Falscher Bräutigam - wahre Liebe?

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Ani stockt der Atem, als sie an ihrem Hochzeitstag vor den Altar tritt. Statt ihres besten Freundes Sebastian, mit dem sie eine Zweckehe geplant hat, um das Erbe ihrer Familie zu retten, wartet dort dessen Zwillingsbruder! Und Xander Skalas ist arrogant, rücksichtslos – und viel zu attraktiv! Doch Ani hat keine Wahl: Wenn sie nicht alles verlieren will, muss sie den griechischen Milliardär heiraten. Ausgerechnet den einzigen Mann, den sie gegen jede Vernunft begehrt – obwohl er sie seit Kindheitstagen verachtet! Doch warum hat er dann die Rolle mit Sebastian getauscht?


  • Erscheinungstag 25.06.2024
  • Bandnummer 2655
  • ISBN / Artikelnummer 9783751524810
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

An dem Bild, das sich Annika Saxena-MacKenzie bot, als sie in dem schweren Designerkleid aus Spitze und Tüll am Arm ihres Stiefvaters auf den Altar der jahrhundertealten Kirche zuschritt, war etwas falsch. Ganz gehörig falsch sogar.

Ihr Bauchgefühl und ihr Instinkt verrieten es ihr, noch bevor ihr Verstand es erfasste.

Es lag nicht an den weißen Blumen, die die Kirche schmückten, den angemessen ehrfürchtig wirkenden Gästen, die zur Hochzeit des Jahrhunderts an die Ostküste gekommen waren und ihr dabei zusahen, wie sie ihre Rolle perfekt spielte: nämlich die der milliardenschweren Erbin.

Auch nicht an dem Streichquartett, das sie extra für diesen Anlass aus Wien hatte einfliegen lassen. Oder an ihren drei jüngeren Halbbrüdern, die schwarze Anzüge trugen und versuchten, sich ihrer älteren Schwester gegenüber wie perfekte Gentlemen zu verhalten, obwohl sie nicht einmal beim Frühstück stillsitzen konnten. Oder an dem Trauzeugen, der am Altar auf sie wartete und sie mit einer affektierten Freundlichkeit anstrahlte, die sie einen hübschen Batzen Geld gekostet hatte.

Der äußere Rahmen ihrer extravaganten, märchenhaften Hochzeit war absolut perfekt. Auch ihr Stiefvater Killian, der sie voller Stolz anstrahlte, immer an ihrer Seite war und sie bedingungslos liebte, war perfekt.

Nein, der Mann, dem sie gleich das Jawort geben würde, war das Problem. Ihr Bräutigam. Irgendetwas war anders an ihm. Seltsam.

Ani überlegte, ob sie stehen bleiben und Killian sagen sollte, dass sie sich nicht wohlfühlte. Andererseits hatte es sie etliche Monate strategischer Planung gekostet, endlich an ihr Ziel zu kommen – Intrigen, geheime Treffen mit einem Anwalt und mehreren Komplizen, zahlreiche Bitten, Forderungen und Drohungen inklusive. Sie konnte jetzt keinen Rückzieher machen. Nicht bis …

Und dann – endlich –, kurz vor ihrem Ziel, dämmerte es ihr und sie erschrak.

Er war falsch!

Ihr wurde schwindelig, und das lag nicht nur am engen Korsett ihres Kleides. Er hatte die Menge und die Pressevertreter draußen getäuscht, die neugierigen Gäste und obendrein ihren Stiefvater, der ihm nur zweimal begegnet war. Aber nicht sie.

Sie hatte die beiden immer auseinanderhalten können, schon als Vierjährige, wenn sie den Skalas-Jungs in langen, heißen griechischen Sommern hinterhergelaufen war. Ihr Vater hatte das nie gekonnt, die Medienvertreter erst recht nicht. Nur für Großmutter Thea, die sie aufgezogen hatte, und sie selbst war das nie ein Problem gewesen.

Jetzt wusste Ani, warum ihr Herz so heftig klopfte, als wollte es ihr aus der Brust springen. Dies war der falsche Zwilling. Es war nicht Sebastian Skalas, der Playboy-Milliardär und gleichzeitig ihr Freund und Kollege, den sie monatelang dazu überredet hatte, sie zu heiraten.

Dies war Alexandros Skalas, sein Zwillingsbruder und das genaue Gegenteil des entspannten, schlagfertigen und charmanten Sebastian.

Xander war arrogant, egoistisch, rücksichtslos und kontrollsüchtig. Der eine Mann auf dieser Welt, der ihr wirklich unter die Haut ging. Und den sie nie für sich hatte gewinnen können. Der eine Mann, der ihren brillanten Plan auf den Kopf stellen könnte.

Ihr Stiefvater schob sie liebevoll vorwärts, und diese freundliche Geste erinnerte sie daran, dass sie an diesem entscheidenden Punkt nicht von ihrem Plan abrücken konnte. Nicht solange Xander mitspielte.

Aber warum war er überhaupt hier? Hatte Sebastian ihn dazu überredet?

Sosehr sie häufig auch miteinander stritten, Xander und Sebastian liebten sich innig. Zugegeben: Es war eine ziemlich zwiespältige Art der Zuneigung, aber letztendlich war es Liebe – ein Gefühl, das sie beide als Schwäche betrachteten.

Noch zwei Schritte, dann würde Killian sie offiziell ihrem künftigen Ehemann übergeben.

Mit einem unangenehmen Gefühl von Hilflosigkeit reckte sie das Kinn und sah der Realität ins Auge. In einem schwarzen Smoking, der seine schlanke, athletische Figur umschmeichelte, war ihr Bräutigam durch und durch männlich und so sinnlich, dass es sie gleichzeitig anzog und abstieß, weil er damit Macht über sie hatte.

Die gerade Nase, die hohe Stirn, das ordentlich zurückgekämmte Haar und dieser Mund mit der winzigen Narbe … alles an ihm zog sie geradezu magisch an und vernebelte ihren Verstand.

Er hob eine dunkle Augenbraue.

Es war auf jeden Fall Xander. Und mit dieser spöttischen Geste fragte er sie stumm, ob sie es trotzdem durchziehen würde. Er forderte sie heraus, ihrer Verwirrung nachzugeben und spontan wegzulaufen.

Zischend atmete sie aus und der hauchdünne Schleier vor ihren Lippen flatterte.

Xander schien zu glauben, dass sie eine Wahl hatte. Doch die hatte sie nicht, denn es ging darum, ihre Familie zu retten. Sie brauchte einen Ehemann, um an das Vermögen ihres Vaters heranzukommen, das er ihr treuhänderisch hinterlassen hatte – eine unvorteilhafte Bedingung, die ihr geliebter verstorbener Vater nun einmal gestellt hatte und auf der ihr boshafter Stiefbruder Niven bestand.

Sie hatte Sebastian angefleht, ihr zu helfen, weil er der einzige Mann war, dem sie vertrauen konnte. Er würde ganz bestimmt keinen Cent von ihrem Erbe einfordern. Auch wenn er ein Playboy war, besaß er große Integrität, die ihre Freundschaft über zwei Jahrzehnte gefestigt hatte.

Vielleicht würde Xander nur während der Trauung den Platz seines Bruders einnehmen und dann würde Sebastian zurückkommen und sie könnten ihren Plan in die Tat umsetzen.

Tapfer ging Ani die letzten zwei Schritte zum Altar und lächelte, als Killian sie kurz auf die Wange küsste. Und dann stand sie vor dem Mann, den sie gleich heiraten würde. Dass sie ausgerechnet von Xander gerettet werden musste, ärgerte sie maßlos.

Am liebsten hätte sie Sebastian mit bloßen Händen erwürgt, weil er sie rücksichtslos seinem egoistischen Bruder überlassen hatte! Denn wenn sie in ihrer Verwirrung eines mit Sicherheit wusste, dann, dass Xander sie genauso wenig leiden konnte wie sie ihn.

Nur wenige Dinge im Leben machten Alexandros Skalas wirklich neugierig.

Die meisten Gegebenheiten und Menschen waren vorhersehbar, und die wenigen Ausnahmen, denen er begegnete, fügten sich in dermaßen simple Muster ein, dass er höchst selten Überraschungen erlebte.

Mit nur vierunddreißig Jahren hatte er sich in einen etwas resignierten, mürrischen Kerl verwandelt, der routiniert seinen Alltag bewältigte und äußerst erfolgreich seine Geschäfte abschloss, was angesichts seiner vielen Milliarden auf dem Konto im Grunde gar nicht notwendig war. Also ließ er sich öfter auch mal treiben …

Eine Person aber gab es, die er nie ergründen oder in eine Schublade hatte stecken können: Annika Saxena-McKenzie. Zwar war sie als Patentochter seiner Großmutter auf die eine oder andere Weise schon immer Teil seines Lebens gewesen, schockierte ihn aber immer wieder aufs Neue.

Zunächst als niedliches, aufgewecktes Mädchen, das ihm und Sebastian die Aufmerksamkeit und Fürsorge ihrer Großmutter abspenstig gemacht hatte, und später dann als aufdringlicher, nerviger Teenager, der seinem Zwillingsbruder jeden Sommer auf Schritt und Tritt gefolgt war. Zwischen den beiden hatte sich über die Jahre eine enge Freundschaft entwickelt, und nach und nach war aus Annika eine der schönsten Frauen geworden, denen er jemals begegnet war.

Irgendwie hatte die Freundschaft zwischen ihr und seinem Bruder nicht nur zwei Jahrzehnte überdauert, sondern vor nicht einmal vier Monaten zu einer unerwarteten Verlobung geführt. Und wenn Xander sich einredete, dass ihn diese Verbindung nicht im Geringsten störte, war das eine Lüge.

Sie beunruhigte ihn zutiefst. Und das schon seit einhundertachtundzwanzig Tagen und zweiundzwanzig Stunden.

Als der überlegtere Skalas-Zwilling – der einzige Vernünftige in seiner verrückten Familie – konnte sich Xander nicht vorstellen, dass zwei so impulsive Persönlichkeiten wie Sebastian und Annika in der Lage wären, eine harmonische Ehe zu führen. Vielmehr wäre es so, als würde man explosive Chemikalien miteinander vermischen und riskieren, dass sie alles um sich herum in Schutt und Asche legten. Nun, sein Zwillingsbruder hatte ihn wieder einmal überrascht.

Bei jedem gesellschaftlichen Ereignis in letzter Zeit hatte sich Sebastian an Annikas Seite gezeigt und obendrein sein verrücktes Leben in Ordnung gebracht. Vorbei waren skandalöse Affären mit den Ehefrauen irgendwelcher Minister, Gelage in Nachtclubs und üble Schlägereien. Im Grunde genommen hatte Xander zum ersten Mal in seinem Leben kein Chaos hinter seinem Bruder beseitigen müssen.

In einem schwachen Moment hatte er sich sogar gefragt, ob Annika tatsächlich die magische Retterin war, die Sebastian vor seinen Kapriolen bewahrte. Doch dieser Gedanke gefiel ihm nicht. Er wollte nicht, dass Annika seine Schwägerin würde!

Und in einer durchwachten Nacht, in der er seine Selbstkontrolle einer Flasche Whiskey geopfert hatte, war Xander endlich etwas klar geworden, und er hatte sich die Wahrheit eingestanden: Er wollte Annika für sich selbst! Und das mit einer energischen, besitzergreifenden, wilden Kraft.

Wenn er ehrlich mit sich war, hatte er sie schon immer gewollt. Obwohl sie dauernd mit Sebastian unterwegs gewesen war. Obwohl sie ihm seinen charmanten, unbekümmerten Bruder stets vorgezogen hatte. Bereits früher hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt, auch wenn ihm ihre plötzliche Verwandlung von einem energiegeladenen Teenager zu einer flirtenden Schönheit unheimlich gewesen war.

Selbst nachdem sie sich in Skandale verstrickt, sich mit den falschen Leuten abgegeben hatte – zwei geplatzte Verlobungen inklusive – und sich sogar an seiner Großmutter hatte bereichern wollen … Der Lieblingssaphirring seiner Mutter war nach einem von Annikas Sommerbesuchen plötzlich unauffindbar gewesen.

Er hatte sie begehrt, seit er sie in der Gartenlaube des Anwesens geküsst hatte – im Schutz der Dunkelheit, auf der Party anlässlich ihres einundzwanzigsten Geburtstags vor knapp zwei Jahren. Als sie sich voller Leidenschaft an ihn gedrängt hatte, hatte er sie mehr als alles andere in seinem Leben gewollt.

Doch plötzlich war sie zurückgewichen, einen verletzlichen Ausdruck in den Augen, hatte sich die Hand auf den Mund gepresst und behauptet, ihn mit seinem Bruder verwechselt zu haben.

Diese offensichtliche Lüge hatte ihn die ganze Nacht wach gehalten.

Insgeheim hatte er gehofft, die Verlobung würde in die Brüche gehen – vergeblich, denn schon bald hieß es, die beiden würden heiraten.

Seine Großmutter Thea hatte ihm die Leviten gelesen, als er sich weigerte, an der Zeremonie teilzunehmen, und auf seinem Erscheinen bestanden. Ihre angeschlagene Gesundheit machte es ihr nämlich unmöglich, persönlich dabei zu sein, wenn ihr Lieblingsenkel ihren ehemaligen Schützling heiratete.

Doch insgeheim hatte Xander sich vorgenommen, diese Hochzeit um jeden Preis zu verhindern.

Sich heimlich nach der Verlobten seines Bruders zu sehnen war ein großes Problem, das er schnell lösen musste. Zwar wollte er sie Sebastian nicht ausspannen, würde aber auf jeden Fall dafür sorgen, dass diese Hochzeit nicht stattfand.

Sein Bruder mochte in Annika verschossen sein, mehr aber auch nicht. Daran hatte Xander keinen Zweifel.

Denn trotz der unzähligen Versuche ihres grausamen, tyrannischen Vaters, sie gegeneinander auszuspielen, mochten er und Sebastian sich. Sie hatten zwar keine so starke Verbindung wie unter Zwillingen üblich, aber sie tolerierten einander, konnten mit den Schwächen und Stärken des jeweils anderen umgehen.

Bis gestern Morgen war Sebastian noch bester Laune gewesen, dann aber gleich nach dem Probedinner am Abend verschwunden.

Eigentlich machte sich Xander keine Sorgen um seinen Bruder, denn obwohl er sich der Welt gern als nutzloser, charmanter Playboy präsentierte, besaß Sebastian einen messerscharfen Verstand und konnte genauso rücksichtslos sein wie er, Xander.

Jeder von ihnen hatte seine eigene Art entwickelt, sich gegen die eiserne Faust ihres grausamen Vaters aufzulehnen. Sie hatten es beide durchgestanden und es sogar zu bemerkenswertem Erfolg gebracht, was eine echte Genugtuung war. Konstantin Skalas hatte sie nicht gebrochen.

Eine halbe Stunde nachdem sein Bruder verschwunden war, hatte Xander Sebastians entscheidenden Anruf erhalten: Er wäre nicht in der Lage, Annika am nächsten Morgen zu heiraten.

Xander fragte nicht nach den Gründen und Sebastian bot keine Erklärung an. Nur eines verriet er, nämlich dass er in etwas verwickelt war, aus dem er momentan nicht herauskam.

„Du willst also, dass ich die Drecksarbeit für dich erledige?“, hakte Xander nach. „Ich soll ihr sagen, dass du sie einfach vor dem Altar stehen lässt? Darf ich damit bis morgen früh in der Kirche warten? Bitte, Sebastian!“ Die grausame Veranlagung, die sie beide von ihrem Vater geerbt hatten, brach sich Bahn. „Es wäre mir ein Vergnügen, Annika mitzuteilen, dass ihr kostbarer Bräutigam nicht kommt. Das könnte dein Geburtstagsgeschenk an mich sein.“

„Und ich dachte, du könntest deine Grausamkeit besser verbergen, lieber Bruder“, hatte Sebastian trocken erwidert.

Xander dachte über seine eigene Reaktion auf den Rückzieher seines Bruders nach: Erleichterung, Freude und noch etwas anderes hatten sich in ihm geregt.

„Was willst du von mir?“, hatte er seinen Zwillingsbruder ungeduldig gefragt.

„Heirate du Ani morgen früh.“

Ani. Dieser Kosename ließ ihn erschauern und beinahe hätte Alexandros sich vor Unbehagen geschüttelt.

„Und warum sollte ich das tun?“ Mühsam hielt er eine Flut von Bildern zurück, die auf ihn einprasselten. Normalerweise war er auf jede Situation vorbereitet, doch bei der widerspenstigen Erbin – wie er Annika in seinem Kopf nannte – fühlte er sich meist wie ein unbeholfener Teenager.

„Wir wissen beide, dass du nach einer Braut suchst, Xander.“

„Nein.“

„Ach. Und warum versetzt du dann die Hälfte der jungen, begehrenswerten Frauen der höheren Gesellschaft in Angst und Schrecken?“ Sebastian schien die Situation zu genießen. „Sie heulen sich bei mir aus, wenn du sie für nicht gut genug befunden hast. Nachdem du sie mit deinen lächerlichen, überholten Erwartungen vergrault hast. Ihre geschäftstüchtigen Familien wollen zwar dich, Xander, aber ihre Töchter … die stehen auf mich!“

Jedes Wort aus dem Mund seines Bruders stimmte, daher schwieg Xander. Er hatte geglaubt, er hätte seine Bemühungen, eine geeignete Ehefrau zu finden, erfolgreich vor Sebastian verborgen, aber offensichtlich war das ein Irrtum.

„Armer Xander, der du den großen Namen und das Erbe der Skalas weiterführen musst! Du steckst echt in der Klemme, weil du in Vaters Fußstapfen treten und für einen Erben sorgen sollst. Darum beneide ich dich wirklich nicht.“

„Die Skalas Bank ist ein vierhundert Jahre altes Unternehmen, das immer nur von einem Familienmitglied geleitet wurde. Warum sollte ich alles aufgeben, wofür ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr gekämpft habe, nur weil Großmutter plötzlich einen Wutanfall bekommen hat?“

„Tja, sie ist immerhin die Mehrheitsaktionärin, Xander. Solange sie ihre Anteile nicht auf dich überträgt, wirst du nicht zum Präsidenten ernannt. Wusstest du, dass sie sich heimlich mit ihrem Cousin Bruno getroffen hat?“

Xander fluchte leise vor sich hin. Besessen von der bevorstehenden Fake-Hochzeit, hatte er auch das übersehen. Bruno war ein faules Ei im Stammbaum der Familie und würde die Bank ruinieren, wenn man ihm auch nur einen Funken Kontrolle überließe. „Sie ist zu versessen auf den Familiennamen und die heilige Institution der Ehe, um ihn in den Vorstand zu holen.“

„Ihre Schwestern haben eben schon viele Enkelkinder, Xander, die zum Teil in soliden familiären Verhältnissen leben. Das ist nun mal die wichtigste Voraussetzung für unsere Grandma. Sicher verabscheut sie Bruno genauso sehr wie du und ich, aber die Nachfolge in der Bank muss geregelt werden. Und du weißt, dass sie nicht nachgeben wird. Sie ist wild entschlossen und stur wie ein Maulesel, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.“

„Wo bleibt dein Respekt, Sebastian?!“

„Oh, ich respektiere die alte Schachtel doch“, gab sein Bruder lachend zurück. „Wer weiß, was bei unserem irren Vater ohne sie aus uns geworden wäre? Sie wird aber so lange insistieren, bis du eine Braut ihrer Wahl akzeptierst. Doch nun kannst du selbst die Initiative ergreifen. Obendrein hat diese Ehe ein Haltbarkeitsdatum von nicht mehr als zwei Jahren.“

„Mir missfällt der Gedanke, Almosen von dir anzunehmen“, brummelte Xander.

„Ich weiß, du denkst, ich hätte mir das alles so zurechtgelegt, aber das habe ich nicht. Dass ich … morgen nicht erscheinen kann, war absolut nicht geplant.“ Sein Ton wurde weicher. „Ich bitte dich um einen Gefallen. Ich möchte nicht, dass Ani gedemütigt wird. Für sie steht einiges auf dem Spiel. Sie ist meine Freundin und hat mich um Hilfe gebeten. Da will ich sie nicht im Stich lassen.“

„Sie hat dich um Hilfe gebeten?“ Xander wurde hellhörig. Was steckte noch alles in dieser geheimnisvollen Frau, die nichts mehr mit dem Mädchen von damals zu tun hatte?

Sebastian zögerte, aber Xander blieb hartnäckig. „Wenn du willst, dass ich für dich einspringe, dann beantwortest du besser meine Fragen.“

„Ani hat mich gebeten, sie zu heiraten. Mehr kann ich dir nicht sagen, Xander. Ich werde ihr Vertrauen nicht missbrauchen.“

„Du bittest mich, eine Frau zu heiraten, die eigentlich dich will. Ich habe so getan, als wäre ich du, wenn Vaters Wut hochkochte, aber das hier ist etwas anderes.“

„Die Hochzeit ist doch nicht echt. Tu es einfach für mich, okay?“

Xander überlegte. Annika hatte seinen Zwillingsbruder um Hilfe gebeten, aber nun erfuhr er selbst dieses erhebende Gefühl, von ihr gebraucht zu werden. Und je länger er darüber nachdachte, desto mehr beunruhigte ihn, wie gut ihm dieser Gedanke gefiel.

Sebastian seufzte. „Hör zu, Xander, ich weiß nicht, wie lange ich noch telefonieren kann, aber ich habe eine Vermutung über dich und …“

„Schon gut, Seb“, unterbrach ihn Xander mit stählerner Stimme. Er hasste es, manipuliert zu werden, und sein Bruder wusste das besser als jeder andere auf der Welt. „Aber eins verspreche ich dir: Ich werde sie dir später nicht zurückgeben!“

Sebastian fluchte. „Was? Du musst das verstehen, Xander, sie und ich …“

Doch Xander hatte das Gespräch bereits beendet.

Ja, er würde als Bräutigam einspringen. Ob er es für Sebastian oder für Annika tat, war eine Frage, über die er nicht weiter nachdenken wollte. Die dritte Möglichkeit war die richtige Antwort: Er tat es für sich selbst.

Und jetzt stand er hier und wartete darauf, ob Annika diesen letzten Schritt gehen würde. Denn sie wusste genau, wen sie vor sich hatte.

Sie hatte schon immer gewusst, wenn er es war. Und er weigerte sich, auf seiner eigenen verdammten Hochzeit so zu tun, als wäre er jemand anders!

2. KAPITEL

Krampfhaft bemühte sich Annika, sich mit der Situation abzufinden, während sie auf Xander zuging.

Es würde helfen, ihn als Platzhalter zu betrachten, aus welchem Grund auch immer er seinen Zwillingsbruder vertrat, oder als Retter, der ihr zu Hilfe kam. Stattdessen verspürte sie eine wilde Mischung aus Erleichterung, widerwilliger Dankbarkeit und Erregung, weil er derjenige war, der dort am Altar stand. Außerdem war sie fest davon überzeugt, dass jetzt, da er das Sagen hatte, alles gut werden würde.

Sosehr sie ihren Ruf als unverbesserliche Flirt-Queen auch kultiviert hatte – als lebenslustige, verwöhnte Erbin, die von Mann zu Mann flatterte und zwei geplatzte Verlobungen hinter sich hatte –, so unmöglich war es ihr doch, dieses Spiel mit Xander an ihrer Seite fortzusetzen.

Zwar war sie an kontrollwütige Männer und deren zerbrechliche Egos gewöhnt, aber Xander spielte in einer ganz anderen Liga. Er war etwas Besonderes!

Sie zitterte am ganzen Körper, als er ihren Schleier lüftete. Als wäre diese Farce nicht schon demütigend genug, brauchte es nur seine großen, warmen Hände, die sanft auf ihren nackten Schultern ruhten, damit sich ihr rasender Puls beruhigte. Dass sie sofort auf seine Berührung reagierte, offenbarte, wie schwach sie in seiner Gegenwart war.

Mutig sah sie ihm in die Augen und war wieder einmal über den auffälligen Unterschied zwischen den Zwillingsbrüdern überrascht. Wieso erkannte nicht jeder den Unterschied zwischen ihren Persönlichkeiten und ihrer Ausstrahlung?

Sebastian zeichneten ein leichter, unbeschwerter Charme, ein sanftes Lächeln und ein subtiler, trockener Humor aus. Xander hingegen war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Während sein Bruder spöttisch war und sich über alles und jeden lustig machte, war Xander ein Macher, ein erfolgreicher Unternehmer, der seine eigenen Regeln aufstellte. Er galt als einer der rücksichtslosesten und brillantesten Banker, konnte sich der uneingeschränkten Loyalität seiner Angestellten gewiss sein und genoss selbst bei seinen Feinden größten Respekt.

Irgendwie erinnerte er Annika an das geheimnisvolle, magische Schatzkästchen aus ihrer Kindheit, das sie nie hatten öffnen können, weil es durch rätselhafte Codes gesichert war. Damals war sie noch jung und abenteuerlustig gewesen, bevor sie die Last auf sich genommen hatte, ihre Familie vor ihrem verrückten Stiefbruder zu schützen.

Wagemutig und neugierig hatte sie damals sogar versucht, zu entschlüsseln, wie Xander tickte. Inzwischen war sie davon überzeugt, dass es leichtsinnig und selbstzerstörerisch gewesen war, ihn leidenschaftlich zu küssen und dann so zu tun, als wäre sie davon überzeugt, er sei sein Zwillingsbruder.

Seine Küsse hatten sie lichterloh in Flammen aufgehen lassen, seine anschließende Verachtung hatte tiefe Narben auf ihrer Seele hinterlassen.

Mit dem Daumen streichelte er ihre nackte Schulter und zu ihrer Schande genoss sie diese Berührung. Der Blick aus seinen dunkelgrauen Augen war so intensiv, dass sie fürchtete, er könnte bis auf den Grund ihrer Seele schauen.

Früher einmal hatte sie sich zu der Annahme hinreißen lassen, dass es Neugier war, die Xander für sie hegte. Und da Neugier und Interesse gleichzusetzen waren, hatte ihr dummes altes Ich geglaubt, dass ihre Faszination auf Gegenseitigkeit beruhte.

Aber Xander hatte diese törichte Hoffnung sehr effektiv zunichtegemacht und sie daran erinnert, warum sie in seiner Nähe immer ein so seltsames Gefühl von Gefahr verspürte. Er stand für Ordnung, Disziplin und Kontrolle und neigte wie viele mächtige Männer dazu, sich allen anderen Menschen überlegen zu fühlen.

Ihr Stiefbruder aus zweiter Ehe ihres Vaters war ebenfalls ein Kontrollfreak, und bis Killian sie vor ihm gerettet hatte, hatte Ani unter seiner Grausamkeit, die er als Fürsorge getarnt hatte, gelitten.

Doch Xander war tausendmal stärker und skrupelloser als ihr Stiefbruder. Annika erinnerte sich noch gut an die harten Worte, die sie ihn vor nicht einmal einem Jahr zu seiner Großmutter hatte sagen hören: „Ich verstehe nicht, warum du diese flatterhafte, hohlköpfige Idiotin so magst. Warum unterstützt du sie, wenn sie niemandem gegenüber loyal sein kann? Wenn sie nichts vorzuweisen hat außer einem Vermögen, das vielleicht nie wirklich ihr gehört? Falls du es vergessen hast: Sie hat dich bestohlen. Sie hat den Ring meiner Mutter geklaut!“

Während ihre Patentante Thea sie vehement verteidigt hatte, waren Ani Tränen über die Wangen gelaufen. Denn auch ohne dass sie sich ihr anvertraut hatte, hatte die alte Dame gewusst, in welcher Hölle sie damals gelebt hatte, bevor Killian das Sorgerecht für sie bekommen hatte und sie bei ihrem Stiefvater und ihren drei kleinen Brüdern leben durfte.

„Genug, Xander! Es ist mein Vermögen, das ich mit ihr teilen möchte. Nicht deins!“

Daraufhin hatte er Ani als manipulative Goldgräberin bezeichnet. Genau dieses Gesicht hatte sie der Welt immer gezeigt. Es war eine Rolle, die sie spielte, um ihren Stiefbruder in die Irre zu führen und von ihrem Vermögen fernzuhalten.

Aber sie hatte erwartet, dass Xander ihre Täuschung durchschauen oder zumindest ein wenig Zuneigung für das Mädchen empfinden würde, das ihn einst als Helden verehrt hatte. Thea hatte sie auch nie nach einer Erklärung für ihren plötzlich leichtsinnigen Lebensstil gefragt und liebte sie trotzdem. Sebastian hatte zwar sanft nachgefragt, sich aber zurückgehalten, als sie ihm sagte, dass sie ihre Dämonen selbst bekämpfen müsse.

Nur Xander hatte sie völlig abgeschrieben. Er hatte nach seinen verdammt gnadenlosen Maßstäben entschieden, dass sie nicht gut genug war, um ihr auch nur in die Augen zu sehen. Von den naiven Hoffnungen ihres eigenen törichten Herzens hatte er keine Ahnung gehabt.

Daran musste sie jetzt denken und sich vergegenwärtigen, dass Alexandros Skalas nichts tat, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Und sie musste sich auf den Preis gefasst machen, den sie bald würde zahlen müssen.

Die Schar der anwesenden Gäste würde es lieben, sie heute vor dem Altar zusammenbrechen zu sehen, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihr Stiefbruder überall seine Spione platziert hatte. Aber so weit würde es nicht kommen. 

Um sich daran zu erinnern, was auf dem Spiel stand, warf sie einen kurzen Seitenblick auf die erste Reihe, in der Killian und ihre drei Halbbrüder saßen und sie mit Stolz, Freude und Liebe beobachteten.

Xander runzelte die Stirn, als er den schnellen Blickkontakt mitbekam.

Irgendwie überstand sie den Beginn der Zeremonie und empfand nichts als Verachtung für eine Institution, die ihre Mutter zu einer Gefangenen gemacht hatte, bevor sie Killian kennengelernt hatte.

Plötzlich änderte sich die Tonlage des Priesters und Ani schreckte aus ihrer Trance auf.

Autor

Tara Pammi

Tara schreibt sexy Romanzen mit anbetungswürdigen Helden und sexy Heldinnen. Ihre Heldinnen sind manchmal laut und rebellisch und manchmal schüchtern und nerdig, aber jede von ihnen findet ihren perfekten Helden. Denn jede Frau verdient eine Liebesgeschichte!

Tara lebt in Texas mit ihrem ganz persönlichen Helden und zwei Heldinnen in der...

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