Happy End in der Notaufnahme

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Die heiße Sehnsucht, die Marina empfindet, als sie ihren Ex-Mann, den Notarzt Max Fenton, wiedersieht, ignoriert sie sofort. Denn obwohl er sie scheinbar zurückerobern will, glaubt sie nicht mehr an ein neues gemeinsames Glück. Da gerät Max in eine Brandkatastrophe …


  • Erscheinungstag 20.10.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759582
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Verzeihung. Dieses Geschrei ist leider nicht zu überhören, und ich komme jetzt rein.“

Marina erstarrte, als sie die Stimme auf der anderen Seite des Vorhangs hörte.

Nein, natürlich war er das nicht.

Max Fenton arbeitete nicht im London-Victoria-Krankenhaus. Es war also völlig absurd, dass er vor der Kabine stehen sollte. Marina ärgerte sich über sich selbst, dass sie sofort an ihren Ex dachte, sobald sie eine Männerstimme mit einem leichten Upper-Class-Akzent hörte.

Nach vier Jahren sollte sie wirklich über ihn hinweg sein. Und dennoch, jedes Mal, wenn sie aus der Ferne einen dunkelhaarigen Mann sah, dem das Haar in die Stirn fiel, oder jemand eine ähnliche Stimme hatte, dachte sie sofort an Max. Aber jedes Mal stellte sich heraus, dass es ein Unbekannter war.

Letztes Jahr hatte Max die Scheidungspapiere unterschrieben, und davor hatten sie bereits drei Jahre getrennt gelebt. Sicher, Eve hatte erzählt, dass ein neuer Oberarzt Eds Stelle übernehmen würde, jedoch keinen Namen genannt.

Dann wurde der Vorhang der Kabine zur Seite geschoben, und Marina verschlug es vor Schreck die Sprache.

Seit wann arbeitete Max hier in der Notaufnahme? Er war eindeutig ein Kollege. Abgesehen davon, dass er einen weißen Kittel trug und ein Stethoskop um seinen Hals hing, zeigte sein Namensschild das Krankenhaus-Logo. Aber wie um alles in der Welt konnte es Marina entgangen sein, dass er jetzt zum Team gehörte?

Sie schaute ihn an. In seinem Gesicht waren mehr Linien zu sehen als zuvor, und er war dünner. Zu dünn. Doch das Haar fiel ihm noch genau wie früher in die Stirn. Und Marina hatte ganz vergessen, wie blau seine Augen waren. Ein rauchiges Graublau, bei dem ihr noch immer das Herz stockte, wenn sie ihn ansah. Selbst nach all dem Kummer, den sie geteilt hatten.

Beinahe hätte sie den Arm ausgestreckt, um Max zu berühren. Ihm die Hand an die Wange zu legen, um sich davon zu überzeugen, dass er tatsächlich da war und sie nicht an Halluzinationen litt.

Doch sie hatte kein Recht, ihn zu berühren. Jetzt nicht mehr. Er konnte verheiratet sein und vielleicht auch ein Kind haben.

Der Schmerz bei diesem Gedanken war so intensiv, dass er Marina fast überwältigte. Aber dann wurde der Schmerz von Wut verdrängt. Was hatte Max hier zu suchen? Schließlich gab es Tausende von anderen Krankenhäusern auf der Welt. Warum musste er ausgerechnet in dem aufkreuzen, in dem sie arbeitete?

Max’ Miene war völlig undurchdringlich. Er warf einen Blick auf Marinas Namensschild, bevor er sich der Frau zuwandte, von der sie gerade angeschrien worden war.

„Sie stören die anderen Patienten“, erklärte er knapp. „Und ich schlage vor, dass Sie gehen, damit Frau Dr. Petrelli in Ruhe ihre Patientin behandeln kann. Oder soll ich den Sicherheitsdienst rufen?“

Die Frau verzog verächtlich den Mund und kaute weiter geräuschvoll ihren Kaugummi. „Das ist doch total ungerecht, dass diese Ausländer herkommen und den Engländern ihre Jobs wegnehmen.“

„Nicht, dass es Sie irgendetwas anginge, aber Dr. Petrelli ist ebenso Engländerin wie Sie“, entgegnete Max. „Und selbst wenn nicht, in dieser Abteilung dulden wir ein solches Verhalten unter keinen Umständen. Unsere Mitarbeiter haben das Recht, ihren Beruf auszuüben, ohne dabei beschimpft zu werden.“

„Ich kenne meine Rechte.“ Trotzig verschränkte die Frau ihre Arme. „Und Sie dürfen mich nicht schikanieren.“

„So wie Sie meine Kollegin schikanieren? In drei Sekunden rufe ich den Sicherheitsdienst. Oder Sie gehen nach draußen und lassen Dr. Petrelli Ihre Freundin behandeln. Sie haben die Wahl.“ Ungerührt sah er sie an. „Eins … zwei …“

„Ich warte direkt vor der Kabine, Ally. Und sieh zu, dass sie dich ordentlich untersucht.“ Die Frau bedachte Marina mit einem feindseligen Blick und stolzierte hinaus.

„Kann ich dich einen Moment sprechen?“ Mit einem Blick zu Marina wies Max auf den Vorhang.

„Entschuldigen Sie, Mrs Marshall“, sagte diese zu ihrer Patientin. „Ich bin gleich wieder da.“

Max schloss den Vorhang hinter ihnen. „Ist alles in Ordnung?“

Seine Stimme klang höflich distanziert. Ganz anders als bei ihrer ersten Begegnung. Das Examen gerade hinter sich, hatte Marina damals gerade mit ihrer Arbeit als Ärztin im Praktikum begonnen. An ihrem ersten Tag waren all ihre Kollegen völlig überlastet gewesen, und Max hatte sich schnell vorgestellt, als Marina fünf Minuten Pause machte. Dann hatte er ihr einen halben Schokoriegel und eine Tasse lauwarmen Kaffee gegeben, den sie sofort trinken konnte. Sein warmherziges, offenes Lächeln hatte ihr weiche Knie verursacht. Und Marina hatte festgestellt, dass Liebe auf den ersten Blick kein Märchen war. Innerhalb von Sekunden hatte sie sich Hals über Kopf in Max Fenton verliebt.

Aber in den letzten fünf Jahren war viel passiert. Und da sie jetzt offenbar zusammenarbeiten würden, war ein höflich distanzierter Umgang miteinander sicher das Beste.

Noch einmal schaute Marina auf sein Namensschild, um den Status von Max zu erkennen. „Oberarzt“ – also hatte er tatsächlich Eds Stelle übernommen. Seltsam, denn er war früher so karrierefixiert gewesen, dass sie vermutet hatte, er würde seinen Facharzt wesentlich schneller machen.

„Mir geht es gut. Danke“, antwortete sie.

Das stimmte natürlich keineswegs. Ihn wiederzusehen hatte sie völlig aus der Fassung gebracht. Doch sie riss sich zusammen. „Vielen Dank, dass du mir zu Hilfe gekommen bist.“

„Kein Problem.“ Er nickte ihr kühl zu. „Dann lasse ich dich mal wieder zu deiner Patientin gehen.“

Sobald Marina in die Kabine zurückkam, meinte die Frau auf der Liege: „Es tut mir schrecklich leid.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Claire hat wirklich ein gutes Herz. Sie kann nur manchmal ein bisschen grantig sein.“

Das war milde ausgedrückt, aber Mrs Marshall konnte schließlich nichts für ihre herrische Freundin. „Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel die übellaunigen Betrunkenen, die freitags abends hier landen“, erwiderte Marina lächelnd. „Machen Sie sich keine Gedanken.“

„Es ist bloß deshalb, weil ihr Mann mittwochs immer Ihren Artikel liest. Er findet Sie supertoll“, vertraute Mrs Marshall ihr an.

„Ich fühle mich geschmeichelt. Aber Ihre Freundin braucht sich wirklich keine Sorgen zu machen.“ Auch wenn Marina eine Beziehung gewollt hätte, wäre sie nur mit alleinstehenden Männern ausgegangen. Doch im Augenblick war ihr Leben sowieso viel zu kompliziert für solche Dinge.

„Ich hab ihr gesagt, wie sehr Stewie sie liebt, aber sie glaubt, er wird sich nach einer anderen umschauen, weil sie so dick ist.“ Seufzend schüttelte Mrs Marshall den Kopf. „Sie gibt sich so viel Mühe, für ihn hübsch auszusehen. Als sie aufgehört hat zu rauchen, hat sie fünfzehn Kilo zugenommen. Darum kaut sie auch die ganze Zeit Kaugummi, damit sie nicht wieder anfängt.“

„Ich denke, wir sollten jetzt lieber über Sie als über Ihre Freundin sprechen“, meinte Marina freundlich. „Ich vermute, Sie haben sich das Handgelenk gebrochen, Mrs Marshall. Nach Ihrer Beschreibung, wie Sie mit der Hand aufgekommen sind und wie Ihr Handgelenk aussieht, gehe ich von einer Colles-Fraktur aus. Ich werde Ihnen jetzt ein Schmerzmittel geben und Sie dann zum Röntgen schicken. Nachdem wir uns das Röntgenbild angesehen haben und wenn sonst alles in Ordnung ist, lege ich Ihnen eine Schiene an, um das Handgelenk zu stabilisieren, bis Sie in die Orthopädie kommen.“

„Soll das heißen, dass ich einen Gips kriege?“, fragte Mrs Marshall erschrocken.

„Die modernen Gipsverbände sind sehr leicht“, meinte Marina beruhigend. „Aber Sie müssen ein paar Wochen lang einen Gips tragen, damit Ihr Handgelenk richtig verheilt.“

„Kann ich denn damit arbeiten?“

„Das kommt darauf an, was Sie beruflich machen“, erwiderte Marina. „Falls Sie Ihre Hand viel gebrauchen, sollten Sie sich lieber eine Weile krankschreiben lassen. Und auf gar keinen Fall dürfen Sie etwas heben oder tragen.“

„Wenn ich nicht arbeite, werde ich nicht bezahlt“, sagte Mrs Marshall bestürzt.

„Aber wenn Sie zu früh wieder mit der Arbeit anfangen und das Handgelenk zu sehr belasten, kann es gut sein, dass es viel schlimmer wird und Sie dann noch länger ausfallen“, gab Marina zu bedenken. „Ich weiß, dass Sie sich deshalb nicht besser fühlen, aber Sie sind heute schon der vierte Patient mit einer Colles-Fraktur. Bei Glatteis so wie heute rutschen sehr viele Leute aus. Sie versuchen sich mit der Hand abzufangen und brechen sich dabei das Handgelenk.“

Sie gab Mrs Marshall ein paar Schmerztabletten und schickte sie zum Röntgen. „Nach dem Röntgen kommen Sie wieder zu mir, okay?“, meinte sie lächelnd.

Max nahm sich eine Patientenakte und begann, die Eintragungen zu seinem nächsten Patienten durchzulesen. Er brauchte ein paar Minuten, um seine Fassung zurückzugewinnen. Als er das Geschrei in einer der Kabinen gehört hatte, war er instinktiv hinübergeeilt, um dem entsprechenden Kollegen zu Hilfe zu kommen.

Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, seiner Exfrau gegenüberzustehen.

Er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass Marina im London Victoria arbeitete. Sie nach vier Jahren wiederzusehen, war ein echter Schock gewesen.

Sie sah immer noch so umwerfend aus wie früher, mit diesem langen seidigen Haar, mit dem er so gerne gespielt hatte. Dann der perfekt geformte kleine Mund und diese ausdrucksvollen dunklen Augen, in die hatte er sich gleich am allerersten Tag verliebt. Marina war jetzt achtundzwanzig, wirkte jedoch jünger mit ihrer zarten Haut und den üppigen Rundungen. Genau wie damals hatte ihm ihr Anblick heute wieder den Atem geraubt.

Max hoffte nur, dass man es ihm nicht angemerkt hatte. Andererseits hatte er monatelang im Krankenhaus gelegen, wo er nichts anderes zu tun gehabt hatte, als zu grübeln und sich darin zu üben, seine Gefühle hinter einer Maske zu verstecken. Außerdem hatte er drei Jahre lang für „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet, und er war ziemlich sicher, dass er inzwischen in jeder Situation eine ausdruckslose, professionelle Miene aufsetzen konnte. Dazu gehörte auch eine unerwartete Begegnung mit der Liebe seines Lebens.

Max hatte geglaubt, er wäre über Marina hinweg und bereit dazu, wieder in England zu arbeiten. Aber als er sie gerade eben gesehen hatte, war ihm klar geworden, wie sehr er sich geirrt hatte. Er war ganz und gar nicht über sie hinweg. Und wenn er ehrlich zu sich war, würde er es auch niemals sein.

Natürlich würde er nichts in dieser Richtung unternehmen. Marinas Gesichtsausdruck war ziemlich offensichtlich gewesen: erst Schock, dann Schmerz und Wut. Immerhin hatte sie die Scheidung eingereicht. Also war es verständlich, dass sie sich distanziert verhielt. Vielleicht lebte sie ja in einer Beziehung oder war sogar verheiratet. Die Vorstellung, dass sie den Ring eines anderen Mannes trug, verursachte Max geradezu körperliche Übelkeit. Aber er hatte kein Recht, dagegen zu protestieren. Schließlich hatte er ja die Scheidungspapiere unterzeichnet, anstatt um seine Ehe zu kämpfen.

Als er die Papiere unterschrieben hatte, war er wütend gewesen. Wütend auf Marina, dass sie ihn verlassen hatte. Und wütend auf sich selbst, dass er nicht mehr dafür getan hatte, um mit ihr zusammenzubleiben. Heute wusste er jedoch, dass die Wut einfach nur den Schmerz überdeckt hatte. Auf diese Weise brauchte er sich nicht mit seinem furchtbaren Verlust zu konfrontieren.

Max schluckte schwer. Was für ein Schlamassel. Jetzt musste er mit Marina zusammenarbeiten, und es war sehr wahrscheinlich, dass sie auch zum selben Team im Schockraum eingeteilt wurden. Also musste er seine Gefühle unterdrücken und so tun, als wäre ihm ihre Gegenwart absolut gleichgültig.

Zum Glück hatte er sich auf Notfallmedizin spezialisiert, wo er viel zu beschäftigt war, um ständig an seine Exfrau denken zu können. Entschlossen ging er hinaus zur Anmeldung und rief seinen nächsten Patienten auf.

Wie immer bei Glatteis war der Warteraum voll. Dennoch achtete Marina darauf, genug Zeit für jeden Patienten zu haben, um sie zu beruhigen. Vor allem eine ältere Dame, die an Osteoporose litt und sich sowohl beide Arme als auch die Hüfte gebrochen hatte. Anstatt sie mit einem Pflegerhelfer in die Geriatrie zu schicken, brachte Marina sie persönlich hinauf und half ihr, sich auf der Station zurechtzufinden.

Marinas Mittagessen bestand lediglich aus einem Sandwich, das sie schnell nebenbei aß, während sie etwas Schreibkram erledigte.

Am frühen Nachmittag sagte Eve, die Stationsschwester, zu ihr: „Du hast heute noch keine Minute Pause gemacht. Geh und gönn dir einen Kaffee.“

„Wir haben zu viel zu tun“, widersprach Marina. „Und du hattest auch noch keine Pause.“

„Nun geh schon“, erklärte Eve. „Du brauchst eine Pause. Und du machst heute um fünf Schluss, richtig?“

„Ja. Aber ich fühle mich schrecklich dabei, wenn ich früher gehe, obwohl der Warteraum noch so voll ist“, antwortete Marina.

„Du bist um acht gekommen und hast die ganze Zeit durchgearbeitet. Wenn du dann um fünf gehst, ist das nicht gerade früh, oder?“, gab Eve zurück. „Außerdem wissen wir ja, wo du bist, falls wir dich brauchen.“

Ja. Marina musste Phoebe abholen und dann mit ihr auf die Entbindungsstation gehen, um dort ihrer älteren Schwester ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Lächelnd erkundigte sich Eve: „Wie geht es Rosie denn?“

„Na ja, so lala. Sie ist genervt, dass sie hier im Krankenhaus festsitzt. Dabei wäre sie viel lieber zu Hause bei Neil und Phoebe“, antwortete Marina.

„Ein gutes Zeichen. Und dem Baby geht’s auch gut?“

„Ja.“ Marina biss sich auf die Lippen. „Aber wir werden natürlich alle viel beruhigter sein, wenn das Kind endlich da ist.“

„Rosie ist in guten Händen. Du weißt genau wie ich, dass Theo Petrakis der Beste ist.“ Eve klopfte ihr auf die Schulter. „Und jetzt Abmarsch.“

„Fünf Minuten, dann bin ich wieder da.“

„Fünfzehn“, erklärte Eve.

Marina ging zur Stationsküche, machte sich einen Becher Kaffee und goss so viel kaltes Wasser dazu, dass sie ihn sofort trinken konnte.

„Ist das Wasser noch heiß?“, fragte jemand hinter ihr, und Marina ließ fast ihren Becher fallen.

Max.

Heftige Sehnsucht durchzuckte sie, die sie jedoch rasch unterdrückte.

„Ja.“ Marina schlug absichtlich einen kühlen, professionellen Ton an.

Falls es zwischen ihnen eine schwierige Stimmung gab, würden die Kollegen Fragen stellen. Und Marina hatte keine Lust, zum Gesprächsthema der Krankenhaus-Gerüchteküche zu werden. Daher zwang sie sich dazu, etwas Small Talk zu betreiben.

„Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest“, meinte sie.

„Mein Einstellungsgespräch war vor zwei Wochen“, antwortete Max. Er machte sich ebenfalls einen Kaffee.

Das erklärte so manches. Seit Rosie vor über zwei Wochen mit Präaklampsie eingeliefert worden war, hatte das Marinas Leben so durcheinandergebracht, dass sie nicht viel von dem mitbekommen hatte, was bei der Arbeit vor sich ging. Sie machte ihre Schichten, wobei sie ihrer Schwester vorher und nachher immer einen Besuch abstattete. Außerdem unterstützte sie ihren Schwager, indem sie sich um Phoebe, ihre zweijährige Nichte, kümmerte.

„Ich wusste auch nicht, dass du hier arbeitest“, setzte Max hinzu. „Du warst nicht da, als mir die Abteilung gezeigt wurde.“

„Wahrscheinlich hatte ich dienstfrei“, erwiderte Marina.

„Wie lange arbeitest du schon hier?“

„Fast ein Jahr.“ Sie sah ihn an und bemerkte befriedigt, wie ein Schatten über sein Gesicht huschte. Er erinnerte sich also an das, was vor einem Jahr passiert war. Schließlich hatte er sich auch lange genug Zeit gelassen, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Ihr Anwalt hatte sie ihm dreimal zuschicken müssen, weil Max nicht darauf reagiert hatte. Offenbar stand das Ende ihrer Ehe genauso weit unten auf seiner Prioritätenliste wie ihre Ehe selbst.

Aber jetzt war Marina frei. Sie hatte ihren Mädchennamen wieder angenommen, und im London Victoria kannte man sie nur als Marina Petrelli. So sollte es auch bleiben.

„Es ist ein gutes Krankenhaus“, sagte sie.

Max hob die Brauen. „Ist es ein Problem, dass ich hier arbeite?“

Typisch Max, die Sache direkt anzusprechen.

„Ich denke, wir sind beide erwachsen genug, dass die Patienten bei uns an erster Stelle kommen“, antwortete sie vorsichtig.

„Gut.“

Es entstand eine lange Pause, und Marina fiel beim besten Willen nichts ein, was sie hätte sagen können. Nun ja, eigentlich stimmte das nicht ganz. Es gab sogar sehr vieles, was sie gerne gesagt hätte. Aber die Stationsküche war nicht der richtige Ort dafür.

Wenn ihr jemand vor fünf Jahren vorhergesagt hätte, dass es ihr schwerfallen würde, mit Max zu reden, hätte sie nur ungläubig gelacht. Denn von Anfang an hatten sie beide unheimlich viel miteinander geredet. Und er hatte wunderbar in Marinas laute, gesprächige Familie gepasst. Die Petrellis hatten ihn gleich ins Herz geschlossen.

Bis es dann in ihrer Ehe so fürchterlich schiefgelaufen war, dass Max und Marina aufgehört hatten, überhaupt noch miteinander zu sprechen.

Schnell gefreit, lang gereut. Wie wahr.

„Dann gehe ich jetzt mal lieber wieder zurück.“ Marina spülte ihren Becher aus, wobei sie versuchte, jeden Augenkontakt zu vermeiden.

„Ich auch.“

Oh nein, sie wollte nicht mit ihm zusammen zur Notaufnahme zurückgehen. Aber glücklicherweise musste Max erst noch seinen Kaffee austrinken.

„Bis später“, meinte sie daher in gespielt fröhlichem Ton und ging hinaus.

Wie konnte es nur so weit kommen, fragte sich Max. Er und Marina verhielten sich so befangen wie zwei Fremde, die nicht einmal zu ein bisschen Small Talk in der Küche fähig waren.

Doch im Grunde wusste er genau, wie es dazu gekommen war. Weil sie damals zu jung gewesen waren, um ihren Kummer und Schmerz zu bewältigen. Marina hatte ihn verlassen und war zu ihren Eltern zurückgezogen, um sich dort den Trost zu holen, den Max ihr nicht hatte geben können. Und er wiederum hatte darauf reagiert, indem er zu „Ärzte ohne Grenzen“ gegangen war. Denn dort war er so eingespannt gewesen, dass er keine Zeit gehabt hatte, um über seine gescheiterte Ehe nachzudenken.

Aber jetzt mussten sie miteinander arbeiten. Und er hatte es Marina angesehen, dass es für sie doch ein Problem war. Genau wie für ihn. Wenn er gewusst hätte, dass sie hier arbeitete, hätte er die Stelle nicht angenommen. Andererseits war das Angebot zu gut gewesen, als dass er es hätte ablehnen können: Oberarzt in der Notaufnahme eines renommierten Londoner Krankenhauses. In Verbindung mit seiner Auslandserfahrung würde ihm dies eine gute Ausgangsposition für seine berufliche Zukunft schaffen.

Zum Glück ließ ihm die Hektik am Nachmittag kaum Zeit, an Marina zu denken. Mehrere Opfer eines Verkehrsunfalls wurden eingeliefert, die untersucht werden mussten. Darunter auch ein Mann mit mehreren gebrochenen Rippen und einem Pneumothorax, der intensive medizinische Versorgung benötigte. Allerdings entging es Max nicht, dass Marina eine gute halbe Stunde vor ihm Feierabend machte.

Als er die Abteilung verließ, hörte er sie sagen: „So, meine Hübsche, dann wollen wir mal zu Daddy gehen.“

Daddy?

Max konnte nicht anders, er musste hinschauen, wünschte sich jedoch sofort, er hätte es nicht getan. Am anderen Ende des Korridors erblickte er Marina mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Ein Mädchen mit denselben dunklen Haaren, dunkelbraunen Augen und demselben süßen Lächeln wie sie.

Marina hatte eine Tochter.

Einen Augenblick lang bekam Max keine Luft. Ihm war zumute, als hätte ihm jemand unerwartet einen heftigen Schlag in die Magengrube versetzt. Das kleine Mädchen schien etwa zwei Jahre alt zu sein. Das bedeutete, Marina hatte nicht einmal ihre Scheidung abgewartet, ehe sie ein Baby mit einem neuen Partner bekommen hatte.

Dennoch benutzte sie bei der Arbeit ihren Mädchennamen. Vielleicht hatte sie gar nicht geheiratet. Egal, es ging Max nichts mehr an.

Trotzdem machte es ihm schwer zu schaffen. Vor allem, als ein Mann den Korridor herunterkam, Marina rasch auf den Mund küsste und ihr das Kind abnahm.

„Daddy!“ Die Kleine strahlte, als der Mann ihr auch einen Kuss gab und sie sich auf die Schultern setzte.

Marina hakte sich bei ihm ein, und fröhlich plaudernd gingen sie zusammen davon. Sie sahen aus wie eine glückliche, liebevolle Familie.

So wie die Familie, die Max und Marina miteinander geplant hatten. Mühsam schluckte er die Bitterkeit hinunter, die in ihm aufstieg. Jetzt wusste er, weshalb Marina so pünktlich Schluss gemacht hatte. Um ihre Tochter aus dem Kinderhort des Krankenhauses abzuholen und sich mit ihrem Lebenspartner zu treffen.

Wäre es damals nur ein bisschen anders gelaufen, dann wäre jetzt Max derjenige, der sich mit Marina und ihrem gemeinsamen Kind treffen würde. Er wäre derjenige, den sie anlächelten und mit einem Kuss begrüßten.

Gedämpft stieß er einen Fluch aus. Er hatte sich eingeredet, dass er darüber hinweg war. Aber bei diesem Anblick hatte er das Gefühl, als hätte ihm jemand das Herz ausgerissen.

Marina hatte ein Kind. Mit einem anderen.

Max hatte geglaubt, den tiefsten Schmerz bereits hinter zu haben. Doch nun merkte er, dass es noch nicht vorbei war. Er kam sich vor wie ein Ertrinkender. Ein anderer führte das Leben, das er sich erträumt hatte. Mit Marina, ihrem Baby und einem Beruf, der ihn ausfüllte.

Warum hatte er sich nicht mehr Mühe gegeben, um seine Ehe zu retten?

Weil ich ein Idiot war, warf er sich vor. Weil er damals zu sehr gelitten hatte, um herauszufinden, was er hätte tun sollen. Oder was sie beide als Paar hätten tun sollen.

Und jetzt war es zu spät. Viel zu spät.

Es gab nur eine Möglichkeit, die Sache zu verarbeiten. Anstatt sich zu Hause etwas zu essen zu machen, griff Max sich sein Sportzeug und ging ins Fitnessstudio. Was er brauchte, war ein so hartes Training, dass er danach zu erschöpft war, um noch an irgendwas zu denken.

Danach würde er das Ganze überschlafen und es seinem Unterbewusstsein überlassen, eine Lösung dafür zu finden, dass Marina Petrelli wieder in sein Leben getreten, aber absolut tabu für ihn war.

2. KAPITEL

Die gute Fee war leider nicht auf seiner Seite, stellte Max fest, sobald er am nächsten Morgen in den Schockraum kam und sein Team sah.

„Guten Morgen“, begrüßte Marina ihn.

Ihre Stimme klang heiter und gelassen, als ob nichts wäre. Allerdings erreichte ihr Lächeln die Augen nicht.

Okay. Max beschloss, ihrem Beispiel zu folgen. Heiter, liebenswürdig und oberflächlich freundlich, auch wenn ihm eher danach zumute gewesen wäre, auf einen Sandsack einzuschlagen. Er öffnete die zu Fäusten geballten Hände in den Hosentaschen. „Guten Morgen.“

„Wir haben gerade einen Notruf gekriegt“, sagte sie. „Verkehrsunfall, eine ältere Dame. Voraussichtliche Ankunftszeit in sechs Minuten.“

„Irgendwelche Einzelheiten?“

„Vermutlich ein Bruch sowie innere Verletzungen. Sie haben ihr einen Zugang gelegt und die Wirbelsäule stabilisiert.“

Max ging der Mannschaft des Krankenwagens entgegen, erledigte die Übergabe, und dann trat das Notfallteam in Aktion. Es war offensichtlich, dass die Leute es gewohnt waren, zusammenzuarbeiten. Und Marina gelang es tatsächlich, alles Persönliche auszublenden und sich ganz auf die Patientin zu konzentrieren. In den letzten vier Jahren war aus ihr eine ausgezeichnete Ärztin geworden. Selbstsicher, kompetent, und wann immer er ihr eine Anweisung geben wollte, war sie ihm schon zuvorgekommen.

Als sie die Patientin auf Schocksymptome durch Blutverlust hin untersuchten, fielen ihnen die durch den Sicherheitsgurt verursachten Striemen am Unterleib von Mrs Jennings auf. Die Stelle war schmerzempfindlich, kein gutes Zeichen.

„Das gefällt mir nicht“, meinte Max leise zu Marina.

„Wir müssen das Röntgenbild abwarten, aber ich vermute einen Beckenbruch“, antwortete sie ebenso leise.

Autor

Kate Hardy
Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert?
Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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