Eine gute Fee für Luke

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Luke, Joe Morgans kleiner Sohn, glaubt fest daran, dass die Zahnfee seinen größten Wunsch erfüllt, wenn er nur genug Milchzähne sammelt. Joe weiß genau, dass seine Exfrau Elena, die immer nur an sich selbst denkt, niemals zurückkehren wird. Verzweifelt bittet er die junge Zahnärztin Samantha Carter, ihm zu helfen. Liebevoll erklärt sie Luke, dass die Fee nur kleine Träume erfüllen kann, und erobert mit ihren süßen Worten nicht nur das Herz des kleinen Jungen …


  • Erscheinungstag 21.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756581
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

„Los, Jenny. Mach schon. Es tut gar nicht weh. Versprochen.“

Das Mädchen wusste, dass er log. Schließlich war er ein Junge. Jenny war bereits sieben und wusste alles über Jungs. Er würde ihr das Blaue vom Himmel versprechen, damit sie ihm gewährte, was er verlangte. Und wenn er es dann hatte, würde er sie stehen lassen und das nächste Mädchen anhimmeln. Jenny hatte diese Weisheiten von ihrer Mutter erfahren. Neulich Abend hatte sie heimlich gelauscht, als die Mutter es ihrer älteren Schwester erzählte.

„Bitte. Ich brauche ihn ganz dringend“, bettelte Luke mitleiderregend.

Auch von dieser Masche hatte sie bereits gehört. „Ich habe Nein gesagt.“

„Ich schenke dir fünfundzwanzig Cents.“

„Betsy hast du einen halben Dollar gegeben!“

„Okay. Fünfzig Cents.“

Ein lukratives Angebot. Sie musste nachdenken. Mit einem halben Dollar konnte sie sich nach der Schule eine Cola leisten. Oder Schokolade. „Was willst du denn mit dem blöden alten Zahn?“, fragte sie neugierig.

„Psst“, machte Luke und legte den Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen. „Das ist mein Geheimnis.“

Jenny gab sich alle Mühe, ein bezauberndes Lächeln aufzusetzen. „Mir kannst du es doch sagen. Ich bin doch deine Freundin.“

„Aber du bist ein Mädchen.“ Es klang wie eine schwere Beleidigung.

„Ich bin trotzdem deine Freundin.“ Ihre Unterlippe zitterte.

„Okay. Du bist meine Freundin. Machen wir jetzt das Geschäft?“

„Erst das Geld“, verlangte sie. Schließlich war das nicht ihr erster Deal mit einem Jungen.

Luke fischte die Münzen aus seiner Hosentasche und gab sie Jenny.

„Versprichst du, dass es nicht wehtut?“

„Natürlich nicht. Bei mir hat es kein bisschen wehgetan.“ Grinsend präsentierte er seine Zahnlücke. „Übrigens, er wackelt doch schon, oder?“

Jenny nickte. Langsam bekam sie Angst. Sie hatte noch nie einen Zahn verloren. Vielleicht war es dumm von ihr, dass sie ihn für nur fünfzig Cents an Luke verkauft hatte. Die Zahnfee würde ihr mit Sicherheit mindestens zwei Dollar bieten. Einige Kinder aus ihrer Klasse hatten sogar schon drei Dollar bekommen.

Aber Luke hatte irgendetwas vor. Und waren seine Ideen nicht immer toll? Wenn er sogar einen halben Dollar für den Zahn ausgeben wollte, musste es ihm wirklich sehr, sehr wichtig sein.

„Mund auf“, befahl Luke. In seiner Hand baumelte ein Schnürsenkel. Langsam schritt er auf sie zu.

Dann konnte Jenny sich nur noch daran erinnern, dass Luke plötzlich seine Hand in ihren Mund geschoben hatte, um den Schnürsenkel an ihrem Zahn festzubinden. Sie wollte laut aufschreien, aber sie brachte keinen Ton hervor. Stattdessen kämpfte sie gegen einen Brechreiz. Luke dagegen versuchte krampfhaft, das Schuhband um ihren lockeren Zahn zu schlingen.

Schließlich war sie so wütend, dass sie ihm mit aller Kraft in die Hand biss.

Luke schrie auf vor Schmerz. Abrupt riss er die Hand aus ihrem Mund.

Jenny schaute auf Lukes Hand. Mit Daumen und Zeigefinger hielt er ihren Zahn fest umklammert. Voller Entsetzen schrie sie auf.

1. KAPITEL

„Was hat er getan?“

Er stützte sich mit dem Ellbogen auf die offene Tür seines Lieferwagens und presste das Handy gegen sein Ohr. Der Lärm von der Baustelle war jedoch so laut, dass er kaum etwas verstehen konnte. Joe Morgan war sicher, dass er falsch verstanden hatte. Obwohl Luke gerade erst eingeschult worden war, hatte er schon mehrere seltsame Anrufe von der Schule bekommen. Aber diese Nachricht übertraf alle anderen.

„Was hat er mit seiner Hand im Mund des Mädchens gemacht?“

„Wahrscheinlich wollte er ihr einen Zahn ziehen“, vermutete Miss Reynolds, Lukes Lehrerin. Sie war Mitte zwanzig, wirkte aber ein bisschen altmodisch. „Luke erklärt es Ihnen besser selbst. Ich glaube, mir gegenüber wird er jede weitere Aussage verweigern.“

Joe konnte sich blendend vorstellen, dass Luke ihm wieder irgendeine tolle Geschichte über seine neuesten Eskapaden auftischen würde.

„Er hat dem Mädchen den Zahn abgebrochen?“

„Offensichtlich saß der Zahn schon locker. Aber es war sehr schmerzhaft für Jenny, als er ihn ziehen wollte. Deshalb hat sie ihn gebissen. Und als er seine Hand abrupt aus ihrem Mund zurückzog, kam der Zahn mit heraus. Fast hätte er sich in seinen Daumenballen eingegraben.“

„Großartig.“ Joe dachte kurz daran, was die Eltern des Mädchens jetzt wohl von ihm und seinem Sohn hielten.

„Sie sind beide unverletzt. Aber sie erheben beide Anspruch auf den Zahn. Luke behauptet, er hätte ihn dem Mädchen für fünfzig Cents abgekauft.“

„Als er noch im Mund war?“ Joe runzelte die Stirn. Andere Kinder spielten bloß Doktor, sein Sohn wollte offenbar unbedingt selbst Doktor sein.

„Ehrlich, Mr. Morgan, mehr habe ich aus den beiden nicht herausbekommen. Die Kinder wissen natürlich genau, dass sie in Schwierigkeiten sind. Ich bringe keinen Ton mehr aus ihnen heraus. Außerdem können wir den Zahn nicht mehr finden. Und das bereitet ihnen eindeutig dir größte Sorge.“

Joe seufzte.

Seit Luke seinen ersten Zahn verloren hatte – nein, schon vorher – war er von Zähnen fasziniert. Irgendetwas ging in ihm vor. Aber was? Joe hatte nicht die geringste Ahnung. Seine Frau hatte ihn verlassen, und jetzt zog er die beiden kleinen Kinder allein groß. Nun zeigte sich aber, dass ihn die Aufgabe offenbar überforderte. Er hätte allerdings niemals geglaubt, dass er eines Tages über eine lächerliche Zahngeschichte stolpern würde.

„Ich fürchte, dass Sie uns wieder mal besuchen müssen, Mr. Morgan. Wir müssen dringend über Luke sprechen.“

Pünktlich um zwanzig nach drei traf Joe bei der Schule ein. Er stellte seinen Wagen ab und klopfte sich den Staub von den Jeans. Sägespäne wirbelten auf. Sein Hemd war ebenfalls völlig verstaubt. An seinen Cowboystiefeln klebte getrockneter Matsch. Aber daran konnte er jetzt nichts ändern. Er arbeitete hart für seinen Lebensunterhalt. Um diese Tageszeit konnte man es deutlich sehen.

Luke besuchte eine alte und traditionsreiche Schule. Seit über hundert Jahren wurden in der „St. Mark’s Academy“ reiche Kinder aus reichen Familien des kleinen Städtchens St. Mark’s unterrichtet. Die Familie seiner Exfrau hatte zu den Gründungsmitgliedern der Kirche und der Schule gehört. Seine ehemalige Schwiegermutter hatte die Kinder am Tag ihrer Geburt auf die Aufnahmeliste setzen lassen. Ganz bestimmt hatte sie hinter den Kulissen die Fäden gezogen, damit ihre Enkelkinder eines Tages die renommierte Schule besuchen durften.

Joe sah sich gezwungen, Luke und Dani auf die „St. Mark’s Academy“ zu schicken, obwohl das Schulgeld einen beträchtlichen Teil seines Jahresbudgets aufzehrte. Weder im Schulgebäude noch unter den Eltern der anderen Kinder fühlte er sich jemals richtig wohl.

Er fand Miss Reynolds in Lukes Klassenzimmer. Saubere Tische und Stühle waren ordentlich in vier Reihen gruppiert. Jeder Zentimeter an der Wand war von Bildern und Zeichnungen der Kinder bedeckt. Hier regierte die Ordnung, während bei Joe zu Hause König Chaos das Sagen hatte. Kein Wunder, dass Luke nicht hierher passt, ging es Joe durch den Kopf.

„Mr. Morgan?“

Lukes Lehrerin wartete bereits auf ihn. Neben ihr fühlte er sich immer uralt, obwohl er erst einunddreißig war. Miss Reynolds trug ein knöchellanges Kleid mit aufgedrucktem Blumenmuster. Ein Spitzenbesatz zierte den Kragen und die Ärmel. Ihr Haar hatte sie ordentlich zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten geschlungen.

„Ma’am“, grüßte er. Angestrengt versuchte er, seine Gefühle zu verbergen. Wenn er Texas nicht vor über zehn Jahren verlassen hätte, dann würde er jetzt mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe tippen. Schließlich hatte man ihm beigebracht, wie man eine Dame respektvoll begrüßt. Stattdessen nickte er kurz und senkte den Blick.

„Mr. Morgan.“ Sie deutete auf einen der Kinderstühle. „Bitte setzen Sie sich.“

Joe sank auf den Stuhl und verkniff sich ein Grinsen, als seine Knie plötzlich hoch vor ihm aufragten. Er liebte diese niedlichen Kinderstühle.

„Ich habe Joe in die Nachmittagsbetreuung geschickt, damit wir in Ruhe reden können“, erklärte Miss Reynolds. „Mr. Morgan, ich will mich bestimmt nicht einmischen. Aber ich frage mich, ob bei Ihnen zu Hause etwas vorgefallen sein könnte, das ich wissen sollte.“

Joe stöhnte auf. Die Lehrerin lächelte ihn unschuldig an, obwohl sie gerade von ihm verlangt hatte, dass er sein Seelenleben vor ihr offenbaren sollte.

„Manche Eltern denken nicht darüber nach“, sprach sie weiter. „Aber wenn es zu Hause Schwierigkeiten gibt, verändert sich das Verhalten der Kinder in der Schule. Es ist das Beste, wenn Sie uns sofort informieren. Dann sind wir vorbereitet, können verständnisvoll reagieren und unsere Hilfe anbieten.“

Hilfe und Verständnis kann jeder bei mir zu Hause gebrauchen, dachte Joe im Stillen. Aber nicht von euch.

„Ich weiß, dass Sie geschieden sind“, fuhr Miss Reynolds fort. „Und Sie haben das ausschließliche Sorgerecht.“

„Stimmt“, bestätigte er. „Wir sind seit dreizehn Monaten geschieden.“

„Und wann sieht Luke seine Mutter?“

„Überhaupt nicht“, erwiderte Joe harsch.

„Oh.“ Miss Reynolds schien erstaunt. „Das hätten wir schon längst wissen sollen.“

„Tut mir leid.“ Joe antwortete kurz angebunden.

„Sehen Sie, ich will mich ganz bestimmt nicht einmischen. Aber ich mache mir Sorgen um Luke. Als nach den Weihnachtsferien die Schule wieder begann, schien Ihr Sohn ganz besonders aufgeregt. Ich habe mich gefragt, was Weihnachten wohl vorgefallen ist.“

Joe vermutete, dass Luke den Weihnachtsmann angefleht hatte, ihm die Mutter zurück nach Hause zu bringen. Sein sehnlichster Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen. Aber Joe hatte nicht die Absicht, Miss Reynolds in Lukes Geheimnis einzuweihen.

„Luke ist in letzter Zeit sehr temperamentvoll. Und er lässt sich leicht ablenken“, fuhr Miss Reynolds fort. „Ich bemühe mich sehr, ihm im Unterricht verständnisvoll zu begegnen. Wenn es irgendetwas gibt, was ich wissen sollte, bitte rufen Sie mich an. Ich freue mich, wenn ich Luke helfen kann.“

„Wir müssen uns erst daran gewöhnen, dass seine Mutter uns verlassen hat. Das fällt uns allen nicht immer leicht“, sagte Joe und stand auf. Für ihn war das Gespräch beendet.

„Eins noch.“ Miss Reynolds erhob sich ebenfalls. „Luke scheint – wie soll ich sagen – er scheint irgendwie von Zähnen besessen sein. Kinder in seinem Alter interessieren sich alle für Zähne, aber Luke … Wir können es wirklich nicht zulassen, dass er den anderen Kindern hier in der Schule die Zähne aus dem Mund reißt.“

„Natürlich nicht.“ Joe versprach, mit Luke darüber zu reden, obwohl er bezweifelte, dass es helfen würde. „Ich habe keine Ahnung, warum er sich so brennend für Zähne interessiert.“

„Vielleicht hängt es mit der neuen Kinderzahnärztin in der Stadt zusammen“, vermutete Miss Reynolds. „Sie hat die Klasse besucht, als wir im Unterricht über richtige Zahnhygiene gesprochen haben. Die Kinder hatten sie sofort ins Herz geschlossen. Luke war an jenem Tag besonders aufmerksam. Das Kostüm hat ihn regelrecht fasziniert.“

„Das Kostüm?“

„Ja. Dr. Samantha hatte sich als Zahnfee verkleidet. Noch Wochen später haben die Kinder von ihrem Besuch geschwärmt. Es war ein toller Tag. Die Kinder sind felsenfest überzeugt, dass sie wirklich die Zahnfee ist.“

„Ja, Luke hat zu Hause von ihr erzählt. Ich dachte, er würde sich die Geschichte nur ausdenken.“ Seit dem Tag, an dem seine Frau ihn verlassen hatte, hatte Joe seinen Sohn nicht mehr so aufgeregt erlebt.

„Ich schlage vor, dass Sie der Zahnfee zusammen mit Luke einen Besuch abstatten. Sie kann ihrem Sohn erzählen, was es mit den Zähnen auf sich hat. Vielleicht wird er auf sie hören.“

Miss Reynolds gab ihm ein Blatt Papier mit der Telefonnummer der Zahnfee. Joe knüllte das Blatt sofort zusammen, nachdem er das Klassenzimmer verlassen hatte.

Natürlich würde er sie nicht anrufen. Auf die Hilfe einer Frau, die sich als Fee verkleidet, konnte er gut verzichten. Aber am nächsten Tag erreichte ihn wieder ein Anruf aus der Schule. Es ging um einen Vorfall in der Cafeteria. Lukes Hand war wieder einmal im Mund eines Mitschülers gelandet. Er schien jetzt eine Taschenlampe zu Hilfe zu nehmen. Nach wie vor verweigerten die Kinder jede Auskunft. Joe war ratlos. Vielleicht konnte ihm die Zahnfee doch helfen? Der Gedanke schien plötzlich gar nicht mehr so abwegig.

Er holte Luke von der Schule ab. Wie sollte er der Zahnärztin die Geschichte bloß beibringen?

Leise Hintergrundmusik drang Joe entgegen, als er die Tür zur Zahnarztpraxis aufstieß. Irgendeine kleine Melodie für Kinder, die Dani sehr liebte.

„Ist das hier für Babys?“, fragte Luke beleidigt.

„Nein, auch für große Kinder.“ Joe lächelte. Luke war sieben Jahre alt und hielt sich bereits für groß. Für ihn waren die Leute entweder groß oder klein. Dazwischen gab es nichts. Dani war vier Jahre alt, also klein. Und Luke war überzeugt, dass er selbst groß war.

Einen Augenblick später führte die Sprechstundenhilfe sie den bunt gestrichenen Flur hinunter. Die schillernden Farben des Regenbogens prangten an den Wänden. Einzelne Farbstreifen schienen wie ein bunter Schatten aus dem Bogen herauszutropfen und führten in die verschiedenen Behandlungszimmer, die jeweils in einer leuchtenden Farbe gestrichen waren. Luke betrat das blaue Zimmer. An der nachtblauen Decke prangten Tausende von glitzernden Sternen. Wie gebannt starrten Luke und Joe nach oben. War das ein Effekt der Beleuchtung, oder glitzerten da wirklich Sterne an der Decke?

Spezialfarbe, entschied Joe. Heutzutage brachten die Maler mit ihren Farben ganz erstaunliche Dinge zustande.

„Dad!“ Luke zerrte an seinen Hosenbeinen. „Guck mal! Wie es glitzert! Irre, nicht? Es ist ein Zeichen. Ich weiß, dass es ein Zeichen ist. Dieses Zimmer ist verzaubert!“

Joe hustete. Zauberei war etwas für Siebenjährige.

Plötzlich, gerade als er seinen Blick abwenden wollte, erhaschte er aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung am glitzernden Sternenhimmel. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Es mochte verrückt klingen, aber er hätte schwören können, dass er eben einen Stern über die Decke hatte flitzen sehen. Eine Sternschnuppe.

Joe blinzelte heftig, um wieder einen klaren Blick zu bekommen. Es ist Nachmittag, ermahnte er sich streng, und ich stehe in einer Zahnarztpraxis und betrachte eine blau gestrichene Decke mit Sterneneffekt. Am blauen Himmel regte sich nichts mehr. Nur die Sterne glitzerten immer noch.

Angestrengt dachte er über den Glitzerhimmel nach, als er plötzlich Schritte hörte. „Hallo, du bist bestimmt Luke“, hörte er eine warme, volle Stimme sagen.

Luke schien zutiefst beeindruckt. Einen Augenblick später erging es Joe genauso.

Das musste die Fee sein!

Joe betrachtete sie von oben bis unten. Sie hatte zierliche Füße, die in hübschen Sandalen mit schmalen, silbernen Riemen steckten. Glatte, gepflegte Waden. Sehr hübsch. Ihre süßen Knie lugten unter dem hellen Rock hervor, der etwas über dem Knie endete. Der lange, weite Kittel bedeckte den Rest ihres Körpers. Ohne Kittel ist sie sicher auch hübsch, dachte Joe.

Nur ihre schönen Hände gab er Kittel noch frei. Kein Ring, stellte er fest. Ihre Lippen waren pfirsichfarben geschminkt, ihre Augen so blau wie der glitzernde Himmel. Das honigblonde Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, um den Dani sie sehr beneiden würde. Sie schaute seinem Sohn direkt in die Augen und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Luke stand in Flammen, da war er ganz sicher.

Starr sie nicht so unverschämt an, mahnte sich Joe. Aber er konnte nichts dagegen tun.

„Dad!“ Luke zerrte heftig an seiner Jeans. Joe beugte sich hinunter zu seinem Sohn. „Sie ist es“, flüsterte Luke ihm ins Ohr.

„Wer?“

„Die Zahnfee!“ Luke flüsterte so laut, dass die Zahnärztin ihn verstehen konnte. Sie lächelte verschmitzt. Luke explodierte fast vor Aufregung. „In der Schule trug sie ein blaues Kleid mit Sternen. Sie hatte sogar ihren Zauberstab dabei. Ich weiß, dass sie es ist. Ganz bestimmt. Und sie ist echt. Sie ist die Zahnfee.“

„Luke, es gibt keine …“

„Hmmm.“ Die Frau räusperte sich vernehmlich.

Joe unterbrach sich gerade noch rechtzeitig. „Entschuldigung.“

Sie blinzelte Joe verschwörerisch zu und gab Luke die Hand. „Ich bin Dr. Carter. Und du bist Luke, nicht wahr?“

Luke schüttelte ihre Hand. „Du bist es, habe ich recht?“, flüsterte er.

„Wer?“, fragte sie lächelnd.

„Die Zahnfee.“ Luke flüsterte immer noch. Offenbar fehlte ihm der Mut, laut zu sprechen.

„Aber Zahnfeen gehören ins Reich der Zauberei“, entgegnete sie ernst. „Ich bin nur Zahnärztin.“

Dann zauberte sie ein 25-Cents-Stück hinter seinem rechten Ohr hervor und schenkte es ihm.

„Wow! Hast du das gesehen, Dad? Sie kann wirklich zaubern.“

Dr. Carter lächelte seinen Sohn immer noch an. Ihre Hand fuhr zu Lukes linkem Ohr, und bevor Joe etwas sagen konnte, hatte sie einen kleinen Plastikring hervorgezaubert.

„Also, Luke, was ist dein Problem? Hast du Zahnschmerzen, oder kommst du nur zur Kontrolle?“

„Weiß nicht.“ Luke tat unschuldig.

„Ich muss allein mit Ihnen sprechen“, mischte Joe sich jetzt ein. Er wollte das Problem nicht in Lukes Gegenwart erörtern.

„Gut.“ Sie wandte sich wieder an seinen Sohn. „Luke, schau mal, du kannst den Stuhl hoch und runter fahren lassen, wenn du auf diesen Knopf hier drückst. Wie wäre es, wenn du dich hineinsetzt und es ausprobierst?“

„Darf ich wirklich?“

„Natürlich.“ Sie half Luke in den Stuhl und erklärte ihm die Apparatur. „Aber wenn Mary kommt und deine Zähne zählen will, dann musst du die Finger davon lassen. Abgemacht?“

Sie hielt ihm die Handfläche hin. Begeistert schlug der Junge ein. „Abgemacht!“

Der Stuhl fuhr auf und ab, als die Zahnärztin mit Joe zusammen das Behandlungszimmer verließ.

Sie führte ihn am Empfang vorbei und bog dann rechts ab. Joe ertappte sich dabei, die Bewegungen ihrer schlanken Waden zu beobachten, während sie vor ihm den Flur entlang ging. Insgeheim wünschte er sich, dass sie den Kittel ausziehen würde, damit er sehen konnte, wie es wohl darunter aussah. Sie öffnete eine schwere Holztür auf der rechten Seite und bot ihm den Stuhl vor ihrem Schreibtisch an. Der Tisch war alt und solide gebaut, aus poliertem Kirschbaum. Sicher wiegt er ein paar Tonnen, dachte Joe voller Bewunderung.

„Heutzutage wird so etwas überhaupt nicht mehr hergestellt“, bemerkte er staunend und fuhr mit dem Finger an der feinen Zierleiste entlang.

„Ich weiß. Er gehörte meinem Vater. Fast alle Möbel hier gehörten ihm.“

Joe ließ den Blick durch den Raum schweifen. Auf den Regalen standen dicke Bücher. Verschiedenartige Pflanzen waren im Raum verteilt. In einem Glasschrank entdeckte er Dutzende kleinerer und größerer Feenfiguren.

„Sie sind leidenschaftlich gern Zahnfee, nicht wahr?“

„Die Figuren stammen von meinem Vater. Er war ebenfalls Zahnarzt. Die Figuren hat er schon gesammelt, bevor ich geboren wurde. Letztes Jahr ist er gestorben.“

„Das tut mir leid“, sagte Joe. „Ich wollte keine unangenehmen Erinnerungen wecken.“

Sie zuckte die Schultern. „Also.“ Sie lehnte sich gegen Schreibtisch. „Was ist Lukes Problem?“

In Gedanken überflog Joe die Liste. Luke will seine Zähne um keinen Preis hergeben, dachte er. Und die Zähne, die er der Zahnfee überlassen hatte, will er unbedingt zurückkaufen. Er spielt Zahnarzt in der Schule, reißt der kleinen Jenny einen Zahn heraus und leuchtet anderen Kindern mit der Taschenlampe im Mund herum. Seine Mutter hat uns verlassen und wird sicher nie wieder zurückkommen. Aber sollte Joe seine Sorgen wirklich einer Frau anvertrauen, die Geldstücke hinter dem Ohr eines kleinen Jungen hervorzauberte, um ihn zum Lachen zu bringen?

„Es kann doch nicht so schlimm sein“, bemerkte sie lächelnd und näherte ihren Zeigefinger seiner Brust.

Joe lehnte sich zurück. Er spürte, wie ihre Fingerspitzen über die Brusttasche seines Hemdes fuhren. Stück für Stück zog sie einen endlos langen, gelben Schal aus seiner Hemdtasche. Joe war total verblüfft.

So nah vor dieser Frau zu sitzen, die ihn auf so ungewöhnliche Art berührte, die ihn anlächelte, dann errötete, als ob ihr die Sache plötzlich peinlich war – das alles verblüffte ihn.

Weil es sich wundervoll anfühlte.

„Es … es tut mir leid“, stammelte sie. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Angestrengt suchte sie nach einer Erklärung. „Die Macht der Gewohnheit.“

„Gewohnheit?“, fragte Joe zurück.

Sie nickte. „Ich beherrsche ein paar kleine Zaubertricks. Um die Kinder zum Lachen zu bringen. Und …“

Der Impuls hatte sie einfach überwältigt, als sie ihn so traurig auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch sitzen sah. Und sofort war ihr der kleine Trick mit dem Seidenschal eingefallen. Leider hatte sie nicht bedacht, dass Joe kein verängstigter kleiner Junge war. Er war ein Mann. Ein sehr attraktiver Mann. Und sie hatte sich benommen wie ein Idiot.

„Sie … Sie sehen aus, als ob Sie Ärger haben“, sagte sie betreten. Insgeheim fragte sie sich, was er bei ihrer Berührung wohl empfunden haben mochte.

„Es war ein harter Tag“, bestätigte er.

Samantha starrte ihn an. Seine langen Beine steckten in abgetragenen Jeans, die sich an den richtigen Stellen eng an seinen Körper schmiegten. An den Cowboystiefeln klebte getrockneter Matsch. Die Ärmel des sauberen Hemdes hatte er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Seine Haut war gebräunt wie die Haut eines Mannes, der das ganze Jahr über im Freien arbeitete. Die ausgeprägte Armmuskulatur verriet, dass er körperlich schwer arbeitete. Und vermutlich machte er seine Sache gut.

„Sie müssen draußen arbeiten“, stellte sie unvermittelt fest.

„Ja. Ich bin Bauunternehmer.“

Seine Antwort klang, als ob er befürchtete, dass sie etwas dagegen einzuwenden hatte. Aber keineswegs. Offensichtlich war er ein starker Mann, ein begabter Handwerker. Seine raue, aber herzliche Art war wundervoll. Was konnte eine Frau dagegen einzuwenden haben?

Mit einem unauffälligen Blick musterte sie seine linke Hand. Kein Ring. Frauen verhielten sich oft so, wenn sie herausbekommen wollten, ob ein Mann verheiratet war. Ein Blick auf die linke Hand. Kein Ring? Kein vielsagender blasser Hautstreifen auf dem Ringfinger? Er gab seine Telefonnummer bereitwillig heraus? Fand keine Ausrede, weshalb sie ihn nicht zu Hause anrufen sollte? Dann war er bestimmt Single.

Bisher hatte Samantha sich anders benommen. Aber inzwischen hatte sie die Zeichen zu deuten gelernt, mit denen ein verheirateter Mann sich zu erkennen gab. Nur für den Fall, dass sie sich für jemanden interessierte.

Aber seit sie hier in St. Mark’s lebte, hatte sie sich mit keinem Mann getroffen. Und in der Zahnarztpraxis verkehrten fast nur Mütter und Kinder. Das machte diesen Mann nur noch interessanter.

„Mr. Morgan …“

„Joe“, unterbrach er sie.

„Joe.“ Sie genoss den Klang seines Namens. „Wegen Luke … Was kann ich für ihn tun? Und für Sie?“

„Ich … ich verstehe es einfach nicht. Er ist wie besessen von Zähnen. Gestern hat er einem kleinen Mädchen auf dem Schulhof einen Zahn herausgerissen. Heute hat man ihn in der Cafeteria mit einer Taschenlampe erwischt. Seine Hand war im Mund eines Jungen.“

„Oh.“ Samantha überlegte einen Augenblick. „Geht er vielleicht auf die St. Mark’s Academy?“

„Ja. Warum?“

Die Angelegenheit war ihm sichtlich unangenehm.

„Ich bekam einige Anrufe von der Schule. Und gestern habe ich Lukes kleine Patientin gesehen. Jenny. Natürlich habe ich mich über die unerwartete Konkurrenz sehr gewundert.“

„Dem Mädchen ist hoffentlich nichts geschehen, oder?“

„Jenny geht es gut. Den Zahn hätte sie in ein paar Tagen sowieso verloren.“

„Ein Glück.“ Joe machte eine kleine Pause. „Aber die ganze Geschichte mit den Zähnen nimmt ihn vollkommen gefangen. Zuerst dachte ich, dass es um Geld geht. Luke liebt Geld. Als er seinen ersten Zahn verloren hatte, steckte er ihn unter das Kopfkissen und dann …“

„… kam die Zahnfee, nahm den Zahn und legte Geld an die Stelle“, fuhr Samantha fort.

„Ja. Aber dann wollte er plötzlich seinen Zahn wiederhaben. Er fragte, ob er ihn zurückkaufen könne.“

Samantha lachte. „Ich hoffe, Sie haben zugestimmt?“

„Ja. Ohne Widerspruch legte Luke seine zwei Dollar unter das Kissen. Am nächsten Morgen war der Zahn wieder da.“

„Gut.“ Offenbar spielte der Mann das Spiel seinem Sohn zuliebe mit. „Und was hat er dann mit dem Zahn gemacht?“

„Er hat ihn in ein Marmeladenglas gesteckt und auf seinen Schrank gestellt. Zusammen mit drei anderen Zähnen, die er verloren hat. Er sammelt sie. Und ich weiß nicht, warum. Irgendetwas geht in ihm vor.“

„Hat es mit Milchzähnen zu tun? Und mit Zauberei? Und unerfüllten Wünschen?“

Joe nickte.

Autor

Sally Tyler Hayes
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