Die Stimme meines Herzens

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Nein! sagt Alyses Verstand laut und deutlich, als Dario ihr einen Heiratsantrag macht, Flitterwochen in der Toskana inklusive. Denn sie weiß genau, dass der sexy Italiener keine Sekunde an Liebe denkt. Er will sich nur durch eine Vernunftehe mit ihr an seinem verhassten Halbbruder rächen, der in Alyse verliebt ist. Was für ein ungeheuerlicher, eiskalter Racheplan! Zu was ist dieser Mann noch fähig? Aber zum einen verspricht Dario ihr viel Geld für ihre verschuldete Familie. Und dann ist da die Stimme ihres Herzens, die beharrlich flüstert: Sag Ja …
  • Erscheinungstag 12.04.2016
  • Bandnummer 2227
  • ISBN / Artikelnummer 9783733706661
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Alyse stand kurz davor, ihren Plan aufzugeben, die ganze Sache als verrückte, ja gefährliche Idee zu verwerfen und den Wohltätigkeitsball zu verlassen. Da entdeckte sie ihn.

Ihr stockte der Atem. Nervös strich sie eine Strähne ihrer goldblonden Haare aus dem Gesicht, um ihn besser sehen zu können. Er war …

„Perfekt …“

Das Wort kam ihr ungewollt über die Lippen.

Er sah so anders aus, fast wie von einem anderen Stern. Und das nahm sie derart gefangen, dass sie den Blick nicht von ihm abwenden konnte und mitten in der Bewegung innehielt, obwohl sie gerade von ihrem Champagner trinken wollte.

Er war überwältigend, anders konnte man es nicht beschreiben. Groß, schlank, durchtrainiert, eine beeindruckende Gestalt, die Macht ausstrahlte und in gewisser Weise auch Gefahr, trotz des eleganten Seidenanzugs mit dem blütenweißen Hemd. Die Krawatte, die er wohl irgendwann ungeduldig gelockert hatte, hing lose um seinen Hals, und der oberste Knopf an seinem Hemd stand offen, als brauche der Fremde dringend mehr Luft zum Atmen. Die schwarzen Haare waren länger als die der anderen Männer hier und wirkten wie die Mähne eines mächtigen Löwen. Er hatte hohe Wangenknochen, leuchtende Augen, halb verdeckt von langen dunklen Wimpern. Ein leichtes Lächeln spielte um seinen sinnlichen Mund, das jedoch keine Wärme zeigte, sondern eher kühlen Spott.

Und genau das machte ihn für sie perfekt. Denn seine Miene verriet ihr, dass er sich, ebenso wie sie, hier fehl am Platz fühlte. Wobei sie bezweifelte, dass man ihn gedrängt hatte, den Ball zu besuchen. Ihr Vater hingegen hatte darauf bestanden, dass sie an dieser Veranstaltung teilnahm, obwohl sie lieber zu Hause geblieben wäre.

„Du musst mal raus, nachdem du die meiste Zeit in dieser kleinen Kunstgalerie verbracht hast“, hatte er gesagt.

„Ich bin gerne dort“, hatte Alyse ihm entgegengehalten. Es war vielleicht nicht gerade der Job, den sie sich im Bereich der bildenden Kunst erhofft hatte, doch sie verdiente ihr eigenes Geld und konnte so zumindest gelegentlich der düsteren Atmosphäre in ihrem Elternhaus ausweichen, wenn die Krankheit ihrer Mutter wieder einmal alles überschattete.

„Aber du wirst nie jemanden treffen, wenn du nicht öfter ausgehst.“

Mit „jemand“ war Marcus Kavanaugh gemeint, wie Alyse wusste. Der Mann, der ihr zurzeit mit seiner ungewollten Aufmerksamkeit das Leben zur Hölle machte. Ständig besuchte er sie und wollte sie unbedingt dazu überreden, ihn zu heiraten. Seit Kurzem tauchte er sogar in der kleinen Galerie auf, sodass sie überhaupt keine Ruhe mehr vor ihm hatte. Und irgendwann hatte Alyses Vater ebenfalls beschlossen, dass diese Verbindung ein Segen wäre.

„Auch wenn er der Sohn deines Chefs und dessen Erbe ist, er ist trotzdem nicht mein Typ“, hatte sie protestiert, obwohl ihr Vater das nicht hören wollte. Er drängte sie zwar nicht, Marcus’ Antrag anzunehmen, aber er glaubte offenbar, dass sie keinen Besseren finden würde.

Schließlich fühlte sie sich so in die Enge getrieben, dass sie entschieden hatte, doch zu dem Ball zu gehen und ihn als Gelegenheit zu nutzen, der Zwickmühle zu entrinnen, in der sie sich befand. Und dann war plötzlich dieser Fremde aufgetaucht.

Mit seinem maßgeschneiderten Anzug passte er perfekt in diese Gesellschaft, und seine Miene zeigte, dass es ihm völlig egal war, was andere von ihm dachten. Ein weiterer Vorteil für den notwendigen Partner, den sie für ihren Plan brauchte.

Es schien fast so, als hätte der Mann ihre verwegene Idee gespürt, denn plötzlich wirkte er alarmiert. Er hob abrupt den Kopf, und sein Blick traf ihren.

In diesem Moment geriet ihre Welt ins Wanken, und Alyse stützte sich an der Wand ab.

Gefahr.

Das Wort schwirrte ihr durch den Kopf, und sie spürte Panik und gleichzeitig eine seltsame Erregung. Sie hatte vor, Marcus’ Aufdringlichkeit ein Ende zu setzen, und es wäre schön, wenn sie dabei auch ein bisschen Spaß haben könnte. Wenn Spaß überhaupt die richtige Beschreibung für das Prickeln in ihrem Körper war, das dieser Fremde in ihr auslöste.

Erst jetzt merkte sie, dass eben ein paar Tropfen Champagner auf ihrem tiefblauen Seidenkleid gelandet waren und dunkle Flecken hinterlassen hatten.

„Oh nein!“

Bei dem Versuch, das Taschentuch aus ihrer kleinen Handtasche zu nehmen und mit der anderen Hand gleichzeitig ihr Champagnerglas gerade zu halten, verschüttete sie noch mehr von der Flüssigkeit, die in ihren Ausschnitt lief.

„Erlauben Sie?“

Eine angenehme Stimme, ruhig und seidenweich. Alyse hatte kaum Zeit, den tiefen, männlichen Klang in sich aufzunehmen, von einem wunderschönen Akzent untermalt, denn schon streckte der Fremde seine langen, starken, gebräunten Hände nach ihrem Glas und ihrer Tasche aus, um beides auf einem Tischchen in der Nähe abzustellen. Dann zückte der Mann ein blütenweißes Taschentuch und tupfte damit den champagnerfeuchten Stoff an ihrer Taille ab.

„Da…danke.“

Sie versuchte, ihre zittrigen Knie zu ignorieren, schwankte jedoch auf den ungewohnten High Heels ein weiteres Mal gefährlich.

„Sachte!“

Plötzlich war er ihr ganz nah. Er hatte aufgehört, über ihr Kleid zu reiben, und seine Hand um ihre geschlossen, um Alyse Halt zu geben.

„Danke.“

Erleichtert nahm sie wahr, dass ihre Stimme nun fester klang, und sie spürte, dass sie endlich wieder ohne fremden Halt stehen konnte. Sie hob den Kopf und sah dem Mann in die Augen …

Und verlor beinahe wieder das Gleichgewicht, denn aus der Nähe konnte sie erkennen, dass er die blauesten Augen hatte, die sie je gesehen hatte. Tief, klar und leuchtend wie das Mittelmeer im hellen Sonnenschein.

Der Mann, der sich eben noch auf der anderen Seite des Raumes befunden hatte, stand nun vor ihr, groß, dunkel und verwirrend. Die Hitze seines Körpers schien sie zu umfangen, und sein Duft war wie ein sinnliches Gift, das sie benommen machte.

„Sie.“

Alyse entwand ihm die Hand und legte sie auf seinen starken Arm. Durch den dünnen Seidenstoff spürte sie seine harten Muskeln. Hitze stieg in ihr auf und drohte, sie dahinschmelzen zu lassen.

„Ich …“, bestätigte er mit schiefem Lächeln und tupfte wieder ihr Kleid ab.

„Es ist besser, wenn es schnell trocknet“, murmelte er, „sonst ist Ihr Kleid völlig ruiniert.“

„Ich … ja.“

Was hätte sie sonst sagen sollen? Ihr schien, als würden sie in ihrer ganz eigenen Welt leben, abgeschottet von all den anderen Menschen um sie herum.

Den stolzen Kopf gebeugt, strich sein lockiges Haar über ihre Wange, während er konzentriert den Stoff trockenrieb. Er war ihr so nahe, dass er hören musste, wie ihr Herz schlug, sehen musste, dass ihr Atem schneller ging und ihr die Röte in die Wangen schoss. Er tupfte nun über ihren Ausschnitt, wo blaue Seide auf cremeweiße Haut traf, und strich über die Champagnertropfen auf ihrem Brustansatz.

Eine weiche, fast zarte Berührung, die sich jedoch auch viel zu intim anfühlte für diese Umgebung. Und von ihm.

„Ich glaube, das reicht …“

Sie wollte seine Hände wegschieben, weil seine Berührung sie viel zu sehr erschütterte. Und gleichzeitig wollte sie mehr. Mehr von dieser Berührung, näher, auf ihrer Haut.

Deshalb verkniff sie sich eine weitere Bemerkung, aus Angst, sie könnte etwas sagen, das ihr Verlangen verraten würde.

„Alles in Ordnung, danke.“

„Ja, ich glaube auch.“

Er war ihr immer noch zu nahe, aber zumindest ließ er die Hand sinken und warf das zusammengeknüllte Taschentuch auf den Tisch.

„Vielleicht könnten wir dann noch mal von vorne anfangen.“

Die wunderschön akzentuierte Stimme verriet ein Lächeln, das sich auch auf seinen Lippen zeigte. Sein Blick wirkte jedoch kühl, während er sie musterte, als würde er ein Objekt unter dem Mikroskop betrachten.

Als er sich aufrichtete, merkte sie erst, wie groß er war, und sie selbst in ihren High Heels um einiges überragte.

„Ich heiße Dario Olivero.“ Er streckte die Hand zu einer formellen Begrüßung aus, die lächerlich wirkte nach dem intimen Moment, den sie eben miteinander erlebt hatten. Seine Stimme klang nun seltsam rau, als hätte er eine trockene Kehle.

„Alyse Gregory …“

Sie fuhr sich mit der Zunge über die plötzlich trockenen Lippen und merkte, dass er die verräterische Geste mit seinem Blick verfolgte. Alyse war sich fast sicher, den Anflug eines Lächelns zu sehen. Er wirkt wie ein Tiger, der genüsslich seine Beute beobachtet.

Doch sie vergaß den Gedanken sofort, als er ihre Hand in seine nahm – stark, warm und schockierend aufregend. Ihr schien, als hätte noch nie jemand ihre Hand auf diese Weise gehalten. Zumindest hatte sie vorher noch nie dieses Prickeln gespürt, die Hitze, die sie in Wellen erfasste und sich in ihrem Bauch sammelte.

Gefühle, die sie bisher nicht kannte, und das bei einem Mann, der ihr völlig fremd war.

Zumindest kannte sie jetzt seinen Namen. Und natürlich hatte sie schon von Dario Olivero gehört. Wer hatte das nicht? Die exzellenten preisgekrönten Weine aus seinen Weinbergen waren weltweit bekannt.

„Alyse …“ Ihr Name klang aus seinem Mund fast wie eine Liebkosung. Für einen Moment wurde sein Blick schärfer, ehe Dario sich entspannte und ihr ein umwerfendes Lächeln schenkte.

Alyse Gregory. Der Name hallte in Darios Kopf wider. Das war also Lady Alyse Gregory. Man hatte ihm gesagt, dass sie auf dem Ball sein würde. Nur deshalb hatte er diesen langweiligen Abend so lange ertragen, obwohl es ihn auch amüsiert hatte, die anderen Gäste mit ihrem falschen Lächeln zu beobachten.

Früher wäre es ihm nicht einmal gestattet worden, die Schwelle zu diesem Raum zu übertreten, ganz zu schweigen davon, sich unter die betuchten Menschen mit all ihren Adelstiteln zu gesellen. Hätte er es versucht, hätte man ihm zweifellos die Tür gewiesen. Und zwar die Hintertür. Eine Tür, mit der er genügend Erfahrung hatte, als er für die Auslieferung des Weinguts der Corettis zuständig gewesen war. Dort hatte er seinen ersten Job bekommen, der Beginn seiner erfolgreichen Laufbahn.

Vielleicht hätte man ihm als Henry Kavanaughs Bastard eines Tages Zutritt gewährt, hätte sein Vater ihn anerkannt. Allein der Gedanke an den alten Mann hinterließ einen bitteren Geschmack in Darios Mund. Aber jetzt war er hier und als er selbst akzeptiert und willkommen. Als Dario Olivero, Eigentümer der größten und erfolgreichsten Weingüter der Toskana. Er lieferte den Reichen und Mächtigen die edlen Tropfen, die auch an einem Abend wie diesem serviert wurden.

Ein Mann, der aus eigener Kraft ein Vermögen gemacht hatte. Und Geld regierte nun einmal die Welt.

Deshalb war er jedoch nicht gekommen, sondern weil er eine Frau treffen wollte – diese Frau.

„Hallo, Alyse Gregory.“ Er hatte Mühe, sich seine Befriedigung und Überraschung nicht anmerken zu lassen.

Dario hatte erwartet, dass sie schön sein würde. Denn Marcus würde sich bei einem so großen gesellschaftlichen Ereignis sicher nur mit einer Frau zeigen, die das Format eines Supermodels hatte. Selbst wenn sie den Adelstitel trug, den die beiden Kavanaughs – Vater und sein legitimer Sohn – für so bedeutend hielten.

Aber diese Alyse Gregory unterschied sich von den Frauen, mit denen Marcus sich sonst abgab. Sicher, sie war groß, blond, schön. Aber etwas war anders an ihr, unerwartet anders.

Sie wirkte lange nicht so gekünstelt wie die angemalten Bohnenstangen, mit denen Marcus sich so gerne fotografieren ließ. Und sie hatte echte Kurven und keine Silikonbrüste. Darios Puls war gerast, und seine Hose war ihm unangenehm eng geworden, als er Alyse den Champagner aus dem Ausschnitt getupft hatte. Ihr Duft, vermischt mit einem blumigen Parfüm, hatte ihn wie eine Wolke umgeben und ihn schwindlig gemacht. Als dann ein glitzernder Tropfen zwischen ihren Brüsten verschwand, war sein Mund plötzlich so trocken, dass er kaum seinen Namen herausgebracht hatte.

Und nun war er kurz davor, sich komplett zum Narren zu machen, weil er ihre zarte Hand so lange in seiner hielt. Er spürte, wie sie die Finger verspannte, als wollte sie sich von ihm losmachen.

„Verzeihung …“

„Hallo, Dario …“

Plötzlich mussten sie beide lachen, weil die Anspannung verflogen war. Überrascht stellte er fest, dass sie ihre Hand immer noch hochhielt, nachdem er sie endlich losgelassen hatte, als wollte sie den Kontakt doch noch nicht völlig abbrechen. Doch dann senkte sie den Arm und sah sich nach ihrer Tasche um, die Dario auf den Tisch gelegt hatte.

„Danke, dass Sie mir geholfen haben.“

„Ich war schon vorher auf dem Weg zu Ihnen“, platzte er mit der Wahrheit heraus.

„Ach ja?“ Sie legte ein wenig den Kopf zurück und sah ihn aus grünen Augen an, die Brauen leicht hochgezogen.

„Aber sicher …“

Das Lächeln, das er ihr zuwarf, wirkte nun viel natürlicher.

„Und Sie wussten es.“

„Meinen Sie?“

Sie wollte die Anziehungskraft leugnen, das verriet ihm die Schärfe in ihrer Stimme. Genauso wie das trotzig gehobene Kinn und der entschiedene Zug um ihre vollen, sinnlichen Lippen. Die Anziehungskraft, die ihn dazu bewegt hatte, zu ihr zu gehen, ehe er noch wusste, wie ihm geschah – was ihm überhaupt nicht ähnlich sah. Er war kein Mann, der aus einem Impuls heraus handelte. Alles war durchdacht, bis ins letzte Detail geplant. Dafür war er bekannt. Sein Ruf und sein Vermögen gründeten darauf.

Und trotzdem stand er jetzt vor dieser Frau, die er über den Saal hinweg erblickt hatte, weil Dario einfach gar keine andere Wahl blieb.

Er konnte sich nicht einmal damit herausreden, dass sie die Frau war, wegen der er den Ball besuchte. Denn als er zu ihr gegangen war, hatte er keine Ahnung gehabt, dass es sich um Alyse Gregory handelte.

Ihr war es genauso gegangen, das meinte er an ihrem Gesichtsausdruck bemerkt zu haben und daran, wie sie nervös den Champagner verschüttet hatte. Er war sich so sicher gewesen …

„Ich wusste es also?“, forderte sie ihn ein weiteres Mal heraus.

Sie wandte den Blick von ihm ab und sah zu dem großen Eingangsportal. Obwohl es schon spät am Abend war und der Ballsaal überfüllt, trafen immer noch neue Gäste ein. Bestimmt suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit.

Doch dann wandte sie sich ihm erneut zu und hob den Kopf.

„Es stimmt“, erklärte sie mit fester Stimme. „Und wenn Sie es nicht getan hätten, wäre ich zu Ihnen gekommen.“

Ihre Kehrtwendung überraschte ihn so sehr, dass er fast glaubte, eine andere Frau vor sich zu haben.

„Und?“, fragte sie mit neckischem Funkeln in den Augen. „Warum sind Sie zu mir gekommen?“

Gute Frage. Doch es fiel Dario schwer, sie zu beantworten, weil die heftige Reaktion seines Körpers jeden klaren Gedanken zunichtemachte.

Es war sein verdammtes Glück, dass die Alyse Gregory, wegen der er gekommen war, ausgerechnet diese sinnlich verführerische Frau war, deren Blick er durch den Ballsaal aufgefangen hatte.

In diesem Moment sah er aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf der Eingangstreppe. Einen Kopf mit rotblonden Haaren. Marcus war also endlich aufgetaucht und erinnerte ihn daran, dass der ganze Sinn und Zweck des Abends nur darin bestand, dessen Vorhaben, seinem Vater eine adelige Schwiegertochter zu präsentieren, zu vereiteln. Also war es an der Zeit, sich auf Plan A zu besinnen. Wenn er Glück hatte, könnte er allerdings gleichzeitig einen neuen Plan B umsetzen.

„Ich möchte Sie um einen Tanz bitten.“

Was würde sie wohl sagen?

„Natürlich.“

Wieder eine andere Alyse – und zwar eine, die ihn sehr beunruhigte. Ihr Lächeln strahlte mit den Kronleuchtern um die Wette. Und trotzdem lag etwas Seltsames darin, das nicht ganz echt wirkte. Es war zu viel, zu übertrieben.

Aber er würde nehmen, was sie ihm bot, weil es zu seinen Plänen passte. Und zu dem, was er wollte – verdammt.

„Ich würde gerne tanzen.“

Sie hielt ihm die Hand hin, und sie gingen zur Tanzfläche. Kaum hatten sie die ersten Walzerschritte gemacht, endete die Musik.

„Nun …“

Lachend warf Alyse einen Blick auf ihre immer noch verschränkten Hände. Doch sie trat nicht zurück, um Distanz zu schaffen. Stattdessen blieb sie stehen und sah ihn aus leuchtend grünen Augen an.

„Ich möchte immer noch tanzen …“

Dario war der Tanz völlig egal. Doch wenn das hieß, dass er Alyse weiter halten, den warmen Duft ihres Körpers einatmen und beobachten konnte, wie ihre Brüste sich beim Atmen hoben und senkten, würde er sich bestimmt nicht als Erster von ihr lösen. Deshalb blieb auch er stehen und wartete.

Glücklicherweise erklang wieder ein Walzer, und Alyse machte die ersten Schritte und zog Dario mit sich. Sie schien kaum den Boden zu berühren, als sie sich mit ihm über die Tanzfläche bewegte.

Ich möchte immer noch tanzen.

Alyse begriff kaum, was sie gesagt hatte. Vielmehr wurde ihr Denken von einer Flut von Gefühlen überlagert.

Es war ihr nicht allein ums Tanzen gegangen, sondern sie verspürte ein unkontrollierbares Verlangen, diesen Mann dabei als Partner zu haben. Sie wollte seine Hand in ihrer spüren, seine Arme, die sie umschlangen. All das hatte jedoch nichts mehr mit dem zu tun, was ihr zu Anfang durch den Kopf gegangen war, als sie ihn gesehen hatte. Dass er ihr helfen sollte, sich Marcus vom Leib zu halten, der dann hoffentlich aufhören würde, sie zu bedrängen.

Jetzt ging es ihr einzig und allein um Dario Olivero. Um den Mann, der sie vom ersten Augenblick an aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

„Dario …“ Sein Name klang seltsam fremd aus ihrem Mund, wurde jedoch von der Musik verschluckt. „Dario …“, versuchte sie es noch einmal, nun lauter.

Er beugte den Kopf, sah sie an, und sie war sich ganz seiner Berührung, der Wärme seines Atems bewusst, der über ihr Haar strich. Wie in Trance drehte sie sich im Takt, gefangen von seinem Blick.

„Sie tanzen sehr gut …“, brachte sie schließlich heraus. „Mehr als gut“, fügte sie hinzu und hörte sein tiefes Lachen nah an ihrem Ohr.

„Um darüber nachzudenken, ist es ein bisschen spät“, zog er sie sanft auf. „Ich hätte ja auch zwei linke Füße haben können, sodass ich Ihnen ständig auf die Zehen getreten wäre.“

Das wäre mir egal gewesen. Sie presste die Lippen zusammen, damit ihr die Worte nicht ungewollt entschlüpften. Ihre Beine schienen ohnehin schon nicht mehr ihrem Willen zu folgen, und ihr war, als würde sie über den Boden schweben.

Obwohl Dario sie völlig durcheinanderbrachte, schaffte sie es, sich aufrecht zu halten, wie sie es in der Tanzschule gelernt hatte, auf der ihre Mutter bestanden hatte.

Dann sah sie in seine umwerfend blauen Augen, und ihr Herz machte einen Satz. Seine Pupillen waren geweitet, sodass seine Augen fast schwarz wirkten. Sein Blick war so verwegen, dass Alyse sich plötzlich sehr verletzlich fühlte. Für einen Moment vergaß sie die Zeit und wäre fast gestolpert, doch Dario hielt sie mit seinen starken Armen fest, während sie sich mit der Hand an seine breite Schulter klammerte.

Es war nicht ihre Verletzlichkeit, die ihr Herz zu schnell schlagen ließ, sodass sie um Atem ringen musste. Es war die Erkenntnis, die ihren Puls zum Rasen brachte: Dario spürt es auch.

Auch wenn sie es nicht glauben konnte, gab es kaum einen Zweifel daran. Dario Olivero, der gefährlich aussehende Mann, eben noch ein völlig Fremder für sie, war gefangen von der gleichen Hitze, die auch in ihr lichterloh brannte. Er war genauso erregt wie sie, ein erotisches Verlangen, das sie bisher noch nie erlebt hatte und das sie schwach machte.

„Dario …“

Diesmal kam sein Name nur als heiserer Laut heraus, weil Alyses Kehle wie ausgetrocknet war. Aber er hörte ihn, und ein seltsames Lächeln umspielte seinen Mund, als er sich zu ihrem Ohr beugte und seine Lippen ihre Haare berührten. „Entspann dich.“

Sanft, aber entschieden zog er sie an sich, seine starke Hand auf ihrem Rücken, und setzte ihre Haut in Flammen.

Alyse schmiegte sich an ihn, den Kopf an seiner Brust, und spürte sein Herz stark und kräftig schlagen. Sein Duft hüllte sie ein, und sie gab sich dem Gefühl der Sinnlichkeit hin, das alles andere auslöschte. Seine erregte Männlichkeit an ihrem Bauch weckte tief in ihr eine Begierde, eine schmerzliche Sehnsucht, die befriedigt werden wollte.

Aber nicht jetzt. Erst wollte sie dieses Gefühl der Nähe, dieser Verbindung zwischen ihnen, noch eine Weile in vollen Zügen genießen.

Er hatte ihr doch tatsächlich gesagt, sie solle sich entspannen. Dabei wütete in seinem Körper ein unbändiges Verlangen, das ihm seine Selbstbeherrschung zu rauben drohte. Alles in ihm war auf diese Frau konzentriert, auf die Berührung ihrer Haut, ihren Duft, ihre Hand in seiner. Er wollte mehr, war aber noch nicht bereit, den Tanz zu beenden, auch wenn jede Faser seines Körpers ihm andere Signale sendete.

Es war nicht das, was er geplant, was er erwartet hatte. Doch im Moment war er nur zu gerne bereit, sich dem, was geschah, hinzugeben. Nur noch vage erinnerte er sich daran, dass er Marcus’ Pläne hatte vereiteln wollen.

Tief atmete er ein, um sich wieder zu sammeln, als der Walzer endete und die Band eine neue Melodie anstimmte. Es war ein langsamer Song, den man eng umschlungen tanzte.

Plötzlich war Alyse ihm noch näher, ohne dass er wusste, wer den ersten Schritt gemacht hatte. Sie presste sich an ihn, sodass sie zweifellos endgültig seine Erregung spürte. Trotzdem hatte sie sich nicht von ihm gelöst, sondern sich noch enger an ihn geschmiegt. Im Stillen fluchte er, weil sein Verlangen fast schmerzhaft in ihm tobte.

„Alyse …“

Eine leise Warnung. Denn dieser elegante Ballsaal mit all den Menschen war nicht der richtige Ort für das, was zwischen ihnen geschah.

„Ach, verdammt …“

Es war unmöglich. Durfte nicht sein.

Er wusste, dass er verloren war, als er sich zu ihr beugte und mit den Lippen über ihr goldenes seidiges Haar strich. Sie murmelte etwas, drängte sich noch näher an ihn, legte den Kopf schräg und bot ihm ihre Wange und ihren Hals zu einem Kuss dar.

Ihre Haut war wie eine Droge, verführerisch, berauschend. Er konnte nicht länger warten.

„Alyse …“ Seine Stimme an ihrem Ohr klang heiser und belegt vor Leidenschaft. „Ich will … lass uns …“

„Irgendwo anders hingehen“, vollendete sie seinen Wunsch. „Irgendwohin, wo wir allein sind.“

Als sie sich aus seiner Umarmung löste und dann seine Hand nahm, wusste Dario nicht einmal, ob er ihnen den Weg von der Tanzfläche bahnte oder Alyse die Führung übernahm.

Er wusste nur, dass es so kommen musste, wusste es, seit er sie gesehen hatte. Es war ihrer beider Schicksal, und nichts würde sie aufhalten können.

2. KAPITEL

Es war seltsam still in der Eingangshalle vor dem Ballsaal. Die meisten der Gäste hatten sich schon von dem Büfett genommen, das dort aufgebaut war. Jetzt wirkte das Foyer unerwartet kühl, sodass Alyse bei dem plötzlichen Temperaturwechsel zitterte.

„Ich brauche meinen Mantel …“

Sie suchte in ihrer Handtasche nach der Garderobenmarke. Kaum hatte sie diese aus der Tasche gezogen, als Dario sie ihr abnahm.

„Warte hier.“

Ist er nur höflich, oder will er die Kontrolle übernehmen? überlegte Alyse und sah ihm nach, als er über den Marmorboden zu der Garderobiere ging. Sie wusste es nicht und wollte sich auch nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen. Kontrolle war ein Wort, das sie mit ihrem Vater verband – oder mit Marcus, der sie zu etwas zwingen wollte. Und an beide wollte sie jetzt nicht denken.

Eben erst hatte sie den überhitzten Ballsaal verlassen, und schon zitterte sie vor Kälte und schlang die Arme um sich.

Sie hatte sich nicht von Dario lösen und aus diesem Kokon ausbrechen wollen, der sie beide umgeben hatte. Doch kaum hatte dieser gut aussehende Mann sie losgelassen, spürte sie die kalte Wirklichkeit, die alle Wärme verscheuchte.

„Was mache ich hier eigentlich?“

Sie hatte laut gesprochen, während ihr Blick weiter auf Darios Kopf und die breiten Schultern gerichtet war.

Hatte sie wirklich vor, mit ihm zu verschwinden? Mit einem Mann, den sie eben erst kennengelernt hatte? Vor nicht einmal einer Stunde, wie ein Blick auf die Uhr über der Garderobe ihr verriet.

In diesem Moment wurde das Portal mit Schwung geöffnet. Jemand, der draußen geraucht hatte, kam nun wieder herein und ließ die große Tür ein Stück offen. Plötzlich hatte Alyse das Bedürfnis zu fliehen …

Sie machte einen Schritt, spürte jedoch sofort die kalte Feuchtigkeit, die mit einigen neuen Gästen in die Halle drang. Ihre Jacken waren nass, also würde sie ihren Mantel brauchen. Und der …

Befand sich in Darios Händen. Der dünne schwarze Samt sah sehr weich und zart aus in seinen langen gebräunten Fingern.

Wie erstarrt stand sie da. Er wusste, was sie vorgehabt hatte, das zeigten seine zusammengezogenen Brauen und der eindringliche Blick seiner blauen Augen.

Autor

Kate Walker
Kate Walker wurde zwar in Nottinghamshire in England geboren, aber ihre Familie zog nach Yorkshire, als sie 18 Monate alt war, und deshalb sah sie Yorkshire immer als ihre Heimat an. In ihrer Familie waren Bücher immer sehr wichtig, und so lasen sie und ihre vier Schwestern schon als Kind...
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