Entscheidung aus Liebe

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Es trifft den erfolgreichen Herzchirurgen Michael Harper wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Während eines Urlaubs in Kalifornien begegnet er der hinreißenden Kara Westin. Sie ist mitfühlend, engagiert und atemberaubend schön. Kann es sein, dass er nach einer riesen Enttäuschung endlich seine Traumfrau gefunden hat? Und darf er sie davon überzeugen, dass sie ihm zuliebe ihr erfülltes Leben aufgibt?
  • Erscheinungstag 15.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735845
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Dr. Harper, was haben Sie für Pläne, nun da Ihre Frau im Gefängnis ist?“

Michael Harper stieg aus seinem schwarzen Jaguar, schlug die Tür zu und schob sich an den neugierigen Reportern vorbei.

Seit dem Prozess wurde er andauernd von der Presse belagert. Wieso ließen die ihn nicht endlich in Ruhe! Das alles war mittlerweile doch Schnee von gestern! Seine Unschuld war bewiesen, Denise inhaftiert und die Scheidung seit Monaten rechtskräftig.

„Nur noch eine Frage, Herr Doktor. Hat Ihre Praxis unter dem Skandal gelitten?“

Das Licht der Kamera blendete Michael, er ballte die Faust. „Kein Kommentar.“

Er ging zur Treppe, die zu seinem Büro im zweiten Stock führte. Wieso hatten die Journalisten noch immer so viel Interesse an ihm? Er hatte doch nichts getan, war nur Opfer der ganzen Sache gewesen!

Ein Opfer? Merkwürdiger Gedanke für einen Mann, der von den berühmten Raleigh-Harpers in Boston abstammte, in Harvard studiert hatte und ein berühmter Herzchirurg war. Mit einem nahezu perfekten Leben.

Bis jetzt. Das ganze Desaster hatte er seiner Frau Denise zu verdanken.

Er warf die Metalltür hinter sich zu. Die ganze Sache stank ihm allmählich. Wie lange sollte das noch so weitergehen?

Seine Exfrau hatte seine Praxis gemanagt. Und währenddessen eine Affäre mit einem hochstehenden Politiker gehabt. Das war schlimm genug. Außerdem hatte sie Drogengeld in seiner Praxis gewaschen und illegale Spenden für die Wahlkampagne ihres Geliebten durchgeschleust. Zum Glück hatte sich bei der Untersuchung des Staatsanwalts schnell Michaels Unschuld herausgestellt, aber peinlich war es trotz allem noch immer. Kaum zu verzeihen. Und unmöglich zu vergessen.

Die Presse verfolgte ihn nach wie vor, obgleich er mit Denises Machenschaften nichts zu tun gehabt hatte. Offenbar genoss die Öffentlichkeit es zu hören, dass ein so renommierter Mann von seiner Frau und einem Politiker betrogen worden war. Michael hatte es satt, im Rampenlicht zu stehen!

Er schloss die Bürotür auf. Wieso war er eigentlich hier? Vermutlich aus alter Gewohnheit. Wegen des Prozesses hatte er seinen Patientenstamm derart minimiert, dass er kaum noch existierte.

„Michael?“, rief Bertha Williams, die neue Sprechstundenhilfe. Bertha war eigentlich schon pensioniert, hatte sich aber bereit erklärt, das Chaos zu beseitigen, das Denise in der Buchhaltung hinterlassen hatte. „Sind Sie es?“

„Ja!“ Er folgte dem Duft frischen Kaffees.

Schon früher hatte Bertha mütterlich für ihn gesorgt. „Oh, Sie sind nicht mal zum Rasieren gekommen?“

Michael strich sich über die Bartstoppeln. „Habe ich wohl vergessen.“

„Hmm.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie sehen nicht gut aus, Junge.“

„Ach was, ich bin das alles nur leid.“

Bertha blickte besorgt. „Sie haben viel zu viel gearbeitet, ich denke, Sie sollten mal Urlaub machen.“

Urlaub? Unmöglich. „Die Presse belagert sogar mein Privatflugzeug. Wenn ich jetzt irgendwohin fliege, kann ich sicher sein, dass morgen in der Zeitung steht: ‚Macht sich Dr. Michael Harper aus dem Staub?‘“

„Sie könnten doch ein bisschen die Küste entlangfahren“, schlug Bertha vor. „Sich vielleicht ein Häuschen am Strand mieten.“

Meeresbrise, Sonne, lange Spaziergänge im Sand – das hörte sich zu gut an, um wahr zu sein. „Ich kann nicht mal ohne eine Horde von Fotografen zu meinem Wagen gehen.“

Bertha runzelte die Stirn. Dann hatte sie eine Idee. „Nehmen Sie meinen Wagen! Der steht direkt vor der Tür. Das ist natürlich nichts gegen Ihren Jaguar …“

Michael grinste. Von ihm würde niemand erwarten, dass er in einem uralten Ford Taunus herumfuhr. Vielleicht war das eine Möglichkeit.

„Ich hole die Schlüssel“, sagte Bertha, „und dann spreche ich mit Dr. Hanson, ob er die wenigen Patienten, die diese Woche angemeldet sind, übernimmt.“

„Ich glaube, das geht nicht. Ich müsste doch nach Hause, um ein paar Sachen zu packen …“

„Ach, Unsinn, Sie haben Rasierzeug und Wäsche zum Wechseln hier. Alles andere können Sie sich unterwegs kaufen. Sie brauchen etwas Ruhe, Michael. Nehmen Sie sich eine kleine Auszeit, vielleicht haben Sie dann wieder Lust zu arbeiten. Aber so geht das nicht weiter.“ Und schon holte die resolute Bertha ihre Autoschlüssel.

Eine Stunde später fuhr Michael auf dem Pazifikküsten-Highway in Richtung Süden. Er wusste nicht, wohin er wollte, aber das war ihm auch egal, Hauptsache, keiner folgte ihm. Er wollte nur den Sonnenuntergang genießen. Vielleicht mal wieder surfen gehen. Seit Jahren hatte er keinen Urlaub mehr gemacht.

Ein kleines verwittertes Schild kündigte Harbor Haven an, den nächsten Ort. Einen friedlichen Hafen, wie der Name verhieß, konnte er jetzt gut gebrauchen.

Er fuhr an pastellfarbenen Fassaden und ein paar Geschäften vorbei. Ziemlich klein, der Ort.

An der Straße stand ein Schild, das auf Strandhäuser hinwies, die man mieten konnte. Michael folgte dem Pfeil und entdeckte eine Reihe kleiner weißer Häuschen. Ein Neonschild verkündete, dass etwas frei war.

Er fuhr auf den Parkplatz. Dort spielten zwei Kinder und ein großer Mischlingshund mit einem Ball. Vorsichtig fuhr er an dem kleinen Jungen und dem älteren rothaarigen Mädchen vorbei und hielt an.

Als er den Zündschlüssel zog, fiel ihm seine goldene Rolex auf. Instinktiv nahm er sie ab und legte sie in den leeren Aschenbecher. Heute war er nur ein Normalmensch mit einem alten Ford, niemand, der berühmt war und schon gar nicht für die Öffentlichkeit interessant.

Als er die Tür öffnete und ausstieg, flog der Ball direkt unters Auto.

„Tschuldigung, Mister, ich treffe noch nicht so richtig.“ Die braunen Augen des Jungen baten um Verständnis. „Der Ball sollte eigentlich da drüben hinfliegen.“

Michael warf ihn dem Jungen zu. Das Mädchen, das weiße Shorts und ein pinkfarbenes Sweatshirt trug, bemühte sich, den großen Hund festzuhalten. Als ihre Blicke sich trafen, stutzte Michael. Aus der Ferne hatte er sie für ein Mädchen gehalten, aber aus der Nähe sah man, dass es sich um eine junge Frau handelte. Und als sie lächelte, fiel ihm auf, wie schön sie war.

Die Luft roch nach Meersalz, der Seewind spielte mit ihren rötlichen Locken, die die Farbe von Herbstblättern hatten.

Sie schob eine Strähne zur Seite, die ihr ins sommersprossige zarte Gesicht hing. Ihre Augen hatten die Farbe des Meeres.

Der junge Hund, den sie am Halsband festhielt, zog mächtig, aber offenbar hatte sie das Riesenvieh unter Kontrolle. „Gulliver“, schimpfte sie, „benimm dich, sonst wirst du eingesperrt!“

„Ich wollte Sie nicht stören“, sagte Michael. „Sobald ich ein Haus gemietet habe, parke ich den Wagen woanders.“

„Ach, dann wirst du ja unser Nachbar“, sagte der Junge lächelnd. „Ich bin Eric, und das ist Kara.“

Michael wollte sich eigentlich mit niemandem hier bekannt machen, sondern lieber anonym die Abgeschiedenheit genießen. Ausspannen. Und darüber nachdenken, was er mit seiner Praxis machen sollte.

Als die Rothaarige ihn scheu anlächelte, sagte er jedoch freundlich: „Ich heiße Michael.“

Kara Westin stolperte beinahe über den Hund, aber dann schaute sie wieder ihr Gegenüber an. Der Mann war groß und breitschultrig, hatte braunes Haar mit hellen Sonnensträhnen und wirkte sehr sportlich.

Wollte er Ferien machen, so spät im Herbst? Die Touristensaison war längst vorüber.

Sie streckte ihm die Hand hin. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Michael. Wie lange bleiben Sie?“

„Weiß ich noch nicht, ein paar Tage.“

„Woher kommen Sie?“, fragte sie neugierig.

„Ein paar Stunden von hier, aus dem Norden. Ich habe mir frei genommen und wollte einfach mal die Küste hinunterfahren.“

Kara war froh, dass der Hund sich endlich hingelegt hatte, und lockerte den Griff am Halsband. „Sie scheinen abenteuerlustig zu sein.“

Er lächelte schief. „Das hat mir noch keiner gesagt. Normalerweise höre ich immer, dass ich spießig und langweilig sei.“

„Oje.“ Kara fragte sich, wie jemand, der so aussah, langweilig sein konnte. „Das Leben kann hart sein, wenn man keine Zeit findet, es zu genießen.“

„Kara ist die lustigste Person, die man sich vorstellen kann“, mischte sich nun der Junge in ihr Gespräch. „Sie hat immer tolle Ideen!“

„Das glaube ich gerne“, sagte Michael, der Kara aufmerksamer anschaute, als es ihr lieb war. „Aber ich will eigentlich nur Strandspaziergänge machen und allein sein.“

Kara entdeckte in seinen Augen so etwas wie Trauer. Dieser Mann schien Kummer zu haben. Sofort empfand sie Mitleid für ihn.

„Nun, in Harbor Haven bekommen Sie all die frische Luft und die Sonne, die Sie suchen.“ Sie wies zu Lizzies Haus hinüber. „Dort finden Sie Elizabeth Campbell, die Besitzerin.“

„Danke.“ Michael machte sich auf den Weg.

„Also, Kara“, sagte Eric, „was steht noch in dem Buch, was wir tun sollen?“

Die Kindheit des Jungen war von einer Tragödie überschattet. Da sie selbst Waise war, hatte Kara großes Verständnis für ihn. „Das Buch liegt auf dem Picknicktisch, schauen wir mal nach, was im nächsten Kapitel steht.“

Eric humpelte davon. Im Jahr davor hatte ein schlimmer Unfall Hüfte und Oberschenkel verletzt. Die Ärzte rechneten damit, dass es nie wieder ganz in Ordnung kommen würde. Kara hoffte mittlerweile nur, dass Eric nicht noch mal operiert werden müsste. Der arme Junge hatte genug durchgemacht.

„Aus dem Weg, Gulliver“, sagte Eric, „du sollst nur den Ball holen, wenn wir daneben schießen!“

Kara hatte keine Ahnung von Fußball, aber dafür gab es in der öffentlichen Bücherei Berge von Sportbüchern, aus denen man die Regeln lernen konnte.

Eric verschlang alles, was ihm unter die Hände kam. Bildung erschien ihm als Mittel, alles zu erreichen, was er wollte – inklusive dem Spaß an sportlichen Betätigungen.

Das war auch Karas Maxime. So hatte sie sich durch die Schule gekämpft. Nun wollte sie noch studieren, und zwar ohne finanzielle Unterstützung. Als Kind war sie, so lange sie denken konnte, auf staatliche Hilfe angewiesen. Jetzt nicht mehr. Jedes noch so schlichte Möbel oder Secondhandkleidungsstück hatte sie selbst finanziert. Dass sie sich allein ernährte, gab ihr ein Gefühl der Genugtuung. Nie wieder wollte sie einen Cent von irgendjemandem nehmen!

„Ach, Gulliver!“, rief Eric nun, der mit dem tobenden Hund zusammengestoßen war und am Boden landete. „Aua!“

Oh nein, nicht sein verletztes Bein!, dachte Kara erschrocken.

Lizzie war nicht begeistert von der Idee gewesen, dass Eric draußen spielen wollte, schon gar nicht Fußball, das war doch viel zu gefährlich! Aber Kara vermutete, dass Lizzie vor allem Angst davor hatte, dass das Jugendgericht ihr die Kinder wieder wegnehmen würde. Es war nicht leicht für die Fünfundsiebzigjährige, das Sorgerecht ihrer Enkel zu bekommen. Auch wenn die Heldentat des Jungen ihn berühmt gemacht hatte.

Über Eric und seine kleine Schwester waren eine Vielzahl Fernsehberichte und herzerweichende Zeitungsartikel erschienen. Tagelang waren die Telefonleitungen der Fernsehstationen blockiert gewesen, und in Bergen von Briefen wurde dafür plädiert, dass die Kinder eine liebevolle Bezugsperson bräuchten, egal wie alt sie wäre. So hatte der Richter, beeinflusst durch die Öffentlichkeit, Lizzie vorübergehend das Sorgerecht erteilt für Eric und die kleine Ashley, der ihr Bruder so heldenhaft das Leben gerettet hatte.

Aber die Sache war unsicher. Kara hoffte, die Presse würde eines Tages auch ihren Antrag auf das Sorgerecht für die Kinder unterstützen. Lizzie war damit einverstanden, obgleich Kara im Augenblick den Kindern wenig zu bieten hatte als ihre Liebe.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt.

Eric versuchte aufzustehen. Tränen liefen ihm übers staubige Gesicht, das Kinn zitterte. „Der blöde Köter …!“

„Gulliver hat dich nicht absichtlich umgeworfen. Er wollte sicher nur spielen.“

„Ich weiß, aber es tut so weh, Kara!“

Sie nahm den Jungen auf die Arme und trug ihn in Lizzies Haus. „Wir werden die Wunde reinigen und verbinden, dann bist du bald wieder wie neu.“

„Es brennt so!“

„Ich weiß, mein Schatz.“ Kara öffnete mit dem Ellbogen die Tür. „Vielleicht sollten wir mit Gulliver nicht mehr Fußball spielen, er ist einfach zu groß und zu ruppig.“

Eric pustete auf eine Schürfwunde an der Hand. „Das würde ihn sicher kränken. Außerdem mache ich dann das Gleiche wie die Kinder in der Schule, wenn sie mich nicht in ihr Team wählen.“

Kara seufzte. Sie wusste, wie grausam Kinder manchmal waren. „Erdbeergesicht!“ hatten sie sie aufgezogen. „Spielt nicht mit dem Rotschopf!“ Die Erinnerung schmerzte noch immer.

Als Kara das Büro betrat, schaute Lizzie auf. „Du liebe Zeit, was ist denn passiert?“

Kara wollte möglichst schnell mit Eric ins Bad kommen. Kleine Unfälle wie diese pflegten Lizzies hohen Blutdruck zu fördern.

„Wir brauchen nur etwas Seife und Pflaster“, sagte Kara so unbeschwert wie möglich und nickte Michael zu, der wenige Minuten zuvor in Lizzies Büro gekommen war.

„Aber sein Bein!“, rief Lizzie. „Der Arzt hat doch gesagt, er soll vorsichtig damit sein!“

„Halb so schlimm, Lizzie. Setz dich lieber wieder, sonst bekommst du noch einen Herzanfall.“

Michael bot seine Hilfe an. „Soll ich ihn tragen?“

Kara nahm dankbar an. „Ja, gern, hier geht’s zum Bad. Setzen Sie ihn einfach auf den Hocker.“

Michael setzte den Jungen ab. Dann untersuchte er die Wunde. „Haben Sie zufällig antibakterielle Seife?“, fragte er.

Kara schaute im Schränkchen nach und fand welche. „Ich kann jetzt weitermachen.“

„Es macht mir keine Mühe.“

Sie sah zu, wie er Eric versorgte und währenddessen mit ihm über die Schule redete, um ihn abzulenken. Er bemerkte vermutlich die Narben und die ungleiche Form der Beine, sagte aber nichts. Kara war froh darüber, denn Eric litt sehr darunter.

„Sie machen das sehr routiniert“, fand sie. „Was können Sie sonst noch?“

Michael sah sie wieder mit einem dieser undefinierbaren Blicke an. Worin er sonst noch gut war? Du lieber Himmel …

„Ich meine, was für Talente haben Sie außerdem?“

„Keins, auf das ich stolz sein könnte.“

Er wendete den Blick von ihr ab, aber Kara war ganz warm geworden. „Jetzt Mull und Pflaster?“, fragte sie.

„Ja.“

Sobald der Junge bandagiert war, wollte Kara ihm aufhelfen. Michael schien die gleiche Idee gehabt zu haben. Ihre Hände berührten sich, und beide schreckten zurück.

Karas Wangen wurden rot. Verdammt noch mal! Hoffentlich dachte er nicht, dass sie irgendwelche anstößigen Gedanken hatte! Schließlich war er nur ein zufälliger Besucher.

Kara nahm Gullivers Leine und ging nach draußen, um einen Spaziergang am Hafen zu machen, wie jeden Abend.

Die stille Stunde vor der Dämmerung war ihre Lieblingszeit. Die Sonne ging gerade malerisch am rosa-grau gestreiften Himmel unter.

Sie schaute auf die weißgischtigen Wellen, die ans Ufer rollten. Manchmal stellte sie sich vor, wie sie auf einem Schiff übers Meer fahren würde … Eine einsame Möwe stieß einen Schrei aus, Kara schaute ihr nach.

Da entdeckte sie Michael, den neuen Mieter. Er saß auf den Felsen am Ufer und blickte nachdenklich vor sich hin.

Was war er für ein Mensch? Wieso war er hier außerhalb der Saison? Und wie konnte sie an ihm vorbeilaufen, ohne ihn in seiner Versunkenheit zu stören? Sie würde ihm einfach freundlich zunicken und an ihm vorbeigehen.

Sie lief an Mr. Radcliffs Haus vorbei in Richtung Strand. Kara und Mr. Radcliff waren die einzigen ständigen Bewohner von Lizzies Häusern. Der ältere Mann war so nett zu gestatten, dass Gulliver sich auf seinem Grundstück aufhielt, da es das Einzige mit einem Rundumzaun war. Als Dankeschön sorgte Kara dafür, dass Mr. Radcliffs Garten immer ordentlich war.

Lizzie hielt Mr. Radcliff für etwas schwierig, aber Kara war der Meinung, dass es nur daran lag, dass er immer schlechter sah und ihn das bedrückte. Mr. Radcliff hatte als Erster dafür gesorgt, dass für Eric und Klein-Ashley eine Stiftung gegründet wurde. Außerdem hatte er mit einer Gruppe älterer Einwohner durch Briefe und Anrufe bei der Lokalzeitung dafür gesorgt, dass Lizzie in ihrem Bemühen um das Sorgerecht unterstützt wurde.

Mr. Radcliff hatte ein gutes Herz, auch wenn er manchmal etwas griesgrämig wirkte. Kara kümmerte sich gelegentlich um ihn, brachte ihm einen Kuchen vorbei oder las ihm aus der Zeitung vor.

Der Hund zog Kara zum Strand. „Hey, nicht so schnell!“, rief sie, „ich möchte gehen, nicht rasen! Und wenn du so ziehst, renkst du mir den Arm aus!“

Gulliver war wenig beeindruckt und zog weiter in Richtung Strand.

Michael war so in Gedanken, dass er sie nicht zu bemerken schien. Er nahm einen Stein und warf ihn ins Wasser. Der Wind fuhr durch sein hellbraunes Haar. Kara musste an einen Kapitän im 18. Jahrhundert denken, der sein Schiff verloren hatte. Sie stellte ihn sich hilflos und verloren auf einer einsamen Insel vor.

Wieso zog es sie eigentlich immer zu verwaisten kleinen Jungs, mutterlosen Babys, einsamen Menschen und ausgesetzten Hunden hin?

2. KAPITEL

Michael schaute zu, wie die Sonne unterging. Allmählich machte sich Ruhe in ihm breit. Bislang hatte ihn hier niemand erkannt und mit Fragen gelöchert. Allein deshalb war dieser kleine Ort genau richtig für ihn.

Hundegebell erweckte seine Aufmerksamkeit, er schaute über die Schulter zurück. Kara kam mit dem Hund auf den Strand zu. Nein, eher der Hund mit ihr.

Vielleicht glaubte sie, er wolle Gesellschaft haben? Der Wind spielte mit ihrem roten Haar, ihr Lächeln war hell wie die untergehende Sonne. Sie wirkte wie eine Elfe.

„Hallo!“, rief sie, „wir machen einen Spaziergang, wollen Sie mit?“

Michael lächelte. „Sieht aus, als zöge der Hund Sie und nicht umgekehrt!“

„Ich bin stärker, als ich aussehe“, sagte sie kess.

Die junge Frau wirkte so ganz anders als andere. Er kletterte von den Felsen herunter und klopfte sich den Sand von den Kakishorts. „Soll ich den Hund nehmen?“

Sie lächelte. „Wenn Sie wollen …“

Als Michael Gulliver übernahm, zog und zerrte der Hund derart, dass er ihm beinahe die Schulter ausrenkte. „Hey, ruhig, Junge!“

„Gulliver liebt es, den Strand entlangzurasen“, erklärte Kara. „Ich versuche trotzdem, ihm Manieren beizubringen.“

„Seit wann arbeiten Sie mit ihm?“

„Seitdem ich ihn vor drei Wochen gefunden habe.“ Kara bückte sich, um eine Muschel aufzuheben. Sie blies den Sand herunter und hielt sie ihm hin. „Hübsch, nicht?“

Er nickte höflich.

„Ich sammele vieles“, erklärte sie.

„Zum Beispiel streunende Hunde und einsame Menschen?“, neckte er sie.

Sie stopfte die fein gesprenkelte Muschel in die Tasche. „Es gibt so viel Einsamkeit auf der Welt“, antwortete sie ausweichend.

Hatte sie die wohl selbst erlebt, oder besaß sie einfach ein großes Herz? Vermutlich beides. „Mrs. Campbell sagte mir, Sie helfen ihr mit den Kindern.“

Kara nickte. „Anfangs war es nur aus Freundlichkeit, so wie ich Mr. Radcliff vorlese. Aber dann habe ich mich regelrecht verliebt in Eric und Ashley, und wir sind eine Art Familie geworden. Wenn Lizzie sich eines Tages nicht mehr um sie kümmern kann, möchte ich gern das Sorgerecht beantragen und ihre Ersatzmutter werden.“

Michael konnte sich nicht vorstellen, dass seine Exfrau sich je um Waisenkinder gekümmert hätte – sie hatte ja nicht einmal eigene Kinder gewollt. Zu dumm, dass er Denise’ Charakter erst erkannte, als es zu spät war. Eigentlich hatte er selbst Schuld an der ganzen Misere.

„Seit wann kennen Sie Lizzie und die Kinder?“, fragte er.

„Seit dem Unfall.“

„Dem Unfall? Was für ein Unfall?“

Kara schaute aufs Meer. „Eric, Ashley und ihre Eltern waren abends auf dem Heimweg, als sie einen schweren Unfall hatten. Jemand streifte sie beim Überholen. Der Wagen geriet außer Kontrolle, krachte in die Leitplanke und ging in Flammen auf. Laut Obduktionsbericht waren die Eltern sofort tot.“

Der Wind wehte ihr eine Strähne ins Gesicht. „Eric war schwer verletzt, schaffte es aber noch, seine kleine Schwester aus dem Kindersitz zu lösen und aus dem brennenden Auto zu retten. Die Polizei fand ihn schluchzend am Straßenrand, mit dem Baby auf dem Arm, das er zu beruhigen versuchte. Die Öffentlichkeit feierte ihn als kleinen Helden, es ging damals durch alle Zeitungen.“

Michael erinnerte sich vage, darüber gelesen zu haben. Aber zu jener Zeit war er mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. „Mrs. Campbell erwähnte, dass sie das Sorgerecht für ihre Enkel hat.“

„Ja, aber dafür musste sie hart kämpfen. Sie ist fast fünfundsiebzig, und ihre Gesundheit ist nicht die beste. Unter dem Druck der Öffentlichkeit gewährte ihr der Richter zumindest das vorübergehende Sorgerecht. Ich helfe, so gut ich kann, wenn ich nicht gerade arbeite oder in der Schule bin.“

Schule? Michael überlegte, wie alt Kara wohl sein mochte. Mindestens zehn Jahre jünger als er. „Auf welche Schule gehen Sie?“

„Ich habe im Juni den Abschluss der San-Marcos-Schule gemacht und die Aufnahmeprüfung für die Universität geschafft. Jetzt arbeite ich so viel ich kann, um Geld dafür zu sparen.“

„Was wollen Sie studieren?“

„Kunst und Pädagogik. Ich möchte Lehrerin werden.“

Kara konnte bestimmt gut mit Kindern umgehen. Das sah man schon bei Eric.

„Und wie wäre es mit einem Studentenkredit? Dann müssten Sie nicht nebenbei jobben.“

„Nein, ich habe genug staatliche Unterstützung in meinem Leben gehabt und möchte mein Studium lieber selbst finanzieren.“

Misch dich nicht ein, ermahnte Michael sich. Das geht dich alles nichts an!

„Oh, sehen Sie, ein Frisbee!“, rief Kara und wies auf eine blaue Scheibe im Sand.

Als sie sich danach bückte, betrachtete Michael sie wohlgefällig. Kara war zwar klein, aber sehr weiblich gebaut. Offenbar wusste sie gar nicht, wie reizvoll sie war.

„Haben Sie Lust zu spielen?“, fragte sie.

Spielen? Mit ihr? Sofort! Aber kein Frisbee … Gulliver zog an der Leine. „Ich habe das so lange nicht mehr gemacht, dass ich gar nicht weiß, ob ich es noch kann.“

„Das werden wir ja sehen.“ Beim Lächeln zeigte sich ein hübsches Grübchen in ihrer Wange.

Eine Möwe flog vor ihnen hinunter und pickte ein Stück Kartoffelchip vom Boden. Gulliver bellte aufgeregt und wollte in ihre Richtung stürmen. Dabei wickelte sich die Leine so um Kara und Michael, dass beide stürzten und im Sand landeten. Der Hund befreite sich aus dem Halsband und jagte davon.

Der Duft ihrer Hautcreme stieg Michael in die Nase. „Alles in Ordnung?“, fragte er nervös, als ihm bewusst wurde, dass sie dicht nebeneinander lagen.

„Ja“, sagte sie heiser.

Beiden klopfte das Herz. Michael starrte Kara an, sein Blick sagte etwas, was sie beide empfanden, aber nicht aussprechen mochten.

Eilig löste er die um die Beine geschlungene Leine und stand auf. „Geben Sie mir Ihre Hand.“ Er zog sie auf die Füße.

Kara klopfte sich verlegen den Sand ab.

Als er in ihrem Haar ein Stück getrocknete Alge entdeckte, entfernte er es vorsichtig. Ihre Locken fühlten sich ganz weich an. Kara lachte leise, um die Spannung zu lösen.

„Der Hund ist den Strand hinuntergelaufen, sollen wir ihn suchen?“, fragte er.

„Nein, Gulliver kommt von allein wieder zurück.“

Kara bückte sich nach der Frisbeescheibe und bot ihm erneut den Anblick ihres hübschen Hinterteils.

„Also, wollen wir spielen?“, schlug sie vor.

Wie anders sie ist als die Frauen, die ich kenne, dachte Michael entzückt.

Sie warf ihm den Frisbee zu. Er fing ihn und schleuderte ihn zurück.

„Hey, gar nicht übel“, meinte sie und warf die blaue Scheibe in hohem Bogen durch die Luft.

Zum ersten Mal seit Langem lachte Michael fröhlich. Bertha hatte recht, er brauchte wirklich nur ein bisschen Urlaub, um auf andere Gedanken zu kommen.

Als Kara sich nach der Scheibe reckte, rutschte ihr Sweatshirt hinauf und entblößte ihre schlanke Taille. Michael bekam Lust, sie zu berühren.

Eine kleine Affäre würde ihm vielleicht guttun und ihm über die Kränkung durch seine Exfrau hinweghelfen.

„Hey“, rief er, „wie wär’s mit einem Essen heute Abend? Ich könnte ein paar Schwertfischfilets braten.“ Und Wein besorgen.

„Hört sich gut an. Ich muss Lizzie allerdings erst helfen, die Kinder zu Bett zu bringen. Ginge es so um acht?“

„Ja, prima.“ Dann hätte er noch Zeit, Kondome in der Drogerie zu besorgen – nur für den Fall.

Es war lange her, dass Michael einer Frau den Hof gemacht hatte. Konnte er das überhaupt noch?

Kara stand vor Michaels Tür. Ein Nachtfalter versuchte hektisch, durch das gelbliche Lampenglas zu dringen.

Was tat sie hier? Wieso hatte sie zugesagt, mit ihm zu essen? Sie kannte den Mann doch gar nicht!

Er hatte zwar ein schönes Lächeln, und sie mochte seine Berührungen, aber war das ein Grund, mit ihm allein zu essen?

Autor

Judy Duarte
Judy liebte es schon immer Liebesromane zu lesen, dachte aber nie daran selbst welche zu verfassen. „Englisch war das Fach in der Schule, was ich am wenigsten mochte, eine Geschichtenerzählerin war ich trotzdem immer gewesen,“ gesteht sie. Als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, wagte Judy den Schritt zurück auf die...
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