Ein wahres Fest der Liebe

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"Lieber Weihnachtsmann - ich habe nur einen Wunsch: eine Mama." Colter zerreißt es fast das Herz, als er den Wunschzettel seiner kleinen Tochter liest. Und dann schickt ihm der Himmel Marisa, seine einstige große Liebe. Wird sie diesmal für immer bleiben?


  • Erscheinungstag 02.12.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783751504799
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL
Lieber Weihnachtsmann,
dieses Jahr war ich wirklich brav. Kannst du mir und meinem Daddy bitte eine Mommy zu Weihnachten schenken? Sie soll nett sein und hübsch, und sie soll Hunde und Pferde mögen. Sonst brauchst du mir nichts zu schenken.
Alles Liebe,
Ellie Kincaid

Ellie steckte den Brief in einen Umschlag und wollte ihn gerade zukleben, als ihr Vater hereinkam.

„Was machst du denn da, Engelchen?“

„Ich habe einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben. Kannst du ihn bitte für mich abschicken, Daddy?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

Colter Kincaid wurde das Herz schwer. Er wusste natürlich, was in dem Brief stand. Denn Ellie wünschte sich jedes Jahr dasselbe: eine Mutter. Früher, als sie noch nicht in der Schule gewesen war, hatte er ihr noch geholfen, später hatte sie die Briefe selbst geschrieben.

Ellie war jetzt sieben Jahre alt und verbrachte täglich Stunden mit der Überlegung, wie sie zu einer Mutter kommen könnte. Damit hatte sie ihn schon in die eine oder andere peinliche Situation gebracht, wenn sie zum Beispiel wildfremde Frauen auf die Ranch eingeladen hatte. Colter brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass dieser Wunsch sich mit Sicherheit nie erfüllen würde, denn er hatte ein für alle Mal mit der Liebe abgeschlossen. Sie hatte ihm nichts als Unglück gebracht.

„Das werde ich morgen früh gleich als Allererstes erledigen“, sagte er und nahm den Brief an sich. „Aber jetzt ab mit dir ins Bett.“

Ellie zog einen Schmollmund. „Warum muss ich schon um neun ins Bett gehen? Wo morgen doch keine Schule ist.“

„Weil das hier eine der Regeln ist.“

„Aber Tulley muss auch nicht um neun ins Bett!“

Colter zog die Decke zurück. „Wenn du so alt bist wie Tulley, darfst du auch länger aufbleiben.“

„Ach, Manno.“ Ellie krabbelte ins Bett. Ihr Hund Sooner sprang mit einem Satz neben sie. „Wann bin ich endlich so alt wie Tulley?“

„Du kannst dir selbst ausrechnen, wie lange das noch dauert. Er ist jetzt siebzig.“

Ellies Miene verfinsterte sich. „Ich werde bestimmt nie siebzig.“

Colter umarmte sie mit einem Lächeln. „Du wirst wahrscheinlich noch viel älter. Aber du wirst trotzdem immer mein kleines Mädchen bleiben.“

„Ich hab dich lieb, Daddy.“ Sie gab ihm einen geräuschvollen Gutenachtkuss.

„Ich dich auch, Engelchen“, gab Colter weich zurück.

Ganz egal, was in seinem Leben noch passierte, seine Tochter würde immer am wichtigsten für ihn sein, und er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um sie glücklich zu machen.

Und das bedeutete, dass sie niemals die Wahrheit über ihre Mutter erfahren durfte.

Marisa Preston saß an ihrem Schreibtisch und fragte sich, was sie eigentlich an einem Samstagnachmittag in ihrem Büro verloren hatte. Normalerweise verbrachte sie ihr Wochenende nicht unbedingt im Kaufhaus ihrer Familie, aber heute hatte sie es zu Hause nicht ausgehalten. Um diese Zeit des Jahres fühlte sie sich immer besonders einsam. Deshalb musste sie sich irgendwie beschäftigen, um wieder aus ihrer depressiven Stimmung herauszufinden. Und so stand sie auf und machte sich auf den Weg in die Verkaufsräume. Dieses Jahr war die Weihnachtsdekoration besonders schön ausgefallen, hatte sie gehört. Das lenkte sie vielleicht von ihren düsteren Gedanken ab.

Ihr Weg führte sie unvermeidlich in die Geschenkabteilung und dort in eine ganz bestimmte Ecke: dorthin, wo jedes Jahr die traditionelle Weihnachtswiege ausgestellt war, die ein Künstler aus Austin nach einem historischen Vorbild aus einem einzigen alten Holzblock schnitzte. Seine Frau nähte die feine Bettwäsche aus weißer Seide und Spitze dazu. Die kunstvollen Schnitzereien machten jede einzelne Wiege zu einem einzigartigen Kunstwerk.

Sie konnte nicht anders, sie ging hinüber und berührte die wunderschöne Wiege, die sanft zu schaukeln begann. Auf einmal meinte sie, ein Baby schreien zu hören, und für einen Moment blieb ihr die Luft weg. Fast meinte sie, sie müsste ersticken. Sie schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch. Aber die Erinnerungen ließen sich nicht einfach ausblenden.

Es war Anfang Dezember gewesen, in Las Vegas. Sie hatte sich mit ihren besten Freundinnen Stacy und Rhonda ohne Wissen ihrer Mutter auf die Jagd nach dem großen Abenteuer gemacht. Zu der Zeit hatte sie mit ihrer Mutter in einem New Yorker Penthouse gelebt, als angehende Konzertpianistin ständiger strenger Disziplin unterworfen. Als ihre Mutter dann nach Europa gereist war, hatte sie die ungewohnte Freiheit genutzt, ein bisschen von dem Spaß nachzuholen, der in ihrem Leben fehlte.

In Las Vegas fand gerade das Finale der nationalen Rodeomeisterschaften statt, und die drei Mädchen wollten einmal ein paar echte Männer zu sehen bekommen. Marisa hatte es bald ein ganz bestimmter Cowboy angetan: Er war nicht größer oder stärker als die anderen, aber er strahlte bei seinen Auftritten ein solches außerordentliches Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aus, dass sie wie hypnotisiert von ihm war. Und er war der Beste. Natürlich musste er auf ein junges, unerfahrenes Mädchen aus der Stadt Eindruck machen.

Nach einer Runde hatte er sich direkt vor ihrem Platz nach seinem Hut gebückt, der ihm vom Kopf gefallen war, und als er sich wieder aufgerichtet hatte, hatten ihre Blicke sich getroffen.

Seine Augen waren von einem ganz außergewöhnlichen Grün gewesen. Es war ein helles Grün, das an Weintrauben im Sommer denken ließ. Er sah umwerfend gut aus und wirkte so viel aufregender und männlicher als all die jungen Männer, die sie sonst kannte. Deshalb hatte sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt, so leidenschaftlich, wie nur ein junges Mädchen das konnte.

Marisa stieß einen Seufzer aus, als die Erinnerungen an das Ende ihrer Liebe hochkamen, an den Kummer und den Schmerz. Aber all das verblasste im Vergleich mit der abgrundtiefen Verzweiflung, die sie nach dem Tod ihres Sohnes erfasst hatte. Es gab nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Das war ein Einschnitt im Leben, den man niemals ganz überwand. In ihrem Herzen würde ihr Sohn immer bei ihr sein.

Marisa kehrte mit einiger Mühe in die Gegenwart zurück und sah sich um. Das Kaufhaus hatte ihr Großvater, der Vater ihrer Mutter, um 1930 eröffnet und damit den Grundstein für eine der erfolgreichsten Kaufhausketten in Texas gelegt, die sich noch in Familienbesitz befanden. Sie würde es einmal zusammen mit ihrem Bruder erben. Natürlich war sie stolz darauf, auch wenn ihr die Arbeit keine große Freude machte und sie sich manchmal wie eine Gefangene fühlte.

Einige Angestellte beobachteten sie, aber niemand sprach sie an. Das war eine der ehernen Regeln, die ihr Vater aufgestellt hatte: keine Verbrüderung mit den Angestellten!

Unvermittelt blieb sie stehen, als ihr ein Mann auffiel, der an der Servicetheke stand und darauf wartete, dass seine Einkäufe weihnachtlich verpackt wurden. Ihr stockte der Atem. Das ist unmöglich. Das kann nicht er sein! Nicht heute.

Sicher spielte ihre Einbildung ihr einen Streich. Aber diese langen Beine in den engen Wrangler-Jeans, die silberne Gürtelschnalle, die Cowboystiefel und die braune Lederjacke konnten nur einem Mann gehören – ihm. Auf einmal fühlte sie sich um acht Jahre zurückversetzt.

Colter Kincaid – der Mann, den sie so leidenschaftlich geliebt hatte, der Vater ihres Sohnes – stand nur ein paar Meter von ihr entfernt. Er hatte sich kaum verändert.

Seit jenem Morgen im Motel hatte sie ihn nicht mehr gesehen, aber sie würde ihn überall wiedererkennen: Die stolze Haltung, die markanten Gesichtszüge, diese breiten Schultern waren unverkennbar. Sein Anblick war ihr so vertraut und doch zur gleichen Zeit fremd, als hätten Zeit und Erfahrung seine Persönlichkeit um neue, unbekannte Facetten bereichert. Marisa kämpfte gegen ihre aufsteigende Panik an. Ihre erste Erfahrung mit der Liebe, diese verzehrende Leidenschaft, hatte sie damals fast zerstört. Nie wieder wollte sie das erleben, hatte sie sich geschworen.

Trotzdem konnte sie den Blick nicht von ihm wenden. Sie stand einfach nur da, unfähig, sich zu bewegen oder einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Sie konnte ihn einfach nur anstarren. Die Jahre hatten ihm nicht geschadet, sondern ließen ihn nur noch attraktiver wirken. Aber sie entdeckte eine Härte in seinen Augen, die früher nicht da gewesen war. So lange hatte sie auf diese Begegnung gewartet, auf die Gelegenheit, ihm zu erklären, warum alles so gekommen war, aber jetzt wollten ihr die richtigen Worte nicht einfallen. Sie war so sprachlos wie bei ihrer ersten Begegnung.

Colter sah ungeduldig auf die Uhr. Wie lange dauerte es denn noch, drei Geschenke einzupacken? Wenn er etwas hasste, dann Einkaufen. Aber das gehörte nun einmal dazu, wenn man Kinder hatte. Er tat viel, was ihm nicht unbedingt Spaß machte, aber wenn seine Tochter ihn dann umarmte und erklärte, er sei der beste Daddy auf der ganzen Welt, hatte sich die ganze Mühe gelohnt. Mit einem Seufzer konsultierte er erneut seine Armbanduhr.

Plötzlich erfasste ihn ein ganz merkwürdiges Gefühl, und er spürte förmlich, wie sich die winzigen Härchen in seinem Nacken aufstellten. Er hob den Kopf und erlitt einen regelrechten Schock. Das konnte nicht sein, das war einfach nicht möglich. Aber er wusste, dass sie es war. Er wusste es in dem Moment, in dem er in ihre braunen Augen sah. Vor ihm stand die Frau, die er nie mehr hatte wiedersehen wollen.

Plötzlich schien die Zeit sich zurückzudrehen. Colter erinnerte sich noch genau an ihre erste Begegnung, an ihre stürmische Liebe, die Tage und Nächte voll magischer Sinnlichkeit, die sie geteilt hatten. Und er spürte es wieder, dieses Glück einiger weniger Wochen, das nur zu bald unerträglichem Schmerz gewichen war.

Sein erster Impuls war, ihr einfach den Rücken zuzukehren und zu gehen. Aber er konnte es nicht. Etwas in ihm zog ihn zu ihr hin, ließ ihn auf sie zugehen, bis er dicht vor ihr stand.

Aus der Entfernung hatte er bereits gesehen, dass Marisa sich verändert hatte. Aber er war nicht darauf vorbereitet gewesen, wie sehr diese Veränderung ihn traf. Das junge Mädchen, an das er sich noch so gut erinnerte, war zu einer wunderschönen Frau geworden. Er musterte sie abschätzend: das aschblonde Haar, das ihr ovales Gesicht umrahmte, die dunklen wie brauner Satin schimmernden Augen, die fein ziselierten Gesichtszüge und sanft geschwungenen Lippen. Nichts entging ihm, weder das teure cremefarbene Leinenkostüm noch diese nervöse Geste, mit der sie ihr Haar hinter die Ohren strich. Diese Angewohnheit hatte sie damals schon gehabt, und er erinnerte sich noch allzu gut daran.

Sie war schön, vielleicht noch schöner als damals. Bitterkeit erfüllte ihn und erinnerte ihn daran, was für ein Narr er gewesen war – ein dummer, verliebter Narr. Ihre Schönheit war nur Fassade, in ihrem Inneren sah es anders aus.

„Marisa Preston?“, hörte Colter sich sagen.

„Ja“, antwortete Marisa mit zittriger Stimme. Ihre Knie fühlten sich an, als ob sie jeden Moment unter ihr nachgeben würden. „Es ist lange her. Lebst du jetzt in Dallas?“

Misstrauisch runzelte er die Stirn. „Warum willst du das wissen?“

Sie zuckte mit den Achseln, unschlüssig, wie sie darauf antworten sollte. Eigentlich hatte sie nur versucht, mit ein bisschen Small Talk das Beste aus einer unangenehmen Situation zu machen.

„Und was machst du hier?“

„Ich arbeite hier.“

„Du arbeitest hier?“ Er zog die Augenbrauen hoch, und sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte. Er gab sich nicht einmal die Mühe, seine Verachtung zu verbergen.

„Im Management“, fügte Marisa hinzu.

„Im Management? Ich hätte eher angenommen, dass du inzwischen durch die Konzertsäle auf der ganzen Welt tourst. Hatte deine Mutter das nicht für dich geplant?“

„Meine Mutter, aber nicht ich. Du weißt sehr gut, dass ich das selbst niemals gewollt habe“, antwortete sie so leise, dass er ihre Worte vermutlich kaum verstehen konnte. Ob er wohl glaubte, dass sie ihn wegen ihrer Karriere verlassen hatte?

„Ich habe eigentlich nie gewusst, was du wirklich willst“, sagte er hart. „Im Grunde habe ich dich nie wirklich gekannt.“

Marisas Magen verkrampfte sich. Diese Kälte und diesen Zorn hatte sie nicht erwartet. War er nach all den Jahren denn nicht wenigstens ein bisschen neugierig darauf, warum sie damals gegangen war? Aber offenbar interessierten ihn ihre Gründe wirklich nicht. Ihr Kopf begann zu dröhnen, und sie fasste sich an die Schläfen, als könnte sie so den Schmerz lindern.

Ihre kleine Geste entging ihm nicht. „Was ist? Du denkst wohl nicht gern an die Vergangenheit?“

Wenn er nur wüsste! Schuldgefühle stiegen in ihr auf. „Nein“, gab sie zu und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Ich denke nicht gern an die Vergangenheit. Es ist lange her, und ich war sehr jung.“ Das klang selbst in ihren eigenen Ohren lahm, also versuchte sie es noch einmal. „Ich habe vieles falsch gemacht, und darauf bin ich wahrlich alles andere als stolz. Aber ich habe es geschafft, das alles hinter mir zu lassen.“

„Wie angenehm für dich.“ Colter wollte sich abwenden, aber er brachte es nicht fertig. Was war nur los mit ihm? Es musste der Schock sein, sie so unerwartet zu sehen, die Erinnerung daran, was sie ihm angetan hatte. Nie wieder würde er einer Frau vertrauen können. Er hatte es versucht, wirklich. Aber es war ihm einfach nicht möglich. Nicht einmal um seiner Tochter willen war er dazu in der Lage.

Sie hatte „vieles falsch gemacht“, weil sie „zu jung“ gewesen sei! Womöglich erwartete sie jetzt, dass er das einfach so hinnahm und ein nettes Schwätzchen mit ihr hielt. Nerven hatte sie, das musste er ihr zugestehen! Es fiel ihm schwer, sich zusammenzunehmen und seine Gefühle unter Kontrolle zu behalten.

Marisa hatte sich diese Begegnung tausendmal vorgestellt. Aber auf diese Feindseligkeit, diese kalte Fremdheit war sie nicht vorbereitet gewesen – immerhin hatte er nur vier Monate, nachdem sie ihn verlassen hatte, Shannon geheiratet. Ihre Mutter hatte ihr die ganze Geschichte brühwarm und mit sichtlichem Genuss berichtet. Warum war er also immer noch so wütend auf ein junges Mädchen, das sein Versprechen, ihn zu heiraten, gebrochen hatte? Natürlich hatte er darunter gelitten, aber sie hatte doch kein Verbrechen begangen.

Unter seinem unbarmherzigen Blick blinzelte sie nervös. „Findest du nicht, dass du ein bisschen übertrieben reagierst?“, fragte sie ihn. „Das ist schließlich alles eine Ewigkeit her.“

„Dass ich übertrieben reagiere?“, wiederholte er, und seine Stimme traf sie scharf wie ein Peitschenhieb. Er steckte die Hände in die Jackentaschen. „Lässt dich das alles denn völlig kalt?“

Wie konnte er es wagen, diese Frage ausgerechnet ihr zu stellen? Er war ein verheirateter Mann und hatte kein Recht, sie zu verurteilen, ohne wenigstens die Wahrheit zu kennen. Die Wahrheit. Ihr wurde klar, dass sie ihm sagen musste, was passiert war, was sie jahrelang gequält hatte.

„Ja, es hat mir eine Weile zugesetzt“, fing sie an und schob das Kinn vor. Unter seinem Blick musste sie um die richtigen Worte ringen. „Aber, wie gesagt, ich war jung und …“

„Oh bitte! Erspar mir das. Warum gibst du nicht einfach zu, dass du ein verwöhntes, reiches Gör warst? Dass du mit der Verantwortung oder mit einer festen Bindung nicht umgehen konntest und dich deswegen heim zu Mommy geflüchtet hast?“

Das Bild, das er offenbar von ihr hatte, gefiel ihr ganz und gar nicht. „Das stimmt doch überhaupt nicht!“

„Und ob das stimmt. Tulley hatte mich vor dir gewarnt, genau wie Shannon, aber ich Idiot …“

„Bitte“, flehte sie ihn an. Ihre Kopfschmerzen wurden immer unerträglicher. „Du verstehst das nicht.“

„Nein. Und ich fürchte, ich werde es auch nie verstehen. Ich will es nicht einmal.“

„Wenn du nur zuhören würdest! Ich kann dir alles erklären.“

„Es mag dich vielleicht überraschen, aber deine Erklärungen interessieren mich nicht – weder jetzt noch in Zukunft.“

„Ich wollte dich nicht verletzen“, sagte Marisa. Noch hoffte sie darauf, dass seine unversöhnliche Haltung aufweichte. Vergeblich.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte er voller Verachtung. „Du hast ja nie einen Gedanken an mich oder meine Gefühle verschwendet und bist einfach abgehauen.“

„Bitte, Colter. Hör mir zu …“

„Mr. Kincaid, Ihre Päckchen sind fertig“, rief eine Frau von der Servicetheke.

„Daddy!“ Im selben Augenblick kam ein kleines Mädchen mit einem Paar strassglitzernder Hüftjeans in der Hand auf ihn zugerannt. „Kaufst du mir die? Bitte, bitte. Die sind so cool!“

„Dafür bist du noch viel zu klein“, erklärte Colter, während er seine Päckchen entgegennahm.

„Aber alle Mädchen in meiner Klasse haben solche Jeans!“, behauptete die Kleine. Sie musste etwa sieben Jahre alt sein.

„Ellie …“

Colter und Shannon hatten eine Tochter. Sie war blond und hatte die grünen Augen ihres Vaters geerbt. Marisa konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse. Colter und Shannon hatten, kaum dass sie selbst ihn verlassen hatte, allem Anschein nach sofort eine Familie gegründet.

Aber noch ehe sie diese Erkenntnis verarbeiten konnte, tauchte ein zweites Kind auf.

„Daddy hat gesagt, dass ich noch zu klein bin“, berichtete das erste Mädchen dem anderen schmollend.

Marisas Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Also hatte Colter zwei Töchter.

„Leg die Jeans wieder zurück, sofort“, befahl Colter.

„Daddy …“

„Ellie! Sofort, habe ich gesagt.“

Sie bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick, dann trollten die beiden Kinder sich. Colter folgte ihnen, ohne Marisa noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Marisa sah, wie er den Arm um eine Frau legte. Sie konnte sie nicht deutlich erkennen, aber wer sollte das anderes sein als Shannon?

Wie in Trance machte sie sich auf den Weg zum Aufzug. Als die Türen sich hinter ihr geschlossen hatten und die Kabine sich in Bewegung setzte, drückte sie auf den Halteknopf. Der Aufzug blieb ruckelnd stehen, und sie ließ sich kraftlos auf den Boden sinken, am ganzen Körper zitternd. Tränen liefen ihr über die Wangen. Warum hatte sie Colter und seine perfekte Familie treffen müssen?

Und warum tat das nach so vielen Jahren noch so weh?

„Ms. Preston? Ms. Preston? Ist etwas passiert? Stecken Sie im Aufzug fest?“

Marisa hörte eine männliche Stimme über die Gegensprechanlage und rappelte sich langsam auf. Sie drückte auf „Sprechen“ und dann den Knopf, der den Lift wieder in Bewegung setzte. „Alles in Ordnung. Danke.“

Als sie die Geschäftsleitungsetage erreichte, wartete bereits der Mechaniker. „Ms. Preston …“

„Alles in Ordnung“, wiederholte sie und eilte an ihm vorbei zu ihrem Büro, damit er ihre Tränen nicht sah.

Sie trat ans Fenster und schaute auf das Stadtzentrum von Dallas hinunter. Aber alles, was sie sah, war Colters zorniges Gesicht. So viele Jahre hatte sie darauf gewartet, ihm von ihrem, von seinem Sohn zu erzählen. Und jetzt hatte sie nicht ein Wort über die Lippen gebracht. Wir hatten einen Sohn, hatte sie sagen wollen. Er ist gestorben. Aber wie konnte sie ihm das sagen? Wie machte man so etwas? Sie musste einfach mit jemandem reden.

Entschlossen hob sie den Hörer ab. „Schicken Sie bitte Ms. Michaels zu mir.“

„Sofort, Ma’am.“

Sie schlang die Arme um ihren Körper und wartete. Ein paar Minuten später kam Cari durch die Tür. Cari war zierlich und hatte dunkle Augen und dunkles Haar. Bei Dalton’s hatte sie als Verkäuferin angefangen und sich inzwischen zur Personalchefin hochgearbeitet. Marisa hatte sie kennengelernt, nachdem sie aus Texas zurückgekehrt war, und seitdem waren sie enge Freundinnen geworden – beste Freundinnen. Wenn jemand Marisas Geheimnisse kannte, dann Cari.

„Was ist passiert?“, fragte Cari nach einem Blick in ihr Gesicht.

„Ich habe ihn gesehen.“

Cari runzelte die Stirn. „Wen – ihn?“

„Ihn“, wiederholte Marisa und platzte mit der ganzen Geschichte heraus.

„Oh nein.“ Cari holte ihr ein Glas Wasser und drückte es ihr in die Hand. „Du zitterst ja richtig. Setz dich, bevor du mir noch umkippst.“

Marisa gehorchte. „Es war ein richtiger Schock, ihn nach all der Zeit wieder zu treffen. Und er hasst mich. Ich wollte ihm von unserem Sohn erzählen, aber er wollte nicht zuhören. Dabei wollte ich ihm so gern sagen, wie leid mir alles tut.“ Ihre Stimme schwankte, und ihre Kehle wurde eng.

Cari kniete sich neben sie. „Marisa, du warst erst siebzehn. Du hast das Beste getan, was unter diesen Umständen möglich war.“

„Wirklich?“ Marisa sprang auf und begann, auf und ab zu gehen. „Davon bin ich heute nicht mehr so überzeugt. Vielleicht war ich auch einfach schwach und habe meiner Mutter erlaubt, über mein Leben zu bestimmen.“

Cari erhob sich ebenfalls. „Es hilft nicht weiter, wenn du ständig …“

„Meine Mutter sammelt diese sündhaft teuren Kristalleier, die kleine Figürchen im Inneren haben. Genauso komme ich mir vor – hinter Glas gesperrt, beschützt und behütet. Wie in einem goldenen Käfig. Ich darf nicht leben, ich darf keine eigenen Entscheidungen treffen … Aber damit ist es jetzt vorbei“, erklärte Marisa entschlossen.

„Was hast du vor?“

„Ich werde Colter endlich sagen, was damals wirklich passiert ist. Das ist die einzige Möglichkeit für mich, endlich mit der Sache abzuschließen.“ Marisa holte tief Luft. „Wenn ich nur wüsste, wie ich ihn finde.“

„Weißt du das wirklich nicht?“

Marisa fuhr herum und sah ihre Freundin an. „Nein, warum?“

„Er besitzt eine Pferderanch in der Nähe von Mesquite.“

„Woher weißt du das?“.

„Vor einiger Zeit war ein Artikel über ihn im ‚Texas Magazine‘. Er züchtet Pferde und stellt Stiefel her. Offenbar ziemlich erfolgreich.“

„Er war nur ein Cowboy, als ich ihn kennengelernt habe. Und jetzt …“ Marisa befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zunge. „Wo ist die Ranch genau?“

Cari schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Das habe ich mir nicht gemerkt.“

„Bitte, Cari. Du musst mir helfen. Ich brauche seine Adresse.“

Nach einem Zögern kritzelte Cari etwas auf einen Block, und Marisas Herzschlag beschleunigte sich.

Marisa umarmte ihre Freundin. „Vielen, vielen Dank. Du bist die Beste.“

„Sag bloß niemandem, woher du die Adresse hast.“

„Ich verrate kein Sterbenswörtchen. Versprochen.“ Marisa griff nach ihrer Handtasche und ihrem Mantel.

„Du willst doch nicht sofort zu ihm fahren?“, fragte Cari besorgt.

„Doch. Ich muss es so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

„Aber laut Wettervorhersage soll es Schneeregen geben. Willst du nicht lieber bis morgen warten?“

„Nein. Aber keine Angst, ich bin wieder da, bevor das Wetter wirklich schlecht wird.“

„Marisa …“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Marisas Bruder Reed kam herein. Als er Cari entdeckte, schüttelte er den Kopf. Cari zog eine Augenbraue hoch und warf Marisa einen vielsagenden Blick zu. „Ruf mich nachher an.“ Damit stolzierte sie zur Tür hinaus.

Reed lächelte seine Schwester an. Er war fünf Jahre älter als sie und eine jüngere Version ihres Vaters: groß, gut aussehend und mit einem charmanten Lächeln. Als Marisa vier Jahre alt gewesen war, hatten ihre Eltern sich getrennt. Marisa war mit ihrer Mutter nach New York gezogen, während der neunjährige Reed beim Vater in Dallas geblieben war.

„Ich bin nur vorbeigekommen, weil ich dich fragen wollte, ob du mit zum Flughafen fahren willst, um Mutter abzuholen.“

„Tut mir leid. Ich habe schon etwas anderes vor.“ Marisa konnte nicht glauben, dass sie den Besuch ihrer Mutter tatsächlich vergessen hatte. Schon seit Tagen fürchtete sie sich davor. Aber jetzt hatten andere, wichtigere Dinge den Vorrang bekommen.

Reed musterte sie einen Augenblick. „Ist alles okay? Ich weiß, dass ihr beide kein sehr einfaches Verhältnis hattet. Aber ich dachte, das ist vorbei.“

„Ja, schon.“

Als Teenager war Marisa schüchtern und unsicher gewesen, beherrscht von ihrer Mutter. Vanessa hatte Träume und Pläne für ihre Tochter gehabt – Träume, die Marisa nicht teilte. Ein einziges Mal hatte sie aufbegehrt, damals, als sie nach Las Vegas geflohen war. Es war die glücklichste und zugleich schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie hatte lange geglaubt, dass sie nie darüber hinwegkommen würde.

Aber nach dem Tod ihres Sohnes hatte ihr Vater sie nach Texas zurückgeholt. Seine Liebe und Unterstützung hatten ihr geholfen, sich ihrer Mutter gegenüber durchzusetzen. Sie hatte sich geweigert, nach New York zurückzukehren. Zum ersten Mal in ihrem Leben verfolgte sie ihre eigenen Pläne: Sie studierte und machte ihren Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Danach fing sie, sehr zur Freude ihres Vaters, an, für die Dalton’s Department Stores zu arbeiten.

Ihr Selbstvertrauen war gewachsen, und sie war stärker geworden. Endlich konnte sie ihrer Mutter als erwachsene Frau und auf gleicher Augenhöhe gegenübertreten. Aber es fiel ihr immer noch schwer, sich über ihre Gefühle für sie klar zu werden. Sie liebte ihre Mutter, natürlich, auch wenn es ihr manchmal unmöglich war, sie gernzuhaben.

„Ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie und schob sich an Reed vorbei durch die Tür.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich bin zum Abendessen wieder zu Hause.“

Unterwegs, als sie Dallas hinter sich gelassen hatte, drohte sie der Mut zu verlassen. Aber sie hatte keine Wahl, sie musste Colter endlich die Wahrheit sagen. Um ihres Seelenfriedens willen. Und dahin gab es nur einen einzigen Weg: Sie musste mit ihm sprechen und ihm von ihrem gemeinsamen Sohn erzählen.

2. KAPITEL

Colter saß am Küchentisch, eine Tasse Kaffee vor sich. Er schaffte es einfach nicht, Marisa aus seinen Gedanken zu verbannen. Was machte sie in Dallas? Arbeiten, hatte sie gesagt. Aber das passte nicht zu der Frau, die er gekannt hatte. Damals hatte sie mit ihrer reichen Mutter in New York gelebt und Klavier gespielt. Das war ihr Element, nicht Arbeit.

Was wollte sie von ihm? Sie war schließlich diejenige, die ihn verlassen hatte. Was versprach sie sich von irgendwelchen Erklärungen, die ihn sowieso nicht interessierten?

Er schloss die Augen. Irgendwie hatte er immer gewusst, dass sie sich eines Tages wieder begegnen würden. Aber sie würde ihn nicht wieder zum Narren halten. Seit Ellies Mutter entschieden hatte, dass Familienleben nichts für sie war, lebte er nur für seine kleine Tochter.

Frauen hatten in ihrem gemeinsamen Leben nichts verloren. Shannon zu heiraten, war ein Fehler gewesen. Er hatte sie nicht genug geliebt, nicht so, wie er Marisa geliebt hatte. Aber er hatte ehrlich geglaubt, dass es zwischen ihnen funktionieren könnte und sie zu einer richtigen kleinen Familie zusammenwachsen würden.

Doch schon bald hatte sich herausgestellt, dass er Marisa nicht vergessen konnte. Shannon hatte ihn deshalb nach einem heftigen Streit wutentbrannt verlassen und war nach Wyoming zurückgegangen. Die Scheidungsunterlagen waren ihm kurz darauf per Post zugestellt worden. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr.

Nur Ellie war ihm geblieben. Sie war das Beste, was ihm je in seinem Leben passiert war, und er würde Marisa nicht in ihrer Nähe dulden.

Auf der Fahrt hing Marisa ihren Erinnerungen nach. Nach einer Rodeoveranstaltung hatte sie Colter auf einer Party kennengelernt. Menschen wie ihn hatte sie noch nie getroffen. In seiner Gesellschaft hatte sie sich wie etwas ganz Besonderes gefühlt, so lebendig, wie eine richtige Frau. Und als er ihr dann einen Heiratsantrag gemacht hatte, war ihr Glück vollkommen gewesen. Sie liebten sich, und nichts anderes schien zu zählen. Wenn sie heute daran dachte, staunte sie immer noch über ihre jugendliche Unbekümmertheit, ihre fast sträfliche Naivität.

Sie holte tief Luft. Aber davon verschwanden die Erinnerungen nicht. Als ihre Mutter damals nach Hause gekommen war und sie nicht vorgefunden hatte, hatte sie Stacy angerufen und so die ganze Geschichte herausbekommen. Das war der Anfang ihres Albtraums gewesen.

Marisa schluchzte auf. Nach einem Blick auf die Wegbeschreibung bog sie vom Highway auf eine Landstraße ab. Dabei bemerkte sie zum ersten Mal die dunklen Gewitterwolken am Himmel. Die Wettervorhersage schien sich zu bestätigen. Aber sie war sicherlich längst wieder in Dallas, wenn das Unwetter losbrach. Ein Abendessen mit ihrer Mutter war zweifellos der passende ironische Abschluss dieses Tages.

Jackson Tulley, einfach Tulley genannt, kam durch die Hintertür ins Haus, nahm seinen Hut ab und setzte sich auf die andere Seite des Küchentisches. Alles, was Colter über das Reiten und über Pferde wusste, hatte er von ihm gelernt. Tulley war wie ein Vater für ihn gewesen und hatte ihn bei allen seinen Siegen und Niederlagen begleitet.

Sein Vater, James Kincaid, und Tulley waren die besten Freunde gewesen und hatten zusammen die Rodeoarenen unsicher gemacht. Als Colter zehn Jahre alt war, war sein Vater gestorben. Seitdem lebte Tulley bei ihm.

„Grübelst du immer noch über dieses Treffen mit Marisa nach?“, fragte Tulley nach einem Blick in Colters finstere Miene.

Colter umklammerte seine Tasse. „Auf einmal stand sie da. Keine Ahnung, was sie da gemacht hat.“

Tulley fuhr sich mit einer Hand durch das dünner werdende graue Haar. „Denk doch mal nach, Junge.“

Colter hob den Kopf. „Wie meinst du das?“

„Marisa Preston!“

„Ja und?“

„Sag mal, hast du ein Brett vor dem Kopf?“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Richard Preston, der Eigentümer der Dalton’s Department Stores! Marisa Preston. Na, klingelt da was?“

„Du lieber Himmel.“ Colter rieb sich das Gesicht. „Natürlich. Sie hat mir zwar erzählt, dass ihr Vater in Texas lebt, aber sie hat nie darüber gesprochen, womit er sein Geld verdient.“

„Man könnte sagen, dass ihr damals überhaupt nicht viel miteinander geredet habt“, meinte Tulley trocken.

So konnte man es ausdrücken. Sie hatten sich im Grunde kaum gekannt, und deshalb konnte Colter nicht verstehen, warum seine Erinnerungen an Marisa nach all den Jahren nicht verblassen wollten.

„Und jetzt? Was willst du unternehmen?“

„Nichts“, erwiderte Colter hart. „Sie arbeitet jetzt offensichtlich für ihren Vater. Keine Ahnung, was aus ihrer Karriere als Konzertpianistin geworden ist. Aber es ist mir auch egal. Noch einmal gehe ich ihr bestimmt nicht auf den Leim.“

Autor

Linda Warren

Nachdem Linda Warren ihr erstes Buch bei Harlequin Superromance veröffentlicht hat, war ihr Leben nicht mehr das, was es vorher war. Es machte plötzlich Spass, war spannend und sie hat nie genug Zeit. Aber sie genießt jede Minute. Sie wuchs in einer Farmer – Gemeinschaft in Smetana außerhalb von Bryan,...

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