Entführt auf die Insel des stolzen Spaniers

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Überrascht erkennt Millionär Luis Osorio, wen seine Eltern als Fotografin für das Firmenjubiläum engagiert haben: die aufregende Cristina, mit der er eine heiße Nacht der Lust verbracht hat - ohne zu wissen, wer sie wirklich ist! Denn er hasst sensationslüsterne Reporter, denen er die Schuld am Tod seines Bruders gibt. Hat Cristina sich ihm auch nur aus purer Berechnung hingegeben? Luis beschließt: Das Shooting wird auf seiner Privatinsel stattfinden. Dort hat er alle Zeit der Welt, Cristinas infamen Plan aufzudecken - oder sie erneut zu verführen …
  • Erscheinungstag 26.03.2019
  • Bandnummer 2381
  • ISBN / Artikelnummer 9783733712082
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Luis Osorio schaltete seine Ducati einen Gang herunter und hielt an, den Motor im Leerlauf. Sein Blick fiel auf die Stadt, die im goldenen Licht der Nachmittagssonne zu seinen Füßen lag. Segovia.

Ein Gefühl tiefer Zufriedenheit erfüllte ihn. Endlich zu Hause.

Vor knapp zwanzig Minuten hatte er die Autobahn verlassen und die Landstraße genommen, um genau diesen Moment zu zelebrieren – das Wiedersehen mit seiner Heimatstadt. Mit der Stadt, die er liebte.

Der Stadt, der er vor fünf Jahren den Rücken gekehrt hatte. Fünf Jahre, die sich angefühlt hatten wie eine Strafe. Wie lebenslänglich. Und damit war er noch gut davongekommen.

Die alten Schuldgefühle flackerten in ihm auf und ließen ihn die Luft anhalten. Instinktiv umfasste er die Griffe des Lenkers fester.

Es waren diese Schuldgefühle gewesen, die ihn beinahe davon abgehalten hatten, nach Hause zurückzukehren. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Keinesfalls durfte er die Feier zum sechzigsten Geburtstag seiner Mutter versäumen, egal, welche Konsequenzen dieser Entschluss für ihn haben mochte. Also hatte er sich widerstrebend bereit erklärt, zu der Geburtstagsparty einzufliegen. Am Wochenende würde er dann nach Kalifornien zurückkehren.

Seine Eltern hofften natürlich, dass er es sich doch noch anders überlegen würde, dass er länger bleiben würde. Das hätte er vielleicht auch getan, wenn nicht …

Nein. Zu bleiben, das hieße, die Vergangenheit zu begraben, und dazu war er nicht in der Lage. Keinesfalls. Außerdem würde er es sicher nicht schaffen, seine Gefühle mehr als ein paar Tage lang zu kontrollieren.

Aber so lange würde es ihm schon irgendwie gelingen. Er würde auf der Party erscheinen und rasch wieder abreisen. So hatte er es auch mit seinen Eltern besprochen.

Natürlich waren sie enttäuscht, aber damit konnte er leben. Tatsächlich verdiente er ihre Enttäuschung sogar mehr, als ihnen selbst bewusst war.

Luis hatte ihnen nicht gesagt, dass er seine Pläne noch geändert hatte. Er war einen Monat früher aus Kalifornien abgereist und nach Athen geflogen, um jene Motorrad-Tour durch Europa zu unternehmen, die er mit seinem Bruder Bas zusammen geplant hatte.

Im Moment schien ihm dies der einzige Weg, um das Andenken seines Bruders zu ehren.

Augenblicklich spürte er den gleichen ziehenden Schmerz wie jedes Mal, wenn er an Bas – Baltasar – dachte. Seinen besten Kumpel und Bruder. Nun war er nicht mehr da.

Im Flugzeug hatte Luis noch gedacht, dass es Zeit wurde zurückzukehren, dass fünf Jahre selbstgewähltes Exil genug waren. Jetzt erkannte er, dass er sich nur etwas vorgemacht hatte. Dass es nichts gab, womit er seine Schuld wiedergutmachen konnte.

Doch er konnte nicht länger hier sitzen, gefangen in der Endlosschleife seiner Gedanken. Er würde sich noch früh genug seiner Vergangenheit stellen müssen. Aber noch nicht gleich. Eine Nacht lang wollte er sich noch frei fühlen, sich ein wenig Zeit stehlen, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.

Nachdem Luis tief durchgeatmet hatte, setzte er die schwere Maschine wieder in Gang und brauste weiter in Richtung Stadt. Der Kontrast zur endlosen Weite der Landstraße hätte größer nicht sein können. Enge Straßen, dichter Verkehr, überall Menschen.

Wo sollte er für die Nacht absteigen? In der Fünf-Sterne-Nobelherberge Alfonso VI., wie er es sonst wohl täte? Dort würde ihn der Komfort erwarten, den er gewohnt war. Trotzdem entschied er sich dagegen. Heute brauchte er etwas anderes als Luxus, er brauchte Anonymität. Und die konnte ihm das Alfonso VI. leider nicht bieten.

Zwanzig Minuten später fand er in einer kleinen Seitenstraße genau das, was er suchte. Ein einfaches kleines Hotel, sauber und ruhig. Zudem war der Besitzer selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer. So konnte er Luis einen sicheren Abstellplatz für sein Motorrad zur Verfügung stellen und bot sogar an, die Maschine mit dem Hochdruckreiniger abzuspritzen.

Zwei Stunden später trat Luis frisch geduscht, in Jeans und schwarzem T-Shirt nach draußen auf die Straße. Der Hotelier hatte Wort gehalten: Die Ducati war so blitzsauber wie an dem Tag, als die Maschine den Showroom verlassen hatte. Luis setzte den Helm auf und machte sich auf den Weg ins Zentrum.

Die Abendluft war warm, er brauchte die wattierte Lederjacke nicht, in der er sich in den letzten Tagen auch deshalb so wohlgefühlt hatte, weil er darin aussah wie ein Rocker. Was die Leute davon abgehalten hatte, ihn ansprechen. Es war ihm recht gewesen.

Aber auch jetzt würde er wohl kaum in eine unwillkommene Konversation verwickelt werden. Mit seinem hageren Gesicht, dem dunklen Bartschatten und den kühlen dunkelgrauen Augen wirkte er abweisend genug.

Ziellos fuhr er durch die Gegend, während es allmählich dunkel wurde und die Menschen nach Hause eilten. Er genoss die laue Temperatur, den Duft nach Orangen und Abgasen, das fröhliche Lachen und Schwatzen überall.

In diesem Moment schienen die vergangenen fünf Jahre wie ausgelöscht. Wenn er die Augen schloss, hatte er das Gefühl, dass Bas ihm jederzeit einen Klaps auf die Schulter geben könnte und ihm sagen würde, er sollte sich mal etwas entspannen, denn heute Abend würde er ganz bestimmt das Mädchen seiner Träume treffen.

Gedankenverloren ließ Luis den Blick über den großen Platz schweifen.

In ihrer Kindheit war ihm der Altersunterschied von vier Jahren unfassbar groß vorgekommen. Sein älterer Bruder war gut aussehend und sportlich gewesen, der coolste Typ auf dem Planeten. Irgendwann war Luis zwar selbst ein attraktiver, hochgewachsener junger Mann geworden, aber Bas blieb für ihn der große Bruder, den er über alles bewunderte, und der Schwarm aller Mädchen.

In diesem Moment begegnete Luis dem Blick einer jungen Frau. Sie hatte sanfte braune Augen in der Farbe von Milchkaramell.

Völlig unerwartet durchlief ihn ein heißer Schauer. Er registrierte bewundernd ihre rotbraunen Haare und ihre schlanken, sonnengebräunten Beine, hörte ihr leicht heiseres Lachen. Im nächsten Moment tauchte sie in der Menge unter, die vor einem Nachtklub Schlange stand.

Wieder durchlief ihn ein heißer Schauer. Und dann tat Luis etwas, das er nie zuvor gemacht hatte: Er folgte der jungen Frau in den Klub.

Drinnen war es wie erwartet heiß, laut und voll. Normalerweise hasste er das. Die Besucher waren ultrastylisch und supergepflegt.

Luis entdeckte sie sofort, kaum war er durch die Tür getreten. Kein Wunder bei dieser prachtvollen Haarmähne, diesen femininen Kurven. Aber noch anziehender als ihre Schönheit war es die entspannte, lässige Sicherheit dieser Frau, die jeden Mann um sie herum sofort aufmerken ließ.

Auch ihn, Luis, ließ sie nicht kalt. Ganz und gar nicht. Er konnte nicht verhindern, sie anzustarren.

Ihr hellgelbes Shirt bedeckte ihre Arme und Brüste, und ihre Shorts konnte man geradezu als züchtig bezeichnen im Gegensatz zu den knappen Höschen, die man hier sonst zu sehen bekam. Sie hatte atemberaubend lange Beine, und sie trug die hochhackigsten High Heels, die er je gesehen hatte. Moment – jetzt, beim Näherkommen, bemerkte er, dass ihr Shirt fast transparent war!

Seine Züge verhärteten sich. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie war sexy und wusste es auch. Damit war sie absolut nicht sein Typ. Dennoch war er ihr bis hierher gefolgt.

Wieso verschwand er nicht einfach wieder? Unentschlossen zog er seine Jacke aus und bahnte sich einen Weg zur Bar.

„Una cervesa sin.“

Zumindest das hatte sich seit damals zum Positiven verändert. Alkoholfreies Bier war überall zu bekommen und schmeckte inzwischen auch ganz akzeptabel.

Selbst wenn nicht – er würde lieber Spülwasser trinken, als seinen Schwur zu brechen. Nie wieder würde er riskieren, die Kontrolle zu verlieren. So wie damals, als sein Leben entzweigebrochen war.

Den Blick starr geradeaus gerichtet, trank er sein Bier. Der Rothaarigen hatte er absichtlich den Rücken zugekehrt. Aus den Augen, aus dem Sinn – so sagte man doch? Trotzdem wusste Luis in jeder Sekunde, dass sie da war, er spürte ihre Aura aus Sinnlichkeit, die seine Haut prickeln ließ. Er konnte ihr sexy heiseres Lachen hören und stellte sich vor, wie sie in einer herausfordernden Geste ihr Haar zurückstrich. Diese Frau war wirklich wie eine wahr gewordene Männerfantasie.

Seufzend hob er den Blick und schaute in den Spiegel über der Bar. Sofort bereute er den Anflug von Schwäche, denn nun konnte er beobachten, wie sie über etwas lachte, was der Mann neben ihr gesagt hatte, und wie sie sich dicht zu ihm vorbeugte, während sie ihm die Hand auf den Arm legte. Vermutlich ihr Freund.

Luis’ Miene verdüsterte sich. Er sah die anderen Männer in diskretem Abstand um sie herum stehen und warten. Oder vielleicht war sie es, die darauf wartete, dass sich etwas tat, dass ein Entschlossener unter ihnen sie ansprach?

Ärgerlich musste er sich eingestehen, dass er sich zu der Horde dazurechnen konnte. Wieso, zum Teufel, fand er sie bloß so unfassbar begehrenswert? Gerade heute konnte er das nicht brauchen. Frustriert strich er sich übers Gesicht. Es musste wohl an seiner Müdigkeit liegen … oder an der Hitze.

Klar doch, dachte er spöttisch. Vielleicht lag es aber auch ganz einfach daran, dass er sie haben wollte – so wie jeder Mann im Umkreis von fünf Meilen.

Wieder warf er einen Blick in den Spiegel, registrierte die hungrigen Blicke der Kerle, die sich um sie scharten. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, er war kein Stück besser.

Normalerweise tickte er nicht so, jagte nicht hinter Frauen her. Das war eher Bas’ Spezialität gewesen, der den Kick gebraucht hatte.

Unwillkürlich umschloss Luis das Glas fester. Der Kick der Jagd. Ihm wurde schon übel, wenn er nur an diese Worte dachte. Wieder schnürten ihm Schuld und Trauer die Kehle zu.

Er musste hier raus. Sofort. Das kleine Abenteuer war vorbei.

Luis atmete tief durch, drehte sich um … und im nächsten Moment flog sein Glas gegen seine Brust, und Bier spritzte in hohem Bogen auf sein Shirt.

Ein überraschter Aufschrei, dann schnellte seine Hand vor, um den Arm zu packen, der da direkt vor ihm in der Luft herumruderte. Dann erkannte er, zu wem dieser schlanke Arm gehörte.

Er gehörte zu ihr.

Cristina Shephard schnappte nach Luft.

Hätte ich bloß nicht diese High Heels angezogen.

Sie hatte ein Selfie machen wollen und dabei das Gleichgewicht verloren.

Kräftige Hände um ihr Handgelenk und ihre Hüfte bewahrten sie vor einem Sturz.

„Oh, sorry …“ Warum entschuldigte sie sich eigentlich? War er es nicht gewesen, der sie angerempelt hatte? Er, der Mann, der ihr den ganzen Abend nicht aus dem Sinn gegangen war.

Wie sollte es anders sein? Er stach aus der Menge heraus. Sie konnte nicht anders, als ihn nach dem ersten Blick wieder und wieder anzuschauen, erst ungläubig, dann prüfend und schließlich nur noch, um sich im Anblick seiner maskulinen Schönheit zu verlieren …

Der Typ war wahnsinnig cool. Eine Aura von Gelassenheit und Selbstsicherheit umgab ihn, als könnte kein Problem der Welt ihm etwas anhaben.

Na ja, vielleicht mal abgesehen von ihren Problemen. Davon gab es mehr, als die meisten ertragen konnten. Womöglich war sogar sie selbst das Problem. Das zumindest hatte ihr letzter Freund behauptet – nachdem sie ihn im Bett mit ihrer Mitbewohnerin erwischt hatte.

Rasch verdrängte sie die Erinnerung und sagte: „Danke, dass Sie mich aufgefangen haben. Und sorry wegen des Biers.“

Luis fixierte sie eindringlich. Aus der Nähe war sie noch umwerfender. Ihre großen Augen mit einem dichten Kranz langer schwarzer Wimpern hatten einen weichen, schmelzenden Ausdruck, der ihn faszinierte. Der Mund war voll und schön geschwungen und ihre Haut pfirsichzart. Wie mochte sie sich an ihrem Hals anfühlen?

Mit einer Gleichmut, die seinen wahren Zustand Lügen strafte, zuckte er die Achseln. „Ich wollte sowieso gerade gehen.“

Doch jetzt rührte er sich nicht von der Stelle. Er fühlte sich regelrecht hypnotisiert von ihrem hinreißenden Anblick. Jedes Mal, wenn er sie ansah, vergaß er, was er hatte sagen wollen.

Was, um Himmels willen, machte sie hier eigentlich?

Morgen war der wichtigste Tag in ihrem Leben. Sie sollte jetzt in ihrem Hotelzimmer sein und schon längst schlafen, wie sie es ihrer Mum versprochen hatte. Aber sie hatte das Alleinsein und die Stille nicht ertragen. Denn dann kamen die Gedanken – Gedanken, die sie unglücklich machten und mit Selbstzweifeln erfüllten.

Deshalb hatte sie sich entschlossen auszugehen und war in diesem Klub gelandet. Wo sie ihm buchstäblich vor die Füße gefallen war.

Plötzlich fühlte sich ihr Mund trocken an und ihre Zunge belegt. Das Herz pochte wild in ihrer Brust. Dieser Mann war einfach umwerfend. Es gefiel ihr, dass er den Dresscode ignorierte. Noch mehr gefiel ihr, dass er sich auch allein wohlzufühlen schien. Nicht, dass er dazu gezwungen wäre. Sie war nicht die einzige Frau hier, die ein Auge auf ihn geworfen hatte.

Kein Wunder. Er war hochgewachsen und attraktiv, sein Haar beinahe schwarz und so lang, dass es sich im Nacken kräuselte. Der dunkle Bartschatten ließ sein kantiges Kinn noch maskuliner wirken. Sein Handgelenk zierte ein kleines Tattoo: das Symbol für Unendlichkeit.

Wie hatte er es nur geschafft, an den Gorillas vor der Tür vorbeizukommen? Selbst sie hatte ihre Mühe damit gehabt. Wahrscheinlich war er einfach hineinmarschiert. Männer mit seiner Aura ließen sich nicht von einem Türsteher aufhalten.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn anstarrte. Schnell richtete sie den Blick auf sein fast leeres Bierglas und bot an: „Bitte, nehmen Sie meins.“

Sie hielt ihm die Flasche hin, aber er schüttelte den Kopf.

„Okay. Dann erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen ein neues Bier zu kaufen, ja?“ Nervös wühlte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie, öffnete es und … „Oh.“ Betroffen blickte sie auf die wenigen Münzen. Mist, sie hatte eigentlich auf dem Weg hierher Geld abheben wollen.

„Das ist wirklich nicht wichtig“, sagte er ruhig, aber entschlossen.

„Doch, ist es.“ Cristina räusperte sich. „Wissen Sie was, Tomás wird Ihnen eines kaufen, das macht ihm ganz bestimmt nichts aus.“

Luis konnte nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. Sie wollte ernsthaft ihren Freund bitten, ihm ein Bier zu spendieren?

„Nicht nötig, wirklich“, erwiderte er knapp.

Das Bier war ihm egal, genau wie sein T-Shirt. Oder die Tatsache, dass sie einen Freund hatte. Das interessiert mich nicht, dachte er genervt. Aber warum wollte er diesen Tomás dann am liebsten an die frische Luft befördern?

Luis griff um sie herum und nahm seine Lederjacke vom Stuhl. „Ich möchte keinen weiteren Drink, vielen Dank“, sagte er leise. „Aber tun Sie sich selbst und allen anderen einen Gefallen. Wenn Sie das nächste Mal ein Anfall von Narzissmus überkommt, passen Sie auf, wo Sie hintreten.“

Sie sah ihn fassungslos an, als könnte sie nicht glauben, was er da gerade gesagt hatte. „Ich habe mich doch gar nicht von der Stelle gerührt. Sie sind in mich reingerannt.“

Luis wusste, dass sie recht hatte. Er war schuld an ihrem Zusammenstoß. Diese Tatsache stimmte ihn allerdings nur noch ungnädiger. Er schlüpfte in seine Jacke. „Sie mussten mitten in einem überfüllten Nachtklub ein Selfie machen. Sie waren unkonzentriert. So passieren Unfälle.“

Er konnte sehen, wie sich ihre Augen vor Wut verdunkelten. „Okay“, sagt sie langsam. „Keine Sorge, wenn ich das nächste Mal ein Getränk über Sie ausschütte, dann mit voller Absicht!“

Sie schob das Kinn vor und drehte ihm den Rücken zu. Dann stolzierte sie so würdevoll, wie es ihr auf ihren High Heels möglich war, über die Tanzfläche davon.

Luis sah ihr noch kurz nach, das Herz donnerte in seiner Brust. Im nächsten Moment schluckte er seinen Frust hinunter und strebte mit großen Schritten Richtung Ausgang.

Draußen verpuffte seine Wut sofort. Er atmete die laue Abendluft ein, den Blick auf den dunklen Himmel gerichtet.

Luis hasste Streit. Er wurde selten richtig wütend, geschweige denn, dass es ihm Spaß machte, Ärger zu provozieren. Doch heute Abend hätte er sich fast vergessen – und das auch noch bei einer Frau. Er hatte sich abscheulich verhalten, richtig kindisch. Eigentlich hätte er es verdient, wenn sie ihm den Inhalt ihres Glases ins Gesicht geschüttet hätte.

Düster marschierte er den menschenleeren Bürgersteig entlang zu seinem Motorrad. Es war dunkel und still, fast wie in einer Geisterstadt.

Plötzlich fühlte er sich schrecklich einsam. Er vermisste Bas so sehr. Solange Luis sich in Kalifornien aufhielt, konnte er sich vormachen, dass sein Bruder in Spanien auf ihn wartete und dort sein Leben lebte.

Aber hier konnte er nicht länger so tun als ob.

Morgen bei seinen Eltern würde es noch schwerer werden. Wieder schnürten Schuldgefühle und Trauer ihm die Kehle zu.

Rasch stieg er auf sein Motorrad und steckte den Schlüssel in die Zündung. Er musste ein bisschen durch die Gegend fahren, das würde ihm helfen, innerlich zur Ruhe zu kommen. Das beruhigende Brummen des Motors, die vorbeihuschende Landschaft, das Alleinsein … all das brachte die negativen Gedanken zum Stillstand.

Als er den Anlasser betätigte, gab die Maschine nur ein ersticktes Gurgeln von sich und erstarb.

Verdammt!

Luis versuchte es wieder und wieder, vergeblich. Was, zum Teufel, stimmte mit dem verdammten Ding nicht?

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er atmete tief durch und überlegte.

„Brauchen Sie Hilfe?“

Er drehte sich um, und ihm stockte der Atem, als sie einen Schritt näher trat.

Sie beäugte ihn vorsichtig. Das rotbraune Haar hatte sie nun zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden, und sie hatte die Schuhe gewechselt. Amüsiert betrachtete er ihre schwarzen Stiefel im Military Look. In den Dingern wäre sie wohl kaum am Türsteher des Klubs vorbeigekommen.

„Ich fürchte, Sie können mir nicht helfen, danke“, erwiderte er. Ohne ihren Blick loszulassen, deutete er auf die High Heels, die über ihrem Arm baumelten. „Es sei denn, die lassen sich zu einer Art Werkzeug umfunktionieren. Oder haben Sie etwa vor, sie als Wurfgeschosse zu benutzen?“

Cristina sah ihn schweigend an.

Sie hatte gezögert, zu ihm zu gehen. Seine herablassende Art hatte sie zu sehr geärgert. Na ja, zugegeben, sie hatte sein Bier verschüttet und sein T-Shirt ruiniert, da waren sie wohl quitt.

„Sie wissen doch genau, dass ich das vorhin nicht mit Absicht gemacht habe, also reiten Sie bitte nicht länger auf dem Thema herum, okay? Brauchen Sie nun meine Hilfe oder nicht?“

Luis ertappte sich dabei, wie er es genoss, ihr zuzuhören. Ihre leicht heisere Stimme ging ihm durch und durch. Er räusperte sich. „Sie wollen mir wirklich helfen? Ich bin …“

„Gerührt? Dankbar? Erfreut?“

„Überrascht. Das war es, was ich sagen wollte. Und vielleicht auch ein bisschen nervös.“ Wieder warf er einen bedeutungsvollen Blick auf ihre High Heels.

Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Tja, wahrscheinlich hätte ich mir den Hals oder zumindest ein Bein gebrochen, wenn Sie mich nicht aufgefangen hätten. Es ist also nur fair, mich zu revanchieren.“

„Das ist großherzig von Ihnen, wenn man bedenkt, dass ich schließlich Sie angestoßen habe und nicht mal den Anstand besessen habe, mich zu entschuldigen. Es tut mir leid. Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hintrete.“

Der intensive Blick aus seinen grauen Augen ließ ihr Herz schneller schlagen. Es gefiel ihr, dass er die Größe besaß, einen Fehler einzugestehen.

„Müssen Sie nicht nach Hause?“, fragte er.

Nach Hause. Sie sog scharf die Luft ein, schüttelte den Kopf.

„Im Moment habe ich eigentlich kein richtiges Zuhause, weil ich gerade auf Reisen bin.“

Plötzlich verlegen, richtete sie den Blick auf die Ducati. „Hm, dieses Modell kenne ich zwar nicht, bin aber ziemlich sicher, dass Sie kein Werkzeug brauchen, um die Maschine wieder in Gang zu kriegen.“

Er verzog den schönen Mund zu einem knappen Lächeln. Sofort stellte sie sich vor, wie es sich wohl anfühlen würde, von diesen Lippen geküsst zu werden, und ihr wurde ganz heiß.

Als sie seinen eindringlichen Blick spürte, überfiel sie plötzlich die irrationale Furcht, er hätte ihre Gedanken gelesen. „Habe ich was Komisches gesagt?“

„Nein. Ich korrigiere nur gerade das Bild, das ich mir von Ihnen gemacht habe. Ich hielt Sie für ein Partygirl, nicht für eine Helferin in der Not.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, beäugte ihn aus schmalen Augen. „Tatsächlich? Dann sollten Sie mal an Ihren Vorurteilen arbeiten. Und an Ihrer Vorstellungskraft. Frauen fahren heutzutage schon ganz allein Motorrad, und wissen Sie was? Nicht mal im Damensitz.“

Als sie die Hand ausstreckte und auf den Benzintank legte, seufzte Luis. „Sie genießen das.“

„Aber natürlich genieße ich es. Schließlich waren Sie ziemlich gemein zu mir.“

Während er beobachtete, wie sie mit den schlanken Fingern über das warm glänzende Metall strich, beschleunigte sich sein Puls.

„Ist das eine Art Wunderheilung durch Handauflegen?“

Sofort hielt sie die Hand still. „Ihre Maschine ist bemerkenswert sauber. Im Gegensatz zu Ihren Stiefeln.“

Sie blickten beide auf seine abgewetzten, staubigen Stiefel.

Jetzt wollte er aber wirklich wissen, worauf sie hinauswollte. „Okay, Miss Marple, mein Motorrad wurde heute Abend gewaschen. Und nein, ich bin kein Putzteufel, was das betrifft, aber hin und wieder wasche ich es, und bis jetzt gab es nie ein Problem. Außerdem hat es ja vorhin noch funktioniert.“

„Wurde es mit der Hand gewaschen?“

„Nein, mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt.“

Sie nickte, als hätte sie es geahnt. „Okay … tja, ich könnte mich irren, aber vielleicht ist Feuchtigkeit ins Zündschloss eingedrungen. Ein Spritzer Universalspray sollte genügen, dann springt die Maschine wieder an.“

Luis sah sie an, und plötzlich stieg eine Welle unbeschreiblichen Verlangens in ihm hoch, ein alles verzehrendes Begehren, das er so plötzlich und so intensiv noch nie erlebt hatte. Er wollte sie. Vor seinem inneren Auge sah er die rothaarige Schöne an seinem Motorrad lehnen, während er …

Nein. Auch wenn keine Menschenseele zu sehen war, sie befanden sich an einem öffentlichen Ort. Seine Stimme klang rau, als er sagte: „Gut zu wissen, wirklich. Leider habe ich kein Universalspray dabei.“

Er verstummte, als sie ihre Handtasche öffnete und eine kleine Dose herausfischte.

„Nicht dass Sie einen falschen Eindruck bekommen. Dieses Zeug schleppe ich normalerweise nicht mit mir herum. Aber das Fenster in meinem Hotelzimmer quietscht so sehr, dass ich nicht schlafen kann. Na ja, als ich mich heute Abend beim Rausgehen beschwert habe, hat mir der Typ von der Rezeption diese Dose gegeben. Einen Versuch ist es bestimmt wert.“

Wortlos nahm er die Spraydose und sprühte das Zündschloss ein. Nachdem er kurz gewartet hatte, drehte er den Schlüssel in der Zündung, und – tata! – die Maschine ließ ein sattes Brummen hören. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf Luis’ Gesicht aus.

Cristina blinzelte, dann lächelte auch sie. Sie hätte gar nicht anders gekonnt, denn sein Lächeln war so ansteckend, dass sie meinte, hier mitten auf dem dunklen Platz ginge die Sonne auf.

Ihr Herz machte einen aufgeregten Hüpfer.

Kein Wunder, dass sie vorhin über ihre eigenen Füße gestolpert war.

Seit sie Dominic, mit dem sie ein paar Monate lang so etwas wie „zusammen“ gewesen war, mit ihrer Mitbewohnerin im Bett erwischt hatte, hatte sie der Liebe abgeschworen. Sie hatte die Nase voll von Männern. Doch nun machte ihr das Schicksal einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

„Danke.“ Er hielt ihr die Spraydose hin.

„Schon okay, behalten Sie sie.“

„Aber Ihr Fenster …“

„Macht nichts. Heute Nacht komme ich wohl sowieso nicht mehr zum Schlafen. Meine Matratze ist bretthart, und ich fürchte, es gibt nachher noch ein Gewitter. Es ist so schrecklich feucht und heiß.“

Seine Muskeln spannten sich an. Hart. Heiß. Feucht. Warum musste er bei jedem Wort, das sie sagte, an Sex denken?

Verzweifelt versuchte er zu ignorieren, dass sein Blut heiß wie Lava durch seine Adern zu strömen schien, und fragte: „Verraten Sie mir doch, woher Sie wussten, weshalb meine Maschine nicht ansprang.“

Cristina zögerte. Die Antwort auf diese Frage würde sie einem völlig Fremden nun wirklich nicht auf die Nase binden – auch wenn er noch so gut aussah.

Es würde zu weit führen – und zu demütigend sein –, ihm zu erklären, dass sie seit Jahren gezwungen war, zusammen mit ihrer Mutter ein aufs Notwendigste beschränktes Leben zu führen. Aber eines konnte sie ihm verraten.

„Mein Vater hatte mal ein Motorrad. Nicht so ein tolles wie dieses hier, aber ich bin oft damit durch die Gegend gedüst, hab mit anderen Bikern abgehangen. Die reden ja über nichts anderes als über Zündschlösser und Zündfunken.“

Innerlich krümmte sie sich. Wiese schwafelte sie hier über Biker-Treffs, als ob sie zu den Hell’s Angels gehörte?

„Jedenfalls …“ Sie blickte zum Himmel. „Ich sollte mich wohl auf den Weg machen. Es ist schon spät, und ich möchte gerne im Hotel sein, bevor es anfängt zu regnen.“

Das war eine Lüge. In Wahrheit graute ihr vor ihrem Hotelzimmer, davor, ganz allein in der dunklen Stille zu liegen. Aber sie durfte jetzt nicht alles wieder vermasseln, indem sie in einem schwachen Moment diesen Fremden abschleppte, nur um nicht allein zu sein.

Autor

Louise Fuller

Louise Fuller war als Kind ein echter Wildfang. Rosa konnte sie nicht ausstehen, und sie kletterte lieber auf Bäume als Prinzessin zu spielen. Heutzutage besitzen die Heldinnen ihrer Romane nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch einen starken Willen und Persönlichkeit.

Bevor sie anfing, Liebesromane zu schreiben, studierte Louise Literatur...

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