Diese Sehnsucht in meinem Herzen

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Wenn seine beste Freundin Josey ihn bittet, ihr bei der Suche nach einem geeigneten Mann für sie zu helfen, ist Nate natürlich zur Stelle. Denn diese tolle Frau hat es verdient, sich den Traum von einer glücklichen Familie zu erfüllen. Aber warum eigentlich nicht mit ihm?
  • Erscheinungstag 11.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753566
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Nate zuckte zusammen: Im Apartment über ihm schrie eine Frau. Der wütende Laut durchbrach die Stille, in der Nate eben noch am Küchentisch gesessen und Cornflakes gelöffelt hatte. Nun fielen ihm vor Schreck ein paar Cornflakes in den Schoß. Er schob den Vorhang zur Seite, öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Dann blinzelte er und drehte das Gesicht nach oben in die Nachmittagssonne, bis er die geöffneten Fenster der Wohnung über ihm ausmachen konnte. Der milde Novembertag hatte Nates Nachbarin wohl dazu veranlasst, die Wohnung durchzulüften. Er wartete einen Moment und lauschte. Nichts.

Schließlich zog er den Kopf wieder zurück, zupfte sich die Cornflakes von der Hose und setzte sich wieder an den Tisch. Langsam aß er weiter, lauschte aber immer noch wie gebannt.

Nun entspann dich endlich wieder, sagte er sich. Er rief sich ins Gedächtnis, dass ein großer Nachteil daran, in Boston zu wohnen, darin bestand, dass er hier seine Nachbarn sehr viel besser kennenlernte, als ihm lieb war. Und heute, wie so oft, wollte er definitiv nicht. Er hatte sich den sonntäglichen Luxus gegönnt, so lange zu schlafen, wie er nur konnte: bis in den frühen Nachmittag hinein. Dann hatte er seine Aktentasche geöffnet und etwa eine Stunde lang gearbeitet. Schließlich war ihm eingefallen, dass er ja noch gar nicht gefrühstückt hatte.

Nate setzte die Schüssel an die Lippen und trank die restliche Milch, die ihm kalt und süß die Kehle hinunterlief. Dann trug er die Schale zum Waschbecken, wusch sie sorgfältig ab und stellte sie in den Oberschrank zurück.

Da war es auf einmal wieder.

Noch so ein wortloser, ungehaltener Aufschrei, der zwischen den Häusern widerhallte und in Nates Küche drang. Reglos stand er da, und erneut bemühte er sich, das Unbehagen abzuschütteln, das ihn beschlich. Wieso ärgerte er sich nicht einfach über die Ruhestörung? So würde schließlich ein ganz normaler Stadtmensch reagieren. Wen schrie sie da eigentlich so an? Eine zweite Stimme hatte Nate bisher nicht ausmachen können.

Er ging zum Sofa und ließ sich darauf fallen. Dann wühlte er in den Kissen nach der Fernbedienung. Wenn ich jetzt noch eine halbe Stunde durch die Kanäle zappe, wirft mich das schon nicht zu weit zurück, sagte er sich. Diese Woche brauchte er einfach mal eine Auszeit. Und außerdem würde der Fernseher wahrscheinlich den Lärm seiner Nachbarin von oben übertönen.

Nate hatte den Fernseher noch gar nicht eingeschaltet, da hörte er direkt über sich ein lautes Krachen, gefolgt von einem erschrockenen Aufschrei.

Dann war es plötzlich totenstill.

Es war also doch jemand bei ihr. Und es klang ganz so, als hätte sie es für diesen Jemand nun zu weit getrieben. Als wollte er ihr nun etwas antun. Wenn das nicht schon längst geschehen war.

Nate spannte sich an, wartete, lauschte angestrengt. Da – noch ein Krachen, und es klang, als hätte jemand ein Möbelstück gegen die Wand geschleudert. Und wieder ein empörter Aufschrei.

In seinem Geiste sah Nate die Frau vor sich, der er noch nie begegnet war. Ihre Gesichtszüge konnte er nicht genau erkennen, aber in ihren Augen stand panische Angst. Er stellte sich vor, wie sie sich zusammenkrümmte, um sich vor dem nächsten Schlag zu schützen, der mit Sicherheit käme. Nun konnte er ihre Angst sogar am eigenen Leibe spüren.

So etwas hatte er selbst erlebt, vor langer Zeit.

Nate fuhr vom Sofa auf und stürzte zum geöffneten Fenster. „He!“, rief er, wusste jedoch gleichzeitig, dass das gegen jemanden wie seinen Vater nichts ausrichten würde. Trotzdem hoffte er, dass dieser Typ dort oben eine andere Art von Feigling war. „He! Was ist da eigentlich los?“

Wieder schrie die Frau etwas, diesmal konnte er sogar ihre Worte verstehen: „Was ist das für ein Mistspiel!“

Ein Spiel? Immer noch stand Nate am Fenster und starrte auf den Parkplatz hinaus, in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Spielte da etwa jemand ein perverses Sexspiel mit ihr? Einer seiner Kollegen bei der Bezirksstaatsanwaltschaft hatte vor ein paar Monaten so einen Fall gehabt. Da hatte ein Mann ungewollt seine Frau umgebracht, während so eines sadistischen …

Direkt über Nates Kopf schlug nun jemand rhythmisch auf den Boden. „Komm schon!“, rief die Frau. „Nun komm … Bitte, bitte … Nein! Nein!“

Jetzt konnte Nate sich nicht mehr zurückhalten. Er stürzte ins Schlafzimmer und griff dort nach dem Baseballschläger, der in der Ecke lehnte. Dann rannte er den kurzen Flur hinunter, rutschte auf Socken über die glatten Holzdielen und riss die Wohnungstür auf. Er sprintete die Treppe hoch und packte den Türgriff der Wohnung, die direkt über seiner lag. Die Tür war nicht abgeschlossen, und Nate fiel fast in die fremde Wohnung. Den Baseballschläger fest in den Händen, stürzte er ins Wohnzimmer. Die Frau, die dort allein auf dem Boden vor dem Fernseher saß, sprang auf und schrie.

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte Nate atemlos.

Sie sah ihn entgeistert an. „Wer sind Sie denn?“

Nate ignorierte die Frage einfach und suchte stattdessen Wohnzimmer und Kochnische mit den Augen ab, dann schritt er direkt ins Schlafzimmer und anschließend ins Bad. „He!“, rief die Frau ihm empört nach, aber er ließ sich nicht beirren.

Als er sich ganz sicher war, dass sich niemand außer ihnen in der Wohnung befand, ging er zurück ins Wohnzimmer. Dort stand sie und blickte ihn fassungslos an.

„Ich wohne unter Ihnen“, erklärte er schließlich. „Ich hab Sie schreien hören, und da …“

„Und da sind Sie hier einfach so reingestürmt? In meine Wohnung?“ Immer noch musterte die Frau ihn eindringlich. „Tja, es tut mir leid, ich wollte Sie nicht stören. Ich rege mich bloß immer so auf, wenn …“

„Ist denn bei Ihnen alles in Ordnung?“, wiederholte Nate seine ursprüngliche Frage. Tatsächlich sah sie ganz gesund und munter aus. Nein, das war noch untertrieben: Die Frau sah geradezu umwerfend aus. Das blonde Haar trug sie knabenhaft kurz, aber ihre Gesichtszüge waren durch und durch weiblich. Sie hatte eine zierliche Stupsnase, volle, sinnliche Lippen und riesige schokoladenbraune Augen.

„Na ja, mir ist nur gerade ein halb nackter Mann direkt ins Wohnzimmer gestürmt, der mir offenbar mit dem Baseballschläger eins verpassen wollte, weil ich ihm zu viel Krach mache“, entgegnete sie. „Aber ja, ansonsten geht es mir ganz gut.“

Nate blickte an sich herab, auf seine abgewetzte Jeans. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er gar kein Hemd trug. „Wo steckt eigentlich der Kerl?“, fragte er.

Die Frau runzelte die Stirn. „Wie bitte? Welcher Kerl?“

„Sie haben doch eben geschrien. Und dann hat es laut gekracht, als hätte jemand … Wollte Ihnen jemand etwas antun?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Ach je, das tut mir jetzt wirklich leid.“ Aber in ihren Augen blitzte es belustigt auf. „Es liegt nur an diesem Spiel.“

„Was für ein Spiel?“

Sie wies zum Fernseher. „Na, das Footballspiel.“

Nate löste den Blick von dem außergewöhnlich hübschen Gesicht der Frau und schaute erstmals zu dem Gerät herüber. Nun hörte er auch die Stimme des Kommentators: „Und am Ende der ersten Halbzeit im Spiel Denver Broncos gegen New England Patriots steht es 13:10 für die Broncos.“

Nate konnte den Blick gar nicht mehr vom Bildschirm lösen. „Dann meinten Sie also … dieses Spiel?“

„Genau“, erwiderte die Frau und fuhr schnell fort: „Wissen Sie, normalerweise schau ich es mir unten in der Bar an, da empfangen sie diesen privaten Sportsender. Bloß heute hat mich meine Verabredung versetzt. Ich wäre natürlich auch allein hingegangen, weil ich mir nicht von so einem unzuverlässigen Idioten den Tag verderben lasse. Aber diese Woche bin ich sowieso knapp bei Kasse, und sie zeigen das Spiel ja diesmal auch ganz normal im Fernsehen.“ Sie wies auf den Apparat und bückte sich dann, um die Fernbedienung vom Fußboden aufzuheben. Bevor die Frau weitersprach, stellte sie den Ton ab. „Na ja, und wenn es für mein Team nicht so läuft, wie es soll, dann geht mir das sehr nahe. Als das eben mit der Ballabgabe so gar nicht funktionierte, hab ich vor Wut ein paar Stühle umgestoßen, und dann hab ich wohl ziemlich laut gebrüllt, weil ich’s einfach nicht fassen konnte, dass Denver kurz davor war, schon wieder zu punkten. Da hab ich dann mit der Faust auf den Boden geschlagen, und … he, Moment mal! Sind Sie etwa in meine Wohnung gestürmt, weil Sie dachten, mir würde hier jemand etwas antun?“

Nate nickte stumm und ließ sich dann auf das hässliche orangefarbene Wohnzimmersofa sinken. Nun sah er sich die Frau noch einmal ganz genau an. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass sie ein rot-weiß-blaues Footballtrikot und Jeans trug.

„Vielen Dank“, sagte die Frau, und es klang, als meinte sie es auch so. „Danke.“ Dann betrachtete sie Nates Gesicht. „Wie geht es Ihnen denn jetzt? Sie wirken ziemlich … verstört. Oje, mir tut diese Geschichte wirklich schrecklich leid.“

Nate war sich nicht so sicher, wie es ihm ging. Er war die Treppe hochgejagt, um jemandem zu helfen, der – wie er dachte – gerade genau so etwas Schreckliches durchmachen musste wie er selbst jahrelang. Und jetzt war die Erleichterung darüber, dass die Frau keinerlei Schaden genommen hatte, fast zu viel für ihn. „Ich … also, mir ist das Ganze nur etwas peinlich, das ist alles.“

„Aber dafür gibt es doch gar keinen Grund!“, rief die Frau aus. „Ich finde das furchtbar nett und könnte Ihnen gar nicht dankbarer sein, wenn mich wirklich jemand angegriffen hätte und Sie mir zur Hilfe gekommen wären. Wirklich“, fügte sie nachdrücklich hinzu. „Entschuldigen Sie, dass ich mich hier so habe gehen lassen, und das auch noch bei offenen Fenstern. Ich wünschte, ich könnte das wieder gutmachen … aber warten Sie mal, ich hab da eine Idee. Bleiben Sie doch einfach hier. Ich mach uns was zu essen, außerdem hab ich noch genug Limonade und Bier für uns beide da.“

„Sie wollen, dass ich hier bleibe?“

„Klar. Ich meine, ich kenne Sie zwar nicht, aber Sie haben mir sofort bewiesen, dass Sie einen tollen Charakter haben, weil Sie mir hier aus der Bredouille helfen wollten. Von den Freunden, die ich noch habe, hätten das nicht allzu viele für mich getan. Schon gar nicht der Typ, der mich heute versetzt hat.“ Sie verschwand in der Küche. „Na ja, das war sowieso nicht mein Typ“, fuhr sie fort, zog ein Sechserpack Lightlimonade aus dem Kühlschrank und löste zwei Dosen aus den Plastikringen. Mit einem Hüftschwung schloss sie die Tür wieder.

„Nicht, dass ich aktiv auf der Suche nach meinem Typ wäre. Aber ich komme vom Thema ab.“ Sie warf Nate eine Dose zu. „Ich hätte wirklich gern einen Verbündeten hier im Wohnblock. Und ich bin mir sicher, dass ich Ihnen vertrauen kann. Wenn Sie nämlich gemeingefährlich wären, hätten Sie mir schon längst eins übergezogen und sich die sechs Dollar aus meinem Portemonnaie geschnappt. Also bleiben Sie doch und schauen Sie sich das Spiel mit mir an.“

Nate fühlte sich ein bisschen überfordert damit, ihren Gedankengängen zu folgen, er war noch ganz erschöpft von den Ereignissen der letzten Minuten und den Erinnerungen, die in ihm wach geworden waren. Also öffnete er einfach den Verschluss seiner Getränkedose und nahm einen Schluck.

Der blieb Nate fast im Hals stecken, als die Frau Nate erneut ansprach: „Also, das sollte jetzt kein Annäherungsversuch sein. Verstehen Sie mich da bloß nicht falsch, okay?“ Sie trank ebenfalls etwas Limonade. „Ich meine, Sie sind ja nicht schlecht gebaut und so, aber deswegen hab ich Sie nicht eingeladen. Ich bin überzeugter Single. Sie kommen mir bloß so vor wie ein … wirklich netter Mensch.“

Die junge Frau betrachtete Nate eindringlich. Wie ein Psychiater, der gerade einen Patienten genauer unter die Lupe nimmt, dachte er. Diesem Berufsstand ging Nate tunlichst aus dem Weg. Schließlich brauchte er niemanden, der ihn an seine miese Kindheit erinnerte. „Sie sind nicht zufällig Psychiaterin oder Psychologin oder so was?“, fragte er.

„Nein, tut mir leid, damit kann ich Ihnen nicht dienen“, erwiderte sie und lachte. „Ich schlage vor, wir schauen uns jetzt einfach das Spiel an. Wenn Sie wollen, können Sie mir ja während der Unterbrechungen von Ihren Problemen erzählen, dann sehe ich mal, was sich machen lässt.“

Ihre Unbeschwertheit war ansteckend, und Nate konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen. „Schaffen Sie es denn, Ihr Temperament zu zügeln, solange ich hier bin?“, erkundigte er sich. „Ich will nämlich nicht die ganze Zeit Möbelstücken ausweichen müssen.“

„Nein, jetzt, wo ich einen Gast habe, versuche ich, mich zu beherrschen.“ Sie streckte ihm die Hand hin, und er ergriff sie. Sie fühlte sich kühl und zart an, gleichzeitig wirkte die Berührung beruhigend auf Nate.

„Ich heiße übrigens Josey“, stellte sich die junge Frau vor.

1. KAPITEL

Etwa anderthalb Jahre später.

Dass die Schulaufführung zum Muttertag eine Katastrophe werden würde, war praktisch unvermeidlich.

Siebenundzwanzig Drittklässler rannten hinter der Bühne um die ausgeblichenen Kulissen herum, versteckten sich hinter den Vorhängen, jagten sich gegenseitig und kicherten, als sie über ihre weiten Tierkostüme stolperten und schließlich auf den staubigen Holzdielen landeten.

„He! Beruhigt euch mal wieder!“, flüsterte Josey eindringlich, denn schließlich standen sie kurz vor der Aufführung. Allerdings beachtete niemand die Worte der Lehrerin. Da sah Josey sich gezwungen, zu drastischeren Mitteln zu greifen: Sie steckte zwei Finger in den Mund und pfiff kräftig.

Zahlreiche Kinder hielten sich die Ohren zu. „Aua, Miss St. John!“

„Okay, Leute“, begann sie, breitete die Arme aus und wartete, bis sich alle Kinder um sie versammelt hatten. Dann zählte sie die Köpfe und war beruhigt. „Gebt einfach euer Bestes. Wenn ihr mal den Text vergesst, dann macht das gar nichts. Wir wollen doch heute einfach unseren Spaß haben, oder?“

Alle nickten und wirkten auf einmal ganz ernst in ihren unförmigen Kostümen mit den bunten Federn und den aufgemalten Schnurrhaaren.

„Außerdem“, fügte Josey augenzwinkernd hinzu, „bin ich die ganze Zeit vor der Bühne, wie ich euch das schon heute Morgen gezeigt habe. Falls ihr mal nicht weiterwisst. Und unsere Probe heute war doch schon mal ganz große Klasse, oder?“

Die Kinder nickten begeistert.

Als alles so weit in Ordnung schien, nahm Josey die Hand eines kleinen Löwen namens Jeremy und ging mit ihm an den Bühnenvorhang heran. Dann legte sie Jeremys Hand – eigentlich eher eine goldgelbe Pfote – an die richtige Stelle des Vorhangs, sodass er nicht erst danach zu suchen brauchte. Schnell nahm Josey ihren Platz vor der Bühne ein, und es konnte losgehen.

Ein Raunen ging durch das Publikum, als sich Jeremy durch die Öffnung im Bühnenvorhang schob. Die Eltern bestaunten das Kostüm des Jungen.

„Liebe Moms und Dads“, setzte Jeremy an, und Josey war erleichtert darüber, dass er daran gedacht hatte, schön laut zu sprechen. „Die dritte Klasse von Miss St. John zeigt euch jetzt das Stück Wilde Moms. Die erste Szene spielt im Zoo. Da wollen alle Tiere Muttertag feiern.“ Spontan fauchte Jeremy wie ein Löwe und brachte damit das ganze Publikum zum Lachen. Dann ging er links von der Bühne ab. Ein Sechstklässler, den Josey angeheuert hatte, zog den Vorhang auf.

Das Stück lief erstaunlich gut. Die kleine Jamie Cranston hatte ihren Text vergessen, und Josey flüsterte ihr die Worte zu. Jamie war eines der pfiffigsten Kinder in der Klasse, und es war ihr offenbar schrecklich peinlich, dass sie als Einzige die Hilfe der Lehrerin gebraucht hatte. Josey beobachtete, wie die Kleine niedergeschlagen hinter der Bühne verschwand, und nahm sich vor, hinterher noch einmal mit Jamie zu reden und ihr zu sagen, wie tapfer sie gewesen war.

Doch dann stellte sie fest, dass das gar nicht nötig sein würde.

Kurze Zeit später nahm sie nämlich aus dem Augenwinkel Jamies Eltern wahr. Sie gingen ganz leise die Stufen am rechten Bühnenrand hinauf und schlüpften an dem schweren schwarzen Vorhang neben der Bühne vorbei. Im Publikum schien sie niemand zu bemerken, die anderen Eltern schenkten ihre Aufmerksamkeit ganz den eigenen Kindern.

Der schwarze Vorhang schloss sich nicht vollständig hinter Mrs. und Mr. Cranston, sodass Josey sie durch den schmalen Spalt weiter beobachten konnte. Sie sah, wie die beiden auf ihre unglückliche Tochter zugingen und Mr. Cranston Jamie schließlich auf den Arm hob. Mr. Cranston pustete seiner Tochter eine blonde Haarsträhne vom Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht des Mädchens. Nun beugte sich auch die Mutter zu Jamie und fügte noch etwas hinzu. Jamies Lächeln wurde breiter. Richtig glücklich sah sie aus, als sie das Gesicht an die Schulter ihres Vaters schmiegte.

Und als sich Mrs. Cranston nun zu ihrem Mann beugte, wusste Josey instinktiv, was sie gerade zu ihm sagte – Ich liebe dich.

Als der Vorhang fiel, sprangen alle Eltern auf, klatschten und pfiffen vor Begeisterung. Josey erklomm die Bühne, schlüpfte durch den Vorhang und stellte die Kinder nebeneinander auf, damit sie alle zusammen nach draußen gehen und sich vor dem Publikum verneigen konnten. Sie nickte ihrer Bühnenhelferin zu, damit sie den Vorhang wieder aufzog. Blitze flammten auf und Camcorder surrten, als Josey mit ihren fleißigen und mittlerweile ziemlich erschöpften Schülern den Applaus entgegennahm.

Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie wie immer vor Stolz fast platzen würde, doch stattdessen fühlte sie sich bloß einsam und leer. Als hätte sie in ihrem Leben etwas verpasst. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Der Anrufbeantworter blinkte hektisch, als Josey nach Hause kam. Zwei Nachrichten waren darauf, aber das kümmerte sie wenig. Sie warf den Mantel über eine Stuhllehne, ließ sich aufs Sofa fallen und starrte teilnahmslos gegen die Decke. Ihr war alles egal, sie fühlte sich einfach nur … leer.

Was war bloß auf einmal mit ihr los? Sie hatte doch einen erfolgreichen Tag hinter sich, das Stück war geradezu problemlos über die Bühne gegangen. Sie hatte sich sogar mit den Eltern unterhalten können, ohne dabei ins Stottern zu kommen … Und schon am Morgen waren ihre Kinder ganz hervorragend mit den Rechtschreibaufgaben klargekommen.

Aber – Moment mal! Von wegen: ihre Kinder. Das waren alles die Töchter und Söhne anderer Leute.

Auf einmal sah Josey wieder die Mutter der kleinen Jamie vor sich, wie sie so voller Stolz und Liebe ihre kleine Familie angeschaut hatte. Josey wusste nicht, womit die Frau ihr Geld verdiente, aber sie vermutete, dass die Familie für sie immer an erster Stelle stand.

Josey dagegen hatte nie den Wunsch nach einer eigenen Familie gehabt.

Das Leben als Single gefiel ihr, sie konnte sich gar nichts anderes vorstellen. Sie genoss es, sich an jedem Wochenende mit einem anderen Mann zu verabreden und auf diese Weise eine Menge interessanter Leute kennenzulernen. Ihre Freundin und Kollegin Ally betrachtete solche Verabredungen ja als Möglichkeit, den richtigen Mann zum Heiraten zu finden, aber Josey sah das anders. Ihr wäre es viel zu anstrengend, jeden Mann, mit dem sie essen ging, auf seine Qualitäten als Ehemann zu testen. Nein, Josey unterhielt sich einfach gern mit neuen Leuten und hatte ihren Spaß dabei. Intimer wurde es sowieso nur selten. Bisher hatte sie erst zwei Partnerschaften hinter sich, die sie als ernsthaft bezeichnen würde: eine davon in der Oberstufe, eine am College. Beide Male hatte die Beziehung ihren Lauf genommen, aber Josey war am Ende gut darüber hinweggekommen. Schließlich hatten andere Mütter auch noch schöne Söhne …

Josey neigte sich über die Sofakante und hob die Fernbedienung vom Boden auf. Sie richtete das Gerät auf den Fernseher, senkte dann aber sofort wieder den Arm. Vielleicht hatten Ally und die ganzen anderen Singlefrauen ja doch recht, wenn sie meinten, dass diese Verabredungen der Weg zum Ziel waren?

Aber wollte sie selbst dieses Ziel überhaupt erreichen?

Josey sprang vom Sofa auf und lief in die Küche. Normalerweise holte sie sich nach der Arbeit ein Bier aus dem Kühlschrank und sah ein bisschen fern, bevor sie sich ein einfaches Abendessen zubereitete. Aber auf einmal erschien ihr diese Junggesellinnenangewohnheit nicht mehr … passend. Schwungvoll knallte sie die Kühlschranktür wieder zu und griff stattdessen nach dem Teekessel, den sie nur selten benutzte. Sie füllte ihn mit Wasser, stellte ihn auf den Herd und drehte den Regler hoch. Dann suchte sie im Hängeschrank nach einer sauberen Tasse. Nach einer Teetasse. Wie häuslich!

Häuslich?

Fassungslos hielt Josey inne. Dachte sie etwa tatsächlich gerade darüber nach, eine Familie zu gründen?

Das Telefon klingelte und riss Josey aus ihren Gedanken. Schnell griff sie nach dem Hörer. „Hallo?“

Sie hörte Nates warme, tiefe Stimme. „Ach, du bist ja schon da. Eigentlich wollte ich dir bloß was aufs Band sprechen.“ Gleichzeitig klang er ein wenig reserviert, eben wie jemand, der gerade vom Arbeitsplatz aus ein Privatgespräch führte. Andererseits klang Nate oft so. Trotzdem wusste Josey, dass er noch im Büro sein musste, denn wenn er zu Hause gewesen wäre, wäre er vorbeigekommen, statt anzurufen.

„Hi, Nate.“

„Du wirkst irgendwie erschöpft. Waren die Kinder so anstrengend? Nein, Moment mal, heute war ja die Aufführung. Wie ist’s denn gelaufen?“

„Ganz gut. Das heißt, prima. Richtig prima.“ Josey ärgerte sich, weil sie nicht mal mehr in der Lage zu sein schien, ein ganz normales Gespräch zu führen. Sie hob die Gardine am Küchenfenster ein Stück und schaute nach draußen, direkt in die helle Nachmittagssonne. Sofort ließ sie den Stoff wieder fallen.

„Es ist mal wieder Freitag“, meldete sich Nate erneut zu Wort. „Und du darfst dir diesmal das Restaurant aussuchen. Also, was möchtest du essen? Japanisch, Italienisch, Thai? Oder Hamburger?“

Ach, du Schande. Josey konnte gar nicht glauben, dass sie ihr wöchentliches Abendessen mit Nate vergessen hatte. Eigentlich hatte sie sich gerade den Bademantel anziehen und eine Billy-Joel-CD einlegen wollen, um dann in Ruhe nachzudenken. Über ihre Zukunft.

„Nate, es tut mir leid, aber heute ist einfach nicht mein Tag.“

Nate schwieg einen Moment lang, dann fragte er: „Wo liegt das Problem?“

„Warum muss es immer ein Problem geben?“

„Also gut, streichen wir das aus dem Protokoll.“ Ganz der Herr Staatsanwalt. „Was ist los?“

„Warum muss unbedingt etwas los …“

„Weil du mir noch nie abgesagt hast, deswegen. Ich hingegen habe schon zweimal versucht, dir abzusagen, aber es hat nicht geklappt, weil du mich immer wieder überredet hast, egal, wie viel ich gerade zu tun hatte.“

„Hm …“

„Und weißt du, was? Am Ende war ich immer froh darüber. Also: Keine Ausreden, bitte. In etwa zwei Stunden hole ich dich ab. Ich muss hier bloß noch ein paar Dinge erledigen, dann …“

„Nate, ich meine es ernst“, wehrte Josey ab. „Es tut mir leid, aber ich kann heute wirklich nicht mitkommen.“

„Also gut. Keine Angst, ich bin nicht beleidigt. Erzähl mir einfach nur, warum du absagst. Ich mache mir nämlich langsam Sorgen. Schließlich kenne ich niemanden, der so gern ausgeht wie du.“

„Nate“, sagte Josey mit Nachdruck. „Mir geht es gut. Okay? Ich möchte einfach nur … na ja … allein sein und … ein bisschen nachdenken.“

Normalerweise hatte Nate wenig Sinn für Situationskomik, aber nun musste er doch laut lachen. „Na, du bist witzig. Soll das etwa heißen, dass du sonst nicht denkst?“

„Nate, wir reden morgen, okay? Mach dich jetzt bitte nicht über mich …“

„Tu ich doch gar nicht, wirklich nicht.“ Auf einmal war Nate wieder ganz ernst. „Entschuldige, ich wollte dich nicht auslachen. Und ich hoffe, dass du diese Sache für dich klären kannst, was auch immer es ist.“ Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: „Hör mal, wie sieht’s denn morgen Abend aus? Ich meine, gut, an einem Samstagabend hast du wahrscheinlich schon eine heiße Verabredung …“

Zufällig hatte Josey noch keine Verabredung für besagten Abend. „Ich ruf dich morgen an, dann können wir ja was ausmachen. Das geht schon klar“, fügte sie geistesabwesend hinzu.

Sie verabschiedeten sich und legten auf. Einen Moment lang ließ Josey die Hand auf dem Hörer und versuchte, ihre Gedanken wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nur an eines denken: Ich will eine Familie.

Sie sah zu dem gerahmten Poster an ihrer Wand herüber, auf dem ein bekannter Spieler aus dem Bostoner Footballteam zu sehen war. Nate hatte ihr das Bild letzten Monat zum Geburtstag geschenkt, zur Erinnerung an ihr erstes Zusammentreffen. Josey musste unwillkürlich lächeln, als sie daran dachte, wie Nate damals in ihre Wohnung gestürmt war: groß, gut aussehend und bereit, sie bis aufs Letzte zu verteidigen.

Nate kann mir doch weiterhelfen! durchfuhr es Josey plötzlich.

Autor

Jen Safrey
Jen Safrey wurde in Queens, New York, geboren und wuchs in Valley Stream, auf Deutsch Talstrom, auf – einem Städtchen in der Nähe von New York, das interessanterweise trotz seines Namens weder ein Tal noch einen Strom aufweist. (Dafür aber viele Imbissbuden und Pizzerien.)

Als Kind war Jen ein Strich in...
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