takte einer Melodie anzustimmen, die Phillipa mit Leichtigkeit wiedererkannte. Sie merkte sich jedes Lied, das sie hörte.

Der Tanz begann.

Als ob ihr Körper selbst Teil der Musik geworden wäre, passten sich die Bewegungen ihrer Beine und Füße ohne Mühe der Tanzformation an. Es war, als ob sie durch die Luft schwebte, und ihr wurde ganz leicht und froh zumute.

Xavier lächelte und blickte sie an – sah ihr direkt in die Augen.

„Was hast du gemacht, seit wir das letzte Mal am Strand gespielt haben?“, fragte er, als die Formation sie wieder zusammenführte.

Erneut mussten sie einander loslassen, und Phillipa war gezwungen, bis zum nächsten Aufeinandertreffen zu warten, bevor sie antworten konnte. „Ich bin zur Schule gegangen.“

Im großen Ganzen war die Schulzeit für sie erfreulich verlaufen. Viele der Mädchen waren nett und freundlich zu ihr gewesen, auch wenn Phillipa nur wenige als echte Freundinnen bezeichnen konnte. Leider hatte es auch ein paar grausame Ausnahmen gegeben, und die verletzenden Worte hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Er schmunzelte. „Und du bist groß geworden.“

„Das ließ sich nicht verhindern.“ Verdammt! Hätte ich nicht etwas Klügeres antworten können?

Er lachte. „Das habe ich bemerkt.“

Die Tanzformation trennte sie erneut, doch die Musik verband sie – die Heiterkeit der Flötentöne, der Gesang der Violine, die tiefe Leidenschaft des Kontrabasses. Phillipa würde keine Note vergessen. Sie hätte wetten können, jeden Ton auf dem Pianoforte nachspielen zu können, ohne ein Notenblatt vor Augen zu haben.

Musik bedeutete Glück – in diesem Fall, das Glück, den Freund aus Kindertagen zurückzuhaben.

Voller Zuneigung erinnerte sie sich an den Jungen, der er gewesen war, und war fasziniert von dem Mann, zu dem er geworden war. Als er ihre Hände berührte, erschien es ihr so, als ob die Musik anschwellen würde und die Musiker einen Refrain auf den Traum anstimmten, den sie als kleines Mädchen gehegt hatte.

Doch schließlich verklang der letzte Ton, und Phillipa blinzelte, als ob sie aus einer Verzauberung erwachen würde.

Xavier brachte sie an den Platz zurück, an dem sie zuvor gestanden hatte.

„Möchtest du ein Glas Wein haben?“, fragte er.

Sie befürchtete, dass er sich eigentlich lieber von ihr verabschiedet hätte und nur aus Höflichkeit gefragt hatte, doch der Tanz hatte sie durstig gemacht. „Ich hätte gern ein Glas Wein, aber nur, wenn es dir keine Umstände bereitet.“

In seinen blauen Augen funkelte es belustigt. „Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Das Herz schlug ihr bis zu Hals, als sie ihm hinterhersah, während er sich entfernte. Rasch kehrte er zurück und reichte ihr ein Glas. „Ich danke dir“, murmelte sie.

Nichts deutete darauf hin, dass er von ihrer Seite weichen wollte. Höflich erkundigte er sich bei ihr nach der Gesundheit ihrer Eltern und den Aktivitäten ihrer Brüder Ned und Hugh.

Während sie sich unterhielten, kam es ihr vor, als ob ein Teil von ihr abseitsstünde und sie kritisch beobachtete. Keine ihrer Antworten zeichnete sich durch den Witz aus, den ihre Freundinnen beim Plaudern unter Beweis stellten, doch Xavier schien das nicht zu stören.

Sie wusste nicht, wie lange sie miteinander gesprochen hatten. Es mochten zehn Minuten oder vielleicht sogar eine halbe Stunde gewesen sein, als sich seine Mutter zu ihnen gesellte.

„Wie geht es Ihnen, Phillipa?“, fragte Lady Piermont.

„Danke, mir geht es gut, Mylady.“ Phillipa tauschte ein paar Höflichkeiten mit ihr aus, doch Lady Piermont wirkte ungeduldig.

Sie wandte sich an ihren Sohn. „Ich brauche dich, Xavier. Es gibt da jemanden, der mit dir reden möchte.“

Entschuldigend sah er Phillipa an. „Ich fürchte, ich muss dich kurz verlassen.“

Er verbeugte sich.

Sie knickste.

Und schon war er verschwunden.

Kaum war er fort, als ihre Freundin Felicia zu ihr eilte. „Oh Phillipa! Wie aufregend! Er hat mit dir getanzt!“

Phillipa lächelte. Ihn wiedergesehen zu haben, hatte eine zauberhafte Melodie in ihr hervorgerufen, deren Töne weiter nachhallten. Sie fürchtete, dass der Klang verfliegen würde, sobald sie auch nur ein Wort sprach.

„Du musst mir alles genau erzählen!“, bat Felicia.

Doch dann tauchte Felicias Verlobter auf, und die Freundin ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Eine andere ehemalige Schulkameradin stellte sich neben Phillipa. „Es war nett von Mr Campion, mit dir zu tanzen, nicht wahr?“

„Ja, in der Tat“, bestätigte Phillipa nichts Böses ahnend, obgleich das Mädchen nie eine echte Freundin gewesen war.

Die Schulkameradin beugte sich zu ihr vor. „Deine Mutter und Lady Piermont haben das in die Wege geleitet. War das nicht klug von ihnen? Jetzt tanzen vielleicht auch andere Gentlemen mit dir.“

„Meine Mutter?“ Phillipa umklammerte den Stiel ihres Weinglases.

„Das habe ich jedenfalls gehört.“ Das Mädchen lächelte geziert. „Sie haben sich darüber unterhalten, während du mit ihm getanzt hast.“

Es war, als ob die zwei riesigen Scheiben eines Beckens über Phillipa zusammenschlügen. Plötzlich bekam sie keine Luft mehr, so wie an jenem Tag in Brighton, als sie gestürzt war.

Familiäre Beziehungen spielen zu lassen, um für die Tochter eine Aufforderung zum Tanz zu erwirken, passte leider nur zu gut zu ihrer Mutter.

Tanzen Sie mit ihr, Xavier, mein Lieber! konnte sie ihre Mutter beinahe sagen hören. Wenn Sie mit ihr tanzen, werden die anderen Männer es ebenfalls tun.

„Mr Campion ist ein alter Freund“, erklärte Phillipa schließlich ihrer früheren Schulkameradin.

„Ich wünschte, dass ich solche Freunde hätte.“ Das Mädchen knickste und ging davon.

Phillipa blieb an Ort und Stelle und zwang sich, gelegentlich am Weinglas zu nippen. Als sie das Glas geleert hatte, begab sie sich zu einem der Tische an der Wand, um es abzustellen.

Dann suchte sie ihre Mutter. Es gelang ihr, sie einen Augenblick allein zu sprechen.

Es fiel ihr schwer, sich zu beherrschen. „Mama, ich habe Kopfschmerzen und werde nach Hause gehen.“

„Phillipa, nein!“ Ihre Mutter wirkte entsetzt. „Nicht heute, der Ball ist doch bislang ein voller Erfolg für dich.“

Wegen der Ränke ihrer Mutter …

„Ich kann nicht bleiben.“ Phillipa schluckte und kämpfte gegen die Tränen an.

„Tu dir das nicht an“, beschwor Lady Westleigh sie leise. „Bleib hier. Das ist eine gute Gelegenheit für dich.“

„Ich gehe.“ Phillipa wandte sich ab und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge.

In der Halle holte ihre Mutter sie ein und hielt sie am linken Arm fest. „Phillipa! Du kannst nicht ohne Begleitung gehen, und dein Vater und ich haben nicht vor, jetzt aufzubrechen. Der Abend hat schließlich gerade erst richtig begonnen.“

„Wir wohnen nur drei Häuser weiter. Ich finde wahrhaftig allein zurück.“ Sie befreite sich aus dem Griff ihrer Mutter. Dann ließ sie sich von dem Lakaien am Eingang ihre Stola reichen und war wenig später an der kühlen Abendluft. Hier draußen im Dunkeln konnte niemand ihr Gesicht sehen.

Sie brach in Tränen aus.

Wie demütigend, zu Xavier Campions Wohltätigkeitsobjekt gemacht worden zu sein! Er hatte nur aus Mitleid mit ihr getanzt. Wie unfassbar töricht von ihr, dass sie es auch nur einen Moment für möglich gehalten hatte, er habe aus freien Stücken seine Zeit mit ihr verbracht.

Entschlossen biss sie die zitternden Zähne zusammen. Sie würde keinen Ball mehr besuchen und sich keine Hoffnungen mehr auf einen Verehrer machen. Sie hatte genug. Ihre Lage war völlig aussichtslos, auch wenn sich ihre Mutter weigerte, das einzusehen.

Kein Gentleman würde einer Frau mit einer Narbe im Gesicht den Hof machen.

Und ganz gewiss kein Adonis wie Xavier Campion!

1. KAPITEL

London, August 1819

Es reicht!“ Phillipa schlug mit der rechten Hand auf den Beistelltisch aus Mahagoni.

Das letzte Mal hatte sie vor fünf Jahren eine solche Entschlossenheit verspürt, als sie abends von Lady Devines Ball geflohen war und sich endgültig vom Heiratsmarkt zurückgezogen hatte.

Wenn sie nur daran dachte, dass der Ball ihrer Mutter vor wenigen Wochen die Wunde fast wieder aufgerissen hatte, als sie erneut mit Xavier Campion getanzt hatte! Wieder hatte er sich ihrer erbarmt.

Zweifellos hatte ihre Mutter diese beiden Tänze ebenso in die Wege geleitet wie den ersten vor fünf Jahren. Und wieder war Phillipa genauso wütend auf ihre Mutter wie damals.

Doch im vorliegenden Fall ging es um etwas anderes. Ihre Mutter schwieg beharrlich und stolzierte stattdessen beleidigt im Gesellschaftszimmer auf und ab.

Phillipa hatte von ihr erfahren wollen, wohin ihre Brüder und ihr Vater verschwunden waren. Die drei waren nun bereits seit einer Woche nicht mehr im Haus aufgetaucht. Ihre Mutter hatte den Bediensteten verboten, darüber zu reden, und verweigerte selbst jegliche Auskunft.

Phillipa war nicht entgangen, dass Ned und Hugh sich heftig mit ihrem Vater gestritten hatten. Eine laute Auseinandersetzung hatte sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen.

„Du musst dir deswegen keine Sorgen machen“, sagte ihre Mutter nun. Dann verstummte sie wieder.

Wenn es tatsächlich keinen Anlass zur Sorge gab, weshalb konnte ihre Mutter ihr dann nicht einfach die Wahrheit sagen?

Zugegebenermaßen hatte sich Phillipa in den letzten Tagen mit ihrem Pianoforte eingeschlossen und sich mit nichts anderem als ihrer neuesten Komposition, einer Sonate, beschäftigt. Musik war das Einzige, das ihrem Leben einen Sinn verlieh.

Die perfekte Phrasierung hatte sie derartig beschäftigt, dass sie weder an ihre Brüder noch an ihren Vater einen Gedanken verschwendet hatte. Doch irgendwann hatte sie bemerkt, dass sie die Männer schon länger nicht mehr zu Hause gesehen hatte. Wo hielten sie sich auf? Warum hatte ihr Vater London verlassen, obgleich das Parlament noch tagte? Und weshalb hatten ihre Brüder ihn begleitet?

„Sie sind geschäftlich unterwegs“, war die einzige Erklärung, die sie von ihrer Mutter zu hören bekam.

Geschäftlich … Das musste ein sonderbares Geschäft sein.

Überhaupt war die ganze Saison höchst eigenartig verlaufen. Ihre Mutter und Ned hatten darauf bestanden, dass Phillipa nach London kam, obwohl sie viel lieber auf dem Land geblieben wäre. Und dann hatte dieser überraschende Ball stattgefunden … und Phillipa hatte Xavier wiedergesehen.

Der Ball war für eine Person gegeben worden, von deren Existenz Phillipa nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.

Vielleicht konnte dieser Mann Licht ins Dunkel bringen. Sein plötzliches Auftauchen, der Ball, das Verschwinden ihrer Brüder und des Vaters – alles musste auf irgendeine Weise zusammenhängen.

Also würde sie John Rhysdale fragen.

Nein, sie würde von ihm verlangen, dass er ihr erzählte, was mit ihrer Familie los war, und welche Rolle er – ihr Halbbruder und unehelicher Sohn ihres Vaters – dabei spielte.

Ihre Brüder hatten offenbar lange vor ihr von ihm gewusst, doch niemand hatte ihr erklärt, weshalb ihre Mutter diesen Ball für ihn veranstaltete oder weshalb ihre Eltern ihn plötzlich der Gesellschaft als Sohn ihres Vaters präsentierten.

Ihre Mutter hatte sie mit der Aufgabe betraut, die Einladungen für den Ball zu schreiben. Daher wusste sie genau, wo Rhysdale wohnte. Phillipa eilte aus dem Gesellschaftszimmer, zog sich Hut und Handschuhe an und war wenig später auf dem Weg in Richtung Piccadilly.

Rhysdale musste ungefähr in Neds Alter sein, wie sie am Abend des Balls festgestellt hatte. Er sah ihren Brüdern ähnlich – war ebenso dunkelhaarig und hatte braune Augen. Abgesehen von der gezackten Narbe auf meinem Gesicht gibt es auch Ähnlichkeiten mit mir, dachte sie.

Sie hielt Rhysdale zugute, dass er lediglich einen flüchtigen Blick auf die Narbe geworfen und ihr anschließend in die Augen gesehen hatte. Er hatte sich freundlich und wie ein echter Gentleman verhalten. Abgesehen von den Umständen seiner Geburt gab es an ihm nichts auszusetzen.

Außer der Wahl seiner Freunde …

Weshalb musste ausgerechnet Xavier Campion sein bester Freund sein? – Xavier, dem sie unbedingt aus dem Weg gehen wollte.

Der Zorn auf ihre Mutter lenkte sie von ihm ab. Phillipa hatte ihre übertrieben fürsorgliche Art endgültig satt. Sie würde mit allem fertigwerden, was das seltsame Gebaren ihrer Familie erklärte. Nur weil eine hässliche Narbe ihr Gesicht entstellte, hieß das noch lange nicht, dass sie ein kleines Kind war!

Sie war nicht schwach, und sie lehnte es ab, wie eine schwächliche Person behandelt zu werden.

Phillipa bemerkte, dass einige Passanten sie anstarrten, und zog den Schleier tief ins Gesicht, um sich vor den neugierigen Blicken zu schützen.

Sie bog in die Straße ein, in der Rhysdale lebte. Als sie das Haus gefunden hatte, betätigte sie den Türklopfer.

Sofort wurde geöffnet, und ein großer Mann beäugte sie prüfend.

„Ich bin Lady Phillipa und möchte Mr Rhysdale sprechen“, sagte sie.

Wortlos ließ der Bedienstete sie in das Vestibül. Er hielt einen Zeigefinger hoch, was sie als Zeichen deutete, dass sie warten sollte. Dann eilte er die Treppe hinauf.

Das Vestibül kam ihr leer und unpersönlich vor. Vielleicht bevorzugte ein alleinstehender Gentleman es derart nüchtern. Woher sollte sie das wissen?

„Phillipa!“ Vom oberen Treppenabsatz war eine Männerstimme zu hören.

Sie sah hoch.

Doch nicht Rhysdale lief die Stufen hinab.

Es war Xavier.

Einen Augenblick später war er bei ihr. „Was führt dich hierher, Phillipa? Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Ich wollte mit Rhysdale sprechen“, erwiderte sie zögernd.

„Er ist nicht hier.“ Xavier blickte sich um. „Bist du allein?“

Selbstverständlich war sie allein gekommen. Wer würde sie schon begleiten? „Dann werde ich auf ihn warten. Es handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit.“

Er wies in Richtung der Treppe. „Komm, lass uns nach oben in Rhys’ Wohnzimmer gehen.“

Als sie die Treppe hochstiegen, warf Phillipa einen Blick in ein sehr großes Zimmer, das sie zunächst für das Gesellschaftszimmer hielt. Dort standen zahlreiche Tische und Stühle.

„Was ist denn das?“, fragte sie erstaunt.

„Ich werde es dir erklären“, antwortete Xavier beschwichtigend.

Er führte sie ein Stockwerk höher in ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer und bat sie, auf dem dunkelroten Sofa Platz zu nehmen. „Bitte setz dich. Ich lasse uns Tee bringen.“

Bevor sie Einspruch erheben konnte, hatte er das Zimmer wieder verlassen. Ihr Herz pochte wie wild, und ihre Hände zitterten, als sie die Handschuhe auszog.

Das war einfach lächerlich! Sie sah überhaupt nicht ein, weshalb sie sich seinetwegen unbehaglich fühlte. Er bedeutete ihr nichts. Es war so lange her, dass sie Freunde gewesen waren. Herausfordernd lüftete sie den Schleier. Sollte er doch ruhig ihr Gesicht sehen.

Er kehrte zurück. „Gleich wird uns Tee gebracht.“ Er setzte sich neben sie in den Sessel und beugte sich vor. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wann Rhys zurückkommt.“

„Jetzt erzähl mir bitte nicht, dass er ebenfalls verschwunden ist!“ Was ging hier vor?

Besänftigend strich er ihr über den rechten Handrücken. „Er ist nicht verschwunden. Das kann ich dir versprechen.“

Sie zog die Hand weg. „Wo ist er denn?“

Er lehnte sich zurück. „Die meiste Zeit verbringt er mit Lady Gale.“

„Lady Gale?“ Was hatte Lady Gale mit all dem zu tun?

Lady Gale war die Stiefmutter von Adele Gale, der einfältigen jungen Person, mit der ihr Bruder Ned verlobt war. Sowohl Adele als auch Lady Gale waren beim Ball ihrer Mutter zu Gast gewesen, sodass Rhysdale vermutlich dort ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Doch bestand darüber hinaus eine Verbindung?

Xavier runzelte die Stirn. „Du weißt also nichts von Rhys und Lady Gale?“

Phillipa winkte entmutigt ab. „Ich weiß von gar nichts! Deshalb bin ich ja hier. Meine Brüder und mein Vater sind wie vom Erdboden verschluckt, und meine Mutter will mir dafür keine Erklärung abgeben. Ich kam, um Rhysdale danach zu fragen, aber offensichtlich hat man mir noch mehr Familiengeheimnisse vorenthalten.“

Es klopfte an der Tür, und ein Diener trat mit einem Tablett ein. Als er es auf dem Beistelltisch abstellte, warf er Phillipa einen neugierigen Blick zu.

Zweifellos wegen der Narbe, dachte sie.

Xavier nickte dem Mann zu. „Ich danke Ihnen, MacEvoy.“

Der Bedienstete verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Xavier ergriff die Teekanne. „Wie möchtest du deinen Tee, Phillipa? Noch immer mit viel Zucker?“

Er erinnerte sich tatsächlich daran! Als kleines Mädchen war sie eine echte Naschkatze gewesen. Doch das war sehr lange her.

Sie stand auf. „Ich bin nicht gekommen, um Tee zu trinken. Ich bin auf der Suche nach Antworten, Xavier. Ich verstehe nicht, weshalb mir alles verheimlicht wird. Mache ich den Eindruck, als ob ich nicht mit Problemen umgehen könnte?“ Sie rieb sich die Narbe. „Ich bin es wahrhaftig gewohnt, mit Widrigkeiten zurechtzukommen. Doch meine engsten Verwandten scheinen anderer Ansicht zu sein.“ Sie blickte ihn direkt an. „Offenkundig ist in meiner Familie etwas Wichtiges passiert, und ich werde über alles im Unklaren gelassen. Das ist einfach nicht auszuhalten!“ Einen Moment lang presste sie die Finger gegen die Schläfen und versuchte, sich zu sammeln. Sie deutete auf die Tür. „Was ist das für ein Saal im ersten Stock? Warum hat mein Halbbruder ein riesiges Zimmer mit zahlreichen Tischen, dort, wo sich normalerweise das Gesellschaftszimmer und das Speisezimmer befinden?“

Xavier musterte Phillipa und überlegte, wie viel er ihr erzählen durfte. Er spürte, wie aufgebracht sie war, und wie in Kindertagen ertrug er es nicht, wenn sie unglücklich war. Es erinnerte ihn an jenen Sommer in Brighton, als das hübsche kleine Mädchen mit einer großen Wunde im Gesicht aus der Bewusstlosigkeit erwachte.

Er bewunderte Phillipa dafür, dass sie die Narbe nicht verdeckte und dass es ihr offenbar gleichgültig war, wie sie in den Augen anderer erscheinen mochte. Und er verstand ihren Kummer. Es hätte ihn ebenso verstört, von Familienangelegenheiten solcher Tragweite ausgeschlossen zu werden.

Hatte man ihr noch nicht einmal von Rhys’ Vereinbarung mit ihren Brüdern erzählt?

„Du weißt aber schon, was das hier für ein Ort ist?“ Er machte eine ausladende Geste mit der rechten Hand.

Ihre Augen blitzten auf. „Verstehst du denn nicht? Ich weiß überhaupt nichts.“

„Hier treffen sich Londons Spieler. Hast du nie vom Masquerade Club gehört?“

„Nein!“ Sie klang wütend.

Er versuchte, es ihr zu erklären. „Rhys ist der Eigentümer des Clubs. Die Gäste können das Haus mit Maske betreten, wenn sie ihre Identität verbergen möchten. Auf diese Weise können Damen ebenso wie Gentlemen an den Spieltischen Platz nehmen, ohne dass ihr Ruf in Gefahr gerät.“

Ungläubig blickte sie sich um. „Dieses Haus ist eine Spielhölle?“

„Nicht auf dieser Etage. Hier befinden sich Rhys’ private Zimmer, auch wenn er in letzter Zeit nicht oft zugegen ist.“

„Weil er mit Lady Gale unterwegs ist?“

Er nickte. Wenigstens diese Geschichte konnte er ihr erzählen. „Trink einen Tee mit mir. Ich werde es dir erläutern.“

Als er nach der Teekanne griff, hielt Phillipa ihn mit einer leichten Berührung davon ab. „Ich schenke uns ein.“ Fragend hob sie eine Braue.

„Ein wenig Milch und etwas Zucker“, sagte er.

Als sie die Tassen mit dampfendem Tee vor sich stehen hatten, ergriff er erneut das Wort. „Zu Beginn der Saison kam Lady Gale maskiert in den Masquerade Club.“

Phillipa, die gerade einen Schluck Tee trinken wollte, hielt inne und starrte Xavier überrascht an. „Sie ist eine Spielerin? Das hätte ich nicht gedacht.“

Er zuckte mit den Schultern. „Nur weil sie dringend Geld brauchte. Sie kam häufig, und Rhys machte ihre Bekanntschaft. Als er von ihrer finanziellen Notlage erfuhr, begann er, sie dafür zu bezahlen, dass sie hier spielte.“

„Bezahlen?“ Sie setzte die Tasse ab.

Er lächelte. „Er schwärmte für sie. Allerdings kannte er ihren Namen nicht, und sie wusste nichts von seiner Verbindung zu deiner Familie.“

Gespannt sah sie ihn an. „Und?“

„Sie wurde seine Geliebte.“ Er holte tief Luft. „Und sie erwartet ein Kind von ihm. Sie werden heiraten, sobald sie die Ehelizenz haben und andere Dinge geregelt sind.“

„Andere Dinge.“ Sie runzelte die Stirn. „Du meinst Neds Brautwerbung um Lady Gales Stieftochter, oder?“

Er nickte. „Und noch mehr.“

Sie hatte kaum mit der Wimper gezuckt, als sie von Rhys’ Spielclub und seiner Affäre mit Lady Gale erfahren hatte. Gewiss war sie nicht so zartbesaitet, dass sie nicht die ganze Wahrheit verkraften konnte.

„Was noch? Ich bin darauf angewiesen, dass du mir alles erzählst, Xavier.“

Wie konnte er ihr eine Bitte ausschlagen?

Das hatte er noch nie gekonnt. Nie, seit der Verletzung … Er war damals zwölf Jahre alt gewesen und sie ungefähr sieben. Er hatte diesen Sommer nie vergessen.

Wenn er den Sturz doch nur hätte verhindern können!

Er hatte sich für sie verantwortlich gefühlt und nichts sehnlicher gewollt, als sie aufzuheitern.

Eigentlich war es nicht seine Aufgabe, sie über die Vorgänge in ihrer Familie aufzuklären, aber …

Er blickte ihr in die Augen. „Im April kamen Ned und Hugh zu Rhys, um ihn zu bitten, einen SpielClub für sie zu eröffnen. Sie hatten das nötige Startkapital zusammengekratzt, aber sie brauchten Rhys, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen.“

„Sie haben Rhysdale gebeten, eine Spielhölle für sie zu betreiben?“ Das erschien ihr geradezu abwegig.

Er trank einen Schluck Tee. „Sie waren verzweifelt. Die finanzielle Situation deiner Familie war katastrophal. Hast du davon nichts gewusst?“

Sie schüttelte den Kopf.

Nun konnte er ihr auch gleich alles erzählen. „Die Spielerei und die Ausschweifungen deines Vaters haben eure Familie an den Rand des Ruins gebracht. Du, deine Mutter und alle, die von den Ländereien der Westleighs abhängig sind, wären in eine fürchterliche Lage geraten, wenn deine Brüder nichts unternommen hätten.“

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an. „Davon hatte ich keine Ahnung.“

„Daher kamen Ned und Hugh auf die Idee mit dem Club. Rhys willigte ein, obwohl dein Vater ihm nie einen Grund gegeben hatte, gegenüber den Westleighs Loyalität zu zeigen. Doch neben der Bedingung, dass die Hälfte der Einnahmen ihm gehören, wollte Rhys, dass dein Vater ihn offiziell als leiblichen Sohn anerkennt.“

„Deshalb also hat meine Mutter den Ball veranstaltet.“ Sie besaß eine rasche Auffassungsgabe.

„In der Tat. Der Ball war sozusagen ein Teil von Rhys’ Bezahlung. Der Plan mit dem Club ging vollkommen auf. Gerade die Idee mit der Maskerade hat dieses Haus erfolgreicher gemacht, als man es sich jemals hätte vorstellen können. Deine Familie ist gerettet.“

Sie wirkte skeptisch. „Wenn alles so gut geklappt hat, wo sind dann mein Vater und meine Brüder?“

„Sie sind auf dem Kontinent. In Brüssel.“ Durfte er sie in diesen Teil der Wahrheit einweihen? Erneut musterte er sie. „Phillipa, stehst du deinem Vater sehr nahe?“

Sie lachte. „Das kann ich nicht behaupten.“ Traurig blickte sie zur Seite. „Wenn er mir zufällig über den Weg läuft, sieht er durch mich hindurch oder schaut einfach weg.“

Ihre Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz.

„Bedauerlicherweise hat dein Vater versucht, Rhys in Schwierigkeiten zu bringen. Es widerstrebte ihm zutiefst, dass die Familie von der Rettung des unehelichen Sohnes abhing.“ Sie musste nicht jedes Detail erfahren. „Kurz und gut, dein Vater forderte Rhys zum Duell heraus …“

„Ein Duell!“ Entsetzt starrte sie ihn an.

„Es hat nicht stattgefunden“, beruhigte er sie. „Deine Brüder haben Rhys beigestanden, und gemeinsam haben sie euren Vater gezwungen, die Verfügung über euer Geld und den Familienbesitz Ned zu übertragen. Sie boten ihm großzügige finanzielle Bezüge an, aber nur unter der Bedingung, dass er auf den Kontinent zieht. Ned und Hugh sind mit ihm dorthin gereist, um sicherzustellen, dass er sein Wort hält. Er wird nicht zurückkommen.“

„Er ist für immer gegangen?“ Sie erbleichte, wodurch die rote Narbe besonders deutlich zum Vorschein kam. „Ich hatte von all dem keine Ahnung.“

Er befürchtete, dass sie in Ohnmacht fallen würde, und stand auf, um sich neben sie auf das Sofa zu setzen und einen Arm um sie zu legen. „Ich weiß, dass es schwer für dich sein muss.“

Er erinnerte sich daran, wie er sie gehalten hatte, als sie ein kleines Mädchen gewesen war und geweint hatte, weil sie sich hässlich fand. Er hatte sie nie hässlich gefunden. Und jetzt erst recht nicht, obwohl der Anblick ihres halb vollkommenen und halb entstellten Gesichts ihn immer noch schmerzte.

Sie fasste sich wieder und löste sich aus seiner Umarmung. „Wie konnte mir das alles entgehen? Weshalb hatte ich nicht die leiseste Ahnung?“

„Das ist nicht deine Schuld, Phillipa. Ich bin mir sicher, dass sie dich nur schonen wollten“, sagte er.

„Ich brauche keine Schonung!“, erwiderte sie erbost. „Ich brauche kein Mitleid.“

Er bewunderte ihre Stärke.

„Ich muss aufbrechen.“ Sie nahm ihre Handschuhe und erhob sich.

Er stand ebenfalls auf. „Ich werde dich nach Hause begleiten.“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich bin durchaus in der Lage, den kurzen Weg allein zurückzugehen.“

Er wusste nicht, was er entgegnen sollte. „Ich wollte nur …“

Sie seufzte und sah ihn entschuldigend an. „Verzeih mir, Xavier. Es ist ungerecht, dass ich meinen Ärger an dir auslasse, nur weil du mir den Gefallen erwiesen hast, mich über meine Familie aufzuklären.“ Sie streifte sich die Handschuhe über. „Aber es besteht wirklich keine Notwendigkeit, mich nach Hause zu begleiten. Ich bin kein Backfisch mehr, der einen Aufpasser braucht.“

„Ganz wie du möchtest.“ Er öffnete ihr die Tür und ging mit ihr die Treppe hinunter.

Im ersten Stock blieb sie stehen und zeigte auf die halb geöffnete Tür. „Dort ist also der Spielsaal?“

„Ja“, bestätigte er und machte die Tür ganz auf. „Dort sind die Kartentische und hier die für Faro, Hazard und Rouge et noir.“

Schweigend betrachtete sie die Einrichtung des lasterhaften Raumes.

„Und warum bist du hier, in einer solchen Spielhölle, Xavier?“, fragte sie, während sie ihren Weg die Treppe hinunter fortsetzten.

Er zuckte mit den Achseln. „Ich helfe Rhys. Er ist mein Freund.“

„Bist du der Spielsucht verfallen?“, fragte sie weiter.

Wie ihr Vater? „Nein, es ist keine Sucht“, antwortete er, obgleich es ihm einmal wichtig gewesen war, sich am Kartentisch zu beweisen. „In letzter Zeit spiele ich selten und beobachte meistens nur.“

Sie erreichten das Vestibül. Als Xavier ihr die Tür aufhielt, zog sie den Schleier vom Hut, um ihr Gesicht zu bedecken.

Der Anblick stimmte ihn traurig.

Er wiederholte sein Angebot, sie zu begleiten.

Sie hob eine Hand. „Ich bevorzuge es im Augenblick, allein zu sein. Bitte respektiere das.“

Er nickte.

„Ich wünsche dir noch einen guten Tag“, verabschiedete sie sich höflich und machte sich auf den Weg.

Xavier begab sich ins Haus zurück und ergriff seinen Hut. Er wartete ab, bis sie die nächste Kreuzung erreicht hatte. Ohne sie aus den Augen zu lassen, folgte er ihr, um sicherzugehen, dass sie wohlbehalten nach Hause gelangte.

2. KAPITEL

Phillipa kehrte raschen Schritts zum Stadthaus ihrer Familie zurück. Sie war noch immer ganz fassungslos. Rhysdales Spielhölle, das liederliche Verhalten ihres Vaters, Xavier …

Sie hatte nicht damit gerechnet, ihm zu begegnen, und schämte sich noch immer schrecklich, dass ausgerechnet er sie über die Probleme ihrer Familie aufgeklärt hatte.

Was für eine Schande! Was musste Xavier von den Westleighs denken? Weshalb hatte sie nichts von alldem wahrgenommen? Sie hätte merken müssen, dass etwas im Argen lag.

Und Xavier wiederzusehen, hatte sie völlig durcheinandergebracht.

Doch der Freund aus Kindertagen trug an der Situation wahrhaftig keine Schuld.

Sie hatte es allein sich selbst zuzuschreiben. Bewusst hatte sie sich von allem ferngehalten und sich nur auf ihre Musik konzentriert, um bloß nicht daran zu denken, dass sie in London war – um nicht an jene erste Saison und jenen ersten Tanz mit Xavier zu denken und erst recht nicht daran, dass sie beim Ball ihrer Mutter erneut mit ihm getanzt hatte.

Ihrer Familie hatte sie überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt. Nur widerwillig hatte sie sich von den Tasten des Pianofortes gelöst, wenn ihre Mutter darauf bestand, dass sie bei vormittäglichen Besuchen wie denen von Lady Gale und ihrer Stieftochter zugegen war. Es war beinahe überraschend, dass ihr Neds Absicht, die naive Adele Gale zu heiraten, nicht auch noch entgangen war. Das Mädchen erinnerte Phillipa an eine ihrer Schulkameradinnen während jener ersten Saison, in der sie noch blauäugig gewesen waren. Und voller Hoffnung …

Da ihr Vater sich nie für sie interessiert hatte, war Phillipa ihm mit ähnlicher Gleichgültigkeit begegnet. Schon lange scherte sie sich nicht mehr um seine gefühllosen Kommentare. Doch wie konnte er so selbstsüchtig sein, das Familienvermögen am Spieltisch zu verprassen? Sie würde ihm keine Träne nachweinen! Es war eine Erleichterung, seine unangenehme Art nicht länger ertragen zu müssen.

Phillipa betrat das Haus und stieg die Stufen bis zum Musikzimmer hoch. Sie zog Hut und Handschuhe aus und setzte sich an das Pianoforte. Sie ließ die Finger über die Elfenbeintasten gleiten und suchte nach einem Ausdruck für das Gefühlschaos, das in ihr toste. Der Missklang, den sie hervorrief, steigerte ihr Unbehagen. Sie stellte sich an eines der Fenster und starrte auf den kleinen Garten hinter dem Haus.

Schließlich wandte sie sich vom Fenster ab und ging eilig aus dem Zimmer. Dabei erschrak sie ein junges Dienstmädchen, das gerade über den Gang lief. Wie lautete der Name des Mädchens? Wann hatte Phillipa begonnen, gegenüber den Menschen in ihrer nächsten Umgebung blind und taub zu sein?

„Verzeihen Sie, Lady Phillipa.“ Das Mädchen bemühte sich, einen Knicks zu machen, obgleich sie einen schweren Stapel mit Bettlaken trug.

„Sie müssen sich nicht entschuldigen“, antwortete Phillipa. „Es war nicht meine Absicht, Sie zu erschrecken.“ Sie wollte weitergehen, drehte sich jedoch noch einmal um. „Verzeihen Sie, aber ich weiß Ihren Namen nicht.“

Nun wirkte das Mädchen noch verschreckter als zuvor. „Ich bin Ivey, Lady Phillipa. Sally Ivey.“

„Ivey“, wiederholte Phillipa. „Ich werde es mir merken.“

Das Mädchen knickste erneut und huschte davon.

Autor

Diane Gaston
Schon immer war Diane Gaston eine große Romantikerin. Als kleines Mädchen lernte sie die Texte der beliebtesten Lovesongs auswendig. Ihr Puppen ließ sie tragische Liebesaffären mit populären TV- und Filmstars spielen. Damals war es für sie keine Frage, dass sich alle Menschen vor dem Schlafengehen Geschichten ausdachten.

In ihrer Kindheit...
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