Eine Wette aus Liebe?

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Ein toller Körper, eine charmante Art und außerdem ein begabter Kinderarzt - Dr. Parker Reese ist wirklich ein Mann zum Dahinschmelzen! Doch nach einer demütigenden Erfahrung hat Krankenschwester Clare Connelly sich eins geschworen: Affären im Job sind für sie tabu. Kein Wunder, dass sie den hemmungslos flirtenden Parker meidet. Erst als sie gemeinsam das Leben eines Kindes retten, fängt sie an ihm zu vertrauen. Fatal, denn nachdem er ihr Stunden sinnlicher Erfüllung schenkt, entdeckt sie, was wirklich hinter seinen Küssen steckt …
  • Erscheinungstag 08.06.2020
  • Bandnummer 4
  • ISBN / Artikelnummer 9783733717094
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Dr. Parker Reese hielt von sich selbst eine ganze Menge. Jeder kam gut mit ihm aus, und er hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor. Außerdem war er aufrichtig und anderen gegenüber respektvoll und hilfsbereit. In schwierigen Situationen konnte sich jeder auf ihn verlassen, ein Fels in der Brandung eben und der geborene Chef. Das hatten auch die Mitglieder des Texas Cattleman’s Club gleich erkannt, die ihn in den angesehenen Club aufgenommen hatten, obgleich er erst seit drei Monaten in Royal lebte und von Kühen keine Ahnung hatte.

Parker gehörte zu der seltenen Sorte Mensch, mit der jeder auskam und die jeder mochte.

Na ja, fast jeder.

Parker sah sich in der Cafeteria um. Sein Blick blieb an dem Tisch hängen, an dem das letzte Objekt seiner Begierde saß. Sie aß ihr Lunch und hatte dabei ihr Smartphone in der Hand und Ohrstöpsel in den Ohren, um ihre Umwelt akustisch auszublenden. Das war Clare Connelly, Oberschwester auf der neuen Kinderstation des Royal Memorial Hospitals und bei Weitem die fähigste Krankenschwester, mit der er je zusammengearbeitet hatte. Die Station wurde bestens geführt, und Schwester Connelly war bei ihren Mitarbeitern außerordentlich beliebt.

Aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen mochte sie Parker nicht.

Lucas Wakefield, Chef der Chirurgie und wie Parker Mitglied des TCC, des Texas Cattleman’s Club, stellte sein Tablett auf dem Tisch ab und ließ sich Parker gegenüber auf einen Stuhl sinken. „Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?“

„Und wenn? Du sitzt ja schon!“ Parker grinste. Luc war schuld daran, dass er überhaupt nach Texas gekommen war. Vor Jahren hatten sie sich als Medizinstudenten bei einer Tagung kennengelernt. Zu der Zeit hatte Parker noch vor, sich als Schönheitschirurg zu spezialisieren, der einzige Beruf, den sein Vater als lukrativ und passend für den Sohn eines wohlhabenden Unternehmers akzeptierte. Zwar hatte Parker dazu keine Lust gehabt, weil er wusste, auf eine solche Tätigkeit könnte er nie stolz sein, aber wie so oft hatte er sich auch hier dem Wunsch des Vaters gefügt.

Doch Luc hatte auf ihn eingeredet und ihn schließlich dazu gebracht, die Vorstellungen seines Vater in den Wind zu schießen und das zu tun, was er wirklich wollte, nämlich Kinderarzt zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Parker sich gegen den Vater aufgelehnt. Der war natürlich außer sich gewesen, hatte gedroht, ihm das Studium nicht weiter zu finanzieren, ja sogar, ihn zu enterben. Doch als Parker hart blieb und meinte, das würde er in Kauf nehmen, hatte der Vater schließlich nachgegeben.

Zwar war ihr Verhältnis seitdem leicht angespannt gewesen, aber Parker fühlte sich endlich frei und unabhängig. Und kurz vor dem Tod des Vaters im vorigen Jahr waren die Differenzen so gut wie ausgeräumt. Durch die Erbschaft war Parker Reese plötzlich ein reicher Mann und konnte tun und lassen, was er wollte. Er sehnte sich danach, New York zu verlassen, wo er nur wegen seines kranken Vaters geblieben war.

Da rief eines Tages und wie aus heiterem Himmel Luc an, von dem er schon lange nichts gehört hatte. Dr. Mann, der Spezialist für Neugeborene des Memorial Hospitals in Royal, Texas, würde pensioniert und sie bräuchten dringend Ersatz. Das Gehalt, das ihm angeboten wurde, war zwar nicht umwerfend, aber durch die Erbschaft war Parker davon nicht abhängig. So verkaufte er seine Praxis und zog nach Royal. Und hatte es nie bereut.

„Hast du eigentlich das Mädchen noch mal angerufen, das du in dem Souvenirshop getroffen hast?“ Luc riss eine Zuckertüte auf und entleerte sie in seinen Kaffee.

„Ich habe sie zum Dinner eingeladen.“

„Und …?“

„Dann habe ich sie nach Hause gebracht.“

„Zu dir oder zu ihr?“ Luc sah ihn feixend an.

„Zu ihr.“

„Und? Hat sie dich zu einem Absacker eingeladen?“

Das tun sie immer. Und das endete dann üblicherweise im Schlafzimmer. Vor ein paar Monaten hätte Parker auch nicht gezögert, die Einladung anzunehmen. Aber in letzter Zeit kamen ihm diese Verhältnisse irgendwie schal und langweilig vor. „Hat sie, aber ich habe abgelehnt.“

„Was?“ Luc riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an. „Mann, das kann ja wohl nicht wahr sein. Was ist mit deinem Liebesleben los?“

Mit achtunddreißig hatte Parker immer weniger Lust, sich mit den Anfang Zwanzigjährigen abzugeben, die er sonst zu sich ins Bett geholt hatte. Irgendwie stand ihm der Sinn jetzt mehr nach einer Partnerin auf seiner Augenhöhe. Nach einer Frau, die in jeder Beziehung eine Herausforderung für ihn war, die seine intellektuelle und seine sexuelle Neugier gleichermaßen ansprach. Unwillkürlich warf er einen Blick auf Clare.

Luc hatte seinen Blick bemerkt und verdrehte die Augen. „Nicht schon wieder! Du weißt doch, dass das sinnlos ist. Wie oft hast du es schon bei ihr versucht?“

Der Freund hatte ja recht. Parker selbst hatte die Übersicht verloren. Anfangs hatte sie freundlich, wenn auch bestimmt abgelehnt, wenn er mit ihr ausgehen wollte. Inzwischen aber war eine unangenehme Spannung spürbar, wenn sie zusammenarbeiten mussten. Was häufig geschah.

„Warum verhält sie sich mir gegenüber nur so feindselig?“ Ratlos sah er den Freund an.

Luc zog ironisch lächelnd die Augenbrauen hoch. „Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass du sie nervst? Weil du ihr Nein einfach nicht akzeptieren willst?“

Entschieden schüttelte Parker den Kopf. „Du irrst dich. Sie ist scharf auf mich. Da gehe ich jede Wette ein.“ Wieder sah er zu Clare hinüber. Sie hielt die Augen gesenkt, aber er war sicher, sie wusste, dass er sie beobachtete. Auch auf die Entfernung hatte er dieses ganz bestimmte Gefühl. Sie war Anfang dreißig, also ungefähr zehn Jahre älter als die Frauen, mit denen er sich normalerweise abgab. Aber das war ihm nur recht.

„Du kannst es wohl einfach nicht ertragen, was?“

Parker wandte sich wieder zu Luc um. „Was kann ich nicht ertragen?“

„Dass eine Frau nicht nach deiner Pfeife tanzt.“

Luc hatte schon recht. Parker war es gewohnt, dass die Frauen ihm zu Füßen lagen. Was ihm eigentlich zunehmend auf die Nerven ging. „Clare wird ihre Meinung schon noch ändern. Ich muss nur den richtigen Zeitpunkt abpassen.“

„Du meinst, wenn das Chloroform anfängt zu wirken?“

Parker lachte kurz auf. „Nein, wirklich, hör zu: Als ich in der ersten oder zweiten Klasse war, gab es da ein Mädchen, Ruth Flanagan hieß sie, glaube ich. Diese Ruth Flanagan hat mich ständig geärgert, keine Ahnung, warum.“

„Was?“, prustete Luc los. „Ein Mädchen hat dich schikaniert? Und deshalb rächst du dich immer noch an den Frauen?“

„Natürlich nicht. Heute kann ich darüber lachen, aber damals habe ich ziemlich darunter gelitten. Sie hat mich verspottet, mich geschubst, mir ein Bein gestellt, mich an den Haaren gezogen und mich von der Schaukel gestoßen. Jahrelang habe ich Angst vor Mädchen gehabt.“

„Na, das hat sich aber Gott sei Dank gegeben“, meinte Luc lachend.

Tatsächlich? Manchmal war Parker da nicht so sicher. Warum war er immer zwanghaft darauf bedacht, bei Beziehungen die Oberhand zu haben? Warum ließ er sich nur mit Frauen ein, die wesentlich jünger waren als er und ihm intellektuell unterlegen? Das musste doch irgendeinen Grund haben.

„Und dann? Was geschah dann?“, wollte Luc wissen.

„Am Ende der zweiten Klasse war sie weg. Vielleicht ist die Familie umgezogen, vielleicht hat Ruth nur die Schule gewechselt. Auf alle Fälle war ich erleichtert, dass sie nicht mehr da war. Ich habe sie erst wiedergetroffen, als ich schon studiert habe. Ich kam in den Semesterferien nach Hause und sie stand auf einer Party plötzlich vor mir.“

„Hat sie dich wieder geschubst?“ Luc grinste.

„Nein, im Gegenteil. Sie gestand mir, dass sie damals ziemlich in mich verliebt gewesen war und sie mir das nicht anders hatte zeigen können.“

„Und jetzt willst du ihre Strategie übernehmen? Clare ein Bein stellen und sie an den Haaren ziehen?“

„Natürlich nicht. Ich will damit nur sagen, dass feindseliges Verhalten auch etwas ganz anderes bedeuten kann.“

„Dann glaubst du im Ernst, dass Clare nur so tut, als könne sie dich nicht leiden?“

Parker zuckte mit den Schultern. „Das ist immerhin möglich.“

Luc schüttelte ungläubig den Kopf. „Du und die Frauen … Weshalb bist du eigentlich so hinter Clare her?“

Weil sie ihn beeindruckte und nicht nur, weil sie die einzige Frau zu sein schien, die gegen seinen Charme immun war. Seltsam, aber genau das schien ihn besonders anzuziehen. Er wollte sie näher kennenlernen, wollte wissen, was in ihr vorging, wie sie wirklich war.

Clare arbeitete schon seit fast zehn Jahren im Memorial. Und dennoch war ihm noch keiner begegnet, der sie wirklich kannte, der mit ihr befreundet war. Das war sehr merkwürdig, fand er. Er persönlich war immer viel mit seinen Kollegen zusammen, sie waren wie eine große Familie. Allerdings war er auch an Menschen interessiert, ganz im Gegensatz zu Clare. In der Cafeteria saß sie immer allein. Und auch auf der Station war sie meist für sich. Man hatte ihm erzählt, dass sie nie verheiratet gewesen war, keine Kinder hatte und seit ewigen Zeiten mit einer alten Tante zusammen lebte.

Und doch … Auch die nüchternste Bibliothekarin mochte sexy Spitzenunterwäsche unter ihrem strengen Kostüm tragen. Warum dann nicht Clare? Unter ihrem kühlen Äußeren verbarg sich ganz sicher so einiges, das sich zu entdecken lohnte. Am besten von ihm, Parker Reese … Wer weiß, vielleicht konnte er noch eine ganze Menge von ihr lernen.

„Sie interessiert mich. Ich möchte sie näher kennenlernen“, ging er endlich auf Lucs Frage ein.

„Aber so hartnäckig warst du doch noch nie hinter einer Frau her. Du bist ja geradezu besessen von ihr.“

Stimmt. Warum das so war, konnte Parker sich selbst nicht erklären. Irgendwie spürte er eine tiefe Verbindung zu Clare. Genau das, was er bei seinen früheren Beziehungen auf Teufel komm raus hatte vermeiden wollen und immer gefürchtet hatte wie die Pest.

Warum war das diesmal anders?

Er kannte ihre Arbeitsabläufe auswendig, wusste, wann ihre Schicht begann, wann sie zum Lunch ging und wann sie die verwaltungstechnischen Arbeiten erledigte. Er hatte ihr Lächeln verinnerlicht, auch wenn er selbst nicht oft in den Genuss davon kam – ihm gegenüber wirkte sie meist leicht gereizt. Aber er würde herausfinden, was hinter dieser Maske steckte, davon war er fest überzeugt.

Vielleicht war er doch von ihr besessen, ein bisschen wenigstens.

Luc beugte sich vor und senkte die Stimme. „Selbst wenn du recht hast, Parker. Selbst wenn du ihr nicht so unsympathisch bist, wie es den Anschein hat, die Sache ist trotzdem hoffnungslos. Jeder weiß doch, dass Clare sich nie mit einem Kollegen einlassen würde.“

„Alles geschieht irgendwann zum ersten Mal“, meinte Parker lächelnd. „Sag niemals nie, das ist mein Motto.“

„Und vielleicht dein größtes Problem.“

„Möglich.“ Parker lachte. „Aber in spätestens einem Monat ist die Festung gefallen.“

„Wenn du meinst …“ Luc sah ihn schmunzelnd an. „Wärst du bereit, darauf zu wetten?“

„Aber klar. Die Wette verlierst du.“

„Das werden wir ja sehen. Die übliche Summe?“

„Selbstverständlich.“ Parker hob die Hand, und Luc schlug ein. Nicht zum ersten Mal machten sie sich den Spaß, gegeneinander zu wetten.

In diesem Augenblick meldete sich Parkers Smartphone. Er zog es aus der Kitteltasche. „Ja?“

Es war Vanessa von der Intensivstation. „Dr. Reese, können Sie bitte umgehend herkommen? Janey hat wieder Probleme.“

Parker fluchte leise. Baby Janey, eine Frühgeburt, war vor einem Monat eingeliefert worden. Man hatte die Kleine in einer Fernfahrerkneipe gefunden, verlassen und nur notdürftig bekleidet. Inzwischen hatte sie die Herzen aller gewonnen und wurde bestens versorgt. Dennoch war sie noch lange nicht über den Berg.

„Komme sofort.“ Parker stand auf und schlug dem Freund auf die Schulter. „Muss leider los.“

„Geht es um Janey? Immer noch keine Besserung?“

„Nicht wirklich.“ Parker nahm sein Lunch mit. „Das Ganze ist mir ein Rätsel. Sämtliche Tests haben nichts ergeben. Auch in den Fachzeitschriften kann ich nichts finden, und das Internet gibt nichts her. Nichts trifft auf sie zu. Und sie wird immer schwächer. Ich fürchte, es gibt wenig Hoffnung.“

„So schrecklich das auch ist, du kannst schließlich nicht jeden retten“, versuchte Luc, ihn zu trösten.

„Vielleicht nicht. Aber ich werde es immer wieder versuchen.“

Wenn dieser Tag doch bloß endlich vorbei wäre … Clare Connelly saß in der Cafeteria, Stöpsel in den Ohren, und starrte auf ihr Smartphone, ohne etwas zu sehen. Erst wollte morgens ihr Auto nicht anspringen, dann blieb es unterwegs liegen, sodass sich eine lange Schlange fluchender Autofahrer hinter ihr bildete. Und als sie endlich den Krankenhausparkplatz erreicht hatte und ausstieg, geriet sie in einen Wolkenbruch und kam vollkommen durchnässt in ihrer Station an.

Gestern hatte das monatliche Familiendinner auf der Pferderanch der Eltern stattgefunden, eine Stunde von Royal entfernt. Und obgleich Clare gleich gesagt hatte, dass sie wahrscheinlich Dienst haben würde, regten sich alle auf, als sie tatsächlich nicht kam. Den ganzen Morgen war sie mit Telefonanrufen ihrer sieben Geschwister bombardiert worden, die alle in der Nähe der Eltern wohnten.

Ihre drei Brüder und zwei ihrer Schwestern arbeiteten auf der Ranch. Die anderen zwei Schwestern hatten mit ihren je vier Kindern genug zu tun. Insgesamt hatte Clare zweiundzwanzig Nichten und Neffen im Alter von wenigen Monaten bis sechsundzwanzig Jahren. Und die ältesten Nichten und Neffen waren ihrerseits auch schon verheiratet und erwarteten Nachwuchs.

Kein Wunder, dass Clare als schwarzes Schaf der Familie galt, unverheiratet und kinderlos, wie sie war. Keiner konnte verstehen, dass sie gern allein lebte, auch wenn sie nicht prinzipiell etwas gegen die Ehe hatte. Sie wollte nur ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen leben. Dass sie nicht auf der Ranch arbeiten wollte, konnte keiner begreifen. Dabei hatte sie nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Krankenschwester werden wollte. Aber das hatte keiner ernst genommen, sondern gemeint, sie wolle sich ja nur einen reichen Doktor angeln.

Unwillkürlich warf sie einen verstohlenen Blick auf ihren neuen Chef. Der attraktive, wohlhabende und charmante Parker Reese, der dazu noch alle möglichen Stiftungen großzügig unterstützte, war der Traum einer jeden Frau. Tolle Figur, kräftiges braunes Haar und Augen, deren Farbe ständig zwischen grün und braun wechselte. Der Mann sah wirklich unverschämt gut aus. Als er sich an seinem ersten Tag seinem weiblichen Personal vorstellte, hatten sich die sonst so nüchternen und verantwortungsvollen Frauen plötzlich in eine errötende und leise kichernde Mädchenklasse verwandelt.

Hinzu kam, dass er einer der besten und kompetentesten Ärzte war, mit denen Clare je zusammengearbeitet hatte. Er war vertrauenswürdig, verlässlich und ehrlich und schien immer gute Laune zu haben. Oft lockerte er die angespannte Atmosphäre mit einem Scherz auf, war dabei aber immer höflich und hatte vor allem einen fantastischen Ruf als Kinderarzt.

Aber er war außerdem in schamloser Art und Weise hinter den Frauen her und hatte ein Date nach dem anderen. Das hatte Clare zumindest gehört. Und jetzt schien sie die Nächste auf seiner Liste zu sein.

Da hatte er sich geschnitten …

Ihre eigenen bitteren Erfahrungen hatten sie gelehrt, dass es nur schiefgehen konnte, wenn man sich mit jemandem einließ, mit dem man arbeitete, vor allem wenn derjenige eine Machtposition innehatte. Seitdem hatte sie sich geschworen, nie wieder mit jemandem zu flirten oder gar auszugehen, der wie sie im Krankenhaus arbeitete. Doch Parker Reese schien alles daran zu setzen, sie dazu zu bringen, diesen Schwur zu brechen. Er flirtete mit ihr, machte sexuelle Anspielungen, wenn auch auf charmante Weise, und lud sie immer wieder zum Essen ein. Bisher war sie standhaft geblieben, aber bei all seinen Aufmerksamkeiten war es kein Wunder, dass sie ein bisschen in ihn verknallt war.

Ein bisschen? Bei dieser Untertreibung hätte sie beinahe laut losgelacht. Vielleicht konnte sie ihrer Familie und ihren Kolleginnen etwas vormachen, sich selbst gegenüber aber musste sie ehrlich sein. Sie wollte ihn, sie begehrte ihn, sie sehnte sich nach ihm, auch wenn sie das nie jemandem gestehen würde.

Wenn er morgens leise pfeifend durch die Tür trat, das Haar vom Wind zerzaust und die Krawatte schlecht gebunden, schlug ihr Herz höher. Sofort stellte sie sich vor, ihm lächelnd das Haar aus der Stirn zu streichen, ihm die Krawatte zu richten, sich dann auf die Zehenspitzen zu stellen und … An diesem Punkt versuchte sie immer, ganz schnell auf andere Gedanken zu kommen. Denn wenn nicht, bestand die Gefahr, dass sie all die Gründe vergaß, weshalb sie überhaupt erst ihren Schwur geleistet hatte.

Wenn er nur aufhören würde, sie ständig zu beobachten. Das machte sie so nervös, dass ihr der Appetit total vergangen war. Wahrscheinlich einer der Vorteile, wenn man verknallt oder verrückt nach jemandem war oder wie auch immer man ihren Zustand bezeichnen wollte: Man nahm ab. Seit Dr. Reese im Memorial angefangen hatte, hatte Clare ganze acht Kilo verloren. Seit ihrem ersten Collegejahr war sie nicht mehr so schlank gewesen. Aber sie fühlte sich gut dabei und hatte auch wieder angefangen zu joggen. Sport hatte sie in den letzten Jahren sehr vernachlässigt, deshalb hatte sie auch zugenommen. Schließlich hatte sie niemanden, für den sie schön sein musste, vor allem im nackten Zustand. Sie hatte auch keine Zeit und keine Lust gehabt, jemanden zu finden.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Dr. Reese aufstand und sich von Dr. Wakefield verabschiedete. Bei der Vorstellung, dass er gleich an ihr vorbeikommen musste, wenn er in Richtung Ausgang ging, schlug ihr Herz schneller. Sie starrte wie gebannt auf ihr Smartphone. Würde er neben ihr stehen bleiben und wieder mit ihr flirten? Doch sicher nur, weil er wusste, dass sie das ärgerte. Zumindest hoffte sie, dass sie diesen Eindruck machte.

Offenbar aber hatte er es sehr eilig, denn er ging mit schnellen Schritten an ihr vorbei, ohne anzuhalten. Doch anstatt erleichtert zu sein, empfand sie eine leise nagende Enttäuschung.

So ging es nicht weiter. Sie musste endlich aufhören, sich nach einem Mann zu verzehren, der absolut falsch für sie war! Als ihr Telefon klingelte, war sie froh über die Ablenkung. Es war Schwester Vanessa, die ihr mit knappen Worte mitteilte, dass Janeys Zustand sich zusehends verschlechterte.

Sofort sprang Clare auf, ließ ihr Tablett mit dem Lunch stehen und hastete zum nächsten Fahrstuhl. Seit die Kleine, offenbar nur kurze Zeit nach der Geburt, auf der Damentoilette in einer Fernfahrerkneipe gefunden worden war, kämpfte sie um ihr Leben. Obgleich Clare dazu ausgebildet war, auch bei den anrührendsten Fällen sachlich und nüchtern zu reagieren, hatte die Kleine ihr Herz gewonnen wie noch keine Patientin zuvor. Janey schien vollkommen allein auf der Welt zu sein. Und so sehr die Polizei sich auch bemühte, Familienangehörige oder wenigstens Menschen zu finden, die Näheres wussten, hatte sie bisher keinen Erfolg gehabt. Und so hatte die Stadt vorläufig die Vormundschaft übernommen.

Die Mutter musste in großen Nöten gewesen sein, dennoch konnte Clare nicht verstehen, wie die Frau ihr Kind einfach hatte zurücklassen können. Was war in ihr vorgegangen, unter welchem Druck hatte sie gestanden, dass sie glaubte, ihr Kind sei ohne sie besser dran? Oder war sie gezwungen worden, das Neugeborene sich selbst zu überlassen? Bei diesem Gedanken überlief es Clare eiskalt.

Als sie sah, wie sich die Fahrstuhltüren langsam schlossen, fing sie an zu laufen. „Halt!“, schrie sie. „Ich will noch mit!“

Eine Hand wurde sichtbar, die Türen öffneten sich wieder, und aufatmend stürzte Clare in den Fahrstuhl. Bis sie sah, dass die Hand zu genau der Person gehörte, der sie möglichst aus dem Weg gehen sollte.

Dr. Parker Reese.

Er drückte auf den Knopf zum vierten Stock, lächelte sie an, und als die Türen sich schlossen, sagte er leise: „Was für ein glücklicher Zufall …“

2. KAPITEL

Clare warf Parker einen scharfen Blick zu, als wollte sie sagen: Der Meinung bin ich aber ganz und gar nicht.

Immerhin, noch vor einem Monat hätte sie seine Bemerkung vollkommen ignoriert. Fortschritt, oder? „Dann hat man Sie auch wegen Janey angerufen?“, fragte er.

„Ja. Herzflimmern.“

So hatte er sie noch nie gesehen, das Gesicht blass, die Lippen zusammengepresst. Alle auf der Intensivstation fühlten mit der Kleinen, aber Clare schien besonderen Anteil zu nehmen. Auch Parker musste zugeben, dass dieser Fall ihn sehr berührte und zunehmend ein Gefühl der Hilflosigkeit in ihm hervorrief. Was hatten sie nicht schon alles versucht, ohne Erfolg. Es musste doch etwas geben, das dem winzigen Wesen half. Aber was?

„Es geht ihr also schlechter“, sagte Clare tonlos.

„Ja.“

War der Fahrtstuhl immer so langsam? Ungeduldig drückte Parker wieder und wieder auf den Knopf. Da endlich waren sie im vierten Stock. Nervtötend langsam öffneten sich die Türen. Beide stürzten hinaus.

„Herzstillstand!“, rief ihnen jemand entgegen, als sie die Tür zur Intensivstation aufstießen. Ein junger Assistenzarzt stand an Janeys Bettchen und versuchte Herzmassage.

„Lassen Sie mich durch!“, bellte Parker, und erschreckt stoben alle auseinander. Einen solchen Ton waren sie nicht gewohnt, aber dies war auch ein besonderer Fall.

„Keine Reaktion“, sagte der Assistenzarzt leise, als Parker ihn beiseiteschob und selbst die Wiederbelebungsversuche übernahm.

„Rufen Sie ihren Kardiologen!“ Er griff nach dem winzigen Handgelenk, aber ein Puls war nicht zu finden. „Komm, Kleines, versuch es noch mal, für mich …“ Doch nichts geschah.

Verdammt! Und er hatte gehofft, darum herumzukommen. „Defibrillator“, befahl er und wandte sich zur Linken, wo Clare normalerweise stand. Stattdessen stand eine andere Schwester bereit. Er drehte sich um. Clare war neben der Tür stehen geblieben, hatte den Kopf an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen und sah aus, als würde sie jeden Augenblick ohnmächtig.

Doch darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Auch die Behandlung mit dem Defibrillator brachte erst nach einer knappen halben Stunde den gewünschten Erfolg. Das kleine Herz schlug wieder regelmäßig, und alle atmeten erleichtert auf. Für den Moment war die Gefahr gebannt, aber für wie lange?

Parker drehte sich nach Clare um, aber sie war nicht mehr da. Er schickte ihr eine SMS und sah sich im Flur um, während er auf Antwort wartete. Nichts. Sie hatte seine Nachricht noch nicht einmal abgerufen. Parker runzelte die Stirn. Was war da los? Sie antwortete doch normalerweise umgehend.

Vielleicht war sie ins Schwesternzimmer gegangen. Aber da saß nur Rebecca. „Haben Sie Schwester Connelly gesehen?“

„Die ist vor Kurzem hier vorbeigegangen.“ Rebecca sah ihn mit einem schmelzenden Lächeln an. „Wie sieht es bei Ihnen nächstes Wochenende aus? Ich dachte, wir könnten vielleicht wieder ausgehen.“

Um Himmels willen … Rebecca war ja ein nettes Ding, aber sie liebte Partys, und in diesen Tagen musste er spätestens um elf ins Bett. Sein Vater hatte immer gesagt, man sei so alt, wie man sich fühlt. Aber nach einer Partynacht mit Rebecca und ihren Freunden fühlte Parker sich wie achtzig. Sie war wirklich aufgeweckt und sexy, aber der Kater am nächsten Tag war die Sache nicht wert. Die Zeiten waren vorbei, in denen er bis morgens um drei feiern und um sieben wieder am Krankenbett stehen konnte. Schließlich ging er stark auf die Vierzig zu.

Wieder blickte er auf sein Smartphone. Immer noch keine Antwort. „Wo mag Schwester Connelly hingegangen sein?“

„Keine Ahnung“, sagte Rebecca schnippisch, die eine andere Antwort erwartet hatte.

Selbst wenn sie es wüsste, würde sie nichts sagen, dachte er und wandte sich seufzend ab. Auf einmal verstand er, warum Clare nichts mit Kollegen anfing. Aber wo mochte sie sein? Vielleicht wieder in der Cafeteria? Das konnte er sich eigentlich nicht vorstellen. Denn bestimmt wollte sie nicht, dass jemand sah, wie aufgelöst sie war. Wo konnte sie allein sein? Er blickte den Flur entlang. Am Ende war die Tür zum Treppenhaus.

Das war’s. Da musste sie sein. Er selbst versteckte sich dort manchmal, wenn er ein paar Minuten für sich sein wollte. Oder mit einer jungen hübschen Schwester …

Und tatsächlich saß Clare auf der Treppe, die in den fünften Stock führte, die Arme um die Knie geschlungen, das Gesicht verborgen. „Sind Sie gekommen, um sich über meine Schwäche lustig zu machen?“, sagte sie leise, ohne aufzusehen.

„Woher wissen Sie, dass ich es bin?“

„Weil heute sowieso alles schiefläuft.“ Sie hob langsam den Kopf, schniefte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.

Tränen? Clare weinte? Das hatte er nun wirklich nicht erwartet.

„Außerdem erkenne ich Sie an Ihrem Schritt“, fügte sie leise hinzu. „Sie gehen ja oft genug am Schwesternzimmer vorbei.“

Dann achtete sie also auf ihn? Er würde sich geschmeichelt fühlen, wenn er nicht wüsste, dass sie sowieso auf alles achtete, was auf ihrer Station vor sich ging. „Wie geht es Ihnen?“ Er zog ein Taschentuch aus der Kitteltasche und reichte es ihr. Da er viel mit verzweifelten Eltern schwerkranker Kinder zu tun hatte, gehörten Taschentücher sozusagen zu seiner Arbeitskleidung.

Sie putzte sich die Nase. „Alles okay. Mein Verhalten ist mir furchtbar peinlich. Ich weiß auch nicht, was mit mir los war.“

„Sie haben die Nerven verloren. Das geht jedem von uns mal so“, versuchte er sie zu trösten.

Sie warf den Kopf zurück. „Nein, mir nicht!“

Lächelnd schüttelte Parker den Kopf. „Auch wenn Sie es nicht hören wollen, es sah ganz so aus, als würden Sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen, Prinzessin.“

Empört schaute sie auf und sah aus, als wollte sie etwas sagen – zumindest ihn wegen des Prinzessin – Kommentars zurechtweisen –, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Sie ließ den Kopf hängen und sackte in sich zusammen. „Sie haben recht …“

Was? Sie musste wirklich neben der Rolle sein. Noch nie hatte sie zugegeben, dass er recht hatte. Bei irgendwas. „Geht es Ihnen wirklich wieder gut?“

Sie hob den Kopf und sah ihn mit feuchten Augen an. „Kennen Sie diese Tage, an denen man das Gefühl hat, dass man unbesiegbar ist? Dass alles so läuft, wie man es sich wünscht?“

„Sicher.“

„Nun, dieser Tag gehört nicht dazu.“

Er verzog mitfühlend das Gesicht. „So schlimm?“

Autor

Michelle Celmer

Michelle Celmer wurde in Metro, Detroit geboren. Schon als junges Mädchen entdeckte sie ihre Liebe zum Lesen und Schreiben. Sie schrieb Gedichte, Geschichten und machte selbst dramatische Musik mit ihren Freunden. In der Junior High veröffentlichten sie eine Daily Soap Opera. Ungeachtet all dessen, war ihr Wunsch immer Kosmetikerin zu...

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