Heiße Nächte – kalter Verrat?

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Nolan Dane scheint genau der Richtige zu sein, um Raina nach einer furchtbaren Trennung den Glauben an die Männer zurückzugeben: Sein tiefes Lachen erregt sie, die zärtlichen Berührungen seiner Hände jagen ein wohliges Kribbeln über ihre Haut. Und bei jedem seiner verheißungsvollen Blicke flattern Hunderte von Schmetterlingen in ihrem Bauch. Endlich beginnt die Antiquitätenhändlerin wieder Vertrauen zu fassen. Bis sie merkt, dass Nolan sie von Anfang an eiskalt belogen und sie nur für seine Zwecke ausgenutzt hat …
  • Erscheinungstag 25.05.2020
  • Bandnummer 2
  • ISBN / Artikelnummer 9783733716820
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Nolan ließ den Wagen langsam ausrollen und sah sich auf dem Parkplatz vom Courtyard um. Die Fahrt von Royal hierher hatte er sehr genossen. Was für ein Unterschied zu dem mörderischen Verkehr auf südkalifornischen Autobahnen, der zu Hause jeden Tag zu seinem Alltag gehörte.

Zu Hause. Er seufzte leise. Eigentlich war Royal sein Zuhause, diese kleine texanische Stadt, in der er aufgewachsen war, und nicht das sparsam, aber edel möblierte Apartment in Los Angeles. Das Apartment war ein Ort, an dem er eigentlich nur schlief und hin und wieder sein Dinner einnahm.

Seit fast sieben Jahren war er nicht mehr in Royal gewesen. Und nun hatte er lieber eine Suite im Hotel genommen, als in seinem Elternhaus zu übernachten. Die Erinnerungen an sein altes Leben und all die zerstörten Hoffnungen waren einfach noch zu schmerzhaft.

Schluss mit den quälenden Gedanken! Er schüttelte kurz den Kopf und öffnete die Fahrertür des großen SUV, den er sich für den Aufenthalt in Royal gemietet hatte. Er stieg aus, nahm sein Jackett vom Rücksitz und zog die blendend weißen Manschetten zurecht.

Während er auf die rote Scheune am Eingang des Kunst- und Kulturzentrums Courtyard zuging, warf er sich schnell sein Jackett über. Nach den Jahren in Südkalifornien hatte er vergessen, wie kalt die Winter in Texas waren. Der eisige Wind drang durch die feine Wolle seines Armani-Anzugs. Verärgert verzog er das Gesicht. Auch die dünnen Sohlen seiner Lederschuhe waren für den ungepflasterten Parkplatz nicht geeignet. Andererseits, seit wann war er so empfindlich? Früher hatte er doch ganz andere Sachen aushalten können. Zum Beispiel, wenn das Baby den ganzen Brei wieder von sich gab …

Er zuckte zusammen, so sehr schmerzte die Erinnerung immer noch.

Haltung, Nolan. Er straffte die Schultern und knöpfte sich das Jackett zu. Schließlich hatte er gewusst, dass die Rückkehr nach Royal nicht einfach werden und alte Wunden wieder aufreißen würde. Davon durfte er sich nicht beeinflussen lassen, sondern musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren.

Als Anwalt arbeitete Nolan für Rafiq Bin Saleed und war nach Royal gekommen, um für Samson Oil, eine von Rafiqs Firmen, Land aufzukaufen. Er liebte die schwierigen Verkaufsverhandlungen, die er im Namen seines Chefs und Freundes Rafiq führte. Dass sein neuester Auftrag ihn allerdings gerade hierher führte, wo er schwere Zeiten erlebt hatte, war weniger angenehm. Immerhin konnte er auf diese Weise Zeit mit seinen Eltern verbringen. Schließlich wurden sie auch nicht jünger. Sein Dad hatte hin und wieder erwähnt, dass er sich aus seiner großen Anwaltskanzlei zurückziehen wolle. Das konnte sich Nolan gar nicht vorstellen. Sein Dad nicht mehr in der Kanzlei, die er selbst aufgebaut hatte?

Wieder schüttelte Nolan den Kopf, allerdings mehr über seine Unfähigkeit, belastende Gedanken beiseitezuschieben. Er sah sich um. Der Name Courtyard passte wirklich gut zu dieser Ansammlung von renovierten Ranchgebäuden, die den großen Hof umstanden. Hier hatten Galerien aufgemacht, Künstler Ateliers bezogen und viele Kunsthandwerker ihre Werkstätten eingerichtet. Wobei nicht nur mit Metall und Holz gearbeitet wurde, sondern auch spezielle Landbrote gebacken und Käse aus eigener Käserei angeboten wurden. Und jeden Samstag gab es einen großen Markt, der über die Stadtgrenzen hinaus bekannt war.

Gute Idee, dachte Nolan. So war das alte heruntergekommene Farmgelände doch wenigstens zu etwas nütze. Aber was, um Himmels willen, wollte Rafiq damit? Nolan wusste wie jeder, der hier aufgewachsen war, dass in der Umgebung von Royal kein Öl zu finden war. Und auch Rafiq war das bekannt. Warum war Samson Oil dann an diesem Land interessiert?

Nolan, der hierher geschickt worden war, um die Grundstücke aufzukaufen, hatte keine Ahnung, was das Ganze sollte.

Sicher, für die ehemaligen Besitzer war das Geld oft ein warmer Regen, wenn ihnen die Mittel fehlten, ihre Häuser wieder aufzubauen. So konnten sie mit diesem Startkapital woanders ihr Glück versuchen, nachdem der Tornado ihre bisherige Lebensgrundlage zerstört hatte. Aber was wollte Rafiq mit all dem nutzlosen Land?

Wahrscheinlich hatte er seine Gründe, aber bisher hatte er sie Nolan nicht verraten. Im Gegenteil, er hatte sehr deutlich gemacht, dass es nicht Nolans Sache war, sich um Sinn oder Unsinn der ganzen Angelegenheit zu kümmern. Er sollte bestimmte Grundstücke erwerben, das allein war seine Aufgabe.

Nun gut, dann würde er genau das tun.

Leider aber schien Winslow Properties nicht bereit zu sein, das alte Farmgelände zu verkaufen, auf dem der Courtyard stand. Und das, obwohl die Firma in finanziellen Schwierigkeiten war. Nolan seufzte. Er hatte gehofft, die einzelnen Mieter überreden zu können, auf ihren Vermieter Winslow Properties einzuwirken, bisher aber ohne Erfolg. Alle zeigten ihm die kalte Schulter.

Eine Chance hatte er noch. Er hatte gehört, dass Raina Patterson, die einen Antikladen führte, mit Mellie Winslow bekannt, wenn nicht sogar befreundet war. Vielleicht kam er über Raina an Mellie heran?

Miss Pattersons Laden befand sich in der großen roten Scheune. Als er sah, dass das Dach der Scheune in den texanischen Farben bemalt war, schlug sein Herz höher. So sehr er sich auch schon an den kalifornischen Lebensstil gewöhnt hatte, Texas war und blieb seine Heimat.

Zuerst hatte er sich gewundert, dass die Winslows das Angebot abgelehnt hatten, obgleich sie anfangs interessiert zu sein schienen. Aber wenn er sich umsah, konnte er das verstehen. Was sich hier an Kreativität, Fleiß und Unternehmermut zusammengefunden hatte, war bewundernswert. Und es tat einer Stadt gut, die immer noch unter den Nachwirkungen des Tornados litt. Nicht jeder war wie er in der Lage gewesen, nach einem Schicksalsschlag in einen anderen Staat zu ziehen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Und nun war er wieder zurück, leider auch mit all den quälenden Erinnerungen an Frau und Sohn, die er so früh verloren hatte. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Rafiq jemand anderen nach Royal geschickt hätte. Aber der Chef hatte darauf bestanden, dass Nolan diesen Auftrag übernahm.

Raina legte letzte Hand an die Weihnachtsdekoration aus Tannenzweigen und roten Schleifen und sah sich dann stolz in ihrem kleinen Laden um. Seit einem Monat war sie jetzt hier in der roten Scheune und konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass sie es wirklich geschafft hatte. Sie hatte sich hier eine neue Existenz aufgebaut, nachdem der Tornado im letzten Jahr ihren Laden in der Stadt zerstört hatte. Es war sehr anstrengend gewesen, aber es hatte sich gelohnt.

Beinahe zärtlich strich sie über einen glänzend polierten kleinen Nähtisch, den sie letzte Woche aus einem Nachlass gekauft hatte. Nun kam es nur darauf an, den Laden auch zu halten. Dass Mellie Winslow gestern bei ihrem Besuch leicht besorgt gewirkt hatte, beunruhigte Raina. Zwar hatte Mellie versprochen, alles dafür zu tun, dass Winslow Properties den Courtyard nicht verkaufte, aber ihr Vater, mit dem zusammen Mellie die Firma führte, schien durchaus an einem Verkauf interessiert zu sein.

Raina strich sich seufzend das Haar zurück. Sie musste wissen, woran sie war. Ein zweites Mal alles zu verlieren, konnte sie sich nicht leisten. Schließlich musste sie auch für ihren kleinen Sohn sorgen. Sie konnte sich sowieso nicht erklären, warum jemand unbedingt dieses Land kaufen wollte, schon gar nicht eine Ölgesellschaft. Jeder wusste doch, dass hier kein Öl zu finden war.

„Mommy! Guck mal!“

Raina drehte sich lächelnd zu ihrem Sohn um. Justin, oder JJ, wie er üblicherweise genannt wurde, hielt ihr stolz eine große Eiswaffel entgegen, die ihr Vater ihm gerade gekauft hatte. Der Kleine, der erst drei Jahre alt, dafür aber schon sehr vernünftig war, hatte eine hartnäckige Erkältung und war deshalb nicht im Kindergarten. Eigentlich hatte er sich auf dem kleinen Sofa in ihrem hinteren Büro ausruhen sollen. Aber als er hörte, dass sein geliebter Großvater kommen und seiner Mommy im Laden helfen wollte, war er nicht zu halten gewesen.

Inzwischen war sein Großvater schon wieder weg, aber er hatte dem Jungen den Abschied mit einem großen Eis versüßt und außerdem versprochen, dass JJ übers Wochenende bei ihm übernachten durfte.

„Das ist ja super.“ Raina beugte sich zu dem Kleinen. „Darf ich mal probieren?“

JJ schüttelte den Kopf. „Nein. Granddad hat gesagt, das ist meins.“

„Was? Noch nicht mal kurz lecken?“

Er zögerte kurz, dann hielt er ihr die tropfende Eistüte hin. „Aber nur einmal.“

Sie tat es und rieb sich den Bauch. „Oh … ist das gut! Darf ich noch mal?“

„Nein!“, quietschte JJ lachend und rannte davon, bevor sie ihn festhalten konnte.

„Nicht so schnell“, rief sie und lief ihm hinterher. „Vor allem nicht im Laden!“

Doch es war zu spät. Ein dumpfer Aufprall war zu hören, und als Raina um die Ecke bog, sah sie, dass JJ direkt in einen Mann gerannt war, der gerade den Laden betreten hatte.

Ach, du Schreck! Der Mann trug einen Anzug, der sehr teuer, aber jetzt nicht mehr makellos aussah, denn eine dicke Portion Eis klebte direkt auf seinem Hosenreißverschluss. Wie wahnsinnig peinlich.

JJ zuckte zurück. Der Fremde sah verdutzt hoch und Raina direkt in die Augen.

Irgendetwas geschah mit ihr. Ihr war, als durchliefe sie ein heißes Zittern. Ein Gefühl, das sie völlig aus dem Gleichgewicht brachte, daher fuhr sie JJ schärfer an, als sie beabsichtigt hatte: „Entschuldige dich sofort bei dem Herrn, Justin!“

Dabei war sie ja auch schuld, denn sie hätte nicht hinter dem Jungen herlaufen sollen. Aber der Blickaustausch mit dem Fremden hatte sie verunsichert, weil er Gefühle in ihr hervorrief, die sie eigentlich nicht haben wollte.

Verzweifelt sah JJ sie an. In seinen blauen Augen standen Tränen, die Unterlippe zitterte. Er ließ die zerbrochene Eistüte fallen, lief zu ihr und verbarg sein tränenfeuchtes Gesicht in ihrem Rock.

„Hey, nicht weinen“, sagte der Mann. „Ist doch nicht so schlimm.“

Raina hob überrascht den Kopf. Irrte sie sich, oder sprach der Mann wirklich mit texanischem Akzent? Er schien sich vollkommen gefangen zu haben und zog lässig ein blütenweißes Taschentuch aus der Hosentasche. War das nicht sogar ein eingesticktes Monogramm da in der Ecke? Sie hätte nicht gedacht, dass so etwas heutzutage noch üblich war.

„Entschuldigen Sie vielmals“, sagte sie und löste sich endlich aus ihrer Erstarrung. Sie streckte die Hand nach dem Taschentuch aus. „Bitte, lassen Sie mich …“

Er lächelte kurz. „Vielleicht ist es besser, wenn ich selbst …“

Oh Gott, natürlich musste er das machen. Sie konnte ja nicht gerade dort …

Schnell schob sie JJ zur Seite und hob die klebrige Eistüte auf. „Holst du mir bitte das kleine Handtuch aus der Küche?“ Sie schob ihren Sohn in die Richtung. „Aber nicht rennen!“

Zu spät. JJ war bereits losgesaust.

„Kinder! So sind sie nun mal“, sagte der Fremde lächelnd.

Raina schaute zu ihm hoch, und wieder überkam sie dieses eigenartige Gefühl. Die Haut kribbelte ihr, und ihr Atem stockte. Glücklicherweise musste sie nicht antworten, denn JJ war im Nu wieder da. Schnell bückte sie sich, damit der Fremde nicht sah, dass sie rot geworden war, und wischte die klebrige Masse auf.

Inzwischen hatte der Mann seine Hose grob gereinigt. „Sehen Sie, alles wieder in Ordnung“, meinte er, immer noch lächelnd, und steckte das Taschentuch wieder ein.

Obwohl ihr bei dem Gedanken ganz elend war, was die Reinigung eines so teuren Anzugs wohl kosten würde, meinte sie tapfer: „Nein, der Fleck ist noch da. Bitte, lassen Sie mich den Anzug zur Reinigung geben.“

„Kommt gar nicht infrage. Ist das Ihr Junge? JJ, oder?“ Der Mann ging in die Hocke, sodass er auf Augenhöhe mit JJ war, der zögernd den Kopf hob. „Ist wirklich nicht schlimm, Junge. Nur schade um dein Eis. Das tut mir wirklich leid. Ist alles wieder gut?“

JJ nickte.

„Aber du hast dein Eis nicht mehr. Vielleicht erlaubt deine Mommy, dass ich dir noch eins kaufe. Wäre das okay?“

„Also …“ Raina wollte protestieren, aber der Mann warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen ließ.

Wieder nickte JJ, und der Fremde streckte die Hand aus. „Okay, abgemacht. Hand drauf.“

Stolz sah Raina zu, wie ihr Sohn ihm ernsthaft seine Kinderhand entgegenstreckte, die in der großen Hand des Fremden verschwand. Dann fiel ihr auf, wie gepflegt diese Männerhand war, lange schlanke Finger mit sauber geschnittenen Nägeln. Also ein Büromensch und bestimmt nicht von hier. Wieder fühlte sie diese leichte Erregung, die sie seit Jeb nicht mehr empfunden hatte und auch nie mehr empfinden wollte. Männer waren für sie tabu. Nach dem, was ihr mit Jeb passiert war, misstraute sie ihren Gefühlen.

Jetzt richtete sich der Mann zu seiner vollen Größe auf. Er überragte Raina deutlich.

Mit einer leichten Verbeugung hielt er ihr die Hand hin. „Ich bin Nolan Dane.“

Ohne nachzudenken, gab sie ihm die Hand und bereute es sofort. Denn bei der Berührung überlief es sie heiß, und sie zog schnell die Hand wieder zurück.

„Ich … äh … ich bin Raina. Ich meine, Raina Patterson.“ Himmel, sie benahm sich ja wie der letzte Mensch! Verärgert wischte sie sich die Hand am Rock ab. „Ich freue mich, Sie in meinem Laden begrüßen zu können. Suchen Sie etwas Bestimmtes? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Nolans erste Reaktion auf Raina kam wie ein Schock. Ihm war buchstäblich die Luft weggeblieben. Jetzt wusste er auch, warum. Sie sah seiner verstorbenen Frau Carole unglaublich ähnlich. Ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar, das Kinn, die Augenbrauen … Erst als er genauer hinsah, bemerkte er Unterschiede.

Raina Patterson war so gut wie ungeschminkt, während Carole immer großen Wert auf ihre makellose Schönheit gelegt hatte und sich auch ihrem Mann fast nie ohne Make-up gezeigt hatte. Selbst zum Frühstück war sie schon perfekt geschminkt erschienen. Sie war Rechtsanwältin gewesen, hatte aber immer gemeint, für Nolan sei ja alles viel einfacher. Während er es sich in der Familienkanzlei bequem mache, müsse sie sich ihren Platz erkämpfen. Und perfekt auszusehen, würde ihr dabei helfen.

Doch da war noch etwas, das ihn an seine Frau erinnerte. Es war Rainas freundliches, entgegenkommendes Lächeln, das sie wie Carole aufsetzte, um sich gegen die Welt zu wappnen. Damit wollte sie Schwächen verbergen, Empfindlichkeiten, die sie ganz sicher verspürte. Denn sonst hätte sie sich nicht so unbeholfen vorgestellt. Was er nun wiederum ganz entzückend fand und was sofort den Beschützer in ihm wachgerufen hatte.

Oh nein, lieber nicht.

So sehr er auch von ihr beeindruckt war, er musste die Finger von ihr lassen. Frauen wie Raina Patterson durften ihn nicht interessieren. Selbst wenn sie nicht verheiratet wäre, was sie sicher war, so hatte sie doch ein Kind.

Nolan hatte sich fest vorgenommen, sein Leben nicht noch komplizierter zu machen. Einmal die große Liebe zu verlieren, war schlimm genug. Die seelischen Narben würde er sein ganzes Leben lang spüren. Kurze Sexabenteuer, etwas anderes gab es nicht mehr für ihn. Aber diese Frau sah nicht so aus, als sei sie der Typ für eine kleine Affäre.

„Das ist sehr nett“, ging er schließlich auf ihren Vorschlag ein. „Ich wollte mich eigentlich nur ein bisschen umsehen. Den Courtyard gibt es wohl noch nicht lange?“

„Nein, das stimmt. Vor ein paar Jahren wurde der Ranchbetrieb hier eingestellt. Wegen der langen Dürreperioden konnte der ursprüngliche Besitzer die Ranch nicht mehr halten und verkaufte sie an die Winslows. Und die kamen auf die Idee, hier so etwas wie ein Zentrum für Kunst und Kunsthandwerk aufzubauen. Das war für viele von uns sehr hilfreich, da wir durch den Tornado alles verloren hatten.“

„Aha.“ Nolan nickte. „Und Sie haben einen Laden für Antiquitäten?“

„Ja. Abends gebe ich außerdem noch Kurse. Heute Abend können Sie zum Beispiel lernen, wie man Kerzen herstellt. Wollen Sie nicht kommen? Jetzt vor Weihnachten kann doch jeder Kerzen gebrauchen. Sie sind auch ein prima Geschenk.“ Sie lachte und sah ihn auffordernd an.

Wie wohltuend war dieses Lachen, das von Herzen kam. So etwas hatte er schon lange nicht mehr gehört, zumindest nicht in den Kreisen, in denen er normalerweise verkehrte. Da war eher Ironie oder sogar Zynismus zu hören.

„Danke, gern ein andermal.“ Er zwinkerte ihr zu und freute sich, dass sie errötete.

„Wie schade. Ich bin sicher, alle Damen wären begeistert, Sie zu sehen.“

Diesmal wurde er rot. Du liebe Zeit, das war ja einfach lächerlich. Seit seiner Teenagerzeit war ihm das nicht mehr passiert. Nichts wie raus hier, bevor er sich komplett zum Narren machte und die hübsche Miss Patterson um ein Wiedersehen bat.

Betont aufmerksam blickte er auf seine Uhr. „Himmel, ich muss schleunigst los! Aber erst will ich JJ noch sein Eis ersetzen.“

„Lassen Sie nur, das hat er sicher schon vergessen. Außerdem hat sein Lieblingseisladen sowieso schon zu.“

„Und Sie wollten sicher auch längst schließen“, sagte Nolan betreten. „Entschuldigen Sie. Bin schon weg.“

„Nein, ich habe es nicht eilig. Sehen Sie sich gern noch ein wenig um. Manchmal findet man ganz überraschend etwas, das einem gefällt. Es dauert noch bis zum Ladenschluss.“

„Danke.“ Was war das? Er freute sich, bleiben zu können, obwohl er doch gerade noch der Gefahr entgehen wollte? „Aber werfen Sie mich raus, wenn Sie zumachen wollen.“

„Keine Sorge, das mache ich.“ Wieder warf sie ihm dieses Lächeln zu, das er bis in die Zehenspitzen spürte.

Während er vorgab, sich im Laden umzuschauen, dachte er über seine Möglichkeiten nach. Er war hier, um einen Auftrag auszuführen. Dazu gehörte, dass er Informationen über die Situation einholte. Miss Patterson hatte ein gewisses Interesse an ihm, das hatte er sofort bemerkt. Vielleicht konnte er das ausnutzen und über sie an Winslow Properties herankommen. Auf keinen Fall durfte er sich dabei von seinen Gefühlen beeinflussen lassen. Denn dann bestand die Gefahr, dass er den Kauf nicht durchziehen konnte.

Aber das würde nicht geschehen. Er würde den Job erledigen.

Nolan hörte, wie Raina im hinteren Teil des Ladens herumräumte. Er drehte sich um. Offenbar bereitete sie ihren Kurs vor und legte Wachsblöcke, Dochtmaterial und verschiedene Gussformen zurecht. JJ half ihr, und hin und wieder blieben die beiden stehen, und sie putzte ihm die Nase.

Unwillkürlich musste Nolan lächeln. Sie bewegte sich mit einer Grazie, die ihn faszinierte. Und wie liebevoll sie mit ihrem Sohn umging, wenn sie unauffällig etwas zurechtrückte, das er schief hingelegt hatte. Nur mit Mühe konnte Nolan den Blick abwenden. Aber er war schließlich hier, um Genaueres über den Courtyard zu erfahren, und nicht, um sich in eine der Mieterinnen zu verknallen.

Doch gerade, als er den Laden verlassen wollte, hörte er, wie Raina zu JJ sagte: „Na, wenn das nicht toll ist! Wir sind fertig, JJ. Ohne deine Hilfe hätte ich das nie so schnell geschafft.“

Nolan ließ den Türknauf los und drehte sich um. Ganz sicher wäre sie allein viel schneller fertig geworden. Es rührte ihn, wie sehr sie auf den Jungen einging und ihm das Gefühl vermittelte, etwas Besonderes zu sein. Gleichzeitig wurde ihm das Herz schwer, als ihm wieder bewusst wurde, was er verloren hatte.

„Wirklich, Mommy?“ Der Kleine strahlte.

„Wirklich. Du bist der Beste, mein großer JJ.“ Sie griff nach ihm und kitzelte ihn. JJ quietschte vor Vergnügen und entwand sich schließlich ihren Armen.

„Weißt du was, JJ? Als Belohnung gehen wir beide heute Abend im Diner zum Essen aus, bevor dein Babysitter kommt. Wie findest du das?“

„Prima, Mommy!“

Da hatte Nolan eine Idee. Immerhin schuldete er dem Jungen ja noch ein Eis. Also würde er wie zufällig im Diner auftauchen und sicher die Gelegenheit haben, die Mutter in ein Gespräch zu ziehen. Da Raina einen Babysitter erwähnt hatte, gab es wohl keinen Mr. Patterson? Aber wie auch immer, er wollte ja nicht mit ihr anbändeln, sondern versuchen, mehr über den Courtyard und Winslow Properties herauszubekommen.

Das zumindest redete er sich ein.

2. KAPITEL

Gerade als Raina JJ in seinen Kindersitz setzte, klingelte das Handy in ihrer Handtasche. Wer auch immer es war, er musste sich gedulden. Sie schnallte den Kleinen fest, vergewisserte sich, dass die Gurte gut saßen, und schob sich hinter das Lenkrad.

Kaum hatte sie den Motor angelassen, krähte JJ von hinten: „Anschnallen, Mommy!“

„Jawohl, Sir.“ Sie lächelte ihn im Rückspiegel an.

Wie immer gluckste er vor Lachen bei dieser Antwort, und ihr wurde ganz warm ums Herz. So nutzlos, unzuverlässig und gemein Jeb Pickering auch gewesen war, der Kleine war einfach ein Geschenk. Natürlich hätte sie sich gewünscht, dass ihr Sohn mit Vater und Mutter aufwachsen könnte. Aber wenn sie daran dachte, wie sehr Jeb Alkohol und Glücksspiele liebte, war sie froh, allein für JJ sorgen zu können. Und es war sicher besser, dass der Junge gar nichts von Jebs Existenz wusste. Auch wenn sie darum als alleinerziehende Mutter auf Babysitter angewiesen war, wenn ihr Vater nicht einspringen konnte.

Apropos, hatte nicht vorhin das Telefon geklingelt? Wenn das nun der Babysitter gewesen war? „Ich muss nur schnell noch nachsehen, wer vorhin angerufen hat“, sagte sie zu JJ gewandt. „Dann fahren wir gleich zum Diner.“ Sie stellte den Motor ab.

„Kann ich Pommes und Würstchen haben?“

„Klar.“ Raina holte das Telefon aus der Tasche. Jemand mit einer unbekannten Nummer hatte eine Nachricht hinterlassen. Das war ungewöhnlich, und sofort beschlich Raina ein unbehagliches Gefühl. Zögernd drückte sie auf die Taste.

„Hallo, Rai, hier ist Jeb. Ich habe gehört, dass du wieder einen Laden hast. Das ist super, denn ich bin gerade etwas klamm und brauche dringend Bares.“

Er kicherte, und in Raina krampfte sich alles zusammen. Ganz sicher war er wieder betrunken.

„Wie auch immer, ein paar Jungs bin ich was schuldig. Das erzähle ich dir, wenn wir uns sehen. Sehr bald, Babe. Ach so, und wie geht es unserem Kind? Okay, bis später.“

Raina löschte die Nachricht sofort. Wurde sie den Mann denn nie los? Hatte es nicht genügt, dass er ihr Konto abgeräumt hatte und abgehauen war, als sie wegen der Geburt im Krankenhaus lag? Und dass sie ihm letztes Jahr fünftausend Dollar gegeben hatte, nachdem er hoch und heilig versprochen hatte, sie nie wieder zu belästigen?

„Mommy, ich habe Hunger“, beschwerte sich JJ vom Rücksitz und trommelte ungeduldig mit den Füßen gegen die Lehne.

Raina griff nach hinten und hielt seine Füße fest. „Hey, du weißt doch, dass das verboten ist, oder?“

Er presste trotzig die Lippen zusammen.

Sie seufzte leise. Okay, dann eine andere Strategie. „Möchtest du Ketchup zu deinen Pommes haben?“

„Ja! Ketchup!“ Er strahlte.

„Dann wollen wir mal.“

Bis zum Diner war es nicht weit, aber um diese Tageszeit herrschte viel Verkehr. Mit Mühe und Not fand Raina einen Parkplatz einen Straßenblock entfernt. JJ war schon ganz aufgeregt und hüpfte neben ihr her. Vorsorglich hielt sie seine kleine Hand fest. Es schien ihm wieder gut zu gehen, und so konnte sie ihn hoffentlich morgen in den Kindergarten bringen.

Im Diner suchten sie sich einen Tisch weiter hinten. Die Kellnerin brachte ihnen zwei Gläser Wasser und legte die Speisekarte vor sie hin.

„Bin gleich wieder da, Honey“, zwitscherte sie.

Nach Jebs Anruf war Raina der Appetit vergangen. Aber sie musste etwas essen, denn in wenigen Stunden fing ihr Kurs an. Vorher würde sie JJ nach Hause bringen. Sobald der Babysitter da war, musste sie zurück zum Courtyard. Glücklicherweise hatte sie schon alles vorbereitet. Sie hoffte sehr, dass der Kurs den Teilnehmern gefiel, denn das Extrageld konnte sie gut gebrauchen. Und wenn sie das Programm erweitern könnte, wäre sie nicht nur auf den Verkauf im Laden angewiesen.

Sie schlug die Speisekarte auf. Ein Salat, sie würde sich einen Salat bestellen. Als sie aus dem Augenwinkel sah, wie JJ begeistert jemandem zuwinkte, hob sie den Kopf.

Das automatische Lächeln gefror auf ihrem Gesicht. Nolan Dane. Was wollte der hier? Ein Mann wie er war doch in dem vornehmen Restaurant des Texas Cattleman’s Club besser aufgehoben als hier in dem einfachen Diner.

Allerdings trug er nicht mehr seinen edlen Anzug. Die Jeans war offenbar neu und passte genau. Das schwarze T-Shirt unter der weichen Lederjacke spannte sich über seinem breiten Brustkorb. Rainas Wangen glühten.

„Mommy! Guck mal, wer da ist!“ Wieder wedelte JJ begeistert mit der Hand.

„Oh, hallo!“ Nolan trat näher.

„Ich kriege Pommes und Würstchen!“, sprudelte JJ los. „Willst du mit uns essen?“

„Nein, nein, JJ“, wehrte Raina sofort ab. „Ich bin sicher, Mr. Dane ist verabredet.“

„Nein, bin ich nicht.“ Nolan strich JJ lächelnd über den Kopf. „Und bitte sagen Sie Nolan zu mir. Aber ich will Sie nicht stören. Ich kann mich auch an einen anderen Tisch setzen.“

„Das ist nicht nötig.“ Was für eine dumme Situation. Sie konnte ihn doch nicht wegschicken. Das wäre nun wirklich zu unhöflich. „Sie stören nicht. Wir haben auch noch nicht bestellt. Setzen Sie sich gern zu uns.“

„Wenn Sie nichts dagegen haben.“ Er setzte sich neben JJs Kinderstuhl und schob die langen Beine unter den Tisch.

„Essen Sie hier häufiger?“, fragte er.

„Nein, das ist eine Belohnung für JJ. Von dem Malheur mit dem Eis abgesehen war er heute ganz prima. Er hat mir viel geholfen, nicht, JJ?“

JJ nickte strahlend und griff nach seinem Wasserglas. Da es für seine kleinen Hände zu groß war, half Nolan ihm, es hochzuheben und auch wieder abzusetzen.

Autor

Yvonne Lindsay

Die in Neuseeland geborene Schriftstellerin hat sich schon immer für das geschriebene Wort begeistert. Schon als Dreizehnjährige war sie eine echte Leseratte und blätterte zum ersten Mal fasziniert die Seiten eines Liebesromans um, den ihr eine ältere Nachbarin ausgeliehen hatte. Romantische Geschichten inspirierten Yvonne so sehr, dass sie bereits mit...

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