Flammendheiße Leidenschaft

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Wieder liegt Charity in Garretts Armen! Erneut zeigt er ihr, dass nur er sie auf den Gipfel der Lust führen kann. Aber genau wie damals versucht sein Vater, ein immens reicher und mächtiger Unternehmer, sie auseinander zu bringen. Fast gelingt es ihm, bis Garrett sich entschließt, für die Liebe alles aufs Spiel zu setzen …
  • Erscheinungstag 07.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756451
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wenn Charity Arden das Geld nicht so dringend gebraucht hätte, hätte sie den Auftrag, Garrett Keeleys Hochzeit zu fotografieren, niemals angenommen.

Nicht, dass er nicht fotogen gewesen wäre. Charity wusste nur zu genau, dass sich sein markantes Gesicht und sein schelmisches Lächeln auf den Bildern immer gut machten. Und nicht nur die Kameralinse schien ihn zu lieben, sondern auch die Frauen.

Sie vergewisserte sich, dass sie genügend Filme eingesteckt hatte, um seine Eheschließung mit Hailey Olson von Anfang bis Ende dokumentieren zu können. Wenn aber dasselbe passierte wie bei den letzten zwei Hochzeiten in diesem Monat in Grazer’s Corners und noch einmal eine Braut von Unbekannten aus der Kirche wer weiß wohin verschleppt wurde, dann gab es für Charity wieder kein Honorar.

„Wenn das so weitergeht, bin ich in einem Monat pleite“, murmelte Charity, während sie das Objektiv ihrer Kamera überprüfte.

Die Morgensonne schien durch die Spitzenvorhänge des alten Farmhauses, in dem sie wohnte. In der Scheune nebenan hatte sie ihr Fotostudio und die Dunkelkammer eingerichtet.

Diese Hochzeitskatastrophen kosteten Charity ein Vermögen an verknipsten Filmen, die keinen mehr interessierten. Allerdings hatte ihr die Grazer Gazette einen Schnappschuss von Jordan Grazer abgekauft, auf dem diese sich in weißem Brautkleid und Schleier hinter einen unglaublich attraktiven Kerl in Lederjacke aufs Motorrad schwingt – Name des Mannes unbekannt.

Dieses Foto auf dem Titelblatt des Wochenmagazins bildete die perfekte Fortsetzung zu der etwas unscharfen Ablichtung eines Unbekannten, die ihr eine Woche zuvor gelungen war, als der neu gewählte Sheriff der Stadt, Kate Bingham, von jenem Mann verschleppt wurde.

Aber keines der beiden Bilder hatte ihr ein so gutes Honorar eingebracht, wie es zwei komplette Alben mit Hochzeitsfotos getan hätten.

Allerdings war der Einzige, der auf die Idee kommen könnte, Hailey Olson zu entführen, Charitys Bruder Bud. Doch so unvernünftig würde er wohl nicht sein. Bud und Hailey waren vor ein paar Jahren ein Paar gewesen, doch Haileys Eltern hatten etwas gegen diese Verbindung gehabt und dafür gesorgt, dass die Romanze der beiden ein Ende fand.

Es war nicht einfach, die gesellschaftlichen Grenzen in Grazer’s Corners zu überschreiten. Und Bud und Charity standen mit ihrer Schweinefarm ganz bestimmt auf der falschen Seite.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und fragte sich, wo besagter Bruder nur stecken konnte. Schließlich wollte er zu Hause sein, wenn Charity zur Kirche fahren musste.

Sie griff nach ihrer khakifarbenen Weste, die auf dem alten Eichentisch lag, und füllte die zahlreichen kleinen Taschen mit Filmrollen, Linsen und Filtern. Sie würde ein paar Aufnahmen im Freien vor der Kirche machen, und anschließend …

Motorengeräusche ließen sie aufhorchen. Der Kies, mit dem die Einfahrt bestreut war, knirschte unter den Rädern von Buds altem, verbeultem Lieferwagen.

Kurz darauf waren Schritte auf der Veranda zu hören. Doch seltsamerweise klangen sie anders als sonst. Irgendwie schwerer, langsamer. Die Stufen knarrten lauter als gewöhnlich, und die Holzplanken quietschten.

Charity sah auf, als ihr Bruder zur Tür hereinkam. „Warum um alles in der Welt schleppst du den Futtersack ins Wohnzimmer? Bring ihn schleunigst wieder raus und …“

Vor Schreck blieben ihr die Worte im Hals stecken.

Zwei Beine lugten aus dem Sack hervor, den Bud über die Schulter geworfen hatte – und sie waren mit einem dicken Seil zusammengebunden. Sie steckten in einer feinen Stoffhose, die vermutlich zu einem Smoking gehörte und dessen Träger auf Hochglanz polierte, elegante Lederschuhe anhatte. Von der Größe her könnten sie jemandem passen, der genauso groß und stark wie Bud war, also einem mehr als ein Meter achtzig messenden Mann.

Charity gefiel die Sache ganz und gar nicht.

„Was hast du angerichtet, Bud?“

Aus dem Sack drangen unverständliche Laute.

„Du musst mir helfen, Schwesterherz.“

Sie schüttelte den Kopf. „Kommt nicht infrage.“ Geschwisterliebe hatte ihre Grenzen. Auf Entführung stand schließlich eine langjährige Freiheitsstrafe. Und sie wurde das ungute Gefühl nicht los, dass genau das gerade vor ihren Augen ablief.

Bud warf seine Last nicht gerade sanft auf das Wohnzimmersofa. Es handelte sich dabei um ein ziemlich unbequemes Teil, die Polsterung wurde schon klumpig und ein oder zwei Federn drohten den Bezug zu durchbohren.

Der Sack stöhnte auf.

„Das kannst du doch nicht tun, Bud!“

„Hailey und ich haben alles genau geplant.“ Ihr Bruder richtete sich auf und straffte die Schultern – breite, muskulöse Schultern eines Mannes, der nach seinem Job in der Fabrik noch die harte Farmarbeit erledigte. „Sie hinterlässt ein Schreiben an ihre Eltern und behauptet, dass Garrett und sie es nicht mehr erwarten konnten und diesem formellen Hochzeitskram aus dem Wege gehen wollten. Im Klartext, dass sie sich aus dem Staub machen.“

Sie? Charity nahm an, dass Hailey und Bud miteinander durchbrennen wollten.

Sie warf einen Blick auf den Futtersack. „Das ist doch Garrett, der da drin steckt, oder?“

Der Sack grunzte zustimmend.

„Du musst ihn hier festhalten, Schwesterherz. Für zwei oder drei Tage.“

Tage?! Bud musste den Verstand verloren haben. „Das kommt überhaupt nicht infrage!“

„Bitte! Wir brauchen nur eine Chance, um in Las Vegas zu heiraten und dann …“ Ihr Bruder errötete. „… na, du weißt schon, die Ehe zu vollziehen. Danach haben ihre Eltern keine Chance mehr, was dagegen zu tun …“

„Und wenn sie zur Polizei gehen und dich für den Rest deines Lebens wegen Entführung hinter Gitter stecken?“

Der Sack gab erneut zustimmende Laute von sich. Und zwar ziemlich nachdrücklich.

„Ich werde Hailey nicht entführen. Sie will mich heiraten.“

„Du hast aber Garrett gekidnappt, Bud“, stöhnte sie. „Dafür kommst du ins Gefängnis …“

„Es gibt hier zurzeit keinen Sheriff. Und wenn sich alles erst einmal etwas beruhigt hat, werde ich die Sache mit Garrett klären …“ Der Sack schüttelte energisch den Kopf und bewegte dabei den ganzen Oberkörper mit. „… und natürlich auch mit Haileys Eltern. Alles wird gut, du wirst sehen.“

Charity dachte da ganz anders.

Vorsichtig näherte sie sich dem Entführungsopfer. Er hatte die Arme auf den Rücken gebunden und konnte deshalb nur mit den Beinen um sich kicken. Sie zog so lange an dem Futtersack, bis sie Garretts Kopf befreit hatte.

Garrett hatte unverschämt schöne Augen mit langen, sandfarbenen Wimpern. Normalerweise waren sie haselnussbraun mit grünen Flecken, doch jetzt funkelten sie so zornig, dass sie fast schwarz wirkten.

Er gab ein paar wütende Laute von sich, die glücklicherweise von dem hellen Klebstreifen über seinem Mund gedämpft wurden. Aber Charity konnte ihn auch so gut verstehen.

Er würde Bud bei der ersten sich bietenden Gelegenheit umbringen. Und sie vermutlich auch.

Charity seufzte. Wenn jemand die ganze Wahrheit gekannt hätte, wäre allen vermutlich klar, dass sie über Garretts Heirat mit Hailey genauso unglücklich war wie ihr Bruder. Aber aus anderen Gründen.

„Das können wir nicht tun, Bud.“

Garrett starrte erst Bud, dann Charity böse an. Das tat weh! Begriff er denn nicht, dass sie ihrem Bruder die ganze Sache auszureden versuchte?

„Tut mir leid, Schwester. Mir tut vieles leid.“ Bud warf Garrett einen Blick zu und wandte sich wieder an Charity. „Aber Hailey und ich lieben uns. Wir haben keine andere Wahl.“

Er holte ein Paar Fußketten hervor, wie sie besonders gefährlichen Sträflingen angelegt wurden, und kniete sich vor Garrett hin.

„Wo hast du die denn her?“, rief Charity erstaunt.

Garrett riss die Augen auf, und er stieß mit den Füßen nach Bud.

„Aus dem Büro des Sheriffs. Das steht ja neuerdings leer, und die Tür war offen.“

„Nein, Bud!“, schrie Charity und packte ihren Bruder an den breiten Schultern. Sie zog und zerrte an ihm, doch ohne Erfolg. „Du treibst es jetzt zu weit!“

Eine schwere Fußschelle schnappte um Garretts rechten Knöchel zu. Die gut einen halben Meter lange Kette rasselte.

„Um Himmels Willen, Bud, du kannst doch nicht …“

Die zweite Schelle rastete um ihren linken Knöchel herum ein.

„Nein! Bist du verrückt geworden?“

„Ich liebe dich, Schwesterherz. Drei Tage.“ Bud stand auf und küsste sie kurz auf die Wange. „Mehr brauche ich gar nicht. Und vielleicht … na ja, vielleicht klären sich so auch noch ein paar andere Dinge.“

„Was meinst du denn damit? Das kannst du nicht machen! Gib mir die Schlüssel, Bud. Du gehst entschieden zu weit!“ Sie wollte nicht an Garrett Keeley gekettet werden – nicht für drei Minuten, geschweige denn für drei Tage!

„Tut mir wirklich leid, Chary. Es ist genügend Futter für die Schweine in der Scheune. Du musst also nicht in die Stadt fahren, und deshalb habe ich auch dein Auto außer Gefecht gesetzt. Das Telefon übrigens auch.“ Er zuckte verlegen die Achseln und marschierte zur Tür hinaus.

„Bud!“

Sie rannte ihm nach – und schaffte ganze zwei Schritte, bevor sie stolperte und der Länge nach hinfiel, mit dem linken Knöchel immer noch an Garrett gekettet.

Garrett schaffte es irgendwie, auf die Beine zu kommen. Er gab wilde Laute von sich, die nach einer Art von Befehlen klangen, und hüpfte Bud nach. Doch Charity schnappte noch immer nach Luft und lag ausgestreckt auf dem Boden. Als die Kette sich straffte, ging Garrett in die Knie.

Er drehte sich um und funkelte sie wütend an. Offenbar gefiel ihm die ganze Situation genauso wenig wie ihr. Verständlicherweise. Aber Bud hatte sie in seinem ganzen Leben noch nie um irgendetwas gebeten. Ihr großer Bruder war stets ihr Beschützer und Freund gewesen, auf den sie sich in jeder Situation hatte verlassen können. Er kümmerte sich um sie, seit ihre Mutter sie verlassen hatte und sie später als Waisen zur Farm ihrer Großeltern zurückgekehrt waren.

Und jetzt wollte Bud ihre Hilfe, ohne in vollem Umfang zu wissen, was er da tatsächlich von ihr verlangte. Denn sie hatte ihm nie von ihrem Geheimnis erzählt.

Jetzt ist es zu spät, um Nein zu sagen, dachte sie grimmig.

„Am besten nehme ich erst einmal den Klebstreifen ab“, schlug sie vor, um Garretts Zorn zu dämpfen.

Er nickte zustimmend.

„Aber schrei mich nicht an. Das war ganz bestimmt nicht meine Idee. Ich bin hier auch ein Opfer, wie du siehst.“

Sein Brummen klang etwas weniger wütend.

Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Rand des Klebstreifens fasste. Sie war Garrett seit acht Jahren nicht mehr so nahe gekommen. Er musterte sie abschätzend, und seine Augen funkelten noch immer voller Zorn. Inzwischen trug er das Haar etwas länger als früher. Es war perfekt geschnitten und betonte die leichten Naturlocken, die sich am Nacken kräuselten. Locken weich wie Samt, wie sie sich erinnerte.

Sie riss das Band mit einem Ruck von seinem Mund.

„Autsch! Verdammt!“ Er hob die Schultern und wischte sich den Mund an seinem teuren Hemd ab. „Du hättest mir nicht auch noch gleich die Haut abziehen müssen!“

„Sieh es doch positiv“, gab sie zurück. „Du hast gerade eine saubere Enthaarung deines Oberlippenbarts bekommen. Frauen zahlen viel Geld für so …“

„Wenn ich deinen Bruder zwischen die Finger bekomme, bringe ich ihn um!“, unterbrach sie Garrett.

Sie zog eine Grimasse. „Ich habe schon befürchtet, dass du so etwas sagst.“

Garrett sah sich im Zimmer um, und langsam verwandelte sich seine Wut in Frustration. Der Lieferwagen war schon längst davongebraust, und vermutlich wartete seine Braut an der nächsten Straßenecke auf Bud. Ein ziemlicher Schlag für sein Selbstbewusstsein, dass seine zukünftige Frau zwei Stunden vor der Hochzeit mit einem anderen durchbrannte. „Ich dachte immer, in dieser Stadt werden nur die Frauen vom Altar weg verschleppt.“

„Wahrscheinlich bist du die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.“

Charity mit ihren schlauen Bemerkungen!

Aus den wenigen Zentimetern Entfernung sah sie ihn mit großen braunen Augen an, und nicht einmal ihre Mundwinkel zuckten leicht über den „Scherz“, den ihr Bruder sich mit Garrett leistete.

„Du hattest keine Ahnung von dem, was Bud vorhatte?“, fragte er.

„Keine Spur. Ich habe mich gerade auf die Hochzeit vorbereitet.“ Sie wies auf den Wohnzimmertisch, wo der Fotoapparat lag.

Sie sagte offenbar die Wahrheit. Aber wie hatten Bud und Hailey eine Entführung planen können, ohne einen Dritten einzuweihen? „Kannst du mich losbinden?“

„Na klar.“

Er drehte sich um, damit Charity die Fesseln an seinen Händen lösen konnte. Noch nie zuvor war er bei ihr zu Hause gewesen. Sie lebte in einem alten Farmhaus östlich von Grazer’s Corners im San Joaquin Valley, nahe genug an den Ausläufern der Sierra, um die Berge bei klarem Wetter sehen zu können. Weit genug von der Stadt entfernt, damit die Bewohner sich nicht am Geruch der Schweine störten.

Das Haus sah etwas heruntergekommen aus. Die Wohnzimmermöbel mochte man in den dreißiger Jahren als hochmodern bezeichnet haben, doch jetzt waren sie alt und abgenutzt. Allerdings herrschte überall Sauberkeit und Ordnung, und ein angenehmer Geruch nach Zimt lag in der Luft. Oder vielleicht stieg ihm auch nur Charitys Duft in die Nase – frisch und leicht würzig.

Hoffentlich bekam sie diesen verflixten Knoten bald auf! Er hatte sie lange nicht mehr gesehen, aber er erinnerte sich noch ganz genau …

„Kannst du dich nicht ein bisschen beeilen? Ich würde gerne die Hände frei haben, bevor der nächste Regen kommt.“ Was bei den trockenen Sommern in Zentralkalifornien noch Monate dauern konnte.

„Es wäre leichter, wenn ich ein Messer hätte. Du hast nicht zufällig eins bei dir?“

„In meiner Hosentasche.“

Es entstand eine peinliche Pause, und Garrett wusste, dass sie sich nicht traute, ihre Hände in seine Hose zu stecken. Wenn er über seine Lage nicht so wütend gewesen wäre, hätte ihm die Vorstellung sogar gefallen.

„Wir könnten ja auch versuchen, in die Küche zu kommen“, schlug sie vor. „Ich habe dort ein scharfes Schlachtermesser.“

„Okay. Du stehst zuerst auf.“

Ihr fiel das nicht besonders schwer, aber ihm würde es mit den gefesselten Beinen und seinem verletzten Knie nicht so leicht gelingen. Es war noch nicht lange her, dass es nach einem Sportunfall operiert wurde, und jetzt nach dem Sturz tat es wieder höllisch weh.

Charity musste ihn schließlich dabei stützen. Sie maß über einen Meter fünfundsiebzig, und er spürte, dass sie viel Kraft in den Armen hatte. Überhaupt war sie ganz anders als die kleine und zierliche Hailey, die Designerklamotten trug und sich immer mit perfekt manikürten Händen und kunstvoll aufgetragenem Make-up präsentierte.

Charity war ihm dagegen immer sehr natürlich und erdverbunden vorgekommen. Ein lose geflochtener Zopf baumelte an ihrem Rücken, die goldbraunen Haarsträhnen glänzten in der Sonne. Sie trug ein einfaches Sommerkleid, das ihre braungebrannten Schultern zeigte. Alles in allem entsprach Charity nicht Garretts üblichem Stil.

„Bist du bereit?“

„Sicher.“

Sie stützte ihn, während er zur Küche hüpfte. „Weißt du, unter anderen Umständen wäre das hier sehr lustig“, meinte sie.

Er hopste ungerührt weiter. „Finde ich gar nicht.“ Die Kette rasselte über den Parkettboden. Erst vor ein paar Monaten war er dazu gezwungen worden, seine Footballkarriere zu beenden, und soeben hatte er die Frau verloren, die er heiraten wollte. Man konnte wohl kaum von ihm erwarten, dass er im Moment viel Sinn für Humor zeigte!

Er hatte Hailey doch gesagt, dass er sie liebe. War das etwa nicht genug gewesen?

Charity zog in der Küche ein sehr gefährlich aussehendes Messer aus einer Schublade.

„Ich hoffe, du hegst keine Rachegedanken gegen mich“, murmelte er.

Sie warf ihm einen unergründlichen Blick zu.

Einen Moment später waren seine Hände frei. Garrett ließ die Reste des Seils achtlos fallen und rieb sich die Handgelenke. „Oh, das tut gut. Gib mir bitte das Messer.“ Sie stand ruhig neben ihm und sah zu, wie er die Fußfesseln durchschnitt. „Okay, jetzt brauchen wir nur noch eine Bügelsäge, damit wir die Fußketten durchtrennen können.“

„Ich habe aber keine.“

Er blickte sie misstrauisch an. „Na gut. Dann eben einen Vorschlaghammer oder einen Bolzenschneider.“

„Tut mir leid.“

„Wie bitte? Du lebst auf einer Farm und willst mir weismachen, dass du keine Bügelsäge hast? Nicht mal einen Bolzenschneider?“

„Bud möchte, dass ich dich drei Tage hier behalte.“

„Du machst doch Witze, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, es wäre so.“

„Ich werde jetzt diese blöde Kette irgendwie aufbrechen und Hailey suchen. Und wenn ich den ganzen Weg in die Stadt laufen muss, bis ich jemanden finde, der sie aufschneidet!“

„Ich gehe nirgendwohin.“

Warum war sie bloß so furchtbar stur? „Ich kann dich auch tragen. So weit ist es nun auch wieder nicht.“

„Acht Kilometer.“

„Sieh mal, etwa so.“ Er packte sie um die Taille und hob sie hoch.

Sie schnappte nach Luft. „Lass mich sofort runter, Garrett Keeley!“

Die Kette war zu kurz, um sich Charity über die Schulter zu werfen. Es würde ziemlich unbequem werden, wenn er sie so bis in die Stadt tragen müsste. Außerdem zeigte sie sich nicht gerade kooperativ – so, wie sie mit den Fäusten auf seinen Rücken hämmerte!

„Denk doch mal eine Sekunde nach, Garrett. Was bringt es dir, wenn du Hailey verfolgst?“

„Ich könnte erst einmal Bud eine Tracht Prügel verpassen.“

„Großartig. Und was wird Hailey dabei empfinden, wenn du den Mann zusammenschlägst, den sie liebt? Sie wird dich dafür hassen, Garrett. Das ist doch bestimmt nicht deine Absicht. Jedenfalls nicht, wenn dir was an ihr liegt.“

Garrett setzte sie langsam ab. Er hasste scharfsinnige Frauen. Besonders wenn sie noch klüger waren als er. Merkwürdig, dass er sich im Moment nicht mehr daran erinnert hatte – genauso wenig wie an Charitys festen Körper und diese weichen Brüste, die er gerade an sich gepresst spürte.

„Was erwartest du denn von mir – dass ich sie einfach gehen lasse? Dein Bruder hat mir die Frau, die ich heiraten wollte, einfach so vor der Nase weggeschnappt. Soll ich etwa die andere Wange hinhalten?“

„Du bist wütend. Das kann ich gut verstehen. Aber es gibt Dinge, die man einfach nicht ändern kann. Es ist eben nicht möglich, das ungeschehen zu machen, was passiert ist.“ Ihr Blick wanderte zum Fenster, das zu der Scheune und den Schweineställen hinausging. „Offensichtlich lieben sich Bud und Hailey – schon seit Jahren, glaube ich. Aber ihre Eltern haben ihr den Umgang mit Bud verboten.“

„Offensichtlich hatten sie ausreichend Gelegenheit, sich zu treffen und meine Entführung zu planen!“

„Das will ich damit sagen.“ Sie sah ihn mit ihren großen braunen Augen offen an. „Sie hat sich für Bud entschieden. Ich weiß, dass dich das sehr verletzen muss. Aber ich glaube nicht, dass du irgendetwas erreichst, indem du ihnen nachläufst.“

Stimmte das? Er hatte in letzter Zeit einige Rückschläge einstecken müssen. Es war ihm sehr vernünftig vorgekommen, das Mädchen aus seiner Heimatstadt zu heiraten, mit dem er in den letzten Jahren ab und zu ausgegangen war. Dann wollte er ein neues NFL-Team finden, das seine Qualitäten als Quarterback zu schätzen wusste. Das war bei den 49ern wohl nicht der Fall gewesen, jedenfalls nicht nach seiner zweiten Knieverletzung.

Hatte er bei Hailey einfach nur eine Bestätigung gesucht? Das wäre ganz schön schäbig. Verflixt, er mochte sie doch! Aber Liebe? Er war in einer Familie aufgewachsen, in der alles durch Vernunft und Geld gesteuert wurde, da konnte es gut sein, dass er gar nicht genau wusste, was Liebe war.

Er betrachtete Charity, die noch immer dicht neben ihm stand. Ihr Duft drang verführerisch in seine Nase, weil er sie nicht weit genug von sich geschoben hatte. Etwas Merkwürdiges ging in ihm vor. Womöglich Neid. Sie war in einer zwar armen, aber liebevollen Familie aufgewachsen.

„Na gut“, sagte er vorsichtig. Irgendwo auf dieser verdammten Farm musste eine Säge oder ein Vorschlaghammer liegen. Bis er die gefunden hatte, würde er einfach so tun, als wäre er einsichtig. Wahrscheinlich brauchte er nur ein wenig Geduld, bis sich ihm eine Gelegenheit zur Flucht bot. „Was ist, wenn ich mich dazu entschließe, sie in Ruhe zu lassen?“

Charity zuckte die Achseln. „Uns wird schon was einfallen.“

„Jetzt behaupte bloß nicht, du wärst von der Aussicht begeistert, drei Tage an mich gekettet zu sein.“

„Bin ich auch nicht.“ Aus Gründen, die Garrett niemals verstehen und die sie ihm auch nicht verraten würde, wollte Charity keinesfalls an ihn gebunden sein. Außerdem war er ein Playboy und Macho. Er sah geradezu unverschämt gut aus … und liebte eine Frau, die wesentlich attraktiver und gebildeter war als sie.

„Also sitzen wir jetzt einfach drei Tage rum und starren uns an, oder …“

„Nein. Ich muss doch …“ Du liebe Güte, wie sollte sie es bloß aushalten, drei Tage auf engstem Raum mit Garrett zu leben? Bud wusste ja gar nicht, was er da von ihr verlangte. „Ich muss die verflixten Schweine füttern“, brach es aus ihr heraus.

„Du musst … was?“

„Das hier ist eine Schweinefarm. Und Schweine fressen. Eine ganze Menge sogar.“ Sie machte einen Schritt auf die Hintertür zu. „Kommst du jetzt, oder was? Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, falls du es noch nicht wusstest. Und Hailey hat gerade nicht nur eine Hochzeit, sondern einen lukrativen Job für mich platzen lassen.“

Er hob beschwörend die Hände. „Ich verstehe schon. Die Schweine sind viel wichtiger als ich.“

„Das hast du ganz richtig verstanden!“ Hailey warf den Zopf nach hinten und drehte ihm den Rücken zu. Gott sei Dank kam er hinterher – sonst wäre sie ein weiteres Mal auf die Nase gefallen.

Auf der Veranda schnappte sie sich zwei Paar schwarze Gummistiefel. „Du kannst Buds Stiefel anziehen – sie müssten passen.“

„Und wie sollen wir deiner Meinung nach die Stiefel über die Kette ziehen?“

„Oh …“ Daran hatte sie gar nicht gedacht. „Na gut, dann tragen wir halt jeder einen Stiefel.“

„Das ist die neuste Mode aus Paris“, brummte er und zog sich den linken Stiefel an. Dabei berührten sich ihre Hüften. „Wird bestimmt in kürzester Zeit ein Renner.“

„Ich versuche doch nur, das Beste aus der Situation zu machen.“

„Bitte entschuldige, dass mir trotzdem nicht so sehr zum Lachen ist. Heute ist nicht gerade mein Tag.“

Das dumpfe Geräusch der Stiefel mischte sich mit dem Rasseln der Kette, als sie zum Hinterhof liefen.

In dem Augenblick fuhr ein Auto die Auffahrt herauf.

„Hey, da kommt jemand!“, rief Garrett aufgeregt. Er packte sie am Arm und zog sie unsanft um die Ecke. „Vielleicht hat Hailey es sich doch noch anders überlegt. Oder Bud hat Vernunft angenommen. Ich werde ihm aber trotzdem eine ordentliche Tracht Prügel …“

Bis sie um die Ecke des Hauses gehumpelt waren, fuhr das Auto bereits wieder zurück und bog auf die Landstraße vor der Farm ein.

In der Auffahrt stand Charitys siebenjähriger Sohn Donnie in einem Fußballtrikot voller Dreck und Grasflecken.

Charity holte tief Luft – ihr schlug das Herz bis zum Halse.

Der Junge grinste und winkte ihnen zu. „Hi, Mom! Wir haben gewonnen! Ich habe zwei Tore geschossen, und Charlie Pitzer hat jetzt eine blutige Nase.“ Er nahm den Ball und dribbelte ihn vor sich her, wobei er um unsichtbare Gegner herum spielte.

Charity ballte die zitternden Hände. Bud ahnte ja nicht, welche Schwierigkeiten seine Entführung mit sich brachte.

Ihr Sohn war dabei das größte Problem.

2. KAPITEL

„Ich wusste ja gar nicht, dass du ein Kind hast.“ Garrett fand, dass der Kleine Charity wie aus dem Gesicht geschnitten war. Er hatte die gleichen sanften braunen Augen und dasselbe lockige Haar wie seine Mutter. Sein Vater hatte offenbar kein einziges Gen beigetragen.

„Komm her, Donnie. Ich möchte dich Mr. Keeley vorstellen.“

Der Junge stoppte den Ball geschickt einen Zentimeter vor seiner Mutter und musterte Garrett argwöhnisch. „Hi.“

Charity legte den Arm um seine Schultern und drückte ihn kurz an sich. „Mr. Keeley wird … ein paar Tage bei uns bleiben.“

„Hallo, Donnie.“ Garrett schüttelte ihm die Hand. Das blauweiße Trikot war verschmiert, die Knie des Kleinen voller blauer Flecken, und die Socken rutschten die Knöchel herunter. Garrett hatte in seinem Alter vermutlich noch schlimmer ausgesehen. „Du musst ja ein toller Fußballspieler sein.“

„Ich bin Stürmer. Hab’ im letzten Jahr die meisten Tore geschossen.“

„Er ist sehr sportlich“, sagte Charity stolz, „und auch sehr gescheit.“ Liebevoll zerzauste sie sein Haar.

Donnie zog den Kopf weg und musterte Garrett von oben bis unten.

„Ich treibe auch Sport und spiele ein bisschen Football“, sagte Garrett. Was die Intelligenz betraf, so konnte er zurzeit nicht so viel zur Sprache bringen.

Donnie legte den Kopf schief und bemerkte die Kette zwischen den Beinen der beiden. „Hey, Mom, warum bist du denn an Mr. Keeley gekettet?“

Autor

Charlotte Maclay
Charlotte Maclay hatte immer Geschichten in ihrem Kopf. In der dritten Klasse erfanden sie und eine Freundin Bambi – Geschichten und führten sie als kleine Theaterstücke auf. Ihre Freundin spielte Bambi – sie war Thumper, der Hase aus dem Disney – Film. Eines Tages zog ihre Freundin weg, aber Charlotte...
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