Gefangen zwischen Liebe und Verrat

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Mit verführerischer Raffinesse raubt Peachy dem brillanten Kunstmogul Krew Lawrence nicht nur den Verstand – sondern auch ein kostbares Gemälde. Doch damit nicht genug: Immer wieder treffen sie auf glanzvollen Auktionen rund um den Globus aufeinander. Aus erbitterten Rivalen werden bald Liebende, gefangen zwischen Sehnsucht und einem Geheimnis, das die Kraft hat, alles zu zerstören. Als Wahrheit und Verrat unaufhaltsam aufeinandertreffen, stehen Peachy und Krew vor einer gewagten Entscheidung.


  • Erscheinungstag 03.02.2026
  • Bandnummer 032026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541640
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Michele Renae

Gefangen zwischen Liebe und Verrat

1. KAPITEL

Nummer acht. Ihre Glückszahl! Zuversichtlich legte Peachy Cohen das kleine Auktionsschild auf den leeren Klappstuhl neben sich. Vorne auf der Bühne überwachte der Auktionator von Van Marks’ Auction House die Helfer mit den weißen Handschuhen, die das nächste Gemälde vorsichtig auf der Staffelei platzierten. „Melancholie“ war ein Werk des französischen Malers George Devereux und stammte aus einer Privatsammlung. Auf dem Bild war eine geisterhafte Frau aus Viktorianischer Zeit zu sehen, die an einem Pianoforte saß, während der trauernde Witwer sie entsetzt aus den Schatten heraus beobachtete.

Wegen dieses Gemäldes war Peachy hier. Sie würde darauf bieten, und sie würde es bekommen.

Sie hob die Handtasche auf, die sie zusammen mit ihrem Gehstock auf den Fußboden gestellt hatte, und fuhr mit den Fingern über das seidene Halstuch, das sie als Glücksbringer dabeihatte. Es war um den Schulterriemen der Tasche geknotet, die sie nun zu durchforsten vorgab, während sie unauffällig die Konkurrenz im Saal begutachtete. Es waren die üblichen Verdächtigen, alles Männer, bis auf eine ältere Dame ganz hinten, die die silbergrauen Haare zu einem eleganten Chignon frisiert hatte und perfekt passenden ziegelroten Lippenstift trug.

Peachys Boss, der Besitzer der Hammerstill Gallery – ein notorisch grantiger Mann, dem die Galerie ihren Namen verdankte –, hatte ihr eine Liste mit vier Bildern gegeben, die sie für ihn ersteigern sollte. Ein jedes würde in einem anderen Auktionshaus versteigert werden, und keines durfte in andere Hände als ihre fallen. Das Gemälde heute war das erste der Liste.

Peachy zog einen Taschenspiegel hervor und überprüfte ihr Make-up. Sie frischte ihren Lippenstift auf und sah sich im Spiegel die Bieter hinter ihr an. Die Frau mit dem Chignon stand auf und ging. Es standen nur noch zwei Werke zur Versteigerung, und die meisten Bieter waren bereits verschwunden.

Aber dort! Ihr Herz zog sich vor Schreck zusammen. Ihn hatte sie nicht bemerkt, als sie vorhin den Saal auf die Konkurrenz hin gescannt hatte. Er musste später gekommen sein. Beziehungsweise genau rechtzeitig für das Objekt, auf das er es abgesehen hatte.

Peachy klappte den Taschenspiegel zu und stellte die Handtasche zurück auf den Boden. Am liebsten hätte sie laut geflucht, doch das wäre keine besonders gute Art, Gelassenheit zu demonstrieren.

Krew Lawrence saß zwei Reihen hinter ihr auf der anderen Seite des Ganges. Er war ein Reality-TV-Star, dem man den Spitznamen The Brain gegeben hatte, weil er so klug wirkte und so viel über Kunst wusste. Auf Auktionen war er der reinste Hai, der so gut wie nie ein Gebot verlor. Er war einer der drei Besitzer der milliardenschweren Londoner Kunsthandlung The Art Guys. In der Welt der Kunst waren sie Berühmtheiten.

Und wo diese Männer hingingen …

Verstohlen sah sie sich um und entdeckte weiter hinten im Saal eine kleine Filmcrew, die aus zwei Männern bestand. Eigentlich hatten die Medien keinen Zugang zu den Verkaufsräumen, aber anscheinend hatten die Produzenten der Serie The Art Guys einigen Einfluss. Die beiden Männer standen hinter der letzten Stuhlreihe; einer filmte, der andere hielt ein Richtmikrofon in der Hand.

Peachy strich sich mit einer Hand über den flachen Bauch, der sich schmerzhaft zusammenzog, und stieß die Luft aus. Es konnte einfach nicht sein, dass er hinter demselben Gemälde wie sie her war. Aber falls doch …

Langsam schlug sie ein Bein über das andere und zog unauffällig das weiße Kleid mit den roten Punkten ein Stück nach oben. Eine leichte Bewegung ihres Beines auf dem anderen sollte genug Aufmerksamkeit auf die schwarzen Lederschuhe lenken, die zwar keine besonders hohen Absätze, dafür aber sexy Riemchen um die Fußgelenke besaßen. Diese Sitzposition belastete zwar ihre Hüfte, an der sie vor Jahren operiert worden war, aber um des Sieges willen würde sie sie beibehalten.

Sie sah über die Schulter nach hinten, senkte die Lider und öffnete leicht den Mund …

Mr. Lawrence blickte von seinem Telefon auf und ihr direkt in die Augen. Himmel, was sah er gut aus! Das dunkle Haar war an den Seiten etwas kürzer als oben geschnitten, sodass es sein kantiges, schönes Gesicht mit der perfekten Nase unterstrich, und der gepflegte Dreitagebart stand ihm ganz hervorragend. Die Fernsehkameras wurden seinen leuchtend grünen Augen nicht gerecht oder dem winzigen Muttermal über seiner linken Braue, das zu tanzen schien, als er jetzt die Stirn furchte. Mit geneigtem Kopf musterte er Peachy. Sehr intensiv sogar.

Sie reckte das Kinn, nahm das Auktionsschild und wandte sich wieder der Bühne zu, auf der der Auktionator die Herkunft von „Melancholie“ erläuterte.

Hatte dieser heißblütige und gleichzeitig wachsame Blick ihm gegolten?

Krew hörte, wie der Auktionator das Anfangsgebot aufrief. Er stieg immer erst später ein, um seine Konkurrenten besser kennenzulernen. Nach zwei weiteren Geboten hob sie ihr Schild.

Aber gewinnen würde sie nicht. Da würden auch diese sexy Beine ihr nicht helfen. Krew war immun gegen weibliche Koketterie.

Mit einem leichten Nicken stieg auch er in die Auktion ein. Jeder Teilnehmer hatte seine eigene Methode beim Bieten, und die Auktionatoren aller Londoner Häuser kannten seine. Er ließ sich nicht dazu drängen, ein Schild in die Luft zu halten.

Während der Mann auf der Bühne auf ein weiteres Gebot wartete, besah Krew die langen Beine ein zweites Mal. Sie waren nackt und sexy, unglaublich verführerisch. Die Schuhe besaßen schmale schwarze Riemchen, die sich um ihre Fesseln wanden, als seien sie um ein Geschenk gebunden.

Krews Herz machte einen kleinen Sprung, was ihn wunderte.

Dieser kurze Aussetzer veranlasste ihn dazu, sich wieder auf den Auktionator zu konzentrieren.

Er nickte, um ein weiteres Gebot abzugeben, und sah zur Filmcrew, die mittlerweile ganz vorne stand und alles mitschnitt. Krew selbst trug ein kleines Ansteckmikrofon am Revers seines Jacketts. So sehr die Fernsehserie auch der Beliebtheit der Art Guys in den sozialen Medien diente, machte er selbst sich nicht viel aus der Filmerei. Jedenfalls nicht bei so banalen und alltäglichen Arbeiten. Außerdem gefiel ihm nicht, dass er keinerlei Einfluss auf das Ergebnis nehmen konnte. Aber Josh und Asher, seine beiden Geschäftspartner, fanden die Serie extrem wichtig, da konnte er sich schlecht darüber beschweren, wie unangenehm es ihm war, bei seiner Arbeit ständig von der Kamera verfolgt zu werden!

Das Ölgemälde, um das es hier ging, war von hoher Qualität. Es stammte aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, und zwar von einem Maler, der vor allem für seine Buchillustrationen geschätzt wurde. Der größte Teil des Bildes war in Schwarz- und Brauntönen gehalten, um eine düstere Stimmung zu erzeugen. Im Gegensatz dazu standen die hellen Töne, mit denen der Geist der Frau gemalt worden war. Krew bezweifelte nicht, dass dieses Gemälde auf viele Betrachter eine starke Wirkung ausübte, aber ihn persönlich sprach es nicht sonderlich an.

Dass ihm das Werk wenig bedeutete, spielte jedoch keine Rolle. Krew war hier, um es für einen Kunden zu ersteigern: seinen Vater, Byron Lawrence.

Die Lawrences besaßen altes Geld und alte Kunst, und von beidem reichlich. Im Laufe seines Lebens hatte Krews Vater eine gigantische Sammlung zusammengetragen. Es grenzte an Besessenheit und war im Grunde nur eine ziemlich ordinäre Zurschaustellung seines Reichtums. Aber das würde Krew seinem Vater nie sagen, der ihn nur nach seinem Kontostand beurteilte – und nach seiner Fähigkeit, immer wieder möglichst kostbare Kunstwerke für ihn aufzutreiben.

Seit sie vor acht Jahren The Art Guys gegründet hatten, hatte Krew einen Rembrandt, einen da Vinci und einen Caravaggio für Byron erworben …

Letztes Jahr hatte sein Vater sich scheiden lassen. Zum dritten Mal. Seine Ex-Frau Claudia, eine Französin, hatte sich mit einigen von Byrons teuren Gemälden aus dem Staub gemacht, als sie ihre letzten Sachen aus dem Haus abgeholt hatte. Jetzt verkaufte Claudia sie, weil sie wusste, dass es ihren Ex-Mann wahnsinnig machen würde. Und sie verkaufte sie nicht in ein und demselben Auktionshaus. Außerdem hielt sie alle Informationen über die Verkäufe bis ein oder zwei Tage vor der Versteigerung zurück. Ihr Wunsch, Byron unter dem Verlust seiner Bilder leiden zu lassen, war offensichtlich.

Erst hatte Krew sich dagegen gesträubt, in den Rosenkrieg seines Vaters hineingezogen zu werden. Doch als Byron auf die Ähnlichkeit zwischen seiner dritten Ehe und Krews eigener kurzen Ehe hingewiesen hatte, war Krew mit ihm einig gewesen, dass man einer so berechnenden Frau nicht den Sieg überlassen durfte.

Seine eigene Ehe …

Nun, sie hatten beide Fehler gemacht.

Und so saß er hier, in jeder Hinsicht der Sohn seines Vaters. Mit nichts als der Kunst. Einsam. Nicht wert, wirklich geliebt zu werden, aber entschlossen, Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Doch bei dieser Beschreibung seines Vaters – und vor allem seiner selbst – schüttelte Krew den Kopf. War er wirklich so bemitleidenswert? Nein! Er hatte nicht nur die Kunst, und er war auch nicht einsam. Er führte ein gutes Leben. Seine Arbeit für The Art Guys machte ihn glücklich. Und Liebe? Er hatte nicht wirklich das Gefühl, es nicht verdient zu haben, geliebt zu werden, aber … Er fragte sich, ob er überhaupt zu wirklicher Nähe imstande war. Er wünschte sich Liebe, er wusste nur nicht, wie sie emotional funktionierte. Denn er hatte nie ein gutes Vorbild gehabt.

Während er den Geboten lauschte, wanderte sein Blick zu den langen, schmalen Fingern der Frau, mit denen sie sich über einen Oberschenkel fuhr. Eine Bewegung, die eigentlich ein Mann durchführen sollte, der die Weichheit ihrer Haut genoss, bevor er weiter nach oben zu der kurvigen …

Die Frau sah in seine Richtung. Krew verengte die Augen. Etwas an ihr kam ihm bekannt vor. Dieses Kleid – weiß mit roten Punkten – schmiegte sich an jede ihrer Kurven. Persönlich kannte er sie nicht, aber er wusste, dass sie als Kunsthändlerin in der Galerie von Heinrich Hammerstill arbeitete – der nicht gerade der beliebteste Londoner Galerist der Art Guys war.

Sie schenkte ihm nicht wirklich ein Lächeln, doch das leichte Schürzen ihrer dunkelroten Lippen war wie ein Versprechen. Ein Versprechen, das sich zu einer anderen Zeit vielleicht lockend um sein Herz gelegt hätte, wären da nicht die Schutzwälle gewesen, die Krew nach seiner Scheidung um sein Herz gezogen hatte …

Als sie sich wieder nach vorne wandte, schwang ihr gewelltes dunkles Haar auf subtile Weise mit. Es reichte ihr kaum bis zu den Schultern und gab so den Blick auf ihren blassen, fein geschwungenen Nacken frei.

Der Hammer des Auktionators verkündete das Ende der Versteigerung.

Krew riss sich aus der Betrachtung der Frau.

Moment. Hatte er gewonnen?

Leiser Applaus begleitete die Verkündigung, dass Miss Cohen von der Hammerstill Gallery den Devereux ersteigert hatte.

Krew klappte der Mund auf. In einer Versteigerung unterlag er nie. Und in seiner Branche wussten das alle.

Er schnaubte und wollte frustriert sein Revers richten, ehe er innehielt. Wenn er an das Mikrofon kam, würde die Crew sich über die Geräusche beschweren.

Mit einer eleganten Bewegung erhob die Frau sich und nahm ihre Handtasche. Sie bewegte sich anmutig wie eine Gazelle, obwohl sie einen Gehstock benutzte. Sie schien sich aber nicht darauf zu stützen und wirkte, als bräuchte sie gar keine Gehhilfe. Merkwürdig.

Als sie auf seiner Höhe war, zwinkerte sie ihm zu. Mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht neigte sie leicht den Kopf. Die sinnliche Aura eines frisch nach Zitrus duftenden Parfums umgab sie. So vertraut …

Krew ballte die Hände zu Fäusten. Es fühlte sich an, als sei soeben ein Hurrikan über ihn hinweggefegt. Er war wirklich in schlechter Form.

Der Mann neben ihm beugte sich zu ihm und flüsterte: „Pech gehabt, Mr. Brain. Nehmen Sie es nicht so schwer. Die Frau ist ein echter Hingucker. Sie könnte uns alle mit einem einzigen Wimpernschlag haben. Schade, dass sie beschädigt ist.“

Erbost über die brutalen Worte des Mannes entgegnete Krew: „Wenn hier jemand beschädigt ist, dann sind Sie das, weil Sie ein solches Wort für einen Menschen benutzen.“

Der alte Mann schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust.

Krew drehte sich um und sah den Gang entlang. Die Frau war gegangen. Die Filmcrew, die sich mittlerweile an der Tür positioniert hatte, musste ihren sinnlichen Triumphmarsch vorbei an ihrem Rivalen aufgenommen haben.

Krew war soeben geschlagen worden.

Und die Kamera hatte es festgehalten.

2. KAPITEL

Krew stand vor dem Spiegel und band seine Krawatte. Er entschied sich für einen Windsorknoten, weil der sich nach Erfolg anfühlte. Nach der gescheiterten Ersteigerung vor zwei Tagen brauchte er den. Doch allein der Gedanke, auf einen Glücksbringer oder eine Art magischen Knoten angewiesen zu sein, störte ihn.

Er war ein selbstbewusster Mensch. Himmel, in dieser Branche ging es zu fünfundsiebzig Prozent um Selbstbewusstsein! Die übrigen fünfundzwanzig Prozent bestanden aus Fachwissen. Für Krew lief es immer so, wie er es wollte. Und wenn nicht? Üblicherweise erkaufte er sich sein Ziel. Doch er benutzte Geld nie als Werkzeug, um jemanden zu ködern oder zu bestechen. Das überließ er seinem Vater! Krew kannte sich in der Welt der Kunst einfach gut aus und hatte seine Fertigkeiten auf Auktionen und bei Taxierungen verfeinert. Außerdem war er ein Experte darin, Fälschungen zu erkennen. Diese Fähigkeiten verschafften ihm Respekt.

Er hatte „Melancholie“ an Peachy Cohen verloren. Krew zog die Augenbrauen hoch. Was für ein Name war das überhaupt, Peachy? Wie Peach, das englische Wort für Pfirsich. Der Name klang nach etwas Süßem und hatte etwas sinnlich Verlockendes. Wie die ganze Frau eben. Er gab es nicht gerne zu, aber während der Auktion hatte er sich von ihr ablenken lassen. Sie war der Grund, dass er verloren hatte.

Eine ärgerliche Erkenntnis, da Krew eigentlich kein Mann war, der sich vom Sexappeal einer Frau angezogen fühlte. Er stand auf intellektuelle, belesene Frauen, die sich sowohl in Finanzen als auch in der Kunst auskannten. Ganz anders als sein Vater Byron, dessen Freundinnen und Ehefrauen sich für Prominente und Mode begeisterten. Nach außen hin sexy, aber innen völlig geistlos. Von Kunst verstanden sie gar nichts.

Krew zuckte innerlich zusammen und besah sich im Spiegel. Die Krawatte saß nicht perfekt, also löste er sie und band sie aufs Neue. Wie schnell er in den Byron-Modus verfallen war! Dabei bemühte sich Krew eigentlich, einen Menschen nie nach dem Äußeren zu beurteilen, er wusste genau, dass das unfair war. Außerdem würde er seine Mutter nie in dieselbe Schublade stecken wie die späteren Gespielinnen seines Vaters. Zwar hatte sie seinen Vater und ihn verlassen, als Krew erst sechs Jahre alt gewesen war, doch sie sprachen noch immer einmal im Monat miteinander. Sie hatte Krew beigebracht, dass es viel mehr war als das Äußere, das jeden Menschen einzigartig machte.

Aber auch diese Erkenntnis hatte ihn während der Auktion nicht davon abgehalten, sich ablenken zu lassen.

Zauberhaft war das Wort, das ihm als Erstes einfiel, um Miss Cohen zu beschreiben. Dicht gefolgt von gefährlich. Besonders für einen Mann wie ihn, der nie genau wusste, wie man sich in der Gegenwart einer Frau verhalten sollte. Denn die Erfahrung mit Lisa, seiner Ex-Frau, hatte ihn ganz schön verunsichert.

Das Letzte, was Krew wollte, war es, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ein weiteres Mal zu heiraten. Byron – er wollte, dass Krew ihn mit seinem Namen anredete und nicht mit Dad oder gar Daddy – sammelte Frauen wie Bilder. Aber wenigstens war er in der Lage, Frauen auch wieder gehen zu lassen. Nicht dass Byron eine Wahl gehabt hätte. Normalerweise ergriffen sie irgendwann die Flucht, im Gepäck eine stattliche Abfindung.

Nein, Krew würde es seinem Vater nicht gleichtun. Er hatte genug von Beziehungen, die einem Mann das Herz brechen konnten. Seins war ramponiert, doch er hatte Schutzschilde darum errichtet, sodass es weiterhin funktionieren konnte. Aber auch flüchtige Techtelmechtel waren nichts für ihn. Wenn ein Mann und eine Frau miteinander schliefen, musste mehr dahinterstecken. Für One-Night-Stands war er nicht zu haben.

Krew besah seinen Krawattenknoten im Spiegel und nickte zufrieden. Normalerweise tat er die seltenen Male, bei denen es ihm nicht gelang, ein bestimmtes Gemälde zu ersteigern, mit einem Schulterzucken ab, doch in diesem Fall war das keine Option. Krew hatte Byron versprochen, die vier Bilder zurückzuholen, die einst die Wände des Familiensitzes geziert hatten. Bei dieser Rückholaktion ging es schon auch um männlichen Stolz. Claudia durfte nicht damit durchkommen, Byron auf diese Weise zu demütigen.

Die vier entwendeten Bilder hatte Krews Vater vor längerer Zeit im Laufe eines Jahres über die Hammerstill Gallery gekauft. Damals hatten The Art Guys sich gerade in der Gründungsphase befunden, es waren die letzten Einkäufe gewesen, die Byron nicht über seinen Sohn getätigt hatte.

„Hammerstill!“, knurrte Krew sein Spiegelbild an.

Warum kamen The Art Guys einfach nicht los von der Hammerstill Gallery? Die Begegnungen mit dem Eigentümer und seinen Partnern waren noch nie angenehm gewesen.

Seufzend dachte er an die vier Bilder, die er für seinen Vater zurückkaufen sollte. Jetzt waren es noch drei …

Dass Miss Cohen an der Auktion mit dem ersten Bild auf Byrons Liste teilgenommen hatte, war reiner Zufall gewesen. An der heutigen Versteigerung konnte sie unmöglich ebenfalls teilnehmen. Und wenn doch? Dann würde er sich so auf die Versteigerung konzentrieren, als trüge er Scheuklappen. Krew hatte seine Arbeit noch nie von etwas so Oberflächlichem wie einem hübschen Lächeln und sexy Beinen beeinträchtigen lassen, und er würde es sich auch nicht zur Gewohnheit machen.

Außerdem musste er immer daran denken, dass er für die Fernsehserie The Art Guys gefilmt wurde. Jeder weitere Fehler würde für die ganze Welt sichtbar dokumentiert werden, und das wäre vollkommen inakzeptabel.

Peachy richtete das seidene Halstuch an ihrer Handtasche, während sie auf das nächste Auktionslos wartete. Auch Mr. Lawrence war heute wieder da. In dem maßgeschneiderten Anzug, der seine geraden Schultern und die aufrechte Körperhaltung unterstrich, sah er umwerfend gut aus. Zu Hause hatte sie ein Foto von ihm an ihrer Pinnwand hängen, an der sie alles, was ihre Ziele betraf, festhielt. Er inspirierte sie in so vieler Hinsicht. Aber sie hatte sich nicht vorgestellt, dass er in Fleisch und Blut so unglaublich schön war.

Bei den bisherigen sechs Gemälden hatte er nicht mitgeboten. Sollte er es bei dem nächsten Bild tun, würde es sie misstrauisch machen.

Die Werke, auf die sie es abgesehen hatte, stammten alle von unterschiedlichen Künstlern und aus unterschiedlichen Epochen und wurden alle in unterschiedlichen Auktionshäusern versteigert. Das Einzige, was sie miteinander verband, war die Verkäuferin, eine Bekannte von Peachys Mutter.

Heinrich Hammerstill hatte im letzten Jahr angefangen, sich aus der aktiven Arbeit zurückzuziehen, weshalb er nun Peachy zu den Versteigerungen schickte. Er war über siebzig, und das Alter meinte es nicht gut mit ihm. Er hatte Atemprobleme, nahm Medikamente und war noch missmutiger als sonst. Peachy hatte das Gefühl, dass er bald ganz aufhören und sie zur Geschäftsführerin der Galerie machen würde. Sie hatte eigentlich nicht vor, auf Dauer in London zu leben, doch die Beförderung würde auch eine Gehaltserhöhung und somit mehr Rücklagen für ein eigenes Haus bedeuten. Sie war ihre winzige Einzimmerwohnung in Mayfair so leid! Sie wollte die Unabhängigkeit, die Eigentum mit sich brachte und die damit einhergehende Stabilität und Ruhe. Zwei Dinge, die sie im Bohemienne-Haushalt ihrer Mutter nie kennengelernt hatte.

Der Auktionator schlug mit dem Hämmerchen auf sein Pult, und die Anwesenden verstummten. Peachy sah nach vorne. Krew Lawrence saß in der zweiten Reihe und damit zwei Reihen vor ihr. Wieder hatte er den Stuhl am Gang gewählt. Er hatte sie nicht gesehen. Noch nicht.

Sie musste sich konzentrieren und beten, dass das Budget von The Art Guys kleiner war als ihres. Bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um. The Art Guys war ein milliardenschweres Unternehmen. Diese Männer hatten Geld, und alle drei waren fähig, kenntnisreich, charmant und selbstbewusst. Sprichwörtliche Genies, die zusammen die Kunstwelt in den Händen hielten.

Der Auktionator stellte kurz das Gemälde vor. „Die Sintflut“ von Mongline zeigte einen griechischen Gott, der seine Frau in die Höhe hielt, während das Wasser sie beide umschloss. Peachy gefiel die Botschaft, dass der Mann sein eigenes Leben riskierte, um das seiner Frau zu retten. Außerdem war das Licht geradezu ätherisch, und, na schön, auch die Muskeln das Gottes waren nicht zu verachten.

Der Hammer landete auf dem Pult, und Peachy griff nach ihrem Auktionsschild.

Eine Handvoll Bieter hielt die Schilder in die Höhe, während andere an ihrem Ohrläppchen zupften oder blinzelten. Jeder hatte seine eigene Technik. Der Preis stieg schnell, und irgendwann beteiligte auch Mr. Lawrence sich mit einem Nicken.

Peachy hatte eine Obergrenze, aber für „Melancholie“ hatte sie weniger ausgegeben als erwartet. Als die Gebote die Grenze also überschritten, ergriff sie die Gelegenheit, wobei sie auch die zwanzig Prozent Gebühr des Auktionshauses mit einrechnete.

Als jemand hustete, schreckte sie zusammen. Rasch sah sie über die Schulter und entdeckte erst jetzt die Filmcrew. Was war an einer Auktion schon so interessant? Die Male, die sie The Art Guys im Fernsehen angeschaut hatte, war keine Zeit an etwas so Langweiliges wie eine Versteigerung verschwendet worden. Ihr gefielen die Episoden am besten, in denen der extrem durchtrainierte Partner, den alle The Brawn nannten, an exotische Orte reiste, um dort auf abenteuerliche Weise an seltene Kunstgegenstände zu gelangen.

Alarmiert durch die Stimme des Auktionators riss Peachy sich aus ihren Gedanken, wandte sich wieder nach vorne und hob ihr Schild. Mr. Lawrence warf ihr einen kurzen Blick über die Schulter zu – das kleine Muttermal zuckte, als er eine Braue hob – und bot mit. Wieder sah er zu ihr. Sie zwinkerte. Hob ihr Schild.

Seine Augen waren so grün. Sie erinnerten sie an eines ihrer Lieblingsbilder …

Mit unüberhörbarer Endgültigkeit landete der Hammer auf dem Pult. Die Versteigerung war vorbei. Wer hatte den Zuschlag erhalten? Peachy glaubte, zuletzt geboten zu haben, aber sie war sich nicht sicher, ob Lawrence nicht auch noch einmal genickt hatte.

Lächelnd nickte der Auktionator ihr zu und gratulierte ihr zu dem Bild.

Ja! Sie hatte … Nun, sie wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, aber sie würde auch nicht fragen. Oder länger hierbleiben. Noch bevor das Gemälde von der Staffelei genommen wurde, erhob Peachy sich und verließ den Saal. Dabei bemerkte sie, dass die Kamera jedem ihrer Schritte folgte. 

Am Empfangstresen im Vorraum bestätigte sie die Informationen zu ihrer Galerie und die Adresse, an die das Bild geschickt werden sollte. Während sie auf den Beleg wartete, sah sie Mr. Lawrence den Verkaufsraum verlassen. Er blieb nicht, um auf den begehrten Koons zu warten, der im letzten Los heute Nachmittag versteigert werden sollte? Ein so wohlhabender Kunsthändler wie er? Interessant. Aber er konnte doch nicht nur wegen des Sintflut-Gemäldes gekommen sein, schließlich war das Bild gerade für weniger als einhunderttausend Pfund verkauft worden.

Er sah zu ihr, zweimal, strich über seine Krawatte und nickte ihr anerkennend zu. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und schien darauf zu warten, dass sie sich zu ihm gesellte.

Peachy redete sich ein, es müsste Zufall sein, dass sie innerhalb von nur zwei Tagen auf dasselbe Bild geboten hatten. Allerdings fragte sie sich schon, ob er auch auf die beiden verbleibenden Bilder auf ihrer Liste bieten würde. Es erschien ihr unwahrscheinlich, aber sie musste es genau wissen.

Sie straffte die Schultern und schlenderte zu der schweren Messingtür, an der Krew Lawrence stehen geblieben war.

Es musste ziemlich an ihm nagen, dass er, der für seine Auktionserfolge berühmt war, gegen sie verloren hatte, und das gleich zweimal. Aber sie wusste auch, dass sich ihr hier die Gelegenheit bot, sein Vertrauen zu gewinnen und herauszufinden, warum er hinter denselben Bildern her war wie sie.

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