Ein (fast) perfekter Plan

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Nach einer Reihe von Enttäuschungen hat Hailey erst einmal genug von Beziehungen. Kurzerhand fasst sie einen Entschluss: keine Verabredungen, keine Flirts, keine Männer - und zwar ein ganzes Jahr lang! Doch dann geschieht etwas, das ihren Plan komplett auf den Kopf stellt. Nach nur sechs Monaten trifft sie plötzlich die Versuchung in Person. Jordan sieht unwiderstehlich gut aus, ist überaus charmant - und wohnt direkt nebenan. Welche Frau kann da noch Nein sagen?
  • Erscheinungstag 24.05.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733777746
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

In dem Klassenzimmer nahm Hailey sogleich den ihr so vertrauten Geruch nach Kreide wahr, während sie sich an das kleine Pult setzte und ihre Freundin aus dem Blickwinkel einer Achtjährigen betrachtete.

„Ich möchte ein Statement abgeben, Ellen.“

„Da bin ich aber gespannt.“ Ellen nahm eine Thermoskanne aus ihrer Aktentasche und füllte den kleinen Becher. „Warum bleibt Kaffee in solchen Kannen höchstens zwei Stunden heiß?“ fragte sie und verzog das Gesicht, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte. „Dagegen sollte jemand mal etwas tun.“

„Meine Ankündigung ist wichtig. Stell den Becher hin, und hör mir aufmerksam zu.“

„Das klingt ernst. Hat es etwas mit deinen Vorsätzen fürs neue Jahr zu tun?“

„Natürlich.“

Ellen stellte den Kaffeebecher hin und lehnte sich zurück. „Lass hören.“

„Es wird keine Männer mehr geben für mich“, verkündete Hailey dramatisch.

„Ach so!“ Gelassen widmete Ellen sich wieder den Aufsätzen, die sie zu korrigieren hatte. „Schokolade gibst du auch auf, stimmt’s?“

„Na ja, ich …“

„Und du machst täglich Gymnastik.“

„Also …“

„Außerdem stehst du an den Wochenenden früh auf, oder?“

Hailey runzelte die Stirn. Das Problem mit Freundinnen war, dass sie einen zu gut kannten.

„Diesmal meine ich es ernst“, versicherte sie. „Und ich werde länger als zwei Wochen durchhalten.“

„Es muss dir wirklich wichtig mit deinem Vorsatz sein, wenn du extra zu mir in das Klassenzimmer kommst.“

„Wenigstens habe ich gewartet, bis die Kinder weg sind. Obwohl es anders vielleicht doch besser gewesen wäre“, fügte Hailey mit finsterer Miene hinzu. „Wenn ich in der dritten Klasse über Männer aufgeklärt worden wäre, hätte ich nach dem Abitur gleich ins Kloster gehen können und mir viele Probleme erspart.“

„Willst du damit sagen, dass du mit acht, neun Jahren die Jungen noch nicht durchschaut hast?“

„Ja, das ist mir erst mit ungefähr neunzehn geglückt. Bis dahin schwärmte ich für das männliche Geschlecht. Und was habe ich davon? Seelische Narben!“

„Du Ärmste.“ Ellen klang mitleidig, blickte aber nicht auf, sondern schrieb eine Bemerkung an den Rand einer Seite. „Warum bist du wirklich hier?“

„Weil ich wollte, dass du als Erste von meinem Entschluss erfährst. Vor allem, weil du mich ständig an den Mann zu bringen versuchst.“

„Du willst in Zukunft tatsächlich auf Männer verzichten?“ hakte Ellen nach.

„Richtig. Deshalb darfst du mich nicht mit Männern bekannt machen oder sonst etwas tun, was meinen Vorsatz zunichte machen könnte.“

„Verstehe. Willst du für immer auf Männer verzichten?“

„Nein, das nicht“, gab Hailey kleinlaut zu. „Ich habe den Glauben an die eine Hälfte der Menschheit nicht völlig verloren. Noch nicht.“

„Da bin ich aber froh.“

„Ich möchte nur ein Jahr lang auf neue Bekanntschaften verzichten, weil ich bisher so viele Fehler gemacht habe mit meinen Beziehungen.“

„Ein ganzes Jahr?“ Nun legte Ellen den Stift weg und beugte sich vor. „Hailey, hast du eine Vorstellung, wie lang ein Jahr ist?“

„Ja, natürlich! Dreihundertfünfundsechzig Tage. Und frag bitte nicht, wie viele Stunden das sind, denn Multiplizieren ist nicht unbedingt meine Stärke.“

„Es sind achttausendsiebenhundertsechzig Stunden“, informierte Ellen sie. „Bleibst du trotzdem bei deinem Vorsatz?“

„Ja. Ein Jahr ohne Männer. Keine Beziehungen, nicht mal Verabredungen, gar nichts! Ich werde so tun, als würde das andere Geschlecht nicht existieren.“

Ellen widmete sich wieder den Aufsätzen. „Und wenn das Jahr um ist? Dann hast du dieselben Probleme wieder – falls du überhaupt welche hattest.“

Hailey versuchte, sich bequemer hinzusetzen, was auf dem kleinen Stuhl natürlich unmöglich war. Sie betrachtete das Schimpfwort, das jemand auf das Pult geschrieben hatte. Es gab eigentlich genau ihre Gefühle wider. Litten etwa auch schon Kinder in der dritten Klasse an gebrochenem Herzen?

„Nein, so wird es nicht sein, weil ich alles genau durchdacht habe“, versicherte sie überzeugt. „Sag mir eins: Worum dreht sich unser Leben?“

Ellen nahm die Brille ab und runzelte die Stirn. „Meinst du das im praktischen oder im philosophischen Sinn?“

„Es ist keine Fangfrage“, beruhigte Hailey die Freundin.

„Nein? Das kann man bei dir nie wissen.“

„Dann frag ich anders: Woran denken wir ständig, worüber reden wir dauernd?“

„Ist das eine verschlüsselte Frage nach dem Sinn des Lebens?“ Ellen blieb misstrauisch.

„Männer! Darum dreht sich alles im Leben von uns Frauen, darüber reden wir“, beantwortete Hailey ihre Frage selbst und schlug mit der Faust auf das Pult. „Und ich bin es leid, alle Männer daraufhin zu begutachten, ob der Richtige dabei ist. Das ist, als würde man Gold waschen und hoffen, das eine riesige Nugget zu finden, das es wahrscheinlich ohnehin nur in Legenden gibt.“

Ellen lächelte. „Ja, aber die Suche als solche macht doch viel Spaß.“

„Meinst du? Denk doch mal an die Goldsucher von früher, was die alles aufgegeben haben. Ihr Zuhause, ihre Familie, ein bequemes Leben. Und was haben sie stattdessen gehabt? Mühe, Plage und schließlich Enttäuschung.“

„Nur jemand mit einem höheren IQ als ich kann deine Vergleiche verstehen“, wandte Ellen ein und korrigierte ein falsch geschriebenes Wort. „Ich weiß nur eins: Du bist mal wieder ganz schön deprimierend.“

Hailey schüttelte energisch den Kopf. „Ich will auf Folgendes hinaus: Warum tun wir uns das alles an?“

Nun sah Ellen ganz verträumt aus. „Weil irgendwo da draußen die große Liebe auf uns wartet.“

„Eben nicht. Die wahre Liebe ist ein Mythos, den die Gesellschaft erfunden hat, um weiter bestehen zu können. Wir Frauen werden mit einer globalen Lüge hinters Licht geführt.“

„Ach, jetzt verstehe ich. Die Liebe ist nichts anderes als eine weltweite Verschwörung.“

„Es geht nicht darum, ob die wahre Liebe existiert“, erklärte Hailey. „Es geht darum, dass man uns Frauen glauben macht, wir wären nur als Teil eines Paares etwas wert. Die Gesellschaft übt damit Druck auf uns aus, dem wir uns beugen. Und was haben wir davon?“

Ellen wollte etwas sagen, aber Hailey ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie war zu sehr in Fahrt. Ihre Überlegungen hatte sie in der Silvesternacht angestellt, die sie keineswegs allein, sondern mit Freunden und Bekannten verbracht hatte. Trotzdem hatte sie sich einsam und elend gefühlt. Nun wollte sie Ellen unbedingt ihre Unabhängigkeitserklärung vortragen, ob es ihr passte oder nicht.

„Ich sage dir, was wir für unsere Mühe bekommen, Ellen: ein gebrochenes Herz. Und ein beschädigtes Selbstwertgefühl, sobald einer der vielen Dummköpfe dieser Welt seinen wahren Charakter enthüllt.“ Hailey beugte sich vor, und das kleine Pult ächzte besorgniserregend. „Wir tun das alles nicht deshalb, weil wir es wirklich wollen, sondern nur, um der Rolle gerecht zu werden, die die Gesellschaft uns zuteilt. Trotz aller modernen Errungenschaften sind die Frauen von heute noch immer Sklaven der Biologie, wenn es ums Glück geht. Eine Frau kann nur als Mutter glücklich sein oder während sie aktiv nach dem Mann sucht, den sie als Vater ihrer Kinder akzeptieren könnte.“

Ellen verzog das Gesicht. „Ich habe es gewusst. Du hast mal wieder eines dieser feministischen Bücher gelesen.“

„Ich bin zu folgendem Schluss gekommen“, fügte Hailey hinzu, als wäre sie nicht unterbrochen worden. Sie machte der Wirkung wegen eine kurze Pause. „Es spricht überhaupt nichts gegen ein Leben als Single.“

Unbeeindruckt zuckte Ellen die Schultern. „Das hoffe ich sehr, denn wir beide scheinen noch eine Zeit lang so leben zu müssen.“

„Aber wir haben immer das Gefühl, es wäre nicht richtig, weil wir unsere biologische Bestimmung nicht erfüllen.“

„Du machst die Sache komplizierter, als sie ist, Hailey! Es ist doch ganz normal, nicht allein leben zu wollen.“

„Genau das ist mein Problem.“

„Dass du normal bist?“ fragte Ellen erstaunt.

Hailey blickte vor sich auf das Pult und sagte leise: „Ich habe etwas über mich herausgefunden, was mir gar nicht behagt.“

„Was denn?“

Sie atmete tief durch, bevor sie erklärte: „Ich bin beziehungssüchtig.“

„Oh nein, noch mehr Psychogerede.“ Ellen stöhnte. „Ist die Sucht unheilbar?“

Haileys Augen funkelten. „Wieso schütte ich dir eigentlich immer wieder mein Herz aus, obwohl du kein Mitgefühl zeigst, kein Verständnis hast und mir vor allem – und das ist das Schlimmste – keine Unterstützung leistest? Dabei bist du angeblich meine beste Freundin.“

„Okay, ich werde ab jetzt brav sein.“ Ellen steckte die Aufsatzhefte in ihre Aktentasche. „Erzähl mir alles über deine Beziehungssucht.“

Hailey biss sich auf die Lippe. Obwohl sie versuchte, fröhlich zu klingen, war sie bestürzt über ihre Schwäche. „Ich bin nur dann glücklich, wenn ich eine Beziehung habe, Ellen.“

„Unsinn!“

„Nein, es ist wahr. Deshalb lasse ich mich auf Beziehungen ein, bevor ich wirklich dazu bereit bin. Meist ist der Mann es auch nicht, so dass wir beide nicht wissen, ob wir es überhaupt wollen. Oft kennen wir uns noch gar nicht richtig. Und wenn wir uns dann trennen – aus welchem Grund auch immer –, stürze ich mich sofort in die nächste Beziehung. Ich bin dann sogar fest davon überzeugt, es diesmal richtig zu machen. Es ist ein wahrer Teufelskreis.“

„Nein, Hailey, so dramatisch ist es nicht.“

„Da war zum Beispiel Daniel. Du hast ihm nie über den Weg getraut. Stimmt’s, Ellen?“

„Na ja, ich …“

„Du hast lange vor mir gemerkt, dass er ein Schuft ist. Weil ich so verzweifelt wollte, dass die Beziehung funktioniert, habe ich alle Anzeichen ignoriert. Und die Lügen, den Betrug …“

„Liebe macht blind“, warf Ellen ein.

„Ja, ich war blind. Ich bin Daniel begegnet, als ich Liebeskummer wegen des Mannes vor ihm hatte, wie du weißt. Es ist ein Teufelskreis.“

„Gib es zu, du hast im Fernsehen eine von diesen psychologischen Ratgeber-Sendungen gesehen.“

Hailey verschränkte die Arme und blickte Ellen mit finsterer Miene an. „Okay, mach dich ruhig lustig über meine Theorie. Aber sag mir eins: Bestärkst du mich in meinem Vorsatz?“

„Ein ganzes Jahr ohne Männerbekanntschaften?“ Ellen zuckte die Schultern. „Es kann nicht verkehrt sein. Ein Jahr geht schnell vorbei. Ich hatte schon längere Durststrecken. Aber sorg dafür, dass immer genügend Schokolade in Reichweite liegt.“

„Ich habe auch der Schokolade abgeschworen.“

„Du kannst nicht Männer und Schokolade gleichzeitig aufgeben, Hailey. Das wäre kein guter Vorsatz, sondern Quälerei.“

„Stimmt. Dann gebe ich die Schokolade erst nächstes Jahr auf.“

Ellen lachte leise. „Was soll das Jahr ohne Männer bewirken? Was machst du, wenn es vorbei ist?“

„In zwölf Monaten sehe ich klarer“, erklärte Hailey optimistisch. „Ich werde aus dem Teufelskreis ausgebrochen sein. Dann kann ich echtes Gold von unechtem unterscheiden – hoffe ich. Oder ich akzeptiere einfach die Tatsache, dass es den richtigen Mann gar nicht gibt. Ich höre auf, mir Illusionen zu machen, und lebe von da an glücklich und zufrieden in der Realität.“

„Ein Leben ohne Illusionen? Das klingt ein bisschen trist.“ Ellen trank einen Schluck kalten Kaffee.

„Warum sollten wir Luftschlösser bauen, die doch nur immer wieder einstürzen? Wozu brauchen wir überhaupt einen Mann? Wir sind moderne Frauen, die alles allein schaffen. Richtig?“

„Na ja, wenn du meinst.“

„Wir können Bekanntschaften, Freundschaften, ein geselliges Leben, einen Beruf, ja sogar Kinder haben, ohne die Liebe ins Spiel zu bringen. Wir brauchen keine Männer.“

„Es gibt doch noch etwas anderes, wozu Männer ganz brauchbar sind.“

Hailey runzelte sekundenlang die Stirn. „Ach so, klar. Dafür muss ich sie dann eben bezahlen.“

Ellen verschluckte sich beinahe. „Bezahlen?“ wiederholte sie.

„Ja, um das Dach oder den Boiler und dergleichen zu reparieren. Das meintest du doch, oder?“

„Nein, das meinte ich nicht, und das weißt du genau.“

„Vielleicht beschaffe ich mir Werkzeuge.“

„Werkzeuge? Wie und bei welcher Gelegenheit willst du die denn benutzen?“ fragte Ellen neugierig.

„Du hast eine schmutzige Fantasie, meine Liebe“, tadelte Hailey sie. „Ich meine natürlich Hammer, Zange, eine Bohrmaschine und so etwas. Für manche Zwecke sind Männer vielleicht ganz nützlich, aber man kann auf sie verzichten. Ich kaufe mir einfach einen Werkzeugkasten und repariere das Dach selbst.“

„Von welchem Dach redest du?“ fragte Ellen verwirrt.

„Ich habe rein theoretisch gesprochen.“

„Ach so. Aber ein Werkzeugkasten wird dir keine Komplimente ins Ohr flüstern und dich nachts nicht im Arm halten“, gab Ellen zu bedenken.

„Der Preis für Schmeicheleien und Umarmungen ist mir zu hoch.“ Hailey schüttelte energisch den Kopf. „Ich habe ein wunderbares Jahr vor mir. Ich werde neue Freunde finden, Kurse belegen und mir interessante Hobbys zulegen. Und ich brauche mir nicht länger den Kopf über mein Liebesleben zu zerbrechen.“ Sie stützte die Ellbogen aufs Pult. „In den Weihnachtsferien habe ich mir alles gründlich überlegt. Mit Männern auszugehen, macht mich nur unglücklich, also gönne ich mir ein Jahr Pause vom Beziehungsstress. Dass es den richtigen Mann gibt, ist doch nur ein Märchen!“

„Hör auf. Du machst mich ganz deprimiert.“

„Genau! Allein der Gedanke, es könnte den Richtigen nicht geben, deprimiert uns. Wir würden beinahe alles tun, um nicht mit dreißig noch Single zu sein. Aber mir reicht es jetzt.“

„Hailey, du machst dich lächerlich. Okay, du hattest Pech mit einigen deiner Freunde …“

Hailey warf Ellen einen vernichtenden Blick zu.

„Zugegeben, mit allen Freunden in letzter Zeit“, verbesserte Ellen sich und verzog das Gesicht. „Das bedeutet aber nicht, dass es den Richtigen nicht gibt.“

„Und wo steckt er? In einem anderen Sonnensystem?“

„Ich meine es ernst, Hailey. Für jeden Topf findet sich ein Deckel, wie man so schön sagt. Und was das Wichtigste ist: Pech mit den Männern zu haben, heißt nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.“

Das ist der springende Punkt, dachte Hailey niedergeschlagen. Irgendetwas stimmte mit ihr wirklich nicht. Sie hoffte, dass es nur an ihrem Verhalten und nicht an ihrem Charakter lag. Eine schlechte Angewohnheit konnte man ablegen. Um das herauszufinden, hatte sie sich vorgenommen, ein Jahr lang auf Beziehungen zu verzichten.

„Ich brauche Zeit für mich allein“, erklärte sie schließlich leise. „Damit ich den Teufelskreis durchbrechen und einen neuen Anfang wagen kann. Verstehst du das nicht, Ellen? Es ist unbedingt nötig, dass ich aus meinem momentanen Verhaltensmuster herauskomme. Ich will mich über das freuen, was sich bietet, statt mich irgendwelchen Zwängen zu unterwerfen.“

„Du siehst zu viele Talk-Shows“, stellte Ellen fest. „Aber du kannst mit meiner Hilfe rechnen, Hailey.“

1. KAPITEL

Das Haus war abgeschlossen und leer. Hailey hatte mehrmals geklingelt und geklopft, dann hatte sie an der Klinke gerüttelt. Nichts hatte sich gerührt.

Sie hatte stundenlang im Flugzeug gesessen, nur um schließlich vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Das war kein gutes Omen.

Jane Laudin hatte ihr mitgeteilt, es würde jemand da sein, um sie zu begrüßen. Vielleicht hatte die betreffende Person sich nur verspätet. Hailey setzte sich auf die Treppe und nahm das Handy aus der Tasche. Sie versuchte, Jane zu erreichen, doch sie meldete sich nicht.

Vorsichtshalber prüfte sie nochmals den Zettel mit dem Straßennamen und der Hausnummer. Ja, sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber es war niemand da.

Ich warte noch etwas, bevor ich in Panik gerate, sagte sich Hailey und schaute sich um. Das Haus sah nett aus, die Umgebung war ruhig – wenn man vom Lärm der spielenden Kinder absah. Als Lehrerin hatte sie damit kein Problem.

Sie beobachtete die Kinder, die auf ihren Fahrrädern die Straße entlangsausten, so fasziniert, dass sie nichts anderes bemerkte. Als ein Schatten auf sie fiel, fuhr sie hoch.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, erklang eine Männerstimme. „Sie sind Hailey, stimmt’s?“

Mit zusammengekniffenen Augen sah sie zu dem Mann auf. Er war groß und kräftig, und seine Stimme klang angenehm tief und freundlich.

„Hallo! Woher kommen Sie denn so plötzlich?“ fragte Hailey überrascht.

„Von nebenan. Ich bin einfach über den Zaun gestiegen, deshalb haben Sie mich wohl nicht bemerkt. Ich bin Ihr Nachbar, Jordan Halifax. Jane hat mich gebeten, mich bei Ihrer Ankunft um Sie zu kümmern.“

Verdammt, auch in Alaska gibt es attraktive Männer, dachte sie bestürzt und kniff die Augen so fest zusammen, dass sie ihn nur noch verschwommen wahrnahm. „Ja, sie hat mir gesagt, es wäre jemand da.“

„Haben Sie etwas ins Auge bekommen?“ erkundigte Jordan sich besorgt.

Sie blinzelte. „Nein, die Sonne hat mich geblendet. Haben Sie den Schlüssel?“

„Nein. Der liegt wie immer unter dem Blumentopf neben der Tür.“ Er wies auf die große Keramikschale. „Hat Jane Ihnen nicht gesagt, wo Sie ihn finden?“

Meinte er das ernst? Gab es in diesem Jahrhundert tatsächlich noch Orte, wo man den Schlüssel direkt neben der Haustür versteckte? Sie schob die Schale ein Stück beiseite und entdeckte den leicht verrosteten Schlüssel.

„So, das wäre erledigt. Haben Sie sonst noch Fragen, Hailey?“

Hatte Jordan Halifax es eilig, wieder nach Hause zu kommen? Sie hielt den Schlüssel hoch und wies vorwurfsvoll auf den Blumentopf. „Das kann ich einfach nicht glauben, Mr. Halifax. Es ist eine Einladung an jeden Serienmörder, ins Haus zu kommen. Woher soll ich wissen, ob nicht längst jemand einen Nachschlüssel hat machen lassen?“

Er rieb sich den Nacken und sah sie an, als zweifelte er an ihrem Verstand. „Sie können das Schloss austauschen lassen, wenn Sie sich dann sicherer fühlen.“

„Warum macht man sich die Mühe, die Tür abzuschließen, wenn man den Schlüssel direkt daneben legt?“ fragte Hailey ironisch. „Da sucht ihn doch jeder zuerst.“

Ihr neuer Nachbar lächelte. „Deshalb spare ich mir die Mühe und schließe überhaupt nicht ab.“

Das war für eine Frau, die wie Hailey aus Los Angeles stammte, unfassbar. „Trotzdem sind Sie noch nicht im Schlaf ermordet worden“, stellte sie überrascht fest.

„Wie man sieht“, erwiderte er gelassen. „Die Gegend hier ist völlig sicher und normalerweise sehr ruhig. Die Kinder sind nur deshalb so ausgelassen, weil sie am letzten Wochenende vor Schulbeginn noch mal so viel Spaß wie möglich haben wollen.“

„Als Lehrerin verstehe ich das. Gegen diese Art Lärm bin ich völlig unempfindlich. Wie man gegen Kindergeschrei immun wird, lernen wir in einem speziellen Kurs während der Ausbildung.“ Warum rede ich so viel, fragte Hailey sich kritisch, während Jordan Halifax über den Scherz lächelte. Hitze durchflutete sie plötzlich, und sie fluchte insgeheim.

Nein, es besteht kein Grund zur Sorge, denn er ist überhaupt nicht mein Typ, sagte sie sich sofort. Er war attraktiv, doch er wirkte etwas nachlässig, und sie zog gepflegte Männer vor. Sein lockiges Haar war etwas zu lang und fiel ihm in die Stirn. Er hatte sich nicht sorgfältig genug rasiert, ganz so, als hätte er es eilig gehabt.

Sie schätzte Männer, die gut sitzende Anzüge sowie Krawatten trugen und deren Haar kurz geschnitten und ordentlich gekämmt war. Ihr gefielen extravagantes Rasierwasser und auf Hochglanz polierte Schuhe.

Jordans Tennisschuhe sehen so aus, als hätten sie ihre besten Jahrzehnte schon hinter sich, dachte Hailey. Nein, es bestand keine Gefahr, dass sie sich in ihren Nachbarn verliebte.

Sie steckte den Schlüssel in die Jackentasche und stand auf. „Jane hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, wie ich heiße. Trotzdem möchte ich mich vorstellen. Ich bin Hailey Rutherford.“

„Herzlich willkommen in Alaska.“ Jordan schüttelte ihr die Hand und hielt sie länger fest als unbedingt nötig. In seinem Blick glaubte sie, Interesse zu lesen, und ihr wurde wieder seltsam heiß.

Oh nein, das durfte nicht wahr sein. „Ich bin verheiratet“, behauptete Hailey, ohne zu überlegen. Dass sie keinen Ring am Finger trug, fiel ihm hoffentlich nicht auf. „Glücklich verheiratet. Sehr glücklich sogar.“

Seine Augen funkelten, und um seine Mundwinkel zuckte es, als müsste er ein Lächeln unterdrücken. „Gratuliere. Das freut mich für Sie, Hailey.“

„Hallo, Dad!“ Einer der kleinen Rabauken, die die Straße unsicher machten, kam angelaufen und sprang Jordan mit einem Satz auf den Rücken.

Er ist verheiratet, ich hätte nicht zu lügen brauchen, um ihn auf Abstand zu halten, überlegte sie. Anscheinend verlor sie das Gespür dafür, ob ein Mann allein stehend war oder nicht.

Der Junge, der ungefähr sieben Jahre alt war, betrachtete sie neugierig. Vielleicht war er in ihrer Klasse. Sie freute sich schon darauf, die Schüler kennen zu lernen.

„Hallo! Ich heiße Simon. Sind Sie die neue Lehrerin, Miss?“

Jordan packte ihn und stellte ihn auf den Boden. „Das ist Mrs. Rutherford, Simon. Sie vertritt Jane und wohnt auch in ihrem Haus. Mein Sohn ist in Ihrer Klasse“, fügte er an Hailey gewandt hinzu.

„Wie schön.“ Sie lächelte den Jungen strahlend an. „Ich freue mich, dich kennen zu lernen, Simon. Vielleicht kannst du mir an meinem ersten Tag den Weg zur Schule zeigen? Miss Laudin sagte mir, es wären nur einige Minuten zu Fuß.“

„Für mich nicht. Ich wohne am anderen Ende der Stadt, ganz weit da drüben.“ Der Junge zeigte nach Osten. „Ich fahre immer mit dem Bus zur Schule.“

„Simon lebt bei seiner Mutter und seinem Stiefvater“, erklärte Jordan. „Die Wochenenden verbringt er meist bei mir.“

„Miss Laudin ist echt cool“, erzählte Simon. „Und hübscher als Sie.“

Wenn die Kinder ihre bisherige Lehrerin so sehr verehrten, konnte es schwierig für Hailey werden. Vielleicht würde es eine ganze Weile dauern, bis die Kinder sie akzeptierten.

„Simon, das war sehr unhöflich.“ Jordan legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. „Entschuldige dich bei Mrs. Rutherford.“

„Tut mir Leid“, sagte der Junge gehorsam, doch man sah ihm an, dass er seine Bemerkung keineswegs bereute.

„Ich weiß, dass du mich nicht kränken wolltest“, erwiderte Hailey. „Ich nehme die Entschuldigung an.“

„Dann tschüs!“ Simon lief zu den anderen Kindern zurück.

„Okay, dann will ich mal mein neues Zuhause in Augenschein nehmen“, sagte sie energisch und zog den Schlüssel aus der Jackentasche.

„Gute Idee. Kommt Ihr Mann bald nach?“ erkundigte Jordan sich beiläufig.

Sie ärgerte sich über ihre spontane Lüge. Was sollte sie jetzt sagen? „Nein, er ist … noch länger beruflich unterwegs. Wir sehen uns erst Weihnachten wieder“, improvisierte sie.

„Wie schade für Sie! Was macht Ihr Mann denn beruflich?“

Immer neue Fragen und keine Antworten, dachte sie. Am liebsten hätte sie geantwortet, es ginge ihn nichts an. Doch das wäre zu unhöflich. Sie war jetzt Lehrerin in dieser Kleinstadt und musste sich entsprechend benehmen. Ihren hilfsbereiten Nachbarn, der noch dazu mit Jane befreundet war, durfte sie nicht vor den Kopf stoßen. Es würde ihrem Ansehen im Ort bestimmt schaden, wenn sie unfreundlich zu ihm war.

Fieberhaft überlegte sie, welche Berufe Ehemänner monatelang von ihren Frauen wegführten. Und dann hatte sie einen Geistesblitz. „Mein Mann arbeitet auf einer Bohrinsel.“

„Tatsächlich, Mrs. Rutherford?“

Er schien zu erwarten, dass sie das näher erläuterte, also musste sie sich Einzelheiten einfallen lassen. „Ja, er ist in Sibirien. Deshalb kann er leider nicht oft nach Hause kommen.“

Jordan zog die Augenbrauen hoch. „In Sibirien?“

Gab es in Sibirien etwa keine Bohrinseln? Warum hatte sie in der Schule in Geografie nicht besser aufgepasst?

„Ja, auf einer Bohrinsel in Sibirien“, bekräftigte Hailey mutig.

„Faszinierend. Ich weiß sehr wenig über Bohrinseln“, gab Jordan zu. „Was genau macht Ihr Mann?“

Verzweifelt versuchte sie, sich auf die Schnelle ein Bild ihres erfundenen Ehemanns zu machen. Wenn er auf einer Bohrinsel arbeitete, trug er bestimmt nicht Anzug, Krawatte und auf Hochglanz polierte Schuhe. „Er ist Ingenieur“, behauptete sie. „Er ist zuständig für die Wartung der Anlage.“ Gut gemacht, lobte sie sich insgeheim. Die Antwort war allgemein gehalten und zugleich detailliert. Es entstand sicher nicht der Eindruck, dass sie nicht genau wusste, was ihr Mann machte. Ja, wenn es darauf ankam, konnte sie beinahe so gut lügen wie Männer.

„Klingt interessant. Im Haus sollte alles so weit in Ordnung sein. Wenn nicht, können Sie sich an mich wenden – oder bei größeren Problemen an den Vermieter.“

„Welche größeren Probleme könnte es denn geben?“ hakte Hailey bestürzt nach.

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich gebe nur weiter, was Jane mir gesagt hat. Übrigens soll ich Ihnen auch ausrichten, dass die wichtigsten Vorräte im Haus sind und einige tiefgekühlte Fertiggerichte im Gefrierschrank.“

„Oh, das ist gut. Dann brauche ich nicht gleich einzukaufen. Das ist sehr nett von Jane.“

„Ja, sie ist eine sehr nette Frau. Sie hat ausreichend Notizen hinterlegt, wie alles funktioniert. Falls Sie trotzdem Fragen haben: Meine Telefonnummer ist auf dem Apparat gespeichert. Sie können aber auch einfach das Fenster aufmachen und mich rufen. Das funktioniert genauso gut.“ Jordan lächelte und wandte sich ab, um nach Hause zu gehen. „Schönen Tag noch, Mrs. Rutherford.“

„Danke, gleichfalls.“ Sie winkte Simon zu, der auf dem Zaun zwischen den beiden Grundstücken saß. „Ich sehe dich am Montag in der Schule. Bis dann!“

Ein bisschen zögernd winkte der Junge zurück. Dass er Jane, seine bisherige Lehrerin, vermisste, war ganz normal. Hailey nahm sich vor, alles zu tun, um ihre Schüler für sich zu gewinnen.

Das Haus war besser ausgestattet, als Hailey erwartet hatte, und größer, als es von außen auf den ersten Blick wirkte. Für eine allein lebende Frau ist hier ziemlich viel Platz, dachte sie. Jane hatte alles in tadellosem Zustand hinterlassen, und überall klebten Notizzettel, auf denen erklärt wurde, was wie funktionierte.

Autor

Hannah Bernard
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