Dirty Talk

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Verrat mir deine intimsten Sehnsüchte! Wo wirst du am liebsten berührt? Welche Stellung erregt dich am meisten?
Die Radiomoderatorin Jo Hutchinson ist einem Mann verfallen, den sie nie gesehen hat - nur gehört. Nacht für Nacht ruft der mysteriöse Mr D. sie im Studio an und flirtet heiß mit ihr. Schnell werden die Gespräche intimer, Jo verrät ihre geheimsten erotischen Wünsche und lässt sich am Telefon zum Höhepunkt bringen. Doch als Mr D. ein reales Date vorschlägt, schreckt sie zurück. Frisch getrennt, ist sie noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Stattdessen lässt sie sich auf unverbindlichen Sex mit anderen Männern ein - und teilt ihre Erlebnisse hinterher am Telefon mit Mr D. Insgeheim muss Jo sich bald eingestehen, dass sie jede ihrer erotischen Erfahrungen nur für ihn macht. Alles tut, um ihm zu gefallen. Doch dann zieht eines Tages ein neuer Mieter bei ihr ein. Jo verliebt sich in ihn. Und er sich in sie. Aber um wirklich frei für ihn zu sein, muss Jo sich erst einmal von Mr D. verabschieden. Und das scheint unmöglich …


  • Erscheinungstag 01.10.2012
  • ISBN / Artikelnummer 9783862785353
  • Seitenanzahl 432
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

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Janet Mullany

Dirty Talk

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von
Jule Winter

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MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

1. KAPITEL

„Ich will meine Skier abholen.“

Ich sah auf. Er lümmelte im Türrahmen und hatte geklingelt. Ob das ein Akt der Höflichkeit oder Sinnlosigkeit gewesen war, wusste ich nicht so genau. Jedenfalls stand meine Haustür weit offen, um die warme Spätnachmittagssonne hereinzulassen. Hugh lümmelte ziemlich oft herum – und besonders gern in fremden Betten. Ich suchte nach einer schnippischen Antwort. „Wie geht’s der Stabheuschrecke?“

„Flowyr geht’s gut.“

Flowyr. Ich war mit einer Frau namens Flowyr betrogen worden.

„Meine Skier, Jo.“

Ich machte einen Schritt zurück. „Du weißt ja, wo sie sind.“

Er richtete sich auf und schlenderte ins Haus. Dabei trug er ein paar gelbe Blätter mit herein. Ich versuchte, nicht hinzusehen. Irgendetwas war an ihm, sobald Hugh sich bewegte. Etwas, das immer noch eine verheerende Wirkung auf mich hatte. Ein Verlangen, das mich heiß durchströmte und meine Knie weich werden ließ. Mein Körper schien es nicht eilig zu haben, seine Gewohnheiten zu ändern.

Ich hörte, wie er in den Keller ging. „Kannst du nach den Mausefallen gucken, Hugh? Wenn du schon mal da unten bist?“

„Ich dachte, dafür hast du dir diese verfluchte Katze angeschafft.“ Von unten drang ein Poltern und Krachen herauf.

„Die kann aber keine Mausefallen leeren.“

Nach einer Weile kam Hugh wieder nach oben. Er hatte seine Skiausrüstung dabei. „Nichts.“

„War die Erdnussbutter noch in den Fallen?“

„Himmel, Jo! Ich weiß es nicht.“ Er warf die Skier, die Stöcke und die Stiefel mit lautem Getöse auf den Boden. „Ich habe nicht so genau geguckt, klar? Es ist dunkel da unten. Hast du meine Ken-Burns-DVDs noch?“

Ich zeigte Richtung Wohnzimmer. „Schau halt nach.“

Trotzdem folgte ich ihm. Ich sagte mir, dass es mir nicht darum ging, seinen vom Skifahren und Tennisspielen gestählten Körper zu bewundern, als er sich vor dem DVD-Regal bückte. Ich musste aufpassen, damit er nicht meine Stolz und Vorurteil-DVD mit Colin Firth und Jennifer Ehle mitnahm. Er hatte eine Schwäche für Jennifer Ehle und ihre erstaunlich hoch geschnürten Brüste. Ich hingegen liebte all die frei schwingenden Penisse, die man in den Hosen der Männer sah.

„Es ist so“, sagte er und drehte sich halb zu mir um. Mist! Jetzt hatte er mich beim Gaffen erwischt. „Flowyr und ich sind nicht mehr zusammen. Ich hab dir ja gesagt, es war nur eine einmalige Sache. Ein Unfall.“

„Ein Unfall? Du bist ihr aus Versehen hinten draufgefahren oder was?“

„Jetzt hör doch auf, mich anzuschreien, Süße. Du willst doch nicht heute Nacht auf Sendung heiser …“

„Nenn mich nicht Süße!“

Er stand auf, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Himmel, war der Mann gut in Form! In den Händen hielt er einen Stapel DVDs. „Jo, ich …“

„Shaun of the Dead habe ich aber gekauft“, unterbrach ich ihn.

„Um ihn mir zum Geburtstag zu schenken, also gehört er mir. Jo, es tut mir leid.“

Es tut mir leid. Das sind Worte, die man von einem Mann nie erwartet. Aber entschuldigte er sich jetzt, weil er sich von Flowyr hatte überrennen lassen oder weil er mir einen meiner Lieblingsfilme wegnahm?

„Es tut mir leid“, wiederholte er.

Ich sank auf die Couch. Jetzt war ich mit seinem Penis auf Augenhöhe, der ziemlich frei unter der Kakihose schwang.

Er hat sich entschuldigt.

Ach, könnte man einen Moment doch einfach so in Bronze gießen. Hugh ging in die Knie. Er legte die DVDs auf den Boden und kroch langsam näher. Seine Hände legten sich links und rechts neben mich auf die Couch. „Tut mir leid. Ich war so unglücklich, weißt du? Ich weiß, du warst es auch. Ich war so dumm! Ich …“

Das war mir alles so vertraut … Hugh, der sich einfach zur Verfügung stellte. Seine toffeebraunen Augen mit diesen unverschämt langen Wimpern, der hübsche Mund und der Bartschatten, der nach einem halben Tag sein Gesicht zierte – und das alles war nur eine Armlänge von mir entfernt. Alles, was ich an ihm so attraktiv fand. Und er hatte sich entschuldigt, obwohl ich befürchtete, dass das ziemlich bedeutungslos war. Hatte der Mann denn kein Schamgefühl? Wollte er wirklich Shaun of the Dead so unbedingt haben? Sollte ich ihn nicht endlich ein für alle Mal aus meinem Leben verjagen, ohne dass er irgendwann zurückkam?

Nun ja. Eigentlich schon.

Aber …

Ich überlegte rasch. Wann würde ich denn das nächste Mal die Gelegenheit bekommen, unbedeutenden Sex mit jemandem zu haben, der genau wusste, was er tat und was mir gefiel? Sollte ich mir nicht für die lange Durststrecke, die zweifellos vor mir lag, einen Wintervorrat an guten Gefühlen anlegen?

Ein Hauch von Eau de Hugh wehte zu mir herüber und streifte meinen Verstand oder meinen Unterleib. Oder irgendwas dazwischen.

Eine seiner Hände wanderte nach oben und umfasste meine Hüfte.

Unsere Köpfe neigten sich zur Seite und näherten sich einander.

Seine Lippen waren etwas spröde. Ich war eben nicht mehr da gewesen, um ihn dran zu erinnern, seinen Bio-Lippenbalm mit Hanf zu benutzen. Anscheinend hatte diese Schlampe Flowyr (Flowyr!) sich zwar gerne von ihm durchficken lassen, aber wie es um seine Lippen stand, war ihr ziemlich egal. Oder sie mochte es rau. Raue Haut, genau. Raue Haut, die sie an bestimmten Stellen kratzte …

Oh mein Gott. Wir küssten uns, und für einen kurzen Moment war es herzergreifend und wunderschön. Aber dann wurde es anders. Immer noch schön, aber jetzt war es vor allem geil. Hände glitten unter Stoffschichten und schoben Kleidungsstücke beiseite, öffneten Knöpfe und Reißverschlüsse. Fingerspitzen drückten sich in die Haut und fuhren suchend darüber. Wir waren rasch wieder vertraut mit den Eigenheiten des anderen. Mein T-Shirt hing schon bald auf der Höhe des Schlüsselbeins, den BH hatte er geöffnet, seine Zunge steckte tief in meinem Mund, fuhr fordernd über meinen Hals. Ich musste ihn wegstoßen, um meine Klamotten auszuziehen. Als ich mich mit dem dunklen T-Shirt abquälte und meinen BH auszog, waren seine Hände zugleich damit beschäftigt, meine Jeans zu öffnen. Ich hob die Hüften, damit er sie mir ausziehen konnte.

„Oh! Der Weihnachtsmann kommt dieses Jahr aber früh“, bemerkte er belustigt, als er mein Höschen sah.

Na gut. Ich hatte es einfach nicht geschafft, Wäsche zu waschen. Ich beobachtete, wie er seine Hand auf den ausgewaschenen, lustigen Weihnachtself legte und die Finger spreizte. Die Fingerspitzen schlüpften unter das ausgeleierte Gummiband. Darunter war ich inzwischen ziemlich nass.

Ich griff nach seinem Hemd, knöpfte es auf und zog es ihm aus. „Zieh die Hose aus!“

Er stand auf und öffnete seine Kakihose. Sein Schwanz sprang hervor und wippte ein wenig, als wäre er gerade erst aufgewacht und schaute sich neugierig um. Hm, schöner Tag heute. Angenehm warm ist es, und ich bin echt froh, nicht mehr in der engen Hose zu stecken. Ist das eine Muschi, die ich da direkt vor mir sehe?

Ich berührte durch die Baumwolle meines Höschens meine Klit, während er die Hose und seine Boxershorts nach unten schob. Er streifte die Sneakers und die Socken von den Füßen. Das hatte ich ihm beigebracht. Immer die Socken ausziehen, Hugh. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Typen mit Erektion und Socken an den Füßen.

Er beobachtete meinen Finger. Den Mittelfinger, mit dem ich mich immer massierte. „Böses Mädchen“, sagte er leise. „Das ist ein ziemlich nasser Slip.“

Ich spreizte die Beine etwas weiter. „Ich kann mir gar nicht erklären, wie das passieren konnte.“ Mein Finger schob sich unter das Gummiband, wo sein Finger mich vorhin schon gestreichelt und gereizt hatte. Meine Klitoris war hart. Ich wollte kommen. Ich wollte, dass er mir dabei zuschaute. Ich wollte ihn in mir spüren. Dieser schöne, glänzend rosige Schwengel sollte tief in mir stecken. Ich wollte von seiner Zunge und seinen Fingern an verbotenen Stellen verwöhnt werden.

„Ich will …“, fing ich an, aber ich kam nicht weiter, weil Hugh mir einfach seinen Schwanz in den Mund schob. Offenbar macht man das so mit einem bösen Mädchen, das vor deinen Augen an sich herumspielt und nicht so vorausschauend war, in hübschen Slips aus Seide oder Spitze herumzulaufen, sondern nur mit einem Weihnachtshöschen, das schon ziemlich ausgeblichen und ausgeleiert ist. Und dann auch noch zwei Monate vor Weihnachten! Außerdem hatte ich es ja geradezu herausgefordert, weil mein Kopf auf Höhe seines Schritts war und mein Mund halb offen stand, während ich darüber nachdachte, ob ich mir einen Orgasmus gönnen sollte, bevor er dran war.

Ich gab einen erstickten, überraschten Laut von mir. Doch mir gefiel, was er machte. Meine Hände umfassten seinen muskulösen Hintern und ich vergrub die Nase in seinem Schamhaar. Meine Zunge umkreiste seinen Schaft. Ich wusste, wie sehr er das liebte. Er würde gleich anfangen zu stöhnen und seine Hände in meinem Haar vergraben. Er würde unbewusst eine ganze Tirade unanständiger Worte murmeln, während er sich in meinem Mund vor- und zurückbewegte.

„Oh Gott, ja. Oh Gott, Baby, das ist gut, oh ja, oh Gott, ja, ja, genau, mach so weiter. Oh Gott, Jo, Gott, Baby, lass mich endlich kommen, oh ja, lass mich in deinen Mund abspritzen, ja, ja …“

Und auch wenn er gerade ziemlich dämlich klang, machte es mich geil. Ich wand mich und versuchte, mich am nassen Schritt meines Weihnachtshöschens zu reiben. Ich stöhnte und musste mich zugleich ermahnen, dass er absolut kein Recht mehr hatte, in meinen Mund zu kommen. Nicht solange er noch was für mich tun musste. Meine Hände erkundeten ihn, ich streichelte seine Hoden und Oberschenkel, ich kniff ihn, kitzelte und massierte ihn. Hin und wieder rieb sich einer meiner Nippel an seinem Oberschenkel. Die harten Muskeln und die krausen Härchen an seinem Bein kitzelten mich, und ein heißer Schauer durchrann mich bis in die Klit. Bereitmachen zum Abflug, schien mein Körper zu denken, doch sosehr ich mich auch an dem Sofapolster rieb und wand, es passierte nicht, was ich so sehr erhoffte.

Ich zog den Kopf zurück. Jetzt. Wir waren so vertraut miteinander, dass ich es nicht aussprechen musste. Hugh bückte sich nach seiner Hose auf dem Boden und zog aus der Brieftasche ein Kondom. Es war wie ein perfekt choreografierter Sextanz.

Und in diesem Moment, während er die Verpackung aufriss, wurde ich von mehreren Gefühlen und Gedanken auf einmal überrollt.

Er hat ein Kondom dabei.

Was soll das, zum Teufel? Ich will ihn ja auch vögeln.

Aber er war darauf vorbereitet.

Sehr vorausschauend. So hat er die Stabheuschrecke bestimmt auch rumgekriegt.

Hat er die echt immer in der Brieftasche?

Ach, sieh nur, wie er sich das Kondom überstreift. Das sieht so sexy aus, wie er seinen Schwanz streichelt. Ich hätte ihn früher häufiger bitten sollen, das für mich zu tun.

Hatte er wirklich immer Kondome dabei? Auch als er noch mit mir zusammenlebte?

Aber er ist doch hergekommen, weil er mich ficken will. Oder er trägt sie dabei, weil er irgendwann irgendwen ficken will …?

„Hugh“, sagte ich, und er begriff das als eine Aufforderung. In gewisser Weise war es das auch. Eine Aufforderung, mich vom Denken abzuhalten.

Das Weihnachtshöschen flog auf den Fußboden, und Hugh ragte jetzt über mir auf. Dann war er in mir, mein Hintern schwebte über der Sofakante, meine Beine ruhten auf seinen Schultern.

„Gefällt dir das?“, keuchte er. „Ist das genehm für die kleine Dame?“

„Oh ja. Wunderbar.“ Die kleine Dame wurde ordentlich bedient. Sie wurde gevögelt und gefickt, aufgespießt und penetriert und alles, was sie sich nur wünschen konnte.

Es war so gut! Vertraut und ziemlich ungezogen, am helllichten Nachmittag bei offener Haustür Sex zu haben. Ich trug sogar noch die Socken (es handelte sich um eins von Hughs Sockenpaaren, aber ich glaubte nicht, dass er diese ausgefransten Dinger mit Loch in einer Ferse wiederhaben wollte).

Er beugte den Kopf herab und saugte erst an einer Brustwarze, dann an der anderen. Meine Erregung wuchs. Und wuchs, bis ich vergaß, über Socken und DVDs und Kondome nachzudenken, die er zufällig dabeihatte. Es gab nur noch Hughs Mund, seinen Schwanz und seine Finger, die auf meiner Klit kreisten.

Ich schraubte mich zum Höhepunkt hinauf. Etwas in mir zerschellte, und dann schlug die Welle über mir zusammen. Ich kam, und Hugh bemühte sich, mich möglichst lange auf dem Gipfel zu halten. Dann sammelte er sich ein letztes Mal und startete seinen Oh-mein-Gott-ich-komme-Zieleinlauf mit den kurzen heftigen Stößen, die es für mich nicht brachten. Stöhnend sank er auf mir zusammen und faltete mich wie eine Brezel unter sich.

„Hat’s Spaß gemacht?“ Ich streichelte seine schweißnasse Schulter.

Er grunzte.

„Ähm, das scheint wohl grad ein unpassender Zeitpunkt zu sein. Soll ich später noch mal vorbeikommen?“

Beim Klang der unbekannten Stimme mit irischem Akzent erstarrten wir beide.

Hugh sprang auf. „Wer zum Teufel sind Sie? Was haben Sie hier zu suchen?“

Ich griff nach Hughs Hemd, um mich zu bedecken. Mir fiel erst jetzt – viel zu spät! – der Termin ein, den ich heute Nachmittag noch hatte. „Patrick … Soundso?“

Dieser Patrick Soundso stand vor der Haustür. Er grinste und blinzelte durch seine stahlumrandete Brille.

„Ich lass euch lieber allein“, sagte Patrick. Sein Blick fiel auf mein Höschen auf dem Fußboden. „Fröhliche Weihnachten.“

„Himmel!“, stieß Hugh hervor.

Ich versuchte, nicht über Hugh zu lachen, der völlig außer sich mit seinem langsam erschlaffenden und sanft wippenden Schwanz mitten im Wohnzimmer stand. Trotzdem entschlüpfte mir ein Kichern, als das Kondom mit einem leisen Klatschen auf den Boden fiel.

„Wer war dieser … dieser irische Kobold?“

„Er kann nichts dafür, dass er Ire ist. Er wollte sich die Wohnung oben angucken.“

„Warum?“

„Weil ich die Hypothek nicht allein aufbringen kann.“

Für einen Wirtschaftswissenschaftler war Hugh manchmal ziemlich begriffsstutzig.

„Aber … aber du wirst doch nicht allein sein. Ich ziehe ja wieder bei dir ein.“ Er zögerte. „Das tue ich doch, oder? Ich meine … nach dem hier?“

„Hugh. Du bist hergekommen, weil du deine Skier und die DVDs holen wolltest. So ein Fick gibt dir wohl kaum das Recht, wieder bei mir einzuziehen.“ Ich sammelte Höschen, Jeans und T-Shirt auf und begann mich anzuziehen.

Hugh schien zu begreifen, dass ihm seine Nacktheit hier keinen Vorteil bot. Er raffte seine Sachen zusammen. „Jo … wir sollten wenigstens darüber reden. Ich meine, wir lieben uns doch. Es tut mir leid, was … du weißt schon. Alles.“

„Nein.“

Brady trabte mit erhobenem Schwanz ins Wohnzimmer und schnüffelte am Kondom, als gebe es da einen Leckerbissen zu entdecken.

„Du verfluchte Katze!“, meinte Hugh, als Brady sich an seine Füße schmiegte und schnurrte. Schon früh hatte Brady sich Hugh als seinen besten Freund auserkoren und reagierte auf „verfluchte Katze“, als handele es sich um seinen zweiten Vornamen.

„Wer wird denn in Zukunft die Mausefallen für dich überprüfen?“, fragte Hugh selbstgefällig.

„Ich krieg das schon hin. In den letzten drei Wochen habe ich es ja auch geschafft.“

Ich hob den Stapel DVDs auf und gab sie ihm. „Deine anderen Sachen werde ich zusammenpacken und sag dir Bescheid, wenn du vorbeikommen und sie holen kannst. Ich muss jetzt zur Arbeit, Hugh.“

„Wir müssen darüber reden“, sagte er. Stur und aufgebracht stand er mitten im Raum. Vor seiner Affäre mit der Stabheuschrecke hätte er mein Herz zum Schmelzen gebracht.

„Nein, müssen wir nicht. Aber eins muss ich noch fragen, Hugh. Seit wann trägst du immer Kondome in der Brieftasche spazieren? Ich meine, lässt du sie bei Fakultätssitzungen zufällig rausfallen, um den Lehrstuhlinhaber zu beeindrucken oder so?“

Ich konnte mir geradezu bildlich vorstellen, wie die Leute an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät darüber lachten und ihn abklatschten – Letztes Wochenende Glück gehabt, Hugh? Bist schon ein echter Kerl! – während der Professor, der aussah wie ein Doppelgänger von Alan Greenspan, ihn durch die Hornbrille beobachtete.

„Sei nicht albern.“ Hugh sammelte das Kondom auf und verließ das Zimmer.

„Nicht in die Toilette damit! Sie verstopft sonst.“

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Argwohn blitzte in seinen Augen auf. „Woher weißt du das?“

„Ich weiß es eben.“ Im Grunde blockierte so ziemlich alles das Gästeklo im Erdgeschoss. Es war für Männer und menstruierende Frauen tabu.

„Du Schlampe“, sagte er. Zu meiner Überraschung wirkte er ehrlich verletzt. Er warf das Kondom in den Papierkorb in der Zimmerecke und war in Nullkommanichts verschwunden. Der Abgang wurde ihm aber nachhaltig versaut, weil er ein letztes Mal ins Haus stapfen und seine Skier holen musste. Ich saß derweil auf der Couch. Brady tretelte auf meinem Schoß, während ich lauschte. Er ließ den Motor seines Wagens aufheulen, setzte aus der Einfahrt zurück, und dann verklang das Brummen in der Ferne. Diesmal klang es sehr endgültig.

Ich weinte ein wenig und dachte darüber nach, wie leid ich es inzwischen war, ständig zu heulen. Aber man konnte eben drei Jahre seines Lebens nicht einfach hinter sich lassen, ohne zu trauern. Brady schnurrte und ließ sich von mir umarmen. Das ließ er eigentlich nur mit sich machen, wenn er Hunger hatte und auf baldige Fütterung hoffte.

Der helle Herbsttag ging inzwischen in die Dämmerung über. Aber bevor ich zur Arbeit musste, hatte ich noch etwas zu erledigen. Ich ging in die Küche und bewaffnete mich mit einem Messer, Erdnussbutter, einer Barbecuezange (sie gehörte Hugh – vielleicht vergaß ich ja danach, sie zu waschen), Gummihandschuhen und einer Taschenlampe. Ich stopfte die Jeans in die Socken. Nur für den Fall, dass da unten noch was lebte und in Panik geriet. (Oje!)

Ich brauchte doch keinen Mann! Hierfür nicht und sonst auch für keine Aufgabe, die mir das Leben stellte.

„Sie klingen wie die Frau aus dem Radio“, sagte die Frau im Laden. „Wir haben eine ganz neue Bio-Erdnussbutter reinbekommen. Möchten Sie die mal probieren? Schmeckt echt gut.“

Ich bin die Frau aus dem Radio. „Nein, das hier wird reichen. Danke.“

Manchmal, wenn ich gerade geselliger Laune war, gab ich sogar zu, die Frau aus dem Radio zu sein. Aber dann erntete ich meist einen ungläubigen Blick und einen komischen Kommentar. Ich dachte, Sie wären größer … älter … jünger … blond. Ich hasse diese Werbung, damit man das Radio unterstützt. Warum spielen Sie so oft Tschaikowsky? Warum spielen Sie nie Tschaikowsky?

Einmal bekam ich sogar zu hören – geradezu pikiert und für mich völlig unerklärlich: Ich dachte, Sie wären schwarz.

Ich packte meine Mausefallenerdnussbutter und mein Essen für heute Nacht – ein Sandwich, eine Suppe, ein Stück Obst – in meinen Rucksack und zog meine Radfahrersachen an: Handschuhe, eine Strickmütze, wie sie von Jägern und Vergewaltigern gerne getragen wurde, Helm und einen Schal, um die Lücke zwischen Strickmütze und meiner leichten Jacke zu schließen. Um mich herum waren hinter den Kassen andere mit Ähnlichem beschäftigt. Einige hatten riesige Rucksäcke auf dem Rücken, in denen die ganzen Biolebensmittel eines Wocheneinkaufs Platz hatten.

In dieser ursprünglichen Collegestadt im Herzen von Colorado wagte es niemand, zwei Meilen zur Arbeit mit dem Auto zu fahren. Ich fuhr mit dem Rad.

Natürlich würde es auch niemand wagen, Mäuse mit anderen Fallen zu fangen als denen, die vollkommen unbedenklich waren und die Mäuse lebend fingen, damit man sie in der überwältigenden Wildnis aussetzen konnte. Es war egal, dass ihnen dort nur wenige Minuten blieben, um ihre neue Heimat zu genießen, bevor sie von jemand anderem gefressen würden. Das war schließlich ganz natürlich. Es war mein böses, dunkles Geheimnis, dass ich die Mäuse ins Nirwana schickte. Aber ihnen blieb ja noch die Henkersmahlzeit in Form von Erdnussbutter (obwohl sie auf keinen Fall die Bio-Erdnussbutter bekamen; so weit ging mein Mitgefühl nun auch wieder nicht. Es ging mir darum, ihr kleines Nagetierdasein zu beenden, und nicht darum, es zu bereichern).

Der Herbst lag inzwischen in der Luft. Es war knackig kalt, und man roch die Holzfeuer. Es konnte jetzt jeden Tag das erste Mal schneien, und dann wollte ich querfeldein mit den Skiern zum Radio fahren. Es war schon lustig, aber irgendwie ging mir erst jetzt auf, dass man den Unterschied zwischen Hugh und mir durchaus daran festmachen konnte, wie wir die Winter verbrachten. Ihm war es am liebsten, mit dem Skilift auf einen Berg zu fahren und den kurzen, aufgeregten Adrenalinstoß zu genießen, den ihm eine rasend schnelle Abfahrt bot, die nach wenigen Minuten vorbei war. Ich liebte es, stundenlang mit Wachs herumzuexperimentieren (okay, ich gestehe: Ich habe sogar schon an Wachs-Workshops teilgenommen … ich bin wohl eine zertifizierte Langlaufbesessene). Man kann doch viel besser gemächlich einen Berg hinaufstapfen und Mutter Natur genießen. Oder man strengt sich richtig an, je nachdem, wie man grad drauf ist. Auf jeden Fall genießt man die lange, gemächliche Abfahrt danach viel mehr.

Das hat jetzt nicht unbedingt etwas mit unserem Sex zu tun. Der war eigentlich immer ganz gut gewesen. Oder meistens. Ziemlich oft war mir nämlich auch eher nach der schnellen, heftigen Nummer auf der Küchenanrichte oder unter der Dusche oder … Ich rutschte auf meinem Fahrradsattel herum und fragte mich, ob es wohl möglich war, einen Orgasmus zu bekommen, weil man über holprige Streckenabschnitte eines Radwegs fuhr. Und wenn man es konnte, stellte sich die nächste Frage: War das sicher? Ich sah mich schon die Lokalnachrichten von einem Krankenbett aus hören.

Ein Unfall mit mehreren Fahrrädern auf dem Douglasien-Radweg forderte heute mehrere Verletzte. Die mutmaßliche Verursacherin des Unfalls, Jo Hutchinson, ist eine lokale Radiomoderatorin. Sie ist weder blond noch groß, zeigte allerdings im Krankenhaus Anzeichen einer erst kürzlich erfolgten sexuellen Erregung. Ein Sprecher der Polizei erklärte: „Dieses unverantwortliche Verhalten nehmen wir sehr ernst …“

Ich schloss die Hintertür zur Radiostation auf und schob mein Fahrrad rein. Andere Räder standen noch hier; heute Abend war ich früh dran. Die Nachrichten liefen gerade, und ich hörte kurz zu, während ich mich aus meinen Sachen schälte. Mir blieb noch eine Stunde Zeit, ehe ich auf Sendung ging. Später, in den frühen Morgenstunden, wollte ich mich einem anderen dunklen Geheimnis widmen. Einem, bei dem es nicht um das vorzeitige Dahinscheiden von Mäusen ging.

In gewisser Weise war ich Hugh genauso untreu gewesen wie er mir. Und das auch noch mit jemandem, dessen Namen ich gar nicht kannte.

2. KAPITEL

Ab genau sechs Minuten nach Mitternacht gehörte die Zeit wieder mir. Die letzten Nachrichten aus dem fernen Washington, D.C. waren verlesen, und ich plauderte noch kurz über das Wetter. Es war eine kalte Nacht, aber morgen war wieder ein perfekter Herbsttag zu erwarten. Die Wahrscheinlichkeit für Schnee stieg allmählich. Ich ließ die Musik im Studio laut laufen und überprüfte die Anzeigen meines Monitors. Alles war in bester Ordnung.

Als ich das Mikro ausschaltete, klingelte mein Telefon.

Er ist früh dran.

Ich fuhr die Lautstärke im Studio herunter und nahm die Kopfhörer ab. Mein Herz hämmerte, als ich ans Telefon ging.

„Hey Jo, Süße! Was hast du Freitagabend vor?“

„Kimberly!“ Obwohl ich im ersten Moment zutiefst enttäuscht war, freute ich mich, von meiner besten Freundin zu hören. Sie war ein Texasblondchen, das hier oben völlig fehl am Platz war und für den Radiosender das Geld beschaffte. Sie war ein echter Workaholic mit aufregendem Privatleben. Und sie war oft zu merkwürdigen Tageszeiten wach – meinen Tageszeiten.

„Ich habe da jemanden, den du kennenlernen solltest. Einen Mann.“ Ma-ann. Ihre Stimme senkte sich verschwörerisch.

„Um Himmels willen! Ich will mich nicht mit irgendwelchen Männern treffen.“

„Das solltest du aber, denn es wäre gut für die Umwelt. All diese elektronischen Geräte, die in deinem Schlafzimmer brummen und zur Klimaerwärmung beitragen. Du bist deine eigene, kleine braune Wolke.“

Die Tür zum Studio ging auf. Jason, der stellvertretende Techniker vom Sender, stand in der Tür und verschloss seinen Fahrradhelm.

„Warte mal, Kim.“ Ich wandte mich ihm zu und lächelte. Er sah so unglaublich süß und schüchtern aus, und nach kurzem Zögern erwiderte er mein Lächeln strahlend. „Hi, Jason. Was ist los?“

„Hi, Jo. Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt nach Hause fahre. Du bist ab sofort auf dich allein gestellt.“

„Danke. Gute Nacht.“

Er schloss die Tür.

„Ach, der reizende Jason“, schnurrte Kimberly. „Du und er allein in diesem großen, alten Radiosender. Also, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich ihn mit Haut und Haaren verschlingen.“

„Du würdest ihn zu Tode ängstigen.“ Mir war die Idee auch schon gekommen. Der hübsche schlanke Jason war gerade mal einundzwanzig (das war jung, aber es war legal!), hatte einen Pferdeschwanz, trug ausgebleichte Jeans, Wanderstiefel, einen einzelnen Ohrring, war immer unrasiert … oh Gott, er war wirklich ein wandelndes Klischee! Vor allem war er aber schüchtern und süß und durchaus ein Leckerbissen, wie Kimberly nicht müde wurde zu erwähnen.

„Du denkst doch nicht, dass er schwul ist, oder?“, fragte Kimberly, als ginge sie gerade die Liste ihrer potenziellen Beischlafkandidaten durch.

„Nein, aber ich habe mich schon gefragt, ob er an irgendwelchen geheimen Stellen Piercings hat.“

„Hab ich auch schon überlegt. Denke ich ständig drüber nach. Also dieser Mann, von dem ich gerade sprach, ist auch am Sender interessiert, weshalb ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Er ist wirklich sehr geeignet, Jo.“

„Für mich oder für den Sender?“

„Beides. Süße, ich weiß, du kannst die Freitagsschicht auch an einen Volontär abgeben. Darum wirst du morgen früh eine Eintrittskarte für die Sinfonie in deinem Postfach finden.“

Ich imitierte ihren gedehnten, texanischen Akzent. „Ich liiiieeeebe Männer mit ’ner dicken Brieftasche.“

„Ich auch, Süße.“ Aber die Spendensammlerin in Kimberly geriet jetzt voll in Fahrt. „Zusammen mit der Karte schicke ich dir eine Liste mit den Leuten, die wir da treffen. Präg dir ihre Namen ein, und stell dich darauf ein, einfach bezaubernd zu sein. Du kannst dir wieder meinen schwarzen Taftrock ausleihen.“

„Und die Schuhe mit den Mörderabsätzen auch?“, fragte ich hoffnungsvoll. Ich liebte den Rock, denn er raschelte so verheißungsvoll und war über den Knien gerafft. Kimberly besaß eine riesige Garderobe, die nur aus Designerstücken bestand. So stellte man sich die Garderobe einer einstigen Debütantin in Dallas vor, die später einen Ölmagnaten heiraten würde, zu Zeiten, als Ölmagnaten noch richtig viel Geld machten.

„Darauf kannst du wetten. Hey, vielleicht kannst du ihn ja einladen, sich zu dir zu setzen, während du auf Sendung bist.“

Ich glaube nicht. „Vielleicht.“

Wir plauderten noch ein bisschen. Wie so oft in den letzten Wochen musste ich ihr versichern, dass mein Leben ohne Hugh genauso rund lief, wie man es erwarten durfte. Erst nachdem ich aufgelegt hatte, fiel mir ein, dass ich ihr gar nicht von dem irischen Spannerkobold erzählt hatte. Wie schade! Sie hätte die lustige Seite der Geschichte zu würdigen gewusst. Andererseits hätte ich dann auch zugeben müssen, dass ich den schrecklichen Fehler begangen hatte, Hugh noch mal aus der Hose schlüpfen zu lassen.

Und das wiederum erinnerte mich daran, dass ich schon bald eine Entscheidung treffen musste, ob ich das Apartment vermieten wollte oder nicht.

Darum wollte ich mich später kümmern. Ich jagte noch eine E-Mail an die Personalplanerin raus mit der Frage, ob für Freitag ein Volontär als Ersatzsprecher zur Verfügung stand. Dann schaute ich auf die Uhr. Es war noch eine halbe Stunde, bis Scheherazade zu Ende war.

Er rief hoffentlich bald an.

Ich ging durch die Räume des Senders und überprüfte, ob alle Lichter aus waren und die Tür nach draußen verschlossen war. Jason und alle anderen waren inzwischen gegangen. Ich kehrte in mein Studio zurück. Dieser stille kleine Raum mit den weißen Wänden und CD-Regalen, der glänzenden Konsole und den Monitoren war für die nächsten Stunden der Mittelpunkt meiner Welt.

Als das Telefon endlich klingelte und auf dem Bildschirm „Anrufer unbekannt“ aufblinkte, ließ ich es fünfmal läuten, obwohl ich den Radiosprechern immer einschärfte, sie müssten auf jeden Fall nach höchstens zweimal Klingeln drangehen; die einzig akzeptable Entschuldigung war natürlich, dass man gerade auf Sendung war.

Ich nahm den Hörer und meldete mich betont müde.

„Jo?“ Da war die Stimme. Tief und warm.

„Ja?“ Ich tat so, als wüsste ich nicht, wer am anderen Ende der Leitung ist. Mein Inneres schmolz bereits dahin, und meine Nippel drückten sich hart durch den Stoff meines T-Shirts.

„Das ist eine wundervolle Aufnahme.“

„Schön, dass sie dir gefällt.“ Ich fühlte mich irgendwie schüchtern, erregt und nervös. Dabei konnte ich sonst problemlos ganz entspannt zu Tausenden Zuhörern sprechen. Aber jetzt wünschte ich mir einfach, dass einer dieser Zuhörer mir versicherte, dass ich in seiner Gegenwart sicher und geliebt war.

Wir redeten eine Weile über die Musik. Als das silbrige Flötensolo mit seinem melodiösen Auf und Ab kam, schwiegen wir beide. Es war ein einfaches Motiv, das seine Magie niemals verfehlte. Danach diskutierten wir, ob dieser Part oder das Violinsolo, das für Scheherazades Stimme stand, uns mehr Schauer über den Rücken rinnen ließ.

„Hast du Tausendundeine Nacht gelesen?“, fragte er. „Nicht? Oh, die Geschichte ist einfach herrlich, Jo. Geschichten gewoben in Geschichten, die in weitere Geschichten gewoben sind. Es ist wie ein Irrgarten. Auch sehr erotisch, obwohl die früheren Übersetzer sie meist zensiert haben. Erst die letzten Übertragungen bleiben dicht am Original.“

Während er sprach, versuchte ich, seinen Akzent einzuordnen. Vielleicht Boston. Oder jemand, der lange in England gelebt hatte; er hatte diese knappe, präzise Sprache, und die Wortwahl ließ mich an ein Bostoner Blaublut denken … zumindest manchmal.

Wir schwiegen, und ich hörte bei ihm eine Bewegung. „Tut mir leid. Ich musste noch einen Scheit aufs Feuer legen. Heute Nacht ist es ziemlich kalt.“

„Ich wette, von da oben sehen die Pappeln sehr schön aus.“

Er lachte leise. So leicht ließ er sich nicht überrumpeln. „Ja, ich glaube, du hast während der letzten Musikpause erwähnt, dass sie bald ihre Blätter abwerfen. Netter Versuch. Wie geht es dir? Ich hoffe, der Scheißkerl Hugh hat dir nicht wieder Kummer bereitet.“

Ich erzählte ihm die Story von Hughs Besuch und vom Einfall des irischen Kobolds. Ich ließ hier und da ein paar Details weg – ich behauptete, er habe uns in flagranti erwischt und hörte, wie er auflachte.

„Was glaubst du, wie lange hat er dagestanden und euch beobachtet?“

„Ich weiß es nicht. Er hätte theoretisch von Anfang an dort stehen können.“

„Hätte es dir gefallen, wenn er zugeschaut hätte?“

„Ich weiß nicht.“ Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und beobachtete die Lämpchen der Lautstärkeregler, die auf und ab tanzten. Jetzt wagten wir uns auf neues Terrain vor. Wir hatten schon früher geflirtet, wir hatten auch über frühere Beziehungen gesprochen. Aber das hier … nun ja, es wurde zunehmend anzüglich.

Ich räusperte mich und versuchte, möglichst unbeteiligt zu klingen. „Meinst du, ob es mir gefallen hätte, zu wissen, dass er uns beobachtet, oder ob es mir gefallen hätte, später herauszufinden, dass er uns die ganze Zeit zugesehen hat? Ach, verflixt! Mr D., ich muss wieder auf Sendung. Gib mir zwanzig Minuten.“

Mr D. Nachdem ich einmal versucht hatte, mehr über ihn herauszufinden hatte er immerhin zugegeben, um einiges älter als ich („Dekaden, meine Liebe. Frag lieber nicht.“ Ich war nicht sicher, ob ich ihm glauben sollte!) und noch ein Verehrer der alten Schule zu sein. Mindestens die ersten Dutzend Anrufe nannte er mich beharrlich Miss Hutchinson. In meinen Ohren klang das irgendwie pervers. Als ließe ich mich von ihm fesseln und auspeitschen oder so was in der Art. Oder als trüge ich eine Dienstmädchenuniform. Oder beides? Aber mir gefiel dieses Förmliche, diese Zweideutigkeit, die mich an Mr Rochester und Miss Jane Eyre denken ließ. Ich wusste, er musste irgendwo im Einzugsgebiet des Senders leben, und er unterstützte den Sender mit einer regelmäßigen, großzügigen Spende durch eine Stiftung. Ich liebte seine Stimme und die Art, wie er über die Bücher redete, die er gelesen hatte. Oder über die Orte, zu denen er gereist war. Und mir gefiel die Freude, die er empfand, wenn wir entdeckten, dass wir einen gemeinsamen Lieblingsautor hatten. Wir teilten die Leidenschaft für die Berge und für hoch gelegene, einsame Orte.

In den letzten sechs Monaten, während Hugh und ich uns so schmerzlich voneinander entfernt hatten, war Mr D. eine Konstante in meinem Leben gewesen. Ein Freund. Jemand, dem ich alles erzählen konnte.

Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass wir beide enttäuscht sein würden, wenn wir uns eines Tages trafen. Dass diese Beziehung nur auf die Distanz funktionierte, weil wir dann beide das Bild von uns auf Hochglanz brachten und vor allem so waren, wie wir gerne sein wollten. Trotzdem hatte er in mir die Sehnsucht nach Dingen geweckt, die ich nicht hatte. Ich wollte Abenteuer erleben und neue Erfahrungen machen. In mir war der Wunsch, ein moderner, ans Land gebundener Sindbad zu werden, der entdeckte, wie eine Episode zur nächsten führte und immer so weiter …

Als ich wieder auf Sendung ging, leuchtete das „On Air“- Schild draußen über dem Studio auf und tauchte den Raum durch das Glasfenster hindurch in ein warmes rotes Licht. Ich wiederholte die Informationen über die letzte Aufnahme und erzählte, was wir als Nächstes hören würden, ich nannte Temperatur und Uhrzeit … Ich hoffe, Sie haben da draußen einen schönen Abend. Später hören wir Musik, mit der Bach einst seinem Kunden beim Einschlafen helfen wollte. Die Goldberg-Variationen bekommen Sie heute Nacht in voller Länge. Doch vorher gibt es noch ein kleines Stück von Stravinsky …

Wenn das rote Licht das nächste Mal anging, wäre es schon früher Morgen. Dann würde ich die Morgennachrichten verlesen, und in dieser letzten Stunde meiner Schicht würde ich die kurzen Musikeinlagen mehrmals durch Lokalnachrichten und den Wetterbericht unterbrechen. Ich hoffte, dass diejenigen, die jetzt noch wach waren – einsame Liebende, Leute mit Schlafstörungen oder kleinen Babys oder Studenten, die für eine Prüfung lernten – in vier Stunden, wenn die Nachrichten begannen, schon schliefen.

Bach setzte ein. Musik, die einen in den Schlaf lullt. Aber ich will dabei immer aufspringen und tanzen.

Das Telefon klingelte genau in diesem Moment.

„Vierzig Minuten lang darf ich jetzt einem Genie und dir lauschen“, sagte Mr D. „Wo waren wir? Ach ja. Ob er zugeguckt hat.“

„Ich weiß nicht, ob er das so sexy gefunden hätte.“

„Oh, aber natürlich hätte er das.“

„Magst du es, Leuten beim Sex zuzusehen?“ Schon waren wir wieder beim Sexthema. Diesmal war ich es, die damit anfing.

Mr D. wich der Frage gewohnt souverän aus. Er lachte leise. „Fröhliche Weihnachten …“ Er zögerte. „Ich vermute, du hast dir danach andere Unterwäsche angezogen. Erzähl mir, was hast du an?“

„Du willst, dass ich dir sage, was ich anhabe?“ Ich war überrascht. Das kam mir ein bisschen primitiv vor und entsprach nicht gerade dem, was ich von Mr D. erwartete. Ich fragte mich, ob er vielleicht sogar schon abgespritzt hatte und jetzt nach einem zweiten, schnellen Kick suchte. Ich war sogar fast entsetzt, obwohl die zunehmende Intimität, die Geheimnisse, die wir teilten, unsere Geschichten und die gemeinsame Reise der letzten Monate uns im Grunde zielsicher in diese Richtung getrieben hatten. Ich wusste außerdem, ohne dass einer von uns es aussprach, dass wir ohne Probleme das Thema wieder fallen lassen konnten. Wir konnten sofort wieder zu unseren freundschaftlichen Wortgefechten zurückkehren. Zurück in den vertrauten Hafen, als hätten wir uns nie auf diese Reise eingelassen.

„Ich glaube, so fängt man das normalerweise an“, sagte er leise.

So fängt man das normalerweise an. „So kann man es auch beschreiben.“

Er seufzte. Jetzt klang er irgendwie verhalten. „Ich habe so was noch nie gemacht. Ehrlich gesagt, geniere ich mich auch etwas.“

Mir ging es genauso. Ich war aber zugleich erregt, ich war wild und hatte ein bisschen Angst. Meine Hände waren kalt, meine Stirn leicht verschwitzt. Ich drückte den Freisprechknopf und legte das Telefon auf die Basis. „Okay. Ist schon in Ordnung. Ich trage ein schwarzes T-Shirt. Also, ich trug. Ich habe es grad ausgezogen. Meine Haut sieht sehr blass aus, weil es beinahe dunkel ist hier drin. Jetzt meine Jeans. Hörst du den Reißverschluss? Ich trage im Studio nie Schuhe, weshalb ich die Jeans einfach nach unten schieben kann. Siehst du? Schon habe ich sie ausgezogen.“

„Ich kann hören, wie der Jeansstoff raschelt. Aber eigentlich raschelt Jeansstoff nicht, oder? Mir fällt das richtige Wort nicht ein.“

„Ich trage rote Spitzenunterwäsche.“

„Sag mir die Wahrheit, Jo. Du sollst mich nicht bei Laune halten, indem du Lügen erzählst.“ Er klang sehr ernst und traurig. „Ich weiß schon, Männer sind alle gleich, aber bitte … bitte sei ehrlich.“

Tränen brannten in meinen Augen. „Ich sag dir doch die Wahrheit.“ Ich schluckte. Irgendwie klang ich wie ein gescholtenes Kind. „Ich … ich trage immer besonders hübsche Unterwäsche für dich. Ich will, dass du mich willst.“

„Immer?“

„Na ja, seit den ersten Malen, als wir geplaudert haben. Als mir bewusst wurde, dass du mir nie erzählen würdest, wer du bist. Das war alles, was ich dir geben konnte.“

„Es tut mir leid. Danke. Das ist wirklich eine erstaunlich großzügige Geste.“ Seine Stimme klang noch tiefer und etwas schleppend. „Erzähl mir jetzt von der roten Spitzenunterwäsche.“

„Der BH hat so Halbschalen. Meine Nippel sind hart. Ich streichle sie gerade.“ Ich zuckte zusammen. Ich wollte eigentlich nicht wie eine Hure klingen, aber ich wusste einfach nicht, was ich sonst sagen sollte.

„Sprich weiter.“

„Der Slip … Man nennt so was Jazzpants. Weißt du, wie die aussehen? Sie haben ein bisschen Bein und reichen fast hoch bis zum Bauchnabel. Trotzdem sieht man mein Schamhaar, das am Beinausschnitt herausguckt. Und durch den Spitzenstoff siehst du es auch, weil er so dünn ist.“

„Dein Schamhaar muss dunkel sein. Ich habe dein Bild auf der Webseite des Senders gesehen.“

Ich kicherte. „Aber das Foto zeigt doch nicht mein Schamhaar.“

Er lachte auch, und für den Augenblick fühlten wir uns wieder wohl miteinander. „Ich habe es mir so vorgestellt. Du siehst so frisch und klug aus. Richtig lebendig. Und sinnlich … Eine kleine, schlanke Frau, so stelle ich dich mir vor … du bist bestimmt ziemlich sportlich, weil du überall mit dem Rad hinfährst. Welche Farbe haben deine Augen?“

„Ich zieh mich für dich aus, und du willst meine Augenfarbe wissen?“

„Ach … bitte, ich will nicht betteln. Ich bin schon jetzt gedemütigt.“

„Tut mir leid. Ich werde nervös, und wenn ich nervös bin, sage ich dumme Sachen. Meine Augen sind grau. Sie ändern die Farbe, je nachdem, was ich trage, weshalb sie manchmal blau oder grün wirken.“

„Erzähl mir, wie deine Brüste aussehen. Bitte.“

Ich saß auf meinem Stuhl und hatte die Beine inzwischen gespreizt. „Sie sind nicht besonders groß. Obwohl ich dunkelhaarig bin, ist meine Haut sehr hell und die Nippel sind rosig. Ich werde nicht so schnell braun. Meine Brüste sind sehr empfindlich, und die Nippel werden schnell hart. Ich mag es, wenn der Mann sie liebkost und küsst.“

Ich lauschte seinem schweren Atem.

„Darf ich dich berühren?“, fragte er.

„Ja. Wo?“

„Meine Hände umschließen deine Brüste und drücken sie zusammen. Deine Nippel drücken sich in meine Handflächen. Sie sind verdammt hart.“

„Oh, das liebe ich. Darf ich dich jetzt ausziehen?“ Ich war ziemlich sicher, dass er mit offener Hose am anderen Ende der Leitung saß und sich selbst berührte. Vermutlich hatte er die Hose etwas nach unten geschoben. Mein unbekannter Mann in der dunklen Hütte. Schaute er auf seinen Schwanz in seiner Hand? Oder hielt er die Augen geschlossen? Lächelte er, oder verzog er das Gesicht?

„Später. Zuerst möchte ich dir Lust schenken. Ich streichle dich, langsam wandern meine Hände an deinem Körper nach unten. Aha, hier ist dein Nabel, diese köstliche kleine Vertiefung. Zieh deinen BH aus … ja, gut. Ich halte deine Brüste, ich drücke sie und spüre ihr Gewicht. Ich möchte sie jetzt gern lecken.“

Ich leckte meine Finger und kniff mich in einen Nippel. „Ich kann es bis in meine Klitoris spüren.“ Oh Gott, bin ich vulgär. Heiße Röte stieg mir ins Gesicht.

„Ich glaube, deine Klitoris braucht mehr Aufmerksamkeit, kann das sein? Bist du schon nass? Zieh doch mal dieses hübsche Höschen aus, Liebes. Ich küsse die Innenseite deiner Oberschenkel, wo die Haut ganz weich und seidig ist. Ich kann dich riechen. Oh ja, du bist nass. Tropfnass sogar. Du bist voller Verlangen angeschwollen. Deine Klitoris ist genauso hart wie deine Nippel.“

Meine Haut schimmerte im Licht, und mein Schamhaar war wie ein dunkles Geheimnis. Die Hand tauchte ein und spielte mit meiner Klit.

„Schmeck dich.“ Seine Stimme war heiser, während im Hintergrund leise Bach spielte.

Ich schob die Finger in mich hinein, dann steckte ich sie in den Mund und schmeckte meine eigene Erregung. Mein salziges Aroma. Ich stellte mir vor, wie seine Hand an seinem Schwanz auf und ab glitt. Wie sich die Muskeln seines Unterarms anspannten, als er abspritzte.

„Ich wünschte, ich könnte meine Finger in deinen Mund stecken. Ich möchte spüren, wie du an ihnen saugst und sie ableckst. Und dann möchte ich dich lecken. Deine Lippen, die Brust, deinen Schwengel. Alles. Ich will dich zum Höhepunkt bringen.“

„Ich will dich auch zum Höhepunkt bringen. Ich will diese köstlichen kleinen Geräusche hören, die du dann machst. Fass dir wieder zwischen die Beine, Liebes. Spiel an dir herum. Ich beschäftige mich mit deinen Nippeln. Ich kneife sie, meine Fingernägel graben sich hinein … Gefällt dir das?“

Meine Zehen krümmten sich um die Kante des Mischpults.

„Komm für mich“, flüsterte er. „Komm schon, auch für dich. Tu es einfach.“

Ich kam so heftig, dass es beinahe wehtat. Der Orgasmus riss mich fast vom Stuhl. Ich konnte nicht länger an meiner Brust herumspielen, sondern umklammerte verzweifelt die Armlehne. Einen Moment fürchtete ich, hinzufallen. Die Intensität meines Höhepunkts überrollte mich, doch ich wollte nicht, dass er endete. Ich sank zurück und rang schluchzend nach Luft.

„Wunderschön.“ Seine Stimme war nur ein Flüstern. War er gekommen?

„Hast du …“ Ich hoffte, dass nicht. Ich wollte diesen Moment mit ihm teilen.

„Nein. Tut mir leid.“

„Komm, ich helfe dir.“ Vielleicht war er immer noch schüchtern.

„Deine Lust reicht dir nicht?“

Ich konnte ihn mir vorstellen. Eine dunkle Gestalt, das Gesicht in Schatten getaucht, lag er ausgestreckt irgendwo im Sessel oder auf dem Sofa. Während ich meine Bedürfnisse befriedigt hatte, war seine Hand langsamer geworden, und seine Finger lagen locker um seinen Schwanz. Ein kleines bisschen Nässe rann über seine Finger.

„Also gut.“ Er räusperte sich. „Was passiert als Nächstes?“

3. KAPITEL

Am Ende einer Schicht ist es eigentlich üblich, für den Nächsten aufzuräumen, der auf Sendung geht.

Nachdem ich für diese Nacht fertig war – zwischen zwei und fünf Uhr morgens ist es dunkel im Sender –, vergewisserte ich mich noch einmal, dass keine peinlichen, feuchten Unterwäscheteile irgendwo herumlagen.

Ich räumte die CDs wieder ins Regal und zog für die Sprecherin der Morgenschicht schon die ersten neuen CDs raus.

Ich machte die letzten Nachrichten für diese Nacht.

Für die Morgennachrichten richtete ich den Satelliten aus. Ich kannte die Moderatorin der Morgenschicht gut. Gwen würde das ohnehin als Erstes tun, aber ich machte es immer aus Höflichkeit für sie.

Dann schaute ich noch mal nach meinen E-Mails. Zwei neue Nachrichten waren eingegangen. Eine kam von Julie, einer ernsthaften Musikstudentin, die sagte, sie könne die Schicht am Freitagabend übernehmen, allerdings wollte sie um Mitternacht zu Hause sein. Das war schon okay. Ich konnte danach noch für ein paar Stunden übernehmen.

Die andere Mail kam vom irischen Kobold, wie Hugh ihn genannt hatte. Auf mich hatte der Typ eigentlich einen ganz normalen Eindruck gemacht. Kein gedellter Hut und keine Schnallenschuhe weit und breit. Ich erinnerte mich vage an einen kleinen schlanken Mann mit wildem kupferfarbenem Haar, einer stahlumrandeten Brille und einem merkwürdigen Kinnbärtchen. An die Belustigung in seiner Stimme und an seinen Akzent.

Ich interessiere mich immer noch für das Apartment, falls es verfügbar ist. Bitten lassen Sie es mich wissen, wann ich es mir angucken kann.

Ein echter Gentleman. Kein Wort über Weihnachten oder Unterwäsche oder darüber, dass seine zukünftige Vermieterin sich auf dem Sofa hatte rammeln lassen wie ein Karnickel.

Ich schaltete alle Lichter aus, schlüpfte in meine Bikersachen und schaltete die Alarmanlage ein. Dann war ich draußen in der kalten Nacht. Über mir funkelten die Sterne.

Konnte Mr D. die Sterne von seiner Hütte aus sehen? Oder stand sie mitten im Wald? Ich war ziemlich sicher, dass er in einer Hütte oben in den Bergen wohnte. Allerdings besaßen die meisten Leute hier in der Stadt auch Holzfußboden und Holzöfen.

Ich fuhr los und raste den Berg hoch. Ich wollte mich richtig auspowern. Im Dunkeln Rad zu fahren machte mir nichts aus. Zu jeder Tages- und Nachtzeit waren in dieser umweltbewussten Stadt Leute mit dem Fahrrad unterwegs. Während ich durch den beißend kalten Wind sauste, dachte ich darüber nach, das Apartment zu vermieten. Und an die Mäuse im Keller … häusliche Dinge eben.

Ich dachte über alles Mögliche nach, nur um nicht an das zu denken, was Mr D. vorgeschlagen hatte.

Nachdem ich Patrick zurückgeschrieben hatte, dass er am nächsten Tag nach drei Uhr jederzeit kommen könnte – was etwas verfänglich klang, weshalb ich es in vorbeischauen abänderte –, konnte ich nicht einschlafen. Ich wanderte durch das Haus, das ohne Hugh jetzt so leer war. Ich konnte es nicht länger vor mir herschieben, ich musste mich der brennenden Frage stellen, ob ich in Bezug auf Mr D. die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Musste ich wohl. Schließlich gab es jetzt kein Zurück mehr.

Zu meiner Überraschung hatte dieser Mann, der seit so vielen Monaten in allen Belangen so unglaublich ausweichend gewesen war, vorgeschlagen, mich zu treffen. Ein Orgasmus – mein Orgasmus, wenn er die Wahrheit gesagt hatte, und ich wusste bis jetzt nicht, ob er auch gekommen war –, und er änderte sofort seine Meinung?

Außerdem war ich verwirrt und wütend. Ich hatte mich gestreichelt, hatte Verbalerotik betrieben und hemmungslos gestöhnt. Man könnte sagen, ich hatte gestern Nacht meine Telefonsex-Jungfräulichkeit verloren. Diesen ziemlich intimen Moment hatte ich mit jemandem geteilt, der nicht dasselbe getan hatte. Ich hatte ihm quasi eine Vorstellung geliefert. Wenn ich das gewusst hätte … Danach war ich jedenfalls nicht in der richtigen Stimmung gewesen, mich zu etwas überreden zu lassen.

„Aber natürlich sollten wir uns treffen.“

„Nein“, hatte ich widersprochen.

„Ich war noch nie so intim mit einer Frau. Nicht mal während meiner Ehe …“

„Du kennst mich nicht. Für dich bin ich nur eine Fantasie, und du bist für mich ebenfalls eine Fantasie. Das sollte besser so bleiben.“

„Jo! Jetzt schubs mich doch nicht weg. Ich verstehe, dass du nach dem, was Hugh dir angetan hat, verletzt bist. Aber …“

„Woher weißt du denn, dass nicht ich es war, die Hugh abserviert hat?“ Jetzt war ich richtig wütend. „Außerdem geht es hier nicht um Hugh, sondern um dich und mich. Denk doch mal nach, Mr D. Ich kenne nicht mal deinen Namen. Du warst nicht gerade das, was man offen nennt, verstehst du?“

„Mein Name? Du willst also meinen Namen wissen? Er lautet …“

„Hör auf!“ Ich keuchte, als sei ich gerade mit dem Fahrrad einen Hügel hinaufgerast. „Sag ihn mir nicht!“

„Was genau willst du von mir, Jo?“ Seine Stimme klang sanft und beinahe traurig.

Ich weiß es nicht. Dich. Vielleicht.

Und dann dachte ich an all die Männer, die ich irgendwann mal geliebt hatte. Männer, die behauptet hatten, meine Liebe zu erwidern. Ich dachte an all die Fehler und Seitensprünge. Wie man sich zurückzog und einander gleichgültig wurde. Ich erinnerte mich, wie ich Hugh irgendwann im Bett weggeschoben hatte, weil seine Liebe mich erdrückte; ich erinnerte mich auch, wie ich die Hand nach ihm ausstreckte, wenn ich von Einsamkeit und Reue völlig zerfressen war. Sein ungeduldiges Schnauben, mit dem er meine Hand abschüttelte.

Passierte das in jeder Beziehung? Diesen allzu vertrauten Weg wollte ich nicht noch einmal beschreiten. Ich wollte mich nicht schon wieder darauf einlassen. Irgendwann würde ich wissen, dass ich das Risiko wieder eingehen konnte. Aber nicht jetzt, während ich von Hughs Seitensprung völlig desillusioniert und ziemlich mitgenommen war.

Ich atmete tief durch. „Ich glaube, das ist nicht das Richtige für mich. Tut mir leid. Wir sollten uns jetzt verabschieden.“

Es war vorbei.

Seine letzten Worte hallten immer noch in meinem Kopf wider. „Also gut. Es tut mir leid, Jo.“

Ein Klicken, dann Stille.

Ich hatte heute einen Freund verloren.

Patrick war inzwischen fest entschlossen, in das Apartment von Jo Hutchinson am Yale Drive einzuziehen, wenn sie es ihm anbot. Und vermutlich würde sie das. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass sie eine seiner Referenzen kannte. Das war ein gutes Zeichen, fand er.

Das Apartment war klein und lag über der Garage. Amerikaner hätten dazu Einzimmerwohnung gesagt. Er nannte es eher ein möbliertes Zimmer. Ein großer Raum mit einer winzigen Küchenzeile und einem Bad, mehr nicht. Von außen führte eine eigene Treppe in das Apartment. Jo hatte ihm angeboten, die Waschmaschine und den Trockner im Keller mitzubenutzen. Und sollte er mal was Größeres kochen wollen, durfte er dafür ihre Küche in Beschlag nehmen.

Er erzählte ihr, der moderne und schicke Backofen inspiriere ihn dazu, sofort mindestens ein halbes Dutzend Brote zu backen. Sie schaute ihn an, als wüsste sie nicht, ob er einen Scherz machte oder das ernst meinte.

Er mochte sie. Klar, sie war irgendwie exzentrisch, und er fühlte sich merkwürdig dabei, dass er sie schon mal nackt gesehen hatte.

Die ersten fünf Minuten starrte sie ständig auf sein Kinn, und dann erklärte sie ihm, es sei durchaus ein Fortschritt, dass er dieses komische Bärtchen abrasiert hatte. Wenn man bedachte, wobei er sie am Vortag erwischt hatte, sollte er sich wohl geschmeichelt fühlen, weil sie seine Gesichtsbehaarung bemerkt hatte. Er setzte zu einer langen Erklärung an, wie er beim Rasieren immer wieder an sein Bärtchen gekommen war, bis es ausgefranst und unsauber aussah. Was er aber eigentlich sagen wollte, war, dass er insgeheim wünschte, er hätte ihre Brüste besser sehen können, als sie gestern nackt auf dem Sofa lag.

Heute trug sie so ein blaues unförmiges, kleidähnliches Ding. Beine und Füße waren nackt. Wahrscheinlich war der Fummel aus Hanf oder Tofu oder Kompost wie alles in dieser Stadt. Ihm gefiel ihr schlanker Körper. Ihr kurzes dunkles Haar wirkte wild und zerzaust; dieser Style hatte entweder eine Menge Geld gekostet oder war versehentlich entstanden.

Sie sah nicht so aus, wie sie im Radio klang. Sie war jünger, als er gedacht hatte, ungefähr in seinem Alter. Ende zwanzig. Aber ihre Stimme war auch in echt sehr sexy, und er gestand ihr, dass ihm die Musik gefiel, die sie nachts spielte, auch wenn er sie nicht immer verstand.

„Magst du deinen Job als DJane?“, fragte er.

„Ich bin musikalische Leiterin. Ich wähle die Musik für das Programm aus. Die paar Stunden, die ich moderiere, machen nur einen Teil meiner Arbeit aus.“

Er hatte das Gefühl, von ihr zurechtgewiesen zu werden. Dafür, dass sie einen noch verrückteren Job hatte als er und aussah, als stamme sie aus einer anderen Welt, war sie ziemlich auf Zack, als er sie nach Versicherungen, Sicherheit und einem Kabelanschluss fragte.

Als sie wieder in der Küche standen, schenkte sie ihm einen Becher Kaffee ein und las seine Bewerbung noch mal durch. „Hier steht, du arbeitest als Webdesigner.“

„Ja, ich werde von zu Hause aus arbeiten.“

„Das ist okay. Wir werden uns nicht allzu oft über den Weg laufen. Ich schlafe meistens tagsüber.“ Sie schenkte ihm Kaffee nach. „Ich habe ein Mac-Notebook. Das mag ich sehr.“

„Ich arbeite auch mit dem Mac. Ich hab drei und dazu sechs Bildschirme. Ich zeige dir gern meinen Aufbau.“ Er verstummte, weil es in seinen Ohren so großspurig klang. Als wedelte er mit seinem Schwanz vor ihrem Gesicht herum, um ihr zu beweisen, dass seiner größer war als der ihres Freundes. (War er tatsächlich.)

Er erzählte ihr von seiner Scheidung und beschränkte sich dabei auf die kalten, nüchternen Fakten. Dass er ausziehen wollte, bis seine zukünftige Exfrau ihren Master gemacht hatte, damit sie anschließend das Haus verkaufen konnten. Sie nickte mitfühlend, und er verspürte den unwiderstehlichen Drang, ihr zu gestehen, wie depressiv und wuschig er war. Stattdessen erzählte er ihr, er stehe finanziell auf sicheren Füßen und sei ein solventer Mieter und so weiter.

Es war ihm irgendwie peinlich, aber er versuchte, sich vorzustellen, wie er sie überredete, sich nach vorne zu beugen, damit er unter das blaue unförmige Ding von Kleid gucken konnte. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob Frauen auch so viel Zeit und Energie darauf verschwendeten, Männern auf den Schritt zu starren oder ihre Beine prüfend zu mustern. Elise hatte ihm einmal erklärt, Männer seien von Natur aus wie Vögel, die sich aufplusterten, weshalb es bei warmen Temperaturen nicht besonders schwierig war, einen frei schwingenden Penis zu entdecken – oder zu ignorieren.

Während des Gesprächs stand Jo einmal auf einem Bein und hatte den anderen Fuß gegen ihr Knie gedrückt – wie bei einer Yogastellung. In dieser Stadt musste man einfach Yoga, Pilates oder etwas Vergleichbares betreiben, wenn man nicht riskieren wollte, ausgegrenzt zu werden. Er machte nichts von alledem. Vermutlich gab es hier so was wie eine Einsatztruppe der Polizei, die bei unbescholtenen Bürgern die Türen eintrat und nachschaute, ob man auch den großen Zeh im Ohr stecken hatte.

Ihre tollen Beine konnte er kaum ignorieren.

Sie gaben sich zum Abschied die Hand, und sie versprach ihm, sich zu melden.

Als er wegfuhr, entschloss er sich, unbedingt zu vergessen, dass er sie nackt gesehen hatte. Und nicht mehr darüber nachzudenken, wie sie wohl unter diesem Sack von Kleid aussah (ziemlich gut, vermutete er). Das war wirklich ein Fehler gewesen. Er hatte das Stöhnen und Keuchen schon vorher gehört und gedacht, jemand leide unter Schmerzen. Als er durch die offene Haustür geschaut hatte, war ihm als Erstes der Weihnachtsmannslip auf dem Fußboden aufgefallen. Im Schritt war das Höschen nass gewesen.

Was danach kam, war ein noch viel schlimmerer Fehler gewesen. Er hatte bestimmt fünf Minuten einfach in der Tür gestanden und bei diesem unvorstellbar geilen Sex zugeschaut. Es hatte ihn verdammt erregt zu beobachten, wie der Schwanz von diesem Kerl sich in ihr rein und raus bewegte. Der Schwanz interessierte ihn überhaupt nicht. Aber er konnte sehen, wie er ihre Möse teilte und weit öffnete. Sie war ganz rosig und wunderhübsch und schimmerte feucht unterhalb ihres kleinen Nests aus schwarzem Schamhaar. Diese Möse war der aufgehende Stern in seinem nächtlichen Pornokopfkino.

Scheiße. Hier ging es um was Geschäftliches. Zumindest vorübergehend. Und er sollte doch eigentlich erleichtert sein, weil er jetzt eine Wohnung gefunden hatte. Aber er war vor allem traurig.

Er konnte es kaum erwarten, endlich nicht mehr mit Elise unter einem Dach zu leben. Aber ihm grauste vor dem tatsächlichen Auszug und dem Abschied. Denn von da an würden sich mit dieser Ehe nur noch die Anwälte beschäftigten.

Noch mehr Tränen. Seine, vielleicht sogar ihre.

Wie hatte das mit ihnen nur so schiefgehen können?

Donnerstagabend hatten wir im Sender eine Sitzung, an der alle Moderatoren teilnahmen. Ich war ebenso dabei wie zwei Vollzeitnachrichtensprecher und ein paar Volontäre und Springer. Ich berichtete, was es im Sender Neues gab, und lobte alle ausdrücklich für ihren schnellen Einsatz in der Vorwoche, als wir eine Eilmeldung hatten. Dann gab ich ein paar Informationen von unserem Programmdirektor Neil weiter. Er war mein Chef, und ich tat so, als würde ich nicht merken, dass alle permanent grinsten und die Augen verdrehten.

Manchmal tat Neil mir leid. Aber meistens nervte er einfach nur. Ursprünglich war er vom Fernsehen zu uns gekommen, und da wir in der Hinsicht echte Snobs waren, hatten Kimberly und ich uns von Anfang an über seine Vorliebe für teure Anzüge, exklusive Haarschnitte und vor allem seinen offensichtlichen Ehrgeiz lustig gemacht. Außerdem hatte er dummerweise nicht viel Ahnung von Musik und sprach die Namen der Komponisten ständig falsch aus, wenn er tatsächlich mal eine Sendung übernahm. Bei Mitarbeiterversammlungen redete er immer lang und breit über Talkshows im Radio oder darüber, mehr Nachrichten zu bringen.

Auf meinem Schreibtisch fand ich anschließend einen Kleidersack. Die Designerklamottenfee Kimberly war da gewesen und hatte mir den Rock, die Schuhe und einen Ordner hinterlassen, in dem jedes winzige Detail über das Innenleben unserer Opfer für die morgige Nacht verzeichnet war. Ich war mit Willis Scott III. verabredet, der zum hiesigen Geldadel gehörte. Er war ein Mittdreißiger und Besitzer einer Immobilienfirma. Ich gähnte, während ich rasch überflog, wo er zur Schule gegangen war, welche Hobbys er pflegte und wo er sich sonst noch als Wohltäter aufspielte.

Ganz oben auf dem Briefbogen hatte Kimberly in ihrer runden, verrückten und mädchenhaften Handschrift noch folgende Anweisungen vermerkt:

Lass dich wachsen. Geh zum Azure Sky Salon und erwähne dort meinen Namen.

Keinen Knoblauch.

Sag nicht zu oft das F-Wort.

Krittel nicht am Orchester herum.

Und bitte: Diesmal schneidest du dir die Haare nicht selbst.

Nur um mich zu ärgern, hatte sie über das i in Kimberly einen grinsenden Smiley gemalt.

Wachsen? Machte sie Witze? Ich hoffte, sie meinte bloß meine Beine und Achseln. Zu dieser Jahreszeit verdrängte ich gerne die Notwendigkeit von glatter Haut.

Ich sah noch rasch die restliche Post durch. Das meiste landete auf direktem Weg im Papierkorb.

Ein Briefumschlag musste persönlich beim Sender abgegeben worden sein. Vorne stand nur mein Name in engen Lettern aufgedruckt. Der Brief musste von Mr D. stammen. Ich wollte ihn so gerne öffnen. Aber nachdem wir einander so wehgetan hatten, fürchtete ich mich vor dem, was er schreiben könnte. Seine Vergebung machte es vielleicht noch schlimmer als jede Anschuldigung.

Im Umschlag war nur ein Blatt.

Ich vermisse dich schon jetzt.

Darunter standen eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse.

Ich drehte das Blatt um, obwohl ich wusste, dass die andere Seite leer war. War diese Nachricht wirklich für mich? Zumindest stand mein Name auf dem Umschlag. Er war mit der gleichen schmalen Computerschriftart bedruckt wie der Brief. Er musste von Mr D. sein, oder? Wer sollte mir sonst so eine Nachricht schicken?

Ich konnte ihn anrufen. Ich konnte …

Das Blatt Papier baumelte zwischen meinen Fingerspitzen.

Dann gäbe es keine Privatsphäre mehr. Ich hatte zwar zu Hause eine Telefonnummer, die in keinem Telefonbuch auftauchte, aber meine Daten waren wie die aller Menschen in zahllosen Datenbanken verfügbar und konnten problemlos gefunden werden. Ich knüllte den Brief zusammen und warf ihn in den Papierkorb. Dann holte ich ihn wieder hervor, strich ihn mit der Handfläche glatt und wünschte, er hätte ihn von Hand geschrieben und nicht getippt. Es gab nur eine Möglichkeit, herauszufinden, ob dieser Brief wirklich von Mr D. kam. Ich konnte die Nummer anrufen, ganz einfach.

Aber nein, nicht jetzt. Ich faltete das Papier zusammen und legte es in die Schreibtischschublade. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Schließlich konnte ich nicht sicher sein, dass der Brief von ihm kam. Ein Gutteil der männlichen Bevölkerung auf diesem Planeten glaubte, Frauen arbeiteten nur deshalb bei einem Radiosender, um einen Mann abzukriegen. Und viele Männer fühlten sich davon angesprochen. Sie schickten Fotos, manchmal mit ihren Katzen und Hunden. Manche, die wohl lieber anonym bleiben wollten, präsentierten stolz ihre Erektion, aber nicht ihr Gesicht. Sie schickten mir ihre Lebensläufe oder lange, ausschweifende Briefe, in denen sie mir erklärten, wir seien im England zur Zeit König Artus’ bereits Seelenverwandte gewesen. Wir zogen einen Haufen merkwürdiger Typen an. So war es, und so würde es immer sein.

„Du siehst gut aus. Warst du heute im Azure Sky? Hat alles geklappt?“ Kimberly beugte sich vor und überprüfte im Spiegel der Damentoilette ihren Lippenstift.

„Hm-hm.“ Einer der Einwegrasierer, die Hugh bei seinem Auszug dagelassen hatte, war ausreichend gewesen.

„Und jetzt sei bitte nett zu ihm.“

„Du klingst, als gehörte dir der beste und schönste Puff in Texas.“ Ich schob meine kleine silberne Handtasche unter einen Ellbogen, rückte meinen Shawl zurecht und zwang meine Nippel, sich zu benehmen. Unter dem grauen Neckholdertop aus Seide, das vom Flohmarkt stammte, hatte ich keinen BH an. Über meinen Knien bauschte sich der Taftrock. Um mein Outfit als glückliche Radiomoderatorin auf Geldgeberfang zu komplettieren, trug ich schwarze Nahtstrümpfe und lange baumelnde Ohrringe mit unechten Diamanten.

Kimberly umfasste meinen Ellbogen und führte mich aus der Damentoilette.

„Du hast das Recht zu schweigen. Du hast …“

„Klugscheißerin.“ Sie zog mich quer durchs Foyer, in dem sich während der Pause wohlhabende Zuschauer drängten. Unter ihnen waren auch ein paar alte Birkenstock-Hippies, sonst waren fast alle mittleren Alters. Die wenigen jungen Leute waren in Jeans, Wanderstiefeln und mit Weste gekommen. Die Sinfonie zog ein sehr gemischtes Publikum an.

Wir gesellten uns zu ein paar Leuten, die Champagner tranken. Unser Manager Bill stand ebenso dabei wie der Direktor der Sinfonie. Kimberly stellte uns einander vor und warf dabei affektiert ihre blonde Mähne nach hinten. So lernte ich Willis Scott III. kennen.

Er war der Typ Mann, auf den normalerweise Kimberly stand. Ich mochte ja eher die Typen in verwaschenen Jeans oder ausgebeulten Stoffhosen. Er hatte dunkles, leicht grau meliertes Haar und einen teuren Haarschnitt, trug Anzug und Rasierwasser, als gehörten sie zu ihm – und ja, er sah gut aus.

„Ich bin überrascht, dass Sie gerne in die Sinfonie gehen“, sagte er.

„Warum?“

„Sie hören doch jeden Tag Musik.“

„Ich höre eigentlich gar nicht so oft hin. Es gibt im Studio eine Menge zu tun, während die Musik spielt.“ Telefonsex, zum Beispiel.

„Klingt spannend.“

Ich nickte und wusste nicht, was ich sagen sollte. „Erzählen Sie mir doch mal, was Sie so machen.“

Das machte er sehr gerne. Er redete wie ein Wasserfall über den Leitzins und Eigenkapital und warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt war, um in Immobilien zu investieren.

Ich trank Champagner und gab mir Mühe, klug auszusehen.

„Ich habe da ein Neubauprojekt im Norden der Stadt“, sagte er. „Großartige Architektur in richtig exklusiver, sehr beeindruckender Lage. Wir wollen die ursprüngliche Natur des Grundstücks erhalten; mit Bäumen und so. Das soll was Hochpreisiges werden, verstehen Sie, was ich meine? Zum Großteil Wochenendhäuser …“

„Wenn Sie sich so viel um die ursprüngliche Natur sorgen, wieso wollen Sie dann überhaupt da bauen? Ist ja nicht so, als wären die Häuser für Menschen, die unbedingt eins brauchen.“

Er legte die glatte Stirn in Falten. „Es gibt eine Nachfrage, auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben. Sie wissen doch, Jo, wenn es den Bedarf gibt …“

Ich vermute, so was passierte, wenn man Designerklamotten trug oder sich etwas verrucht gab. „Ich habe nicht vor …“

„Rufen Sie mich an.“ Er gab mir eine Visitenkarte.

„Okay.“

Wie ein echter Gentleman hielt er mein Champagnerglas, während ich mein Täschchen öffnete und seine Karte einsteckte.

Er schob sich etwas näher und zog den Shawl wieder über meine Schulter. Seine manikürten Finger ruhten etwas zu lang auf meiner nackten Schulter. „Sie sind eine sehr attraktive Frau. Vielleicht können wir ja mal zusammen essen gehen?“

Ich machte einen Schritt zurück. „An den meisten Abenden arbeite ich, Willis.“

„Dann zum Mittagessen. Wir können danach raus zum Neubaugebiet fahren. Ein bisschen Landluft schnuppern. Wie klingt das?“

„Ich melde mich bei Ihnen.“ Ich konnte es kaum erwarten, seine Visitenkarte wegzuschmeißen. Natürlich nur in den Papiermüll.

„Schöne Schuhe.“

Ach genau. Das fehlte mir gerade noch – ein Schuhfetischist. Na ja, vielleicht versuchte er auch einfach nur, einfühlsam zu sein.

Zu meiner großen Erleichterung erklang jetzt der Gong, der zur zweiten Hälfte des Konzerts rief. Während wir langsam zurück in den Konzertsaal gingen, schob sich eine aus der Gruppe – eine Frau in den Vierzigern mit hellen Haaren – an meine Seite.

„Ich wollte Ihnen sagen, wie sehr ich Ihre Sendung mag.“

„Danke.“

„Sie klingen immer so aufgeschlossen. Ich glaube, viele Menschen lassen sich von klassischer Musik allzu leicht einschüchtern. Das ist eine Schande.“

„Das ist es. Tut mir leid, aber ich habe Ihren Namen nicht präsent.“

„Ich bin Liz Ferrar.“ Sie lächelte und berührte flüchtig meinen Arm. „Wenn Kimberly glaubt, Willis sei für den Sender ein aussichtsreicher Geldgeber“, flüsterte sie mir verschwörerisch zu, „verschwendet sie ihre Zeit. Er ist ein echter Geizkragen. Das trifft auf die ganze Familie zu. Außerdem ist er ein Idiot.“

„Stimmt, ja! Er hat mich grade so dreist angebaggert, das glaubt man nicht. Sind Sie nicht die Frau, die das Frauenhaus hier in der Stadt führt?“ Sie war die Referenz, die Patrick mir genannt hatte. Diejenige, von der ich behauptet hatte, sie zu kennen. „Ich glaube, Sie sind mit Patrick Delaney bekannt.“

„Ja, das bin ich. Ein netter Kerl. Er kümmert sich kostenlos um unsere Webseite. Woher kennen Sie ihn?“

„Er hat sich bei mir als Mieter beworben.“

„Das ist gut. Ich bin froh, dass er Elise verlässt. Ich meine, normalerweise ist es schrecklich, wenn eine Beziehung auseinanderbricht. Aber wenn beide so unglücklich sind …“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Kommen Sie doch mal vorbei und besuchen Sie uns – also mich und Patrick. Rufen Sie mich einfach beim Sender an.“ Wir tauschten Visitenkarten aus.

Ich war glücklich. Wenigstens eine neue Freundin hatte ich an diesem Abend gefunden. Als Kimberly etwas sagen wollte, brachte ich sie mit einem Pst! zum Schweigen und lauschte der Musik.

Kurz nach Ende des Konzerts erreichte ich den Sender mit einem Taxi und bereitete mich auf einen ruhigen Abend vor. Höchste Zeit, dass ich mal meinen Papierkram auf Stand brachte. Ich musste für den Newsletter einen Artikel schreiben und das Programm für die kommenden Monate festlegen.

Jedes Mal wenn das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen.

Morgens um zwei hatte ich Feierabend. Ich fuhr meinen Computer runter, räumte das Mischpult auf und wollte gerade nach dem Telefon greifen, um mir ein Taxi zu rufen.

Es klingelte. Anrufer unbekannt.

Ich starrte das Telefon an. Ich war nicht verpflichtet, den Anruf anzunehmen, denn wir waren nicht mehr auf Sendung. Nach dem siebten Klingeln würde der Anrufer auf den Anrufbeantworter des Senders umgeleitet.

Aber ich ging trotzdem dran.

„Ich habe dich vermisst“, sagte er.

„Ich habe dich auch vermisst.“

„Es tut mir leid, Jo. Ich habe dich zu sehr bedrängt.“

„Ist schon in Ordnung.“

Er seufzte. „Ich wollte einfach nur, dass wir ehrlich zueinander sind. Es ist nun zwei Nächte her, und ich hatte eine Menge Zeit zum Nachdenken. Und …“

„Und?“

„Wir brauchen nicht diese Art Beziehung. Wir haben unglaublich viele Sachen, über die wir reden können. Also müssen wir nicht so weitermachen. Es sei denn, du willst es.“

„Was willst du denn?“

Er lachte wieder. „Ich will das, was du bereit bist, mir zu geben. Liebes, es hat mir wirklich unheimlich viel Spaß gemacht. Aber ich liebe es, mit dir zu reden. Es ist also deine Entscheidung, wie es jetzt mit uns weitergeht. Du hast übrigens heute Abend im Konzerthaus einfach umwerfend ausgesehen.“

Meine Stimme ging eine Oktave höher. „Oh mein Gott. Bitte sag mir jetzt nicht, dass du dieser verrückte Immobilienheini bist. Oder dass du ihn kennst. Nein, natürlich bist du’s nicht. Deine Stimme ist ganz anders … tut mir leid, ich schweife ab. Du warst da?“

„Ich habe meine Quellen.“ Er zögerte. „Ich will damit nur sagen, dass du eine richtige Beziehung haben solltest, Jo. Ich wäre natürlich eifersüchtig. Aber ich will einfach nicht, dass du dich mir irgendwie verpflichtet fühlst.“

„Du versuchst gerade, mich fallen zu lassen, stimmt’s?“

„Irgendwie schon. Ich will dich nicht verlieren und hoffe, das wird nicht passieren. Ich hoffe, wir werden Freunde sein. Ich akzeptiere es, wenn du mich nicht persönlich kennenlernen willst. Was wir machen, liegt ganz allein bei dir.“

Ich legte den Kopf in die freie Hand und stöhnte. „Ich weiß nicht, ob wir wieder zurückkönnen. Mir ist auch nicht ganz klar, worüber wir gerade streiten.“

„Ich weiß nicht mal, ob wir streiten. Ich will einfach nicht, dass unsere … Affäre für dich schmerzhaft ist.“

„Affäre. Du bist so altmodisch.“

„Das bin ich. Wie würdest du unsere Beziehung denn sonst nennen?“

„Ich weiß nicht. Ist das denn wichtig? Es ist, wie es ist. Was auch immer das genau ist.“ Ich zögerte. „Und wenn ich jemanden vögle? Was passiert dann?“

„Du meinst, ob du mir davon erzählen sollst?“

„Ja.“

„Wenn du das möchtest …“

„Soll ich es nur erzählen oder … beschreiben?“

„Wonach dir auch immer ist.“

Er brachte den Ball immer wieder in mein Spielfeld. Ich hatte die volle Kontrolle. Oder ich sollte glauben, die Kontrolle zu haben.

Autor

Janet Mullany
Janet Mullany ist in England geboren und aufgewachsen. Ihre Romanheldinnen damals waren Georgette Heyer und Jane Austen. Sie arbeitete als Archäologin, Radiomoderatorin für einen Klassik – Sender, Buchhändlerin und als Editor für einen kleinen Verlag. Ihr zweites Buch wurde 2007 veröffentlicht und war preisgekrönt. Sie ging dazu über mehr Regency...
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