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Eine überzeugte Aussteigerin ist die zierliche Jemima. Vor dem Großstadtleben in London ist die Ex-Anwältin aufs Land geflohen. Sam dagegen lebt als Architekt gern in der City. Schlechte Aussichten für ihre Liebe! Oder werden sie durch ein überraschendes Ereignis doch noch ein glückliches Paar?
  • Erscheinungstag 23.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757328
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Typisch! Muss ich nun abbiegen oder nicht?“ Als Sam das Fenster öffnete, um das Verkehrsschild zu lesen, blies ihm ein eisiger Wind den Schnee ins Gesicht. Schützend hielt er eine Hand vors Gesicht. Das Schild war von einer dichten Schneeschicht bedeckt, es war unmöglich, die Aufschrift zu erkennen.

Eigentlich war er ziemlich sicher, welche Richtung er nehmen musste. Schnell ließ er das Seitenfenster wieder hochgleiten, damit nicht noch mehr Schnee in den Wagen wehte, und klopfte sich den Pullover ab. Natürlich hätte er aussteigen und den Schnee vom Schild wischen können, aber diese Möglichkeit sagte ihm angesichts des heftigen Schneesturms wenig zu.

Wütend betrachtete Sam die zugeschneite Windschutzscheibe und betätigte den Scheibenwischer. Der Schnee, auf den sie Weihnachten vergeblich gewartet hatten, kam jetzt im Februar. Darauf hätte er gut verzichten können. „Wirklich ganz wunderbar“, sagte er ironisch vor sich hin.

Da er sich unschlüssig war, welche Richtung er einschlagen sollte, lehnte er sich zurück, legte eine Verdi-CD ein und wartete, dass es zu schneien aufhörte. Eine halbe Stunde später hatte der Wind noch mehr zugenommen und heulte gespenstisch ums Auto.

„Es hat keinen Zweck, länger zu warten“, überlegte Sam und fuhr vorsichtig an. Er war froh, dass er einen Wagen mit Allradantrieb gekauft hatte. Eines Tages war er es nämlich leid gewesen, ständig auf irgendwelchen schlammigen Baustellen stecken zu bleiben. Es hatte zwar immer einige kräftige Bauarbeiter gegeben, die das Auto wieder herausgezogen hatten, doch hier war er ganz auf sich allein gestellt. Noch rollte der Wagen langsam, aber stetig vorwärts. Allerdings bezweifelte er, Sam, allmählich, dass er das Bauernhaus seiner Großeltern noch an diesem Abend erreichen würde.

Meter um Meter kämpfte der Wagen sich durch den tiefen Schnee. Der Sturm fegte über die Felder und türmte die weißen Massen auf dem Weg auf. Erst als rechts eine dichte Hecke auftauchte, die den Sturm abhielt, konnte Sam das Tempo etwas beschleunigen.

„Endlich“, sagte er vor sich hin. Auf der linken Seite lag ein Bauernhof, dessen Wohnhaus und Ställe auch schon bessere Tage gesehen hatten. Und doch machte das hell erleuchtete Haus einen einladenden Eindruck in dieser unwirtlichen Umgebung.

Sobald er die Lichter hinter sich gelassen hatte, fühlte Sam sich schrecklich einsam. Das war seltsam, denn eigentlich hatte er genug von seinen Mitmenschen mit ihren großartigen Ideen, die sich niemals umsetzen lassen würden. In seinen Augen waren die Leute, mit denen er es zu tun hatte, Narren, die nie zu einer Entscheidung kamen. Er hatte London gar nicht schnell genug verlassen können.

Und fühlte er sich plötzlich einsam, weil weit und breit keine Menschenseele zu sehen war? Sehr merkwürdig! Sehnsüchtig betrachtete er den kleinen Bauernhof im Rückspiegel, als er abbog.

Das war keine gute Idee gewesen! Mit dreißig Stundenkilometern fuhr er in eine Schneewehe am Ende der Hecke und blieb stecken. Der Sicherheitsgurt verhinderte, dass er durch die Windschutzscheibe geschleudert wurde, schnitt ihm jedoch in die Brust.

Sam lehnte sich erschrocken zurück. Als er sich von dem Schock erholt hatte, legte er den Rückwärtsgang ein. Der Wagen bewegte sich keinen Zentimeter.

„Verflixt!“ Wütend schlug Sam mit der flachen Hand aufs Lenkrad und betrachtete die Schneemassen, die sich auf der Motorhaube aufgetürmt hatten. Und der Sturm trieb den Schnee direkt gegen die Fahrerseite.

Noch einmal versuchte Sam vergeblich, rückwärts zu fahren, dann gab er auf. So kam er offensichtlich nicht weiter. Vielleicht konnte der Landwirt von dem Bauernhof, an dem er gerade vorbeigefahren war, ihn mit dem Traktor herausziehen oder ihn wenigstens im Haus übernachten lassen. Denn bis zu seinen Großeltern würde er es kaum schaffen, obwohl er kaum drei Kilometer von ihnen entfernt sein konnte.

„So etwas Dummes!“ Sam stellte den Motor aus und rutschte auf den Beifahrersitz. Dabei holte er sich einige blaue Flecken, und fast hätte er sich auch noch ernsthaft an der Handbremse verletzt.

Fluchend stieg er schließlich auf der Beifahrerseite aus und stand im tiefen Schnee. Nachdem er die Tür zugeknallt hatte, öffnete er die hintere Tür, nahm seinen Mantel vom Rücksitz und machte sich frierend auf den Weg zum Bauernhaus.

Ein eisiger Wind blies ihm ins Gesicht. Gebeugt kämpfte Sam sich im Schneesturm voran. Schon bald sah er die hell erleuchteten Gebäude vor sich. Allerdings ging das Licht in dem Moment aus, als er den Hof betrat.

Jemima war mit ihrem Latein am Ende. Es war eisig kalt, ihre spröden Hände hatten zu bluten begonnen, es wollte einfach nicht aufhören zu schneien, und Daisy III. litt schon wieder an einer Euterentzündung.

Als sie einen Wagen vorbeifahren hörte, der viel zu schnell war, horchte sie auf. Am Ende der Hecke türmte sich inzwischen bestimmt eine Schneewehe, und … Tatsächlich! Im nächsten Moment hörte sie, wie das Auto hineinfuhr. Jemima seufzte. Wahrscheinlich würde der Fahrer über kurz oder lang bei ihr auftauchen und sie bitten, den Wagen herauszuziehen. Aber wie? Der Traktor war defekt.

Sie widmete sich wieder Daisys entzündetem Euter, während sie hörte, wie der Fahrer vergeblich versuchte, den Wagen zurückzusetzen.

„Armes altes Mädchen“, sagte sie leise und massierte Salbe in das gerötete Euter ein, bevor sie Daisy melkte, um den Spannungsschmerz zu reduzieren. Das wurde für sie beide ein schmerzhaftes Unterfangen, denn Daisy schlug immer wieder nach ihr aus.

„Du könntest wirklich etwas dankbarer sein, altes Mädchen“, sagte Jemima einschmeichelnd und wich dem nächsten Tritt aus. „Ganz ruhig, so ist es gut. Wir haben es schon geschafft, Daisy.“

Sie richtete sich auf und hielt sich das schmerzende Kreuz.

Inzwischen schien der Fahrer des Wagens es aufgegeben zu haben, sein Fahrzeug aus den Schneemassen zu befreien. Wahrscheinlich würde er gleich im Stall auftauchen und sie um Hilfe bitten.

Plötzlich wurde es um sie her stockdunkel.

„Auch das noch!“ Jemima stöhnte, wartete, bis ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, und ging zu Bluebell hinüber, um sie von der Melkmaschine loszumachen. Man konnte ja nicht wissen, wann es wieder Strom geben würde.

Ausgerechnet während des Melkens musste der Strom ausfallen! Wie oft hatte sie das Elektrizitätswerk schon gebeten, eine neue Leitung zu ziehen, aber bisher war nichts passiert.

Wahrscheinlich war das Überlandkabel bei dem Sturm mal wieder an der alten, abgestorbenen Eiche gerissen. Die Leute vom Elektrizitätswerk weigerten sich, neue Leitungen zu ziehen, bevor die Eiche gefällt war. Und dafür war der Besitzer des Baumes verantwortlich. Leider gehörte die Eiche ihr, Jemima.

Sie hatte eine Firma um einen Kostenvoranschlag gebeten, den Auftrag jedoch nicht erteilt, weil sie nicht einsah, dass sie einige Hundert Pfund für das Fällen eines einzigen Baumes ausgeben sollte, ganz zu schweigen davon, dass ihr das Geld dazu fehlte.

Vielleicht hätte sich die Investition doch gelohnt, wenn man bedachte, dass nun dreißig Kühe mit der Hand gemolken werden mussten!

Jemima fuhr erschrocken zusammen, als es hinter ihr krachte. Im nächsten Moment fluchte jemand ausgiebig.

Es war natürlich der Autofahrer, der im Dunkeln über den Hof irrte und die Hunde wild gemacht hatte.

Jemima griff nach dem Milcheimer, stellte ihn zur Seite und öffnete vorsichtig die Stalltür. Sofort wehten ihr eisige Schneeflocken ins Gesicht. Schnell zog sie die Wollmütze tiefer in die Stirn und wagte sich auf den Hof. Im nächsten Moment prallte sie mit jemandem zusammen.

„Au!“

„Entschuldigung.“

Der Mann wich zurück und rieb sich leise fluchend den schmerzenden Oberkörper. Jemima sah auf. Der Schnee brannte ihr so stark auf den spröden Wangen, dass ihr die Tränen kamen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, rief Jemima.

Der Fremde sah sie an. Obwohl er direkt vor ihr stand, konnte sie sein Gesicht in der Dunkelheit kaum erkennen.

„Ich möchte den Hofbesitzer sprechen. Ist das Ihr Vater?“

Der Mann schien es gewohnt zu sein, Anweisungen zu geben. Da war er bei ihr gerade an der richtigen Adresse. Jemima lächelte ironisch.

„Der Hof gehört mir“, erklärte sie.

„Seien Sie nicht albern! Sie können ja kaum älter als sechzehn sein.“

Sollte sie nun erfreut oder beleidigt sein? Sie beschloss, über seine Bemerkung hinwegzugehen. Vielleicht wirkte sie im Dunkeln wirklich so jung, und besonders groß war sie schließlich auch nicht. „Stecken Sie fest?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete er kurz angebunden. „Ich brauche ein Seil. Meinen Sie, Ihr Vater würde so freundlich sein, meinen Wagen mit dem Traktor aus der Schneewehe zu ziehen?“

Jemima verbiss sich das Lachen. „Sicher würde er das tun“, sagte sie in verbindlichem Tonfall. „Aber er wohnt in Berkshire, außerdem ist der Traktor kaputt.“

„Wie bitte? Wieso ist er kaputt?“, fragte er ungläubig.

Jemima seufzte. Nun musste sie ihre eigene Dummheit zugeben. „Weil er eben kaputt ist.“

„Völlig kaputt?“

„Jedenfalls kann ich ihn nicht innerhalb der nächsten zehn Minuten reparieren.“

Der Mann stöhnte und machte eine resignierte Geste. „Könnten wir vielleicht irgendwohin gehen, wo wir vor diesem grässlichen Schneetreiben geschützt sind?“

„Nichts lieber als das.“ Sie kehrte in den Stall zurück. Er folgte ihr und zuckte zusammen, als er die muhenden Kühe hörte.

„Sind die auch angebunden?“, fragte er beunruhigt.

Vor Kühen hat dieser Stadtmensch wohl Angst, dachte Jemima belustigt.

„Keine Panik“, antwortete sie beruhigend. „Die haben mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen.“ Er wich erschrocken zurück, als unmittelbar neben ihm eine Kuh muhte. Er war in etwas Weiches getreten und fluchte.

„Passen Sie lieber auf, wohin Sie gehen“, riet Jemima.

„Gern, aber Ihnen ist vielleicht entgangen, dass es hier drinnen stockdunkel ist. Ich kann ja nicht einmal die Hand vor den Augen sehen.“

Leider hatte er recht. „Tut mir wirklich leid“, sagte Jemima. „Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Der Traktor ist defekt, und ich habe keinen Wagen mit Allradantrieb. Vielleicht könnte ich Ihr Auto ja schieben.“

Der Mann schnaufte. „Wie denn? Der Wagen steckt bis zum Dach in einer Schneewehe.“

„Oje! Dann holen wir jetzt am besten Lampen und rufen den Pannendienst. Sie sind doch wohl Mitglied eines Automobilclubs, oder?“

„Selbstverständlich! Aber den Pannendienst habe ich natürlich noch nie in Anspruch genommen.“

„Natürlich nicht“, antwortete sie ironisch.

„Der Wagen hatte ja auch keine Panne“, sagte er mürrisch.

„Nein, und mit der Schneewehe konnte kein Mensch rechnen.“

Darauf wollte er offenbar lieber nichts erwidern.

„Also gut, dann rufen wir jetzt den Pannendienst. Kommen Sie mit.“

„Wo sind Sie denn? Ich kann Sie nicht sehen.“

Oje! Sie streckte die Hand aus, um seine zu umfassen, verfehlte jedoch das Ziel. Stattdessen spürte sie einen muskulösen Schenkel und … Oh, wie peinlich!

„Was, um alles in der Welt, treiben Sie da?“ Er wich entsetzt zurück.

Jemima lachte verlegen. „Entschuldigung. Ich wollte nur nach Ihrer Hand greifen und Sie zum Haus führen“, erklärte sie ausdruckslos und streckte erneut die Hand aus.

Nach kurzem, misstrauischem Zögern umfasste er sie. Seine Hand war kalt, aber nicht so kalt wie ihre.

„Sie müssen ja völlig durchgefroren sein, Kind“, sagte er leise und verstärkte seinen Griff.

„Ja, aber ich bin kein Kind mehr. Kommen Sie!“Es fiel Jemima schwer, seine warme, starke Hand zu ignorieren. Seit über einem Jahr hatte sie keinen Mann mehr um sich gehabt. Sie hatte fast vergessen, wie hart und kräftig sich eine Männerhand anfühlen konnte. Und warm und manchmal auch zart …

„Bleiben Sie an meiner Seite“, riet Jemima, verließ den Stall und machte die Tür hinter sich zu, damit der Schnee nicht in den Stall wehte. Sowie der Anruf erledigt war und sie sich eine Lampe besorgt hatte, musste sie die anderen Kühe melken.

Das Haus lag nur wenige Schritte vom Stall entfernt. Obwohl Jemima den Hof wie ihre Westentasche kannte, stieß sie gegen den Miststreuer und die Weißdornhecke, die den Garten begrenzte, bevor sie die Gartentür und den Weg zu Haus fand. Sie stieß die Haustür auf, klopfte sich auf der Fußmatte den Schnee von den Schuhen und bat den Fremden herein. „Kommen Sie schnell, hier können Sie sich ausziehen“, rief sie laut, um das Gebell der Hunde zu übertönen.

Er folgte ihr in die Küche, wo sie die Hunde streichelte und beruhigend auf sie einredete: „Hallo, Mädchen. Seid nett zu ihm!“

Die Tiere sprangen an ihm hoch. Als er nervös ausweichen wollte, stieß er irgendwo gegen und fluchte wütend.

„Platz! Jess, Noodle, Platz! Aber sofort. Bleiben Sie stehen, bis ich Licht gemacht habe“, fügte sie an ihn gewandt hinzu. „Hier muss irgendwo eine Taschenlampe liegen.“

Im nächsten Moment richtete sie den Lichtkegel auf ihn. Er stand mit dem Rücken zur Wand, an der Besen und Hundeleinen hingen, und hielt sich schützend die Hände vor sein empfindlichstes Körperteil.

„Wieso gehen heute Abend eigentlich alle auf dasselbe los?“, fragte er wütend und versuchte, Noodle, eine Bologneserhündin mit langen weißen Locken, wegzuscheuchen. Doch die ließ sich nicht beirren und sprang immer wieder begeistert an ihm hoch.

„Entschuldigung.“ Das Bild, das sich ihr bot, war so komisch, dass Jemima sich das Lachen kaum verkneifen konnte. „Komm her, Noodle! Sei ein braves Mädchen! Hör sofort auf!“ Ohne eine Spur von Reue sprang die Hündin auf sie zu, und der Besucher entspannte sich und betrachtete Jemima. Da sie seine Miene nicht deuten konnte, richtete sie die Taschenlampe auf sein Gesicht.

Er legte sich schützend eine Hand vor die Augen. „Was soll das denn nun wieder? Wollen Sie mich blenden?“, fragte er schroff.

„Tut mir leid“, behauptete sie, obwohl das gar nicht stimmte. Denn in dem kurzen Augenblick hatte sie genug gesehen. Ihr Herz schlug sofort schneller. Seine Augen waren erstaunlich – dunkelblau und blitzend vor Zorn. Sein dichtes dunkles Haar war vom Wind zerzaust. Der Mann sah überwältigend gut aus und so sexy … Und der Mund …

Jemima riss sich zusammen und suchte im Lichtkegel der Taschenlampe nach einer Laterne und Streichhölzern. Als sie beides gefunden hatte, versuchte sie mit zittrigen Händen, Licht zu machen.

Sichtlich frustriert wartete der Fremde darauf, dass es endlich hell wurde.

Im Schein der Laterne sieht die schäbige Küche vielleicht sogar romantisch aus, dachte Jemima und hoffte, die spärliche Beleuchtung würde auch darüber hinwegtäuschen, dass sie aussah, als hätte sie sich im Heu gewälzt.

Endlich gelang es ihr, den Docht anzuzünden. Sie setzte die Glaskugel wieder auf den Metallhalter, wartete, bis die Flamme nicht mehr flackerte, und sah zu dem Mann auf. Dazu musste sie den Kopf zurücklegen.

„Sie sind ja winzig“, sagte Sam vorwurfsvoll, als wäre es ihre Schuld, dass sie nicht größer war.

„Klein, aber oho“, konterte Jemima frech und versuchte zu ignorieren, dass ihr Herz vor Aufregung schneller pochte. „Das Telefon steht im Wohnzimmer. Ich würde den Pannendienst lieber gleich anrufen, bevor das Schneetreiben noch dichter wird, und die Leute sich weigern herzukommen.“ Sie reichte ihm die Laterne und schob ihn zur Wohnzimmertür.

„Wo bin ich hier überhaupt? Ich muss den Männern doch die Adresse durchgeben.“

Jemima sah ihn an. Jetzt wurde es peinlich. Anfangs hatte sie den Namen lustig gefunden, aber inzwischen bereute sie die Namensänderung. „Puddleduck Farm“, antwortete sie und hob herausfordernd das Kinn.

„Pu… Aha.“ In seinen dunkelblauen Augen blitzte es humorvoll auf, sonst ließ er sich nichts anmerken. Doch dann verdarb er alles, denn er sagte: „Jetzt erzählen Sie mir nur noch, dass Sie Jemima heißen.“

Sie atmete tief durch und richtete sich zu ihrer beeindruckenden Größe von einem Meter zweiundfünfzig auf. „Sie haben es erraten“, antwortete sie und sah ihn herausfordernd an. „Ich heiße Jemima Miller.“

Nur mit Mühe gelang es Sam, ernst zu bleiben. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Jemima Miller.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Ich bin Sam Bradley. Zu Ihren Diensten.“

„Ich dachte, ich wäre Ihnen zu Diensten“, antwortete sie trocken.

Als er verlegen lächelte, klopfte ihr Herz sofort wieder schneller. „Stimmt, und ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar. Dann rufe ich jetzt den Pannendienst an.“

Jemima überließ ihm das Wohnzimmer und kehrte in die Küche zurück, wo sie im Schein der Taschenlampe Wasser in einen Teekessel laufen ließ, den sie dann auf den Holzkohleofen stellte. Aus dem Wohnzimmer hörte sie Sams Stimme. Es war höchst unwahrscheinlich, dass der Pannendienst Sam bei diesem dichten Schneetreiben zu Hilfe kommen würde. Sie stellte das benutzte Geschirr in die Spüle und ließ heißes Wasser einlaufen, um es zu verbergen.

Eigentlich hätte sie sich schon längst um die Küche kümmern müssen, aber tagsüber hatte sie keine Zeit, und abends war sie zu müde.

Sam kehrte in die Küche zurück und stellte wütend die Laterne ab. Nach kurzem Flackern brannte die Flamme wieder ruhig und gleichmäßig.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Jemima gelassen. Sie wusste, dass es der Fall war.

„Sie können nicht kommen“, erklärte Sam wütend. „Die Leute bombardieren die Zentrale mit Anrufen, und die Männer können erst morgen hier sein.“ Er warf einen Blick auf seine elegante Armbanduhr. „Dürfte ich wohl die Leute anrufen, die ich besuchen wollte? Sie erwarten mich sicher bereits, und ich möchte sie nicht beunruhigen.“

„Selbstverständlich. Sie können hier übernachten, wenn Sie möchten.“

„Ach, das wird sicher nicht nötig sein. Ich kann die Strecke auch zu Fuß gehen. Es kann nicht weit sein.“

„Bei diesem Wetter?“ Jemima richtete den Lichtkegel der Taschenlampe aufs Fenster. Sam fluchte, als er das dichte Schneetreiben sah. Er flucht ganz schön oft, dachte sie. Er erwartet wohl, dass immer alles nach seiner Nase geht. Dann sollte er lieber nicht in die Landwirtschaft gehen. Sie dachte an ihre dreißig Kühe, die sie jetzt wegen des Stromausfalls von Hand melken musste. Anschließend musste sie die Kälber füttern, Wasser holen und Eier einsammeln. Das würde eine lange Nacht werden.

„Ich werde sie schnell anrufen“, sagte Sam mürrisch und ging wieder zum Telefon.

„Hallo, Grandad. Hier ist Sam. Ich habe da ein kleines Problem. Mein Wagen steckt in einer Schneewehe kurz hinter der Puddleduck Farm fest. Wie weit ist es bis zu eurem Haus? Meint ihr, ich schaffe es zu Fuß?“

„Puddleduck? Das ist nur …“

„Puddleduck?“, fragte seine Großmutter im Hintergrund. „Gib mir mal den Jungen. Hallo, Sam?“

„Hallo, Grannie. Ich habe Grandad gerade erzählt, dass ich jetzt auf der Puddleduck Farm bin. Der Wagen steckt in einer Schneewehe fest, und ich wollte zu Fuß zu euch kommen.“

„Aber doch nicht bei diesem Wetter! Es ist viel zu weit. Bleib schön, wo du bist. Jemima wird sich um dich kümmern.“

„Kennst du sie denn?“

„Natürlich. Wir sind doch Nachbarn – na ja, sozusagen“, fügte seine Großmutter schnell hinzu. „Es sind bestimmt gute dreieinhalb Kilometer bis zu uns. Bei diesem Schneesturm und der Dunkelheit wäre es Weg zu gefährlich, Sam. Bleib lieber bei Jemima. Vielleicht könntest du ihr helfen. Sie ist ja ganz allein, und nun ist auch noch der Strom ausgefallen, und sie muss die Kühe von Hand melken. Für etwas Unterstützung wäre sie bestimmt dankbar.“

Im Hintergrund hörte er seinen Großvater verächtlich schnaufen. Sam hätte am liebsten laut gestöhnt. Er sollte Jemima beim Melken helfen? Bei der Kälte? Außerdem konnte er Kühe nicht leiden. Eine davon hatte bereits seine Socken und Hose ruiniert. Er seufzte. In der Reinigung würde man entzückt sein, wenn er die mit Kuhfladen beschmierte Hose brachte.

„Sie kommt bestimmt auch allein zurecht.“

„Aber Sam! Die Kleine ist ganz allein. Du darfst sie nicht im Stich lassen.“

Er gab nach. „Also gut, Grannie.“ Seiner Großmutter hatte er noch nie etwas abschlagen können. Außerdem brachte sie ihn immer wieder auf den richtigen Pfad, wenn er einmal die Orientierung verloren hatte. Deshalb wollte er sie ja auch besuchen.

„Ist bei euch alles in Ordnung?“, fragte er – reichlich spät.

„Aber ja! Das Haus ist gut geheizt, und auf der Veranda liegt noch jede Menge Kaminholz. Um uns brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir haben ja kein Vieh zu versorgen und können gelassen abwarten, bis der Schneesturm sich wieder gelegt hat. Kümmer dich bitte um Jemima, und melde dich ab und zu bei uns. Schöne Grüße von uns beiden. Bye, mein Junge.“

Nachdenklich legte Sam den Hörer auf. Er sollte sich also um Jemima kümmern. Eigentlich hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie sehr gut allein zurechtkam. Er kehrte in die Küche zurück und stellte die Laterne wieder ab.

Jemima schenkte gerade Tee ein. „Alles in Ordnung?“, fragte sie fröhlich und wandte sich um.

Ihre Augen waren goldbraun und funkelten humorvoll. Ihr hübsches, frisches Gesicht war von ungebändigten rotbraunen Locken umrahmt. Sie sah jung und verletzlich und unglaublich süß aus. Plötzlich erschien Sam das Verhalten seiner Großmutter höchst verdächtig.

„Viele Grüße von meinen Großeltern“, sagte er und beobachtete sie. „Dick und Mary King.“

Sie sah ihn verblüfft an. „Sie sind ihr Enkel?“

„Ja. Ich wollte sie besuchen. Großmutter meint, es sei zu weit zu Fuß. Sie hat vorgeschlagen, dass ich hier bleibe und Ihnen helfe. Hatten Sie das vorhin ernst gemeint, dass ich hier übernachten darf?“

Jemima versuchte, ihre Überraschung zu verbergen. Bis zu Marys und Dicks kleinem Bauernhaus waren es querfeldein kaum dreihundert Meter! Das wusste Mary ganz genau. Offensichtlich war sie sich bewusst, wie sehr sie, Jemima, einen starken Mann gebrauchen konnte. Doch was würde Sam tun, wenn er merkte, wo er war und wer sie war?

Er sollte ihr also helfen. Sie musterte ihn. Er war gut und gern einen Meter achtzig groß. Und er hatte breite Schultern. Er hat sich wirklich rausgemacht, dachte sie. Wenn sie es geschickt anstellte, würde er bestimmt mit anpacken. Ihn schickte der Himmel, oder besser gesagt, Mary. Sie war wirklich ein Engel!

„Ja, klar, wunderbar!“, sagte Jemima schließlich und lächelte.

„Ich bezahle natürlich für die Unterkunft.“ Sam wollte offenbar von Anfang an klare Verhältnisse.

„Prima, Sie können es abarbeiten.“ Jemima ließ den Blick über ihn gleiten und freute sich, als Sam rot wurde. Er hatte sich wirklich kaum verändert. „Sie machen einen ganz fähigen Eindruck“, sagte sie lächelnd. „Haben Sie auch Ausdauer?“

„Mit Ihnen kann ich bestimmt mithalten“, behauptete er ausdruckslos. Er hatte sich wieder gefangen und lächelte belustigt.

Sein Mund war ziemlich sexy. Bestimmt hatte Sam inzwischen Erfahrung im Küssen …

„Wunderbar. Dann suche ich jetzt etwas zum Anziehen für Sie heraus. Oder wollen Sie Ihre Sachen aus dem Wagen holen?“ Sie riss sich zusammen. „Haben Sie Jeans im Gepäck?“

„Ja, zum Glück. In Ihre Jeans werde ich mich wohl kaum quetschen können. Das würde mein bestes Stück nicht überstehen“, antwortete er trocken.

Jemima errötete bei seiner Anspielung und ging nicht darauf ein. „Ich hätte Ihnen die Sachen meines Onkels angeboten. Aber wenn Sie Ihre Sachen aus dem Auto holen wollen, dann sollten wir das jetzt tun, bevor wir im Schnee überhaupt nicht mehr vorwärtskommen.“

Sam sah aus dem Fenster und verzog das Gesicht. Die Vorstellung, das Haus zu verlassen, schien ihm sehr zu missfallen.

„Was ist nun?“, fragte Jemima ungeduldig.

„Wahrscheinlich wäre es doch besser, bis morgen früh zu warten“, antwortete er schließlich.

„Sie können froh sein, wenn Sie das Auto morgen früh überhaupt finden. Oder haben Sie daran gedacht, es zu markieren?“

„Womit? Mit Luftballons?“

„Sehr witzig. Jedenfalls müssen wir etwas Rotes am Wagen anbringen, sonst schiebt der Schneeflug es nachher noch in die Hecke. Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.“

Der Ärmste wurde blass.

„Oje“, sagte er schockiert. „Haben Sie vielleicht etwas Rotes für mich?“

Auf Anhieb fiel ihr nur ein roter BH ein, den sie nicht mehr trug. Es war ein verführerisches Modell aus Spitze und ungeeignet für schwere körperliche Arbeit. Die einfachen Baumwoll-BHs waren viel bequemer.

Aber zum Markieren eines Autos war er eigentlich auch zu schade. „Ich sehe mal nach, was ich habe. Wir müssen es um eine Stange binden und in die Schneewehe stecken, sonst wird es nachher auch noch verdeckt.“

„Meinen Sie?“

„Ja. Und wenn wir schon mal dabei sind, können wir auch gleich Ihre Sachen aus dem Auto holen. Hier, probieren Sie mal diese Stiefel an. Die müssten Ihnen eigentlich passen.“

Als Jemima die Gummistiefel umstülpte und ausschüttelte, fiel eine große Spinne heraus und lief eilig über den Küchenfußboden.

„Was war das denn?“ Sam wich entsetzt zurück. Der Collie jagte hinter der Spinne her, trieb sie in die Enge und bellte.

„Das ist doch nur eine Spinne. Ruhe, Jess. Sei nicht albern! Hier, probieren Sie die Stiefel an.“

Misstrauisch nahm Sam Jemima die Stiefel ab. „Hoffentlich lebt da nicht eine ganze Spinnenfamilie.“

„Kann schon sein. Stecken Sie die Hosenbeine in die Socken. Dann kann nichts passieren. Ist das Ihr bester Mantel?“

Sam schauderte, als er in die Stiefel stieg. „Ja. Warum fragen Sie?“

„Weil er schmutzig wird. Außerdem ist er nicht imprägniert. Wenn der Schnee schmilzt, sind Sie bald völlig durchnässt und frieren.“

„Ich kann es kaum erwarten“, sagte er mürrisch.

Jemima wollte ihn nicht länger quälen und holte eine alte Wachsjacke, die sie ihm reichte, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass sich keine Spinne darin häuslich niedergelassen hatte. „Nehmen Sie die.“

Sam gehorchte schweigend. Mit der Jacke wirkte er wie ein richtiger Landwirt, gar nicht mehr wie ein Städter.

Autor

Caroline Anderson

Caroline Anderson ist eine bekannte britische Autorin, die über 80 Romane bei Mills & Boon veröffentlicht hat. Ihre Vorliebe dabei sind Arztromane. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt und sie lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Suffolk, England.

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