Baccara Collection Band 493

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DEINE LIEBE IST MEIN HAUPTGEWINN von STELLA BAGWELL

Single-Mom Heidi gewinnt einen Luxusurlaub auf der Fortune’s Gold Ranch. Schon bei der Ankunft spürt sie eine besondere Verbindung zu Rafe, dem charmanten Ranchmanager. Aber je heißer es zwischen ihnen knistert, umso mehr hält Rafe sie auf Abstand. Ist sein Herz nicht frei?

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  • Erscheinungstag 24.01.2026
  • Bandnummer 493
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537766
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Stella Bagwell, Rachel Bailey, Cindi Myers

BACCARA COLLECTION BAND 493

Stella Bagwell

1. KAPITEL

Rafe Fortune, Leiter des Gästebetriebs auf der Fortune’s Gold Ranch, saß an seinem Schreibtisch und überflog eine Liste mit den Ausgaben für den Monat Februar. Die Kosten für den Unterhalt der luxuriösen Gästeranch waren höher als erwartet.

Er lehnte sich zurück, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und rollte den Kopf hin und her, um die Verspannung im Nacken zu lösen. Normalerweise herrschte immer Betrieb auf der Ranch, egal in welchem Monat des Jahres, aber in der vergangenen Woche hatte der Wetterdienst für die nächsten Tage einen schweren Schneesturm für den östlichen Teil von Texas vorhergesagt und die Bevölkerung gebeten, zu Hause zu bleiben und unnötige Fahrten zu vermeiden. Stornierungen und praktisch keine neuen Buchungen waren die Folge.

Doch weder der Mangel an Gästen noch die steigenden Kosten waren der Grund für Rafes Falte zwischen den Brauen. Nein, es waren die familiären Probleme, die in letzter Zeit aufgetreten waren. Vor allem der Vorfall, der seine Mutter Shelley veranlasst hatte, in Tränen auszubrechen, ihren Koffer zu packen und ins nahe gelegene Emerald Ridge Hotel zu ziehen. Die Trennung seiner Eltern nach fünfunddreißig Ehejahren hatte ihn zutiefst erschüttert.

Sicher, das Paar hatte in letzter Zeit einige schwierige Phasen durchlebt, doch der Gedanke, dass Garth ein Ehebrecher und Vater eines unehelichen Kindes sein könnte, war für Rafe unvorstellbar. Aber als Shelley diese anonyme SMS erhielt, in der stand, dass ihr Mann der Vater von Baby Joey war, hatte sie dem Verfasser der Nachricht offensichtlich geglaubt. Sonst hätte sie nicht die Villa verlassen, die sie ihr ganzes Eheleben lang ihr Zuhause genannt hatte. Jetzt, Wochen später, wohnte Shelly immer noch im Emerald Ridge Hotel, und Garth wurde von Tag zu Tag mürrischer.

Rafe seufzte tief und versuchte, die anhaltenden familiären Turbulenzen aus seinem Kopf zu verbannen. Aber das war unmöglich, solange nicht geklärt war, wer der Vater des Neugeborenen war, der auf der Schwelle seines Elternhauses ausgesetzt worden war. Der einzige Hinweis auf die Identität des Jungen war der Name Joey, der auf seinen Strampler gestickt war, und ein Zettel, der im Korb gelegen hatte. Das Baby ist ein Fortune. Bitte kümmert euch um ihn, denn ich kann es nicht.

Im Moment kümmerte sich Rafes Schwester Poppy um den kleinen Joey. Und sie schien jede Minute mit dem Baby zu genießen. Doch alle männlichen Fortunes standen jetzt im Rampenlicht, denn jeder rätselte und spekulierte, wer das Kind gezeugt haben könnte. Um die Vaterschaft zu beweisen oder zu widerlegen – je nachdem, wie die Familie es sehen wollte –, hatten sich alle sechs Fortune-Männer freiwillig einem DNA-Test unterzogen. Was in Rafes Fall überflüssig gewesen war, denn er hatte keine Frau mehr angerührt, seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben war. Trotzdem hatte er sich testen lassen, damit niemand einen skeptischen Blick in seine Richtung warf.

Die Tatsache, dass drei der sechs DNA-Proben – von seinem Vater, seinem Onkel und seinem Cousin Micah – „verschwunden“ waren und erneut genommen werden mussten, trug wenig dazu bei, die Verdachtsmomente gegen die Familie Fortune zu entkräften. Zumal Courtney Wellington, eine benachbarte Rancherin, angedeutet hatte, dass Garth für das „Verschwinden“ gesorgt haben könnte, um nicht als Vater genannt zu werden. Aber Rafe gab wenig auf das, was die Frau sagte. Seiner Meinung nach konnte man ihr nicht trauen.

Er hoffte, dass die Laborergebnisse bald vorlagen und sie die Antwort hatten, wer den kleinen Joey gezeugt hatte. Er konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, dass sein Vater derjenige war. Es blieben also sein Uncle Hayden und Micah. War einer von ihnen Joeys Vater?

Ein leises Klopfen riss Rafe aus seinen Gedanken. „Herein.“

„Entschuldigen Sie die Störung, Chef, aber eine Gift-of-Fortune-Empfängerin ist gerade eingetroffen. Unangekündigt.“

„Kein Problem, Josh. Einer der Vorteile bei dem Gewinn eines einwöchigen Aufenthalts auf unserer Gästeranch ist, dass die Person jederzeit kommen kann. Tag und Nacht, ohne uns Bescheid zu geben“, erinnerte er den Mitarbeiter.

Sein Cousin Drake, Leiter der Rinderzucht auf der Fortune’s Gold Ranch, hatte die Idee des Gift-of-Fortune vor einiger Zeit an ihn herangetragen. Das Konzept sah vor, dass eine mittellose Person, die ein paar erholsame Tage brauchte oder verdient hatte, einen einwöchigen Aufenthalt auf der Gästeranch geschenkt bekam. Vorschläge wurden von Freunden oder Verwandten eingereicht, und die gesamte Fortune-Familie hatte ein Mitspracherecht bei der Entscheidung, wer das Gift-of-Fortune erhalten sollte.

„Haben Sie den Namen?“

„Heidi Markham. Sie hat zwei Mädchen dabei. Kleinkinder. Etwa so groß.“ Er hielt seine Hand etwa einen Meter über dem Boden. „Ich habe sie in die Lobby begleitet und ihr gesagt, dass Sie gleich bei ihr sein werden.“

„Ich hoffe, Sie haben ihr eine Erfrischung angeboten“, sagte Rafe.

„Ja, aber die Lady hat abgelehnt. Die kleinen Mädchen – ich weiß nicht, ob sie schon aus einem Glas trinken können. Ich habe da keine Ahnung.“

„Okay. Danke, Josh. Ich bin in ein paar Minuten bei ihnen.“

Nachdem der Mitarbeiter das Büro verlassen hatte, rief Rafe schnell die Akte von Heidi Markham auf und las die Informationen auf dem Antrag, der in diesem Fall vom Babysitter eingereicht worden war. Heidi war siebenundzwanzig Jahre alt und lebte in Dallas, etwa eine Autostunde von der Fortune’s Gold Ranch entfernt. Der Vater der Zwillinge hatte sie schon zu Beginn der Schwangerschaft verlassen, und so kämpfte sie sich als alleinerziehende Mutter durch. Dem Babysitter zufolge arbeitete Heidi unermüdlich, um sich und ihren Töchtern ein Zuhause zu schaffen. Sie war eine hingebungsvolle Mutter und stellte sich nie in den Vordergrund.

In diesem Fall hatte die Familie Rafes Meinung nach richtig entschieden. Eine junge Frau, die allein Zwillinge aufzog, hatte eine Auszeit verdient. Doch die Verstellung, dass er es mit einer Mutter und zwei Kleinkindern zu tun haben würde, erfüllte ihn mit Grauen. Nicht, dass er Kinder nicht mochte. Er liebte Kinder jeden Alters. Aber ihre Nähe weckte in ihm schmerzhafte Erinnerungen an den Verlust seines eigenen kleinen Sohnes vor zwei Jahren.

Seit seine Frau Bridget und sein Sohn Adam nur wenige Kilometer von der Ranch entfernt bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, verfolgten ihn die Erinnerungen an seine verlorene Familie. Adam war erst ein Jahr alt gewesen. Wenn Rafe jetzt andere kleine Kinder ansah, stellte er sich vor, wie sein Sohn jetzt aussehen und was für ein Mann er werden würde.

Mit einem tiefen Seufzer schloss er die Akte Heidi Markham und stand auf. Zu seinem Job gehörte es, die Gift-of-Fortune-Empfänger zu begrüßen und dafür zu sorgen, dass sie sich willkommen fühlten.

Ein paar Minuten später betrat Rafe die Lobby. Als sein Blick auf Heidi und die Zwillinge fiel, schlug sein Herz einen Purzelbaum.

Sie saß in einer Ecke des langen Ledersofas, während die kleinen Mädchen in einem Doppelbuggy schliefen. Gerade strich sie einem Mädchen sanft die rötlich-blonden Locken aus dem Gesicht. Die Geste ähnelte so sehr der seiner verstorbenen Frau, dass Rafe bei dem Anblick buchstäblich der Atem stockte und er einen Moment innehalten und sich sammeln musste, bevor er zu ihr ging.

„Hallo“, begrüßte er sie. „Ich bin Rafe Fortune. Manager der Gästeranch und verantwortlich für die Gästebetreuung. Sie sind Heidi Markham?“

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Sie war eine Schönheit. Zierlich, langes kastanienbraunes Haar, das ihr über die Schultern fiel, zartes, herzförmiges Gesicht, cremefarbene Haut und braune Augen, lange, dunkle Wimpern.

„Ja, ich bin Heidi. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Fortune.“ Sie schüttelte ihm die Hand. „Und ich entschuldige mich dafür, dass ich ohne Vorwarnung aufgetaucht bin. Aber ich glaube, wenn ich mein Leben in Dallas nicht ganz schnell für ein paar Tage hinter mir gelassen hätte, wäre ich zusammengebrochen.“

Bei den letzten Worten röteten sich ihre Wangen, und ihm wurde klar, dass die Worte unbeabsichtigt aus ihr herausgeplatzt waren. An den dunkeln Schatten unter ihren Augen und den hängenden Schultern konnte Rafe erkennen, dass sie bis zum Äußersten gestresst war.

„Erstens nennen Sie mich bitte Rafe“, sagte er. „Und zweitens müssen Sie sich nicht entschuldigen. Als Gewinnerin des Gift-of-Fortune hatten Sie das Recht, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf die Ranch zu kommen.“

Sie atmete tief aus und zog ihre Hand zurück. „Danke, Rafe. Und nennen Sie mich bitte Heidi.“ Sie zeigte auf die Mädchen. „Das sind meine Zwillinge. Emma und Evelyn. Sie sind vierzehn Monate alt.“

Rafe betrachtete die schlafenden Kleinkinder. Sie waren nur zwei Monate älter, als Adam gewesen war, als das Auto von der Straße abgekommen war und sich überschlagen hatte. Vor diesem schicksalhaften Tag war sein Sohn ein glücklicher kleiner Junge gewesen, und Rafe hatte ihn über alles geliebt.

Er schob den schmerzlichen Gedanken beiseite. „Die Mädchen sehen aus wie Sie.“

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, und Rafe ertappte sich dabei, wie er sie fasziniert anstarrte. Nicht nur, weil sie so schön war. Sie zeigte so viel Freude, obwohl ihr Leben ein täglicher Kampf sein musste. Rafe wünschte, er besäße auch diese innere Stärke.

Er lächelte sie an. „Sie müssen müde sein nach der Fahrt. Darf ich Ihnen Ihre Unterkunft zeigen?“

Sie nickte. „Ein wenig Ruhe wäre schön. Aber zuerst muss ich wissen …“

Als sie verlegen verstummte, drängte er sie weiterzusprechen. „Was möchten Sie wissen?“

„Ähm … Ich möchte nur sicher sein, dass am Ende meines Aufenthalts hier keine Kosten auf mich zukommen. Ich meine … Ich habe das Informationsblatt gelesen, das der Geschenkkarte beilag, aber ich habe Angst, dass es eine Art Aufschlag oder Steuern geben könnte. Dafür hätte ich kein Geld. Es ist besser, ich finde es jetzt heraus, als dass es am Ende zu einer peinlichen Situation kommt und ich Ihnen etwas schulde.“

Offensichtlich musste Heidi Markham jeden Penny zweimal umdrehen und das Geld, das sie verdiente, reichte nicht für einen Urlaub oder sonstige Dinge, die nicht unbedingt notwendig waren. Der Gedanke machte ihm mehr zu schaffen, als er sollte. Seit dem Start des Gift-of-Fortune-Programms waren schon einige mittellose Menschen hierhergekommen. Aber an Heidi berührte ihn irgendetwas auf eine Art, die er nicht ganz verstand.

„Heidi, ich kann Ihnen versichern, dass Sie der Aufenthalt hier keinen Cent kostet. Alles ist völlig kostenlos. Auch Extrawünsche. Sie können zu jeder Tages- und Nachtzeit die Rezeption anrufen und ihre Wünsche werden erfüllt. Auch für Ihre Kinder stellen wir alles zur Verfügung. Kinderbettchen, Windeln, alles, was Sie benötigen. Und es gibt auf der Gästeranch eine Kindertagesstätte, die von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends geöffnet ist. Außerhalb dieser Zeit steht ein Babysitter zur Verfügung, ohne zusätzliche Kosten natürlich. Außerdem steht eine Limousine mit Fahrer für Sie bereit.“

Während er sprach, konnte er an ihrem erstaunten Blick erkennen, dass sie mit solch einem Luxus für sich und ihre Töchter nicht gerechnet hatte. Der Gedanke hob Rafes Stimmung ein wenig. Auch wenn seine eigene Familie im Moment eine schwere Zeit durchmachte, so konnte sie zumindest anderen noch ein wenig Freude bereiten.

„Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll, Mr. … ähm, Rafe. Dies ist unglaublich, wie … nun, ich war noch nie an einem so schicken Ort.“ Sie sah sich ehrfürchtig in der Lobby um. „Ich werde mich eine Woche lang wie eine Prinzessin fühlen.“

Ihre Aufregung zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. „So soll es sein“, sagte er. „Wenn Sie jetzt mit mir kommen, dann bringe ich Sie, Emma und Evelyn zu Ihrer Blockhütte.“

„Oh! Ja, das wäre großartig. Danke.“

Sie legte die Hände an den Griff des Buggys. Die Zwillinge schliefen noch tief und fest. Beide waren in Decken gewickelt, sodass nur die kleinen Gesichter mit den rosigen Pausbäckchen zu sehen waren.

Zwei kostbare Engel, dachte Rafe. Ob Heidi wusste, wie gesegnet sie war? Eben noch hatte er seinen lachenden Sohn in den Armen gehalten und dann, eine halbe Stunde später, hatte er den Anruf erhalten, dass seine Frau und sein Kind tot waren. Er konnte nur beten, dass Heidi nie einen solchen Verlust erleiden musste.

Oh Gott, er konnte nicht zulassen, dass seine Gedanken jetzt zu diesem dunklen Teil seines Lebens zurückkehrten. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und in diesem speziellen Fall wollte er sicherstellen, dass Heidi nach einer Woche die Ranch mit dem Gefühl verließ, eine Prinzessin zu sein.

Heidi war zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich sprachlos. Eigentlich war sie von dem Moment an, als sie mit ihrem alten, klapprigen Auto durch das prächtig verzierte Tor am Eingang der Fortune’s Gold Ranch gefahren war, völlig überwältigt gewesen. Einen Moment lang hatte sie bei dem Anblick des Hauptgebäudes den Drang verspürt, umzudrehen und nach Dallas zurückzufahren. Das majestätische Gebäude wirkte wie ein Märchenschloss, in dem ein König und eine Königin residierten, nicht eine arbeitslose Kellnerin. Und als sie die elegante Lobby betrat, war der Drang noch stärker geworden. Aber sie brauchte eine Pause, und auf der Gift-of-Fortune-Karte hatte gestanden, dass sie willkommen war. Aber waren Menschen wie sie wirklich willkommen?

Der Luxus, mit allem versorgt zu werden, was sie und die Mädchen brauchten, eine Limousine mit Fahrer, all das war mehr, als ihr Verstand aufnehmen konnte.

„Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll. Da ich kein zahlender Gast bin, habe ich auch keine Sonderbehandlung erwartet.“

„Glauben Sie mir, Heidi. Gift-of-Fortune-Empfängerin zu sein, macht Sie sehr besonders. Meine Familie und ich möchten, dass Sie einen unvergesslichen Aufenthalt hier haben.“

„Danke“, murmelte sie. „Ich weiß dieses Geschenk sehr zu schätzen.“

Er schenkte ihr ein Lächeln. „Sehr nett von Ihnen, das zu sagen.“ Er öffnete eine der Glastüren, damit sie mit den Mädchen auf den Laubengang hinaustreten konnte.

Heidi vergewisserte sich, dass die Mädchen warm eingepackt waren, bevor sie den Buggy nach draußen schob. Der kalte Märzwind peitschte ihr ins Gesicht, als sie schnell zu der langen schwarzen Limousine lief.

„Ich helfe Ihnen, die Mädchen in die Kindersitze zu setzen“, sagte Rafe, als sie das wartende Auto erreichten.

„Danke. Das wäre eine große Hilfe“, erwiderte Heidi.

Der Chauffeur, ein großer Mann mittleren Alters in Anzug und mit Fahrermütze, öffnete die Tür zum Rücksitz.

Heidi nahm Emma aus dem Buggy und übergab sie Rafe. Sie war überrascht, wie sorgfältig er die Decke um die Kleine legte und ihr Gesicht schützend an seine Brust drückte, bevor er sie auf die andere Seite des Wagens trug.

Warum überrascht dich das, Heidi? Der Mann hat vermutlich Frau und Kinder. Daran hast du nicht gedacht, als du ihn in der Hotellobby angegafft hast, oder?

Heidi verdrängte die Stimme in ihrem Kopf, hob Evelyn aus dem Buggy und setzte sie in den Kindersitz.

„Jetzt noch der Buggy“, sagte sie zu Rafe.

„Ich kümmere mich darum“, sagte er. „Sie steigen ein.“

Heidi widersprach nicht. Sie fror bereits, und es tat ihr gut, dass einmal jemand etwas für sie tat und nicht umgekehrt.

Nachdem er den Buggy im Kofferraum verstaut hatte, schlüpfte er auf den Rücksitz.

„Wir können los, Titus“, sagte er zum Chauffeur. „Hütte 12.“

„Alles klar, Mr. Fortune.“

Der Wagen setzte sich in Bewegung und Heidi versuchte, sich auf die Umgebung zu konzentrieren und nicht auf ihren Gastgeber. Da sie in Dallas lebte, einer der reichsten Städte in den USA, wusste sie, wie Millionäre wohnten, aber die Fortune’s Gold Ranch schien noch ein Level höher angesiedelt zu sein. Und der Luxus machte auch vor der Gästeranch nicht halt.

„Die Hütten liegen hinter dem Haupthaus“, sagte Rafe leise, als die Limousine eine scharfe Rechtskurve fuhr. „Das Spa ist mit dem Hauptgebäude verbunden. Hinter dem Spa befinden sich mehrere Tennisplätze, zwei Swimmingpools und ein Café.“

„Oh. Ich hätte meine Geschenkkarte im Sommer einlösen sollen. Jetzt könnte es etwas kalt zum Schwimmen sein.“

„Das Wasser ist beheizt, aber ja, bei dem Wind heute könnte es etwas kalt werden“, stimmte er zu. „Es gibt auch Wander- und Reitwege. Reiten Sie, Heidi?“

Fast wäre ihr ein spöttisches Lachen über die Lippen gekommen. Reiten war ein Sport für die Reichen, nicht für eine alleinerziehende, berufstätige Mutter.

„Nein. Das einzige Mal, dass ich auf einem Pferd gesessen habe, war als Kind auf dem Jahrmarkt.“

Er sah sie an. „Wir haben ein paar sehr sanfte Pferde für Gäste, die noch nie geritten sind. Es könnte Ihnen gefallen.“

„Vielleicht.“ Sie wollte ihm nicht sagen, dass ihr am meisten gefallen würde, einfach mal die Füße hochzulegen und nicht zu kellnern oder sich Sorgen machen zu müssen, wie sie die nächste Miete bezahlen sollte. „Die Mädchen werden mich sicher genug auf Trab halten.“

„Denken Sie einfach daran, dass Sie Ihre Töchter in die Kita bringen können, wenn Sie mal Zeit für sich brauchen. Sie befindet sich im Erdgeschoss in einem der Flügel des Haupthauses. Das Personal ist qualifiziert und sehr engagiert.“

Sie lächelte ihn schwach an. „Danke.“

Er erwiderte ihr Lächeln, doch ihr fiel auf, dass das Lächeln seine Augen nicht erreichte. Vielleicht ist er zu erschöpft vom Geldverdienen, um wirklich glücklich zu sein, dachte sie. Ab und zu hatte sie reiche Geschäftsleute bedient und die meisten hatten erschöpft und gestresst ausgesehen. Aber Rafe Fortune könnten auch andere Dinge beschäftigen. Zum Beispiel eine Freundin oder Ehefrau.

Sie warf einen Blick auf seine linke Hand. Kein Ring, aber das besagte nichts. Manche Ehemänner trugen keinen Ring.

„Ich möchte nur, dass Sie während Ihres Aufenthalts alles genießen, was die Ranch zu bieten hat“, sagte er.

Das sollte sie wirklich tun. Denn dieser Luxus würde sich ihr nie wieder bieten.

Die Limousine hielt vor einer wunderschönen, auf einem Hügel gelegenen Blockhütte, die von Kiefern und Laubbäumen umgeben war. Das Gebäude entsprach nicht Heidis Vorstellung von einer Hütte. Es war ein Haus von beträchtlicher Größe, in das ihre kleine Wohnung vermutlich drei- oder viermal passen würde.

Trotz ihrer Erschöpfung betrachtete sie aufgeregt die Unterkunft, die sie für die nächste Woche ihr Zuhause nennen würde. Eine breite Holztreppe führte zur Veranda hinauf. Überall gab es große Fenster, was sie besonders genießen würde, denn ihre kleine Wohnung hatte nur drei winzige Fenster, die auf eine Gasse voller Müllcontainer hinausgingen.

„Ich hoffe, die Hütte gefällt Ihnen.“

„Sehr. Ich kann es kaum erwarten, sie von innen zu sehen“, erwiderte sie.

„Geben Sie Titus und mir ein paar Minuten, damit wir uns um das Gepäck und den Buggy kümmern können. Dann komme ich wieder und helfe Ihnen, die Zwillinge hineinzutragen.“

Sie nickte. „Okay.“

Als er aus der Limousine stieg, überlegte Heidi, wie sie Rafe hätte sagen können, dass sie mehr als ein Jahr Zeit gehabt hatte, sich daran zu gewöhnen, allein mit den Zwillingen zurechtzukommen. Anfangs war sie ständig erschöpft gewesen, bis ihre Nachbarin Martha ihre Hilfe anbot. Die freundliche Witwe war ihre Rettung gewesen und war zu einer treuen Babysitterin für die Zwillinge und zu einer mütterlichen Freundin für Heidi geworden.

Sie dachte noch an Martha und daran, wie diese Heidi heimlich für das Gift-of-Fortune empfohlen hatte, als Evelyn plötzlich anfing zu weinen.

„Alles ist gut, meine Kleine. Mommy nimmt dich gleich aus dem Sitz.“ Zärtlich strich sie mit der Hand über Evelyns Locken. Das Mädchen hörte zu sofort auf zu weinen, umklammerte Heidis Zeigefinger und lachte.

Das Lachen ihrer Töchter munterte Heidi immer wieder auf. Es gab sicherlich Frauen, die Zwillinge als Last empfanden. Heidi nicht. Für sie waren sie ein Geschenk. Egal, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatte, die Kinder gaben ihrem Leben einen Sinn.

Die Autotür wurde geöffnet und lenkte Heidis Aufmerksamkeit von Evelyn ab. Sie blickte auf und sah Rafes muskulösen Oberkörper, als er sich in den Wagen beugte.

„Alles ist bereit. Die Hütte wartet auf Sie und Ihre Töchter“, sagte er und blickte auf die Mädchen. „Welche der beiden soll ich nehmen?“

„Emma. Da sie noch schläft, merkt sie nicht, dass ein Fremder sie auf dem Arm hat.“

Heidi hängte sich die Handtasche über die Schulter, bevor sie Evelyn aus dem Sitz nahm und die Decke um sie wickelte. Auf der anderen Seite hob Rafe die schlafende Emma aus dem Sitz und vergewisserte sich, dass die Decke sie vor dem kalten Wind schützte. Als sie die Treppe zur Hütte hinaufstiegen, dachte Heidi, wie seltsam es war, ihre Tochter auf dem Arm eines Mannes zu sehen.

Sie betraten einen großen Wohnraum mit Holzbalken an der hohen Decke. Der Boden bestand aus poliertem Hartholz, auf dem Teppiche in dunklem Grün und Burgunderrot lagen. Vor dem Kamin stand eine gemütliche Ledergarnitur in einem warmen Karamellton, weitere Sessel in einem etwas dunkleren Ton standen vor bodentiefen Fenstern, die den Blick auf eine kleine Wiese freigaben.

„Ich habe ein Feuer im Kamin anzünden lassen, damit es schön warm ist. Aber die Hütte hat auch eine Zentralheizung. Wenn Sie also den Kamin nicht nutzen möchten, ist es trotzdem warm“, sagte Rafe. „Und für die Kinder wird gleich ein großer Laufstall gebracht, damit sie nicht ans Feuer können.“

Der Mann dachte aber auch an alles. Aber das war vermutlich sein Job. Zu wissen, was ein Gast brauchte.

„Jetzt würde ich Ihnen gern den Rest des Hauses zeigen.“ Er bedeutete ihr, ihm durch eine Tür zu folgen, die in einen kurzen Flur führte. „Die Küche mit Essbereich befindet sich gleich gegenüber. Gehen wir zuerst dorthin …“

Der Raum, in dem gekocht und gegessen wurde, sah aus wie aus Architectural Digest. Weiße Schränke mit gerahmten Glastüren säumten zwei Wände des Raums. In der Mitte befand sich eine lange Arbeitsinsel mit hochmodernen Geräten. Vor der großen Fensterfront mit Blick auf einen Kiefernhain stand ein massiver Eichentisch mit passenden Stühlen.

„Hier finden Sie alles, was Sie brauchen, um eine Mahlzeit oder einen kleinen Snack zuzubereiten. Natürlich können Sie auch jederzeit die Rezeption anrufen, wenn etwas fehlt. Es wird Ihnen dann sofort gebracht.“

Sie wollte lachen, aber das Geräusch, das über ihre Lippen kam, klang eher wie ein Würgen. „Meine Lebensmittelvorräte sind immer begrenzt. Ich fühle mich gerade wie … ein Kind, das ohne Aufsicht eines Erwachsenen in einen Süßwarenladen gelassen wird. Aber ich …“ Sie sah zu ihm und merkte, dass er sie musterte, als käme sie von einem anderen Stern. „Wenn ich wirklich etwas brauche, rufe ich an. Aber ich will nicht nerven.“

„Das wird nicht passieren, Heidi“, sagte er lächelnd und legte dann eine Hand an ihren Ellbogen und führte sie aus dem Raum.

„Bekommen viele Menschen das Gift-of-Fortune?“, fragte sie, als sie in das nächste Zimmer gingen.

„Einige. Mein Cousin Drake ist mit dieser Idee zu mir gekommen. Zusammen haben wir überlegt, wie wir die Initiative umsetzen können und wer dieses Geschenk bekommen soll. Bisher war es ein großer Erfolg.“

„Es ist vermutlich eine gute Werbung für Ihre Gästeranch“, sagte sie. Als sie sah, dass er die Augenbrauen zusammenzog, fügte sie schnell hinzu: „Nicht, dass Sie Werbung brauchen. Ich meinte nur … nun, ich werde ganz sicher meinen Freunden von diesem Ort erzählen.“

Na, da hast du ja toll mitten ins Fettnäpfchen getreten, Heidi. Kannst du nicht etwas mehr Klasse zeigen?

„Wir freuen uns immer über gute Empfehlungen von unseren Gästen“, sagte er.

Sie räusperte sich. „Als Kellnerin sehe ich jeden Tag viele Leute. Da kann ich mehr Werbung machen als mit einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitung.“ Sie lächelte so fröhlich, wie es ihr möglich war. „Aber im Moment sind meine beiden Jobs futsch.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Sie meinen, weil Sie hier sind und ein bisschen Urlaub machen, statt zu arbeiten?“

Sie spürte, dass ihre Wangen brannten. „Äh, nein. Eigentlich meinte ich, weil … nun, ich wurde gefeuert.“

„Gefeuert? Sie sind im Moment arbeitslos?“

Sie nickte. „Ich habe in zwei verschiedenen Restaurants gearbeitet, an unterschiedlichen Tagen. Alles lief gut, bis die Mädchen gleichzeitig erkrankten. Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste mir freinehmen, um mich um sie zu kümmern. Das dauerte dann mehrere Tage. Beide Restaurantbesitzer waren nicht begeistert, dass ich so viele Schichten ausfallen ließ. Zumal sowieso Personalmangel herrschte. Also wurde ich von beiden gefeuert.“ Sie holte tief Luft und zwang sich zu einem fröhlichen Lächeln. „Aber ich mache mir keine Sorten. Kellnerinnen sind wie Krankenschwestern, für diese Berufe gibt es immer freie Stellen. Doch es ist schwierig, als Kellnerin über die Runden zu kommen. Wäre ich Krankenschwester, ginge es mir besser. Aber das bleibt wohl ein Traum.“

Rafe sagte eine Weile nichts, und Heidi ahnte, was er von ihr dachte. Aber gut. Wenn sie diese Ranch in ein paar Tagen wieder verließ, würde sie den Mann nie wiedersehen. Es spielte keine Rolle, welche Meinung er von ihr hatte.

„Sie wurden gefeuert, weil Sie sich um Ihre kranken Kinder gekümmert haben? Ist das überhaupt rechtmäßig?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr auf dem Dienstplan stehe.“

Er wollte etwas sagen, doch Emma rührte sich plötzlich auf seinem Arm und öffnete die Augen. Sie sah ihn erstaunt an und begann, fröhlich sein Gesicht zu tätscheln.

„Ba-da-da!“

„Ich glaube, sie mag Sie“, sagte Heidi.

„Sie klingen überrascht. Stimmt etwas nicht mit mir?“

Sie lachte leise. „Nein. Es ist nur, dass die Mädchen nicht an Männer gewöhnt sind.“

„Verstehe. Nun, ich habe das Gefühl, sie fühlt sich wohl“, murmelte er, wirkte aber etwas angespannt.

„Ich nehme sie Ihnen ab“, sagte sie und streckte den freien Arm aus. „Sie können sie aber auch hinstellen. Beide Mädchen können laufen. Noch etwas wackelig, aber wenn sie sich an einer Hand festhalten können, geht es schon ganz gut.“

„Nicht nötig“, sagte er schroff und gab ihr ein Zeichen, den Flur entlangzugehen. „Ich trage sie, während wir uns den Rest des Hauses ansehen. Und dann können Sie übernehmen.“

Er lächelte nicht. Sie hörte auch keinen Hauch von Wärme in seiner Stimme und fragte sich, ob sie ihn mit ihren Worten beleidigt hatte. Oder waren die Kinder der Grund für seinen starren Gesichtsausdruck? Sie würde es wohl nie erfahren.

„Natürlich“, murmelte Heidi.

Es überraschte sie nicht, dass die Schlafzimmer und die beiden Badezimmer genauso luxuriös waren wie der vordere Teil des Hauses, und sie fragte sich, ob sie träumte, denn es war einfach alles zu schön, um wahr zu sein. Normalerweise würde sie um diese Zeit Bestellungen für Pommes frites und Burger oder frittiertes Hähnchen aufnehmen. Sie würde Gläser mit Tee oder Wasser nachfüllen und endlos Kaffee nachschenken und dafür sorgen, dass die Gäste alles bekamen, was sie wollten. Niemand fragte, ob sie etwas brauchte oder wollte …

„Heidi? Stimmt etwas nicht?“

Rafes Stimme drang in ihre Gedanken und sie drehte sich mit leerem Blick zu ihm. „Tut mir leid. Haben Sie etwas gesagt?“

„Ich habe gefragt, ob Sie noch etwas brauchen.“

„Nein, danke. Ich … ähm … Ich hatte einen anstrengenden Morgen mit der Fahrt und allem. Ich glaube, ich brauche nur etwas Ruhe.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Er sah in Richtung Haustür. „Ich glaube, Randy ist gerade mit den Sachen für die Kinder gekommen. Ich sehe mal nach.“

Heidi folgte ihm ins Wohnzimmer, wo ein junger Mann mit breiten Schultern und schwarzem Haar bereits dabei war, den Laufstall aufzuklappen.

„Wo soll ich ihn hinstellen, Miss Markham?“, fragte er.

Sie ging zu einem Platz zwischen Kamin und Fenster. „Hier wäre es schön. Es ist warm und die Mädchen können nach Herzenslust hinausschauen.“

Der junge Mann namens Randy stellte schnell den Laufstall auf, und kurz darauf setzte Heidi Evelyn auf den gepolsterten Boden des Laufgitters und zog ihr die Jacke aus. Als sie mit Evelyn fertig war, ging sie zu Rafe und streckte die Arme nach Emma aus. „Danke, Rafe, ich kann sie Ihnen jetzt abnehmen.“

Er reichte ihr die Kleine und wirkte irgendwie erleichtert. Dieser Mann ist ein Paradoxon, dachte sie. Er schien zu wollen, dass Heidi hier glücklich war und sich wohlfühlte. Aber mit ihren kleinen Mädchen schien er ein Problem zu haben. Warum?

Sie versuchte, nicht an ihn oder sein rätselhaftes Verhalten zu denken, als sie Emma die Jacke auszog und neben ihre Schwester in den Laufstall setzte. Die Kinder quietschten glücklich und beschäftigten sich miteinander.

„Da Randy jetzt hier ist und sich um alles kümmert, werde ich mich wieder auf den Weg machen“, sagte Rafe. „Ich komme morgen früh vorbei und schaue nach Ihnen. Wenn Sie irgendetwas brauchen, nehmen Sie einfach das Festnetztelefon und drücken die 0.“

„Wir kommen schon zurecht“, antwortete sie. „Und Sie müssen auch nicht morgen früh vorbeikommen. Ich glaube nicht, dass ich etwas brauche.“

Er sah sie an, und Heidi hatte das seltsame Gefühl, dass er sie von Kopf bis Fuß musterte. Lächerlich, dachte sie. Fast so lächerlich wie ihre Anwesenheit auf dieser schicken Gästeranch.

„Es macht keine Umstände. Es ist mein … Ich komme morgen früh vorbei“, sagte er schnell, dann drehte er sich um und verließ die Hütte.

Es ist mein Job. Es hat keinen Grund gegeben, innezuhalten und die Worte zu ändern, dachte sie. Sie war nichts weiter als ein Job für ihn. Und etwas anderes zu denken, wäre fatal und dumm.

2. KAPITEL

Später am Abend, nach einem langen Bürotag, machte Rafe es sich zu Hause in seinem Medienraum vor dem Großbildfernseher mit einem Drink gemütlich. Normalerweise sah er nie fern, aber bei all dem Trubel um den herannahenden Schneesturm beschloss er, sich den Wetterbericht anzusehen.

Doch sobald der Bildschirm aufflackerte und eine attraktive Meteorologin auf einer Karte auf Texas zeigte, verließ ihn die Konzentration. Was kaum verwunderlich war. Seit er Heidi in der Hütte zurückgelassen hatte, konnte er an nichts anderes mehr denken als an sie und ihre Töchter.

Als er sie in der Lobby zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie total verloren und einsam gewirkt, und als er auf sie zugegangen war und sich ihr vorgestellt hatte, war ihm aufgefallen, wie gestresst und erschöpft sie war. Und dann, als er ihr von den Annehmlichkeiten erzählte, die sie in der Hütte haben würde, war sie völlig überwältigt gewesen. Was die meisten Menschen als Notwendigkeit erachteten, schien für sie Luxus zu sein.

Tief seufzend fuhr er sich übers Gesicht und versuchte, das Bild von ihr und den beiden süßen Kindern zu verdrängen. Was war mit dem Vater der Zwillinge? In dem Informationsbogen, den die Babysitterin ausgefüllt hatte, hatte gestanden, dass er Heidi schon zu Beginn der Schwangerschaft verlassen hatte. Warum hatte sie sich mit so einem Dreckskerl eingelassen? Und wie konnte ein Mann Heidi und die Zwillinge im Stich lassen?

So wie man ein Neugeborenes auf der Treppe der Fortune-Villa ausgesetzt hat, dachte er mürrisch. Offenbar war es manchen Menschen nicht in die Wiege gelegt, das Richtige zu tun, das Gute und Anständige.

Er trank einen Schluck von seinem Bourbon mit Soda und ging dann zu dem großen Fenster, durch das er einen Teil des riesigen Anwesens sehen konnte, in dem seine Eltern ihr ganzes Eheleben verbracht hatten. Das heißt, bis das Baby vor ein paar Wochen vor ihrer Tür gelegen hatte. Jetzt wohnte seine Mutter in einer Hotelsuite in der Stadt, während Garth mit seinem Bruder Hayden und seiner Schwägerin Darla in verschiedenen Teilen des Hauses lebte.

Die Fortune’s Gold Ranch war Ende des 19. Jahrhunderts von Leland Fortune gebaut worden, einem Stahlmagnaten, der einen Großteil seines Vermögens in die Ranch investiert hatte, die sich zu einer der profitabelsten Rinderfarmen in Texas entwickelt hatte. Die Ranch war von Generation zu Generation weitergegeben worden. Jetzt hatten die Brüder Garth und Hayden die Zügel an ihre Kinder übergeben, und die sechs Cousins und Cousinen teilten sich die Verantwortung für die Gästeranch und die Viehzucht. Rafe und sein Bruder Shane kümmerten sich zusammen mit ihrer Schwester Poppy um die Gästeranch und das Spa, während Micah, Vivienne und Drake verantwortlich für die Rinderzucht waren.

Rafe konnte nicht leugnen, dass er privilegiert geboren war und dass die reichlich vorhandenen Ressourcen sein Leben erleichtert hatten. Aber Geld konnte nicht alles richten. Er würde jeden Cent, den er besaß, dafür geben, seine Frau und seinen Sohn zurückzubekommen.

Sein Handy signalisierte einen eingehenden Anruf. Er nahm es aus seiner Tasche, und als er sah, dass sein Cousin Drake der Anrufer war, drückte er die Annahmetaste und hielt sich das Handy ans Ohr.

„Hallo, Rafe. Hast du kurz Zeit?“

„Klar. Ich bin zu Hause und versuche, mich zu entspannen.“

Versuchen? Was ist los? Hattest du einen harten Tag?“

„Nicht wirklich. Mir geht nur eine Menge durch den Kopf, das ist alles. Und gerade eben habe ich an Mom und Dad gedacht.“ Er wollte seinem Cousin nicht eingestehen, dass seine Gedanken in Wirklichkeit um eine Frau und zwei Kleinkinder kreisten. Drake wäre schockiert. Er und alle anderen in der Familie wussten, dass Rafe kein Interesse mehr an Frauen hatte, schon gar nicht an solchen mit Kindern. „Diese Sache mit Baby Joey dauert einfach schon zu lange. Wir brauchen die DNA-Ergebnisse, Drake. Vielleicht kommt Mom dann zur Vernunft.“

„Falls der Test ergibt, dass Garth nicht der Vater ist.“

Rafe verzog das Gesicht bei der Bemerkung seines Cousins. „Du glaubst doch nicht der anonymen SMS, die Mom bekommen hat“, sagte er verärgert.

„Nicht wirklich. Ehrlich gesagt, Rafe, kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Väter ihren Frauen untreu geworden sind.“

„Ich auch nicht. Aber du hast sicher nicht angerufen, um mit mir über das Geheimnis des kleinen Joey zu sprechen. Was hast du auf dem Herzen?“

„Shane hat mir erzählt, dass eine Gift-of-Fortune-Gewinnerin heute eingetroffen ist.“

„Ja. Ich habe sie in Hütte 12 untergebracht. Sie heißt Heidi Markham und hat Zwillinge, Evelyn und Emma.“

„Woher kommt sie?“

„Dallas. Sie ist alleinerziehend und hat es schwer. Sehr schwer.“

„Es geht ihr also schlecht?“

„Lass es mich so sagen, Drake, wir hätten niemanden auswählen können, der eine Woche Entspannung mehr gebraucht hätte als sie.“

„Oje. Was ist denn los? Lässt sie sich scheiden oder so?“

„Ich glaube, sie war noch nie verheiratet. Sie ist jung. Siebenundzwanzig. Die Zwillinge sind vierzehn Monate alt, und sie kümmert sich seit der Geburt allein um die beiden. Soweit ich weiß, hat sie keine Familie, die ihr hilft.“

„Das ist hart. Klingt, als müsste sie richtig verwöhnt werden. Hat sie die Zwillinge mitgebracht?“

„Ja, natürlich“, antwortete er. „Sie sind total süß.“

„Ich höre ein ‚aber‘ in deiner Stimme“, sagte Drake. „Stimmt irgendetwas mit den Kindern nicht.“

„Doch, alles in Ordnung mit ihnen. Gesund und munter. Es ist nur … es ist schwer, Kinder um mich zu haben, Drake. Ich gebe es nur ungern zu, aber es ist so. Jetzt erzähl aber nicht der ganzen Familie, ich hätte ein Problem mit Kindern.“

„Rafe, du musst dich nicht immer so stark geben. Du bist durch die Hölle gegangen. Ich kann mir vorstellen, dass es für dich schwer ist, mit Kindern in Adams Alter zusammen zu sein. Aber es wird besser werden. Denk nur daran, dass es nicht die Schuld dieser Zwillinge ist.“

„Keine Sorge. Ich werde dafür sorgen, dass sie und ihre Mutter gut versorgt sind.“

„Gut. Zurück zur DNA und Baby Joey … Hast du in den letzten Tagen mit deiner Mutter gesprochen?“

„Es ist einige Tage her“, sagte Rafe. „Warum? Ist irgendetwas passiert?“

„Nein. Nichts, was mit deinen Eltern zu tun hat. Außer, dass Mom gesagt hat, Courtney Wellington habe sie angerufen und neugierige Fragen über Uncle Garth gestellt. Angeblich wollte sie ihre Besorgnis ausdrücken, aber Mom glaubt, dass die Frau scharf auf deinen Vater ist. Ob es stimmt oder nicht, weiß ich nicht. Aber ich traue Courtney nicht über den Weg. Ich hoffe, Aunt Shelley schenkt der Frau keine Beachtung.“

Rafe seufzte. „Das hoffe ich auch. Moms Gemütszustand ist im Moment nicht sehr stabil, Drake.“

„Das tut mir leid, Rafe. Ich bin sicher, die Situation wird sich bald bessern. Jetzt zu dem angekündigten Schneesturm. Wir haben versucht sicherzustellen, dass das Vieh und die Pferde ausreichend geschützt und die Ställe mit zusätzlichem Heu und Getreide gefüllt sind.“

„Ja, hoffen wir, dass wir von allzu viel Schnee verschont bleiben. Ich habe zwar Personal zum Schneeschieben abgestellt, aber ich mache mir trotzdem Sorgen, dass Gäste ausrutschen und stürzen könnten“, gab Rafe zu. „Und Shane wird vermutlich die Ställe für ein oder zwei Tage schließen müssen, und das verärgert die Leute immer. Wenn jemand auf eine Ferienranch kommt, dann erwartet er, reiten zu können.“

Drake lachte. „Als hätten wir Einfluss auf das Wetter.“

„Warum nicht? Wir sollen doch alles perfekt machen“, sagte Rafe trocken.

„Dann sorg dafür, dass die Gift-of-Fortune-Gewinnerin und ihre Kinder besonders verwöhnt werden. Es wird dir und ihr guttun.“

Rafe war sich nicht sicher, ob es ihm guttun würde, Heidi und ihre Töchter zu verwöhnen, aber er wollte unbedingt die Erschöpfung und Traurigkeit aus ihren schönen Augen vertreiben.

„Gute Nacht, Drake.“

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, ging er ans Fenster. Von hier waren die Hütten nicht zu sehen, aber das hinderte ihn nicht daran, sich Hütte 12 vorzustellen.

Saß Heidi vor dem Feuer? Oder fütterte sie ihre Kinder? Hatte sie etwas Bequemes angezogen? Fiel ihr langes, kastanienbraunes Haar locker auf ihre Schultern? Seltsam, er hatte weniger als eine Stunde mit ihr verbracht, und doch konnte er sich an so viele Dinge erinnern. Die Schatten unter ihren braunen Augen, ihre blasse Haut, ihr glänzendes Haar, ihr herzförmiges Gesicht. Mehr als einmal hatte er sich gefragt, wie es wohl wäre, seine Hand an ihr schmales, spitzes Kinn zu legen und sie zu küssen.

Es waren nur flüchtige erotische Gedanken gewesen. Dennoch hatten sie ihn verwirrt. Seit Bridgets Tod hatte er sich zu keiner Frau mehr hingezogen gefühlt. Warum hatten also Heidis geschwungene Lippen seine Aufmerksamkeit erregt? Weil er Mitleid mit ihr hatte? Weil er sie küssen und dazu bringen wollte, an etwas anderes zu denken als an ihren Job als Kellnerin und die Rechnungen, die sie bezahlen musste?

Nein. Ich will einfach mal wieder die weichen Lippen einer Frau unter meinen spüren, dachte er. Nicht mehr und nicht weniger.

„Martha, so etwas hast du noch nicht gesehen!“, sagte Heidi am Telefon zu ihrer Babysitterin. „Ich glaube nicht, dass du schon einmal an einem so schicken Ort warst. Ich jedenfalls war es nicht!“

Martha lachte. „Ich auch nicht. Fühlst du dich denn wohl? Oder ist es alles ein bisschen zu viel für dich?“

„Ich muss zugeben, als ich heute Morgen hier ankam, wollte ein Teil von mir gleich wieder zurück nach Dallas fahren. Alles ist so überwältigend, Martha. Wie im Märchen. Und die Annehmlichkeiten, die mir geboten werden … es ist alles so unwirklich. Eine Limousine, die mir zur Verfügung steht! Kannst du dir das vorstellen? Ein Spa, Kita, Reitställe, die Liste ist endlos.“

„Und die Hütte, in der du wohnst? Ist sie schön?“

Heidi seufzte, als sie sich in dem luxuriösen Raum umsah. „Martha, das Wohnzimmer, in dem ich jetzt sitze, ist größer als meine ganze Wohnung. Alles ist so luxuriös! Und in jedem Zimmer sind riesige Fenster! Stell dir vor, Martha, keine klappernden Mülltonnen und kein Geschrei der Nachbarn. Kein lauter Verkehr, der vorbeirauscht. Alles ist friedlich und ruhig.“

„Und das ist genau das, was du gebraucht hast, Süße. Du hast im letzten Monat viel durchgemacht. Die Pause wird dir helfen, wieder auf die Beine zu kommen.“

Sie hörte ein Lächeln in Marthas Stimme und für einen Moment verspürte Heidi Sehnsucht nach ihrer Freundin, die ihr eine Mutter geworden war. Sie hörte zu, wenn sie von ihren Sorgen sprach. Sie gab Ratschläge, auch wenn Heidi nicht darum gebeten hatte. Vor allem aber war Martha für sie da, wenn etwas schiefging, und das war in letzter Zeit ziemlich oft der Fall gewesen.

„Martha, ich vermisse dich! Ich wünschte, du wärst hier bei mir!“

„Oh, Honey, ich würde nur stören.“ Sie räusperte sich. „Ich werde hier sein, wenn du wieder in Dallas bist. Jetzt vergiss einfach mal deine Sorgen und fühl dich wie eine Prinzessin.“

„Das ist gar nicht so einfach, Martha, wenn man nie viel hatte im Leben. Ich meine … materielle Dinge. Rafe hat sicher sofort gesehen, dass ich Kleidung aus einem Second-Hand-Shop trage.“

„Es ist nicht verwerflich, gebrauchte Kleidung zu tragen. Aber wer ist dieser Rafe? Jemand, der auf der Ranch arbeitet?“

Heidi lachte kurz auf. „Nein. Er gehört zur Familie Fortune. Er leitet die Gästeranch.“

„Ach ja, ich glaube, ich habe seinen Namen gelesen, als ich den Online-Antrag für das Gift-of-Fortune ausgefüllt habe. Kommt er wie ein Snob rüber? Wenn er etwas wegen deiner Kleidung gesagt hat, dann hast du ihn hoffentlich zurechtgewiesen. Auch wenn er reich ist, sollte er Manieren haben!“

„Er war nicht überheblich, Martha. Er hat sich die Zeit genommen, mir zu erklären, wie alles läuft und dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann, wenn ich etwas brauche. Er hat mir sogar mit den Zwillingen geholfen. Aber er sieht sehr gut aus und ich … oh Gott, das Erste, was ich ihm erzählt habe, als wir anfingen zu reden, war, dass ich kurz davor war durchzudrehen. Es war so peinlich. Ich hätte mich ganz cool geben sollen. Stattdessen kam ich rüber wie ein Kind, das noch nie von zu Hause weg war.“

„Heidi! Das ist albern. Und falsch“, tadelte die ältere Frau. „Du musst dich so geben, wie du bist. Was glaubst du, warum du im Restaurant so viel Trinkgeld bekommst? Nicht, weil du cool bist. Nein, weil du nett und freundlich und authentisch bist. Niemand mag eine Fälschung, Heidi. Ich wette, nicht einmal ein Rafe Fortune.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, sein Bild aus ihrem Kopf zu verbannen. Es war dumm von ihr, ständig an den Mann zu denken, und ehrlich gesagt hatte sie keine Ahnung, warum er ihr im Gedächtnis geblieben war.

Vielleicht, weil du dich langsam daran erinnerst, wie schön es ist, in den Armen eines Mannes zu liegen. Oder seine Lippen auf deinen zu spüren. Vielleicht denkst du an Rafe, weil er dich daran erinnert hat, dass du eine Frau bist.

„Du hast recht, Martha. Ich muss weder ihn noch sonst einen Mann hier beeindrucken. Ich will mich nur ausruhen und vergessen, dass ich, sobald ich wieder in der Stadt bin, auf Arbeitssuche gehen muss.“

Es entstand eine lange Pause, und dann sagte ihre Freundin etwas, was sie völlig überraschte. „Weißt du, Heidi, es ist schon eine Weile her, dass Kris dich verlassen hat, und du hattest seitdem nicht ein einziges Date. Es wäre doch schön, wenn du während deines Aufenthalts auf der Gästeranch einen netten jungen Mann kennenlernst und ihr beide mal essen gehen könnt oder so.“

„Ausgehen?“, sagte Heidi ungläubig. „Martha! Warum sollte ich das wollen? Ich bin doch nur eine Woche hier. Und selbst wenn ich länger bliebe, würde ich nicht den Fehler machen, eine Romanze anzufangen. Vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren, wenn die Mädchen älter sind. Aber doch nicht jetzt!“

„Warum nicht?“

„Warum sollte ich einen Mann in mein Leben und das meiner Zwillinge lassen? Kein Mann ist das wert, dass das Leben meiner kleinen Familie ruiniert wird.“

Martha seufzte. „Heidi, nicht alle Männer sind wie Kris.“

Sie schluckte. Martha hatte natürlich recht. Seit Kris sie verlassen hatte, war sie Männern gegenüber misstrauisch. Nein, noch schlimmer als misstrauisch. Jedes Mal, wenn ein Mann sie interessiert ansah, wurde ihr Herz, ihre ganze Psyche, zu Stein. Sie könnte es nicht ertragen, den Schmerz, den Kris ihr zugefügt hatte, ein zweites Mal zu erleiden. Und sie hatte Angst zu glauben, dass ein Mann sie wirklich lieben könnte.

„Vielleicht nicht, Martha. Aber ich bin lieber vorsichtig.“

Martha seufzte und wechselte das Thema. „Was hast du morgen vor? Willst du mal reiten?“

Die Frage entlockte Heidi ein kurzes Lachen. „Ich bezweifle ernsthaft, dass ich so abenteuerlustig sein werde. Auch wenn Rafe gesagt hat, ich soll es mal versuchen.“

„Oh, hat er das? Dann solltest du vielleicht seinen Rat befolgen. Es schadet nie, neue Dinge auszuprobieren.“

Heidi seufzte leise. „Martha, ich kann hier so viel Neues erleben. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber ich verspreche, ich halte dich auf dem Laufenden. Und ich werde viele Fotos machen, die du dir ansehen kannst, wenn ich wieder in Dallas bin.“

„Ich freue mich darauf, Honey. Aber jetzt muss ich mich bettfertig machen. Ich wünsche dir eine gute Nacht. Wir telefonieren wieder.“

Sie beendeten das Telefonat, doch Heidi ging nicht aus dem Kopf, was Martha gesagt hatte. Ihre Freundin wollte, dass sie ausging. Sie wollte, dass sie flirtete und sich wieder verliebte. Aber wenn Heidi ihre Töchter in den Armen hielt oder ihnen beim Spielen zusah, fand sie, dass ihr Leben auch ohne die Liebe eines Mannes rund war.

Liebe. Ha. Für manche Frauen mochte es sie geben. Aber Heidi konnte sich nicht vorstellen, ein zweites Mal wegen eines Mannes den Kopf zu verlieren. Leidenschaft war schön und manchmal, in den einsamsten Stunden der Nacht, sehnte sie sich nach der Berührung eines Mannes. Eines aufrichtigen, liebevollen Mannes. Aber woher sollte sie wissen, ob er wirklich aufrichtig war. Kris hatte ihr etwas vorgemacht, und sie hatte Angst, dass ihr das wieder passieren könnte.

Heidi sah nach ihren Zwillingen, die friedlich in ihren Bettchen schliefen. Und als sie sanft eine Decke über sie legte, dachte sie, wie so oft, wie froh sie war, dass die Zwillinge einander hatten.

Heidis Mutter Glenda hatte im Laufe ihres Lebens mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt, und nach der Geburt von Heidi konnte sie keine weiteren Kinder bekommen. Wahrscheinlich war es besser so. Heidis Vater hatte die Familie verlassen, als Heidi erst drei Jahre alt war, und in den darauffolgenden acht Jahren hatte Glenda jeden Job angenommen, den sie finden konnte, um für Unterkunft, Kleidung und Essen für sich und ihre Tochter zu sorgen. Als Heidi in die fünfte Klasse kam, lernte ihre Mutter einen netten Mann kennen und heiratete ihn.

Nach ihrer Hochzeit verbesserte sich das Leben für Heidi und ihre Mutter erheblich. Norman arbeitete hart und war ein liebevoller Ehemann und Stiefvater. Er gab ihnen ein anständiges Zuhause und, was noch wichtiger war, Liebe und ein stabiles Familienleben. Doch als Heidi ihr erstes Jahr an der Highschool begann, erkrankte Norman an einer neurologischen Krankheit, die ihn arbeitsunfähig und letztlich zu einem Pflegefall machte. Glenda und Heidi taten ihr Bestes, um ihm das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Als Norman schließlich starb, nahm Heidi nach der Schule einen Teilzeitjob an, um ihrer Mutter über die Runden zu helfen. Nach dem Highschool-Abschluss stellte sie ihren Traum von einer Krankenpflegeschule zurück, um weiter arbeiten und ihre Mutter finanziell unterstützen zu können. Dann, vor drei Jahren, war Glenda plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben, und Heidis Leben änderte sich schlagartig. Sie hatte keine Familie mehr. Sie hatte nur noch sich selbst.

Und dann hatte sie Kris kennengelernt, mit all seinen leeren Versprechungen. Sie hatte so sehr glauben wollen, dass er sie liebte. Sie hatte es wirklich geglaubt. Als er sie verließ, war das Leben ihrer Mutter vor ihrem geistigen Auge aufgeblitzt, und traurig hatte sie erkannt, dass ihres den gleichen traurigen Verlauf nahm.

Heidi ging an die Fensterfront und schaute hinaus in die Dunkelheit. Sie wusste nichts über Rafes Leben oder das seiner Familie. Aber sie bezweifelte, dass es perfekt war. Geld schützte nicht vor gebrochenen Herzen.

Am nächsten Morgen saß Rafe in seinem Büro und erledigte gerade das letzte notwendige Telefonat, als die Tür aufging und sein Bruder Shane hereinkam.

„Schon fleißig?“, fragte er Rafe.

Shane war groß und muskulös, hatte dunkelbraunes Haar und war nur ein Jahr jünger als Rafe. Er hatte schon immer eine besondere Zuneigung zu Pferden gehabt, was ihn zum perfekten Kandidaten für die Leitung der Reitställe auf der Gästeranch machte. Was sein Privatleben betraf, so hatten er und seine Frau Lacey sich nach fünf Jahren Ehe im letzten Jahr scheiden lassen. Laut Shane war es eine einvernehmliche Scheidung, wenn es so etwas überhaupt gab, und jetzt teilten er und Lacey sich das Sorgerecht für den sechsjährigen Sohn Brady, was bisher ohne größere Probleme zu funktionieren schien.

„Dringende Telefonate.“ Sein Blick wanderte zu dem Präsentkorb, der auf einem Tisch in einer Ecke des Raumes stand. Eigentlich hatte er Heidi den Korb heute Morgen bringen wollen, aber es war immer etwas dazwischengekommen. „Bist du auf dem Weg zu den Ställen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei dem kalten Wind heute viele Reiter kommen. Laut Wetterbericht sollen wir ja auch noch Schnee bekommen.“

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Dieses ganze Theater um einen möglichen Schneesturm. Vielleicht sehen wir hier auf der Ranch nicht eine einzige Flocke.“

„Ich hoffe, du hast recht. Ich habe keine Lust, mich mit einem Haufen nörgelnder Gäste herumzuschlagen, die wegen des Wetters nicht reiten können. Zumal die meisten so reich sind, dass sie jederzeit wieder Urlaub auf der Ranch machen können.“

In seiner Stimme musste ein ätzender Unterton mitgeschwungen haben, denn Shane zog nachdenklich eine Augenbraue hoch. „So habe ich dich ja noch nie reden hören. Weißt du, Verachtung für die Reichen ist wie Verachtung für dich selbst.“

Rafe atmete schwer aus. „Ich verachte sie nicht. Es widert mich nur an, wenn Leute nicht zu schätzen wissen, was sie haben.“

„Hmm. Ich denke, das liegt in der menschlichen Natur. Ich glaube, niemand weiß wirklich zu schätzen, was er hat … bis er es verliert.“

Niemand wusste das besser als Rafe. Und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte er seine ideale Familie für selbstverständlich gehalten. Er hatte geglaubt, er und Bridget würden zusammen alt werden. Er hatte erwartet, seinen Sohn zu einem glücklichen und erfolgreichen Mann heranwachsen zu sehen. Der Gedanke, dass ihm seine Frau und sein Sohn genommen werden könnten, war ihm nie gekommen. Tragödien dieser Art passierten anderen, nicht den Fortunes. Aber es war passiert, und er hatte gelernt, dass man auch als reicher Mann nicht vor Leid gefeit war.

„Du wirst mir doch zustimmen, dass wir privilegiert aufgewachsen sind, oder?“

Shane sah ihn stirnrunzelnd an. „Ja, sicher. Aber sollen wir deswegen ein schlechtes Gewissen haben?“

„Nein. Das nicht. Aber ich glaube, dass ich aufgrund dieser Privilegien den Eindruck hatte, dass … nun, dass schlimme Dinge nur anderen passieren. Nicht uns Fortunes. Wir haben immer alles gehabt. Bridget und Adam zu verlieren, hat mir gezeigt, wie blind und ignorant ich war.“

„Es tut mir so leid, Rafe. Ich weiß, wie sehr du unter dem Verlust deiner Frau und deines Sohnes immer noch leidest.“ Er sah Rafe durchdringend an. „Aber heute scheint dir etwas anderes zu schaffen zu machen. Was ist es?“

Nichts, außer dass er ständig an eine schöne junge Frau mit zwei kleinen Töchtern denken musste. Er war mit dem Gedanken an die kleine Familie eingeschlafen und aufgewacht. Irgendetwas sagte ihm, dass er sowohl emotional als auch körperlich Abstand zu Heidi und ihren Zwillingen halten musste. Und doch verspürte er den überwältigenden Drang, sie wiederzusehen. Um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich weiß nicht. Ich schätze, die ganze Sache mit Mom und Dad und Baby Joey nervt mich. Um ehrlich zu sein, Shane, die Trennung unserer Eltern hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“

„Hmm. Ich bin auch nicht gerade glücklich über die Situation. Aber wir können Mom nicht zwingen, nach Hause zu kommen und sich mit Dad zu versöhnen. Der Gedanke, ihr Mann könnte Joeys Vater sein, tut ihr weh. Und ihm tut es weh, dass Mom das Schlimmste von ihm denkt.“ Shane sah ihn an. „Ich war gestern Abend bei Dad, und ehrlich gesagt, Rafe, mache ich mir langsam Sorgen um ihn.“

„Jetzt erst? Ich mache mir schon Sorgen um ihn, seit Mom diese lächerliche SMS erhalten hat. Er ist seitdem so in sich gekehrt. Er will das Haus nicht verlassen oder irgendetwas unternehmen. Er wird immer mehr zum Einsiedler und das können wir nicht zulassen, Shane. Ich werde heute Abend nach ihm sehen und versuchen, ihn aufzumuntern.“

„Ich hoffe, du hast mehr Glück als ich“, murmelte er. „Aber es gibt noch ein anderes Problem. Birdy, eine unserer wertvollsten Stuten, wurde gestohlen.“

„Warum erfahre ich das erst jetzt?“

Shane schüttelte den Kopf. „Man hat mir gesagt, dass du seit gestern einen Gift-of-Fortune-Gast hast, und ich dachte, damit hättest du genug zu tun. Ich wollte dir zusätzliche Belastung ersparen.“

Seltsam, aber er hatte Heidi nicht als Belastung empfunden. Als hübsche Ablenkung, ja, aber nicht als Belastung. „Okay, ich gehe davon aus, dass die Überwachungskameras den oder die Diebe gefilmt haben.“

„Ähm, nein. Wer auch immer dieses Ding gedreht hat, war so clever, das Überwachungssystem zu deaktivieren.“

„Verdammt“, brüllte Rafe. „Jemand hat es geschafft, die Kameras auszusc...

Autor

Rachel Bailey
<p>Rachel Bailey war während ihrer Schulzeit nicht sehr interessiert am Schreiben und lesen. Physik, Chemie und Biologie waren ihre Lieblingsfächer. Ihre Mutter machte sich darüber lustig, dass sie wissenschaftliche Lehrbücher in den Urlaub mitnahm. Nach der Schule machte sie einen wissenschaftlichen Abschluss (wer hätte das auch anders gedacht?) aber ganz...
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Cindi Myers
Cindi Myers hat ein paar feste Überzeugungen: Liebe auf den ersten Blick gibt es wirklich; gute Schokolade und kühler Champagner passen fast immer; Leuten, die keine Tiere mögen, ist nicht zu trauen, und Gott muss ziemlich viel Humor haben. Außerdem ist sie davon überzeugt, dass es keinen besseren Job gibt,...
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