Heiße Blicke auf meiner Haut

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Erregt spürt Gemma die lustvollen Blicke des Mannes aus dem Nachbarhaus auf ihrem nackten Körper. Sie genießt es, sich ihm zu zeigen. Mehr will sie nicht! Doch schneller als gedacht versucht der attraktive Chev ihr nah zu kommen - gefährlich nah …


  • Erscheinungstag 11.04.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733767648
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Gemma White liebte es, morgens Liebe zu machen, wenn die Laken noch warm waren vom Schlaf, wenn man entspannt war und der Tag noch voller Möglichkeiten. Aber Sex am Morgen war für wenige Glückliche reserviert – frisch Verliebte, die sich nicht mitten in der Nacht davonstahlen, glückliche Paare, die es noch genossen, miteinander aufzuwachen, und Verheiratete, die aus Erfahrung die Zeit nutzten, in der ihre Körper bereit waren für die Leidenschaft.

Gemma drehte sich lächelnd auf die Seite und streckte die Hand zärtlich nach Jasons Hälfte des Bettes aus. Doch als ihre Finger ins Leere griffen, wurde sie abrupt in die Wirklichkeit zurückgestoßen.

Jason war fort.

Sofort machte das Verlangen der Trauer Platz. Der Schmerz über die erlittene Demütigung und der Schock hatten auch nach Wochen noch nicht nachgelassen, sondern sich im Gegenteil in ihrem Herzen hartnäckig festgesetzt.

Würde sich ein Morgen jemals wieder richtig anfühlen?

Das Klingeln des Telefons zerriss die Stille, und Gemma verfluchte den Anrufer, der sie in ihrem Kummer störte. Nach dem vierten schrillen Klingeln hörte es auf … um gleich darauf wieder anzufangen. Resigniert schwang sie die Beine aus dem Bett und griff nach dem Hörer.

„Hallo?“, meldete sie sich mit verschlafener Stimme.

„Bist du schon auf?“, fragte ihre beste Freundin Sue.

„Ja.“

„So richtig aus dem Bett aufgestanden?“

Gemma stand automatisch auf. „Jawohl.“

„Und was steht heute auf dem Programm?“

„Hm …“ Sie machte das Licht an und betrachtete das Durcheinander in ihrem Zimmer. Überall lag schmutzige Wäsche herum, und der Fußboden war voller zusammengeknüllter Papiertaschentücher. „Aufräumen, glaube ich.“

„Gut. Es soll ja schließlich alles hübsch aussehen – nur für den Fall, dass du Besuch bekommst.“

„Kommst du nach Tampa?“, fragte Gemma erschrocken. Für ihren Geschmack war es dafür noch viel zu früh. Ihre Freundin würde von Tallahassee heruntergerauscht kommen und ihr einen aufmunternden Vortrag nach dem anderen halten. Aber Gemma war noch viel zu verletzt, um bei Kaffee und Shopping ihre gescheiterte Ehe zu erörtern. Sie brauchte Zeit, um sich neu zu orientieren.

„Ich kann momentan nicht von der Arbeit weg“, erklärte Sue. „Ich meinte eher für den Fall, dass Jason auftaucht.“

Gemma umklammerte den Hörer fester. „Hast du ihn gesehen? Kommt er her?“

„Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Aber wenn er vorbeikommt, müsst ihr, du und dein Haus, euch von eurer besten Seite zeigen. Wissen denn deine Eltern inzwischen Bescheid?“

„Die Scheidung ist ja noch gar nicht rechtskräftig.“

„Gemma, du schindest Zeit.“

„Es wird ihnen das Herz brechen – Jason ist für sie wie ein Sohn.“

„In Anbetracht seiner Position wird es bald in allen Zeitungen stehen. Ist es dir lieber, wenn sie es auf diese Weise erfahren?“

„Nein.“ Aber ebensowenig wollte sie, dass ihre Mutter ihr mit ihrer Fürsorge auf die Nerven fiel. „Ich werde es ihnen sagen. Bald.“

„Hast du einen Job gefunden?“

Ein weiteres Dilemma. Nicht zu arbeiten war nicht ungewöhnlich für die Frau eines Generalstaatsanwalts, aber für eine Geschiedene ohne Unterhaltsanspruch sah die Sache anders aus. „Noch nicht“, gestand sie.

Ein Geräusch veranlasste sie, zum großen Fenster zu schauen, das auf den Garten hinausging. Sie schob die hauchdünne weiße Gardine zur Seite und blickte auf den ungemähten Rasen des Nachbarhauses hinunter. Ein großer Mann mit glänzendem dunklen Haar schlug mit einem Holzhammer ein verblasstes Zu-Verkaufen-Schild aus dem Boden heraus, das in den ganzen zwei Jahren dort gestanden hatte, die Gemma und Jason hier wohnten.

„Hast du dich wenigstens um einen Job bemüht?“, wollte Sue wissen.

„Das werde ich … heute.“

„Na schön.“ Sue klang nicht überzeugt. „Gemma, du musst dich zusammenreißen.“

„Ich weiß, und das werde ich auch. Ich brauche nur Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen.“ Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. Aus dem Werkzeuggürtel schloss sie, dass es sich bei dem Fremden um einen Handwerker handelte, zweifellos von den neuen Besitzern engagiert, um das Haus zu renovieren. Gemma freute sich für das im spanischen Stil erbaute Haus, dessen exotische Fassade sie stets bewundert hatte. Doch als der Mann zu ihrem Fenster im ersten Stock hinaufsah, ließ sie die Gardine los und wich verlegen zurück.

Wahrscheinlich hatte er geglaubt, ihr Haus sei leer. Wie viele Zeitungen stapelten sich inzwischen auf der vorderen Veranda? Waren die leuchtenden Paradiesvogelblumen schon von Unkraut überwuchert? Sich um die exotischen Pflanzen zu kümmern, die in der schwülen Luft Floridas üppig gediehen, hatte immer zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört. Doch seit dem letzten Gerichtstermin in der vergangenen Woche hatte sie keinen Grund mehr gehabt, vor die Tür zu treten.

„Ich bin sicher, dass jede der gemeinnützigen Organisationen, für die du Spenden gesammelt hast, dich einstellen würde.“

„Wahrscheinlich. Aber ich will aus der Beziehung mit Jason keine Vorteile ziehen.“

„Es ist völlig in Ordnung, seinen Namen zu benutzen, um einen Job zu bekommen. Sobald du Arbeit hast, wirst du dich schon bewähren.“

Gemma sah ein, dass der Rat ihrer Freundin vernünftig war, doch sperrte sich alles in ihr bei der Vorstellung, Jasons Verbindungen zu nutzen. „Ich will Jason nicht dankbar sein müssen oder mit Leuten zu tun haben, die von mir erwarten, dass ich ihn um einen Gefallen bitte.“

„Ich habe einige Geschäftskontakte in Tampa und könnte ein bisschen herumtelefonieren“, bot Sue an.

Klar, Sues Geschäftsfreunde waren bestimmt ganz scharf darauf, eine Zweiunddreißigjährige mit einem Abschluss in Kunstgeschichte und ohne jede Berufserfahrung einzustellen. Gemma würde sich und ihrer Freundin diese Demütigung ersparen. „Danke, ich werde schon selbst etwas finden.“

„Tja, dann bis später“, sagte Sue misstrauisch.

Gemma legte seufzend auf. Sie hatte kein Recht, sauer auf ihre Freundin zu sein, da Sue ihr nur helfen wollte in einer Situation, die sie beide aufwühlte. Denn auch Sue fühlte sich von Jason betrogen, da sie Gemma und Jason damals auf dem College in Jacksonville miteinander bekannt gemacht hatte. Und immer stolz damit geprahlt hatte, als ihre beiden Freunde sich ineinander verliebten, nach dem Studium heirateten und zu einem politisch einflussreichen Paar wurden.

Ich habe sie miteinander bekannt gemacht, verkündete sie den Zuschauern, als bei der feudalen Hochzeit die Blitzlichter zuckten, und im Lauf der Jahre bei jeder politischen Ernennung und Wahl – bis zu Jasons Vereidigung als Generalstaatsanwalt. Als Gemma sie anrief, um ihr von der Scheidung zu berichten, wollte Sue ihr zuerst nicht glauben. Sie konnte ebenso wenig wie Gemma nachvollziehen, dass Jason nach zehn Jahren ohne jede Vorwarnung und ohne jedes Bedauern die Ehe für beendet erklärt hatte, als handele es sich dabei nur um eine der vielen nüchternen Entscheidungen, die er tagtäglich treffen musste.

Wenn es fünfzig Wege gab, seinen Partner zu verlassen, hatte er einen besonders grausamen gewählt. Er bat Gemma, seinen Koffer für eine Last-Minute-Reise zu packen und ins Büro zu bringen. Nachdem sie seine Lieblingskrawatten und –schuhe eingepackt hatte, verkündete er: „Es funktioniert nicht mehr zwischen uns. Ich will die Scheidung.“

Sie wusste noch genau, wie sie in diesem Augenblick gelacht hatte. Jason hatte schon immer einen schrulligen Sinn für Humor gehabt. Doch er hatte sie nur mit einem Ausdruck in den blauen Augen angesehen, den sie im Nachhinein als Mitleid identifiziert hatte. „Ich ziehe allein nach Tallahassee, Gemma. Es ist vorbei.“

Es ist vorbei. Als würde er von einer TV-Sendung oder einem Song sprechen.

Ein Hämmern nebenan riss Gemma aus ihren Gedanken. Sie wischte sich den Schweiß vom Nacken und merkte erst jetzt, wie drückend es im Zimmer war. Ein Blick aufs Display ihrer Klimaanlage offenbarte, dass sie einen Reparaturdienst brauchte.

Sie ging von Zimmer zu Zimmer im ersten Stock, um sämtliche Fenster zu öffnen und die Hitze zu vertreiben, die sich im Haus angestaut hatte. Jasons ehemaliges Arbeitszimmer wirkte beinah entweiht – ohne Möbel und mit Spinnweben an ungewohnten Stellen. Aus den Wänden lugten nackte Kabel, die einst die Energie für sein viel beschäftigtes Dasein gespendet hatten.

Genauso fühlte sie sich: abgetrennt und überflüssig.

Als sie in ihrem Schlafzimmer das Fenster seitlich aufschieben wollte, sah sie erneut zum Nachbarhaus hinüber und erschrak, da plötzlich die Fensterläden des Sprossenfensters drüben aufgestoßen wurden und der dunkelhaarige Fremde auftauchte. Vage wurde ihr bewusst, dass sie nur ein dünnes Trägertop trug und keinen BH. Trotzdem vermochte sie nicht, sich von der Stelle zu rühren, als sein Blick sie traf. Er legte den Kopf schräg und nickte höflich.

Gemma brachte ein unsicheres Lächeln zustande, aber da war er schon verschwunden.

Benommen schaute sie zum Himmel. Der warme, sonnige Frühlingstag stand in krassem Gegensatz zu ihrer düsteren Stimmung.

Eigentlich hätte sie jetzt in Tallahassee wohnen sollen, in einem neuen Haus nahe Jasons Büro, mit Leutem wie dem Gouverneur auf Augenhöhe verkehren und ihrem Mann eine Gefährtin sein sollen, wie sie es gelernt hatte. Eine Frau, die gut aussah, sich artikulieren konnte … und die ansonsten ignoriert wurde.

Barfuß lief sie nach unten, um sich etwas Kaltes zu trinken zu holen. In der dunklen Küche brummte der Kühlschrank, der gegen die Wärme ankämpfte. Der durchdringende Geruch überreifen Obstes hing in der Luft. Gemma nahm sich eine Birne aus dem Drahtkorb und suchte im Kühlschrank, in dem noch Jasons Red-Bull-Dosen standen, nach Eistee.

Während sie trank und auf die Wirkung des Koffeins wartete, ging sie in Gedanken die Dinge durch, um die sie sich noch kümmern musste. In einem Punkt hatte Sue recht – Gemma brauchte einen Job. Zwar befand sie sich im Gegensatz zu vielen geschiedenen Frauen in der glücklichen Position, dass Jason anstelle von Unterhalt das Haus und ihren Wagen bezahlt und ihr ein kleines Sparkonto überlassen hatte. Aber das Geld wollte sie nicht anrühren, und das Haus und das Auto produzierten laufende Kosten.

Außerdem würde ein Job helfen, wieder zu sich selbst zu finden. In den Stellenanzeigen konnte ihre ganze Zukunft liegen.

Sie zog Shorts und ein T-Shirt an und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zurück. Dann trat sie barfuß auf die Veranda, deren hellgraue Holzplanken sandig waren, sammelte die Zeitungen ein und warf sie ins Haus. Der vernachlässigte Garten würde noch warten müssen.

Wie schnell doch alles außer Kontrolle geraten konnte.

Sie ging zum Briefkasten und musterte dabei das Nachbarhaus. Das zweistöckige Gebäude mit der blassgelben Stuckfassade, rotem Ziegeldach und den schmiedeeisernen Verzierungen war einer der letzten Altbauten in dieser Gegend, der noch auf seine Rettung wartete. Sie meinte gehört zu haben, dass es Nachlassstreitigkeiten gegeben hatte. Richtig renoviert würde es wunderbar aussehen, viel interessanter als das solide Standardhaus, in dem sie und Jason gewohnt hatten.

Der dunkelhaarige Handwerker war nirgends zu entdecken, doch seine Anwesenheit hatte Spuren hinterlassen. Das Zu-Verkaufen-Schild war verschwunden, und zwei Leitern lehnten an der Vorderseite. An der Haustür standen ein Hochdruckreiniger und weitere Geräte. Endlich bekam das Haus die Aufmerksamkeit, die es verdiente.

Der Briefkasten mit der Aufschrift „Jason und Gemma White, 131 Petal Lagoon“ – ein weiteres Überbleibsel ihrer Ehe, das zu korrigieren war – war vollgestopft mit Hightech-Katalogen und Zeitschriften, die Jason gern las. Aus irgendeinem Grund funktionierte der Nachsendeauftrag nicht bei allen Postsendungen. Sie nahm den Stapel Post, den sie auf dem Rückweg zum Haus durchsah. Bei einem großen braunen Umschlag, dessen Absender die Bezirksverwaltung war, stutzte sie. Sie ging ins Haus, warf die Tür hinter sich zu und die restliche Post auf den Küchentisch, bevor sie mit einem mulmigen Gefühl den Umschlag aufriss.

Es handelte sich um das rechtskräftige Scheidungsurteil. Gemma schluckte und überflog die vier Absätze, die ihre Ehe offiziell für beendet erklärten.

„… ist hiermit richterlich verfügt, dass die Ehe, die beide Parteien eingegangen sind, mit sofortiger Wirkung geschieden ist …“

Als hätte es diese zehn Jahre Ehe nie gegeben.

Tränen stiegen ihr in die Augen, die Worte auf dem Papier verschwammen. Was nun? Laut TV-Therapeuten und Talkshows war das Ende einer Beziehung ein Neuanfang – die Chance einer Frau, ihr wahres Ich zu entdecken.

Aber was, wenn ihr wahres Ich seine Bestimmung darin gefunden hatte, Jason Whites Ehefrau zu sein?

Diese Möglichkeit wollte sie lieber nicht in Betracht ziehen. Das Leben einer Frau war mehr als das Leben an der Seite ihres Mannes. Und trotzdem konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wer sie vor ihrer Ehe gewesen war. Bevor sie sich an Jason gehängt hatte, schien ihr Leben kein Ziel gehabt zu haben.

Er war ihr erster und einziger Liebhaber gewesen. Er war alles, was sie kannte.

Das Läuten der Türklingel erschreckte sie. Wer konnte das sein? Dann fielen ihr Sues Ratschläge ein, und bei der Vorstellung, es könnte Jason sein, schlug ihr Herz schneller. Hatte ihre Freundin nur versucht, sie vorzuwarnen? Vielleicht hatte er inzwischen auch die Scheidungsunterlagen erhalten und es sich noch einmal überlegt …

Sie wischte sich die Wangen trocken, lief durch den Flur und öffnete strahlend die Tür.

Beim Anblick des Mannes draußen erstarb ihr Lächeln.

Die Schultern des dunkelhaarigen Handwerkers waren fast so breit wie der Türrahmen. Seine markanten Gesichtszüge und die langen, muskulösen Arme waren mit einer feinen grauen Staubschicht bedeckt. Eins seiner Ohrläppchen schmückte ein kleiner goldener Ring, und unter dem rechten T-Shirt-Ärmel lugte ein schwarzes Tattoo hervor. Gemma schätzte ihn auf Ende dreißig. Aus der Nähe wirkte er noch muskulöser und größer. Sie tadelte sich dafür, nicht zuerst durch den Spion gesehen zu haben, bevor sie die Tür aufmachte, und wich einen halben Schritt zurück. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie schutzlos sie ganz allein hier war.

Sie musste dringend wieder wie eine alleinstehende Frau denken.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie, um einen selbstbewussten Ton bemüht.

„Verzeihen Sie die Störung, Miss Jacobs“, sagte er mit einer warmen, tiefen Stimme.

„Woher wissen Sie meinen Namen?“ Noch dazu ihren Mädchennamen … ihren alten und neuen Namen, wie die Scheidungspapiere bestätigten.

„Das war in Ihrer Post“, erwiderte er und hielt ihr einen weißen Umschlag hin. „Der flog in meinem Garten herum.“

Sie nahm den Umschlag. „Oh, den muss ich verloren haben. Danke.“

„Keine Ursache.“

Er nickte und machte Anstalten zu gehen, doch nachdem sie so kurz angebunden gewesen war, fühlte sie sich gezwungen, noch etwas zu sagen. „Ihr Garten?“

„Ja, ich werde ungefähr einen Monat lang in dem Haus wohnen, bis es für den Weiterverkauf fertig ist.“

Er wollte also einen schnellen Profit erzielen und dann weiterziehen. „Es ist ein sehr schönes Haus“, sagte sie.

„Ich hatte schon länger ein Auge darauf geworfen, aber es dauerte, bis das Geschäft zustande kam.“

Apropos Augen, seine waren besonders hübsch und hatten die Farbe von unvermischtem Umbra. Gemma hatte seit Jahren nicht mehr an Farben und ans Malen gedacht. „Ich habe die Architektur des Hauses stets bewundert und freue mich, dass jemand es renoviert.“

„Chev Martinez.“ Er hielt ihr seine gebräunte Hand hin.

Nach kurzem Zögern legte sie ihre Hand in seine. „Gemma Jacobs.“ Ihr alter und neuer Name kam ihr erstaunlich leicht über die Lippen. Dafür war die Berührung umso beunruhigender. Die Hand dieses Mannes war groß und schwielig, sein Griff jedoch sanft. Es war die Hand eines Mannes, der daran gewöhnt war, mit seiner Berührung eine Reaktion auszulösen. Ein sinnliches Kribbeln lief ihren Arm hinauf, während sie erschrocken feststellte, dass er sie mit unverhohlenem männlichen Interesse betrachtete. Sie zog unwillkürlich die Hand zurück, als ihr einfiel, dass sie weder Make-up noch einen Ehering trug. Sie vermochte nicht zu sagen, wodurch sie sich nackter fühlte.

„Wohnen Sie allein hier?“

Sie wusste genau, worauf seine Frage abzielte … er wollte wissen, ob sie Single war, noch zu haben. Die Scheidungspapiere besagten, dass sie tatsächlich Single war. Aber war sie auch zu haben?

Um sie herum waren Frühlingsgeräusche zu hören – das Summen der Honigbienen, die von ihren vernachlässigten Ingwerpflanzen angezogen wurden, die Schreie der Vögel in den Palmen. „Ja, ich wohne allein hier.“

„Falls Sie der Baulärm stört, sagen Sie mir bitte Bescheid.“

„Das werde ich.“

„Tja, dann mache ich mich mal wieder an die Arbeit“, sagte er und wandte sich schon ab.

„Sie …Sie sind also in der Immobilienbranche tätig?“

Sein Lächeln überraschte sie, und seine Zähne wirkten wegen seiner gebräunten Haut besonders weiß. „Nein, ich bin Zimmermann, aber manchmal renoviere ich Häuser. Und Sie?“

Ich bin die perfekte Ehefrau, dachte sie. Laut sagte sie: „Arbeitslose Kunsthistorikerin. Deshalb habe ich mich auch in Ihr Haus verliebt.“

„Vielleicht darf ich es Ihnen mal zeigen?“ Er ging rückwärts die Verandastufen hinunter, wobei er Gemma weiter ansah – und zwar Zentimeter für Zentimeter, von Kopf bis Fuß.

„Ja, vielleicht“, erwiderte sie. Jetzt, wo er außer Reichweite war, erlangte sie ihre Fassung wieder. Dieser Mann hatte etwas gefährlich Anziehendes. Innerhalb weniger Minuten hatte er seine Fähigkeit demonstriert, ihr die Wahrheit zu entlocken.

Er hob noch die Hand, ehe er mit langen Schritten davonging. Im Schutz ihrer Veranda schaute Gemma ihm hinterher, fasziniert von seinen athletischen Bewegungen, den breiten Schultern und der schmalen Taille, die in einer staubigen Jeans steckte, an der eine Gesäßtasche fehlte. Er blieb bei einem silbernen Pick-up in der Auffahrt stehen und wuchtete eine Tischsäge von der Ladefläche, was Gemma die Gelegenheit gab, das Spiel seiner Muskeln unter dem verschwitzten T-Shirt zu bewundern. Er trug das sperrige Werkzeug zur Tür des Hauses, als wäre es ein Luftballon, und verschwand.

Gemma fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und wurde sich eines eigenartigen Gefühls bewusst – Erregung?

Sie gab einen verächtlichen Laut von sich. Das konnte ja wohl kaum sein.

Zurück im Haus schob sie für alle Fälle den Riegel vor. Ihre Reaktion war bloße Neugier gewesen und Freude darüber, dass sich offenbar endlich jemand um das Nachbarhaus kümmerte. Auch wenn dieser Mann eine faszinierende Bereicherung der Nachbarschaft war.

Nicht, dass sie viele ihrer Nachbarn kannte. In den zwei Jahren hier hatten sich ihre und Jasons sozialen Kontakte auf seine Anwaltskreise beschränkt. Gemma hatte ein paar Bekanntschaften bei der Gartenarbeit gemacht, die jedoch über Smalltalk und vage Verabredungen zu Grillpartys nicht hinausgegangen waren. Sie hatte immer gewusst, dass sie ohnehin wieder wegziehen würden, sobald Jason sein Ziel erreicht haben würde, Generalstaatsanwalt von Florida zu werden.

Nun sah es so aus, als würde sie auf unabsehbare Zeit allein in der Petal Lagoon 131 wohnen.

Seufzend musterte sie den Umschlag, den ihr Nachbar gebracht hatte. Der Absender war ein Postfach in Jacksonville. Vermutlich war es ein Rundschreiben ihres Colleges. Aber die jährliche Spende würde warten müssen, bis sie einen Job gefunden und ihre Rechnungen bezahlt hatte. Mit diesem Ziel im Hinterkopf schnappte sie sich die zusammengerollten Zeitungen.

Zwar fühlte sie sich mit der Jobsuche einstweilen überfordert, doch gleichzeitig war die Aussicht auf einen eigenen Beruf verlockend. Wie lange war es her, dass sie an eigene Ambitionen auch nur gedacht hatte?

Das war vor ihrer Zeit mit Jason gewesen, auf dem College.

Gemma suchte nach den Stellenanzeigen. „Kunst, Kunst, Kunst“, murmelte sie, während sie mit dem Zeigefinger die Spalten entlangfuhr. Eine Kuratorenstelle wäre nicht schlecht oder etwas im Bereich Restaurierung. Vielleicht konnte sie Unterricht geben. Ihr Finger stoppte bei einer Anzeige, in der eine Chefsekretärin für den Direktor eines örtlichen Museums gesucht wurde. Sie lächelte. Das wäre vielleicht nicht allzu schwer. Die Jobbeschreibung klang interessant. Aber dann las sie die Anforderungen, und ihre Euphorie verflog. Ein erfolgreich abgeschlossenes wissenschaftliches Studium, zwei bis vier Jahre Berufserfahrung und Computerkenntnisse, mit denen sie nicht aufwarten konnte.

Aber ein Anruf konnte ja nicht schaden. Man informierte sie, dass die Stelle bereits vergeben sei.

Nach weiteren Anzeigen der Rubrik „Kunst“ stellte sie fest, dass sie jämmerlich unterqualifiziert war. Gemma kämpfte gegen die aufsteigende Angst an, die ihr in letzter Zeit viel zu vertraut geworden war – die Angst davor, dass es nach der Ausfahrt, für die sie sich im Leben entschieden hatte, keine Auffahrt mehr zurück auf die Autobahn gab.

Mit einem Wort: sie kam sich dumm vor. Außerdem war sie wütend auf sich selbst. Sie war zweiunddreißig Jahre alt und verfügte nicht einmal über die nötigen Kenntnisse, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.

In der Hoffnung, dass eine Kanne Kaffee ihre Stimmung aufhellen würde, befüllte sie die Kaffeemaschine und lauschte dem leisen Gurgeln, während sie aus dem Fenster und zum Haus nebenan sah. Mit seinen aufgerissenen Fensterläden, Türen und Fenstern wirkte es verletzlich. Es schien sich schweren Herzens mit der Tatsache abgefunden zu haben, dass es erst seines Stolzes beraubt werden musste, um anschließend in neuem Glanz zu erstrahlen.

Und den Staubwolken nach zu urteilen, die aus einem der Fenster im ersten Stock kamen, schien Chev Martinez genau der richtige Mann für diese Arbeit zu sein. Sie versuchte einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch das Röcheln der Kaffeemaschine, das anzeigte, dass das Wasser durchgelaufen war, riss sie aus ihren Bemühungen.

Und das war auch gut so.

2. KAPITEL

Chev Martinez hielt inne und stützte sich auf den Besen, damit sich der Staub im Zimmer und das Durcheinander in seinem Kopf legen konnten. Seit Monaten hatte er sich auf diesen Tag gefreut, seit er zum ersten Mal dieses leer stehende, im spanischen Stil erbaute Haus gesehen hatte: eine sträflich vernachlässigte exotische Blume in einer ansonsten farblosen, wenn auch teuren Gegend. Seitdem war er unzählige Male daran vorbeigefahren, nur um sich zu vergewissern, dass das Haus noch stand und auf ihn wartete.

Mehrmals hatte er bei seinen Stippvisiten die blonde junge Frau von nebenan in ihren Blumenbeeten arbeiten sehen. Er hatte den Namen ihres Mannes auf dem Briefkasten gelesen, kannte seine Position und hatte versucht, die Frau wieder zu vergessen. Doch sie hatte etwas an sich, das ihn ansprach – die Anmut ihres geschmeidigen Körpers, die großen Hüte und bunten Handschuhe, die sie bei der Gartenarbeit trug, die Tatsache, dass sie jedes Mal vor sich hinzusummen schien.

Sie schien glücklich zu sein, und Chev hatte den Mann beneidet, der jeden Tag von diesem Lächeln empfangen wurde. Er stellte sich vor, dass sie einen frechen Sinn für Humor besaß und eine großartige Liebhaberin war. Die Art von Frau, die sich auf das richtige Auftreten an der Seite ihres Mannes im Privaten wie in der Politik verstand, sich in der Ungestörtheit ihres Schlafzimmers jedoch bereitwillig gehen ließ.

Als Chev heute vorgefahren war, hatte er gespürt, dass etwas anders war. Ihr Garten war vernachlässigt, die Zeitungen stapelten sich auf der Veranda. Ihr Haus lag dunkel und still da. Sein erster Gedanke war, dass sie und ihr Mann einen längeren Urlaub machten, aber dann sah er in einem der oberen Zimmer Licht angehen und sie allein herumlaufen. Zu wissen, dass sie da war, machte ihn den ganzen Vormittag unruhig, und als er den Brief in seinem Garten fand, hatte er einen willkommenen Vorwand zu klingeln. Trotzdem hatte er sich dabei wie ein nervöser Teenager gefühlt.

Mit gutem Grund.

Sie aus der Nähe zu betrachten beschleunigte seinen Puls. Ihre rotgeränderten Augen und die feuchten Wangen bestätigten seinen Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmte, und die helle Stelle an ihrem Ringfinger lieferte einen Hinweis darauf, was es sein könnte. Ihre Antwort schließlich, sie wohne allein hier, brachte die Gewissheit, dass das Glück dieser Frau durch das plötzliche Ende ihrer Ehe zerbrochen war.

Diese Erkenntnis machte ihn traurig, beunruhigte ihn aber auch. Er war schon vielen Frauen begegnet, zu denen er sich körperlich hingezogen fühlte, aber diese Frau hatte etwas entwaffnend Anziehendes an sich. In ihren Augen las er, wie verletzlich und traurig sie war. Obwohl er sich zu ihr hingezogen fühlte, wollte er sich auf keinen Fall mit einer Frau einlassen, die gleich neben seiner Baustelle wohnte und sich noch dazu nach ihrem Ex verzehrte. Außerdem war seine Reaktion ohnehin nur darauf zurückzuführen, dass er sich schon oft ausgemalt hatte, was er mit dieser Frau gern tun wollte. Wahrscheinlich war sie in Wirklichkeit ganz anders als in seinen Träumen.

Gemma.

Natürlich musste ihr Name einzigartig, etwas ganz Besonderes sein. Natürlich wusste sie um den Wert seines Hauses. Natürlich waren ihre Beine lang und ihre Brüste voll. Natürlich hatte sie direkt neben ihrem sinnlich geschwungenen Mund einen Schönheitsfleck, der ihn völlig aus dem Konzept brachte.

Er zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den verschwitzten Staub vom Nacken. Er musste seine Libido unter Kontrolle halten und an seine Arbeit denken. Schließlich machte Gemma Jacobs nicht den Eindruck, als wolle sie etwas mit ihm anfangen. Die Politik ihres Mannes war Amerikanern puertoricanischer Abstammung nicht besonders wohlgesinnt, und wahrscheinlich teilte sie seine Ansichten. Aber eigentlich war diese Vermutung nur ein fadenscheiniger Versuch, auf Abstand zu gehen, wie er sich gleich eingestand. Er hatte ohnehin genug um die Ohren momentan und konnte sich keine Ablenkung leisten.

Dies war das dritte Haus innerhalb eines Jahres, das er renovierte, um es anschließend mit Profit zu verkaufen. Für jemanden, der kein eigenes Haus besaß – und auch nicht vorhatte, häuslich zu werden –, schien er genau zu wissen, was Hausbesitzer sich wünschten. Ihm blieb ein Monat Zeit für diese Renovierung, bevor er für einen lukrativen Auftrag nach Miami musste. Bis dahin wollte er das Zu-Verkaufen-Schild wieder aufzustellen und die Stadt mit einem dicken Scheck verlassen. Der Termin für die Versteigerung stand bereits fest. Falls er die Frist nicht einhalten konnte, war er aufgeschmissen, weshalb er sich keinen Flirt leisten konnte, so verlockend es auch sein mochte.

Nachdem sie sich einen Milchkaffee eingeschenkt hatte, widmete Gemma sich wieder den Stellenanzeigen, diesmal bewaffnet mit einem Rotstift. Mehrere frustrierende Anrufe später hatte sie zwei Dinge erfahren: Jobs in der unmittelbaren Umgebung von Tampa waren nie länger als achtundvierzig Stunden frei, und der Großteil der Stellen wurde von Arbeitsagenturen besetzt. Als sie auf eine Anzeige für eine dieser Stellenvermittlungen stieß, rief sie daher kurzerhand dort an.

Autor

Stephanie Bond

Das erste Buch der US-amerikanischen Autorin Stephanie Bond erschien im Jahr 1995, seitdem wurden über 60 Romane von ihr veröffentlicht. Ebenfalls schrieb sie Bücher unter dem Pseudonym Stephanie Bancroft. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, beispielsweise erhielt sie 2001 den RITA-Award. Im Jahr 1998 bekam Stephanie Bond den “Career Achievement...

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