Eine Liebe wie im Märchen

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Eigentlich sollte die junge Schauspielerin Janie nur so tun, als ob sie die Frau des Schlossbesitzers James Pentrevah ist. Doch jeder zärtliche Kuss des charmanten Mannes entflammt ihr Herz mehr. Wird sie den Kampf gegen die raffinierte Roxanne, James‘ Ex-Frau, gewinnen können?
  • Erscheinungstag 15.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759087
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Janie befand sich mitten in Cornwall, irgendwo auf der Straße nach St. Mawgan, als ein Reifen ihres Wagens platzte. Das Auto schlingerte, und voller Angst merkte Janie, wie es in Richtung des steil abfallenden Kliffs wegrutschte. Sie nahm allen Mut zusammen und bremste vorsichtig. Sekunden später stand sie und sah aus dem Seitenfenster in die Tiefe. Weit unten schlugen die Wellen hart und drohend gegen die Felsen.

Das war knapp, dachte Janie und holte erst mal tief Luft. Sie spürte erst jetzt, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. Es kam ihr wie ein Wunder vor, dass sie mit ihrem Wagen nicht dort unten herumschwamm und um ihr Leben kämpfte. Vorsichtig, als könnte eine unbedachte Bewegung sie doch noch in die Tiefe befördern, rutschte Janie auf den Beifahrersitz, öffnete ebenso vorsichtig die Tür und stieg aus. Sie ging um den Wagen herum und besah sich den Schaden. Ob ein Stein oder ein Nagel ihn verursacht hatte, konnte Janie nicht feststellen. Jedenfalls war der Reifen platt, und sie musste irgendwie hier weg. Ein Blick auf das rötlich schimmernde Meer verriet ihr, dass die Sonne bald untergehen würde.

Zu ihrem Pech hatte sie die Karte aus der Gegend in dem Café liegen gelassen, in dem sie vorhin Rast gemacht hatte. Sie war inzwischen ein paar Stunden gefahren, doch wie weit es bis zu ihrem Ziel noch war, konnte sie nicht einmal schätzen.

Janie Larue war auf dem Weg, einen Job anzutreten. Sie sollte Chauffeurin und Gesellschafterin für Mrs. Burford werden, einer Freundin ihrer Großmutter. Eigentlich war sie Schauspielerin, aber gegenwärtig ohne Arbeit. Und da sie essen, trinken und überhaupt leben musste und Großmutter Polly sie außerdem eindringlich darum gebeten hatte, hatte sie sich schließlich einverstanden erklärt, zu Mrs. Burford zu fahren. Es würde ja nur vorübergehend sein. Irgendwann, da war sie sicher, würde sie ein gutes Engagement an einer Bühne bekommen.

„Heutzutage Schauspieler zu sein ist ein schweres Los“, pflegte Grandma Polly immer zu sagen. „Zu meiner Zeit gingen die Leute einfach öfter ins Theater, und sie zahlten auch einen guten Preis dafür.“ Meistens kam dann noch: „Sei ein vernünftiges Mädchen, Janie, und suche dir einen netten Mann, der für dich sorgt.“ Ihrer Meinung nach brauchte Janie den Mann nur zu lieben, dann würde er ihre Liebe schon erwidern. Für Janie selbst aber war Liebe sowieso nur etwas, was in Romanen vorkam, eine romantische Angelegenheit, die mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hatte. So nannte Grandma Polly sie auch immer eine kleine Träumerin, und Janie fand das ganz in Ordnung.

Janie wirkte trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre merkwürdig unberührt, obwohl sie in einem Milieu gearbeitet hatte, in dem Affären an der Tagesordnung waren. Wenn sie einen Mann mit ihren großen Augen ansah, konnte er ebenso gut das Gefühl haben, einer Nonne gegenüberzustehen. Sie hatte ein zartes, helles Gesicht, in dem die graugrünen Augen mal dunkler, mal heller leuchteten, je nach Stimmung und Laune.

Janie sah sich um. Einen Ersatzreifen hatte sie nicht bei sich, und die Nacht im Auto zu verbringen war ihr auch nicht angenehm. Sie musste sehen, ob es irgendwo eine Möglichkeit zum Übernachten gab. Mit einer entschlossenen Geste nahm Janie ihre Lederjacke und den kleineren ihrer beiden Koffer aus dem Wagen. Zum Glück hatte sie eine Taschenlampe im Handschuhfach, die sie ebenfalls an sich nahm. Sie hatte eigentlich keine Angst, denn sie war auf dem Land aufgewachsen, und nicht selten musste sie einsame Wege allein zurücklegen. Aber sie wusste, dass die Gegend hier sehr moorig war, und davor musste man auf der Hut sein.

Eine halbe Stunde etwa war vergangen, seit Janie sich in Bewegung gesetzt hatte, um eine Unterkunft zu suchen. Inzwischen war es fast dunkel und empfindlich kühl. Sie knöpfte die Jacke zu und schlug den Kragen hoch, dann ging sie etwas schneller. Voller Sehnsucht dachte sie an eine heiße Tasse Tee mit Milch und Zucker und an Sandwichs mit Käse oder Schinken.

Sie blieb plötzlich stehen. War da hinten ein Licht? Sie trat näher an die steinerne Mauer, an der sie schon eine Weile entlanggelaufen war. Zwischen dem Laubwerk von Bäumen schimmerte es hell, und kurz entschlossen warf Janie erst ihren Koffer über die Mauer, dann sprang sie selber nach. Obwohl sie wusste, dass Cornwall ein sumpfiges Land war, bahnte sie sich einen Weg durch das kniehohe Gras.

Sie musste zu diesem Licht kommen, wollte sie die Nacht nicht im Freien verbringen. Am Himmel glitzerten Sterne, die Luft roch feucht, und ringsumher waren die Geräusche der Nacht zu hören. Insekten schwirrten, und Janie bildete sich ein, sogar das Quaken von Fröschen zu hören. Sie fühlte sich fremd in dieser Gegend, ohne wirklich Angst zu haben. Das hier, das war das Land von König Artus und seiner Tafelrunde, das Land der Ritter, der Siege und Sagen. Ein geheimnisvolles Stückchen Erde, von dem schon jedes Schulkind zu hören bekam.

Die Taschenlampe begann zu flackern, was zweifellos bedeutete, dass die Batterien es nicht mehr allzu lange machten. Fast gleichzeitig teilte ein Windstoß die Blätter eines Baumes, und Janie sah ein erleuchtetes Fenster. Sofort kamen ihr wieder der heiße Tee und die Sandwichs in den Sinn, und sie musste unwillkürlich lachen. Viel wichtiger war, dass sie ein Telefon fand, damit sie Mrs. Burford Bescheid sagen konnte, was ihr passiert war.

Das Gehen auf dem feuchten Boden fiel Janie immer schwerer, zumal sie auch noch den Koffer und ihre Tasche tragen musste. Und das Licht schien sich immer mehr zu entfernen, statt näher zu kommen. So kam es Janie jedenfalls vor. Ab und zu stolperte sie über Äste und Baumstümpfe, und jedes Mal stieß sie einen leisen Fluch aus. So mühsam hatte sie sich den Weg zu einem Job nun wirklich nicht vorgestellt.

Ganz unvermittelt nahm sie ein Geräusch wahr, das weder von einem Vogel noch von einem Hasen oder einem Frosch stammte. Es war lauter, bedrohlicher. Janie drehte sich mit klopfendem Herzen um, und da wuchs es groß und dunkel vor ihr auf. Es war ein Pferd, die Vorderbeine hoch, als wollte es über ein Hindernis springen.

„Zum Teufel!“ Der Reiter starrte beinahe fassungslos auf Janie herab, die die nur noch schwach leuchtende Taschenlampe hob. Sie sah ein dunkles Gesicht mit dichten, schwarzen Brauen und schwarzem, zerzaustem Haar.

„Was fällt Ihnen ein, mein Pferd so zu erschrecken?“, fragte der Mann.

„Sie … Sie haben mich erschreckt, fast zu Tode.“

„Was um Himmels willen machen Sie um diese Zeit mitten im Moor, hm? Haben Sie sich verirrt, Mädchen?“

„Ja, das heißt, nein. Ich wollte zu diesem Haus dort.“

„Das ist mein Haus“, klärte er sie auf. „Pentrevah Towers.“

„Ihr Haus?“ Das war Janie nicht sehr angenehm. Irgendwie hätte sie sich andere Leute in diesem Haus gewünscht.

„Komm, sei ruhig, Salem.“ Er tätschelte das Tier, weil es immer noch unruhig im Sand scharrte und nervös schnaubte. „Sie befinden sich auf meinem Besitz, junge Frau. Mir gehört dieser Streifen Moorland und das Haus dahinter.“ Nach einem kleinen Zögern fügte er hinzu: „Ich bin James Pentrevah.“

Sein Aussehen wie sein Nachname wirkten nicht unbedingt englisch, eher spanisch. Auch die Art, wie er da hoch zu Ross auf sie hinunterschaute und sprach, erinnerte an das Gehabe eines Spaniers. Irgendwie beunruhigte er sie, denn warum sonst schlug ihr Herz schneller als sonst? Lag es immer noch an dem Schreck, oder lag es an diesem Mann?

„Wie sind Sie eigentlich hierher gekommen?“, erkundigte sich James Pentrevah.

„Ich war auf dem Weg nach St. Mawgan, als mir ein Reifen platzte. Einen Ersatzreifen habe ich nicht im Wagen, und da sitzen bleiben konnte ich auch nicht. So bin ich also losgelaufen, um mir für diese Nacht eine Unterkunft zu suchen. Ich sah das Licht und folgte ihm. Das ist alles.“

„Aha“, war alles, was er dazu sagte, dann: „Haben Sie Angst vor Pferden?“

„Überhaupt nicht. Ich bin auf dem Land geboren und aufgewachsen. Mein Großvater hatte eine Farm, und ich habe dort gelebt bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr.“

„Und dann zogen Sie aus, um das Glück zu suchen, ja?“

„Woher wissen Sie das?“

„Nun, das ist das Land von Merlin, dem Zauberer. Sie wissen sicher eine Menge darüber?“

„Ja, aber …“

„Sie meinen, das sei nur ein Aberglaube, Miss.“

„Ist es das nicht auch, Mr. Pentrevah?“

„Ganz und gar nicht. Was führt Sie nach St. Mawgan?“

„Dort wartet ein Job auf mich.“

„Lassen Sie ihn warten.“ Das klang sehr bestimmt. „Jetzt geben Sie mir Ihre Hand, steigen auf meinen Stiefel, und dann hebe ich Sie in den Sattel.“

„Ich habe noch einen Koffer bei mir.“ Janie zögerte. Vor dem Pferd hatte sie keine Angst, wohl aber flößte der Reiter ihr Unbehagen ein. Da ihr eine solche Empfindung im allgemeinen fremd war, war sie noch beunruhigter. Mit einem – solchen Mann sollte man eigentlich nicht mitgehen.

„Haben Sie Angst vor mir?“, fragte er prompt. „Angst, dem Teufel über den Weg gelaufen zu sein, wie wir hier zu sagen pflegen?“

„Warum sollte ich?“, fragte Janie nicht sehr überzeugend, wie sie sich eingestehen musste. „Aber woher soll ich wissen, ob Sie wirklich der sind, der Sie vorgeben zu sein?“

„Meine Kreditkarten sind im anderen Mantel“, spottete er. „Sie können auch zum Towers laufen, wenn Sie wollen, aber Salem würde das schneller schaffen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie nach einer Tasse Tee lechzen.“

„Und wie“, gab Janie zu. „Aber was soll ich mit dem Koffer machen?“

„Verstecken Sie ihn im Gebüsch, es kommt ja sowieso niemand auf das Grundstück. Das Pferd ist ein bisschen gereizt, und ein herunterhängendes Gepäckstück könnte es stören.“

Janie verstand das, aber immerhin waren ihre sämtlichen Toilettenartikel, Nachthemd und Bademantel im Koffer. Was machte sie, wenn sie im Haus dieses Mannes übernachtete?

„Brauchen Sie immer soviel Zeit, um sich zu entscheiden?“

„Ich … ich habe meine ganzen Toilettensachen da drin.“

„Ach so. Aber da machen Sie sich keine Sorgen. Mein Haus ist gut ausgestattet, und Agatha kann Sie bestimmt mit allem, was Sie benötigen, versorgen.“

Agatha! Er war also verheiratet. Janie merkte, wie erleichtert sie plötzlich war, und ohne weitere Einwände streckte sie ihm die Hand entgegen, um sich in den Sattel ziehen zu lassen. Sie empfand eine Frau im Haus wie einen Schutzwall gegen diesen Mann, von dem eine nicht erklärbare Gefahr auszugehen schien. Ein kräftiger Arm hielt sie fest, während James Pentrevah mit dem anderen die Zügel des Pferdes führte. So ritten sie langsam dem Haus entgegen, dessen erleuchtetes Fenster Janie angelockt hatte.

„Plötzlich die Sprache verloren?“ Sie waren eine Weile schweigend durch das Moorland geritten, als er plötzlich die Frage stellte. Sie gab keine Antwort, weil sie ihm schlecht erzählen konnte, woran sie gerade gedacht hatte. Ihr war durch den Kopf gegangen, dass sie seit ihrer Londoner Zeit mit sehr vielen Menschen zusammengekommen war, aber dass sie keinen Mann wie diesen James Pentrevah kennengelernt hatte. Alle waren supermodern, in ihrem Gebaren ebenso wie im Aussehen und ihrer Kleidung. Sie passten in die Zeit und in die Welt, und ihr war, als käme Mr. Pentrevah aus einer anderen, altmodischen Welt. Vielleicht lag es auch nur an der Umgebung. Sie schüttelte sich ein wenig, und er merkte es sofort.

„Warum seid ihr Londoner Mädchen nur alle so knochig? Kein Wunder, dass Sie frieren, wenn Sie kein Fleisch auf den Knochen haben.“

„Ich hatte Ihnen schon erzählt, dass ich eigentlich kein Londoner Mädchen bin, Mr. Pentrevah.“

„Scheint aber lange her zu sein, dass Sie mal ordentlich Apfelkuchen mit Schlagsahne gegessen haben. Was machen Sie in London?“

„Ich spiele.“

„Auf der Bühne?“ Er schien überrascht.

„Ja. Ich bin Schauspielerin.“

„Ich hätte Sie nie für eine Schauspielerin gehalten.“

„Danke“, murmelte sie und dann: „Sie kennen wohl eine Menge?“

Er ließ sich mit der Antwort Zeit. „Schauspielerinnen kommen mir sonst immer strahlender, glitzernder vor.“

„Es gibt solche und solche“, antwortete Janie leicht pikiert. „Ich spiele keine solchen Rollen“, fügte sie hinzu. „Sie scheinen offenbar immer das Kind beim rechten Namen zu nennen, ja?“

„Ich finde, dass es so am besten ist“, antwortete er ruhig. „Finden Sie Männer angenehmer, die wer weiß wie lügen, um Sie dorthin zu bekommen, wo sie Sie hinhaben wollen?“

Janie merkte, dass sie sich allmählich über sein arrogantes Wesen zu ärgern begann. Er war offenbar so von sich überzeugt, dass er keiner Frau was vormachen musste. So hörte es sich zumindest an.

„Habe ich Sie wieder schockiert?“ Er beugte sich herab, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Erzählen Sie mir nur nicht, dass ein Mädchen, das in London arbeitet, die Wahrheit nicht vertragen kann. Ich dachte bisher immer, dass man dort zu leben versteht und bereit ist, aus der Stadt ein modernes Babylon zu machen.“

„In manchen Teilen der Stadt trifft das sicher zu“, musste sie eingestehen. „Aber ich habe damit nichts zu tun. Ich betreibe meine Arbeit sehr ernsthaft, das heißt, ich treibe mich nicht herum. Ich habe einfach keine Lust dazu.“

„Aha. Miss Rühr-mich-nicht-an.“

„Mein Name ist Jane Larue.“

„Sagten Sie Janet?“

„Nein. Jane. Meine Freunde nennen mich aber Janie.“

„Haben Sie den Eindruck, dass wir auch Freunde werden könnten?“

„Das ist kaum wahrscheinlich, nicht?“ Sie war absichtlich unfreundlich, um ihn ja nicht zu irgendwelchen Anzüglichkeiten zu animieren.

Er blieb ungerührt. „Wer weiß, wer weiß, Jane. Immerhin hat ein Licht in meinem Haus Sie angelockt, und Sie werden unter meinem Dach schlafen, oder?“

„Ich … ich werde nur eine Nacht bleiben, wenn ich darf. Hoffentlich hat Ihre Frau nichts dagegen.“

„Meine Frau?“ Ein neugieriger Klang lag in seiner Stimme. „Was wissen Sie von … von meiner Frau?“

„Nichts, Mr. Pentrevah. Sie haben nur den Namen erwähnt, Agatha.“

„Agatha ist meine Haushälterin, und sie ist einundsechzig Jahre alt. Sehe ich so alt aus?“

„Das nicht.“ Janie musste seine Mitteilung erst einmal verdauen. „Aber Sie sehen alt genug aus, um verheiratet zu sein.“

„Sie aber auch, junge Frau. Die Mädchen hier heiraten, sobald sie einen guten Kuchen backen und ein Bett machen können. Was tun Sie? Warten auf die große Rolle?“

„Ja. Schauspielern ist alles, was ich will.“

„Und was ist, wenn Sie sich Hals über Kopf verlieben? Es geschieht, ob die Menschen es nun wollen oder nicht. In solchen Fällen sind auch Frauen meist nicht mehr Herr ihrer Sinne und bereit, alles zu geben.“

„Ich denke, die Liebe ist nichts als eine Legende.“ Janie war eine große Shaw-Verehrerin, und sie teilte seine Auffassung, dass Männer wegen des Sexes heirateten, Frauen aber wegen der Sicherheit. Sie aber träumte nun einmal von einer Karriere. Sie sah sich schon auf der Bühne stehen, als Johanna von Orleans, den Kopf erhoben, den Körper am Pfahl festgebunden, auf den Flammentod wartend.

„Wenn es nur um die sinnliche Liebe geht, haben Sie sicher recht“, hörte sie James Pentrevah sagen. „Aber es gibt auch eine andere Liebe, die ihre höchste Erfüllung erlebt, wenn ein Sohn oder eine Tochter geboren wird.“

Sie waren vor dem wuchtigen Gebäude angelangt, sodass Janie eine Erwiderung erspart blieb. Das war kein Haus, das war eine Festung, mit steinernen Mauern, Eisentoren und hohen Türmen, die dem Anwesen anscheinend den Namen gaben. Sie ritten an hohen Laternen vorbei in den gepflasterten Hof. Das Licht, das Janie aus der Ferne gesehen hatte, musste an der Rückseite des Hauses leuchten. Hier jedenfalls gab es kein helles Fenster.

James Pentrevah stieg zuerst vom Pferd, dann half er ihr. Er hielt sie einen Moment lang fest und lachte leise.

„Ich dachte immer, Schauspielerinnen wären alles andere als schüchtern. Oder was könnte es sonst sein, das Sie zittern lässt wie Espenlaub?“

„Ich zittere nicht …“

„Nein?“ Er presste sie fest an sich. „Aber ich spüre es doch.“

„Es liegt vielleicht daran, dass ich Kilometer von dem Ort entfernt bin, wo ich eigentlich sein sollte.“

„Das verstehe ich. Außerdem haben Sie sicher Hunger und Appetit auf einen Tee. Ich wirke also auf Sie nicht wie ein schrecklicher, furchterregender Kerl?“

Das nicht, dachte sie, aber wie einer, der Macht über mich gewinnen kann. Wie einer, vor dem ich mich in Acht nehmen muss.

„Bitte, lassen Sie mich los.“

„Mögen Sie die Nähe eines Mannes nicht?“, erkundigte er sich gedehnt. „Das muss für eine Schauspielerin doch fürchterlich sein. Oder spielen Sie in solch modernen Stücken, wo es um normale Beziehungen gar nicht mehr geht?“

„Ich würde es einfach damit erklären, dass Sie ein völlig Fremder für mich sind, Mr. Pentrevah.“

„Nun ja, vielleicht sind Männer und Frauen einander immer fremd, selbst wenn sie zusammenleben. Zusammenleben bedeutet keine Garantie, nicht mehr allein zu sein.“

Sein Gesicht wirkte plötzlich wie gemeißelt, hart und unbeweglich, und Janie wollte nichts anderes, als dass er sie losließ.

„Ich glaube, wenn Sie den Menschen näher kommen, bieten Sie ihnen einfach die Gelegenheit, Ihnen wehzutun. Sie fordern es vielleicht heraus.“ In ihrem Kopf spukte schon eine ganze Weile der Gedanke, dass ihn irgendjemand sehr verletzt und er ihm nicht verziehen hatte.

„Wir fangen an, uns zu verletzen, nicht wahr?“

„Ja.“

„Im Übrigen haben Sie recht, Jane Larue. Doch wer hat Sie so zynisch gemacht? War es ein Mann?“

„Ja“, sagte sie wieder, doch sie verschwieg ihm, dass dieser Mann Shaw hieß.

James Pentrevah ließ sie los. „Kommen Sie, Jane, falls Ihre Knie nicht zu weich sind.“

Janie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie die Halle von Pentrevah Towers betrat. Das war eine Welt, in die sie noch nie zuvor getreten war, eine fremde, eigenwillige, unwirkliche Welt. Ihr Blick glitt über das hohe, hölzerne Gewölbe, das dunkel und verräuchert war und von hohem Alter zeugte. Schwere Lampen hingen an Ketten herab und warfen schummeriges Licht auf in Wände eingelassene Schlafkammern.

„Eine Mönchsherberge“, hörte sie James Pentrevah erklären. „Diese bunten Gläser in den Fenstern dort wurden aus einem Kloster gerettet, als Heinrich VIII. beschloss, sich vom Papst zu trennen. Herrliche Figuren, nicht wahr? Das da ist Apollinaris mit Schwert und Rabe, und das da Augustin mit dem flammenden Herzen in der Hand. Blaise trägt den eisernen Kamm, mit dem sein Körper gepeinigt wurde. Wissen Sie über die Heiligen Bescheid?“

Janie schüttelte nur den Kopf und schaute verwundert auf die Reihe von gotischen Fenstern, in deren Glas die Heiligen eingefangen waren.

„Mein Favorit ist Dominic.“ Er wies auf eine Figur mit einem Stern auf der Stirn. „Im Übrigen sind die Fenster so angebracht, dass die Sonne kurz vor ihrem Untergang auf die Heiligen fällt. Es ist eine einzigartige Ansicht, und manchmal wirkt es, als würden sich die Figuren in Flammen winden.“

Sie sahen noch eine Weile schweigend auf die Fensterfront, dann sagte er:

„Ich sollte jetzt aber daran denken, dass Sie es sich etwas bequem machen können.“

Er führte sie zu einer höhlenartig in die Wand eingelassenen Feuerstelle und zog an einer geflochtenen Kordel, an der eine Glocke befestigt war. An den Wänden neben dem Kamin hingen alte Waffen, die ausgesprochen gepflegt wirkten.

James Pentrevah lehnte gegen den Kamin und beobachtete Janie.

„Sie sehen aus wie eine Katze, die durch ein fremdes Haus schleicht, dessen Geruch sie wachsam macht.“

Er nahm einen Kasten, holte einen Stumpen heraus und zündete ihn an. Für einen Moment sah sie seine Augen, dunkel und geheimnisvoll, im Schein des Streichholzes. Er sah zu ihr hinüber.

„Ihre Augen sind grün wie die einer Katze“, bemerkte er.

„Ihre konnte ich noch nicht genau erkennen“, gab Janie zurück.

„Das ist eine besondere Geschichte.“ Er stieß den Rauch in die Luft. „Vor langer Zeit verführte der Zauberer Merlin ein Mädchen unserer Familie, und es bekam ein Kind mit goldenen Augen. Seit jener Zeit gibt es solche Augen wie die meinen in unserer Familie. Die Legende besagt, dass alle schwarzhaarigen Pentrevahs solche Augen haben. Haben Sie Angst, dass ich Sie verzaubern könnte?“

„Ich bin kein Teenager mehr, der an Märchen glaubt“, gab sie zurück, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr in Gegenwart dieses Mannes immer unbehaglicher zumute wurde. Draußen im Moor würde sie nicht schlechter untergebracht sein als unter seinem Dach.

„Ist es Ihre erste Reise nach Cornwall?“

Janie nickte. „Von meiner Großmutter habe ich schon eine Menge Geschichten über diese Gegend gehört. Sie hat eine Freundin in St. Mawgan, mit der sie gelegentlich zusammentrifft. Zu ihr soll ich auch fahren, aber das hatte ich ja wohl schon gesagt. Haben Sie Telefon, Mr. Pentrevah? Dann könnte ich bei Mrs. Burford anrufen und ihr sagen, was passiert ist. Sie erwartet mich nämlich heute.“

„Ich habe Telefon, aber ich hätte es gern, wenn Sie Ihren Anruf auf später verschieben. Haben Sie was dagegen?“

„Und wenn ich was dagegen hätte, würde das etwas ausmachen?“

„Nicht sehr viel.“

„Sie sind ein sehr arroganter Mensch, Mr. Pentrevah, finden Sie nicht auch?“

„Wir sind, Miss Larue, was das Schicksal und der Zufall aus uns machen. Es war vielleicht Schicksal, dass ausgerechnet dort ein Stein auf der Straße lag, wo Ihr Auto fuhr. Und das Schicksal hat es wohl auch gewollt, dass Sie noch heil sind und Ihr Wagen nicht über die Klippen geschossen ist, denn die Straße ist sehr gefährlich. Ein Motorradfahrer hatte vor einiger Zeit weniger Glück. Sind Sie schnell gefahren?“

„Ich bin nicht gerast.“

„Aber Sie hatten es eilig, was? Die Sonne ging schon unter, und Sie wollten St. Mawgan erreichen, bevor es dunkel ist. Ich schätze, hätten Sie das Licht nicht gesehen, wären Sie die Straße entlanggewandert, die übrigens durch ein Dorf führt.“

Ein Dorf! Ihr wurde fast schwindlig bei der Vorstellung an ein einladendes Gasthaus mit einem kleinen Zimmer, einem weichen Bett, einem gemütlichen Abendessen. Warum nur war sie über die Mauer gesprungen?

„Was beweist, dass wir alle Fehler machen, die man hinterher bedauert.“

„Ohne Zweifel machen wir alle Fehler und würden sonst was geben, sie wieder gutzumachen.“

„Sogar Sie, Mr. Pentrevah?“

„Sogar ich, Miss.“

„Dabei sehen Sie so unfehlbar aus.“ Es war fast, als wollte sie ihn provozieren, sie wieder hinauszujagen.

Doch er schien nicht daran zu denken. Er sagte nur: „Niemand mag es, durch ein Irrlicht vom Weg abgebracht zu werden. Zum Glück sind Sie nicht in Prowler’s Pool geraten.“

Janie sah ihn fragend an, aber er warf erst ein paar Holzscheite ins Feuer, bevor er erklärte:

„Prowler’s Pool ist ein Treibsand, und Moorlandtiere wie Schafe und Ponys, die dort hineingeraten sind, wurden nie wieder gesehen. Das Moor befindet sich auf meinem Grund, und ich habe auch ein Warnschild angebracht. Doch natürlich kann ein Mädchen, das im Dunkeln dort umherläuft, nichts sehen. Sie haben es darauf ankommen lassen, als Sie die Straße verließen, was?“

„Ja.“ Es rann Janie kalt über den Rücken, als sie an die Gefahr dachte. „Es ist mir schon durch den Kopf gegangen, dass es in Cornwall große Sumpfgebiete gibt, aber man meint ja immer, einem selber könne nie etwas passieren. Stimmt’s?“

Jemand musste eingetreten sein, denn er sah an Janie vorbei und fing augenblicklich an zu reden.

„Agatha, würden Sie sich bitte um diese junge Dame kümmern und dafür sorgen, dass sie etwas zu essen und ein bequemes Bett bekommt. Wir haben uns im Moor getroffen. Ihr Wagen hatte eine Panne.“

Er wandte sich Janie zu: „Meine Haushälterin wird sich um Ihre Wünsche kümmern, Jane. Sie sehen etwas mitgenommen aus, deshalb schlage ich vor, dass Sie Ihr Abendessen im Bett einnehmen. Vorausgesetzt, Sie sind einverstanden.“

„Ich danke Ihnen, das ist sehr freundlich. Aber was ist mit meinem Gespräch nach St. Mawgan …?“

„Das eilt ja nicht.“ Er nahm ihren Ellbogen und schob sie nahezu in Richtung einer hölzernen Treppe, die nach oben führte. Am Fuß der Treppe wartete die Haushälterin, die sie mit unverhohlener Neugier betrachtete. Sie trug ein dunkles Kleid mit einem Gürtel, an dem ein riesiger Schlüsselbund hing. Ihr Haar war silbergrau, doch ihre Augen wirkten jung und lebhaft.

„Folgen Sie mir bitte, Miss“, sagte Agatha mit einer dunklen, freundlichen Stimme. Sie gingen die Treppe hinauf und über die Galerie, wo einige Familienporträts hingen.

„Geht es Ihnen gut, Miss?“, erkundigte sich Agatha. „Sie sehen recht bleich aus.“

Autor

Violet Winspear

Violet Winspear wurde am 28.04.1928 in England geboren. 1961 veröffentliche sie ihren ersten Roman „Lucifer`s Angel“ bei Mills & Boon. Sie beschreibt ihre Helden so: Sie sind hager und muskulös, Außenseiter, bitter und hartherzig, wild, zynisch und Single. Natürlich sind sie auch reich. Aber vor allem haben sie eine große...

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