Florentinische Nächte

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Als Cathy den faszinierenden Hotelier Nicolas Lucciano in Florenz wiedersieht, weiß sie sofort, dass sie ihn nach wie vor liebt. Noch widersteht sie seinem leidenschaftlichen Werben. Denn Nicolas hat sie vor Jahren nach einer zärtlichen Nacht verlassen. Darf sie ihm diesmal vertrauen?
  • Erscheinungstag 01.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778774
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Ein Schauer lief Cathy über den Rücken, als sie den mit Goldschmuck verzierten Aufzug des Hotels betrat. Mit seinem typisch italienischen Design ähnelte er sehr dem Fahrstuhl in Castel di Bellano, an den sie sich nur noch allzu gut erinnerte.

„Machen Sie sich keine Sorgen! Er sieht vielleicht altmodisch aus, ist aber durchaus sicher.“

Cathy schaute sich überrascht um. Da sie nur zu zweit im Fahrstuhl waren, musste diese Bemerkung ihr gegolten haben. „Wie bitte?“

Die andere Frau lächelte freundlich. „Ich habe bemerkt, wie ängstlich Sie aussahen, als sie eintraten. Sie sind richtig bleich geworden. Wenn Sie unter Platzangst leiden, hätten Sie vielleicht die Treppe nehmen sollen.“

Oder ich hätte besser gar nicht nach Italien zurückkehren sollen, dachte Cathy entmutigt. Sie schätzte durchaus, dass die andere Frau sich Sorgen um sie machte, doch war es nicht die Enge in dem Lift, die ihr zu schaffen machte, sondern die Tatsache, dass sie sich wieder in Florenz befand. In der Stadt, in der Nic lebte und arbeitete. Seitdem sie am Flughafen angekommen war, fühlte sich Cathy unruhig, da sie alles hier wieder an jene unglückliche Zeit erinnerte.

Ist es nicht ein Fehler gewesen, an Dianes Stelle hierher zu reisen? fragte sie sich. Nach fünf Jahren sollte ich eigentlich darüber hinweg sein, doch vielleicht habe ich unterschätzt, wie lebendig die Erinnerung noch ist. Es kam ihr vor, als sei es erst gestern gewesen und nicht bereits vor fünf Jahren. Doch wenn es sich als Fehler erweisen würde, so war es jetzt zu spät, ihn zu bedauern. Die junge Frau nahm sich vor, das Beste daraus zu machen.

„Ich danke Ihnen, aber … es ist schon in Ordnung. Da sind wir ja im Erdgeschoss.“ Cathy trat ein wenig zurück, um der älteren Frau den Vortritt zu lassen.

„June Blythe“, stellte sie sich vor.

„Cathy … Catherine Walker.“

„Sind Sie auch wegen des Kochkurses gekommen?“, fragte June, als sie in die Hotelhalle hinaustraten.

„In gewisser Weise. Ich arbeite für die Zeitschrift Cuisine for Cooks und schreibe einen Artikel über die Veranstaltung“, erklärte Cathy. Sie war froh, einen Augenblick lang von ihren Gedanken an die Vergangenheit abgelenkt zu werden.

„Tatsächlich! Das ist ja aufregend. Ich kenne die Zeitschrift gut, ich kaufe sie jeden Monat. Catherine Walker? Ich glaube, schon einige Artikel von Ihnen gelesen zu haben. Sie sind also Journalistin?“

„So ist es.“

„Und Sie sind gekommen, um über diesen Ferienkurs zu berichten?“

Cathy nickte zustimmend. „Ich denke, dass viele unserer Leser an diesem neuartigen Angebot interessiert sein werden.“

„Sicherlich. Ich freue mich schon darauf, da ich italienische Küche liebe. Doch was mich am meisten angelockt hat, sind die Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten hier, die zu dem Programm gehören. Italien ist ein herrliches Land, finden Sie nicht auch?“

Cathy bemühte sich, gelassen zu klingen. „Ja, das ist es.“ Es fiel ihr sehr schwer zuzugeben, wie sehr sie dieses Land liebte, da Nic ihr vor fünf Jahren alles verdorben hatte, was mit Italien zusammenhing. Damals war sie neunzehn gewesen, ein naiver, leicht zu beeindruckender Teenager, der noch unter dem Verlust des Vaters litt und schrecklich verletzlich war. Nic war ihr wie ein Traummann erschienen, nach dem sich alle Frauen sehnten. Cathy schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Vielleicht bin ich nach Florenz zurückgekehrt, sagte sie sich, um endlich diese Geschichte aus meinen Gedanken zu vertreiben und diesen Mann zu vergessen. Sie wollte sich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen und endlich die Wunden verheilen lassen.

Als sie an einem Wandspiegel vorbeikamen, betrachtete sich Cathy flüchtig. In ihrem hellen Leinenkostüm und mit den hochgesteckten kastanienfarbenen Haaren sah sie wie eine Frau aus, die wusste, was sie wollte. Und das war sie auch.

Sie war vierundzwanzig und reifer geworden. Auch wenn sie in den letzten fünf Jahren den Umgang mit Männern vermieden hatte, war sie jedoch erfahrener geworden und würde sich nicht noch einmal wie ein dummer Teenager benehmen.

„Haben Sie schon das Essen bemerkt?“, fragte June, als sie den Speiseraum betraten. „Es sieht köstlich aus.“

Da es das erste Wochenende des Kurses war, hatten sich die Veranstalter besonders viel Mühe gegeben. Auf einem langen Tisch waren zahlreiche Nudelspeisen angerichtet. Dazu wurde eine Vielzahl von Soßen angeboten. Es gab Carbonara, Gnocchi, Caponata, Tortellini und Pansotto und zum Nachtisch Bocconotti, Cassata, Zabaione und Tiramisu. Cathy betrachtete die Speisen mit Kennerblick und freute sich schon auf das Mahl.

Nichts und niemand und schon gar nicht die Erinnerung an Nicolas Lucciano würden sie davon abhalten, eine angenehme Woche zu verbringen.

„Entschuldigen Sie mich, Cathy! Dort drüben ist ein Ehepaar, das ich auf dem Flug kennen gelernt habe. Ich gehe ihnen Guten Tag sagen.“

Cathy nahm ein Glas Wein, hielt es gegen das Licht und kostete dann. Soave, dachte sie, als sie den trockenen und fruchtigen Geschmack wieder erkannte.

„Hallo, Miss Walker! Ich hoffe, Sie sind gut untergebracht, und Ihr Zimmer sagt Ihnen zu. Es ist eines der schönsten hier im Hotel.“

Cathy sah Guilio Savatini lächelnd auf sich zukommen. Er war einer der Organisatoren der Veranstaltung. Mit seinem runden Bauch war er selbst die beste Werbung für die Küche, die er hier vorstellen wollte. „Wunderbar! Ich bin sehr zufrieden“, versicherte Cathy ihm.

„Das Hotel ist vor kurzem renoviert worden. Es ist eines der ältesten der Stadt, und ein Geschäftsmann hat es vor einiger Zeit übernommen, um es wieder zu altem Glanz zu führen. Das hat ihn eine Menge Geld gekostet“, erklärte Guilio.

„Es liegt sehr günstig“, antwortete Cathy. „Die Investition wird sich sicherlich lohnen.“

„Das nehme ich auch an. Der Käufer ist kein Mann, der sich lange mit sinnlosen Projekten aufhält. Er wird übrigens heute Abend vorbeikommen und uns einen Besuch abstatten. Sie wissen, Cathy, dass der erste Kurs morgen um halb zehn beginnt?“

Cathy nickte mit dem Kopf. „Ich habe das Programm erhalten, bevor ich aus England abgereist bin. Jeden Vormittag werden Kochkurse veranstaltet, nicht wahr?“

„Ja, so ist es. Und nach der Mittagspause gibt es dann Besichtigungen. Kommen Sie mit uns?“

Cathy trank einen Schluck Wein und versuchte, ruhig zu bleiben. „Nein, ich glaube nicht. Die Zeitschrift interessiert vor allem der Kochkurs, ich werde mich also ganz auf diesen Teil der Veranstaltung konzentrieren.“

„Ich verstehe“, erwiderte Guilio. „Aber Sie werden einige aufregende Momente verpassen. An mindestens zwei Nachmittagen bleiben wir nämlich in Florenz, um die Schätze hier zu besichtigen.“

Wieder erschauerte Cathy, als sie sich daran erinnerte, wie sie einst einen Nachmittag mit Nic in Florenz verbracht hatte. Sie hatten den Dom besichtigt und die Uffizien, eines der berühmtesten Museen der Welt. Dann waren sie fröhlich über die Piazza del Signoria geschlendert und hatten sich die Andenkengeschäfte angeschaut, die rings um den Platz unter den Arkaden lagen. Cathy hatte sich lachend einen Strohhut aufgesetzt, den Nic ihr sofort gekauft hatte.

„Ich kenne Florenz bereits“, sagte Cathy und versuchte, die Erinnerung zu vertreiben.

Guilio schien nichts besser zu gefallen, als mit jemandem über seine Heimatstadt zu plaudern. „Wirklich? Wann waren Sie das letzte Mal hier?“

„Es ist schon lange her“, erklärte Cathy und spürte, wie ihre Stimme leicht zitterte.

Sie ärgerte sich maßlos über diese kleine Schwäche. Welche Frau würde einem Mann nachweinen, der sie fünf Jahre zuvor zurückgestoßen hatte? fragte sie sich selber. Keine einzige! Außer einer Masochistin. Die meisten Frauen hätten sich doch längst in einen anderen Mann verliebt. Warum also nicht auch ich? stellte sich Cathy immer wieder die gleiche Frage.

Es ist zu lächerlich. Warum höre ich nicht endlich auf, dauernd an Nic zu denken? Es ist doch unmöglich, ihn hier zu treffen, solange ich morgens nur an den Kochkursen teilnehme und nachmittags dann im Hotel bleibe.

Wie alt ist er jetzt? Zweiunddreißig? Oder schon dreiunddreißig? Cathy spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

Mittlerweile waren zahlreiche Teilnehmer des Kurses eingetroffen, und der Speisesaal füllte sich immer mehr. Cathy strengte sich an, freundlich zu lächeln, als sie von einer Gruppe zur anderen ging. Doch plötzlich schien ihr Herz stillzustehen.

Dann kreuzten sich ihre Blicke, und sie erkannte, dass er es wirklich war. Cathy schwindelte, und sie spürte, wie ihr die Knie weich wurden.

„Ah, Signor Lucciano ist angekommen! Darf ich Sie bekannt machen?“ Guilio hatte Cathy eine Hand auf den Arm gelegt und führte sie zu Nic.

„Miss Walker, ich stelle Ihnen Signor Lucciano vor.“

„Das ist nicht nötig, Guilio. Miss Walker und ich kennen uns schon“, sagte Nic scharf. Aus seinen schwarzen Augen warf er der jungen Frau einen eiskalten Blick zu. Cathy war so überrascht, dass sie gar nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Die Erinnerung spielt manchmal Streiche, und oft kommt einem die Vergangenheit schöner vor, als sie in Wirklichkeit gewesen ist, dachte Cathy. Schon oft hatte sie sich gefragt, ob sie nicht vielleicht enttäuscht wäre, wenn sie Nic einmal wiedersehen würde, doch jetzt erkannte sie, dass die Wirklichkeit noch aufregender war als die Erinnerung. Nic war ein umwerfend attraktiver Mann. Seine italienischen Vorfahren hatten ihm die dunklen Augen, das dichte schwarze Haar und die südländische Eleganz vererbt, die Frauen so oft beeindruckte. Seine Gesichtszüge waren fein und regelmäßig und seine zarten Lippen unglaublich verführerisch.

Endlich fand Cathy die Sprache wieder: „Nic, was für eine Überraschung!“ Eine lächerliche Untertreibung, dachte sie. „Das muss ja schon lange her sein“, rief sie mit gespieltem Erstaunen.

„Fünf Jahre“, erwiderte er kühl.

„So lange?“

„Hast du es vergessen?“

Natürlich hatte sie es nicht vergessen. Und es waren nicht fünf Jahre, sondern vier Jahre, zehn Monate und einige Tage, seitdem sie sich das erste Mal gesehen hatten. „Nein, das habe ich nicht“, gab sie zu und bemühte sich zu lächeln, doch Nic schaute sie weiterhin ernst an.

„Das hätte mich auch gewundert“, antwortete er spöttisch. „Auch wenn die Umstände wenig erfreulich waren, erinnert sich eine Frau doch immer an die erste …“

„Auslandsreise?“ Cathy unterbrach ihn zornig. Ihr war das Blut ins Gesicht geschossen. Nic hatte nicht das Recht, so mit ihr zu sprechen. Würde er etwa die Frechheit besitzen, sie hier vor Guilio Savatini zu demütigen?

Nics dunkler Blick flackerte einen Augenblick lang auf, doch zeigte er Cathy deutlich, dass er sie jederzeit vernichten konnte, wenn er es nur wollte. Sie hielt den Atem an, und ihre grünen Augen weiteten sich vor Angst.

„So ist es“, sagte er jedoch schließlich, auch wenn in seiner Stimme keinerlei Sympathie mitklang. „Es waren deine ersten Ferien im Ausland, ich erinnere mich wieder daran.“

Trotz der Erleichterung, die sie bei diesem Satz verspürte, stieg Zorn in Cathy auf. Wie konnte es Nic nur wagen, sie in so eine unangenehme Situation zu stürzen, indem er sie hier vor Guilio an diese Episode ihres Lebens erinnerte? „Ferien ist nicht gerade das richtige Wort, oder? Die meiste Zeit über habe ich für meinen Stiefvater gearbeitet“, erklärte sie.

Wieder lag ein gefährliches Blitzen in seinem Blick. „Die meiste Zeit? Ist das nicht ein bisschen untertrieben? Du hast doch damals rund um die Uhr gearbeitet.“

Cathy runzelte verständnislos die Stirn. Wovon nur in alles in der Welt sprach Nic? Und warum drückte seine ganze Haltung eine so tiefe Missbilligung aus?

„Ich habe für Harry gearbeitet, soviel es ging.“

„Wirklich?“

Die junge Frau versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben, auch wenn sie sich dabei sehr erregte. Sie ballte die Fäuste zusammen, und die Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in die Handflächen. Es waren erst wenige Minuten vergangen, seit sie Nic wiedergesehen hatte, doch schon war es viel schlimmer, als sie es jemals erwartet hatte. Warum macht er mir nur ein so schlechtes Gewissen? fragte sich Cathy. Was auch immer vor fünf Jahren passiert ist, es rechtfertigt doch nicht, dass er mich so erniedrigend behandelt.

Guilio schaute unbehaglich von einem zum anderen. „Als Sie vorhin erwähnten, dass sie schon einmal in Florenz gewesen seien, Miss Walker, hätte ich niemals daran gedacht, dass Sie Signor Lucciano kennen“, sagte er, um die Stimmung ein wenig aufzulockern.

Cathy war froh, ihren Blick von Nics hartem Gesicht abzuwenden und den rundlichen, immer fröhlichen Guilio anzuschauen. „Ich dachte, das tue nichts zur Sache, da ich nicht damit gerechnet hatte, Nic … Signor Lucciano hier zu treffen.“

„Hatte ich Ihnen denn nicht gesagt, dass der Hotelbesitzer vorbeischauen würde?“

„Doch, das hatten Sie, aber was hat das mit Nic zu tun?“ Plötzlich wurde es Cathy klar. „Nic, du bist doch nicht …“

Ein kühles Lächeln spielte um seine Lippen. „Doch, so ist es. Du bist Gast in meinem Hotel.“

Cathy spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Nic war also der Besitzer des Hotels, in dem sie die Woche verbringen würde. War das Schicksal oder Zufall? „Deine anderen Hotels sind aber alle sehr modern, ganz anders als dieses Haus.“

„Gut erkannt!“, erwiderte Nic mit kaum versteckter Ironie.

„Du solltest daran denken, dass ich einige deiner Hotels kenne“, erwiderte Cathy ebenso kühl.

„Oh ja! Aber seitdem hattest du ja so zahlreiche andere Verpflichtungen, dass du dich vielleicht nicht mehr an alles erinnerst.“

Sein durchdringender Blick und seine geheimnisvollen Andeutungen brachten Cathy völlig durcheinander. Sie fühlte sich beinah angegriffen.

„Dies ist das einzige Hotel, das ich im Zentrum von Florenz besitze. Ich hatte einen besonderen Grund für den Kauf“, sagte Nic.

Cathy hatte auf einmal das Gefühl, sich in einer Parodie des Filmes Casablanca zu befinden, und wäre fast vor Lachen laut herausgeplatzt. Doch zwang sie sich, ernst zu bleiben und Nic anzusehen. „Der Aufzug kam mir bekannt vor. Ist es nicht der Gleiche wie in Castel di Bellano?“

Nic zog die Augenbrauen zusammen. „Wieso weißt du es noch so genau? Weil der Fahrstuhl so außergewöhnlich ist oder weil er andere Bilder in dir wachruft?“

Wieder schoss Cathy das Blut ins Gesicht. Nic hatte sie früher einmal in diesem Lift geküsst. Doch das war mehr als eine Untertreibung. Er hatte ihren ganzen Körper genommen, sie umschlungen, in seine Arme gedrückt, und sein leidenschaftlicher Kuss hatte ihr fast den Atem geraubt.

Die junge Frau biss sich heftig auf die Lippen, um die Gedanken an diesen aufregenden Moment zu verscheuchen.

„Seine Ausstattung ist einmalig, glaube ich“, gab sie zurück. „Deswegen ist es kein Wunder, dass ich mich daran erinnere.“

„Und alles andere hast du verdrängt?“

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte Cathy kurz angebunden.

Nic musterte sie prüfend. „Also, was treibt dich nach Florenz? Hast du dich auch bei diesem Kochkurs eingeschrieben?“

„Nein, ich berichte davon für meine Zeitschrift.“

„Deine eigene Zeitschrift?“

„Nein, natürlich nicht. Ich arbeite für sie.“ Cathy fühlte, wie sie verlegen wurde.

„Und wie heißt diese Zeitschrift?“

Sie schluckte. „Wahrscheinlich hast du niemals von ihr gehört. Sie heißt Cuisine for Cooks. Wir machen eine Reportage über diese Veranstaltung. Eigentlich sollte ich gar nicht kommen, aber eine meiner Kolleginnen hat sich ein Bein gebrochen, und so vertrete ich sie.“

Cathy sprach viel zu viel und viel zu schnell. Es gelang ihr kaum, ihre innere Aufregung zu verbergen. Das ist doch nicht zu glauben, sagte sie sich. Ich stehe hier mit Nic in seinem Hotel zusammen, und wir plaudern über Zeitschriften und Kochkurse, als sei nie etwas zwischen uns gewesen. Wie macht er es nur, so unbeteiligt und kühl zu wirken?

„Das ist ja sehr anständig von dir. Du warst ja schon immer sehr gewissenhaft in deiner Arbeit.“ In Nics Stimme lag unverhohlener Spott. „Und dein Verhalten scheint sich nicht geändert zu haben, im Gegenteil!“

Warum nur tut er das? fragte sich Cathy wieder. Warum gibt er dem Wort Verhalten einen Klang, als ob es unanständig sei?

„Seit wann arbeitest du für diese Zeitschrift?“

Diese direkte Frage ließ Cathy aus ihren Gedanken auffahren. „Seit über vier Jahren.“

„Du arbeitest also nicht mehr für deinen Stiefvater?“

Cathy runzelte die Stirn. „Ich habe niemals für ihn gearbeitet. Nur einmal habe ich ihm im Sekretariat ausgeholfen.“ Nic wusste das natürlich noch genau, doch wieder spielte ein kühles Lächeln um seine Lippen.

„Das meinte ich nicht.“

„Ich verstehe nicht, was du sagen willst.“

„Wirklich? Ich habe nur auf Harrys merkwürdige Arbeitsmethoden angespielt.“ Als Cathy ihn weiterhin verständnislos ansah, fügte er hinzu: „Entschuldige mich bitte! Dort drüben ist jemand, den ich begrüßen muss.“ Ohne eine weitere Erklärung ließ er sie stehen. Die junge Frau starrte ihm einen Augenblick lang sprachlos nach. Sie musste jetzt dringend nach draußen an die frische Luft, sonst würde sie noch explodieren und Nic Lucciano Schimpfwörter nachrufen.

„Signor Savatini …“

„Guilio, ich bitte Sie.“

Cathy schluckte. Sie war jetzt wirklich nicht in der Stimmung, Freundlichkeiten auszutauschen. „Guilio, entschuldigen Sie mich bitte! Ich weiß, wir haben noch nicht gegessen, aber ich habe eine fürchterliche Migräne. Die Reise war sehr lang und anstrengend, und ich werde mich früh zurückziehen.“

„Migräne?“, wiederholte Guilio fragend.

Mal di testa?“

„Ah, Kopfschmerzen!“, verstand der Italiener. „Möchten Sie wirklich nichts essen? Vielleicht würde es Ihnen gut tun.“

Doch schon der Gedanke ans Essen ließ Cathy schlecht werden. „Nein, vielen Dank! Ich denke, nur Schlaf kann mir jetzt noch helfen. Entschuldigen Sie mich, wir sehen uns ja morgen wieder!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich Cathy um und stürzte aus dem Speisesaal.

2. KAPITEL

In ihrem Zimmer warf Cathy den Koffer auf das Bett und ging auf den kleinen Balkon hinaus, um einen Blick über den Garten hinter dem Hotel zu werfen. Im fahlen Mondlicht zeichnete sich die berühmte Silhouette von Florenz ab, die von der mächtigen Kuppel des Domes beherrscht wurde. In der Ferne hörte sie das Rauschen des nächtlichen Verkehrs, doch kreisten all ihre Gedanken nur um die letzte Viertelstunde, die sie bis ins Innerste aufgewühlt hatte …

Vor allem machte ihre eigene Reaktion sie nachdenklich. Sie hatte ihn nicht beschimpft, ihn nicht geschlagen, ihn nicht einmal kühl links liegen gelassen. Nichts von dem, was sie sich vorgestellt hatte, falls sie ihn jemals wieder treffen würde, hatte sie getan. Trotz des großen Zorns, den Cathy empfunden hatte, hatten sie einige belanglose Sätze ausgetauscht, und die junge Frau hatte ertragen müssen, wie er sie musterte und zynische Bemerkungen machte, ohne sich zu wehren.

War es vielleicht besser so? versuchte sich Cathy einzureden. Und doch hatte sie das Gefühl, betrogen worden zu sein. Betrogen um die Möglichkeit, Nic endlich all den Ärger, den Schmerz und die Erniedrigungen heimzuzahlen, unter denen sie seit fünf Jahren gelitten hatte.

An der Hotelwand rankten sich wilde Rosen empor, und Cathy atmete tief den betörenden Duft der Blüten ein. Doch auch dieser Duft erinnerte sie wieder an damals, da die gleichen Pflanzen ebenfalls in Castel di Bellano wuchsen.

Cathy ärgerte sich über sich selber. Lange Zeit hatte sie alle Gedanken an diesen Ort aus ihrem Gedächtnis verbannt, doch heute dachte sie schon zum dritten Mal daran zurück. Auch wenn sie sich noch so sehr bemühte, die Erinnerung wollte nicht verblassen. Immer wieder schoben sich Bilder von Castel di Bellano in ihre Überlegungen, so als wäre der Schutz, den sie selber mit größter Mühe errichtet hatte, heute vollkommen zusammengebrochen. Die wunderbare Landschaft … Nics Haus … der Raum, in dem sie sich das erste Mal gesehen hatten …

Es erschien ihr wie pure Ironie, dass sie damals, als Naomi, ihre Mutter, ihr vorgeschlagen hatte, Harry auf eine Reise nach Italien zu begleiten, zunächst gar nicht gewollt hatte. Später natürlich wünschte sie noch viel mehr, dass sie niemals nachgegeben hätte.

Es war eigentlich keine Ferienreise gewesen, sondern eine Geschäftsreise ihres Stiefvaters, auf der er mit Nic verhandeln wollte. Harry und Nic hatten ein Projekt für eine gemeinsame Hotelkette an der Mittelmeerküste, und Harry würde viel in Italien herumreisen, sich die möglichen Bauplätze anschauen und mit Nic über die finanziellen Details diskutieren.

Zwei Tage bevor er die Reise antreten sollte, wurde seine Sekretärin krank, und er stand plötzlich ohne Assistentin da. Als Naomi ihrer Tochter vorschlug, mit Harry zu reisen, fand Cathy die Idee zunächst nicht besonders einladend, da sie sich mit ihrem Stiefvater nicht sehr gut verstand und die Aussicht, zwei Wochen gemeinsam mit ihm zu verbringen, sie nicht gerade erfreute. Und obwohl sie eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen hatte, würde sie ihm sicher keine große Hilfe sein können. Als seine Assistentin würde sie sicherlich eher eine Belastung als eine Stütze sein.

„Kann er nicht kurzfristig eine andere Sekretärin einstellen?“, hatte Cathy ihrer Mutter vorgeschlagen.

„Du weißt, dass er nicht gut mit neuen Mitarbeitern auskommt“, hatte Naomi erwidert. „Und in der kurzen Zeit, die noch bleibt, kann sich niemand einarbeiten.“

„Aber ich kenne seine Arbeit auch nicht gut. Es wäre doch wirklich klüger, wenigstens eine fähige Sekretärin zu beschäftigen.“

Cathys Mutter schaute sie sorgenvoll an. „Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen“, fuhr sie leise fort. „Aber Harrys Geschäfte gehen in letzter Zeit nicht besonders gut. Deswegen ist ihm der Vertrag mit Lucciano so wichtig. Eine Sekretärin einzustellen, um zwei Wochen im Ausland zu arbeiten, ist sehr teuer, und im Moment hat er nicht das Geld dafür.“

Diese Neuigkeit war wie ein Schock für Cathy, da sie sich niemals vorgestellt hatte, dass es finanzielle Probleme in der Familie geben könnte.

„Harry hat es selber vorgeschlagen. Er hat mich gebeten, dich zu fragen.“

Doch die letzten Worte ihrer Mutter ermutigten Cathy erst recht nicht, mit ihrem Stiefvater nach Italien zu reisen. Sie hatte das Gefühl, Alarmglocken läuten zu hören, und beharrte auf ihrer Weigerung. „Kann denn nicht jemand aus seinem Büro …?“

Naomi schaute sie tadelnd an. „Wirklich, Cathy, ich hätte von dir ein wenig mehr Unterstützung erwartet. Ist es denn zu viel verlangt? Und außerdem hast du nichts anderes vor. Die Prüfungen liegen hinter dir, und du hast doch einen Ferienjob gesucht …“

„Aber ich hatte eigentlich vor …“

Cathys Stimme brach ab, als das Mädchen die Tränen ihrer Mutter sah. „Nach allem, was Harry für uns getan hat, wie kannst du nur so undankbar sein und ihm diesen kleinen Gefallen nicht tun? Gott weiß, dass wir ohne Geld und Heim dastehen würden, wenn er sich nicht um uns gekümmert hätte!“

Das war eine kleine Übertreibung, wie Cathy wusste. Ohne Harry wären sie nicht gerade reich, doch ihr Vater hatte für sie vorgesorgt. Natürlich hätte es nicht für die Kosmetikstudios gereicht oder die neueste Mode, die Naomi jedes Jahr kaufen musste, doch verhungert wären sie sicher nicht.

Gleich danach jedoch bedauerte Cathy diesen Gedanken und schämte sich darüber, dass sie sich so wenig erkenntlich zeigte. Ihre Mutter war eine gut aussehende Frau und hatte schließlich das Recht, sich schick anzuziehen, vor allem nach dem, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hatte.

Als ihr Vater sie vor einigen Jahren verlassen hatte, hatte Cathys Mutter lange an der Seite ihrer Tochter geweint und sich immer wieder gefragt, warum es ausgerechnet sie getroffen hatte. Warum nur war ihr Ehemann zu einer anderen Frau gegangen, die nicht einmal jünger oder schöner war? Naomi konnte das einfach nicht verstehen. Die andere Frau hatte doch etwa das gleiche Alter, was also hatte sie mehr als Naomi? Auch Cathy verstand es nicht. Sie fand ihre Mutter so schön wie eine seltene, exotische Pflanze. Welchen Grund nur gab es dafür, dass ihr Vater weggegangen war?

Erst Jahre später hatte die junge Frau erkannt, wie eng das Leben in dem Haus ihrer Mutter gewesen war. Als sie sechs Monate nach der Scheidung Harry geheiratet hatte, hatte Cathy alles getan, um ihre Missbilligung zu verbergen. Er war ein eingebildeter Mann, der von sich selbst nur das Beste dachte, ganz das Gegenteil ihres sensiblen, intelligenten Vaters. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was ihre Mutter an diesem Mann anzog. Sie hatte ihn niemals wirklich lieb gewonnen, aber sie versuchte, mit ihm zusammenzuleben, ohne dass es zu viele Probleme gab. Cathy hatte das Gefühl, es ihrer Mutter zu schulden.

Genauso, wie sie auch dachte, ihrer Mutter zuliebe mit Harry nach Italien reisen zu sollen. Wenn es ihr wirklich so viel bedeutete, wie konnte sie dann so hartherzig sein und es ihr abschlagen?

So kam es, dass Nic Harry und seine Stieftochter zu sich nach Hause einlud in sein Haus in Castel di Bellano in der Umgebung von Florenz. Und auch jetzt noch, nach all den schmerzlichen Erfahrungen, die sie dort gemacht hatte, dachte Cathy, dass das Castel eines der schönsten Gebäude sei, die sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte.

Harry und Cathy kamen am frühen Abend an und sahen, wie die alten Steine der Toskana in der untergehenden Sonne aufleuchteten. Das Haus ähnelte mit seinen vielen Türmen und Erkern eher einer mittelalterlichen Burg als einem modernen Wohngebäude.

Ihr Gastgeber war leider nicht anwesend, als sie dort vorfuhren. Ein dringendes Problem auf einer seiner Baustellen hatte ihn in letzter Minute gezwungen, das Haus zu verlassen. Ein Angestellter überbrachte Harry Nics Entschuldigung und kündigte an, dass der Hausherr zum Abendessen um acht Uhr erwartet werde.

Cathy machte sich keine Gedanken darum, da sie es nicht eilig hatte, Nic Lucciano kennen zu lernen. Er war einer von Harrys Geschäftspartnern, das war alles. Wenn sie überhaupt an ihn dachte, stellte sie sich ihn ungefähr genauso vor wie ihren Stiefvater. Ein schon älterer Geschäftsmann mit Brille und Bauch …

Der Duft der Kletterrose betörte Cathys Sinne und ließ sie wieder an den ersten Abend denken, den sie in Nics Haus verbracht hatte. Neunzehn Jahre war sie alt gewesen, als sie dort auf dem Balkon gestanden und über die hügelige Landschaft geblickt hatte, die leuchtend im Abendlicht vor ihr lag. Sie hatte den herrlichen Duft der Pflanzen eingeatmet und in der Ferne eine Drossel singen hören.

Sie hatte sich bereits für das Abendessen umgezogen und trug ein enges schwarzes Kleid, das ihren Körper betonte. Ihre Mutter hatte es ihr für die Reise gekauft. Dazu trug sie eine lange Halskette, an der der einzige Edelstein, den sie besaß, auf ihrer Brust lag.

Als sie auf die Uhr schaute, bemerkte sie, dass es schon kurz vor acht war. Schnell lief sie aus ihrem Zimmer und klopfte bei Harry an.

„Herein!“, rief ihr Stiefvater.

Cathy trat ein und sah Harry auf der Bettkante sitzen. Sein Haar war noch nass, und er trug das gleiche Hemd wie am Tag. Nervös machte er sich an den Manschettenknöpfen zu schaffen.

„Es ist gleich acht Uhr“, erinnerte ihn Cathy an die Verabredung.

Harry warf seiner Stieftochter einen musternden Blick zu und zuckte dann mit den Schultern. „Ich bin in ein paar Minuten fertig. Wenn du bereit bist, geh doch schon hinunter und plaudere ein wenig mit Nic!“

„Ich warte lieber auf dich“, erwiderte Cathy, da die Aussicht, sich mit einem Unbekannten zu unterhalten, sie abschreckte.

„Unfug!“, bestand Harry auf seinem Vorschlag. „Es würde nicht gut aussehen, wenn wir beide zu spät wären.“ Dann machte der Mann eine dieser wegwerfenden Gesten, die Cathy noch niemals gemocht hatte. „Er wird schon nicht beißen.“

Obwohl sich die junge Frau unwohl fühlte, ging sie hinab in die große Eingangshalle, doch fragte sie sich dort, welche der vielen Türen wohl die richtige sei. Sie öffnete die erstbeste Tür und betrat einen weiten Raum, an dessen Wände zahlreiche Porträts hingen. Cathy bestaunte die Großartigkeit des Zimmers, ließ ihren Blick über die Gemälde schweifen und bemerkte zunächst den Mann gar nicht, der in der Nähe eines riesigen Kamins stand. Als sie ihn sah, schrak sie auf.

„Wer sind Sie?“, stieß sie hervor.

Der Mann runzelte ironisch die Stirn, da er es offensichtlich nicht gewohnt war, dass man ihn so ansprach. „Ich bin Nic Lucciano, und Sie?“

Das kann doch nicht wahr sein, dachte das Mädchen, als es den Unbekannten näher betrachtete. Er sah gar nicht wie ein Geschäftsmann aus. Jedenfalls nicht so, wie sich Cathy einen vorstellte. Keine Spur von Bauch oder Brille oder müder Körperhaltung. Nic glich vielmehr einem Prinzen, der direkt aus einem ihrer Träume entsprungen zu sein schien.

Autor

Liza Hadley
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