Hautnah und immer näher

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Es ist der verrückteste Tag in Harpers Leben: Die aufstrebende Bankerin lässt sich nach einer fiesen Trennung ihr erster Tattoo stechen, und dann macht ihr auch noch der gefährlich gut aussehende Tattookünstler und Biker Vik ein unanständiges Angebot. Soll sie es annehmen und mit ihm schlafen? Einfach so? Vik ist jedenfalls höllisch anziehend. Als Harper sich traut, eröffnen sich ihr faszinierend neue erotische Welten, und sie gerät in einen Strudel der Emotionen. Doch um keinen Preis darf sie Vik zu nahe kommen, zu viel für ihn empfinden - denn er liebt die Freiheit und fühlt sich nur in seinem finsteren Bikerclub zu Hause …


  • Erscheinungstag 31.05.2019
  • Bandnummer 10
  • ISBN / Artikelnummer 9783733738419
  • Seitenanzahl 160
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Vik

Noch ehe ich ihre samtweiche Haut berühre, verspüre ich bereits den dringenden Wunsch, ihr den Po zu versohlen und mein Brandzeichen auf ihr zu hinterlassen. Ich will sie besitzen. Ich will diesen herzförmigen Hintern berühren und ihre süßen, dunklen Geheimnisse erkunden. Es spielt keine Rolle, dass sie einen züchtigen weißen Baumwollslip trägt, der zwar viel verdeckt, aber einen Mann umso eher auf den Gedanken bringt, aus einem anständigen Mädchen ein unanständiges zu machen. Sie hat das Höschen ein wenig nach unten geschoben, damit ich Platz zum Arbeiten habe. Sehr aufmerksam, nicht wahr? Ich kann den Blick nicht von der Tätowierungsliege abwenden, auf der sie sich ausgestreckt hat, um darauf zu warten, dass ihr Körper von mir verschönert wird. Ich bin der Erste, der das bei ihr machen darf; alles, was mein begieriges Auge wahrnimmt, ist unberührte, jungfräuliche Haut.

Und ich habe schon befürchtet, der Abend würde langweilig werden.

Mein Tattoostudio „Ink Me“ liegt an einer verkehrsreichen und auch ein bisschen schmuddeligen Straße im Osten von Las Vegas. Hier arbeite ich immer, wenn ich mich nicht um meinen Motorradclub kümmere. Die meisten Leute, die zu mir kommen, entscheiden sich aus einer Laune heraus für ein Tattoo. Durch das große Schaufenster meines Ladens können Passanten und Spaziergänger ungehindert beobachten, wen ich gerade behandele. Vielleicht ist es meiner neuesten Kundin egal, dass die Fußgänger Stielaugen machen. Vielleicht törnt sie das sogar an. Ich würde das nie verurteilen. Schließlich liest sich meine eigene Liste von unanständigen Vergnügungen wie eine Enzyklopädie der Laster. Ich werde mich dafür weder entschuldigen noch rechtfertigen. Ich weiß, was ich mag, und ich sorge dafür, dass ich es bekomme. Ich bin ein Genussmensch und kein verdammter Heiliger.

Die Leute bewegen sich gern in Gesellschaft, wenn sie sich sündigen Ausschweifungen hingeben. Auch die Besitzerin dieses jungfräulichen Arsches hat eine Begleiterin dabei. Das knappe schwarze Cocktailkleid, die Schuhe mit den endlos hohen Absätzen und das enge rote Lederhalsband lassen darauf schließen, dass man mit ihr eine Menge Spaß haben kann. Wahrscheinlich lässt sie sich die Bikinizone waxen oder trägt sogar den Hollywood Cut und hat eins dieser Piercings in der Klitoris, mit denen meine Zunge so gerne spielt. Normalerweise wäre Blondie genau das Geschenk, das ich nur zu gern auspacken würde, um sie anschließend an dem engen Lederhalsband durchs Zimmer zu führen, aber der fantastische Hintern auf meiner Liege übertrumpft heute Abend alle anderen Attraktionen.

„Na, Mädels, was kann ich denn für euch tun?“ Ich nicke der Blondine zu. Ich hoffe bloß, dass die Frau, die sich vor mir ausgestreckt hat, nüchterner ist. Es ist nicht gut, jemandem ein Tattoo zu stechen, der mehr Alkohol als Blut in den Adern hat.

„Harper möchte ein Tattoo“, verkündet Blondie.

Was für ein Name ist das denn?! Harper! Er klingt verklemmt und viel zu sauber für das verlockende Paar Beine, das sie mir auf meiner Liege präsentiert. Obwohl: Zu der Kleidung passt der Name irgendwie. Die weiße Baumwollbluse, die sie am Rücken hochgeschoben hat, passt zu dem weißen „Rühr-mich-bloß-nicht-an“-Slip … Und ihr Rock, den sie aufgeknöpft und dessen Reißverschluss sie heruntergezogen hat, damit ich besseren Zugang habe, ist wie gemacht für vornehme geschäftliche Meetings. Wenn du so viele Frauen flachgelegt hast wie ich, dann kennt man sich ganz gut mit Mode aus. Dolce & Gabbana sind verdammt teure Klamotten. Dass sie nicht minderjährig ist, ist allerdings ein Pluspunkt. Solange sie ihre Brötchen nicht als Anwältin oder Richterin verdient, passt es schon.

Die weiße Bluse, das ebenso schneeweiße Höschen und der Business-Rock sind zweifellos Requisiten aus dem Kleiderschrank eines braven Mädchens. Aber ihre Schuhe sind der Wahnsinn. Absolut sexy. Schwarzes, durchbrochenes Wildleder, aus dem niedliche Zehen hervorlugen.

Eine Frau, die sich von Kopf bis Fuß für den Erfolg zu kleiden versteht und einen Mann um den Verstand zu bringen weiß, wenn sie ihm ihre Füße hinstreckt, muss man einfach bewundern. Sie hat verdammt lange Beine – und die Absätze machen sie weitere zehn Zentimeter größer. Ich bin ziemlich groß, aber sie reicht mir problemlos bis zur Schulter. Außerdem ist sie nicht zu dünn, Gott sei Dank. Ordentlich ausgestattet überall dort, wo eine Frau ordentlich ausgestattet sein muss.

„Fang bei ihrem Po an und arbeite dich nach oben vor“, befiehlt Blondie.

Mit Vergnügen.

So habe ich das mein ganzes Leben lang gemacht. Hatte eine ziemlich krasse Jugend mit meinem alten Herrn. Der fuhr Motorrad in einem Club in der Nachbarschaft und verschaffte mir ein Dutzend Patenonkel, die mir den Rücken freigehalten haben. Das erste Bier mit zwölf, die erste Frau mit fünfzehn, der erste Roller mit sechzehn. Das Leben auf der Straße und die willigen Muschis haben mir viel zu viel Spaß gemacht, als dass ich mir viele Gedanken über meine Zukunft gemacht hätte.

Meinem alten Herrn ging das mächtig gegen den Strich, aber das Recht, mich deswegen zusammenzuscheißen, verlor er an dem Tag, als ich achtzehn wurde und im örtlichen Rekrutierungsbüro meine Unterschrift unter die Bewerbung zur Marine setzte. Ein paar Jahre auf hoher See haben aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich war zwar nicht zum Berufssoldaten geboren, aber die Zeit mit Onkel Sams Knaben hat mich einiges gelehrt: Disziplin, Training, die Lust am Tätowieren und die Fähigkeit, einen draufzumachen, sobald wir Landgang hatten.

Mein Motto lautete: Das Leben ist eine Party. Ich habe mich durch ein Dutzend verschiedene Häfen gesoffen und gevögelt.

Und das Schönste: Die Party hat nie aufgehört.

Ich weiß nicht, woher ich meine Gene habe, aber meine Kumpels vom Hard Riders Motorclub nennen mich den „Wikinger“. Ich kämpfe nicht nur wie ein Berserker; ich sehe auch aus wie einer. Mein hübsches Gesicht ist nur die Verpackung auf einem tödlichen Paket.

Die Schönheit auf meiner Liege rutscht ungeduldig hin und her. „Können wir mal anfangen?“

Mein Blick wandert zum Kopf der Süßen. Ich sollte nicht dauernd auf ihren Arsch starren. Sie hat dunkles glänzendes Haar. Im Nacken hat sie es zu einem langen glatten Pferdeschwanz gebunden. Ich habe das Gefühl, sie hat mich durchschaut und kennt inzwischen alle meine Fantasien. Wenn wir alleine wären, würde ich die langen weichen Haare um meine Faust wickeln, während ich sie von hinten bumse.

Ich brauche schmutzigen und wilden Sex. Nett und sanft stehen nicht in meinem Wörterbuch.

„Dann erzähl mir mal erst, was du möchtest.“

„Ein Tattoo.“ Ungeduldig trommelt sie mit ihren Fingernägeln, als wäre sie die Königin von Saba. Eigentlich sollte ich ihren Befehlston abtörnend finden, aber ich mache mir nichts vor. Ich vögle alles, was mich anlächelt. Ich bin nämlich nicht gern allein. Nur Verpflichtungen oder Affären, die zu lange dauern, mag ich gar nicht gern.

„Tätowier mich genau hier.“ Sie nimmt den Arm nach hinten und deutet auf eine Stelle oberhalb ihrer niedlichen Arschbacken.

Ich greife nach dem Musterbuch auf meinem Rolltisch. „Willst du irgendwas Bestimmtes? Gibt es irgendeinen besonderen Anlass?“

Ich frage sie, damit sie weiterredet. Frauen wie sie, die wie aus dem Ei gepellt sind und sich hier im Osten der Stadt eine Prise Unterschichtenleben reinziehen, wollen gewöhnlich einen Regenbogen oder Blumen. Sie mögen harmlose, winzige Tattoos und nichts in Lebensgröße. Manchmal möchten sie den Namen ihres Lovers oder Freundes in die Haut gestochen haben. Tote und Verflossene sind ebenfalls beliebt. Entweder feiert man die Lebenden auf Teufel komm raus oder betrauert ihren Verlust. Ich habe kein Problem damit, einer Frau ihren Besitzanspruch auf den Arsch zu stechen. Ganz und gar nicht. Problematisch wird es erst, wenn sie eine Woche oder einen Monat später wieder auftaucht und von mir verlangt, „etwas Nettes“ über das Tattoo zu stechen. Sex ist nicht nett, wenn man ihn mit echter Liebe verwechselt, und echte Liebe ist so selten wie ein Einhorn.

„Dieser Idiot“, zwitschert Blondie.

Na toll. Heute Abend feiern wir also einen Tod und den Deppen, der seine Chance endgültig in den Wind geschossen hat.

Ich lasse mich auf meinen rollbaren Stuhl fallen und schiebe mich näher heran. Während Blondie riecht, als sei sie in ein Fass mit Erdbeerdaiquiri gefallen, muss ich meine Nase fast bis an die Schulter meiner Kundin bringen, ehe ich etwas von ihr erschnuppere. Die Haut meiner Schönen riecht nach Vanille und Kokosnuss – eine unwiderstehliche Aufforderung, sie zum Nachtisch zu vernaschen.

Wie zufällig berühre ich ihre Schulter mit meiner, als ich ihr die Hand gebe. „Vik. Schön, dich kennenzulernen, Harper.“

Meine Hände sind groß, rau und rissig. Auf die Knöchel habe ich kyrillische Buchstaben tätowiert, sodass kaum weiße Haut zu sehen ist. Ich bin hier geboren, aber mein alter Herr ist als Zwanzigjähriger aus Russland rübergekommen. Er hat eine Menge Mist gebaut, bevor er Mitglied im Motorradclub geworden ist. Außerdem hat er mich mit ein paar einschlägigen Typen bekanntgemacht, nachdem ich mein Gastspiel bei der Navy beendet hatte.

„Kannst du ein bisschen konkreter werden? Was genau möchtest du denn?“

„Keine Blumen und keine Herzen“, antwortet sie entschlossen. „Bloß nicht so einen Mist. Heute war ein schlimmer Tag.“

„Dann erzähl Doktor Vik doch mal alles“, schnurre ich.

„Ich bin von der Arbeit nach Hause gekommen, hab meine Schuhe ausgezogen, mir etwas zu essen aufgewärmt, bin in die Wanne gestiegen und hinterher ins Bett gefallen.“

Fast unmerklich verschleift sie ein paar Konsonanten. Sie ist also auch nicht ganz nüchtern. Die Schönheit macht nicht gerade einen wehmütigen Eindruck. Andererseits sieht sie auch nicht aus wie eine Frau, die sich normalerweise tätowieren lässt.

Ich fische nach dem schmalen Edding in meiner Gesäßtasche und ziehe die Kappe ab.

„Er hat mich rausgeschmissen.“

Er. Der Idiot. Ihr Ex.

„Scheißkerl“, kommentiere ich mitfühlend und schiebe ihr den Pferdeschwanz über die Schulter.

„Das kannst du laut sagen“, pflichtet sie mir bei. „Er hat meine Sachen von einem Umzugsdienst einpacken und in die Garage stellen lassen. Ich konnte nicht mal bestimmen, welche Teile aus unserem Leben ich behalten kann. Und er hat meine Katze behalten.“

„Ich könnte ihm einen Besuch abstatten und ihn in den Arsch treten. Sozusagen eine kleine Revanche für dich.“

Ein schiefes Lächeln huscht über ihre Lippen. „Hört sich gut an. Da könnte ich glatt in Versuchung geraten.“

„Das Angebot steht.“ Als ich mit der Hand über ihre Haut streichle, zuckt sie zusammen. „Es gehört zu meinem Job, dich zu berühren. Und dein Job ist es, mir zu sagen, was du willst.“

Im Bett, außerhalb des Betts, stehend an der Wand – ich tue, was sie mir befiehlt.

„Irgendwas zur Feier des Tages, dass ich ihn los bin – wenn auch nicht zu meinen Bedingungen“, verlangt sie.

„Wie viel hast du heute denn schon getrunken, Sweetheart?“

Sie zieht die Augenbrauen zusammen und streckt ihre Finger aus. An ihrem Handgelenk baumelt ein Armband, ein hübsches kleines Spielzeug mit einem Herzen und einem Schlüssel daran. Ein Geschenk von dem Mistkerl, oder hat sie es sich selbst gekauft? „Vier. Nein – fünf Drinks.“

„Vertraust du mir?“

„Ganz und gar nicht“, erwidert sie. Sie ist also genauso clever, wie sie aussieht. „Sag mir, an was du denkst.“

„An einen Feuervogel.“ Ich fahre mit dem Edding über ihre Haut und zeichne das Bild, das mir vorschwebt. Vielleicht gefällt ihr keine russische Märchenfigur auf ihrer Haut, aber ich sollte sie nicht unterschätzen. Sie weiß, was sie will. Kräftige schwarze, orangefarbene und rote Linien scheinen genau das Richtige zu sein für ihren Rücken.

„Du redest nicht viel, Vik.“ Sie schließt die Augen und atmet lange aus.

„Schlaf mir bloß nicht ein.“

Sie schüttelt den Kopf. „Dann langweile mich nicht.“

„Kleines Miststück“, sage ich humorvoll. „Der Feuervogel ist ein Dieb und schwer zu fangen. Er wäre fast erwischt worden, als er die Äpfel des Königs gestohlen hat, weil der König seinen Söhnen befohlen hatte, jeden zu fangen, der sein Land betritt. Ivan bekommt ihn zu fassen, aber alles, was er festhalten kann, ist eine Feder. Der Rest des Vogels entwischt ihm, und Ivan verbringt den Rest seines Lebens damit, ihn zu jagen.“

„Das ist die ganze Geschichte?“ Gähnend vergräbt sie das Gesicht im Leder.

„Ich tätowiere nur einen Teil davon, okay?“

„Okay.“

Ich spüre den vertrauten Adrenalinstoß, während ich fortfahre, den Vogel auf ihre untere Rückenpartie zu skizzieren. Er hat die Flügel ausgebreitet, um in die Freiheit zu fliegen. Der nach unten gebogene Schwanz, lockend und flirtend, ist ein spöttischer Gruß an den Mann, den er im Obstgarten des Königs zurücklässt. Das ist meine Haut, mein Stück Leinwand, das ich tätowiere, mir aneigne und ihr zurückgebe, wenn ich darauf die Geschichte erzählt habe, die wir miteinander geteilt haben. In diesem Moment gehört sie mir voll und ganz. Sie entspannt sich unter meiner Berührung. Meine rissigen Finger fahren vorsichtig über ihre Haut, bereiten sie vor.

Ich pfeife auf die Regel, Abstand vom Kunden zu halten. Ich beuge mich ganz nahe an ihr Ohr und flüstere ihr zu: „Jetzt wird’s ganz schön wehtun.“

2. KAPITEL

Harper

Vik erinnert sich nicht an mich.

Der heißeste Typ, den ich jemals angefasst habe – und Gott sei Dank habe ich ihn angefasst –, stellt sich vor, als wäre ich eine Fremde. Als hätte er mich niemals geküsst, nie seinen Schwanz in mich hineingeschoben, mich nie dazu gebracht, Millionen Sterne zu sehen, weil er sich so verdammt gut in mir anfühlte. Ein Klassentreffen, eine Kiste Bier und eine ausschweifende Party haben offenbar dafür gesorgt, dass er all das vergessen hat.

Selbst durch die Gummihandschuhe, die er trägt, spüre ich seine Stärke und die Hitze, die mich versengt. Seine leichte Berührung hat etwas seltsam Verführerisches. Vielleicht bin ich aber auch einsamer, als ich dachte, wenn ich schon die bloße Berührung seiner Finger auf meiner Haut als etwas Tröstliches empfinde. Ich bezahle ihn für diesen Kontakt, und ich bin viel betrunkener, als man in einem Tattoostudio sein sollte.

Das blonde Haar fällt ihm ins Gesicht, während er summend die Nadel über meinen Rücken führt. Die erste Berührung ist ein Stich, heftig und ungeschützt, der sich zu etwas Intensiverem, Dunklerem entwickelt. Ich presse mich tiefer auf die Liege, um diesem schmerzhaften Brennen zu entkommen, aber es gibt keinen Ausweg für mich. Warum bin ich eigentlich hier?

Weil der Mann, den du zu heiraten glaubtest, dich abserviert hat.

Weil du immer wieder dasselbe tust und eigentlich etwas anderes willst.

Weil du dein ganzes Leben auf einmal an die Wand gefahren hast.

Ich stoße einen Laut aus, der ein Zeichen von peinlicher Wehleidigkeit ist. Ich muss das hier nicht tun. Ich kann jederzeit gehen. Jetzt hat er eine neue Hautpartie mit seiner Nadel entdeckt, und ich jammere.

„Atme gleichmäßig.“ Mit einer Hand hält er mich fest wie in einem Schraubstock. Ich sollte aufstehen. Ich sollte ihm sagen, dass ich meine Meinung geändert habe. Ich hatte keine Ahnung, dass es so wehtut. Wenn er mit seiner Nadel über meine Haut kratzt, entstehen dünne, üble Linien, die er so tief in mich hineinschabt, dass ich sie überall spüre. Wie um mich zu beruhigen, reibt er sanft mit seinem Daumen über die unberührten, untätowierten Stellen meiner Haut.

Ich drehe den Kopf, um Brooklyn anzuschauen. „Du bist schuld.“

Sie lacht meckernd, und statt Mitgefühl zu zeigen, dokumentiert sie den Augenblick für die Ewigkeit auf Facebook. „Du hast gesagt, du willst nach vorn schauen. Und etwas Mutiges und Verrücktes tun, um dich immer an diesen besonderen Moment in deinem Leben zu erinnern.“

„Das habe ich nach zwei Dirty Martinis gesagt“, protestiere ich lahm.

Summend beugt Vik sich tiefer über mich. Er tut mir weh. Einerseits würde ich Brooklyn am liebsten in den Hintern treten, weil sie mich dazu überredet hat; andererseits möchte ich, dass Vik mir immer näher kommt. Dass er mich noch intensiver berührt, um das Stechen zu mildern, das er mit seinen großen Händen verursacht. Vielleicht ist es aber auch die besonnene Kraft, mit der er mich festhält, mit der er mich tröstet und mir wehtut und aus dem Schmerz etwas Wunderschönes hervorzaubert.

Glücklicherweise lenkt Brooklyn mich ab. „Gilt trotzdem.“

„Sie ist Steuerfachfrau“, murmele ich, während Brooklyn mir einen Vogel zeigt. Sie steht kurz davor, wegzudösen. Die Augen hat sie bereits halb geschlossen.

Hinter mir höre ich Viks verächtliches Schnauben. „Echt?“

„Brooklyn sieht nicht wie eine Wirtschaftsprüferin aus, aber glaub mir: Du solltest dir wirklich Sorgen machen, wenn sie jemals auf die Idee kommt, deine Bücher durchzuchecken. Sie spürt jedes Geheimnis auf, das du irgendwo zu verstecken versuchst.“

„Du hättest zu mir auf die dunkle Seite rüberkommen können“, krächzt sie. „Aber nein. Du musstest ja mit den Typen vom Investmentbanking abhängen, die all dieses schöne Geld scheffeln. Für dein Bankkonto hättest du diesen Idioten wirklich nicht gebraucht. Ich hoffe für dich, dass er wenigstens einen gigantischen Schwanz hatte.“

Die Nadel brummt, und der Schmerz wird heißer und intensiver, während Vik mit seiner Arbeit fortfährt. Ich hole tief Luft und beginne, durch die Wellen des Schmerzes zu zählen, um mich abzulenken. Es gelingt mir ziemlich gut.

Vik

„Erzähl mir mehr von diesem gigantischen Schwanz.“ Harper verspannt sich, während ich mit der Nadel über ihre Haut fahre. Trotzdem breitet sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

„Er war hübsch“, antwortet sie. „Überall.“

Brooklyn zieht eine Augenbraue hoch. „Hat er denn gewusst, was er mit seinem Joystick machen muss?“

Harper kichert. „Der Mann konnte stundenlang damit spielen. Er hat es immer bis zum Bonuslevel geschafft – und was seine Treffer angeht, ist er Spitzenreiter. Das meine ich übrigens wörtlich.“

„Das sagst du nur, weil du es noch nicht mit mir zu tun hattest“, bemerke ich.

„Du nimmst wohl kein Blatt vor den Mund, wie?“ Harpers Hände zucken auf der Liege, sie verkrampft die Finger und löst sie wieder, während ich ihren Rücken bearbeite. Sie will noch mehr sagen, doch dann stöhnt sie leise, zieht scharf die Luft ein und erstarrt zur Salzsäule. Das ist der Moment, an dem manche Leute aufgeben und von meiner Liege klettern. Man muss die Schmerzen aushalten, ihren Rhythmus erspüren und sich in jede Welle hineinfallen lassen. Dann kommt irgendwann der magische Moment, wenn man wieder auftaucht aus dieser Welle, und auf einmal befindet man sich wie durch ein verdammtes Wunder an einem ganz anderen Ort.

Ich tätowiere eine neue, tiefere Linie in ihre Haut. „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, kontere ich.

„Hast du denn viel mit heißen Eisen zu tun?“ Auf eigenartige Weise zieht sie mich unheimlich an. Ich sollte mich besser nicht über sie beugen und jede Linie küssen, die ich in ihren Rücken geritzt habe. Ihre gerade Wirbelsäule, die sich unter ihrer Haut abzeichnet, so lange lecken, bis sie unter mir zerfließt. Sie ist eine Kundin, und egal, was für verfickte Gedanken mir durch den Kopf gehen – sie haben gefälligst da drin zu bleiben.

„Eher mit heißen Öfen“, antworte ich mit rauer Stimme. „Ich fahre Motorrad. Ich bin Mitglied beim Hard Riders MC.“

„MC?“

„Motorradclub.“

„Ist das nicht illegal?“

„Kommt drauf an, wen du fragst, Sweetheart. Und auch darauf, was wir gerade vorhaben. Meistens sind wir brav wie Pfadfinder. An Weihnachten machen wir sogar eine Parade.“

„Und an den anderen Tagen?“

„Kümmern wir uns um unser Geschäft.“

Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mit dem Daumen über ihre Wirbelsäule zu fahren. Die Frau hat mehr Knoten auf dem Rücken als das Makramé-Zeugs, das mein Bruder Cord im Gefängnis zu knüpfen gelernt hat. Es sollte eine Therapie sein und für Entspannung sorgen. Was für Cord erst dann funktionierte, als er mit seinen neuen Fähigkeiten ein paar Stripperinnen gefesselt und ihnen die hohe Kunst des Bondage beigebracht hat, nachdem er wieder auf freiem Fuß war.

Harper zuckt zusammen, als ich mit meiner Nadel einen besonders empfindlichen Punkt treffe. „Wann sind wir denn endlich fertig?“

„Sweetie, wir haben ja noch nicht mal richtig angefangen.“

Ich weiß es aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn die Nadel in die Haut sticht und dass der Schmerz nie wirklich ganz nachlässt. Die Scheiße tut echt weh. Aber dieser Schmerz ist selbst gewähltes Schicksal, und er führt zu einem fantastisch schönen Ergebnis, wenn ich meine Arbeit ordentlich mache. Auf Harpers Rücken nimmt mein Feuervogel allmählich Gestalt an – zuerst die Flügel, dann der Kopf. Ich verliere mich in den Linien, der Zeichnung und den Farben, hole etwas aus ihrem Inneren hervor und bringe es nach außen, sodass es für jeden sichtbar wird.

Lange Zeit bleibt Harper ganz still. Ich beuge mich tiefer zu ihr hinunter, um sicherzugehen, dass sie nicht eingeschlafen ist.

„He! Alles in Ordnung?“ Ich fahre mit den Fingerknöcheln über ihre Wange und verfluche den Latex zwischen meiner und ihrer Haut.

Langsam öffnet sie die Lider. „Es schmerzt.“

„Du hast deinen süßen kleinen Arsch ganz freiwillig auf meine Liege befördert. Entweder hältst du den Schmerz aus, oder du lässt ihn los und verlierst dich in ihm. Versuch’s einfach.“

Ich ziehe meinen Daumen über ihre Wirbelsäule. Sie ergibt sich meiner Berührung, und der Muskel unter meiner Fingerkuppe entspannt sich. Dann windet sie sich wieder auf der Liege.

„Wenn du dich dabei besser fühlst, ist es gut“, sage ich barsch. Die purpurroten Federn scheinen fast von ihrem Rücken abzuheben; sie wirken ziemlich realistisch. „Und du hast gute Gefühle verdient, hörst du?“

„Ja“, antwortet sie so leise, dass ich sie kaum verstehen kann. „Habe ich wirklich.“

Blondies Kopf schlägt mit einem dumpfen Schlag gegen die Schaufensterscheibe. Ich weiß nicht, ob sie ohnmächtig geworden oder eingeschlafen ist, aber ihre Freundin sieht sehr besorgt drein.

„Warte mal kurz.“ Ich lege mein Werkzeug beiseite und streife die Handschuhe ab. „Schneewittchen braucht meine Hilfe.“

„Schneewittchen?“ Harper betrachtet ihre Freundin, die halb auf und halb neben dem Stuhl am Fenster sitzt.

Ich gehe hinüber zu Blondie und nehme ihre Freundin auf die Arme. „Ich werde sie umbetten. Auf der Couch liegt sie bequemer.“

Ich bringe sie ins Vorzimmer und lege sie auf das Ledersofa.

Harper begrüßt mich mit einem Lächeln, als ich ins Studio zurückkomme. Immer noch auf meiner Liege ausgestreckt, wartet sie darauf, dass ich meine Hände auf sie lege. Bei dem Anblick kriege ich sofort einen Ständer. Aber eigentlich törnt mich alles an dieser Frau an, egal, in welcher Situation.

„Du bist ein netter Kerl.“ Sie klingt überrascht. Wahrscheinlich glaubt sie selbst nicht so recht daran, dass Biker nur Mist im Kopf haben.

„Mich lieben alle.“ Ich zwinkere ihrem Spiegelbild im Schaufenster zu. „Erzähl mal, Harper: Was macht eine Investmentbankerin eigentlich so den ganzen Tag?“

„Ich mache Geld für andere Leute.“

„Und bist du gut in deinem Job?“

„Die Beste.“ Um ihre Mundwinkel spielt ein kleines selbstzufriedenes Lächeln. Ich würde auch jede Wette eingehen, dass sie die Beste ist. Eigentlich sollte ich es bleiben lassen, aber ich drücke meine Finger ein wenig fester gegen ihre Haut und ziehe sie auseinander, damit ich die kleinen Schauer spüren kann, wenn die Nadel in ihre Haut sticht. So würde sie sich auch fühlen, wenn ich tief in ihr drinstecke und sie zum Höhepunkt bringe.

„Ich auch.“ Entweder du stehst zu dem, was du tust, oder du lässt es besser bleiben, und ich bin der beste Tätowierer in ganz Vegas. Und ich weiß auch, dass das heutige Tattoo mein allerbestes wird.

„Jetzt kommt der harte Teil“, warne ich sie.

Sie versucht sich zusammenzureißen, während ich die Federn steche, aber sie kann ein Stöhnen nicht unterdrücken.

„Was jetzt kommt, schmerzt am meisten.“

„Wie lange dauert es denn?“

„Nicht lange. Wenn du tapfer bist, küss ich dir den Schmerz weg.“

Sie geht nicht darauf ein. „Wie lange?“

Ich muss noch viel Haut stechen. Das wird weder schnell gehen noch leicht sein. „Vierzig Minuten.“

„Willst du mich verarschen?“ Sie rutscht beiseite, und ich trete einen Schritt zurück.

„Denk an die Küsse“, erwidere ich. „Alles wird gut, wenn du bei der Stange bleibst.“

Ich könnte mich ohrfeigen für die Zweideutigkeit meiner Antwort. „Hast du denn magische Küsse?“ Jetzt klingt sie beschwipst. Die Worte versickern in einem unsicheren Lachen, mit dem sie ihre Tränen zurückhält.

„Das kannst du ja herausfinden.“

„Ich weiß schon, wie du küsst“, verkündet sie. „Wir kennen uns nämlich.“

Scheiße. Ich zermartere mir das Hirn beim Versuch, mich an sie zu erinnern. Was Frauen angeht, ist mein Leben eine Drehtür. Ich hätte es allerdings bestimmt nicht vergessen, wenn ich Harper gevögelt hätte. Vielleicht macht sie auch bloß Witze.

„Wirklich? Wir haben schon mal im selben Bett gelegen? Sind eine Runde Rodeo geritten?“

„Ist doch egal.“ Sie zuckt mit den Schultern, als sei ihr die Erinnerung daran ziemlich schnuppe.

„Nicht bewegen“, ermahne ich sie. „Sonst rutsche ich von der Linie ab. Und während du meinen Anordnungen folgst, erzähl mir ein bisschen mehr von dem, was wir zusammen getan haben.“

„Nö.“

Autor

Anne Marsh
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