Ein Traum in roter Seide

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Dass ihr Exverlobter sie zu seiner Hochzeit einlädt, trifft Michelle hart. Gott sei Dank kann sie ihren Studienfreund Tyler, einen heiß begehrten Playboy, überreden, sie auf die Feier zu begleiten. Wie sehr sich Tyler genau das schon immer gewünscht hat, ahnt sie nicht …
  • Erscheinungstag 20.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710958
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Als Michelle Mellor kurz nach sechs das Büro verließ, hatte sie die Glückwünsche ihrer Kollegen noch im Ohr.

Sie war achtundzwanzig und seit fünf Jahren in der Werbebranche tätig. Jetzt stand sie vor einer ganz neuen Herausforderung. Ihr Chef hatte sie zur Projektleiterin ernannt, und sie war vor Überraschung sprachlos gewesen. Der Entwurf für die Werbekampagne eines neuen Kunden sollte Mitte Mai fertig sein, und bis dahin waren es keine sechs Wochen mehr.

Während sie mit dem Aufzug nach unten fuhr und das Gebäude verließ, breitete sich Besorgnis in ihr aus. Es stand noch gar nicht fest, dass Wild Ideas, die Werbeagentur, für die sie arbeitete, den großen Auftrag überhaupt erhalten würde. Es ging darum, das Image der Fertiggerichte von „Packard Foods’ Single-Serve“ mit einer guten Werbekampagne aufzupolieren. Und alles hing davon ab, wie der Kunde den Entwurf beurteilte, für den sie jetzt verantwortlich war.

Gedankenverloren ging Michelle die Geschäftsstraße hinauf. Ich traue mir die neue Aufgabe zu, überlegte sie. In dem Moment stieß sie mit einer Frau zusammen, die an der Fußgängerampel auf Grün wartete.

„Oh, Entschuldigung!“, rief Michelle irritiert. Sie kannte die Blondine, die sich sogleich umdrehte, und lächelte verlegen. „Es tut mir leid, Lucille. Ich war in Gedanken ganz woanders.“

Lucille hatte Michelle die Wohnung verkauft und lebte selbst auch in dem Apartmentblock. Sie war Immobilienmaklerin, leitete jedoch seit einiger Zeit einen Umzugsservice. Sie organisierte die Umzüge von Managern und anderen Führungskräften, die von ihren Arbeitgebern aus dem In- und Ausland nach Sydney versetzt wurden.

Sie war eine schöne Frau und perfekt gestylt. Wahrscheinlich hätte sie jeden Mann haben können, der ihr gefiel. Doch sie war ein gebranntes Kind, denn sie war, wie sie es ausgedrückt hatte, mit dem größten Chauvi aller Zeiten verheiratet gewesen. Seit ihrer Scheidung vor einigen Monaten hörte man sie nur noch sagen: „Ich hasse die Männer.“

Michelle vermutete, dass sie ihre Abneigung gegen Männer irgendwann überwinden würde. Mit dreißig war Lucille zu jung, um für immer allein zu leben. Die beiden Frauen waren Freundinnen geworden und unternahmen viel gemeinsam.

„Du hast offenbar wieder länger gearbeitet“, stellte Lucille leicht vorwurfsvoll fest.

Michelle warf einen Blick auf die Uhr. Es war zehn nach sechs. „Das musst du gerade sagen, du bist doch selbst ein Workaholic“, erwiderte sie.

Lucille zuckte die Schultern. „Es ist besser zu arbeiten, als zu Hause herumzusitzen, Däumchen zu drehen und sich das Unmögliche zu wünschen.“

„Das Unmögliche? Du meinst wohl einen Mann, oder? Gib es zu, Lucille, du willst nicht wirklich für immer allein bleiben.“

„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Lucille seufzte. „Aber ich will nicht noch einmal heiraten. Und irgendein Mann darf es auch nicht sein, sondern er muss Frauen wirklich mögen und leidenschaftlich und heißblütig sein. Einen Eisblock kann ich nicht gebrauchen. Außerdem muss ich für ihn wichtiger sein als seine Freunde, sein Golfklub und sein Superklassesportwagen.“

Michelle lachte. „Du hast recht, Lucille, du wünschst dir das Unmögliche.“

Die Ampel schaltete auf Grün, und die beiden jungen Frauen überquerten die Straße. Dann gingen sie den Hügel hinunter nach Hause. Der Apartmentblock, in dem sie wohnten, hieß Northside Gardens, und kein Mensch wusste, warum. Das Einzige, was an einen Garten erinnerte, waren die Blumenkästen auf den Balkonen. Es war ein helles, dreigeschossiges Gebäude, das im Stil der Fünfzigerjahre erbaut war. Die Treppe mit den sechs Stufen, die zum Haupteingang führte, war halbkreisförmig angelegt.

Ehe man die zwölf Apartments vor einigen Jahren zum Verkauf angeboten hatte, waren sie aufwendig renoviert und modernisiert worden. Die Badezimmer waren gekachelt und die Einbauküchen aus massiver Eiche. Innerhalb weniger Wochen hatte man alle Wohnungen verkauft. Sie waren relativ preiswert – vielleicht weil die Fassade des Hauses nicht besonders ansprechend wirkte und weil man keinen Blick auf den Hafen hatte. Aber die Lage im Norden von Sydney war geradezu ideal, besonders für Michelle und Lucille. Michelle war in zehn Minuten im Büro, und wenn sie sich beeilte, sogar in sieben.

Michelle lebte momentan allein und hatte es abends nicht eilig, nach Hause zu kommen. Sie rechnete jedoch damit, dass Kevin früher oder später zurückkehrte. Sie musste nur Geduld haben.

„Wieso bist du heute zu Fuß unterwegs?“, fragte sie, als sie vor dem Haus stehen blieben und die Post aus den Briefkästen nahmen.

„Ich hatte heute Nachmittag einen Unfall“, antwortete Lucille. „Mein Wagen musste abgeschleppt werden. Er ist jetzt in der Werkstatt.“

Sekundenlang betrachtete Michelle verwundert das weiße Kuvert, das im Briefkasten gelegen hatte. Die aufgedruckten Hochzeitsglocken in einer Ecke ließen darauf schließen, dass es sich um eine Einladung zu einer Hochzeit handelte. Kenne ich jemanden, der heiraten will?, überlegte sie.

Doch dann erinnerte sie sich an Lucilles Antwort und sah auf. „Wie schrecklich! Bist du okay?“

„Ja. Und es war auch nicht meine Schuld. Ein Typ mit einem Sportwagen hatte so ein Tempo drauf wie der da vorn.“ Sie wies auf die Straße.

Ein schwarzer Jaguar kam angebraust und hielt im Halteverbot vor dem Haus an. Blitzschnell stieg der Fahrer aus und schlug die Tür hinter sich zu.

„Für wen hält er sich?“, fragte Lucille empört. „Glaubt er, Verkehrsregeln würden nur für andere gelten?“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Michelle leicht spöttisch. „Ich kenne den Mann. Es ist mein lieber Freund Tyler Garrison. Erinnerst du dich? Ich habe dir viel über ihn erzählt.“

Lucille zog die Augenbrauen hoch. „Das ist der berühmt-berüchtigte Tyler Garrison? Ah ja …“

„Möchtest du ihn kennenlernen?“

„Nein danke. Für Playboys habe ich keine Zeit, egal, wie gut sie aussehen“, erklärte Lucille und eilte ins Haus.

Michelle beobachtete Tyler, wie er um sein Luxusauto herumging. Er war groß, schlank, breitschultrig und viel zu attraktiv. Nicht nur das, er war auch viel zu charmant und viel zu reich.

Während er mit langen, federnden Schritten auf sie zukam, ließ sie den Blick über seinen perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug, das blaue Seidenhemd und die eleganten italienischen Schuhe gleiten. Das gesamte Outfit betonte seine gebräunte Haut und sein goldblondes Haar. Er sah absolut perfekt aus.

In den zehn Jahren, die sie sich kannten, hatte Michelle ihn nie anders erlebt als in jeder Hinsicht perfekt, wie sie sich etwas wehmütig eingestand. Nur einmal, im letzten Jahr auf der Universität …

Tyler hatte mit dem Collegeteam Fußball gespielt und nach einem heftigen Zusammenprall mit einem anderen Spieler ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Er konnte seine Beine nicht mehr bewegen, und man befürchtete, er hätte sich eine Wirbelsäulenverletzung zugezogen und sei gelähmt. Als Michelle es erfuhr, ging sie nach der offiziellen Besuchszeit zu ihm. Das war natürlich nur möglich, weil er in einem Einzelzimmer in einer Privatklinik lag, wo den Kranken alle Wünsche erfüllt wurden und die besten Fachärzte alle Hebel in Bewegung setzten, die Gesundheit ihrer Patienten wiederherzustellen.

Michelle war schockiert, als sie Tyler sah. Er war körperlich und seelisch in einem schlimmen Zustand. Eine Zeit lang gelang es ihm, unbekümmert mit ihr zu reden. Doch dann nahm sie seine Hände und sagte sanft, er sei immer noch ein liebenswerter Mensch, auch wenn sich herausstellen sollte, dass er gelähmt sei. In dem Moment hatte er sich nicht mehr beherrschen können und in ihren Armen geweint.

Als sie sich daran erinnerte, wie beeindruckt sie gewesen war, hätte sie beinah laut aufgelacht. Sie hatte schon immer ein Herz für Schwache und Hilflose gehabt. Irgendwie tat es einer Frau auch gut, gebraucht zu werden, und an dem Abend hatte Tyler sie gebraucht.

Glücklicherweise hatte sie damals ihre beunruhigenden Gefühle genauso rasch überwunden wie Tyler seine zeitweilige Lähmung. Es hatte sich herausgestellt, dass seine Wirbelsäule keinen dauerhaften Schaden erlitten hatte, und schon bald war er wieder auf den Beinen gewesen.

Diese kurze Episode war nur ein unbedeutender Ausrutscher gewesen auf dem sonst so makellosen Lebensweg, der Tyler offenbar vorherbestimmt war. Er war nicht mehr und nicht weniger als der selbstbewusste Erbe eines riesigen Vermögens.

„Hast du ein neues Auto?“, fragte Michelle, als er vor ihr stehen blieb.

„Was? Ach so, ja. Ich habe es vor einem Monat gekauft.“

Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln. Tyler wechselte die Autos so oft wie seine Freundinnen. „Warst du den anderen schon wieder leid?“ Als sie seine ernste Miene bemerkte, wurde ihr bewusst, wie ungewöhnlich es für ihn war, einfach bei ihr aufzutauchen. Und es war auch ungewöhnlich, dass er so besorgt wirkte. Sie versteifte sich.

„Was ist los?“, stieß sie hervor. „Oh nein, aber nicht Kevin! Ihm ist etwas passiert, stimmt’s?“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und instinktiv packte sie Tyler am Arm. „Hatte er einen Autounfall? Er fährt wie ein Verrückter, sogar noch schneller als du. Ich habe ihm immer gesagt, er solle langsamer fahren, sonst …“

„Kevin ist nichts passiert“, unterbrach Tyler sie und nahm ihre Hände. „Aber ich bin seinetwegen hier, weil ich dachte, du brauchtest mich vielleicht.“

„Dich? Warum das denn?“ Michelle sah ihn verständnislos an.

Tylers Lächeln wirkte seltsam traurig. Jetzt verstand sie gar nichts mehr.

„Na ja, ich bin ja wohl der Einzige aus unserem früheren Freundeskreis, an dessen Schulter du dich ausweinen kannst.“ Er zog die Worte in die Länge. „Alle anderen sind im Ausland oder verheiratet – oder heiraten in Kürze“, fügte er ruhig hinzu.

Michelle blickte ihn einige Sekunden lang an. Ein schwarzes Loch schien sich vor ihr aufzutun, während sie anfing zu begreifen. Schließlich blickte sie auf das Kuvert, das sie in der Hand zerknüllt hatte.

Ihr war plötzlich klar, wer der Absender war. Kevin, es war Kevin. Er würde heiraten, aber nicht sie. Michelle liebte ihn seit zehn Jahren, seit dem ersten Semester auf der Universität. Vier Jahre lang war sie seine feste Freundin gewesen, dann hatten sie zwei Jahre zusammengelebt. Danach hatten sie sich mehrmals getrennt, um sich anschließend wieder zu versöhnen. Und seit ihrer letzten Trennung Anfang des Jahres wartete sie naiv und gutgläubig darauf, dass er zur Besinnung kommen würde. Sie war davon überzeugt gewesen, er würde einsehen, dass keine andere Frau ihn so sehr liebte wie sie.

„Ich hatte heute eine Einladung im Briefkasten, als ich nach Hause kam“, sagte Tyler. „Sogleich habe ich an dich gedacht. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sehr es dich schockieren würde, auch so eine Einladung vorzufinden. Deshalb bin ich hier.“

„Wie … mutig von dir“, erwiderte sie leise.

„Mutig?“ Tyler verzog die Lippen. „So würde ich es nicht nennen. Du warst doch auch für mich da, als ich dich brauchte. Das habe ich nie vergessen. Nimm einfach meine Hilfe an, so, wie ich damals deine angenommen habe.“

Michelle sah ihn an. Seltsam, dass er ausgerechnet jetzt dieses Ereignis erwähnte, nachdem sie kurz zuvor auch daran gedacht hatte. Demnach hatte er den flüchtigen Moment, als sie sich damals auf emotionaler Ebene verstanden und sich verbunden gefühlt hatten, nicht vergessen.

„Wen heiratet er?“, fragte sie angespannt. „Kenne ich sie?“

„Du hast sie auf meiner Silvesterparty kennengelernt. Sie heißt Danni Baker.“

Ihr wurde ganz übel. Kevin hatte sich kurz nach dieser Party von ihr getrennt. Jetzt war ihr klar, warum.

Plötzlich war ihr Ärger stärker als der Kummer und Schmerz. „Dann kann ich mich bei dir dafür bedanken, stimmt’s?“, fuhr sie Tyler an und zog die Hände zurück.

Sekundenlang war er betroffen. „Das ist nicht fair, Michelle“, sagte er schließlich.

„Mag sein, aber es ist die Wahrheit“, entgegnete sie. „Wenn du uns nicht immer zu deinen Partys eingeladen hättest, wäre es nicht passiert. Du hast Kevin mit deinem unglaublich luxuriösen Lebensstil so sehr beeindruckt, dass er mehr Geld haben wollte, als er verdienen konnte. Du hättest uns in Ruhe lassen müssen.“ Sie atmete tief ein und fing auf einmal an zu schluchzen. „Jetzt heiratet er so eine schöne und reiche Tussi, mit der ich nicht konkurrieren kann.“

„Es tut mir leid, dass du es so siehst, Michelle. Aber ich bin der Meinung, du kannst mit jeder Frau konkurrieren, denn du bist nicht nur schön, sondern auch intelligent.“

„Ach, hör doch auf!“, erwiderte sie ungeduldig. Für Komplimente hatte sie jetzt keine Zeit. „Seit wann interessiert sich ein Mann für die Intelligenz einer Frau? Und was Schönheit angeht, so weiß ich genau, wie ich aussehe. Ich bin eine ganz passable Brünette mit einer einigermaßen guten Figur. Ende der Geschichte.“

„Du untertreibst. Du bist eine sehr attraktive Brünette mit einer fantastischen Figur. Okay, ich gebe zu, Danni ist große Klasse, sie ist reich, aber nicht eingebildet. Ehrlich gesagt, sie tut mir leid, denn wir beide, du und ich, wissen, dass Kevin sie nicht aus Liebe heiratet.“

„Klar, denn er liebt mich.“

„So?“ Tylers Stimme klang sarkastisch.

„Natürlich!“, bekräftigte Michelle, obwohl es so natürlich gar nicht war. Wenn er sie wirklich liebte, würde er sicher keine andere heiraten.

Und dann war er auch noch so unsensibel, ihr eine Einladung zur Hochzeit zu schicken, ohne sie zuvor zu warnen. Du liebe Zeit, vor nicht einmal einem Monat hatten sie noch zusammen Kaffee getrunken, und er hatte mit keinem Wort erwähnt, dass er mit Danni zusammen war. Er hatte nur über seine Arbeit gesprochen, denn er war genau wie Michelle in der Werbebranche tätig. Offenbar hatte er einen neuen Auftrag in Aussicht und noch keine Ahnung gehabt, wie er die Werbekampagne gestalten wollte. Michelle hatte ihm einige Tipps gegeben, und er hatte sie einen Engel genannt, weil sie ihm geholfen hatte.

Als ihr jetzt bewusst wurde, dass er sie nur wegen ihrer Qualitäten als Werbefachfrau eingeladen hatte, traten ihr Tränen in die Augen.

„Kevin liebt nur sich selbst, sonst niemanden“, erklärte Tyler. „Komm, Michelle, du kannst dich in deinen eigenen vier Wänden ausweinen. Du weißt doch selbst, wie sehr du es hasst, in der Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen. Lass uns ins Haus gehen.“ Er legte ihr die Hand unter den Ellbogen und führte sie energisch die Treppe hinauf.

Michelle fand die Art, wie er plötzlich für sie die Verantwortung übernahm, irritierend. Doch was hatte sie dagegen? Er wollte ihr nur helfen. Schließlich gestand sie sich ein, dass Tyler sie schon immer irritiert hatte, sogar am ersten Tag ihres Kennenlernens an der Universität. Er war nicht wie ein ganz normaler Student in den Hörsaal gekommen, sondern sein Auftritt war glänzend und irgendwie theatralisch gewesen. Er war ihr vorgekommen wie der große Gatsby aus dem gleichnamigen Film.

Bei seinem Anblick hatte es den meisten Studentinnen die Sprache verschlagen. Aber Michelle hatte nur die Augen verdreht und sich wieder Kevin zugewandt, der irgendwie niedlich und hinreißend charmant gewesen war. Außerdem war er ernsthaft an seinem Studium interessiert gewesen und hatte es erfolgreich abschließen wollen. Er war auf sein Diplom in Grafik und Textgestaltung angewiesen, um sich eine Karriere aufzubauen. Tylers Erfolg im Leben hingegen war schon allein aufgrund seiner Herkunft vorprogrammiert und garantiert.

Obwohl Tyler alle Examen glänzend bestand, hatte Michelle immer das Gefühl, er sei nur zum Zeitvertreib an der Universität. Er war vier Jahre älter als sie, und Kevin und hatte schon ein abgeschlossenes BWL-Studium hinter sich. Sie war dagegen gewesen, ihn in ihren kleinen Freundeskreis aufzunehmen. Doch als sie einmal für eine Videoaufzeichnung eine sechste Person brauchten, hatte Kevin Tyler gebeten mitzumachen. Und so hatte die Freundschaft angefangen.

Michelle wusste nicht, weshalb Tyler sich mit seinen weniger privilegierten Kommilitonen überhaupt angefreundet hatte. Und sie verstand auch nicht, warum er die Freundschaft nach dem Studium nicht einfach hatte einschlafen lassen. Stattdessen lud er alle fünf immer noch regelmäßig auf seine Partys ein. Die meisten kamen jedoch nicht mehr. Linda war vor zwei Jahren nach New York gegangen, wo sie für die Times arbeitete, und Greta lebte wieder in ihrer Heimatstadt Orange. Sie war dort verheiratet und hatte ein Baby. Jeff sahen sie nur noch gelegentlich. Er verbrachte immer mehr Zeit in San Francisco und hatte irgendwann zugegeben, schwul zu sein.

Nur Kevin zuliebe hatte Michelle Tylers Einladungen angenommen. Ihr gefielen jedoch die Gefühle nicht, die Tyler in ihr wachrief. In seiner Gegenwart war sie immer seltsam gereizt und aggressiv, so auch jetzt.

„Erst musst du dein Auto woanders parken“, forderte sie ihn scharf auf, als er mit ihr auf die Eingangstür zuging. „Oder willst du riskieren, einen Strafzettel zu bekommen?“

„Vergiss den Wagen. Du bist wichtiger als ein dummer Strafzettel.“

„Aus dir spricht der wahre Millionär.“

Tyler blieb unvermittelt stehen und sah sie ärgerlich an. „Was hast du eigentlich gegen mein Geld? Ich kann genauso wenig dafür, dass ich reiche Eltern habe, wie Kevin, dass seine Mutter arm war.“

„Stimmt. Aber deshalb brauchst du dein Geld nicht zu verschwenden und damit um dich zu werfen, als hätte es für dich keinen Wert. Normale Sterbliche wie ich müssen sich eben Gedanken wegen eines Strafzettels machen.“

„Ja, das weiß ich, Michelle“, stieß er hervor. „Okay, wo ist hier das Parken erlaubt? Habt ihr Besucherparkplätze in der Tiefgarage?“

„Haben wir.“

„Verdammt, wo denn? Ich sehe keine Einfahrt!“

Michelle blickte auf und bemerkte seine frustrierte Miene. Es herrschte schon wieder diese seltsam gespannte Atmosphäre zwischen ihnen. So war es immer, wenn sie allein waren. Tyler kritisierte sie wegen ihrer alles verzeihenden Liebe zu Kevin, und sie machte boshafte Bemerkungen wegen seiner ständig wechselnden Freundinnen, die alle groß, schlank und üppig waren und wie Models aussahen.

Schon vor Jahren hätten wir unsere Freundschaft beenden müssen, sagte Michelle sich. Sie kamen aus verschiedenen Welten und hatten nichts gemeinsam. Sie atmete tief ein, zählte bis zehn und atmete langsam wieder aus. „Ich mache dir einen Vorschlag“, begann sie, „fahr wieder nach Hause. Es ist nett von dir, dass du dir meinetwegen Gedanken machst. Aber es geht mir gut. Ich habe nicht vor, mich vom Balkon zu stürzen.“

„Nein, das habe ich auch nicht angenommen. Das wäre sowieso sinnlos, weil du im ersten Stock wohnst“, antwortete er spöttisch.

Sie runzelte die Stirn. „Woher weißt du das? Du warst doch noch nie in meinem Apartment, sondern hast mich nur einmal vor der Haustür abgesetzt.“ Auf Tylers letzter Weihnachtsparty hatte Kevin zu viel getrunken und war einfach umgekippt. Deshalb hatte Tyler darauf bestanden, Michelle nach Hause zu bringen. Und dann hatten sie sich während der ganzen Fahrt nur gestritten, natürlich wegen Kevin.

Tyler zuckte die Schultern. „Nachdem du hineingegangen warst, habe ich im Auto gewartet und bis tausend gezählt. Als im ersten Stock Licht angeknipst wurde, war mir klar, dass es deine Wohnung war. Immerhin war es schon vier Uhr morgens und nirgendwo sonst Licht.“

„Oh …“ Sie fühlte sich schuldig und schämte sich. In der Nacht hatte sie sich geradezu abscheulich benommen. Und auch jetzt verhielt sie sich nicht viel besser.

Widerstrebend gestand sie sich ein, dass Tyler sich während der letzten zwei Jahre als guter Freund erwiesen hatte. Wie oft hatte er sie gerade dann im Büro angerufen und sie zum Kaffee oder zum Lunch eingeladen, wenn sie jemanden brauchte? Und immer dann, wenn Kevin sie wieder einmal verlassen hatte, um sich selbst zu finden, wie er es nannte.

Tyler hatte recht, er konnte nichts dafür, dass er reiche Eltern hatte und attraktiv war. Wahrscheinlich kann er auch nichts dafür, dass er ein Playboy ist, dachte Michelle. Würde sich nicht jeder andere Mann an seiner Stelle genauso verhalten?

Dennoch ärgerte sie sich über ihn.

„Wenn du wirklich willst, dass ich gehe, dann tue ich es“, erklärte er erschöpft.

Michelle schämte sich noch mehr. Sie hätte ihn wenigstens zu einem Drink oder einem Kaffee einladen können. Schließlich ist er meinetwegen extra von Point Piper hergekommen, immerhin ganze zwei Meilen, überlegte sie, schon wieder spöttisch.

Vermutlich hatte er nur mit seinem neuen Auto durch den Hafentunnel fahren wollen, oder seine neueste Flamme wohnte hier in der Gegend. Als er Michelle zum letzten Mal zum Lunch eingeladen hatte, hatte er behauptet, er hätte sich zufällig selbst ganz in der Nähe, am Strand von Balmoral, um die Modeaufnahmen für das Hochglanzmagazin kümmern müssen, dessen Leitung sein Vater ihm übertragen hatte. Seit Tyler dafür verantwortlich war, steigerte sich die Zahl der verkauften Exemplare von Auflage zu Auflage. Er hatte den Namen des Magazins geändert, und außer dem Modeteil enthielt es Erfolgsstorys und seltsam faszinierende, aber oberflächliche Profile bekannter und berühmter australischer Frauen. Zweifellos hatte er …

Du liebe Zeit, ich mache es schon wieder, dachte Michelle und schloss die Augen.

„Michelle?“, fragte Tyler sanft. „Ist alles in Ordnung?“

Sie seufzte und öffnete die Augen. „Ja, Tyler, ich bin okay. Und nein, ich möchte nicht, dass du gehst. Ich zeige dir, wo du den Wagen abstellen kannst, und dann trinken wir bei mir einen Kaffee oder was auch immer.“

In seinen Augen blitzte es rätselhaft auf, und sein Lächeln wirkte ausgesprochen sexy. „Ich glaube, das gefällt mir.“

Plötzlich stieg ein ganz bestimmtes Bild vor ihr auf, und ihr verkrampfte sich der Magen. „Das sieht dir ähnlich, sogleich an Sex zu denken!“ Aber ich habe ja auch daran gedacht, gestand sie sich insgeheim ein.

„Oh, du kannst mir vertrauen.“

„Natürlich“, erwiderte sie leicht spöttisch. „Lass uns ehrlich sein, Tyler. Ich bin sowieso nicht dein Typ. Erstens bin ich nicht so groß wie deine Freundinnen, und zweitens habe ich nicht so üppige Brüste.“

„Das kann ich nicht bestätigen.“

Als er den Blick langsam über volle Brüste gleiten ließ, spürte Michelle entsetzt, dass sich ihre Brustspitzen aufrichteten. Glücklicherweise hatte sie ihren Leinenblazer an, sodass Tyler es nicht merken konnte.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser beunruhigenden Reaktion wurde Michelle neugierig und hätte zu gern mehr gewusst über Tylers Qualitäten als Liebhaber. Zweifellos war er sehr erfahren. Aber war er, verwöhnt durch seinen Reichtum und sein gutes Aussehen, im Bett vielleicht egoistisch und in gewisser Weise arrogant? Oder war er als Liebhaber genauso perfekt wie in allen anderen Bereichen seines Lebens?

Michelle errötete und konnte ihre Irritation kaum noch verbergen. Was war plötzlich mit ihr los? Kevin hatte ihr soeben das Herz gebrochen, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als über Sex mit Tyler nachzudenken.

„Ach, red keinen Unsinn und komm mit“, fuhr sie ihn an. Dann wirbelte sie herum und ging die Treppe hinunter zu seinem Auto. „Ich bin nicht in der Stimmung, mich von so jemandem wie dir ärgern zu lassen, Tyler Garrison.“

„Schade, es hätte mir Spaß gemacht.“

„Jetzt ist Schluss damit!“, erklärte sie und warf ihm einen Blick über die Schulter zu.

„Okay, wenn du es sagst.“

Sie stellte sich neben das Auto und wartete ungeduldig darauf, dass er die Beifahrertür öffnete. Dann bemühte sie sich, sich möglichst graziös auf den tief liegenden Sitz sinken zu lassen, was nicht ganz leicht war.

Zur Arbeit trug Michelle meist sportliche schwarze Kostüme mit perfekt sitzenden Jacken und kurzen, engen Röcken, die ihre gute Figur, ihre schmale Taille und die langen Beine betonten. Und so ein kurzer, enger Rock war nicht unbedingt dazu geeignet, als dass man einigermaßen damenhaft in einen Sportwagen steigen konnte, dessen Karosserie beinah den Boden berührte. Als sie sich zurücklehnte, um sich anzuschnallen, rutschte der Rock viel zu hoch.

Natürlich entging es Tyler nicht, und er betrachtete bewundernd ihre Beine. Doch das beunruhigte Michelle nicht so sehr wie die Tatsache, dass sie sich seiner Gegenwart plötzlich viel zu sehr bewusst war.

Sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Kein Kommentar bitte!“

Er verzog leicht die Lippen. „Das würde mir im Traum nicht einfallen. Wohin soll ich fahren?“

Möglichst weit weg, schoss es ihr durch den Kopf. Doch dann nahm sie sich zusammen und dirigierte ihn auf einen der Besucherparkplätze in der Tiefgarage. Sie nahm sich vor, nicht den ganzen Abend mit Tyler zu verbringen. Dazu war sie momentan viel zu verletzlich. Offenbar war sie aus dem seelischen Gleichgewicht geraten, sonst würde sie nicht so seltsam auf ihn reagieren.

Wahrscheinlich stand sie unter Schock und musste erst einmal damit zurechtkommen, dass sie sich jahrelang einer Illusion hingegeben hatte. Sie war sicher gewesen, dass Kevin sie trotz allem genauso sehr liebte wie sie ihn.

Ich habe mich offenbar geirrt, sehr sogar, sagte sie sich, und sogleich traten ihr wieder die Tränen in die Augen.

2. KAPITEL

„Der Wohn- und Essbereich ist sehr nett, Michelle“, sagte Tyler und wanderte durch den großen Raum.

Michelle betrachtete ihr helles Apartment mit der relativ schlichten und spärlichen Einrichtung, den Wänden, die in einem cremefarbenen Ton gestrichen waren, und den polierten Holzdielen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es etwas über ihre Persönlichkeit aussagte.

Nachdem sie vor zwölf Monaten die relativ hohe Anzahlung für die Wohnung geleistet hatte, hatte sie nicht mehr genug übriggehabt, um sich die exklusiven Ledermöbel zu kaufen, von denen sie träumte. Stattdessen hatte sie auf Auktionen einige schöne Möbelstücke preiswert erstanden. Ganz besonders liebte sie das senfgelbe Sofa und die beiden abgenutzten, aber sehr bequemen braunen Ledersessel.

„Was soll das heißen?“, fuhr sie Tyler an. Das Wort nett hatte sie schon immer gehasst. Obwohl sie sich in der Tiefgarage vorgenommen hatte, sich zu beherrschen, gelang es ihr nicht, die Emotionen zu kontrollieren, die er in ihr wachrief.

Momentan war ihr gar nicht danach zumute, nett zu sein, sondern sie ärgerte sich und war so angespannt, dass sie hätte in die Luft gehen oder schreien können.

Autor

Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

Miranda ging auf eine Klosterschule. Später...
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