Führen Sie mich in Versuchung, Conde Rodrigo!

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Ist er ein spanischer Adliger? Von ihrem Turmzimmer aus beobachtet die schöne Prinzessin Leonor heimlich einen breitschultrigen Ritter in einem kostbaren Gewand. Er ist in Ketten, offenbar ein Gefangener. Plötzlich schlägt ihr Herz schneller! Denn bei diesem verstohlenen Blick auf den Conde Rodrigo Alvarez verspürt die behütete Tochter des tyrannischen Sultans Al-Andalus, wie in ihr eine süße Sinnlichkeit erwacht. Bis in die düsteren Verliese des Palastes dringt sie auf der Suche nach Rodrigo vor, lässt sich von ihm einen Kuss rauben – obwohl der geliebte Edelmann der Todfeind ihres Vaters ist!


  • Erscheinungstag 07.03.2023
  • Bandnummer 384
  • ISBN / Artikelnummer 0814230384
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

1. KAPITEL

1396 – Burg Salobreña im Kalifat Al-Andalus – Ein Wachturm mit Blick auf den Hafen

Die älteste der drei Prinzessinnen aus dem Geschlecht der Nasriden wurde von rebellischen Gefühlen beherrscht. Heute wollte sie lieber bei ihrem spanischen Namen gerufen werden als bei ihrem maurischen; heute war sie Prinzessin Leonor. Und obwohl von ihr erwartet wurde, dass sie auf den mit Quasten verzierten dicken Kissen, die vor dem vergitterten Fenster aufgehäuft waren, ihre Siesta hielt, lag ihr nichts ferner als ein Mittagsschlaf.

Die beiden anderen Prinzessinnen schlummerten neben ihr. Den Anordnungen des Sultans hatten sie es zu verdanken, dass die durchbrochenen hölzernen Fensterläden des Frauengemachs fest geschlossen waren, obwohl nur ein schwaches Lüftchen wehte, welches es nicht durch das Gitterwerk schaffte. Im Zimmer war es so heiß, dass man kaum atmen konnte.

Leonor hob ihren Schleier an, um sich damit Luft zuzufächeln, wobei ihre mit Rubinen und Perlen besetzten Armreifen sanft klirrten. Mit jedem Atemzug funkelten die Edelsteine, die den Saum des feinen Gewebes schmückten, wie Feuerlibellen und ließen winzige regenbogenfarbige Lichtflecken auf den Bodenfliesen tanzen. Leonor zog die Stirn kraus angesichts der flüchtigen farbigen Reflexe; des geschwungenen Rankenmusters, das die Wände verschönerte; und des Schriftzugs, der um den Türbogen herumzufließen schien. „Es gibt keinen Sieger außer Gott“, stand dort geschrieben. Die Falten auf Leonors sonst so glatter Stirn vertieften sich. Als ob sie und ihre Schwestern diese Worte jemals vergessen würden. Denn „Kein Sieger außer Gott“ war der Leitspruch der Nasriden-Dynastie.

Wir wohnen in einem Gefängnis. Unser Vater hat uns hier am äußersten Ende seines Herrschaftsbereichs eingesperrt. Werden wir jemals in Freiheit leben können?

Es juckte Prinzessin Leonor in den Fingern, sich den Schleier vom Gesicht zu reißen, doch das hatte ihr Vater, der Sultan – mochte er gesegnet sein – verboten. Keinesfalls durften die drei Prinzessinnen das Risiko eingehen, ihr Antlitz womöglich unverhüllt fremden Blicken preiszugeben.

Der Sultan war der einzige Mann, der ihre Gesichter kannte, denn allen anderen, die handverlesenen Wächter vor den Türen zu ihren Gemächern eingeschlossen, war es verboten, sie anzusehen. Die drei jungen Frauen sollten in jeder Hinsicht unsichtbar sein, und manchmal fühlte Prinzessin Leonor sich, als existiere sie im Grunde gar nicht; als sei sie während der Dauer eines Lidschlags aus dem Blickfeld des Lebens geraten, wie eine wirkliche Feuerlibelle dem Blick eines Betrachters urplötzlich entschwinden konnte.

Seufzend griff sie nach ihrem Fächer. Seit einer schieren Ewigkeit hatten sie und ihre Schwestern nichts von ihrem Vater gehört, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er beabsichtigte, sie für immer vor der Welt wegzusperren. Der Gedanke, ihr ganzes Leben in einem juwelengeschmückten Käfig zu verbringen, war ihr unerträglich; sie ersehnte eine grundlegende Änderung ihrer Lebensumstände.

Vielleicht kam es ihr zu, für diese Veränderung zu sorgen, weil sie die älteste der drei Nasriden-Prinzessinnen war, die als Drillinge innerhalb weniger Stunden nacheinander zur Welt gekommen waren.

Trotz der heißen Zimmerluft atmete sie tief durch und betrachtete durch ihren Schleier hindurch die Sonnenstrahlen, die durch die sternförmigen Durchbrüche des verzierten Fensterladens fielen und in deren Licht das eine oder andere Stäubchen tanzte. Leonor verabscheute das Gitterwerk, das dazu diente, die jungen Frauen gegen fremde Blicke abzuschirmen. Ein schneller Schatten glitt darüber hin, der wohl von einer Möwe oder gar einem Adler stammen mochte. Doch es war zu heiß, als dass sie sich bewegen wollte, um nachzuschauen.

Wenn ich den hölzernen Laden öffne, kann ich zum Hafen hinuntersehen.

Nicht, dass sich das für des Sultans Tochter gehört hätte. Eine nasridische Prinzessin durfte sich nicht aus dem Turmfenster hinauslehnen und damit zur Schau stellen.

Doch die unerträgliche Hitze gab ihr das Gefühl, sie würde schmelzen, und sie rang mit der Versuchung, den Fensterladen einen winzigen Spalt aufzumachen, sodass eine frische Meeresbrise hereinwehen konnte. Der Riegel, den weder sie noch ihre Schwestern öffnen durften, war nur eine Armlänge entfernt, und sie streckte die Hand aus und berührte das aufgeheizte Metall.

Noch zögerte sie, während das Bild der Burgmauern, die sich über steile Felsen zum Meer hinunterzogen, vor ihrem inneren Auge aufstieg. Das wie ein Pavillon ausgebaute Zimmer thronte hoch auf einem abgeschieden liegenden Turm und bot einen Ausblick über den Hafen. Sie vermutete, dass das Fenster sich außerhalb des Sichtfelds der Wachen befand. Wer also würde es sehen, wenn sie den Fensterladen öffnete?

Und blickte tatsächlich jemand vom Quai aus in ihre Richtung, sähe er nichts als die Silhouette einer verschleierten Frau.

Also hob Leonor den Riegel an und drückte gegen den hölzernen Laden, sodass er aufschwang. Sofort drangen Licht und Geräusche ungedämpft herein: das Geschrei eines Esels, das Kreischen der Möwen und das Knarren der Schiffstaue. Ihr Herz schlug schneller, während sie sich unter dem Rascheln ihrer seidenen Gewänder auf die Knie erhob. Die Ellbogen auf die Laibung gestützt, lugte sie hinaus.

Wie spielerisch verfing der Wind sich in ihrem Schleier, und die Luft roch nach Salz und Fisch. Durch den dünnen Schleier hindurch konnte sie erkennen, dass weiter unten, am Hafen, das Leben pulsierte. Dass die ganz normalen Menschen dort sich, anders als sie, frei im Königreich ihres Vaters bewegen durften, faszinierte sie.

Etwas weiter draußen auf dem Meer zog ein Schiff seine stete Bahn über das Wasser. Die Sicht von ihrem Schleier behindert, erkannte Leonor kaum Details, sondern nur die äußere Form und die windgeblähten Segel. Sogar kleinere Wellen waren durch den Stoff vor ihrem Gesicht kaum auszumachen.

Die Kehle war Leonor wie ausgedörrt, und sie ertrug den Schleier nicht länger. Mit zusammengebissenen Zähnen, halb darauf gefasst, dass der Himmel auf sie niederstürzen würde, ergriff sie den Saum ihres Schleiers und zog ihn sich mit einem Ruck vom Kopf.

Der Himmel blieb, wo er hingehörte, doch blendete das grelle Licht sie nun so stark, dass sie blinzeln musste.

Das metallisch glänzende Meer schien sich in unendliche Weiten zu erstrecken. Die Sonne glitzerte auf der gleichförmigen Dünung und warf ihren goldenen Glanz auf die grünen Wedel der Palmen. Doch am köstlichsten war die landeinwärts wehende Brise, welche die Wangen der Prinzessin liebkoste. Die Berührung des Windes war kühl und schien direkt aus dem Paradies zu kommen. Unendlich besser als alles, was Leonors unzulänglicher Fächer zu leisten vermochte, war sie wie eine Segnung. Und als eine Böe sich in ihren Haaren verfing und wie mutwillig mit einem Ruck eine festgesteckte Locke befreite, vermochte sie kaum noch, ein entzücktes Auflachen zu unterdrücken.

Unten auf dem Wehrgang kündete der dumpfe Tritt schwerer Stiefel warnend davon, dass ein Wächter sich auf seiner Runde näherte. Aus Furcht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, schlug Leonor sich die Hand vor den Mund und enthielt sich jeder Bewegung. Doch klopfte ihr Herz im Gleichschritt mit den schweren Schritten, weil der Mann sich beim kleinsten Geräusch wohl weit über die Zinnen gebeugt und sie entdeckt hätte. Zu ihrem wie zu seinem Besten durfte das nicht geschehen, doch vermochte sie nicht, ihre Augen von der Hafenansicht loszureißen. Die Welt wenigstens dieses eine Mal ohne Schleier unverfremdet betrachten zu können, gab Leonor ein himmlisches Gefühl.

Gerade war ein großes Schiff an den Docks gelandet, wo die Fracht entladen wurde. Auf den zweiten Blick hin entpuppte die Ladung sich als eine lange Reihe mit Ketten aneinandergefesselter Männer, die jetzt den Landungssteg entlangzogen.

Leonor lief es kalt den Rücken hinunter. In Ketten. War das etwa ein Sklavenschiff? In der Burg gab es einige Sklaven, die jedoch gut behandelt wurden. Nie zuvor aber hatte Leonor gesehen, dass Menschen auf diese Art aneinander gekettet wurden, und sie war erschüttert.

Sie bedauerte die armen Männer, die offenbar von ihren Wärtern roh misshandelt worden waren, denn sie wiesen Blutergüsse und Verletzungen auf. Ein kräftig wirkender Gefangener in einer karmesinroten Tunika kümmerte sich um einen anderen, der aussah, als könne er sich kaum bei Bewusstsein, geschweige denn auf den Füßen halten. Dieser schlimm zugerichtete Mann stolperte mit letzter Kraft unter dem Gewicht seiner Ketten vorwärts und konnte sich allein aufgrund der Hilfe seines Freundes aufrecht halten. Zu der verstörenden Szene in seltsamem Widerspruch stand die bemerkenswert gute Garderobe der Gefangenen.

Leonors Blick wurde zu dem Mann in Rot zurückgezogen, in dessen welligem braunen Haar der Wind spielte. Er war hochgewachsen, größer als seine Gefährten, und besaß starke breite Schultern. Als sie ihn genauer betrachtete, kam ihr das Wort „Krieger“ in den Sinn, obwohl sie einen solchen nie von Nahem gesehen hatte. Ihr Vater, der König – mochte er ewig leben –, hätte das niemals erlaubt. Doch gab dieser Mann mit seinem auffallend kräftigen Körperbau das Idealbild eines Kämpfers ab.

Als an seiner Hand etwas golden in der Sonne aufblitzte, weiteten sich Leonors Augen vor Staunen, denn offenbar trug er einen kostbaren Ring, den ihm seine Häscher gelassen hatten. Nun bemerkte sie auch, dass seine Tunika mit Goldfäden bestickt war und dass es auch bei seinen Nebenmännern Anzeichen von Reichtum gab. Die Gürtelschnalle eines ebenfalls verwundeten Mannes in einer blauen Tunika glänzte wie reines Silber, und auch an einer Hand des Verletzten steckte ein goldener Ring. Diese drei ähnelten eher Prinzen als Sklaven. Sie verstand nicht, warum man sie in Ketten gelegt hatte.

Vom Kai her drangen wütende Stimmen zum Turmzimmer hoch. Ein Aufseher ließ seine Peitsche knallen, und Leonor biss sich bekümmert auf die Lippe, als ein qualvolles Ächzen ihre Ohren erreichte. Dann taumelte der Verletzte, sodass die Ketten zwischen allen Gefangenen sich ruckweise spannten und die Reihe zu einem abrupten Halt kam.

Vor Mitgefühl vergaß Leonor, wo sie sich befand, und lehnte sich weit aus dem Fenster. In diesem Moment war sie nicht länger Prinzessin Leonor, die wissen müsste, dass sie ihr Gesicht nicht zeigen durfte. Sondern sie war schlicht eine gutherzige junge Frau, die diesem Grobian von einem Seemann einen finsteren Blick zuwarf, weil er einen Mann, der kaum noch stehen konnte, auch noch auspeitschte.

Sie war nicht die Einzige, die erzürnt war, denn als der Bewacher die Peitsche ein zweites Mal hob, griff der gutgewachsene Gefangene in Rot ein.

Vor Aufregung grub Leonor sich die Nägel in die Handflächen, während das Gesicht des Mannes, der so sehr ihrer Vorstellung von einem Krieger entsprach, aus Zorn dunkelrot anlief und er sich schützend vor den Verletzten stellte. Als die Peitsche erneut wie eine Schlange durch die Luft zischte und ihn mit hartem Schlag traf, gab er keinen Laut von sich, sondern verkörperte weiter das Bild eines ergrimmten und stolzen Kämpfers. Leonor musste bei seinem Anblick schlucken, denn sogar zornentbrannt sah er umwerfend gut aus. Dieser Mann war alles andere als ein Sklave.

Wer waren diese Männer?

Plötzlich fiel ihr ein, was ihre alte Kinderfrau Inés erst kürzlich einer Bediensteten zugeraunt hatte. Die Rede war von spanischen Adligen gewesen, die langsam die Grenzen zwischen Spanien und dem Territorium ihres Vaters demontierten. Es hatte Scharmützel und Gefangene gegeben.

Gedankenverloren starrte Leonor zum Kai hinunter. Diese Männer waren wohl Geiseln, für die man ein gutes Lösegeld erwartete. Ihr Vater – Friede sei mit ihm – war offenbar dem benachbarten Königreich Kastilien wieder einmal die fällige Tributzahlung schuldig, die als ein Zeichen guten Willens vom Sultan von Al Andalus an das spanische Königshaus zu entrichten war. Ironischerweise hinderte das ihren Vater nicht daran, spanische Edelleute gefangen zu nehmen, um mit dem für sie bezahlten Lösegeld ebendiesen Tribut zu entrichten.

Das Rascheln von echter Granada-Seide, das sich hinter ihr erhob, kündete davon, dass ihre Schwestern erwacht waren.

„Leonor, dein Schleier!“, wies Prinzessin Alba sie zurecht. „Tritt sofort vom Fenster zurück!“

Leonor warf einen Blick über die Schulter. „Wenn ihr euch weit genug hinauslehnt, könnt ihr den Hafen sehen“, sagte sie wie beiläufig.

„Aber dein Schleier! Wenn Vater das erfährt!“

Die jüngste der Prinzessinnen, Constanza, kam neben Alba auf die Füße. „Willst du unseren Vater verärgern? Inés hat uns gewarnt …“

Mit einer ungeduldigen Handbewegung unterbrach Leonor ihre Rede. „Vergiss den dummen Schleier. Niemand in der Burg hat Sicht auf dieses Fenster, es sei denn, er könnte um die Ecke blicken.“ Damit winkte sie die anderen beiden zu sich heran. „Eine Galeere hat angelegt und brachte Männer mit, die wohl bei den Grenzkämpfen gefangengenommen wurden.“

Prinzessin Alba schnappte nach Luft. „Spanische Ritter? Hier in Salobreña?“

Prinzessin Constanza verschlug es einfach nur die Sprache.

Leonor lächelte in sich hinein. Die Mutter der drei Sultanstöchter war eine spanische Edelfrau gewesen, und ihre Schwestern waren ebenso darauf erpicht, etwas über Kastilien zu erfahren, wie sie selbst. Denn tragischerweise war die Königin schon vor dem dritten Geburtstag ihrer Töchter verstorben, weshalb diese sich kaum noch an sie erinnern konnten.

In ihrem Gedächtnis bewahrte Leonor das verblassende Bild einer dunkeläugigen Dame, die sie an der Hand hielt und ihr mit sanfter Stimme Wiegenlieder vorsang. Und manchmal bildete sie sich ein, das Flüstergeräusch der mütterlichen Seidenpantoffeln auf marmornem Boden oder das leise Klirren ihrer goldenen Armreifen zu vernehmen. Solche vagen Erinnerungen weckten immer wieder ihre Wissbegier auf den spanischen Anteil des kulturellen Erbes, welches sie und ihre Schwestern durch den Verlust der Mutter eingebüßt hatten.

Ihre Mutter war eine Unfreie gewesen, die der Sultan einst zu seiner Favoritin erkoren und zu seiner Königin gemacht hatte. Leonor hätte viel dafür gegeben, etwas über das Leben vor ihrer Gefangennahme zu erfahren.

Das Einzige aber, was Inés, ihre ehemalige Kinderfrau und jetzige dueña, also Anstandsdame, ihnen anvertraut hatte, war der Name ihrer Mutter: Doña Juana. Inés war auch ihre dueña gewesen und hatte sie als ihre Erzieherin heranwachsen sehen, bevor beide zusammen vom Sultan geraubt worden waren. Nach dem Tod der Königin waren die kleinen Prinzessinnen dann Inés anvertraut worden, die sich aber leider verschlossen gab und Angaben zu Doña Juanas Geburtsort wie auch zu deren vollem Namen verweigerte. Offenbar hatte sie dem Sultan Stillschweigen gelobt und gehorchte womöglich aus Angst.

Leonor aber fragte sich häufig, aus welcher Familie ihre Mutter stammte und ob sie sich jemals um ihre Heimkehr bemüht hatte. Sie hätte auch gern gewusst, ob die Königin sich in ihrer Rolle leicht zurechtgefunden hatte, die der Sultan ihr ungefragt aufgedrängt hatte.

„Spanische Ritter?“ Zaghaft machte Alba einen Schritt auf ihre große Schwester zu.

„Überzeuge dich selbst! Vom Fenster aus kannst du alles gut sehen.“

Besorgt faltete Alba die Hände. „Leonor, wenn du das Schiff und den Kai so gut sehen kannst, folgt daraus zwingend, dass du von dort auch erkannt wirst. Leg sofort den Schleier wieder an!“

Schulterzuckend wandte Leonor sich wieder dem Ausblick zu. „Die Leute im Hafen wissen nichts von uns und dem Gebot unseres Vaters über die Verschleierung. Auch sind wir viel zu weit entfernt.“

Damit lehnte sie sich unbekümmert hinaus und beobachtete weiter die aneinandergeketteten Männer, im Besonderen den Mann in Rot, der seinen Freund stützte, während dieser den Kai entlanghumpelte. Ohne zu wissen warum, war sie von seinem Anblick auf solch beunruhigende Weise gefesselt, dass sie kaum bemerkte, wie erst Alba und dann auch Constanza sich neben sie knieten. Die beiden, offensichtlich weniger rebellisch gestimmt als sie selbst, legten zumindest ihre dichten Schleier nicht ab, als sie sich neugierig über die Fensterlaibung lehnten.

Mitleidig seufzte Alba auf. „Einer ist schwer verwundet.“

„Ja, der Mann in der grünen Tunika.“

„Es ist ein Glück, dass er Freunde bei sich hat“, bemerkte Alba und schluckte. „Alle drei sind recht stattlich, meint ihr nicht?“

Bei ihren Worten stieg Leonor die Hitze in die Wangen, und sie lachte verhalten. „Gewiss. Nicht, dass ich dahingehend Erfahrungen aufweisen könnte.“

„Ich wüsste gern, wer sie wohl sind.“

„Inés erwähnte kriegerische Auseinandersetzungen an der Grenze“, flüsterte Leonor, „weshalb ich sie für spanische Edelleute halte; für Ritter in Gefangenschaft.“

„Dann könnten sie unter Umständen mit Mamá verwandt sein.“

„Wer weiß das schon?“

Constanza, die an Leonors anderer Seite kniete, presste fest die Lippen zusammen. Zwar sah es aus, als beobachte auch sie die Gefangenen mit Interesse, doch konnte man bei Constanza nie sicher sein.

Obwohl er mit seinen Fußeisen zu kämpfen hatte, bekam Rodrigo den Arm Inigos zu fassen und konnte ihm Halt geben. Denn Enrique, abgelenkt von etwas auf den Festungsmauern der Tyrannenburg, hatte den geschwächten Freund unachtsamerweise losgelassen, als habe er nicht bemerkt, dass Inigo kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren.

„Im Namen der Barmherzigkeit, Enrique, zeige dich erkenntlich und hilf auch du unserem Freund.“ Rodrigos Ton war schroff, doch konnte er nicht anders. Trauer und Zorn forderten ihren Tribut. Es fiel ihm schwer, an etwas anderes zu denken als an die grauenhafte Wahrheit.

Diego, sein Bruder, war tot.

Der Verlust kam ihn so hart an, dass ihm übel war. Sein Bruder, der das Erwachsenenalter noch nicht erreicht hatte, war wegen ein paar Metern dürren Grenzlandes, auf dem nichts als Disteln wuchsen, getötet worden. Rodrigo musterte Enrique mit zusammengekniffenen Augen und versuchte, nicht daran zu denken, dass dessen tollkühne Vermessenheit sie überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hatte. Schuldzuweisungen würden nicht weiterhelfen. Vielmehr mussten sie zusammenhalten, wenn sie ihrer Notlage einigermaßen heil wieder entkommen wollten.

Demonstrativ rasselte Rodrigo mit der Kette, welche die Gefangenen miteinander verband. „Bei Gott, Enrique, sei nicht dumm! Gerät Inigo auch nur einmal noch ins Stolpern, werden wir alle die Peitsche zu spüren bekommen.“

Der Angesprochene warf ihm einen mürrischen Blick zu, fasste aber nach dem zweiten Arm des Verletzten. „Inigo hätte tunlichst zu Hause bleiben sollen, was für euch alle gilt! Allein käme ich besser zurecht.“

Rodrigo spürte einen Stich in seiner Brust, denn diese Worte klangen in seinen Ohren fast wie eine Entschuldigung. Jedenfalls war sein Kamerad nie näher daran gewesen, zuzugeben, dass Diego vielleicht am Leben geblieben wäre, hätte er dem Jungen keine Flausen von Ruhm und Herrlichkeit in den Kopf gesetzt. Doch kam für Diego jede Hilfe zu spät, mochte Enrique seinen Fehler auch einsehen.

Dieser hatte auch zu verantworten, dass ihre Abteilung in Gefangenschaft geraten war. Auf törichte Weise hatte er sich unbedacht in den Kampf gestürzt, und Diego – im Krieg noch unerfahren – war ihm blind gefolgt. Sofort hatte sich auch Rodrigo in dem erfolglosen Versuch, seinen Bruder zu retten, ins Gefecht geworfen, wobei Inigo ihm zur Seite gestanden hatte. Daraufhin waren sie gefangengenommen worden.

Doch Rodrigo sagte sich, dass es niemandem half, über verschüttete Milch zu jammern. Sie waren Gefangene des Tyrannen und waren aufeinander angewiesen, denn niemand wusste, was der Sultan mit ihnen vorhatte.

Also trugen Rodrigo und Enrique ihren verletzten Freund mehr, als dass sie ihn stützten, den Kai entlang.

Die Schatten waren kurz, weil die Sonne fast direkt über ihren Köpfen stand, und im Hafen von Salobreña war es heiß wie in einem Backofen. Rücksichtslos wurden die Gefangenen vorwärtsgetrieben, und als sie neben einem großen Haufen Fischernetze Aufstellung nehmen mussten, unterdrückte Rodrigo ein Seufzen. Seine Kopfhaut juckte, seine rote Tunika war schweißdurchtränkt und seine Kehle so trocken, dass ihm das Schlucken wehtat. „Für einen Trunk würde ich meine Seele verkaufen“, murrte er.

Inigo, der etwas murmelte, das wie eine Zustimmung klang, sackte in sich zusammen, woraufhin Rodrigo ihn wieder aufrichtete.

„Was, glaubst du, wird mit uns geschehen?“, fragte Enrique mit zusammengezogenen Brauen.

„Des Sultans Schatzkammer ist leer“, erinnerte Rodrigo ihn. „Er braucht aber dringend Geld, um seinen Tribut zu begleichen. Deshalb vertraue ich darauf, dass man uns nur in Ehrenhaft festhalten wird, bis unser Lösegeld bezahlt ist.“

Enriques Stirnfalte verschwand. „Dann sollten die Verhandlungen sich nicht allzu lange hinziehen, zumal meine Mutter keine Ruhe geben wird, bis mein Vater gezahlt hat. Ich schätze, in einigen Wochen bin ich ein freier Mann.“

Die Selbstsucht, die aus seinen Äußerungen sprach, verschlug Rodrigo die Sprache, und er atmete tief durch, um die Ruhe zu bewahren. Weil sie Cousins waren, hatten sie miteinander zu tun, obwohl sie sich nicht mochten; Diegos Tod aber belastete ihr Verhältnis dazu schwer.

Mit finsterem Blick musterte Enrique sein Gegenüber. „Was ist?“, fragte er misstrauisch.

„Ich dachte gerade an Diego.“

Diese Bemerkung traf Enrique ins Mark, sodass er zusammenzuckte; Rodrigo aber widerstand dem Drang, seine Faust gegen ihn zu erheben, nur mit Mühe. Trauer und Zorn drängte er zurück, indem er sich vor Augen führte, dass eine Rauferei nichts als Ärger einbrächte. Stattdessen zwang er sich, seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu richten, indem er sich sagte, Diego habe gewollt, dass er seinen Grips zusammenhielt und die drei Kameraden heil wieder nach Hause kamen.

Genauestens musterte er die Hafenanlage, hielt nach einer Schwachstelle Ausschau, die sie womöglich zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Beispielsweise gab es nur wenige Wächter; andererseits waren Männer in Ketten leicht zu beaufsichtigen. Man würde sehen. Enriques Unzuverlässigkeit aber, genau wie Inigos Beinverletzung, sprachen vorerst gegen jeden Fluchtplan.

Nachdem sie beim Kampf um Grenzland, auf das sowohl der Sultan als auch der kastilische König Anspruch erhoben, gefangengenommen worden waren, hatten sie gleich ihre adlige Herkunft kundgetan, um nicht zur Teilnahme an einer Massenhinrichtung verurteilt zu werden. Daraufhin hatten sie dem Befehlshaber der Mauren eine stattliche Summe für ihre Freilassung in Aussicht gestellt.

Die Burg Salobreña thronte düster und wie unbezwingbar über dem sonnendurchfluteten Hafen, massiv und achtunggebietend, während auf den Burgzinnen eine Flagge in den Farben der nasridischen Dynastie, Rot und Gold, schlaff von ihrem Mast herunterhing. Rodrigo ließ seinen Blick über die Ringmauer gleiten, die sich in ihrer Erweiterung über einen Felsen zum Meer hinunter erstreckte. Es gab verschiedene Türme, wovon einer, ihnen nah, sich über dem Hafen befand. Im Falle, dass sie in der Burg untergebracht würden und von dort ausbrechen wollten, konnte die Lage dieses Turms interessant sein.

„Dios mio.“ Enrique, der mit seinem Blick dem Rodrigos gefolgt war, entfuhr ein leiser Pfiff. „Dort oben sind Frauen. Da, wo der Fensterladen offen ist.“

Enrique hatte recht: Hoch oben auf dem Turm schauten aus einer Fensteröffnung drei Frauen herunter auf den Hafen. Zwei von ihnen trugen einen Schleier, und die Unverschleierte dritte war – wenn Rodrigos Fantasie ihm keinen Streich spielte – eine wahre Schönheit.

Er erhaschte einen Blick auf dunkle Augen, einen juwelenbesetzten Armreif und glänzend schwarzen Locken. Das leise Murmeln, das er zu vernehmen glaubte, musste wohl Einbildung sein; denn der Turm war sicher zu weit weg, um etwas anderes als den Wellenschlag und das Klirren eiserner Fesseln zu hören. Doch schien die dunkeläugige Frau ihn zu beobachten, und auch ihre Gefährtinnen blickten in seine Richtung.

„Wer zum Teufel kann das sein?“, fragte Enrique entgeistert.

„Bei allen Heiligen, Enrique, woher soll ich das wissen?“, antwortete Rodrigo in trockenem Ton und schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Vielleicht sind es die Töchter des Tyrannen.“

Ungläubig sperrte Enrique den Mund auf. „Die Prinzessinnen? Glaubst du das wirklich?“

„Enrique, das war nicht ernst gemeint.“ Es lief das Gerücht um, der Sultan habe drei Töchter, die sich wie ein Ei dem anderen glichen und die er zwar mit allem Luxus verwöhnte, dabei aber in völliger Abgeschiedenheit auf der Burg Salobreña vor der Öffentlichkeit verborgen hielt. Rodrigo zweifelte an der Geschichte, weshalb er die Gelegenheit ergriff, seinen Cousin zu hänseln. „Sag mir nicht, du glaubst an das Ammenmärchen von den drei Nasriden-Prinzessinnen!“

Das Thema ihrer Unterhaltung weckte Inigo aus seiner Benommenheit, der nun auch zum Turm hochschielte, wobei er wegen des Schweißes, der ihm in die Augen lief, heftig zwinkerte. „Prinzessinnen?“, fragte er. „Wo?“

„Die gibt es nur im Märchen, Inigo“, seufzte Rodrigo. „Selbst Sultan Tariq würde seine Töchter kaum in einem fernen Turm einsperren, wo niemand sie zu Gesicht bekäme.“

Wie gebannt starrte Inigo nach oben. „Lieber Gott, da sind sie!“

Seine Rede war kaum mehr als ein unverständliches Stammeln, denn vor Schmerz, Erschöpfung und Durst klang er wie von zu viel Wein benommen.

„Nein, es gibt sie nicht“, beharrte Rodrigo mit fester Stimme auf seiner Meinung. „Wahrscheinlich gehören die drei Frauen dort oben zum Küchenpersonal.“

„So s…sehen sie mir nicht aus.“ Inigo lallte vor Erschöpfung. „Ich erk…kenne einen Seidenschal, wenn ich einen sehe, und goldenen Glanz. Das sind die Nasriden-Prinzessinnen. Schaut doch! Die Unverschleierte ist das Inbild einer vornehmen Haremsbewohnerin, und ich wette, die beiden anderen sind genauso bezaubernd.“ Er stutzte. „Was für ein Glück wir haben! Es gibt eine für jeden von uns!“

Enrique brach in schallendes Gelächter aus, während Rodrigo nur seufzte. „Inigo, du sprichst im Fieber.“

Das Klirren der Fußketten machte deutlich, dass die Reihe der Gefangenen wieder in Bewegung kam. Mit derben Stößen und wilden Gesten leiteten die Aufseher die Männer zu einem gepflasterten runden Platz, der sich hinter dem Kai öffnete. Rodrigo nahm Inigos Arm, um ihm zu helfen, Schritt zu halten.

„Was macht dein Bein?“, fragte er, mehr um den Verletzten wach zu halten als in Erwartung einer Antwort.

„Es tut höllisch weh.“

Inigo war leichenblass, und trotz der Hitze drang ihm kalter Schweiß aus allen Poren. Rodrigo staunte, dass er immer noch bei Bewusstsein war, und war froh, dass er bisher noch nicht fantasierte. „Wenn wir unsere Unterkunft erreicht haben, dringe ich darauf, dass ein Heiler dich untersucht.“

„Glaubst du, dass sie das erlauben? Natürlich wäre es schlecht, wenn die Wunde sich entzündet. Mein Bein ist mir lieb und teuer.“

„Du behältst dein Bein, keine Sorge.“

Inigo hielt seinen Blick. „Wie kannst du dir so sicher sein?“

Trotz erheblicher Zweifel ließ Rodrigo seine Stimme zuversichtlich klingen. „Wenn ein Bein verlorengeht, müssen sie Abstriche beim Lösegeld machen. Sie brauchen dich im Ganzen!“

Inigo verzog schmerzlich den Mund, dann blickte er noch einmal zum Turmfenster empor. „Was glaubst du, wie seine Töchter von Nahem betrachtet aussehen?“

Es lag Rodrigo schon auf der Zunge, dass die Prinzessinnen sicher hässliche Weiber mit vorstehenden Zähnen waren, als ihm aufging, dass Inigo – wie sie alle – etwas Aufmunterung gebrauchen konnte.

Er setzte ein Lächeln auf. „Ihre Augen sind schwarz wie Schlehen, und ihre Lippen gleichen Rosenknospen“, sagte er in heiterem Tonfall. „Ihr dunkles, seidenglattes Haar fällt ihnen bis auf die Hüften hinab und duftet nach Orangenblüten. Ihre weichen Leiber weisen schön geschwungene Kurven auf, und ihre Haut …“

Madre mía! Was machte er da? Der Schock über Diegos Tod forderte eindeutig seinen Tribut. Sultan Tariqs Soldaten hatten seinen Bruder umgebracht, Inigo war schwer verwundet, Lösegeld wurde für ihre Freilassung gefordert; er aber hatte nichts Besseres zu tun, als sich Beschreibungen von Prinzessinnen aus den Fingern zu saugen, die vielleicht gar nicht existierten.

Enrique ruckte an seinen Ketten, sodass Inigo kurz taumelte. „Mach weiter, Rodrigo, das gefiel mir! Du wolltest gerade die Haut der Prinzessinnen beschreiben.“

Rodrigo biss die Zähne fest zusammen und beherrschte den Impuls, seinem Cousin einen Schlag zu versetzen.

2. KAPITEL

Weil Leonor tief in die Betrachtung des Ritters mit der roten Tunika versunken war, der seinem Kameraden Hilfe angedeihen ließ, hörte sie nicht, wie die Tür zum Turmzimmer geöffnet wurde.

„Prinzessin Leonor!“ Die Hände in die Hüften gestemmt und vorschriftsmäßig verschleiert, stand Inés unter dem Türbogen. „Junge Dame, was geht hier vor?“

Den meisten Bewohnern von Salobreña war sie unter ihrem maurischen Namen Kadiga bekannt, den der Sultan ihr gegeben hatte, als sie einst zusammen mit der späteren Mutter der Prinzessinnen angekommen war. Seit dem Tod ihrer Herrin jedoch lag ihr wieder mehr an ihrem altvertrauten spanischen Namen, weshalb die Mädchen ihre dueña mit Inés ansprachen, sobald sie mit ihr allein waren.

Leonor erhob sich von den Polstern, auf denen sie gekniet hatte, und sah ihr entgegen. „Wie macht Ihr das nur?“

„Was meint Ihr, Herrin?“

„Ihr könnt uns stets auseinanderhalten, ob wir verschleiert sind oder nicht. Wie könnt Ihr uns nur unterscheiden?“

Weil die Prinzessinnen Drillinge waren, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen, besaßen alle drei das gleiche seidenglänzende schwarze Haar und die gleichen dunklen und leuchtenden Augen. Die Lippen ihrer kleinen Münder mit dem hübschen Amorbogen waren voll, und ihre weißen Zähne schimmerten wie Perlen. Allein in der Größe gab es minimale Unterschiede zwischen den Schwestern. Leonor war die Größte, dann kam Alba, und Constanza als Jüngste bildete das Schlusslicht. Davon abgesehen aber sah eine wie die andere aus.

Schon immer war Inés die Einzige in der ganzen Burg gewesen, die sie auseinanderhalten konnte. Es war das reinste Wunder, dass sie sie sogar von ihrer Rückseite aus unterscheiden konnte.

„Ihr seid zwar gleichermaßen schön, aber ich kenne meine Mädchen, weil ich sie liebe.“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies sie auf Leonors unverschleiertes Gesicht. „Prinzessin Zaida, versucht nicht, mich abzulenken! Warum seid Ihr unverhüllt?“

Missmutig verzog Leonor das Gesicht. Indem ihre Anstandsdame sie mit ihrem maurischen Namen anredete, wollte sie darauf hindeuten, wie unklug es war, sich den Befehlen Sultan Tariqs zu widersetzen. Und weil Inés Gefahr lief, für den Ungehorsam der Prinzessin zur Verantwortung gezogen zu werden, biss diese sich schuldbewusst auf die Unterlippe. Ihr war klar, dass ihre dueña in ständiger Sorge lebte, nicht wissend, was ihr bevorstand, sollten die Prinzessinnen eines Tages ernsthaft rebellieren. „Ich entschuldige mich, Inés, doch bin ich kein Kind mehr.“

„Was fraglich ist.“ Damit legte Inés den Kopf schief und verschärfte ihren Ton. „Unleugbar ist hingegen, dass Ihr Euch unerlaubt Eures Schleiers entledigt habt. Ihr erinnert Euch doch an den Befehl des Sultans? Sobald Ihr Eure Haremsgemächer verlasst, und wenn auch nur für den Aufenthalt in diesem Turmzimmer, habt Ihr den Schleier zu tragen.“

„Habt Erbarmen, Inés! Es kommt doch niemand herein, und hier wie im Hafen ist es glutheiß. Selbst die Palmen schmelzen in der Sonne. Ich bin am Ersticken!“

„Das ist nicht von Bedeutung. Eine Nasriden-Prinzessin hat ihrem Vater zu gehorchen.“

„Unser Vater sollte einmal ausprobieren, wie es sich bei solcher Hitze mit dem Schleier lebt“, murrte Leonor. „Dann sehen wir ja, wie er es findet.“

„Wie bitte?“

Leonor hörte die Furcht in der Stimme ihrer Anstandsdame und wurde wie üblich von Schuldgefühlen heimgesucht. Die Vorstellung, ihre treue dueña solle womöglich den Zorn ihres Vaters zu spüren bekommen, war ihr unerträglich. Also zog sie den Schleier wieder über den Kopf und seufzte resigniert.

Und kaum berührte das Gewebe ihr Gesicht, begann ihr der Schweiß aus den Poren zu brechen und auf der Haut zu brennen, obwohl der Stoff leicht wie Spinnweben war.

„Danke, Leonor.“ Damit trat Inés auf sie zu, wobei ihr Gewand auf den Bodenfliesen schleifte, und fasste sie am Arm. Ihre Stimme wurde wärmer und bekam einen fast verschwörerischen Beiklang. „Was habt Ihr Euch denn angesehen, meine Liebe?“

„Eine Galeere legte an, und wir beobachteten, wie gefangene Männer an Land kamen.“

„Gefangene, sagt Ihr?“

„Wir halten sie für spanische Rittersleute“, warf Alba ein, „die wohl während der Grenzkämpfe ergriffen wurden.“

Jetzt kniete auch Inés sich auf die Kissen und spähte zum Hafen hinunter. Leonor glaubte nicht, dass sie noch etwas sehen konnte, weil die Gefangenen inzwischen auf dem Platz hinter dem Hafen angekommen sein mussten. Sie fragte sich, wo sie wohl hingebracht wurden. In der Burg gab es die Verliese; ob es auch in der Stadt einen Kerker gab, wusste sie nicht.

Die Prinzessinnen durften nur äußerst selten ausgehen. So kam es, dass sie nichts über die Stadt wussten, obwohl sie schon seit Jahren in der Burg zu Salobreña lebten. Leonor verspürte den heißen Wunsch, dass, ungeachtet seines weiteren Schicksals, der Mann in der karmesinroten Tunika weiter für seinen Freund da sein konnte.

„Am Kai ist niemand mehr.“ Damit schloss Inés den Fensterladen und dämpfte damit Licht und Töne aufs Neue. „Ich muss sagen, ich zweifle, ob Ihr tatsächlich spanische Ritter gesehen habt.“

Constanza seufzte leise. „Sie waren sehr stattlich, Inés“, bemerkte sie beinahe fröhlich.

Mit Erschütterung wurde Leonor bewusst, dass ihre Schwester seit Monaten nicht mehr in solch heiterem und angeregtem Ton gesprochen hatte. Schließlich war Leonor nicht die Einzige, die darunter litt, hinter dicken Mauern eingeschlossen leben zu müssen. Nun hätte sie geschworen, sogar durch das Gewebe ihres Schleiers hindurch Constanza erröten zu sehen, was ihr gar nicht ähnlichsah.

Wie eine Henne scheuchte Inés die drei Prinzessinnen zur Tür. „Stattlich? So was!“, prustete sie ungläubig.

Leonor fasste sie bei der Hand. „Inés, wohin bringt man diese Männer? Werden sie in die Burgverliese geworfen?“

„Der Aufenthaltsort von Gefangenen geht Euch nichts an, Herrin, Spanier hin oder her.“

Constanza schüttelte heftig den Kopf, sodass die Glasperlen an ihrem Schleier im Dämmerlicht funkelten. „Wie könnt Ihr nur so etwas sagen?“, stieß sie hervor. „Inés, wie unsere Mutter wurdet Ihr als Spanierin geboren! Unter jenen Männern könnten sogar Verwandte sein.“

Inés erstarrte förmlich. „Herrin, das ist undenkbar.“

„Das könnt Ihr nicht wissen, oder?“ Die Prinzessin gab nicht nach.

Leonor blinzelte vor Verwunderung, denn von den drei jungen Frauen war Constanza stets die stillste und fügsamste. Tatsächlich hörte man abgesehen von ihrem Lautenspiel so wenig von ihr, dass ihre Anwesenheit manchmal vergessen wurde. Es erfreute Leonor zutiefst, dass ihre Schwester nun ihre Stimme so lebhaft erhob. Offenbar hatte der Anblick der Spanier sie so angeregt, dass ihr sogar Leben in die Wangen gestiegen war. Es kam Leonor vor, als sei ihre jüngste Schwester plötzlich aufgewacht.

Sie wandte sich wieder Inés zu. „Ihr müsst doch verstehen, dass diese Männer unsere Neugier wecken! Auch werdet Ihr Euch wohl erinnern, was für ein Leben Ihr führtet, bevor Ihr mit unserer Mutter ins Königreich unseres Vaters kamt.“

„An nichts erinnere ich mich“, stieß Inés hervor und runzelte die Stirn hinter ihrem Schleier. „Und sollte es anders sein, darf ich Euch nichts weiter mitteilen, als dass meine Herrin eine spanische Edelfrau gewesen ist.“

„Dass sie Juana hieß, habt Ihr uns aber verraten“, fügte Leonor nachdenklich an, der plötzlich aufging, dass die Herkunft ihrer Mutter nicht notwendigerweise ein Geheimnis bleiben musste. Außerhalb des Sultanats gab es sicher Menschen, die zumindest von ihrer Geschichte gehört hatten. „War ich auch ein Kind, so erinnere ich mich gut an alles, was Ihr sagtet.“

„Ach so?“

„Ihr erzähltet damals, dass Doña Juana mit einem Spanier verlobt war, bevor sie von unserem Vater geraubt wurde.“

Vor Schreck tat Inés einen Schritt rückwärts. „Keinesfalls! Nie würde es mir einfallen, eine solche Indiskretion zu begehen!“

„Doch erinnere ich mich deutlich daran. Ihr erzähltet uns davon.“ Sie starrte zu dem versperrten Fenster zurück. „Fürchtet Euch nicht. Vater gegenüber werde ich schweigen. Aber versteht bitte, wie begierig ich bin, mehr über meine Mutter zu erfahren. Was geschah dem Edelmann, mit dem sie verlobt war? Wer war er, und wie sah er aus? Was tat er, als Mamá gefangengenommen wurde? Es verlangt uns danach, mehr über die spanische Hälfte unserer Herkunft zu wissen.“

Bedächtig schüttelte Inés den Kopf. „Nein, das tut es nicht. Es ist nicht länger Euer Erbe. Herrin, ich bedauere zutiefst, jemals etwas gesagt zu haben. Ab jetzt sind meine Lippen versiegelt.“

„Verratet mir nur den vollen Namen unserer Mutter, Inés, mehr verlange ich gar nicht!“, bat Leonor mit gefalteten Händen. „Was wir über Mamá wissen, ist so spärlich. Wir sind doch ihre Töchter! Sicher könnt Ihr uns sagen, von wo sie stammte. Doña Juana von …?“

Mit einer abwehrenden Geste wandte Inés sich abrupt ab. „Ihr seid die Töchter des Sultans, und ich habe Euch schon mehr verraten, als klug war. Kommt nun, wir müssen zurück in die Frauengemächer. Die Zeit unserer Abendmahlzeit naht schneller, als man denkt. Alba, es gibt Euer Lieblingsessen, scharf gewürzten Fisch mit Reis.“

„Inés, ich flehe Euch an!

Ohne ein weiteres Wort straffte Inés ihre Haltung, und Leonor verstand, dass ihr Bitten zu nichts führen würde. Nun hatte sie es nicht länger mit ihrer geliebten Kinderfrau, sondern mit Kadiga, Sultan Tariqs treuer Dienerin, zu tun, und diese wurde langsam ungehalten.

„Prinzessin Zaida“, richtete sie das Wort in formellem Ton an Leonor. „Diese Art der Konversation schickt sich nicht. Fahrt Ihr fort damit, muss ich folgern, dass Ihr zur Ordnung gerufen werden wollt. Dann habe ich Euren Vater, den Sultan, in Kenntnis zu setzen, der natürlich tief enttäuscht von Euch sein wird. Wenigstens um Eurer Schwestern willen, wenn schon nicht Eures eigenen Wohls wegen, müsst Ihr aufhören, nach der Herkunft Eurer Mutter zu forschen. Schlagt es Euch aus dem Kopf! Eure Neugierde ist höchst ungesund für alle Beteiligten.“

War ihre Neugier auch nicht ungefährlich, vermochte Leonor sie dennoch nicht zu zügeln. Wie hätte sie auch das Interesse an der Geschichte ihrer eigenen Mutter verlieren können? Da es sich aber als sinnlos erwies, weiter in Inés zu dringen, hütete sie vorerst ihre Zunge und folgte ihren Schwestern in ihre Gemächer, wo sie sofort ihre Schleier abnahmen. Wenigstens hier, wo ihnen von Dienerinnen aufgewartet wurde, denen der Sultan vertraute, mussten sie sich nicht verhüllen.

Der Nachmittag dehnte sich wie endlos in seiner Trägheit. Unermüdlich zog Leonor ihre Kreise um den Springbrunnen im Innenhof, dessen Wassernebel im Sonnenlicht wie aus Gold gewirkt schienen, während Constanza auf ihrer Silberlaute spielte und Alba verdrossen aus dem Fenster starrte. Die Schatten wurden nach und nach länger; und noch immer aber war die Luft von Constanzas Musik erfüllt, und Leonors Gedanken drehten sich weiter um ihre langverstorbene Mutter, mochte das auch verboten sein.

Der Anblick der spanischen Ritter am Kai schien die Rebellin in ihr geweckt zu haben. Konnten tatsächlich Verwandte unter ihnen sein?

Zumindest musste der eine oder andere vom aufsehenerregenden Verschwinden einer spanischen Adligen gehört haben, war es auch fast schon zwanzig Jahre her. Leonor hätte viel dafür gegeben, mit einem der Männer sprechen zu können.

Dass es in ihren Schwestern ähnlich aussah, wusste sie, ohne dass ein Wort gewechselt wurde. Schon immer ahnte jede von ihnen instinktiv, was die anderen dachten.

Der Abend brach an, und die Prinzessinnen nahmen auf seidenen Kissen liegend ihre Mahlzeit ein. Leonor brachte nur wenig Essen über die Lippen und bemerkte kaum, wie raffiniert der Fisch mit Pfeffer und Zimt gewürzt und der Reis mit Safran veredelt war. Zu viel ging ihr durch den Kopf, denn sie grübelte unablässig darüber, wohin man die Spanier gebracht hatte und ob man sie gut genug behandelte. Wenn sie auf ihre Auslösung warteten, sollte ihnen eigentlich eine angemessene Behandlung zuteilwerden. Es quälte Leonor, keine Kenntnis von ihrem Schicksal zu haben und nicht zu wissen, ob der karmesinrote Ritter Hilfe für seinen Freund hatte erlangen können und ob sie ausreichend zu essen bekamen.

Als man einen Teller mit Feigen vor sie stellte, schälte Leonor eine der Früchte mit ihrem silbernen Messer und verzehrte sie gedankenverloren, während sie darüber nachdachte, wie wahrscheinlich es war, dass der Mann etwas über Doña Juana wusste, die lange Jahre zuvor von Sultan Tariq geraubt worden war. In jener Zeit musste der Skandal großes Aufsehen erregt und die Gemüter erhitzt haben.

Sie legte ihr Messer zur Seite und seufzte auf, denn dass einer der Ritter zu ihrer spanischen Verwandtschaft zählte, war wenig wahrscheinlich.

Dennoch kam sie nicht zur Ruhe. Gespannt, als stünde sie vor einer Entscheidung, bebte sie vor Nervosität, und die Kehle war ihr wie zugeschnürt. So dringend wollte sie einen Weg finden, aus der Ankunft der Spanier einen Nutzen zu schlagen und mehr über ihre Mutter herauszufinden. Sich diese einmalige Gelegenheit entgehen zu lassen, hätte sie sich nicht verziehen.

Unwillkürlich kam ihr das Bild des Ritters in der roten Tunika in den Sinn. Trotz seiner Ketten hatte er gewirkt, als sei er gewohnt, Befehle zu erteilen, statt sie zu empfangen.

Sie schob Alba die Obstschale zu. „Eine Feige gefällig?“

Diese schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Appetit.“

Leonor runzelte die Stirn und blickte zu Constanza hinüber. „Und du, Constanza?“

„Nein, vielen Dank.“

Die älteste Prinzessin starrte ihre Schwestern an, denen es offenbar ähnlich wie ihr ging. Dann ballte sie ihre kleinen Fäuste und nahm sich fest vor, mit jenem spanischen Ritter zu sprechen.

Bei dem Gedanken an ihren Vater klopfte ihr das Herz heftig, und sie öffnete schon den Mund, um die Schwestern ins Vertrauen zu ziehen, doch dann schloss sie ihn wieder. Ein dumpfes Bauchgefühl warnte sie, und ihr wurde klar, dass sie sich in dieser Angelegenheit auf sich selbst verlassen musste. Sollte sie auffliegen, sollte niemand sonst die Schuld mit ihr teilen. Deswegen beschloss sie, ihre Absichten geheim zu halten.

In Gedanken vertieft, spielte sie mit ihrem Messer, wobei ihr Blick auf den Türbogen fiel, hinter dem Inés im Vorraum saß. Stets wurden die Prinzessinnen scharf bewacht; dazu war allseits bekannt, dass der Sultan die Dienerschaft zur Verantwortung zog und streng bestrafte, wenn seine Töchter sich unbotmäßig benahmen.

Deshalb nahm Leonor sich vor, bei der Ausführung ihres Plans so vorsichtig zu sein, dass ihr Vater seinen Zorn nicht auf das Haupt einer anderen Person entladen würde. Und sie würde dem Sultan einen Brief schreiben, den sie mit etwas Glück womöglich nie abzusenden brauchte. Er würde aber als Rückversicherung für den Fall einer Entdeckung fungieren. Die Wutanfälle ihres Vaters waren legendär, und kam heraus, dass seine Tochter ihren Fuß in ein Gefängnis gesetzt hatte, würde er sich ihren Beweggründen gegenüber kaum offen zeigen. Womöglich würde er aber einen Brief lesen, den sie geschrieben hatte, bevor sie Ungehorsam beging. Jedenfalls wollte sie in aller Klarheit darlegen, dass sie auf eigene Faust handelte, angetrieben von dem brennenden Wunsch, etwas über die Familie ihrer Mutter herauszufinden.

„Inés?“, fragte sie.

Diese erschien sogleich und blieb wartend unter dem Türbogen stehen. „Prinzessin Leonor?“

„Seid so gut und bringt mir eine weitere Lampe, dazu Pergament, Feder und Tinte“, bat die junge Frau lächelnd.

Ihre dueña zog überrascht die Brauen in die Höhe. „Ihr wollt ein Schreiben verfassen?“

„So ist es.“

„Sehr wohl, Herrin.“

Kurz nach dem ersten Hahnenschrei wartete Leonor hinter einigen mit Brotsäcken und biergefüllten Flaschen beladenen Soldaten, bis das Gefängnistor aufgestoßen wurde. Es war erstaunlich leicht gewesen, einen der Burgwächter dazu zu bewegen, sie hierher zu begleiten. Yusuf, der Mann, an den sie herangetreten war, ahnte offenbar nicht, dass er es mit einer Prinzessin zu tun hatte. Er wollte sich gern etwas dazuverdienen und stellte keine Fragen. So kam es, dass sie, dicht verschleiert und im Gewand einer Dienstmagd, es bis hierhergeschafft hatte.

Obwohl bisher alles glattgegangen war, bebte Leonor in ihrer Furcht vor Entdeckung unmerklich vom Kopf bis zu den Zehen. Sie sagte sich aber, dass der an den Sultan gerichtete Brief, den sie in ihrer persönlichen Schatulle verwahrte, zumindest Yusuf notfalls von jedem Vorwurf reinwaschen werde.

Leider war sie die einzige Frau an diesem Ort und erregte allein deswegen Aufsehen. Die Kehle war ihr vor Aufregung trocken; nie hatte sie Schwierigeres in Angriff genommen, und es war nicht abzusehen, was sie zu erwarten hatte. Doch zwang sie sich, in einen muffigen Korridor zu treten, während Yusuf ihr auf den Fersen blieb.

Nachdem sie einen weiteren Durchgang passiert hatten, kamen sie in einen Raum mit vielen Gefangenen. Der Anblick der zusammengepferchten Männer schlug Leonor auf den Magen, während ein widerwärtiger süßlicher Gestank zum Speien reizte. Krankheit und Tod schienen in jeder Ecke zu lauern, und auch die Geräusche um sie herum, hauptsächlich Schmerzensschreie, waren entsetzlich. Dazu warfen sich ausgemergelte hungrige Männer Flüche an den Kopf, während sie sich die Ellbogen in die Rippen stießen, um als Erste an die Nahrung heranzukommen. Hier war es grauenvoller, als die Prinzessin es sich je hätte ausmalen können.

Dass ihr Vater seine Feinde, immerhin reiche Spanier, auf solch barbarische Art einkerkerte, bis ein Lösegeld für sie gezahlt wurde, beschämte sie.

Als ihr ein barscher Zuruf zuteilwurde, drängte Yusuf sich enger an sie heran und brummte, dass sie sich beeilen solle. Doch diese Ermahnung brauchte sie nicht, denn nichts war ihr klarer, als dass dies kein Ort für Frauen war.

„Ich spute mich“, wisperte sie.

Die verhärmten Gesichter der Männer, die gierig ihre Hände nach Brot ausstreckten, verrieten, dass die Gefangenen seit Wochen kaum etwas zu essen bekommen hatten. Leonor lief es kalt den Rücken hinunter, denn dies waren die Spanier, die noch Glück gehabt hatten. Sie mochte nicht daran denken, was denen geschehen war, für die niemand Lösegeld zahlen würde.

Seit Längerem schon war ihr aufgegangen, dass der Sultan eine grausame Ader besaß. So verübelte sie es ihm, seine Töchter wie Singvögel in einen Käfig einzusperren, aus dem sie nur sehr selten einmal Ausgang erhielten. Das Leid der Männer hier in diesem Gefängnis aber wog ungleich schwerer.

Regierte ihr Vater auch seine Töchter mit Strenge, so erhielten sie doch Geschenke und Vergünstigungen. Und manchmal wurden ihnen seltene Momente der Freiheit gewährt.

So hatten sie vor einigen Jahren reiten lernen dürfen. Damals wurden drei wunderschöne hellgraue Stuten zur Burg Salobreña gebracht, und in jenem Sommer waren an mondhellen Nächten die verschleierten Nasriden-Prinzessinnen mit ihrem Gefolge ausgeritten. Selbstredend war es ihnen verboten, die edlen Herren, die sie begleiteten, zur Kenntnis zu nehmen; der Einzige, der das Wort an sie richten durfte, war der Eunuch, der als ihr Reitlehrer fungierte. Die Freude der drei Schwestern aber, der Burg für einige Stunden entfliehen zu dürfen, war groß gewesen. Sie hatten die Kunst des Reitens gut erlernt, geschah dies auch in dunklen Stunden, damit niemand sie zu Gesicht bekam.

Immer noch am Rande der Übelkeit, starrte Leonor die eingesperrten Männer an. Es war eine bittere Erkenntnis, dass ihr bei seinen seltenen Besuchen stets liebenswürdig auftretender Vater, der so amüsant zu plaudern verstand und seine Töchter gern mit Juwelen und kostbaren Seidenstoffen verwöhnte, offenbar derselbe Mann war, der seine adligen Geiseln an einem so widerlichen Ort gefangen hielt.

Den großzügigen Vater und den grausamen Tyrannen in ein und derselben Person zu verorten, verwirrte Leonor zusätzlich, sodass ihr Kopf zu schmerzen begann und es ihr schwindelte.

Autor

Carol Townend
Carol Townend schreibt packende Romances, die im mittelalterlichen England und Europa spielen. Sie hat Geschichte an der Universität London studiert und liebt Recherchereisen nach Frankreich, Griechenland, Italien und in die Türkei – historische Stätten inspirieren sie. Ihr größter Traum ist, den Grundriss einer mittelalterlichen Stadt zu entdecken, die einzelnen Orte...
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