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Die hübsche Lydia braucht 50.000 Pfund - schnell! Denn nur so kann sie verhindern, dass ihre verzweifelten Eltern ihren Landsitz aufgeben müssen. Sie sucht den erfolgreichen Unternehmer Jonah Marriott auf, der ihrem Vater angeblich genau diese Summe schuldet ...
  • Erscheinungstag 12.09.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759285
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Lydia machte sich ernsthafte Sorgen, während sie nach Buckinghamshire zu ihrem Elternhaus fuhr. Irgendetwas stimmte nicht, das wusste sie, seit sie mit ihrer Mutter telefoniert hatte.

Hilary Pearson rief ihre Tochter sonst niemals an, aber heute hatte sie eine Ausnahme gemacht und kurz und knapp erklärt: „Komm bitte sofort nach Hause!“

„Ich komme doch am Dienstag“, wandte Lydia ein. „Schließlich heiratet Oliver am Samstag.“

„Ich möchte, dass du vorher kommst“, erklärte ihre Mutter entschieden.

„Brauchst du meine Hilfe, Mum?“

„Allerdings!“

„Hat Oliver …?“

„Es geht weder um deinen Bruder noch um seine Hochzeit.“ Hilary Pearsons Stimme klang immer schärfer. „Die Ward-Watsons sind durchaus in der Lage, für eine stilvolle Hochzeit ihrer Tochter zu sorgen.“

„Machst du dir Sorgen wegen Dad?“, fragte Lydia ängstlich. „Ist er krank?“ Sie liebte ihren Vater über alles und haderte manchmal mit dem Schicksal, weil es diesem sanften, gutmütigen Mann eine so scharfzüngige Frau beschert hatte.

„Körperlich geht es ihm gut.“

Lydia erschrak. „Willst du damit sagen, dass er seelisch krank ist?“

„Nein, natürlich nicht. Er macht sich Sorgen und schläft schlecht, aber sonst …“

„Was für Sorgen, Mum?“

Eine Weile herrschte Schweigen, dann antwortete ihre Mutter: „Das sage ich dir, wenn du hier bist.“

„Dann rufe ich Dad in seinem Büro an“, drohte Lydia.

„Untersteh dich, deinen Vater zu stören. Er weiß nicht, dass ich mich an dich gewandt habe. Außerdem …“

„Ja, Mum?“

„Außerdem hat er kein Büro mehr.“

„Wie bitte?“

„Komm nach Hause, dann erkläre ich dir alles“, sagte ihre Mutter und hängte ein.

Trotz des strengen „Untersteh dich!“ wählte Lydia die Geschäftsnummer ihres Vaters. Sie brauchte den Anruf ihrer Mutter ja nicht zu erwähnen und konnte so tun, als wollte sie ihm nur schnell Guten Tag sagen.

Einige Minuten später grenzten Lydias Sorgen schon an Panik. In Wilmot Pearsons Büro hatte sich niemand gemeldet. Die Nummer existierte nicht mehr. Schweren Herzens machte sie sich auf die Suche nach Donna, von der sie sich in der nächsten Woche trennen sollte.

Donna Cooper, mehr Freundin als Arbeitgeberin, saß mit der einjährigen Sofia und dem dreijährigen Thomas im Wohnzimmer. Sie waren das Sinnbild einer glücklichen Familie, die Lydia schmerzlich vermissen würde, nachdem sie dort drei Jahre Kindermädchen gewesen war.

Donna sah lächelnd auf. „Hat eben nicht das Telefon geklingelt?“

„Meine Mutter hat angerufen.“

„Ist zu Hause alles in Ordnung?“

Lydia zögerte. „Wäre es schlimm, wenn ich eine Woche früher kündigen würde?“

„Etwa schon heute?“ Donnas Lächeln verschwand. „Das wäre eine Katastrophe.“

„Du wirst auch ohne mich zurechtkommen“, versicherte Lydia. „Das weiß ich genau.“

Lydia erinnerte sich an dieses Gespräch, als sie sich dem Dorf näherte, zu dem ihr geliebtes „Beamhurst Court“ gehörte. Seit sie vor fünf Jahren, gerade achtzehn geworden, von zu Hause fortgegangen war, um Kindermädchen zu werden, war sie ein immer seltenerer Gast in dem alten Gutshaus gewesen, aber ihr Herz hing noch daran wie zur Zeit ihrer Kindheit.

Ihre erste Stellung war ein Reinfall gewesen, weil der Ehemann nicht die richtige Vorstellung von den Aufgaben eines Kindermädchens gehabt hatte und zudringlich geworden war. Danach war sie zu den Coopers gekommen, um für den kleinen Thomas zu sorgen, während Donna und Nick weiter ihren Berufen nachgingen.

Nach der Geburt des zweiten Kindes hatte Donna schwere Depressionen bekommen und sich in dieser Zeit ganz auf Lydia verlassen. Die Vorstellung, wieder arbeiten zu müssen, hatte sie zunehmend abgeschreckt, und eines Tages war Nick gezwungen gewesen, sie vor die Entscheidung zu stellen. „Entweder du oder Lydia“, hatte er gesagt. „Zwei Frauen im Haus können wir uns nicht leisten.“

Donna hatte nicht lange nachdenken müssen. „Ich habe immer bedauert, Tommys erste Jahre verpasst zu haben“, hatte sie geantwortet und die Frage damit entschieden.

Lydia passierte das breite, von massiven Pfeilern gesäumte Tor und hielt kurz an, um „Beamhurst Court“ in Ruhe betrachten zu können. Es würde einmal ihrem Bruder gehören, aber das hinderte sie nicht, der Stätte ihrer Kindheit ihre ganze Liebe entgegenzubringen. Doch jetzt war nicht die Zeit für schwärmerische Erinnerungen. Ihre Mutter wartete, deshalb setzte sie das Auto wieder in Gang und fuhr langsam die Auffahrt hinauf. Welche Sorgen mochten ihren Vater bedrücken, und warum war sein Telefonanschluss stillgelegt worden?

Lydia parkte vor der Haustür und öffnete mit ihrem eigenen Schlüssel. Sie brauchte nicht lange nach ihrer Mutter zu suchen, denn sie stand in dem weitläufigen Eingangsflur und unterhielt sich mit Mrs. Ross, der Haushälterin.

„Du hast dir wirklich Zeit gelassen“, sagte sie vorwurfsvoll, ohne Lydias Begrüßungskuss zu beachten. „Komm mit ins Wohnzimmer. Danke, Mrs. Ross … das ist alles.“

„Ich musste erst packen“, erklärte Lydia, nachdem ihre Mutter die Tür geschlossen hatte. „Da ich nächste Woche ohnehin bei den Coopers aufgehört hätte, wäre es sinnlos gewesen, noch einmal zurückzufahren, um meine Sachen zu holen. Was ist los? Ich habe in Dads Büro angerufen, aber …“

„Das hatte ich dir ausdrücklich verboten“, unterbrach ihre Mutter sie scharf.

„Ich hätte nichts von deinem Anruf erwähnt, aber die Nummer ist stillgelegt worden. Du hast gesagt, Dad hätte kein Büro mehr. Wie ist das möglich? Seit Jahren …“

„Dein Vater hat kein Büro mehr, weil er kein Geschäft mehr hat“, erklärte Hilary Pearson kurz und bündig.

Ein ungläubiger Ausdruck trat in Lydias große grüne Augen. „Er hat kein …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Hielt ihre Mutter sie vielleicht zum Narren? Nein, dann hätte sie ein anderes Gesicht gemacht und die Lippen nicht so fest zusammengepresst. „Hat er das Geschäft verkauft?“

„Verkauft? Man hat es ihm weggenommen!“

„Du meinst … gestohlen?“

Hilary Pearson nickte grimmig. „Mehr oder weniger. Die Leute von der Bank wollten nicht länger warten und haben alles beschlagnahmt. Sogar auf dieses Haus haben sie es abgesehen.“

„Auf ‚Beamhurst‘?“, flüsterte Lydia entsetzt.

Ihre Mutter machte eine verächtliche Handbewegung. „Ich weiß, du hast immer viel Theater um dieses Haus gemacht, aber wenn dir jetzt nichts einfällt, werden sie uns zum Verkauf zwingen, damit wir unsere Schulden bezahlen können.“

„Wenn mir nichts einfällt?“

„Dein Vater hat viel Geld in deine Ausbildung gesteckt … völlig umsonst, wie ich kaum hinzufügen muss. Es wird Zeit, dass du dich dafür revanchierst!“

Lydia wusste seit Langem, dass sie eine herbe Enttäuschung für ihre Mutter war. Trotz ihres glänzenden Schulabschlusses hatte sie sich wegen ihrer Schüchternheit entschlossen, Kindermädchen zu werden – in Hilary Pearsons Augen eine peinliche Erniedrigung. Inzwischen hatte Lydia ihre Scheu weitgehend überwunden, ohne dafür mehr Respekt von ihrer Mutter zu ernten.

„Du weißt, dass Grandma mir mehrere Tausend Pfund hinterlassen hat …“

„Über die du erst verfügen darfst, wenn du fünfundzwanzig bist“, unterbrach Hilary Pearson ihre Tochter unwillig. „Und was sind einige Tausend Pfund? Wir brauchen weit mehr, wenn wir nicht auf der Straße landen wollen. Sollte ‚Beamhurst Court‘ verkauft werden, gehe ich auch. Das habe ich deinem Vater bereits gesagt.“

„Aber Mum!“ Hilary Pearsons Drohung, ihren Mann im Augenblick höchster Bedrängnis zu verlassen, traf Lydia wie ein zusätzlicher Schlag. Sie wollte heftig widersprechen, aber Mrs. Ross erschien mit dem Tee und unterbrach damit vorübergehend das Gespräch.

Während Lydias Mutter die hauchdünnen Tassen zurechtrückte und auch das Einschenken übernahm, gewann Lydia ihre Ruhe zurück. Sie machte sich klar, dass sie seit über vier Monaten nicht zu Hause gewesen war und daher nichts von den wachsenden finanziellen Schwierigkeiten ihres Vaters mitbekommen hatte.

Sie setzte sich ihrer Mutter gegenüber, nahm die Tasse, die sie ihr hinhielt, und fragte: „Wie konnte es so weit kommen, Mum? Bei meinem letzten Besuch schien noch alles in Ordnung zu sein.“

„Das war vor einem halben Jahr“, antwortete Hilary Pearson, wobei sie bedenkenlos zwei Monate dazurechnete. „Und in Ordnung war damals gar nichts.“

„Warum ist mir das nicht aufgefallen?“

„Weil dein Vater es so wollte. Er meinte, man müsse dich nicht unnötig beunruhigen und ihm würde schon etwas einfallen.“

Lydias Gewissen meldete sich. Vier lange Monate, und sie hatte nichts von den Sorgen ihres Vaters gewusst! „Aber ihm ist nichts eingefallen?“

Hilary Pearson lachte bitter. „Das Geschäft ist ruiniert, und die Leute von der Bank wollen ihr Geld.“

Es war nicht leicht für Lydia, das alles zu verkraften. Sie hatten immer genug Geld gehabt, und auf einmal sollte nichts mehr da sein? Sie konnte verstehen, dass ihr Vater aus Stolz geschwiegen hatte, aber ihre Mutter?

„Kannst du mir sagen, wo das ganze Geld geblieben ist?“, fragte sie. „Und warum hat Oliver …?“

„Dass Oliver für sein Geschäft etwas Rückendeckung brauchte, wirst du wohl nicht beanstanden“, erklärte Hilary Pearson in einem Ton, als hätte Lydia ihren Bruder unrechtmäßig verurteilt. „Und warum sollte dein Vater ihn nicht unterstützen? Kein aufstrebendes Geschäft kommt ohne finanzielle Hilfe aus. Abgesehen davon, sind die Ward-Watsons eine begüterte Familie. Wie hätte Oliver ohne den nötigen Hintergrund vor Madeline bestehen können?“

Mit anderen Worten – Oliver hatte seine Verlobte in die teuersten Clubs und Restaurants eingeladen, ohne an die Kosten zu denken. Sein Geschäft bestand jetzt seit fünf Jahren. Damals war es Wilmot Pearson noch so gut gegangen, dass er keine Bedenken gehabt hatte, einen großen Teil seines Kapitals in Olivers Geschäft einzubringen.

„Ich wollte nicht andeuten, dass Oliver Dad das Geld weggenommen hat“, erwiderte Lydia ruhig. „Ich wundere mich nur, dass er mir nichts gesagt hat.“

„Wie du dich vielleicht erinnerst, machten Oliver und Madeline gerade Urlaub in Südamerika, als du das letzte Mal zu Hause warst“, antwortete ihre Mutter mit unüberhörbarem Vorwurf. „Der arme Oliver arbeitet so viel. Er brauchte die vier Wochen dringend, um sich zu erholen.“

„Aber geschäftlich geht es ihm doch gut?“, fragte Lydia misstrauisch, was ihr einen noch vorwurfsvolleren Blick eintrug.

„Da du danach fragst … Dein Bruder hat sich entschlossen, sein Geschäft aufzugeben.“

„Dann ist er ebenfalls pleite?“

„Drück dich bitte nicht so vulgär aus, mein Kind. Hat deine teure Erziehung denn gar nichts bewirkt? Aber um deine Frage zu beantworten … Alle Firmen arbeiten heute mit geliehenem Kapital, und die Last wurde Oliver einfach zu schwer. Wenn Madeline und er von der Hochzeitsreise zurückkommen, wird er in die Firma der Ward-Watsons eintreten.“ Hilary Pearson lächelte – zum ersten Mal, seit Lydia angekommen war. „Es würde mich nicht wundern, wenn er sich schnell zum leitenden Direktor hinaufarbeitet.“

„Aber von dem Gründungskapital seiner Firma kann er Dad nichts zurückzahlen?“

„Oliver wird sein ganzes Geld brauchen, um Madeline den Lebensstil zu ermöglichen, den sie gewohnt ist.“

Lydia seufzte resigniert. „Wo ist Dad jetzt? In der Fabrik?“

„Was soll er da?“, fragte ihre Mutter giftig. „Die Fabrik wurde bereits verkauft, um einen Teil der Schulden zu bezahlen.“

„Dann befindet er sich irgendwo auf dem Grundstück?“

„Auf welchem Grundstück? Alles verfügbare Land wurde verkauft … übrigens nicht sehr gewinnbringend, denn es handelt sich nur um Ackerland. Bis auf das Haus, das jetzt ebenfalls auf dem Spiel steht, ist alles verkauft worden. Aber ich ziehe nicht aus. Wenn wir nur halb so viel hätten, wie die Ward-Watsons für die Traumhochzeit ihrer Tochter ausgeben …“

Lydia ließ ihre Mutter reden, ohne richtig zuzuhören, schließlich fragte sie nach einer Weile: „Dann schuldet Dad der Bank gar nicht so viel?“

Ihre Mutter machte jedoch jede aufkeimende Hoffnung brutal zunichte. „Die Bank ist sein letzter Gläubiger … alle anderen sind mehr oder weniger zufrieden gestellt. Aber heute ist Dienstag, und die Leute von der Bank wollen nicht länger warten. Wenn dein Vater nicht bis Freitagabend fünfzigtausend Pfund einzahlt, beanspruchen sie das Haus und setzen uns auf die Straße. Kannst du dir das vorstellen? Diese Schande! Welche Adresse sollen wir auf Olivers Heiratsanzeige setzen? Statt ‚Oliver Pearson, Beamhurst Court‘ wird es heißen ‚Oliver Pearson, ohne festen Wohnsitz‘. Wie soll ich das überleben?“

Hilary Pearson hätte ihre Klagen und Vorwürfe fortgesetzt, wenn Lydia sie nicht aufgeregt unterbrochen hätte. „Die Bilder!“, rief sie. „Wir könnten einige der Familienporträts verkaufen.“

„Hast du mir denn nicht einen Augenblick zugehört?“, fragte ihre Mutter im Ton höchster Entrüstung. „Ich habe dir doch gerade erklärt, dass alles … wirklich alles, was nicht zu Olivers Treuhandfond gehört, bereits verkauft worden ist. Wir haben nichts mehr zu verkaufen … absolut gar nichts!“

Lydias Mutter war kurz davor, in Tränen auszubrechen, und Lydia empfand zum ersten Mal echtes Mitleid mit ihr. Sie liebte ihre Mutter, obwohl sie kein warmherziger Mensch war und Oliver immer vorgezogen hatte.

„Es tut mir so leid, Mum.“ Lydia stand auf und setzte sich zu ihrer Mutter auf das Sofa. „Wenn ich nur etwas tun könnte.“

„Du kannst du schon“, erklärte Hilary Pearson. „Du kannst Jonah Marriott aufsuchen.“

Lydia machte große Augen. „Jonah Marriott?“ Sie hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen. Das war sieben Jahre her, aber sie hatte den großen, ungewöhnlich gut aussehenden Mann nie vergessen.

„Erinnerst du dich an ihn?“

Lydia nickte. „Er war einmal hier. Hat Dad ihm damals nicht Geld geliehen?“

„Allerdings“, antwortete ihre Mutter scharf. „Dieses Geld muss er jetzt zurückzahlen.“

„Hat er das noch nicht getan?“ Lydia fühlte eine leichte Enttäuschung, denn Jonah war ihr als Teenager wie ein strahlender Ritter erschienen.

„Zufälligerweise hat dein Vater ihm genau die Summe geliehen, die wir brauchen, um nicht aus ‚Beamhurst Court‘ vertrieben zu werden“, fuhr Hilary Pearson fort.

„Fünfzigtausend Pfund?“

„Genauso viel. Ich betone noch einmal, dass man uns aus dem Haus werfen wird, wenn wir bis Freitagabend nicht gezahlt haben. Ich würde Mr. Marriott selbst aufsuchen, wenn dein Vater nicht bei der bloßen Vorstellung an die Decke gegangen wäre.“

Lydia konnte sich das bei ihrem sanftmütigen Vater, der seine Frau auf Händen trug, nicht gut vorstellen, aber dass er unter starkem seelischem Druck stand, war auch ihr klar.

Sie wollte ihre Mutter gerade fragen, ob schon jemand an Jonah Marriott herangetreten sei, als Wilmot Pearson hereinkam. Er ging so aufrecht wie sonst, und sein Haar war schon vor langer Zeit weiß geworden, aber sein verstörter, verhärmter Gesichtsausdruck war neu.

„Daddy!“ Lydia sprang auf und umarmte ihren Vater, dessen Anblick ihr unendlich wehtat.

„Du?“, fragte er überrascht. „Was tust du hier?“

„Ich … ich wollte Donna Gelegenheit geben, einmal ohne mich zurechtzukommen“, improvisierte Lydia schnell. „Ich werde sie später anrufen. Wenn sie einverstanden ist, bleibe ich hier. Das ist dir doch recht?“

„Oh ja, natürlich.“ Wilmot Pearson versuchte, sorglos zu klingen. „Schließlich ist dies dein Zuh…“ Er schwieg unvermittelt und wandte sich ab. Lydia wusste, woran er in diesem Augenblick dachte. Wenn nicht ein Wunder geschah, war dies nicht länger ihr Zuhause. „Hat deine Mutter dir die jüngsten Neuigkeiten erzählt?“

„Du meinst über Olivers Hochzeit? Wenn die Feier nur nicht zu protzig ausfällt. Soll ein Festzelt aufgestellt werden? Du wolltest gerade davon erzählen, Mum.“

Das Gespräch wandte sich der Hochzeit zu, aber Lydia hatte nur Augen für ihren Vater. Je länger sie ihn beobachtete, desto notwendiger erschien es ihr, Jonah Marriott aufzusuchen, um ihrem Vater seinen Seelenfrieden zurückzugeben.

„Dein Zimmer ist vorbereitet“, erklärte Hilary Pearson endlich und gab ihrer Tochter einen heimlichen Wink. „Wenn du hinaufgehen und dich frisch machen willst …“

„Ich habe noch in meinem Arbeitszimmer zu tun“, sagte Wilmot Pearson, bevor Lydia reagieren konnte. „Schön, dass du wieder da bist, mein Kind. Hoffentlich kannst du bleiben.“

„Nun?“, fragte Hilary Pearson, sobald sie wieder mit ihrer Tochter allein war.

Lydia zögerte. „Wenn Jonah Marriott das Geld nun nicht zurückzahlen kann? Du hast selbst gesagt, dass alle Firmen mit Krediten arbeiten.“

„Natürlich kann er das Geld zurückzahlen … doppelt und dreifach. Ambrose Marriott mag ein harter Geschäftsmann sein, aber niemand wird mir einreden, dass er seine beiden Söhne nicht gleichmäßig bedacht hat, als er die Kaufhauskette verkaufte. Rupert, der jüngere Bruder, gilt seitdem als Playboy und macht trotzdem Profit … ganz zu schweigen von Jonah.“ Lydias Mutter seufzte. „Den Marriotts geht es so gut, wie es uns schlecht geht.“

Lydia sah auf die Uhr. Es war halb fünf, und sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren. „Hast du Jonahs Telefonnummer?“, fragte sie ihre Mutter.

„Du kannst so etwas nicht am Telefon besprechen“, ereiferte sich Hilary Pearson. „Du musst ihn persönlich aufsuchen, ihm in die Augen sehen …“

„Ich wollte nur in seinem Büro anrufen, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren“, unterbrach Lydia ihre Mutter. „Er wird mich sonst wohl kaum empfangen.“

„Ich möchte nicht, dass dein Vater uns überrascht“, entschied Lydias Mutter. „Telefoniere lieber von deinem Zimmer aus. Ich begleite dich.“

„‚Marriott Electronics‘“, meldete sich eine angenehme weibliche Stimme, nachdem Lydia in ihrem alten Schlafzimmer die Londoner Nummer gewählt hatte.

„Mr. Marriott, bitte“, sagte sie mit so fester Stimme, wie es ihr möglich war. „Mr. Jonah Marriott.“

„Einen Moment, bitte“, antwortete die Telefonistin.

Die Aussicht, gleich mit dem Mann zu sprechen, den sie nur einmal gesehen, aber nie vergessen hatte, verursachte Lydia leichte Magenkrämpfe. War es wirklich so einfach, den viel beschäftigten Firmenchef zu erreichen?

Einige Sekunden verstrichen, dann meldete sich eine andere, nicht weniger geschulte Stimme. „Mr. Marriotts Büro.“

„Guten Tag“, stieß Lydia schnell hervor. „Hier spricht Lydia Pearson. Wäre es möglich, mich kurz mit Mr. Marriott zu verbinden?“

„Mr. Marriott ist bis Freitag nicht zu erreichen. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

„Oh“, sagte Lydia, die unentwegt von ihrer Mutter beobachtet wurde. „Ich müsste ihn möglichst schnell sprechen. Kann ich ihn unter seiner Privatnummer erreichen?“

„Mr. Marriott befindet sich zurzeit nicht in London und kommt erst am Donnerstagabend zurück.“

Also weiter abwarten, dachte Lydia, die das unangenehme Gespräch gern hinter sich gehabt hätte. „Vielen Dank. Ich rufe am Freitag wieder an.“

Hilary Pearson wollte Wort für Wort hören, was gesprochen worden war, und geriet in Panik. „Wir werden das Haus verlieren!“, rief sie verzweifelt. „Ich weiß es!“

Lydia hatte ihre Mutter noch nie so erlebt, und da sie nichts tun konnte, richtete sich ihr Zorn gegen Jonah Marriott.

„Nein“, erklärte sie betont ruhig, „wir werden das Haus nicht verlieren. Ich fahre am Freitag nach London und suche Mr. Marriott in seinem Büro auf. Er muss mir das Geld geben, das er Dad schuldet. Eher wird er mich nicht los.“

2. KAPITEL

Während der nächsten beiden Tage fand Lydia keinen Anlass, ihren Entschluss zu ändern, und ihr Zorn auf Jonah Marriott nahm stündlich zu. Wie konnte er sich Geld von ihrem Vater leihen und ihn dann in der Not so im Stich lassen? Nur die Erinnerung an ihre erste und bisher einzige Begegnung mit Jonah dämpfte diesen Zorn.

Sie hatte ihrem Vater während der Schulferien gelegentlich in seinem Arbeitszimmer geholfen und von ihm gehört, dass jemand zu Besuch kommen würde, um sich Geld zu leihen. Dieser Jemand war Jonah Marriott und saß eines Nachmittags im Wohnzimmer von „Beamhurst Court“.

„Oh, Verzeihung“, murmelte sie bei seinem unerwarteten Anblick und errötete tief. Sie war gerade sechzehn geworden und kämpfte noch mit ihrer mageren, hoch aufgeschossenen Figur. „Ich wusste nicht, dass jemand hier drinnen ist.“

Der Mann stand höflich auf, was Lydia aufs Neue zum Erröten brachte. „Warten Sie auf meinen Vater?“

Seine Augen, deren Blick unverwandt auf ihr ruhte, waren außergewöhnlich blau. „Wenn Ihr Vater Mr. Wilmot Pearson ist, dann warte ich auf ihn“, antwortete der Mann mit dunkler, ausgesprochen männlich klingender Stimme.

Lydia hatte längst weiche Knie bekommen. Sie wäre am liebsten aus dem Zimmer gelaufen, aber gleichzeitig dachte sie daran, wie unangenehm der Bittgang für den Besucher sein musste, und wollte ihm die Situation möglichst erleichtern.

„Ich bin Lydia“, stellte sie sich vor. „Lydia Pearson.“

„Jonah Marriott“, antwortete der Mann und reichte ihr die Hand, als wäre sie bereits erwachsen.

Sein Händedruck war warm und fest und machte Lydia noch verlegener. Trotzdem wollte sie nicht gehen, ohne ihm ihre Sympathie gezeigt zu haben.

„Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee trinken, Mr. Marriott?“, fragte sie.

Er lächelte, und Lydia glaubte, nie ein bezaubernderes Lächeln gesehen zu haben. „Nein, danke, Miss Pearson.“

Lydia hatte beinahe den Eindruck, dass er sich über sie lustig machte, und war dankbar, dass ihr Vater hereinkam.

„Tut mir leid, Jonah, dass Sie warten mussten“, entschuldigte er sich, „aber mit dem Anruf ist alles so gut wie erledigt.“ Ein freundlicher Blick streifte seine Tochter. „Sie haben Lydia kennengelernt. Bald sind die Sommerferien vorbei, da muss sie sich von ihrem geliebten ‚Beamhurst‘ losreißen und wieder das Internat besuchen.“

„Sie werden sie zweifellos vermissen“, meinte Jonah mit einem Blick, der Lydia von Neuem das Blut in die Wangen trieb.

„Bis später“, stieß sie ungeschickt hervor und floh aus dem Zimmer.

Von diesem Tag an schwärmte Lydia leidenschaftlich für Jonah Marriott, ohne ihn jemals wiederzusehen. Trotzdem gelang es ihr, mehr über ihn herauszufinden. Er war Ende zwanzig und besaß bereits eine eigene Firma für Elektronik. Aus Bemerkungen ihrer Eltern und ihres Bruders, der Jonahs jüngeren Bruder Rupert von der Universität her kannte, reimte sie sich zusammen, dass Jonah der ältere Sohn von Ambrose Marriott war. Ambrose besaß eine Kaufhauskette, und Jonah hatte für ihn gearbeitet, bis Rupert nach Abschluss seines Studiums ebenfalls in das Familiengeschäft eingetreten war. Danach hatte er sich entbehrlich gefühlt und eine eigene Firma gegründet.

Sein Vater hatte den Plan boykottiert und Jonah gezwungen, bei der Bank Schulden zu machen. Als er sein Geschäft später erweitern wollte, hatten die Leute von der Bank ihm keinen neuen Kredit gewährt, und er hatte sich nach einem andern Geldgeber umsehen müssen. Seine Wahl war auf Wilmot Pearson gefallen, einen bekannten und angesehenen Londoner Geschäftsmann.

Wilmot hatte an seinen Erfolg geglaubt und ihm, ohne zu zögern, fünfzigtausend Pfund geliehen. Leider hatte er das Geld nie zurückerhalten.

Als Lydia am Freitagmorgen nach einer unruhigen Nacht zum Frühstück erschien, kam ihr das Gesicht ihres Vaters noch grauer und eingefallener vor, als hätte er nicht eine Stunde geschlafen.

„Nun?“, fragte er betont fröhlich. „Was hast du heute vor?“

Lydia hätte ihm gern die Wahrheit gesagt, aber sein ausgeprägter Stolz machte das unmöglich. Hätte er gewusst, dass sie nach London fahren und Jonah Marriott an seine Schulden erinnern wollte, hätte er sie niemals fortgelassen.

„Ich habe Tante Alice schon lange nicht mehr besucht“, antwortete sie. Alice Gough war eine Tante ihrer Mutter und daher eigentlich Lydias Großtante. „Ich dachte, ich könnte einmal nach Penleigh Corbett hinüberfahren.“ Der kleine Ort lag in der benachbarten Grafschaft.

Es fiel Wilmot Pearson nicht auf, dass Lydia mit ihrem schicken taubenblauen Kostüm, dem streng zurückfrisierten Haar und dem sorgfältigen Make-up nicht für einen Besuch auf dem Land zurechtgemacht war. Er sah nur, dass sie ihr Auto aus der Garage holte, und winkte ihr sogar noch nach. Ihre Mutter hatte sich zum Abschied nicht sehen lassen.

Lydia stellte ihren Wagen auf einem Parkplatz am Stadtrand ab und fuhr erst mit der Untergrundbahn und dann mit dem Taxi zum Hauptgebäude von „Marriott Electronics“.

Die Empfangsdame hatte gerade telefoniert und wandte sich an einen wartenden Geschäftsmann. „Mr. Marriotts Privatsekretärin ist auf dem Weg nach unten, um Sie zu begrüßen.“

Lydia hörte nicht weiter zu und näherte sich den Liften. Einer setzte sich gerade in Bewegung, und sie konnte am Aufleuchten der Zahlen erkennen, dass er aus dem obersten Stockwerk kam. Der Aufzug hielt, und die Türen öffneten sich. Eine dezent zurechtgemachte Frau von Anfang vierzig stieg aus, sah den Geschäftsmann und ging lächelnd auf ihn zu.

Niemand achtete auf Lydia. Rasch betrat sie den Lift und drückte auf den Knopf zum obersten Stockwerk. Wenn sie nicht alles täuschte, war das eben Mr. Marriotts Privatsekretärin gewesen. Da sie aus dem obersten Stockwerk kam, musste auch Jonahs Büro dort liegen.

Der Lift hielt, und Lydia betrat einen langen Flur, der mit einem weichen roten Teppich ausgelegt war. Kurz entschlossen ging sie bis zum Ende des Korridors, wo sie Jonahs Büro vermutete. Der Chef eines so bedeutenden Konzerns ließ sich bestimmt nicht gern durch Liftgeräusche bei der Arbeit stören.

Am Ende des Korridors bog sie um eine Ecke und blieb vor zwei gleich aussehenden, nicht beschrifteten Türen stehen. Entweder befand sie sich in einem völligen Irrtum oder hinter einer dieser Türen saß der Mann, den sie suchte.

Sie presste eine Hand auf ihr ängstlich klopfendes Herz, atmete tief durch und drückte vorsichtig die rechte Klinke herunter. Die Tür öffnete sich automatisch, und Lydia sah Jonah Marriott an einem großen Schreibtisch sitzen. Wie angewurzelt blieb sie stehen, während tiefe Röte ihre Wangen überzog.

Jonah stand auf und kam langsam um den Schreibtisch herum. „Erstaunlich“, sagte er dabei, „Sie werden immer noch rot.“

Autor

Jessica Steele
Jessica Steele stammt aus der eleganten Stadt Royal Leamington Spa in England. Sie war ein zerbrechliches Kind und verließ die Schule bereits mit 14 Jahren als man Tuberkulose bei ihr diagnostizierte. 1967 zog sie mit ihrem Mann Peter auf jenen bezaubernden Flecken Erde, wo sie bis heute mit ihrer Hündin...
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